Buchrezension: Lena Andersson – Unvollkommene Verbindlichkeiten

Lena Andersson - Unvollkommene VerbindlichkeitenInhalt:

Menschen fürchteten die Liebe, hatte sie bei den großen Dichtern gelesen, da sie den Samen zum höchsten Glück in sich trage, aber auch zum größten Schmerz.

Die erfolgreiche Schriftstellerin und Essayistin Ester Nilsson kennt die Qualen der Liebe, denn sie hatte bislang nur wenig Glück mit den Männern. Vor fünf Jahren hatte sie sich Hals über Kopf in den narzisstischen Künstler Hugo Rask verliebt, der ihre völlige Hingabe schamlos ausnutzte, sie aber stets im Ungewissen ließ und schließlich erbarmungslos von sich stieß, als sie ihm zunehmend lästig wurde. Ester wäre an dieser Liebe fast zerbrochen und hat sich fest vorgenommen, nie wieder in eine solche emotionale Abhängigkeit zu geraten.
Doch als sie nun bei der Leseprobe ihres Theaterstücks den Schauspieler Olof Sten kennenlernt, wirft sie alle guten Vorsätze über Bord, verliebt sich erneut und ist diesem Mann schnell hoffnungslos verfallen. Allerdings ist Olof verheiratet und macht ihr unmissverständlich klar, dass er seine Ehefrau niemals verlassen würde. Er spricht also Klartext, aber seine Worte und seine Taten widersprechen sich, denn er trifft sich trotzdem regelmäßig mit Ester und geht auch eine Beziehung mit ihr ein, behauptet allerdings, es sei keine. Verzweifelt klammert sich Ester an jeden Strohhalm, der sie hoffen lässt, dass Olof sich eines Tages doch zu ihr bekennt, denn sie ist sicher, dass sie füreinander geschaffen sind und er nur noch etwas Zeit braucht, um sich endgültig von seiner Frau zu trennen. Olof zerstört ihre Illusionen immer wieder, demütigt und verletzt sie, lässt sie aber auch nicht gehen. Sobald Ester im Begriff ist, sich von ihm zu lösen, ergreift er die Initiative und gibt ihrer Hoffnung wieder neue Nahrung. Und so befindet sie sich erneut in einer endlosen Spirale aus Hoffnung und Verzweiflung, aus der es kein Entkommen zu geben scheint.

Meine persönliche Meinung:

Im vergangenen Jahr habe ich Widerrechtliche Inbesitznahme von Lena Andersson gelesen und war vollkommen überwältigt (hier geht es zu meiner Rezension → klick). Auch nach der Lektüre hat mich dieser kluge philosophische Roman über das Unglück der Liebe noch lange beschäftigt und auch sehr nachdenklich und traurig gestimmt, denn es ist mitunter schmerzhaft, wenn eine Autorin einem den Spiegel vorhält und man sich in einer Romanfigur wie Ester Nilsson wiederzuerkennen glaubt, die gegen alle Regeln des gesunden Menschenverstandes verstößt und die man, wäre sie eine gute Freundin, am liebsten schütteln und zur Vernunft bringen würde. Gleichzeitig hat es aber auch etwas Tröstliches, sich in einem Roman wiederzufinden und kann durchaus dabei helfen, sich selbst ein bisschen besser zu verstehen, zumindest dann, wenn man schon einmal in einer ähnlichen Situation war wie Ester Nilsson. Ich konnte es jedenfalls kaum erwarten, zu erfahren, wie es Ester inzwischen ergangen ist und freute mich darauf, ihr in Lena Anderssons neustem Werk Unvollkommene Verbindlichkeiten nun wieder zu begegnen. Obwohl häufig auf Widerrechtliche Inbesitznahme Bezug genommen wird, muss man den Vorgänger im Vorfeld nicht gelesen haben, um der Handlung folgen zu können, aber man sollte diesen wunderbaren, klugen und poetischen Roman gelesen haben, weil er einfach brillant ist und auch, weil man die Protagonistin dann vielleicht ein bisschen besser verstehen kann.
In Widerrechtliche Inbesitznahme hatte sich Ester Nilsson in den narzisstischen Künstler Hugo Rask verliebt, war diesem Mann hoffnungslos verfallen, gab sich zwar stets selbstbewusst und souverän, hatte ihre Autonomie allerdings längst eingebüßt und lebte nur noch für ihn und die Momente, die sie mit ihm verbringen konnte. Hugo genoss ihre Bewunderung, war allerdings nicht in der Lage so viel Intimität und Nähe zuzulassen oder überhaupt über Gefühle zu reden. Trotzdem nutzte er ihre Liebe schamlos aus, versprach ihr zwar nie etwas, verstand es allerdings geschickt, Esters Hoffnung immer wieder neue Nahrung zu geben, indem er ihr gerade so viel Aufmerksamkeit schenkte, wie notwendig war, um ihre bedingungslose Liebe am Leben zu erhalten. Er ließ sie stets im Ungewissen und stieß sie, als sie zunehmend fordernder wurde, erbarmungslos und ohne ein Wort der Erklärung von sich. Obwohl sie an dieser Liebe fast zerbrochen wäre und sich geschworen hatte, nie wieder in eine solche emotionale Abhängigkeit zu geraten, verliebt sie sich nun, fünf Jahre später, erneut – diesmal in Olof Sten, einen verheirateten Mann, der ihr unverblümt klarmacht, dass er sich niemals von seiner Frau trennen wird. Nach ihrer schmerzhaften Erfahrung mit Hugo Rask hätte ich ihr natürlich gewünscht, dass sie nun endlich ihr Glück findet und einem Mann begegnet, der ihre Liebe erwidert. Allerdings ahnte ich schon, dass sie wieder auf einen Mann treffen würde, der sich nicht festlegen will, und sie sich erneut Hoffnungen hingibt, die sich niemals erfüllen werden.
Aber was bringt eine gebildete Frau Ende dreißig dazu, sich schon wieder so zu verrennen? Es ist mitunter kaum zu ertragen, mitanzusehen, wie sie sich von Olof demütigen und verletzen lässt, sich immer wieder erniedrigt und trotzdem nicht loslassen kann. Wieder verliert sie sich selbst vollkommen aus den Augen und richtet ihr ganzes Leben so ein, dass sie Olof immer, wenn es seine begrenzte Zeit zulässt, zur Verfügung stehen kann.

Es war etwas daran, wie er sprach und sie ansah, das sie dazu brachte, alles für ihn tun zu wollen, in dem Glauben, für ihn etwas Besonderes zu sein.

Esters Absolutheitsanspruch an die Liebe ist ungebrochen und verleitet sie eben auch dazu, wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Und wieder ist es diese trügerische und alles verzehrende Hoffnung, die sie erneut in eine emotionale Abhängigkeit zu einem Mann geraten lässt, der sich nicht eindeutig verhält, sie zwar nicht will, aber eben auch nicht gehen lässt.
Man könnte sich also fragen, ob sie aus ihrer Erfahrung mit Hugo Rask nichts gelernt hat. Vermutlich kann man Ester nur verstehen, wenn man schon einmal in einer ähnlichen Situation war. Dass Liebe nicht erwidert wird, ist wahrscheinlich jedem schon einmal passiert. Wenn Liebe ins Leere fällt, ist das zwar schmerzhaft, kann man aber niemandem verübeln, denn Liebe kann nicht erzwungen werden. Niemand hat ein Recht darauf, geliebt zu werden, das weiß auch Ester Nilsson, aber jeder hat ein Recht auf Klarheit, denn nichts ist quälender als Ungewissheit und Hoffnung, die sich niemals erfüllen wird.

Gierig nutzte er seine Liebesüberlegenheit und bot ihr als Antwort Unklarheit.

Man kann Ester kaum vorwerfen, dass sie sich wieder Hals über Kopf verliebt, zumal wir uns nicht immer aussuchen, wen wir lieben, denn sich zu verlieben ist keine Entscheidung, die man bewusst trifft. Es soll ja sehr reflektierte Kopfmenschen geben, die auch bei der Partnerwahl sehr systematisch und überlegt vorgehen und sich dabei nur von ihrem Verstand leiten lassen, aber in aller Regel ist Liebe eben ein Gefühl, das sich rational nicht erklären lässt und dem mit Vernunft auch kaum beizukommen ist. Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass der Freundinnenchor, der Ester bereits in Widerrechtliche Inbesitznahme unablässig zur Vernunft mahnte, auch jetzt nicht zu ihr durchdringen kann. Doch während der Freundinnenchor damals noch anonym war, haben die Freundinnen nun Namen bekommen, was allerdings nichts daran ändert, dass ihre gutgemeinten Ratschläge ungehört verhallen.

Nimm die Menschen beim Wort, das ist das Praktischste und Einfachste. Nicht deuten, sondern davon ausgehen, dass sie meinen, was sie sagen.

Nun, hätte sich Ester diesen Rat ihrer Freundin Lotta zu Herzen genommen, wäre ihr viel erspart geblieben, denn man muss Olof immerhin zugutehalten, dass er – im Gegensatz zu Hugo Rask – von Anfang an Klartext spricht und ihr deutlich sagt, dass er seine Ehefrau niemals verlassen wird. Trotzdem lässt er sich auf eine Beziehung mit ihr ein, die er zwar „Freundschaft“ nennt, aber weit über ein freundschaftliches Verhältnis hinausgeht. Da sich Esters unbedingter Absolutheitsanspruch an die Liebe aber niemals mit einer Rolle als Geliebte in Einklang bringen lässt, ist es nur logisch ist, dass sie wieder unglücklich sein wird.
Olofs klare Worte stehen im Widerspruch zu seinem Verhalten, womit er Ester immer wieder Anlass zur Hoffnung gibt. Und Ester ist eben auch eine Meisterin der Selbsttäuschung, will nicht wahrhaben, dass er sich niemals von seiner Frau trennen wird und neigt dazu, sich verzweifelt an jedem kleinen Strohhalm festzuhalten. Sie seziert und analysiert jedes Wort und jede SMS von Olof und kommt dabei immer wieder zu der Überzeugung, dass sich seine Ehe in der Auflösung befindet und er nur noch etwas Zeit braucht, um seine Ehefrau endgültig zu verlassen.

Alle Daten, die einliefen, wurden angewandt, um die Theorie zu bestätigen, dass er Ester Nilsson auf die gleiche Weise liebte wie sie ihn und dass nur äußere und innere Hindernisse ihn zurückhielten. Hindernisse, die die Zeit und Esters guter Einfluss bezwingen würden.

Ester ist zweifellos in mehrfacher Hinsicht eine „Wiederholungstäterin“, aber dennoch kann man nicht behaupten, dass sie aus ihrer Beziehung zu Hugo Rask nichts gelernt hat. Damals gab sie sich zunächst noch souverän und selbstbewusst, wollte Hugo nicht unter Druck setzen und niemals fordernd erscheinen. Bei Olof will sie diesen Fehler nicht noch einmal machen, sondern von Anfang an deutlich sein und sagt ihm deshalb auch sofort, dass sie ihr Leben mit ihm teilen will. Durch ihre bisherigen Erfahrungen hat sie inzwischen offenbar auch einen Teil ihrer Leidensfähigkeit eingebüßt, denn während sie bei Hugo Rask noch dachte, das Leiden an der Liebe sei eine noble Sache und sie müsse nur genug leiden, um sich seine Liebe zu verdienen, kommt sie bei Olof nun doch häufig zu der Überzeugung, dass sie sich ihr Leben nicht von ihm stehlen und sich auch nicht länger demütigen lassen will. Und so fasst sie überraschenderweise tatsächlich wiederholt den Entschluss, sich von ihm abzuwenden.
Doch sobald sie im Begriff ist, sich von ihm zu lösen, ergreift er die Initiative und nimmt wieder Kontakt zu ihr auf, denn:

Wie so viele andere konnte er es nicht ertragen, das zu verlieren, was er gar nicht haben wollte.

Obwohl er sich nicht auf sie festlegen möchte, ist er nicht bereit, sie gehen zu lassen. Und obwohl sie wiederholt versucht, sich aus seinen Fängen zu befreien, hat sie nicht die Kraft, ihm zu widerstehen, wenn er wieder vor ihr steht oder sich bei ihr meldet.

Er wurde interessiert, wenn sie resignierte. Sie resignierte, wenn er uninteressiert war. Dann trat er einen Schritt näher, was sie dann auch tat, worauf er sie wegschob, worauf sie kühl und abweisend wurde, und das schärfte seine Aufmerksamkeit. Ein Kreislauf, dem man nicht entkam.

Letztendlich befindet sich Ester mit Olof in einer jahrelangen On-Off-Beziehung, durchlebt ein dauerndes Wechselbad der Gefühle und schwankt ständig zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Glück und Leid, Intimität und Distanz, völliger Hingabe, aber auch Wut auf den Mann, der ihr das alles zumutet. Der Leser durchlebt und durchleidet all diese Hoch und Tiefs an ihrer Seite mit, ahnt, dass es keine Erlösung geben wird, sondern wünscht sich einfach nur, dass es ihr gelingt, endlich aus ihrer passiven Rolle herauszutreten und sich aus dieser zerstörerischen Liebe zu befreien. Am Ende hat mich Ester aber doch sehr überrascht, denn sie holt zu einem Befreiungsschlag aus, den ich ihr niemals zugetraut hätte.

Zweifellos ist Lena Andersson mit Unvollkommene Verbindlichkeiten wieder ein Meisterwerk gelungen, das seinem Vorgänger literarisch in nichts nachsteht. In einer sehr schlichten, lakonischen aber gleichzeitig auch sehr poetischen Sprache erzählt die Autorin eine äußerst desillusionierende Liebesgeschichte. Schonungslos und vollkommen ohne Kitsch, Sentimentalität, Romantik oder Pathos dokumentiert sie die Gefühlwelt einer Frau, die sich zum wiederholten Male in einen Mann verliebt, der ihre Liebe nicht erwidert, aber die ihm entgegengebrachten Gefühle ausnutzt und sich nicht eindeutig verhält. Trotz des mitunter ironischen Untertons und einer gewissen Süffisanz ist dies manchmal nur sehr schwer zu ertragen, aber trotzdem grandios, denn kaum ein Schriftsteller vermag es, die Liebe so gekonnt und intelligent ihres Zaubers zu berauben und romantische Liebeskonzepte so analytisch zu zerpflücken wie Lena Andersson. Das hat mich bereits bei Widerrechtliche Inbesitznahme beeindruckt und zeigt sich nun auch wieder in Anderssons neustem Werk.
Wer den Vorgänger gelesen hat, könnte von Unvollkommene Verbindlichkeiten allerdings ein wenig enttäuscht sein, denn sieht man von dem verblüffenden Ende ab, hat dieser Roman leider wenig Neues oder Überraschendes zu bieten. Ich würde die Erzählung zwar nicht gerade als Wiederholung, aber in weiten Teilen eben nur als Abwandlung dessen bezeichnen, was der Leser bereits aus Widerrechtliche Inbesitznahme kennt. Der überragenden Qualität dieses Romans tut dies jedoch keinen Abbruch. Ein grandioses Meisterwerk!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Luchterhand Literaturverlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Lena Andersson: Unvollkommene Verbindlichkeiten
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Ersterscheinungsdatum: 10. April 2017
384 Seiten
ISBN 978-3-630-87524-8

Mein Monatsrückblick Juli 2017

Gelesen und gesehen:

In den letzten Wochen habe ich das Lesen und auch meinen Blog ein bisschen vernachlässigt. Ich bin ohnehin kein besonders großer Fan des Sommers, aber der Juli war mir definitiv zu heiß. Dass die Tage im Sommer länger sind, finde ich großartig, aber Temperaturen über 25 Grad kann ich leider gar nichts abgewinnen. Wenn es so heiß ist wie in den vergangenen Wochen, kann ich mich auf nichts konzentrieren, habe zu nichts Lust, fühle mich wie gelähmt und habe zu allem Überfluss dann auch noch schlechte Laune – denkbar schlechte Voraussetzungen fürs Lesen und Bloggen.

Meistens bin ich erst abends aus meiner Lethargie erwacht und habe dann noch ein bisschen gelesen. Allerdings nie besonders lange, denn ich musste ja auch noch unbedingt Game of Thrones schauen. Mitte Juli startete ja endlich die heiß ersehnte siebte Staffel dieser grandiosen Serie, aber ich wollte mein Gedächtnis ein wenig auffrischen und alle bisherigen Staffeln nochmal anschauen. Das waren immerhin stolze 53 Stunden, die ich im vergangenen Monat in Westeros und Essos verbracht habe, und ich habe wieder jede Minute genossen. Obwohl ich erst vor einem Jahr alle sechs Staffeln gesehen habe, habe ich mich nicht eine Sekunde gelangweilt, denn die Story ist so komplex und man entdeckt noch so viele Kleinigkeiten, auf die man beim ersten Mal nicht geachtet hat, stößt auf so viele Anspielungen, die erst im Nachhinein betrachtet von Bedeutung sind, dass man die Serie getrost mehrfach anschauen kann und sogar sollte. Ich liebe diese Welt, die George R. R. Martin da geschaffen hat, und obwohl ich natürlich gespannt bin, wie alles endet, würde ich mir wünschen, es wäre nie zu Ende!

Trotzdem habe ich es geschafft, im vergangenen Monat immerhin vier Bücher zu lesen. Das waren insgesamt 1552 Seiten, also durchschnittlich ca. 50 Seiten pro Tag.

Für Into the Water von Paula Hawkins, das erste Buch, mit dem ich in den Juli gestartet bin, habe ich ziemlich lange gebraucht, denn der Einstieg in die Geschichte ist leider ziemlich zäh und langweilig. Man braucht sehr viel Geduld für diesen Roman, aber das Durchhalten lohnt sich auf jeden Fall, denn wenn man die anfängliche Durststrecke überwunden hat, wird man mit einer sehr tiefgründigen, komplexen und grandios konstruierten Geschichte belohnt, die auf jeden Fall lesenswert ist. (Hier geht es zu meiner ausführlichen Rezension → klick)
Danach habe ich mich einem Krimi zugewandt, der seit Jahren ungelesen in meinem Regal schlummerte. Aber besser spät als nie! Ich bin jedenfalls froh, dass ich OstfriesenKiller von Klaus-Peter Wolf nun endlich gelesen habe, denn dieser Krimi hat mich sehr gut und spannend unterhalten, und ich werde die Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen auf jeden Fall auch weiterhin bei ihren Ermittlungen begleiten. (Hier geht es zu meiner ausführlichen Rezension → klick)
Mein absolutes Lesehighlight im Juli war allerdings Heimweh von Marc Raabe, ein hochspannender, gut durchdachter Thriller, der teilweise auch sehr berührend war und Raabes fulminantem Debüt Schnitt in nichts nachsteht.
Etwas enttäuscht war ich hingegen von Was ich getan habe von Anna George. Der Schreibstil hat mir zwar sehr gut gefallen, aber warum das Buch als Thriller bezeichnet wird, ist mir vollkommen schleierhaft. Es ist vielmehr ein Ehedrama um häusliche Gewalt, aber bedauerlicherweise sehr langatmig.

© Claudia Bett

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im August 2017

Während ich sonst jeden Monat so viele Neuerscheinungen entdecke, die mich neugierig machen, dass ich mich zügeln muss, um meine Auswahl auf nur fünf zu beschränken, damit meine Wunschliste nicht utopische Ausmaße annimmt, musste ich beim Stöbern durch die Verlagsvorschauen dieses Mal sehr lange suchen, um überhaupt fündig zu werden. Trotzdem habe ich natürlich wieder genug Bücher entdeckt und muss nicht befürchten, dass mir der Lesestoff ausgehen wird 😉

U1_978-3-8052-5102-0.inddEr will dein Haus. Er will deine Frau. Er will dein Leben. Er ist der Housesitter
Stell dir vor, du kommst mit deiner Freundin aus dem Urlaub in dein Haus zurück. Du merkst sofort, dass irgendetwas anders ist: Die Möbel sind verrückt. In der Küche stehen benutzte Töpfe. Die Handtücher riechen fremd.
Dann spürst du einen jähen Schmerz – und es wird Nacht um dich.
Stell dir vor, du wachst erst nach Tagen im Krankenhaus auf.
Deine Freundin ist verschwunden – entführt.
Denn da draußen ist jemand, der sich nach einem warmen Heim sehnt. Nach einer liebenden Frau. Nach deinem Leben. Und er ist zu allem entschlossen… (Klappentext: Wunderlich Verlag)

Andreas Winkelmann: Housesitter
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungstermin: 18. August 2017
Klappenbroschur – 496 Seiten – 14,99 €
ISBN: 978-3-8052-5102-0


In ewiger Schuld von Harlan CobenMaya – Pilotin und nach einem umstrittenen Einsatz aus dem Militär entlassen – blickt fassungslos auf die Filmaufnahmen ihrer Nanny-Cam: Dort spielt ihre kleine Tochter seelenruhig mit Mayas Ehemann Joe. Doch Joe wurde zwei Wochen zuvor brutal ermordet – und Maya hat tränenblind an seinem Grab gestanden. Kann Maya ihren Augen trauen? Wer würde sie so grausam täuschen? Und was geschah wirklich in der Nacht, in der Joe ermordet wurde? Um Antworten auf all ihre Fragen zu finden, muss Maya sich den düsteren Geheimnissen nicht nur ihrer eigenen Geschichte stellen. Sie muss auch tief in die Vergangenheit von Joes reicher Familie eintauchen. Doch dort ist sie plötzlich nicht mehr willkommen … (Klappentext: Goldmann)

Harlan Coben: In ewiger Schuld
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 21. August 2017
Klappenbroschur – 416 Seiten – 14,99 €
ISBN: 978-3-442-20519-6


Ursula Poznanski - AquilaOhne Erinnerung an die letzten zwei Tage streift die Studentin Nika durch Siena. Sie vermisst ihr Handy, ihre Schlüssel und ihren Pass. Mitbewohnerin Jennifer ist ebenfalls verschwunden. Dafür steckt in Nikas Hosentasche ein Zettel mit mysteriösen Botschaften und Anweisungen.

Das Blut ist nicht deines.
Du weißt, wo das Wasser am dunkelsten ist.
Halte dich fern von Adler und Einhorn …

Welchen Sinn soll das ergeben? Und was, zum Teufel, ist geschehen zwischen Samstagabend und Dienstagmorgen?

Bestseller-Autorin Ursula Poznanski schickt ihre Heldin durch die engen Gassen und die unterirdischen Labyrinthe Sienas, die ebenso im Dunkel liegen wie Nikas Erinnerungen an die letzten zwei Tage. Ein unlösbar scheinendes Rätsel, ein monströser Verrat und die geheimnisvollen Symbole des mittelalterlichen Siena bilden das Gerüst dieses exzellenten Psychothrillers. (Klappentext: Loewe)

Ursula Poznanski: Aquila
Verlag: Loewe
Ersterscheinungstermin: 14. August 2017
Klappenbroschur – 432 Seiten – 16,95 €
ISBN: 978-3-7855-8613-6


Das verlorene Maedchen von Heather YoungMinnesota 1935: Die Familie Evans verbringt ihren Sommerurlaub mit ihren drei kleinen Töchtern Emily, Lucy und Lilith in einem Haus am See. Was paradiesisch beginnt, endet in einer Katastrophe: Die sechsjährige Emily verschwindet eines Tages spurlos. 64 Jahre später: Ihr ganzes Leben hat Lucy das Geheimnis um Emily mit sich herumgetragen. Doch als sie stirbt, hinterlässt sie ihrer Großnichte Justine ein Notizbuch mit Hinweisen, was damals geschah. Justines älteste Tochter Melanie ist von der Geschichte geradezu besessen. Um jeden Preis will sie die ganze Wahrheit erfahren. Aber manchmal ist es besser, die Toten ruhen zu lassen … (Klappentext: Goldmann)

Heather Young: Das verlorene Mädchen
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 21. August 2017
Taschenbuch – 480 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-442-48580-2


Stalker von Louise VossAlex Parkinson ist wie vom Blitz getroffen, als er seine Dozentin aus dem Schreibkurs zum ersten Mal sieht. Siobhan ist wunderschön, intelligent und teilt auch noch seine große Leidenschaft: das Schreiben. Niemals zuvor hat er jemanden so sehr geliebt. Doch wie kann er Siobhan davon überzeugen, dass sie zusammengehören? Besessen von der Idee, sein Leben mit ihr zu teilen, findet Alex heraus, wo Siobhan wohnt, verliert seinen Job für sie, macht ihr Geschenke, kümmert sich um ihre Katze, liest in ihrem Tagebuch. Alex würde alles für Siobhan tun – bis plötzlich eine junge Frau tot vor ihrem Haus liegt … (Klappentext: btb)

Louise Voss, Mark Edwards: Stalker
Verlag: btb
Ersterscheinungstermin: 14. August 2017
Taschenbuch – 416 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-442-74571-5

Buchrezension: Klaus-Peter Wolf – OstfriesenKiller

Klaus-Peter Wolf - OstfriesenKillerInhalt:

Ulf Speicher, der Gründer und Leiter des Vereins Regenbogen, einer Organisation, die behinderte Menschen und ihre Angehörigen betreut, wird während eines Schäferstündchens heimtückisch erschossen. Noch während Kommissarin Ann Kathrin Klaasen und ihr Team rätseln, wer einen Mann, der jahrelang so engagiert für die Rechte Behinderter gekämpft hatte, ermordet haben könnte, wird eine weitere Leiche gefunden – Kai Uphoff, der im Regenbogen-Verein seinen Zivildienst ableistete, ist mit einem Schwert grausam erschlagen worden. Doch es soll nicht bei diesen beiden Toten bleiben, denn offenbar hat es der Täter auf alle Mitarbeiter der Organisation abgesehen. Ann Kathrin Klaasen beschließt, den Verein Regenbogen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und stößt dabei auf heftigen Widerstand. Aber was hat dieser Verein zu verbergen? Geht es ihm wirklich um die Bedürfnisse behinderter Menschen oder werden sie nur systematisch ausgebeutet? Die Kommissarin muss alles daransetzen, den Mörder so schnell wie möglich zu finden, denn der hat sein nächstes Opfer bereits im Visier.

Meine persönliche Meinung:

Bei OstfriesenKiller handelt es sich um den ersten Band der erfolgreichen Ostfriesen-Krimireihe von Klaus-Peter Wolf und den ersten Fall für die beliebte Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen. Kaum ein anderes Buch liegt nun schon so lange ungelesen in meinem Regal wie der Auftakt dieser Kult-Krimireihe, der inzwischen auch vom ZDF verfilmt wurde. Ich habe das Buch vor einigen Jahren geschenkt bekommen, und es wurde mir mit den Worten, es sei fast so gut wie diese allseits beliebte Krimireihe aus dem Allgäu, feierlich überreicht. Ich hoffe, man hat mir in diesem Moment meine Enttäuschung nicht allzu sehr angesehen, denn man will einen Schenker ja nicht verletzen, aber wenn man mir ein Buch richtig madig machen will, muss man es nur mit diesen unsäglich albernen Allgäu-Krimis vergleichen. Dummerweise bin ich dann nämlich dem Irrglauben aufgesessen, OstfriesenKiller sei einer dieser unerträglichen Regional-Schmunzel-Krimis mit viel Klamauk und einem übertrieben kauzigen und nervtötenden Ermittler. Da ich solchen Krimis nicht das Geringste abgewinnen kann, sie mich furchtbar langweilen und leider nicht einmal zum Lachen bringen, habe ich OstfriesenKiller in den hintersten Winkel meines Bücherregals verbannt und jahrelang ignoriert. Erst kürzlich habe ich nun allerdings erfahren, dass ich mich geirrt habe und es sich bei Klaus-Peter Wolfs Ostfriesen-Reihe keineswegs um alberne, sondern um gut durchdachte, spannende und durchaus ernstzunehmende Kriminalromane handelt, sodass ich beschloss, dem Autor nun doch endlich eine Chance zu geben. Das war eine sehr gute Entscheidung, die ich nicht bereut habe, denn OstfriesenKiller hatte alles, was ein guter Krimi braucht – Spannung, präzise ausgearbeitete Charaktere, einen gut durchdachten Plot, die nötige Portion Emotion und Tiefgang und ja, auch eine kleine Prise Humor, gegen die ich aber absolut nichts einzuwenden habe, solange ein Kriminalroman nicht gleich zur klamaukigen Slapstickkomödie verkommt.
Zu Beginn des Romans hatte ich allerdings ein paar Schwierigkeiten mit der Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen, deren Eheprobleme mir ein bisschen auf die Nerven gingen. Ihr Mann Hero ist Psychologe, hat es satt, dass seine Frau kaum Zeit für ihn und ihren gemeinsamen Sohn Eike hat und ihr Beruf als Kommissarin ihr wichtiger zu sein scheint als ihre Familie. Ann Kathrin hat herausgefunden, dass Hero sie seit einiger Zeit betrügt, was er auch nicht leugnet, sondern nach einem Streit sogar beschließt, zu seiner neuen Freundin zu ziehen. Und nicht nur das – ihr Sohn Eike möchte unbedingt bei seinem Vater bleiben, denn auch er fühlt sich von seiner Mutter vernachlässigt. Ann Kathrin Klaasen muss sich eingestehen, dass sie tatsächlich Fehler gemacht hat, hat Schuldgefühle gegenüber ihrem Kind, ist aber auch voller Wut auf ihren Mann und natürlich auch auf die neue Frau an seiner Seite, die sie nicht nur als Ehefrau, sondern auch als Mutter zu ersetzen scheint. Klaus-Peter Wolf hat das Gefühlschaos, in dem sich die Kommissarin befindet, sehr nachvollziehbar geschildert, aber mir sind genau diese Ehe-und Familienprobleme weiblicher Ermittlerfiguren, die den Spagat zwischen Mutterrolle und Verbrecherjagd nicht schaffen, inzwischen leider einfach zu abgedroschen. Der Autor hat Ann Kathrin Klaasen allerdings sehr vielschichtig ausgearbeitet, sodass sie mir im weiteren Verlauf der Erzählung immer sympathischer wurde. Während ich zu Beginn des Romans noch den Eindruck hatte, sie sei einfach eine karriereversessene Powerfrau, musste ich diese erste Einschätzung dann schnell revidieren. Sie ist keineswegs so tough, wie ich zunächst dachte, sondern sehr verletzlich und empfindsam, neigt dazu, sich in Dinge zu verrennen, begeht dabei natürlich auch so manchen unbedachten Fehler und verstößt gegen Regeln, was sie allerdings umso liebenswürdiger macht.
Als nach und nach immer mehr Mitarbeiter des Vereins Regenbogen ermordet werden und Ann Kathrin Klaasen beginnt, die Arbeit des Vereins genauer unter die Lupe zu nehmen, lernt sie auch Sylvia Kleine kennen, eine geistig behinderte junge Frau, die vom Regenbogen-Verein betreut wird. Sylvia ist wunderschön und durch eine Erbschaft auch sehr wohlhabend, hat allerdings das Gemüt eines kleinen Kindes, ist vollkommen unbedarft und gutgläubig und merkt gar nicht, wenn sich andere ihre Behinderung zunutze machen, um sie sexuell und finanziell auszubeuten. Der Autor hat Sylvia Kleine sehr einfühlsam gezeichnet. Sie hat mich sehr berührt, und es war teilweise sehr schockierend, zu erfahren, wie schamlos ihre Situation ausgenutzt wird. Auch Ann Kathrin Klaasen fühlt sich der jungen Frau schnell sehr nahe, will sie davor bewahren, sich so benutzen zu lassen und vergisst dabei gelegentlich ihre Professionalität, was sie jedoch umso menschlicher und sympathischer macht.
Klaus-Peter Wolfs Erzählstil hat mir sehr gut gefallen und lässt sich leicht und flüssig lesen. Durch einen geschickten Szenenwechsel wird eine subtile Spannung aufgebaut, die bis zum Ende aufrechterhalten werden kann. Nüchtern, fast beiläufig, meldet sich dabei immer wieder eine allwissende Erzählerstimme zu Wort und kündigt an, wer das nächste Mordopfer sein wird und wie lange es noch zu leben hat, was mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken jagte. Der Leser ist der Ermittlerin also stets einen kleinen Schritt voraus, aber Täter und Motiv bleiben bis zum Schluss im Dunkeln, sodass ich beim Lesen stets miträtselte, dabei die ein oder andere Theorie aufstellte, aber immer wieder über Bord werfen musste. Trotz des wirklich gut durchdachten und stimmigen Plots, schien mir die Auflösung des Falls zwar logisch, aber leider etwas unglaubwürdig. Dies war allerdings auch der einzige Wermutstropfen an diesem durchweg spannenden Kriminalroman, der nebenbei auch sehr interessante, ergreifende und teilweise auch schockierende Einblicke in die Arbeit mit behinderten Menschen gewährt.
Ich freue mich jedenfalls darauf, Ann Kathrin Klaasen auch bei ihrem nächsten Fall zu begleiten.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Klaus-Peter Wolf: OstfriesenKiller
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 01. April 2007
320 Seiten
ISBN 978-3-596-16667-1

Cover: S. Fischer Verlag

Buchrezension: Paula Hawkins – Into the Water

Paula Hawkins - Into the WaterInhalt:

Julia Abbott hat seit fünfzehn Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Schwester Nel, die alleine mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lena noch immer in ihrem Elternhaus in der kleinen englischen Gemeinde Beckford lebt. Julia hatte sich in London inzwischen ihr eigenes Leben aufgebaut, wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden und Beckford und Nel für immer vergessen. Deshalb ignoriert die auch Nels Hilferuf auf ihrer Mailbox, denn sie wollte die Stimme ihrer Schwester einfach nicht hören und war sich sicher, dass Nel ohnehin nur wieder dramatisiert. Doch nun ist Nel tot, und Julia muss nach Beckford zurück und sich um ihre Nichte kümmern. Aber sie hat Angst vor dem Ort, den sie noch immer mit ihren schlimmsten Erinnerungen verbindet, vor dem alten Haus am Fluss und der Flussschleife, die die Dorfbewohner nur den „Drowning Pool“ nennen.
An dieser besonders tiefen Stelle des Flusses ereignen sich schon seit Jahrhunderten mysteriöse Todesfälle. Einst wurden der Hexerei verdächtige Frauen zum „Drowning Pool“ gebracht und dort der Wasserprobe unterzogen, aber auch Engelsmacherinnen, Mörderinnen, Ehebrecherinnen und zahlreiche Selbstmörderinnen haben an der Flussbiegung auf rätselhafte Weise den Tod gefunden oder sich von den Felsen in die Fluten gestürzt. Erst vor Kurzem ist ein junges Mädchen, das eng mit Lena befreundet war, hier ins Wasser gegangen. Nel war geradezu besessen von den Frauen, die im „Drowning Pool“ gestorben sind, hat ihre Geschichten gesammelt und aufgeschrieben und war davon überzeugt, dass Beckford ein Ort ist, um unbequeme Frauen loszuwerden. Nun starb Nel selbst an dieser Stelle des Flusses, aber obwohl alle im Dorf sicher zu sein scheinen, dass sie Selbstmord begangen hat, weiß Julia mit Gewissheit, dass ihre Schwester niemals gesprungen wäre…

Meine persönliche Meinung:

Mit ihrem Debüt Girl on the Train hat Paula Hawkins 2015 auf Anhieb einen Bestseller vorgelegt, der auch erfolgreich verfilmt wurde. Während der Film überwiegend positiv aufgenommen wurde, wurde die Buchvorlage sehr kontrovers diskutiert. Vielen Lesern war Girl on the Train zu langatmig, und auch die Protagonistin, eine schwer alkoholabhängige Frau, deren Wahrnehmungen man nicht immer trauen konnte, stieß auf wenig Sympathien. Mich hingegen hat Girl on the Train restlos begeistert, was nicht zuletzt an der ruhigen Erzählweise der Autorin, der düster-tristen Grundstimmung und den grandios ausgearbeiteten Figuren lag (hier geht es zu meiner Rezension → klick). Umso mehr habe ich mich natürlich nun auf ihren neuen Roman Into the Water gefreut. Allerdings habe ich schon kurz nach dem Ersterscheinungstag die ersten Verrisse gelesen. Selbst viele, die von Paula Hawkins Erstlingswerk begeistert waren, sind von ihrem aktuellen Roman nun sehr enttäuscht, was meiner Neugierde allerdings keinen Abbruch tat.
Inzwischen kann ich die kritischen Stimmen jedoch durchaus nachvollziehen, denn die Autorin verlangt dem Leser sehr viel Geduld, Durchhaltevermögen und Konzentration ab. Man kann es eigentlich niemandem verdenken, wenn er zwischendurch den Faden und auch das Interesse verliert. Nachdem ich mehr als hundert Seiten gelesen hatte, wollte auch ich schon aufgeben und das Buch abbrechen, denn der Einstieg in die Geschichte ist leider äußerst zäh und gleichzeitig auch sehr verwirrend.
Der Roman wird aus nicht weniger als elf Perspektiven erzählt – da fällt es mitunter schwer, den Überblick zu behalten. Manche Protagonisten schildern ihre Erlebnisse und Gedanken aus der Ich-Perspektive, anderen hingegen folgt man aus der Sicht der personalen Erzählinstanz. Auch Passagen aus dem Manuskript der kürzlich verstorbenen Nel wurden in die Geschichte eingeflochten und gewähren einen Einblick in das Schicksal all der Frauen, die im „Drowning Pool“ den Tod fanden. Eine Hauptfigur gibt es nicht, und auch die Suche nach einem Sympathieträger erweist sich als sehr schwierig. Die vielen Zeitsprünge, die in die Vergangenheit reichenden Vorgeschichten und auch die vielen Nebenschauplätze, die auf den ersten Blick nichts mit der Haupthandlung zu tun zu haben scheinen, verleiten dazu, manche Passagen nur zu überfliegen, was man allerdings tunlichst vermeiden sollte. Stattdessen kann ich nur dazu raten, jede scheinbar noch so kleine Nebensächlichkeit aufmerksam zu lesen, denn sonst wird es im weiteren Verlauf der Handlung schwierig, die Zusammenhänge und Verwicklungen noch zu überblicken. Das erfordert außerordentlich viel Geduld, weil im ersten Viertel des Romans eben recht wenig passiert. Diese schier unüberschaubare Menge an Protagonisten, die ständigen Perspektivwechsel und auch der recht ereignislose und langatmige Einstieg in die Geschichte, führte leider auch bei mir dazu, dass es mich irgendwann eigentlich gar nicht mehr interessierte, ob Julias Schwester Nel nun Selbstmord begangen hat, ermordet wurde oder ihr Tod ein tragischer Unfall war. Trotzdem habe ich durchgehalten und bin auch sehr froh darüber, denn nachdem diese anfängliche Durststrecke überstanden war, konnte mich die Geschichte dann doch packen und hat mir auch ausgesprochen gut gefallen.
Allerdings melden sich die Protagonisten weiterhin nur sehr kryptisch zu Wort, man weiß nie, wer lügt und wer der die Wahrheit sagt, und offenbar hat auch jeder in diesem kleinen Örtchen Beckford etwas zu verbergen. Wie bereits in ihrem ersten Roman, macht es Paula Hawkins dem Leser auch hier nicht gerade leicht, ihre Figuren zu mögen. Mir gefällt es allerdings, wenn Charaktere ambivalent angelegt sind und man nicht weiß, ob man sie nun lieben oder hassen soll. Obwohl mir außer Julia, die mit traumatischen Kindheitserinnerungen zu kämpfen hat, niemand so recht ans Herz wachsen wollte, waren alle Protagonisten sehr überzeugend und glaubwürdig ausgearbeitet.
Die Autorin hat ihr Buch allen unbequemen Frauen gewidmet, und unbequem waren nicht nur die Frauen, die seit Jahrhunderten an besagter Flussbiegung in Beckford den Tod fanden und deren Geschichten hier ebenfalls sehr eindrücklich erzählt werden, sondern eben auch die Protagonistinnen, die Paula Hawkins in ihrem Roman zu Wort kommen lässt. Auch Nel war eine unbequeme Frau, denn sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichten all dieser Frauen aufzuschreiben und sich damit nicht gerade Freunde gemacht. Der Verdacht liegt nahe, dass sie deshalb sterben musste, denn zumindest ihre Schwester Julia ist davon überzeugt, dass Nel niemals gesprungen wäre und beginnt daraufhin, sich ebenfalls mit den Geschichten dieser unbequemen Frauen zu beschäftigen. Unbequem sind auch Nickie, eine recht verschrobene Alte, die glaubt, mit Toten sprechen zu können, Erin, die Ermittlerin, eine Fremde und Außenseiterin im Dorf, die an der Wahrheit interessiert ist, und Lena, die fünfzehnjährige Tochter von Nel, ein aufmüpfiges Mädchen, das sehr störrisch und voller Wut und Trauer ist. Sie hat nicht nur ihre Mutter verloren, sondern auch ihre beste Freundin, eine ebenfalls unbequeme junge Frau, die erst vor Kurzem Selbstmord begangen hat, weil sie einen Mann liebte, den sie nicht lieben durfte.
Die Schicksale all dieser unbequemen Frauen sind miteinander verwoben und waren teilweise sehr berührend. Stück für Stück gilt es die Zusammenhänge herauszufinden und die einzelnen bruchstückhaften Splitter zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Ich will nicht behaupten, dass dieser Roman besonders spannend ist, wer einen rasanten Thriller erwartet, kann eigentlich nur enttäuscht sein, aber trotzdem entwickelte die Erzählung nach dem recht zähen Einstieg einen Sog, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte. Das lag nicht nur an dem angenehmen Schreibstil der Autorin, sondern auch an dem raffinierten und äußerst gut durchdachten Plot, der am Ende zu einem runden Ganzen führt. Die Geschichte ist allerdings äußerst komplex. Der Roman lässt sich nicht einfach nebenbei zügig weglesen, sondern erfordert eben ein bisschen Durchhaltevermögen und Geduld.

Belohnt wird man aber mit einer sehr tiefgründigen und bewegenden Geschichte, um Freundschaft, Loyalität, verdrängte Erinnerungen, um lange zurückliegende Missverständnisse, die zu spät erkannt werden, und um eine verbotene Liebe mit verheerenden Folgen. All das hat Paula Hawkins in Into the Water zu einer äußerst komplexen und ergreifenden Erzählung verwoben, die mich trotz massiver Startschwierigkeiten dann doch noch überzeugen konnte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Paula Hawkins: Into the Water – Traue keinem. Auch nicht dir selbst.
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 24. Mai 2017
480 Seiten
ISBN 978-3-7645-0523-3

Mein Monatsrückblick Juni 2017

Gelesen:

Was das Lesen anbelangt, war ich im vergangenen Monat alles andere als erfolgreich. Ich habe 4 Bücher gelesen; das waren 1664 Seiten , also durchschnittlich 55,5 Seiten pro Tag. Immerhin blicke ich wenigstens auf einen sehr abwechslungsreichen Lesemonat zurück, denn vom spannenden Psychothriller, über blutigen Vampir-Splatter, bis hin zu einem wahrhaft literarischen Meisterwerk über die Qualen der Liebe war alles dabei. Allerdings habe mir jetzt fest vorgenommen, Bücher, die mir nicht gefallen, künftig noch rigoroser abzubrechen, statt mich bis zum Ende durchzuquälen und mich in eine Leseflaute ziehen zu lassen.

Jutta Maria Herrmann - Schuld bist duDabei begann der Juni so vielversprechend, denn Jutta Maria Herrmanns Psychothriller Schuld bist du hat mir sehr gut gefallen und war so spannend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte und nahezu in einem Rutsch durchgelesen habe. Zwischendurch war ich ein wenig irritiert, denn die Geschichte drohte immer unglaubwürdiger und absurder zu werden, aber am Ende hat mich die Autorin dann mit einer schlüssigen und logischen Auflösung überrascht.

Mats Strandberg - Die Überfahrt

Danach habe ich allerdings Die Überfahrt von Mats Strandberg gelesen, einen Horror-Thriller, auf den ich mich wochenlang gefreut hatte und der mich dann ebenso lange auf Trab hielt, weil es so nichtssagend und langweilig war, dass es mich jedes Mal Überwindung gekostet hat, wieder ein paar Seiten lesen zu müssen. Die ersten Kapitel waren noch recht vielversprechend, aber dann reihte sich nur noch ein blutiges Szenario an das nächste. Reines Gemetzel ist für mich leider weder schockierend noch spannend, sodass ich mich eine gefühlte Ewigkeit durch diesen unappetitlichen Vampir-Splatter gequält habe. Das Einzige, was in diesem Buch ein bisschen Tiefgang hatte, war das Schiff. Gute Horrorliteratur geht definitiv anders!

Jonas Winner - Murder Park

Murder Park von Jonas Winner hat mir dann aber glücklicherweise gut gefallen, mich sehr spannend unterhalten und auch wieder aus meiner zeitweiligen Leseflaute gerissen. Vor allem das Setting war außerordentlich beklemmend und sorgte für eine äußerst bedrohliche Atmosphäre. Manchmal ging mir die Geschichte allerdings ein bisschen zu schnell, aber dennoch kann ich diesen fesselnden Thriller nur weiterempfehlen.

Lena Andersson - Unvollkommene VerbindlichkeitenFür Unvollkommene Verbindlichkeiten von Lena Andersson habe ich auch etwas länger gebraucht, aber nicht weil ich mich durch die Seiten quälen musste, sondern weil ich jeden einzelnen Satz genießen wollte. Wer mich kennt, weiß, dass ich Liebesromane eigentlich nicht mag. Dabei stört es mich gar nicht, dass über die Liebe geschrieben wird, sondern nur, wie über sie geschrieben wird. Niemand entzaubert die Liebe so gekonnt und klug wie Lena Andersson. Jenseits von Kitsch und Romantik und außerordentlich intelligent und philosophisch analysiert sie das Gefühl des Verliebtseins und das Unglück der Liebe. Schon ihr letzter Roman Widerrechtliche Inbesitznahme hat mich restlos überzeugt und war im vergangenen Jahr mein unangefochtenes Lese-Highlight, aber auch ihr neuster Roman, in dem sie ihre Protagonistin Ester Nilsson erneut den Qualen der Liebe aussetzt, hat die besten Aussichten, es wieder auf den ersten Platz zu schaffen. (Meine Rezension folgt in den nächsten Tagen)

© Claudia Bett

Buchrezension: Jonas Winner – Murder Park

Jonas Winner - Murder ParkInhalt:

Zodiac Island vor der Ostküste der USA war einst ein beliebter Vergnügungspark. Doch nun rosteten die alten Fahrgeschäfte, das Riesenrad und die Achterbahn zwanzig Jahre vor sich hin, denn nach einer brutalen Mordserie war der Freizeitpark 1997 geschlossen worden. Der Serienmörder Jeff Bohner, der auf Zodiac Island damals drei junge Frauen auf bestialische Weise ermordet hatte, konnte inzwischen überführt werden und wurde hingerichtet.
Jetzt soll die Insel jedoch wieder zum Leben erweckt werden. Der alte Park wurde aufwendig umgebaut und schon bald soll der neue Murder Park, ein Erlebnispark zum Thema Serienkiller, seine Tore öffnen. Die Faszination für Gewalt und Verbrechen sowie das Interesse an Serientätern wie Jack the Ripper oder Ted Bundy sind groß. Im Murder Park sollen die Besucher nun das Abenteuer, den Nervenkitzel und den Grusel hautnah miterleben dürfen und mit den eigenen Ängsten konfrontiert werden.
Wenige Wochen vor der Eröffnung soll jedoch zunächst eine Gruppe von Journalisten, Beratern und Experten dem Murder Park einen Besuch abstatten. Der Reporter Paul Greenblatt und elf weitere Personen wurden auf die Insel geladen, um sich von dem neuen Erlebnispark einen ersten Eindruck zu verschaffen. Bereits am Tag ihrer Ankunft ereignet sich der erste Mord. Keiner kann dem anderen trauen, denn nur einer aus der Gruppe kann der Mörder sein. Oder befindet sich außer ihnen doch noch jemand auf der Insel? Das Morden geht weiter, aber es gibt kein Entkommen, denn die nächste Fähre, die sie zurück ans Festland bringt, kommt erst in drei Tagen.

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich in der Verlagsvorschau Murder Park von Jonas Winner entdeckt hatte, konnte ich den Erscheinungstermin kaum noch abwarten, denn der Klappentext tönte sehr vielversprechend. Sobald es um Serienmörder geht, ist mein Interesse ohnehin geweckt, aber vor allem das Setting ließ auf einen außergewöhnlich beklemmenden Thriller hoffen.
Jonas Winner verwendet in Murder Park das klassische Muster der locked room mysteries und siedelt die Handlung seines Romans in einem hermetisch abgeschlossenen Raum an – in diesem Fall eben auf einer von der Außenwelt abgeschotteten Insel. Zwölf Personen wurden auf diese abgelegene Insel eingeladen, schon am ersten Tag wird einer von ihnen ermordet, und im weiteren Verlauf der Erzählung dezimiert sich die Gruppe weiter. Die Insel ist aber unbewohnt und nur mit einer Fähre zu erreichen; niemand kann sie unbemerkt betreten oder verlassen, sodass der Verdacht naheliegt, dass der Mörder unter den Anwesenden zu suchen ist und das Misstrauen untereinander mit jedem weiteren Mord kontinuierlich wächst. Das ist ein altbekanntes Schema, das an Agatha Christies Und dann gabs keines mehr erinnert, aber noch immer hervorragend funktioniert, zumal Jonas Winner den Schauplatz seines Thrillers ganz besonders gruselig gestaltet hat.
Dem Autor ist es sehr gut gelungen, diese Insel sehr bildgewaltig zu beschreiben und eine äußerst beklemmende Atmosphäre zu erzeugen. Besonders bedrohlich ist das Setting nämlich nicht nur, weil man dem Mörder auf der Insel hilflos ausgeliefert ist und weder fliehen noch auf Hilfe hoffen kann, sondern weil Winner den Handlungsort auch mit einer sehr schaurigen Geschichte versehen hat. Bis vor zwanzig Jahren befand sich ein Freizeitpark auf der Insel. Zodiac Island hätte eigentlich ein Ort sein sollen, an dem man sich amüsiert, Spaß hat und der von Kinderlachen erfüllt ist. Doch nachdem der Serienmörder Jeff Bohner dort drei alleinerziehende Mütter auf bestialische Weise ermordet hatte, musste der Vergnügungspark geschlossen werden.
Nun hat der Unternehmer Robert Levin den verfallenen Park gekauft und möchte sich gerade dessen schaurige Vorgeschichte zunutze machen, um auf der Insel einen neuen Erlebnispark zum Thema Serienkiller zu eröffnen. Er und sein Team haben ein Konzept erarbeitet, das sie nun im Vorfeld der Eröffnung einer auserwählten Gruppe von Presseleuten und Experten präsentieren wollen.
Ich muss ja zugeben, dass auch mir die Faszination am Makabren nicht ganz fremd ist und es durchaus interessant sein mag, sich mit Serienmördern zu beschäftigen und Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele zu bekommen, um zu erfahren, was Menschen überhaupt zu Mördern werden lässt und zu solch grausamen Taten veranlasst, aber von realen Morden zu profitieren, indem man sie zur Jahrmarktattraktion macht, finde ich doch äußerst abstoßend. Bereits das Museum, das auf der Insel eingerichtet wurde und in dem zahlreiche Murderabilia, also Gegenstände, die von berühmten Serienmördern stammen, ausgestellt werden, wirkte auf mich etwas befremdlich. Es soll ja tatsächlich Menschen geben, die solche Murderabilia sammeln, was allerdings der Stilisierung von Serienmördern zu Helden und Pop-Ikonen gleichkommt und meiner Meinung nach doch sehr fragwürdig ist, zumal es den Angehörigen der Verbrechensopfer wie blanker Hohn erscheinen muss. Noch geschmackloser ist allerdings das Grundkonzept des Murder Park, denn der Erlebnispark soll vor allem als eine Art Partnerbörse fungieren. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man sich in einer solch morbiden Atmosphäre und umgeben von Andenken an berühmte Serienmörder verlieben soll, halte es aber auch nicht für ausgeschlossen, dass es genug Menschen gibt, die an solchen makabren Unterhaltungsspektakeln Gefallen finden würden. Völlig abwegig erschien mir das Geschäftsmodell jedenfalls nicht.
Ich war jedoch sehr beruhigt, dass meine Bedenken auch im Buch thematisiert wurden und innerhalb der Gruppe schon die ersten kritischen Stimmen laut werden, als das Konzept präsentiert wird. Allerdings ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand, dass sich diese dreitägige Pressereise zu einem wahren Albtraum entwickeln wird.
Die Geschehnisse auf der Insel werden aus der Sicht des Reporters Paul Greenblatt erzählt, der von Mördern und Mordgeschichten geradezu besessen ist und auch eine ganz besondere und persönliche Verbindung zu Zodiac Island hat. Dieser gegenwärtige Handlungsstrang wird immer wieder durch Interviews unterbrochen, die der Psychiater Sheldon Lazarus im Vorfeld der Vorbesichtigung geführt hat, um die richtigen Kandidaten für dieses Wochenende zu finden. Eigentlich hat es mir ausgesprochen gut gefallen, die Teilnehmer dieser Pressereise in Form dieser Gesprächsaufzeichnungen kennenzulernen. Allerdings halte ich es für ziemlich unrealistisch, dass ein Unternehmer tatsächlich einen Psychiater beauftragt, um die Bewerber für eine solche Pressepräsentation zu durchleuchten und von jedem Einzelnen ein psychiatrisches Profil zu zeichnen. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass jemand bereitwillig sein Innerstes nach außen kehrt, nur weil er an einer Firmenpräsentation teilnehmen möchte. Lässt man die Glaubwürdigkeit außer Acht, waren diese Interviews allerdings eine sehr gute Möglichkeit, Einblicke in Persönlichkeit der Teilnehmer zu erhalten, denn diese wurden keinesfalls zufällig ausgewählt, sondern stehen alle in Verbindung mit Zodiac Island und den Morden, die sich dort vor zwanzig Jahren zugetragen hatten.
Paul Greenblatt ist der Erste, den man auf diese Weise kennenlernt. Er ist eben auch der Protagonist, dem man in der Haupthandlung folgt und aus dessen Perspektive erzählt wird. Obwohl mich das traumatische Erlebnis, das er in seiner Kindheit durchleiden musste, sehr berührt hat, fiel es mir manchmal schwer, mich in ihn hineinzuversetzen und seine Handlungen und Gedanken nachzuvollziehen. Er ist mit elf anderen Personen auf dieser Insel, einer nach dem anderen wird auf grausame Weise ermordet und er muss jeden Moment damit rechnen, der Nächste zu sein, aber auf seine Libido scheint sich das erstaunlicherweise nicht negativ auszuwirken. Auch sonst kann ich nicht gerade behaupten, dass ich ihn besonders mochte, aber vor allem hatte ich oft den Eindruck, dass man seinen Wahrnehmungen nicht ganz trauen kann.
Auch alle anderen Charaktere waren mir nicht gerade sympathisch und verhalten sich auch äußerst merkwürdig. Selbst die Interviewausschnitte vermochten es nicht, dass ich zu einer der Romanfiguren eine Verbindung aufbauen konnte. Das soll jedoch keineswegs ein Kritikpunkt sein, denn zum einen muss ich die Protagonisten eines Buches gar nicht mögen, und zum anderen führt dies eben auch dazu, dass ich jeden von ihnen im Verdacht hatte, der Mörder zu sein – selbst Paul Greenblatt. Jonas Winner versteht es äußerst geschickt, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken und einen sehr wendungsreichen Plot zu konstruieren. Sobald ich sicher war, den Mörder nun enttarnt zu haben, wurde diese Person entweder selbst ermordet oder der Verdacht wurde auf einen anderen aus der Gruppe gelenkt. Selbst als es kaum noch Überlebende gibt und der Kreis der Verdächtigen immer kleiner wird, hatte ich keine Ahnung, wer der Mörder sein könnte.
Was mich ein wenig gestört hat, war das Tempo des Romans, denn mir ging es häufig einfach ein bisschen zu schnell. Die Romanfiguren sterben wie die Fliegen, ein Mord jagt den nächsten, wird auf wenigen Zeilen abgehandelt, sodass es kaum noch schockierend war, wenn wieder jemand zu Tode kam.
Das Ende war dann sehr überraschend, allerdings auch ein bisschen enttäuschend.
Trotzdem hat mir dieser Thriller ausgesprochen gut gefallen, denn dem Autor ist es gelungen, das Spannungslevel kontinuierlich zu steigern und bis zum Schluss zu halten. Sein flüssiger Schreibstil und eine angenehme Kapitellänge lassen den Lesefluss nie ins Stocken geraten. Besonders beeindruckend waren aber vor allem das Setting und die außerordentlich bedrohliche Atmosphäre, die mich über kleine Unglaubwürdigkeiten gerne hinwegsehen ließen.

Ein rasanter und beklemmender Thriller voller überraschender Wendungen, der mich sehr gut und spannend unterhalten hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jonas Winner: Murder Park
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 13. Juni 2017
416 Seiten
ISBN: 978-3-453-42176-9

Cover: Heyne Verlag

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im Juli 2017

Ich kann es einfach nicht lassen… Obwohl nicht nur meine Wunschliste, sondern auch mein Stapel ungelesener Bücher inzwischen solche Ausmaße angenommen haben, dass ich die nächsten Jahre beschäftigt sein dürfte, durchstöbere ich auf der Suche nach neuem Lesestoff jeden Monat aufs Neue die Verlagsvorschauen. Natürlich bin ich auch diesmal wieder fündig geworden.

Auf Joy Fielding ist einfach Verlass, denn jedes Jahr kann man sich auf ein neues Buch dieser äußerst produktiven Autorin freuen. Da ihre Romane meistens einem ähnlichen Strickmuster folgen, brauche ich allerdings auch immer ein bisschen Pause zwischen ihren Büchern. Aber bislang hat mich noch kein Buch von Joy Fielding enttäuscht, sodass ich mich auf ihren neusten Roman Solange du atmest nun am meisten freue.

Solange du atmest von Joy FieldingAls Psychotherapeutin und mit eigener verkorkster Familiengeschichte glaubt Robin, alle menschlichen Abgründe zu kennen. Doch dann erhält sie eines Tages während einer Sitzung einen Anruf, der sie völlig aus der Fassung bringt. Ihre Schwester Melanie, zu der sie jahrelang keinen Kontakt hatte, teilt ihr mit, dass jemand brutal auf ihren Vater, seine neue Frau Tara und deren zwölfjährige Tochter geschossen hat. Tara erliegt kurz darauf ihren Verletzungen. Obwohl Robin zweifelt, dass es das Richtige ist, sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen, macht sie sich auf den Weg in ihren Heimatort. Ihr ist klar, dass es viele Menschen gibt, die einen Grund hätten, ihren Vater zu hassen – allen voran ihre eigene Familie. Aber was für ein Monster schießt auf eine Zwölfjährige? (Klappentext: Goldmann)

 

Joy Fielding: Solange du atmest
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 24. Juli 2017
Hardcover – 448 Seiten – 19,99 €
ISBN: 978-3-442-31434-8


Die Moortochter von Karen DionneHelena Pelletier lebt in Michigan auf der einsamen Upper Peninsula. Sie ist eine ausgezeichnete Fährtenleserin und Jägerin – Fähigkeiten, die sie als Kind von ihrem Vater gelernt hat, als sie in einer Blockhütte mitten im Moor lebten. Für Helena war ihr Vater immer ein Held – bis sie vor fünfzehn Jahren erfahren musste, dass er in Wahrheit ein gefährlicher Psychopath ist, der ihre Mutter entführt hatte. Helena hatte daraufhin für seine Festnahme gesorgt, und seit Jahren sitzt er nun im Hochsicherheitsgefängnis. Doch als Helena eines Tages in den Nachrichten hört, dass ein Gefangener von dort entkommen ist, weiß sie sofort, dass es ihr Vater ist und dass er sich im Moor versteckt. Nur Helena hat die Fähigkeiten, ihn aufzuspüren. Es wird eine brutale Jagd, denn er hat noch eine Rechnung mit ihr offen … (Klappentext: Goldmann)

Karen Dionne: Die Moortochter
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 24. Juli 2017
Klappenbroschur – 384 Seiten – 12,99 €
ISBN: 978-3-442-20535-6


Ross Armstrong - The WatcherSie beobachtet Vögel. Sie beobachtet ihre Nachbarn. Aber da ist jemand, der auch sie beobachtet.

Fesselnd und beunruhigend: „The Watcher – Sie sieht dich“ von Ross Armstrong ist ein starker psychologischer Thriller mit einer mitreißenden, mysteriösen Erzählerin.

Lily Gullick lebt in einem Londoner Neubauviertel. Sie beobachtet nicht nur Vögel mit dem Fernglas, sondern sie späht auch gerne in die Fenster ihrer Nachbarn. Aber der Ort, an dem sie lebt, ist gefährlich, eine Baustelle, anonym. Unter mysteriösen Umständen verschwindet eine Frau, eine andere wird ermordet. Lily hat etwas gesehen, aber auch sie wurde beobachtet. Je näher sie der Wahrheit kommt, desto gefährlicher wird es für sie. Was hat sie gesehen? Wem kann sie trauen? Kann Lily sich selbst trauen? (Klappentext: FISCHER Scherz)

Ross Armstrong: The Watcher – Sie sieht dich
Verlag: FISCHER Scherz
Ersterscheinungstermin: 27. Juli 2017
Klappenbroschur – 432 Seiten – 14,99 €
ISBN: 978-3-651-02546-2


Was ich getan habe von Anna GeorgeDavids wunderschöne Frau liegt tot in ihrem gemeinsamen Haus. Sie hatten eine obsessive Ehe, er war so hingerissen von ihrer Schönheit, ihrer Freiheit, ihrer Stärke. Eine leidenschaftliche und intensive Liebe – bis zu dieser Nacht, in der Schreckliches geschehen ist … Wozu kann ein Mensch fähig sein? Dunkel, aufwühlend und schockierend – »Was ich getan habe« ist ein packender Thriller über das tödliche Risiko, das man eingeht, wenn man liebt. (Klappentext: btb)

Anna George: Was ich getan habe
Verlag: btb
Ersterscheinungstermin: 10. Juli 2017
Taschenbuch – 320 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-442-71512-1


Die sieben Farben des Blutes von Uwe WilhelmEr hasst sie, er jagt sie, er tötet sie …

Drei Morde in drei Monaten. Drei Frauen. Drei Verkündungen, in denen der Mörder von sieben „Heilungen“ erzählt. Die Berliner Polizei steht unter Druck. Doch dann ist die Serie mit einem Mal beendet und gerät in Vergessenheit – nur nicht für Staatsanwältin Helena Faber, die davon überzeugt ist, dass dies erst der Anfang war. Als ein Jahr später eine vierte Frau brutal ermordet wird, macht Helena Jagd auf den, der sich selbst Dionysos nennt. Es ist der Beginn eines Rennens gegen die Zeit, aber auch eines Kampfes ums Überleben, denn Helena ist ins Visier des Täters geraten. Und Dionysos wird nicht aufgeben, solange sie nicht „geheilt“ wurde … (Klappentext: Blanvalet)

Uwe Wilhelm: Die sieben Farben des Blutes
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungstermin: 17. Juli 2017
Taschenbuch – 480 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-7341-0344-5

Buchrezension: Jutta Maria Herrmann – Schuld bist du

Jutta Maria Herrmann - Schuld bist duInhalt:

Als der Journalist Jakob Auerbach von einer Dienstreise wieder nach Berlin zurückkehrt, findet er nur eine leergeräumte Wohnung vor. Auch seine Frau Anne und seine kleine Tochter Mia sind spurlos verschwunden. Eigentlich sollte der Umzug aufs Land doch erst am nächsten Tag stattfinden, aber offenbar hatte Anne in seiner Abwesenheit umdisponiert. Sie war ohnehin sauer, dass er mitten im Umzugsstress für ein paar Tage nach Vietnam reisen musste und sie mit den Umzugsvorbereitungen alleine ließ. Vermutlich hat sie den Umzug einfach vorverlegt, ohne ihm Bescheid zu geben, um sich an ihm zu rächen. Noch während sich Jakob in der leeren Wohnung darüber ärgert, dass seine Frau einfach über seinen Kopf hinweg den Umzugstermin vorgezogen hat, fällt sein Blick auf eine Fensterscheibe, auf die, offenbar mit Blut, eine Botschaft geschmiert wurde – Schuld bist du. Auch solche makabren Scherze sehen Anne durchaus ähnlich.
Doch dann erhält er einen besorgniserregenden Anruf von seiner kleinen Tochter. Offenbar ist Mia alleine, hat sich verlaufen, friert, hat Hunger und weiß nicht, wo sie ist – dann reißt die Verbindung unvermittelt ab. Verzweifelt begibt sich Jakob auf die Suche nach seiner Frau und seinem Kind und stößt bei seiner albtraumhaften Irrfahrt durch Berlin immer wieder auf die Botschaft – Schuld bist du.

Meine persönliche Meinung:

Vor ein paar Monaten habe ich bei einem Gewinnspiel Jutta Maria Herrmanns Debüt Hotline gewonnen und war von diesem Psychothriller so angetan, dass ich unbedingt mehr von dieser Autorin lesen wollte (hier geht es zu meiner Rezension von Hotlineklick). Erst kürzlich erschien bereits ihr dritter Roman Amnesia, aber obwohl es sich bei ihren Büchern um Einzelbände handelt, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, wollte ich nun trotzdem erst Schuld bist du lesen.
Selbst wenn man es nicht will, neigt man ja dazu, die Werke eines Autors miteinander zu vergleichen. Schon nach wenigen Kapiteln habe ich jedoch gemerkt, dass Schuld bist du vollkommen anders ist als Jutta Maria Herrmanns Debüt, in dem sich die Autorin zwar auch im weitesten Sinne mit dem Thema Schuld beschäftigt, das aber sehr viel ruhiger erzählt ist. Jakob Auerbachs verzweifelte Suche nach seiner Frau und seiner kleinen Tochter ist jedenfalls ungleich rasanter und actionreicher als die eher gemächliche, aber etwas tiefgründigere Erzählung in Herrmanns Debüt.
In einem zweiten Erzählstrang begleitet der Leser eine Frau, die im Krankenhaus am Bett eines Mannes sitzt, der an Maschinen angeschlossen ist und offenbar nur noch geringe Überlebenschancen hat. In welcher Verbindung die unbekannte Ich-Erzählerin zu dem Mann steht, der neben ihr mit dem Tod ringt, und was ihm zugestoßen ist, erfährt man jedoch zunächst nicht. Sie sitzt an seinem Sterbebett und erzählt ihm die Geschichte einer Frau namens Grit, die ihr offenbar sehr nahesteht. Obwohl dieser Handlungsstrang in der Ich-Perspektive erzählt wird, der Leser die Gedanken und Gefühle dieser Frau also hautnah miterlebt und auch erfährt, welches traumatische Ereignis in ihrer Jugend noch immer ihr Leben überschattet, bleibt sie äußerst rätselhaft und mysteriös. Auch die Geschichte, die sie erzählt ist äußerst erschütternd, allerdings ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, inwiefern dieser zweite Erzählstrang mit Jakob Auerbach und dessen Familie zusammenhängt.
Jakobs Suche nach seinem Kind und seiner Frau entwickelt sich im weiteren Handlungsverlauf zu einem absoluten Albtraum, dem ich mit angehaltenem Atem folgte. Was Jakob während seiner Suche widerfährt und welche unheimlichen Begegnungen und Entdeckungen er macht, gleicht einer einzigen Horror-Odyssee. Während ich zu Beginn noch alles recht nachvollziehbar und realistisch fand, war ich irgendwann vollkommen verwirrt, denn das, was Jakob erlebt, wird immer surrealer, unglaubwürdiger und absurder. Ich reagiere ja immer ein wenig allergisch auf abwegige Zufälle und vollkommen unlogische Wendungen. Da sich solche an den Haaren herbeigezogenen Zufälle häuften, die Geschichte immer unlogischer und abstruser wurde und die Zusammenhänge immer weniger Sinn ergaben, war ich manchmal fast schon ein wenig ungehalten. Jakobs Suche nach seiner Familie war aber trotzdem so spannend und mitreißend, dass ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen konnte und einfach hoffte, dass es für dieses surreale Szenario eine halbwegs schlüssige Erklärung gibt. Allerdings habe ich Jakobs Wahrnehmungen nicht mehr getraut, nicht zuletzt, weil auch er selbst immer wieder befürchtet, den Verstand zu verlieren. Doch gerade diese unzuverlässige Erzählweise trägt letztendlich enorm zur Spannung dieses Psychothrillers bei.
Ich war jedoch sehr gespannt, wie die Autorin es schaffen will, den Plot noch irgendwie logisch und stimmig aufzulösen, vor allem, weil ich auch kurz vor dem Ende noch immer nicht erkennen konnte, welche Verbindung nun zwischen Jakob und der Frau, die im Krankenhaus am Sterbebett dieses Mannes sitzt, besteht. Jutta Maria Herrmann hat mich allerdings nicht enttäuscht, denn sie führt nicht nur beide Erzählstränge gekonnt zusammen, sondern überraschte mich auch mit einem schlüssigen und realistischen Ende. Auch wenn die Autorin nicht für alle Ungereimtheiten eine Erklärung liefert, ergibt im Nachhinein betrachtet nun alles einen Sinn.
In Hotline hatte mich ein bisschen gestört, dass die Geschichte etwas vorhersehbar war, was man von Schuld bist du jedoch nicht behaupten kann. Sprachlich und erzähltechnisch hat mir Herrmanns Debüt allerdings ein wenig besser gefallen, während mich Schuld bist du nun vor allem aufgrund des deutlich rasanteren Erzählstils und des raffinierten und ausgefallenen Plots überzeugen konnte.
Das Thema Schuld und Verdrängung zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Erzählung und gibt dem Leser nach der Lektüre auch Anlass, über den eigenen Umgang mit Schuld nachzudenken.
Ein sehr außergewöhnlich konstruierter Psychothriller, der mich trotz zeitweiliger Irritationen vollkommen begeistern konnte und von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und die Verlagsgruppe Droemer Knaur, die mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jutta Maria Herrmann: Schuld bist du
Verlag: Knaur TB
Ersterscheinungsdatum: 01. Juni 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-426-51851-9

Cover: Droemer Knaur

Buchrezension: Mats Strandberg – Die Überfahrt

Mats Strandberg - Die ÜberfahrtInhalt:

Die meisten Passagiere an Bord der schwedischen Ostsee-Fähre Baltic Charisma wollen sich einfach nur amüsieren. Das 170 Meter lange Fährschiff, das Tag für Tag dieselbe Route von Stockholm nach Finnland und wieder zurück fährt, ist zwar schon etwas in die Jahre gekommen und keineswegs luxuriös ausgestattet, aber die Gäste interessieren sich ohnehin vor allem für den billigen zollfreien Alkohol und die ausgelassene Partystimmung an Bord. Auch diesmal haben sich wieder 1200 Passagiere eingefunden, die einfach ihrem Alltag entfliehen, sich betrinken, feiern und Spaß haben wollen oder auf der Suche nach einem unverbindlichen erotischen Abenteuer sind. Die Besatzung hat alle Hände voll zu tun, nicht zuletzt das Wachpersonal, das in diesem Chaos für ein bisschen Ordnung sorgen soll, damit die Stimmung aufgrund des hohen Alkoholkonsums nicht eskaliert.
Niemand achtet auf die stark geschminkte, dunkelhaarige Frau und den kleinen blonden Jungen, die mit einem Wohnmobil an Bord gekommen waren. Niemand bemerkt die ängstlichen Blicke der Frau, die befürchtet, dass ihr Sohn kurz davor steht, eine Grenze zu überschreiten, und weiß, was passieren wird, wenn er es tut. Niemand ahnt, dass mit ihnen ein uraltes Grauen das Schiff betreten hat und die Baltic Charisma bald zur tödlichen Falle wird, aus der es kein Entkommen gibt.

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Die Überfahrt von Mats Strandberg und fieberte dem Ersterscheinungstag geradezu entgegen, denn ich liebe Thriller, die mich mit meinen eigenen Ängsten konfrontieren. Das klingt für jeden, der gerne Schiffsreisen unternimmt, sicher furchtbar albern, aber bereits der Schauplatz dieses Thrillers kommt für mich einem Albtraum gleich. Für mich gibt es kaum etwas Beklemmenderes als Schiffe, und schon allein die Vorstellung, an einem von Wasser umgebenen Ort sein zu müssen, den ich nicht jederzeit verlassen kann, treibt mir den puren Angstschweiß auf die Stirn. Ich war mir also ziemlich sicher, dass Die Überfahrt ein überaus spannendes und beklemmendes Leseerlebnis wird, zumal der Autor auf dem Cover als „der schwedische Stephen King“ bezeichnet und auch mit Justin Cronin verglichen wird. Dass man diesen Vergleichen nicht trauen kann, ist mir durchaus bewusst, aber trotzdem falle ich immer wieder auf solche werbewirksamen Aussagen herein. Man tut einem Autor aber sicher keinen Gefallen, wenn man die Messlatte derart hoch anlegt und eine Erwartungshaltung schürt, der der Roman dann nicht gerecht werden kann. Ich habe jedenfalls nicht einmal ansatzweise Gemeinsamkeiten mit King oder Cronin erkennen können, was jedoch keinesfalls der einzige Grund war, weshalb mich Die Überfahrt letztendlich doch sehr enttäuscht hat.
Dabei beginnt die Erzählung durchaus vielversprechend, wenn auch nicht gerade besonders spannend, denn auf den ersten hundert Seiten passiert eigentlich nichts. Allerdings gelingt es Mats Strandberg ausgezeichnet, die überaus klaustrophobische Atmosphäre und die Stimmung auf der Baltic Charisma perfekt einzufangen und dieses gewaltige und etwas heruntergekommene Schiff vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen.
Außerdem lernt man im ersten Teil dieses Thrillers die Passagiere und Besatzungsmitglieder näher kennen, aus deren Perspektive die Geschehnisse dann erzählt werden. Mit viel gutem Willen kann man hier eine kleine Gemeinsamkeit mit Stephen King erkennen, der ebenfalls sehr viel Zeit darauf verwendet, seine Charaktere einzuführen und eine Vorliebe für gebrochene Figuren und soziale Außenseiter hat. Allerdings schafft es King, seinen Figuren Kontur zu verleihen und lebendige und unverwechselbare Charaktere zu erschaffen, während ich manche Protagonisten in Strandbergs Thriller kaum voneinander unterscheiden konnte. Am Anfang fiel es mir besonders schwer, den Überblick über das Personal des Romans zu behalten, und manchen Figuren fehlte eben auch leider die nötige Tiefe, sodass sie etwas schablonenhaft wirkten. Einen Hauptprotagonisten auszumachen, ist unmöglich, denn die Geschichte wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt, von denen keine besonders heraussticht. Eines haben allerdings alle Charaktere gemeinsam – sie sind allesamt vom Schicksal gebeutelte und gebrochene Figuren, seien es nun die Besatzungsmitglieder oder die Passagiere.
Im Gedächtnis blieb mir vor allem ein abgehalfteter ehemaliger Schlagerstar, der in der Karaokebar des Schiffes arbeitet, das Ende seiner Karriere noch immer nicht verkraftet hat, äußerst verbittert ist und seinen Frust mit Sex, Alkohol und Kokain betäubt. Im Grunde verachtet er die Passagiere, die er nun unterhalten muss, um überhaupt noch seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, und verhöhnt die Frauen, die ihn noch immer hingebungsvoll anschmachten und zumindest seine sexuellen Bedürfnisse befriedigen. Er ist ein äußerst verabscheuungswürdiger Charakter und keineswegs ein Protagonist, mit dem man mitfiebern könnte. Albin, ein kleiner Junge, der mit seinen Adoptiveltern an Bord ist, ist mir allerdings sehr ans Herz gewachsen. Seine Adoptivmutter sitzt im Rollstuhl, der Vater ist ein depressiver Alkoholiker, der zu heftigen Wutausbrüchen neigt und im nächsten Moment wieder in weinerliche Depressionen verfällt. In der Familie wird jedoch nicht über diese Probleme gesprochen, und so freut sich Albin, dass er auf dieser Schiffsreise wenigstens seine Cousine Lo wiedersehen darf, die er lange nicht mehr gesehen hat. Doch Lo hat sich verändert, steckt mitten in der Pubertät, bunkert jetzt schon heimlich kleine Wodkafläschchen und ist Albin fremd geworden.
Auch wenn mir außer Albin und einem homosexuellen jungen Mann, der die Fahrt auf der Baltic Charisma nutzt, um seinem Lebensgefährten einen Heiratsantrag zu machen, niemand so recht sympathisch war, hat mir der Einstieg in die Geschichte sehr gut gefallen, obwohl lange nichts Spektakuläres passiert. Langweilig war es trotzdem nicht, die Personen kennenzulernen, die dazu verdammt sind, die kommenden vierundzwanzig Stunden miteinander auf dieser Fähre zu verbringen, die für alle bald zu einer tödlichen Falle werden soll.
Mit steigendem Alkoholpegel sinken die Schamgrenzen und Hemmschwellen immer mehr, aber aus diesem Grund waren ja die meisten Passagiere überhaupt an Bord gekommen –  um sich sinnlos zu betrinken und alle Hemmungen fallen zu lassen. Die Partystimmung hat ihren Höhepunkt fast erreicht, als das Grauen dann hereinbricht.
Schon auf den ersten Seiten spürt man, dass mit der stark geschminkten, dunkelhaarigen Frau mit dem zerfurchten Gesicht und ihrem kleinen, etwa fünf Jahre alten Sohn etwas nicht stimmt. Allerdings erfährt man nichts Näheres über die beiden, sodass der Horror, der nun ausbricht, doch etwas unvermittelt kommt. Auch wenn es zunächst noch äußerst schockierend und auch spannend war, dieses Horrorszenario aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten, wurde mir das Blut, das nun eimerweise aus den Seiten triefte, schnell zu viel. Ich kann wirklich viel aushalten, habe auch keinen empfindlichen Magen, aber effekthascherisches Gemetzel allein ist eben furchtbar nichtssagend und auf Dauer auch sehr ermüdend. Als der erste Schock überwunden war und sich nur noch ein unappetitliches Szenario an das nächste reihte, habe ich mich nämlich leider auch schrecklich gelangweilt, zumal schon absehbar war, wie die Geschichte endet. Ein paar gute Ansätze waren durchaus erkennbar, wurden dann allerdings in wenigen Sätzen abgehandelt und verliefen leider wieder im Sande. Jede Chance, der Geschichte noch ein bisschen Tiefgang zu verleihen, wurde ungenutzt fallengelassen, sodass außer billigem Splatter eigentlich nichts mehr übrigblieb. Das Einzige, was in diesem Buch Tiefgang hatte, war das Schiff!
Und gerade das ist es, was Strandbergs Roman von Werken von King und Cronin unterscheidet, denn diese beiden Autoren schaffen es, Horror auf hohem Niveau zu erzählen, nicht jedes blutige Detail in allen Einzelheiten zu beschreiben, sondern das wahre Grauen im Kopf des Lesers entstehen zu lassen und den ewigen Kampf von Gut gegen Böse in all seinen Facetten zu zeigen. Weniger ist eben tatsächlich häufig mehr, und etwas weniger Blut und Gedärme und dafür etwas mehr Tiefgang hätten diesem Roman sehr gut getan. Wer blutigen und brutalen Splatter mag, wird an Die Überfahrt spätestens nach hundert Seiten seine Freude haben, aber mein Geschmack ist das leider gar nicht, weshalb mich dieser Horrorthriller leider enttäuscht hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Mats Strandberg: Die Überfahrt
Verlag: Fischer TOR
Ersterscheinungsdatum: 24. Mai 2017
512 Seiten
ISBN 978-3-596-29599-9

Buchrezension: Hollie Overton – Babydoll

Hollie Overton - BabydollInhalt:

Lily Riser war sechzehn Jahre alt, als sie von Rick Hanson entführt wurde. Seit acht Jahren wird sie von ihrem Peiniger in einer Hütte im Wald gefangen gehalten, gedemütigt, erniedrigt und missbraucht. Lily kennt das Geräusch des Riegelschlosses genau, wenn Rick sie wieder einschließt und die Hütte verlässt, aber an einem kalten Winterabend hört sie das Klicken des Schlosses nicht. Sie will zunächst nicht glauben, dass Rick, der Vater ihrer kleinen Tochter Sky, tatsächlich vergessen hat, die Tür abzuschließen, denn er ist viel zu gewissenhaft und präzise, um Fehler zu machen. Vielleicht stellt er sie nur wieder auf die Probe und will testen, ob sie es noch immer wagt, sich ihm zu widersetzen, aber als sie vorsichtig die Klinke nach unten drückt, schwingt die Tür auf und sie kann tatsächlich nach draußen. Sie weckt die kleine Sky, drückt sie fest an sich und rennt los, so schnell sie kann.
Ihre Mutter Eve, die sich in eine schwache und gebrochene Frau verwandelt hat, kann es kaum fassen, dass Lily noch am Leben ist, als diese mit ihrer kleinen Tochter vor ihrer Türe steht. Auch Lilys Zwillingsschwester Abby ist überglücklich, dass Lily endlich wieder bei ihr ist, denn sie ist nie über den Verlust ihrer Zwillingsschwester hinweggekommen, hat sich mit Alkohol und Drogen betäubt und hatte Mühe, ihrem Leben ohne Lily etwas Ordnung und Struktur zu verleihen. Trotzdem muss die Familie nun feststellen, dass es selbst nach Lilys Rückkehr nicht möglich ist, wieder zur Normalität zurückzukehren, denn die Wunden, die die Entführung bei der ganzen Familie hinterlassen hat, sind viel zu tief, zumal der Medienrummel nicht abreißen will und die kleine Sky, die ihr ganzes bisheriges Leben in Isolation verbracht hat, Probleme hat, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.
Allerdings ahnt zunächst niemand, dass der wahre Schrecken erst jetzt beginnt.
Rick Hanson konnte zwar gefasst werden und sitzt im Gefängnis, aber er schmiedet dort einen teuflischen Plan und hat sich fest vorgenommen, Lily für ihren Ungehorsam zu bestrafen.

Meine persönliche Meinung:

Ich muss ja zugeben, dass der Titel Babydoll mich ein wenig abgeschreckt hat, aber als ich den Klappentext gelesen hatte, musste ich dieses Buch einfach lesen. Als es dann bei mir angekommen ist, habe ich es fast in einem Rutsch durchgelesen, denn es war so mitreißend, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Die Erzählung setzt da ein, wo andere Entführungsgeschichten enden, nämlich an dem Tag, an dem es Lily gelingt, ihrem Peiniger zu entkommen, weil dieser vergessen hatte, die Tür der Hütte zu verriegeln, in der sie die letzten Jahre eingesperrt war. Schon auf den ersten Seiten hielt ich den Atem an, denn Lilys Flucht ist bereits sehr spannend und auch erschütternd, zumal man erfährt, dass sie während ihrer achtjährigen Gefangenschaft ein Kind von ihrem Entführer bekommen hat und auf jeder Seite ihre Angst spüren kann.
Im nächsten Kapitel wechselt die Perspektive dann zu ihrem Entführer Rick Hanson, der inzwischen zwar bemerkt hat, dass er vergessen hatte, die Tür abzuschließen, aufgrund seiner Nachlässigkeit auch verärgert und ein wenig beunruhigt ist, aber davon ausgeht, dass Lily es ohnehin niemals wagen würde, zu fliehen. Er befindet sich gerade auf dem Weg nach Hause zu seiner Frau Missy, einer sehr einfältigen Person, die nichts vom Doppelleben ihres Mannes weiß. Rick verachtet seine Frau, aber er braucht sie eben, um die Fassade des ehrbaren Lehrers aufrechtzuerhalten. In die Gedankenwelt dieses Mannes einzutauchen, ist schon zu Beginn dieses Psychothrillers überaus verstörend, aber im weiteren Handlungsverlauf haben mir die Passagen, die aus Ricks Perspektive geschildert werden, geradezu die Sprache verschlagen.
Die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt. Abwechselnd kommen Lily, ihre Zwillingsschwester Abby, ihre Mutter Eve und ihr Entführer Rick Hanson zu Wort. Obwohl der Fokus der Erzählung auf der Zeit nach Lilys Rückkehr und den Folgen der Entführung liegt, wirft der Leser mit jedem Protagonisten auch einen Blick zurück in die Vergangenheit und erfährt, was in den vergangenen acht Jahren passiert ist. Hollie Overton hat alle Charaktere ihres Romans sehr glaubwürdig ausgearbeitet und psychologisch präzise gezeichnet.
Vor allem Lilys Schicksal ging mir sehr nahe, denn die unsäglichen Qualen und Misshandlungen, die sie während ihrer achtjährigen Gefangenschaft erleiden musste, waren sehr schockierend. Ihr Körper ist das offizielle Beweismittel für Ricks perverse Neigungen; doch noch schlimmer als die Narben und Brüche, sind die psychischen Schäden, die er ihr zugefügt hat, indem er sie jahrelang ihrer Freiheit und ihrer Jugend beraubte und alles versucht hat, sie zu brechen. Ich mochte Lily von der ersten Seite an und war sehr beeindruckt von ihrer Stärke, ihrem Mut und der Entschlossenheit, mit der sie für ein neues Leben für sich und ihre kleine Tochter kämpft.
Lilys enge und liebevolle Bindung zu ihrem Kind, das während einer der unzähligen Vergewaltigungen gezeugt wurde, hat mich häufig zu Tränen gerührt. Die kleine Sky liebt ihren Vater, denn sie hat außer ihm nie einen anderen Menschen kennengelernt und weiß nicht, dass er ein Ungeheuer ist, das ihre Mutter geschlagen und gequält hat, da Lily immer dafür sorgte, dass ihr Kind das nicht mitbekommt. Sky kannte bislang nur die Isolation, hat große Mühe, sich nun in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden, die Reizüberflutung und die neuen Eindrücke zu verarbeiten und möchte wieder zurück in die vertraute Hütte im Wald und zu ihrem Vater. Das klingt zunächst etwas irritierend, ist aber aus der Sicht dieses Kindes auf geradezu erschütternde Weise nachvollziehbar.
Lily stellt sehr schnell fest, dass es für sie unmöglich ist, wieder zur Normalität zurückzukehren. Sie denkt viel darüber nach, was sie in den letzten Jahren versäumt hat, war gerade frisch verliebt, als sie im Alter von sechzehn Jahren aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurde und würde nun gerne alles nachholen. Allerdings muss sie erkennen, dass die vergangenen acht Jahre nicht nur bei ihr, sondern auch bei ihrer Familie sehr tiefe Wunden hinterlassen haben und sie nie wieder dort anknüpfen kann, wo ihre unbekümmerte Jugend einst endete.
Ihr Vater ist kurz nach ihrer Entführung an einem Herzinfarkt verstorben, weil er den Verlust seines Kindes nicht verkraften konnte. Ihre Mutter Eve ist eine zerbrechliche und schwache Frau geworden, die sich in unverbindliche Affären stürzte, um ihren Sorgen und der Einsamkeit zu entfliehen. Lilys Zwillingschwester Abby hingegen hat sich mit Drogen und Alkohol betäubt, wollte sich umbringen und selbst dafür bestrafen, dass nicht sie, sondern ihre Schwester entführt wurde. Man merkt deutlich, dass die Autorin selbst eine Zwillingsschwester hat, denn die besondere Verbindung, die zwischen Zwillingen besteht, wird sehr eindrucksvoll und nachvollziehbar geschildert. Als Abby erfährt, dass Lily die vergangenen Jahre ganz in ihrer Nähe gefangen gehalten wurde, sie den Entführer sogar kannte und ihm tagtäglich begegnete, gerät sich vollkommen außer Kontrolle. Ich mochte Abby nicht besonders, denn sie war mir häufig ein wenig zu impulsiv, aber dennoch hat mich ihre enge Bindung an ihre Zwillingsschwester sehr berührt.
Besonders verstörend und schockierend waren allerdings die Passagen, die aus der Perspektive von Rick erzählt wurden, denn Hollie Overton hat einen so abgrundtief bösen Charakter geschaffen, wie man ihn selbst im Thrillergenre nur selten findet. Die Autorin hat auch ihren Antagonisten überaus präzise ausgearbeitet und lässt den Leser in die dunkelsten Abgründe menschlicher Grausamkeit blicken. Nach Lilys Flucht wird Rick zwar sehr schnell gefasst, aber er schmiedet im Gefängnis einen teuflischen Plan. Er will Lily nicht ungeschoren davonkommen lassen, sondern sie für ihren Ungehorsam bestrafen. Seine Gedankengänge sind äußerst abstoßend, denn dieser Mann besitzt keinerlei Unrechtsbewusstsein oder Skrupel. Irritierend ist vor allem, dass er behauptet, Lily zu lieben und sogar davon ausgeht, dass sie ihm Dankbarkeit schuldet. Er war sich sicher, ihren Willen gebrochen zu haben und kann es nicht fassen, dass sie es tatsächlich gewagt hat, sich ihm zu widersetzen. Obwohl er im Gefängnis sitzt, ist zu befürchten, dass es ihm gelingt, seine Pläne in die Tat umzusetzen, denn das besonders Gefährliche an diesem Mann ist, dass er überaus intelligent und charismatisch ist und Menschen sehr geschickt manipulieren kann.
Die Spannung dieses Psychothrillers resultiert vor allem aus der ständigen Gefahr, die noch immer von diesem perversen Psychopathen ausgeht. Doch nur der Leser weiß, was Rick vorhat, während Lily und ihre Familie verzweifelt versuchen, wieder etwas Normalität in ihr Leben zu bringen, aber recht arglos sind und sich zumindest sicher fühlen.
Mir hat Babydoll ausgesprochen gut gefallen, auch wenn das Ende ein bisschen zu gewollt und nicht gerade originell war. Selten hat mich ein Roman so tief berührt und gleichzeitig so hochspannend unterhalten. Durch die angenehme Kapitellänge und den flüssigen Schreibstil der Autorin flog ich geradezu durch die Seiten und fieberte das ganze Buch hinweg mit Lily und ihrer Familie mit. Ein grandioses Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich bald noch mehr lesen darf!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Hollie Overton: Babydoll
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 15. Mai 2017
352 Seiten
ISBN: 978-3-442-20520-2

Cover: Goldmann Verlag

Mein Monatsrückblick Mai 2017

Nach zwei abgebrochenen Büchern und einer ordentlichen Leseflaute im April, konnte es im Mai ja fast nur besser werden. Glücklicherweise wurde es das auch, denn schon zu Beginn des vergangenen Monats ist ein Buch bei mir eingetroffen, das mich so gefesselt und begeistert hat, dass ich wieder richtig Spaß am Lesen bekommen habe. Und so blicke ich auf einen sehr erfreulichen Lesemonat ohne Leseflops zurück, in dem ich sogar gleich drei Bücher mit 5 Sternchen bewerten konnte.

Ich habe im Mai fünf Bücher gelesen; das waren 2224 Seiten, also durchschnittlich ca. 72 Seiten pro Tag.

Mit einem Klick auf das Cover oder den Buchtitel gelangt Ihr zu meinen ausführlichen Rezensionen (die noch ausstehenden Rezensionen folgen in den nächsten Tagen).

Luca D'Andrea - Der Tod so kalt

Das erste Buch, das ich im Mai gelesen habe, sollte dann auch gleich mein Monatshighlight werden. Der Tod so kalt von Luca D’Andrea war ein überaus spannender und abwechslungsreicher Thriller, der mich vor allem aufgrund seines imposanten Settings und der düsteren Grundstimmung begeistern konnte. Auch der Protagonist war hervorragend ausgearbeitet, sodass ich gerne an seiner Seite mitgefiebert habe.

Louise Millar - Allein die Angst

Ich freue mich immer, wenn ich auf meinem Stapel ungelesener Bücher bislang unentdeckte Buchschätzchen finde, mit denen ich gar nicht mehr gerechnet hätte. Trotz eines etwas zu gemächlichen Einstiegs in die Geschichte und ein paar kleinen logischen Ungereimtheiten hat mir Allein die Angst von Louise Millar sehr gut gefallen. Ein gelungener Psychothriller, der ohne Blutvergießen auskommt und aufgrund der bedrohlichen Atmosphäre für Gänsehaut sorgt.

Carla Berling - Mordkapelle

Ein bisschen enttäuscht war ich hingegen von Mordkapelle von Carla Berling, dem vierten Band der Krimireihe um die Lokalreporterin Ira Wittekind. Während der Kriminalfall sehr gut durchdacht und spannend war und auch zum Miträtseln einlud, haben mich das Privatleben der Ermittlerfigur und die gewollt komischen Momente doch etwas gestört und gelangweilt. Ein netter und unterhaltsamer Krimi für Zwischendurch, aber leider kein Krimihighlight, das im Gedächtnis bliebe.

Hollie Overton - BabydollVon Babydoll von Hollie Overton hatte ich eigentlich gar nicht viel erwartet, denn die Grundidee ist nicht besonders neu und originell. Ich habe in der letzten Zeit viele Bücher über entführte Kinder gelesen, die Jahre nach ihrem Verschwinden wieder zu ihren Familien zurückkehren, aber nur selten wurde diese Thematik so innovativ umgesetzt und so berührend und gleichzeitig hochspannend ausgearbeitet wie in diesem Roman. Obwohl das Ende für mein Empfinden nicht gerade spektakulär war, hat mich Babydoll vollkommen überzeugt, sehr spannend unterhalten und häufig auch zu Tränen gerührt.

Stephen King - Mr. Mercedes

Stephen Kings Bücher begleiten mich nun schon seit mehr als dreißig Jahren. Dabei haben mir vor allem immer die Romane besonders gut gefallen, in denen der „Meister des Grauens“ auf Horrorelemente verzichtet. Wer in Mr. Mercedes auf Horrorclowns oder andere Monsterwesen wartet, wird vielleicht ein bisschen enttäuscht sein, aber Stephen King hat im Auftakt seiner Bill-Hodges-Serie ein Monster in Menschengestalt entworfen, wie es böser kaum sein kann und wieder einmal bewiesen, dass seine wahren Stärken in der Figurenzeichnung liegen. Ein grandios erzählter und mitreißender Roman, der mich restlos begeistern konnte (eine ausführliche Rezension folgt)

© Claudia Bett

 

Buchrezension: Louise Millar – Allein die Angst

Louise Millar - Allein die AngstInhalt:

Callie ist geschieden und zieht ihre herzkranke Tochter Rae seit fünf Jahren alleine groß. Sie fühlt sich sehr einsam, ausgeschlossen und isoliert, denn außer ihrer Nachbarin Suzy hat sie keine sozialen Kontakte. Suzy ist verheiratet, Mutter von drei Kindern, geht ganz in ihrer Mutterrolle auf und muss sich um Geld keine Sorgen machen, während Callie zu gerne wieder als Sounddesignerin arbeiten würde, um eine Aufgabe zu haben, Kontakte zu knüpfen und von ihrem Exmann finanziell unabhängig zu sein.
Nun hat Callie jedoch wieder die Möglichkeit bekommen, in ihrem alten Job zu arbeiten. Sie ist überglücklich, macht sich aber auch Sorgen um ihre Tochter Rae, die unter einem angeborenen Herzfehler leidet. Rae wird zwar in einem Hort betreut, möchte auch langsam selbständiger werden, aber Callie hat immer Angst, dass ihr Kind stürzt oder sich überanstrengt, denn das könnte fatale Folgen haben. Sie ist sehr erleichtert, dass Suzy sie unterstützen möchte und sich bereiterklärt, Rae vom Hort abzuholen, falls Callie länger arbeiten muss. Außerdem ist da noch Debs, die neue Nachbarin, die zwar ein wenig merkwürdig und überspannt zu sein scheint, aber Lehrerin ist, als Kinderbetreuerin in Raes Hort arbeitet und denselben Heimweg hat.
Doch dann stürzt das kleine Mädchen auf dem Nachhauseweg und muss sofort ins Krankenhaus. Callie macht sich schwere Vorwürfe, glaubt aber zunächst noch an ein Missgeschick. Als sich die seltsamen Vorkommnisse jedoch häufen, keimt in ihr allmählich der schreckliche Verdacht, dass ihr Kind in großer Gefahr schwebt und sie vielleicht den falschen Personen vertraut.

Meine persönliche Meinung:

Louise Millars Debüt Allein die Angst lag schon ziemlich lange ungelesen in meinem Regal. Die ersten Seiten habe ich zwar schon vor einiger Zeit gelesen, das Buch dann aber wieder zur Seite gelegt, weil mich die ersten Kapitel nicht gerade umgehauen haben. Beim Ausmisten meiner Bücherregale ist mir Allein die Angst nun kürzlich wieder in die Hände gefallen. Ich spielte schon mit dem Gedanken, es auszusortieren, was ich gerade bei ungelesenen Büchern jedoch äußerst ungern tue, und beschloss deshalb, diesem Psychothriller doch noch eine zweite Chance zu geben. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn entgegen meinen Erwartungen hat mir Allein die Angst dann doch sehr gut gefallen, auch wenn, was Spannung und Logik anbelangt, noch etwas Luft nach oben gewesen wäre.
Der Einstieg in die Geschichte ist ein wenig zäh und gleicht eher einem Psychodrama als einem Thriller. Allerdings lernt man Callie, Suzy und Debs, die drei Hauptcharaktere, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden, in den ersten Kapiteln sehr gut kennen und erhält tiefe Einblicke in ihren Alltag und ihr Innenleben. Besonders auffallend war, dass Callie aus der Ich-Perspektive berichtet, während die Autorin für die Kapitel, die aus Suzys und Debs‘ Sicht erzählt werden, die personale Erzählperspektive gewählt hat. Der Leser wird also sehr geschickt in eine bestimmte Richtung gelenkt, denn während man Suzy und Debs zwar bei allem begleitet, was sie erleben, fühlen und beobachten, baut man nur zu Callie eine ganz besondere Nähe auf, da man quasi in ihre Rolle schlüpft. Callie steht nicht nur im Fokus der Erzählung, sondern wird durch die gewählte Ich-Perspektive auch zur Identifikationsfigur für den Leser, was im weiteren Handlungsverlauf jedoch für etwas Verwirrung sorgt. Da die Autorin ihre Figuren sehr fein, glaubwürdig und psychologisch ausgefeilt gezeichnet hat, konnte ich mich aber zunächst sehr gut in Callie einfühlen und nachempfinden, wie einsam und verzweifelt sie ist. Die letzten fünf Jahre wurde ihr Leben von der Sorge um ihre herzkranke Tochter bestimmt. Callie ist vollkommen isoliert, hat keine sozialen Kontakte, niemanden, der sie unterstützt und trägt die Verantwortung für ihr krankes Kind alleine. Ihr Exmann hat eine neue Beziehung, arbeitet im Ausland, unterstützt sie zwar finanziell, aber dennoch ist das Geld meistens knapp. Callie freut sich, als sie die Chance bekommt, wieder in ihrem alten Job zu arbeiten, ihrer Isolation zu entkommen und ihrem Kind auch finanziell wieder mehr bieten zu können. Doch als die kleine Rae auf dem Nachhauseweg stürzt und ins Krankenhaus eingeliefert werden muss, macht sie sich große Vorwürfe. War ihr Wunsch, wieder arbeiten zu gehen, vielleicht zu egoistisch? Wie konnte es überhaupt zu diesem schweren Sturz kommen? Wer sorgt dafür, dass die kleine Rae keine Freunde findet und überall ausgegrenzt wird? Und wer sollte einen Grund haben, das kleine Mädchen absichtlich zu verletzen? Debs, die merkwürdige neue Nachbarin? Man könnte doch meinen, dass das Kind in der Obhut einer Lehrerin, die in der Kinderbetreuung arbeitet, gut aufgehoben ist. Oder steckt Callies Freundin Suzy hinter den seltsamen Vorkommnissen? Aber Suzy ist selbst Mutter, liebt Kinder über alles und weiß auch, dass Rae aufgrund ihres Herzfehlers besondere Fürsorge braucht. Außerdem ist Suzy Callies Freundin und hat ihr versprochen, sie zu unterstützen.
Diese beiden Frauen in Callies Umfeld sind äußerst dubiose und sehr ambivalente Figuren. Vor allem Debs verhält sich überaus merkwürdig. Sie ist Lehrerin und mit ihrem Mann erst kürzlich in Callies Nachbarschaft gezogen, ist vollkommen überspannt, hypernervös, geradezu paranoid und fühlt sich ständig verfolgt und bedroht. Sie stört sich an jedem noch so harmlosen Geräusch, verliert vollkommen die Kontrolle, wenn sie einen Staubsauger, das Rauschen einer Toilettenspülung oder das Sirren eines vorbeifahrenden Skateboards hört und wittert hinter jeder Banalität einen persönlichen Affront. Sie ist furchtbar anstrengend, ging mir auch ziemlich auf die Nerven, tat mir aber häufig auch leid. Man ahnt recht schnell, dass der Auslöser ihrer Psychose in ihrer Vergangenheit zu finden ist und irgendetwas Schreckliches vorgefallen sein muss. Offenbar fürchtet sie sich vor allem vor den Angehörigen eines Mädchens namens Daisy, fühlt sich von ihnen verfolgt und schikaniert. Aber was hat sie diesem Mädchen angetan? Hat Debs schon einmal ein Kind verletzt und ist nun auch für Raes Unfall verantwortlich?
Aber auch Suzy verhält sich äußerst verdächtig. Man möchte diese Frau weder zur Nachbarin noch zur Freundin haben. Sie ist krankhaft eifersüchtig, besitzergreifend, aufdringlich und geradezu übertrieben fürsorglich. Suzy versteht es recht gut, ihre Ängste und Schwächen geschickt zu verbergen, gibt sich nach außen selbstbewusst, souverän und humorvoll, versucht sich selbst und anderen einzureden, dass sie glücklich und zufrieden ist und eine harmonische Ehe führt, während sie tief in ihrem Inneren von Verlustängsten geplagt wird und ständig befürchtet, dass ihr Mann sie betrügen oder sich Callie von ihr abwenden könnte. Callie würde sich auch gerne ein wenig von ihrer Freundin distanzieren, denn außer den Kindern verbindet sie eigentlich nichts mit Suzy. Diese recht fragwürdige Frauenfreundschaft beruht nicht auf Gemeinsamkeiten oder gar auf Sympathie, sondern nur auf der Angst vor dem Alleinsein und ist im Grunde eine reine Zweck- und Nutzengemeinschaft. Callie braucht Suzys Unterstützung, wenn sie wieder arbeiten möchte und Rae nicht rechtzeitig vom Hort abholen kann. Suzy drängt sich ihr auch regelrecht auf, ist geradezu versessen darauf, sich nützlich und unabkömmlich zu machen, aber dennoch hatte ich ständig den Verdacht, dass sie Callie ihren beruflichen Wiedereinstieg nicht gönnt, sondern ihn torpedieren will. Aber würde sie soweit gehen und deshalb der kleinen Rae etwas antun? Schließlich liebt sie Kinder über alles und ist eine geradezu überfürsorgliche Mutter.
Nach dem etwas zähen Einstieg ist die bedrohliche Situation, in der sich Callie und ihre kleine Tochter befinden, auf jeder Seite spürbar und sorgt durchgehend für subtile Spannung. Der Kreis der Verdächtigen ist sehr klein, aber dennoch war ich mir lange nicht sicher, wer nun hinter all den rätselhaften Vorkommnissen steckt. Es ist nicht ganz einfach, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, weil die drei Hauptcharaktere sehr ambivalent angelegt sind – nicht nur Debs und Suzy, sondern auch Callie. Auch Callie hat ein dunkles Geheimnis, das jedoch sehr spät enthüllt wird. Das ist umso schockierender, weil Callie die einzige Identifikationsfigur ist, man sich ihr besonders nahe fühlt und bislang den Eindruck hatte, alles über diese Frau zu wissen. Vor dem Hintergrund dieser neuen Information erscheint nun plötzlich alles in einem vollkommen anderen Licht, bleibt aber nicht minder spannend. Nach dieser Wendung machte, rückwirkend betrachtet, leider vieles, was zuvor passiert ist, überhaupt keinen Sinn mehr, worunter die Logik dann doch sehr gelitten hat. Das ist überaus bedauerlich bei einem Psychothriller, der ansonsten glaubwürdig und psychologisch spannend erzählt wurde und in einem mitreißenden Showdown endet.
Trotzdem hat mir Allein die Angst sehr gut gefallen, zumal sich der Schreibstil der Autorin sehr angenehm lesen lässt und die Dramaturgie des Buches sehr gelungen ist. Ein fesselnder Psychothriller um Freundschaft, Vertrauen und Verrat, der ohne Brutalität auskommt und trotzdem für Gänsehaut sorgt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Louise Millar: Allein die Angst
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 05. April 2012
384 Seiten
ISBN: 978-3-596-19376-9

Cover: S. Fischer Verlag

Buchrezension: Carla Berling – Mordkapelle

Carla Berling - MordkapelleInhalt:

Ira Wittekind ist Mitte fünfzig und Lokalreporterin bei Tag 7. Eigentlich wollte sie mit ihrem Lebensgefährten auf den Rehmer Markt, die Kirmes in Bad Oeynhausen, und dort einen entspannten Sommerabend verbringen. Doch dann erfährt sie von ihrer Freundin Coco, dass die Friedhofskapelle gebrannt hat und man vor dem Altar einen noch brennenden Toten fand. Als Ira kurz darauf am Tatort eintrifft, bietet sich ihr ein schockierender Anblick: In der abgebrannten Ruine der Friedhofskapelle steht ein Rollstuhl, in dem eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche sitzt. Bei dem Toten handelt es sich offenbar um den angesehenen Apotheker Ludwig Hahnwald, der trotz seines betagten Alters nur der „schöne Ludwig“ genannt wurde. Aber wer hatte einen Grund, den alten Mann zu töten, von dem alle nur voller Hochachtung reden und der für seine Großzügigkeit bekannt war? Ira Wittekind beginnt zu recherchieren und stößt dabei auf ein düsteres Geheimnis, finstere Intrigen, eine verratene Liebe und ein lange zurückliegendes Unrecht, das nie gesühnt wurde.

Meine persönliche Meinung:

Ich hatte mal wieder richtig Lust auf einen spannenden Krimi zum Miträtseln und bin bei meiner Suche nach neuem Lesestoff auf Mordkapelle von Carla Berling gestoßen. Bei deutschen Kriminalromanen bin ich inzwischen immer ein wenig skeptisch, denn entweder stecken sie so voller Lokalkolorit, dass man auch gleich einen Reiseführer lesen könnte, oder sie sind so gewollt komisch, dass sie eher einer albernen Slapstickkomödie gleichen. Beides geht leider meistens auf Kosten eines intelligenten Plots und vor allem der Spannung. Der Klappentext von Carla Berlings Kriminalroman klang allerdings äußerst vielversprechend, und so war ich sehr gespannt auf Mordkapelle, den vierten Band der Reihe um die Lokalreporterin Ira Wittekind. Die ersten drei Bände dieser Krimireihe wurden allerdings im Selbstverlag veröffentlicht, während Mordkapelle nun der erste Band ist, der kürzlich bei Heyne erschien, aber man muss die vorhergehenden Bände nicht zwingend kennen, um der Handlung folgen zu können. Ich hatte jedenfalls nie den Eindruck, dass mir entscheidende Vorkenntnisse fehlen, um Ira Wittekind bei ihrem vierten Fall zu begleiten, denn man lernt die Protagonistin und das Umfeld, in dem sie lebt und arbeitet, sehr gut kennen, und der Kriminalfall ist in sich abgeschlossen. Erfreulicherweise hielt sich das Lokalkolorit in Grenzen, sodass man Bad Oeynhausen nicht kennen muss, um seine Freude an diesem Krimi zu haben.
Man merkt, dass Carla Berling selbst jahrelang als Lokalreporterin tätig war, und es hat mir sehr gut gefallen, dass sie in ihrem Kriminalroman keinen klassischen Ermittler, sondern eine Journalistin ins Rennen schickt. Besonders sympathisch war mir, dass Ira Wittekind nicht mehr ganz jung, sondern bereits Mitte fünfzig ist, eigentlich ein recht intaktes Privatleben hat und weder unter Depressionen noch unter Psychosen leidet. Ein bisschen neurotisch ist sie freilich, aber weit entfernt von den vielen gebrochenen Ermittlerfiguren, die ansonsten in der Krimilandschaft zu finden sind und mir allmählich etwas auf die Nerven gehen. Die Protagonistin ist sehr glaubwürdig angelegt und hat durchaus die nötigen Ecken und Kanten. Sympathisch war sie mir trotzdem nicht, denn für mein Empfinden war sie einfach eine Spur zu kühl und tough, aber ich muss Charaktere auch nicht zwingend mögen, wenn mich ein Buch ansonsten begeistert und die Geschichte spannend erzählt und raffiniert gestrickt ist.
Das Privatleben der Ermittler interessiert mich allerdings meistens nicht besonders, weshalb ich die Passagen, in denen Ira Wittekinds Beziehung zu ihrem Freund Andy und ihr familiäres Umfeld im Vordergrund stehen, etwas langweilig fand. Besonders genervt war ich von zwei alten Tanten, die gemeinsam mit Ira und ihrem Lebensgefährten auf dem Hof von Andys Familie leben und sich – streng nach dem Motto „Nich‘ lang schnacken, Kopp in’n Nacken“ – bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit einen hinter die Binde gießen. Selbst wenn das am Anfang noch recht komisch war, wurde es mir irgendwann zu viel und einfach eine Spur zu albern. Die Darstellung der beiden alten Damen war leider sehr überzeichnet, sodass sie auf mich eher wie Karikaturen wirkten. Ich bin zwar nicht vollkommen humorbefreit, aber solche gewollt komischen Momente stören mich in Kriminalromanen doch sehr und treffen auch nicht unbedingt mein Komikzentrum. Iras Lebensgefährte Andy, der ein sehr liebenswürdiger, verlässlicher und überaus geduldiger Partner an ihrer Seite ist, und auch ihre beste Freundin Coco mochte ich hingegen sehr gerne.
Ira Wittekinds Privatleben und ihre Bedenken, mit ihrem Freund eine Ehe einzugehen, haben mich ein bisschen gestört und auch sehr gelangweilt, aber der spektakuläre Mordfall, in dem sie ermittelt, nimmt in der Erzählung glücklicherweise einen breiteren Raum ein und konnte mich auch weitaus mehr begeistern. Bereits die Tötungsart und der Tatort sind schon überaus bizarr, aber besonders rätselhaft ist das Motiv, denn Ludwig Hahnwald, das Mordopfer, war äußerst beliebt, hatte für jeden ein freundliches Wort übrig, war großzügig, hilfsbereit, ein kompetenter Apotheker und angesehener Geschäftsmann, der von jedem geachtet und von den Frauen noch immer umschwärmt wurde. Wer sollte also einen Grund haben, den betagten Mann zu töten? Bei ihren Recherchen findet Ira Wittekind jedoch sehr schnell heraus, dass das Mordopfer ein hartherziger Patriarch war. Obwohl das Bild des vermeintlich perfekten und allseits beliebten Apothekers allmählich bröckelt, scheint auf den ersten Blick niemand ein Motiv gehabt zu haben, ihn zu ermorden. Während Ira immer tiefer in die Abgründe einer furchtbaren Familientragödie vordringt, muss sie allerdings feststellen, dass ihr ein Newsblogger mit reißerischen Schlagzeilen stets einen Schritt voraus ist. Außerdem wird sie von einem anonymen Anrufer tyrannisiert und fühlt sich zunehmend bedroht. Offenbar möchte jemand unbedingt verhindern, dass sie der Wahrheit auf die Spur kommt.
Ich fand es nicht gerade glaubwürdig, wie mühelos Ira Wittekind bei ihren Recherchen an die nötigen Informationen kommt. Es war jedenfalls erstaunlich, wie bereitwillig die meisten Befragten aus dem privaten Umfeld des Opfers die Lokalreporterin mit recht delikaten Familieninterna versorgen, die man am nächsten Tag nicht unbedingt in der Zeitung lesen möchte und – abgesehen von der Polizei – auch keinem Außenstehenden anvertrauen würde. Eine besonders ausgeklügelte Taktik, mit der es ihr gelingt, das Vertrauen der Befragten zu gewinnen, konnte ich jedenfalls nicht erkennen. Auch die Ermittlungsarbeit der Polizei war mir ein vollkommenes Rätsel. Ira Wittekind ist bei ihren Recherchen jedenfalls weitaus erfolgreicher, stößt dabei auf ein erschütterndes Familiengeheimnis und zahlreiche Verdächtige.
Es war sehr interessant, an Iras Seite immer tiefer in die düstere Vergangenheit des Mordopfers einzutauchen, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen und fleißig mitzurätseln, wer den Mord begangen haben könnte. Auch wenn ich den Kriminalfall und seine Hintergründe sehr spannend fand und die Abgründe, die sich hinter der Fassade des vermeintlich ehrenhaften und allseits beliebten Mordopfers auftaten, äußerst erschreckend waren, war mir die Erzählweise der Autorin häufig ein wenig zu gemächlich. Carla Berlings Sprache ist einfach, lässt sich angenehm und flüssig lesen, aber nervenzerreißende Hochspannung oder das Gefühl, das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu wollen, konnte bei mir leider nicht aufkommen. Der Kriminalfall war allerdings gut durchdacht, durchaus glaubwürdig und logisch konstruiert. Das Ende war ebenfalls schlüssig, wenn auch nicht besonders überraschend. Die etwas zähe Ermittlungsarbeit, Ira Wittekinds recht unspektakuläres Privatleben und die klischeehaften Figuren, die für mein Empfinden zu wenig Tiefe hatten, konnten mich allerdings nicht so recht überzeugen.
Für mich war Mordkapelle ein solider und zuweilen recht unterhaltsamer Kriminalroman zum Miträtseln, dem es jedoch leider etwas an Spannung und dem nötigen Tiefgang fehlte. Ein netter Krimi für Zwischendurch, aber nichts, was im Gedächtnis bliebe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐  (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Carla Berling: Mordkapelle
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 10. April 2017
400 Seiten
ISBN 978-3-453-41996-4

Cover: Heyne Verlag

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im Juni 2017

Der Mai neigt sich schon wieder seinem Ende, und so wurde es Zeit, mich wieder durch die Verlagsvorschauen zu wühlen und nach neuem Lesestoff zu suchen. Meine Wunschliste platzt zwar aus allen Nähten, von meinem Stapel ungelesener Bücher will ich gar nicht erst reden, aber dennoch kann ich es nicht lassen, jeden Monat nach spannenden Neuerscheinungen Ausschau zu halten. Aus Gründen der Selbstdisziplin habe ich mich aber auch diesmal wieder auf fünf Bücher beschränkt und hoffe, dass ich mit meiner kleinen Auswahl richtig liege.

Die Frauen von Salem von Brunonia BarrySalem, Neuengland: drei tote Frauen, ein kleines Mädchen als Augenzeugin und eine bekannte Historikerin unter Mordverdacht – ein Fall, der nie ganz gelöst werden konnte. Auf den Tag genau fünfundzwanzig Jahre nach dieser unheilvollen Nacht, an Halloween 2014, wird wieder ein Mord verübt. Erneut wird Rose Whelan verdächtigt, der man damals jedoch nichts nachweisen konnte. John Rafferty, Polizeichef in Salem, untersucht den aktuellen Fall und rollt im Zuge der Ermittlungen auch diesen berühmtesten Cold Case der Stadt wieder auf. Callie Cahill, das Mädchen, das damals verschont wurde und später Salem verließ, erfährt aus dem Fernsehen von dem Mord – und kommt zurück in ihre Heimatstadt, denn sie muss beweisen, dass Rose nicht die Täterin sein kann. Rose, die Frau, bei der sie aufwuchs, die ihr einst so nahe stand. Sie kann es einfach nicht gewesen sein – weder damals noch heute. Oder etwa doch? (Klappentext: btb)

Brunonia Barry: Die Frauen von Salem
Verlag: btb
Ersterscheinungstermin: 13. Juni 2017
Taschenbuch – 608 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-442-71436-0


Murder Park von Jonas WinnerZodiac Island vor der Ostküste der USA: ein beliebter Freizeitpark – bis dort ein Serienmörder drei junge Frauen auf bestialische Weise tötet. Der Täter Jeff Bohner wird schnell gefasst, der Park aber geschlossen. Die Schreie der Opfer scheinen vergessen zu sein. 20 Jahre später: Die Insel soll zur Heimat werden für den Murder Park – eine Vergnügungsstätte, die mit unseren Ängsten spielt. Paul Greenblatt wird zusammen mit elf weiteren Personen auf die Insel geladen. Und dann beginnen die Morde.

Ein Killer ist auf der Insel …keiner kann dem anderen trauen …die nächste Fähre kommt erst in drei Tagen … (Klappentext: Heyne)

 

Jonas Winner: Murder Park
Verlag: Heyne
Ersterscheinungstermin: 13. Juni 2017
Klappenbroschur – 416 Seiten – 12,99 €
ISBN: 978-3-453-42176-9


Ich will brav sein von Clara WeissDer Sommer steht vor der Tür, als die Studentin Juli das kleine Dachzimmer in dem charmanten Münchner Mietshaus bezieht. Sie teilt die Wohnung mit der jungen Schauspielerin Greta, die ihr auf Anhieb sympathisch ist, und zunächst ist Juli glücklich in ihrer neuen Umgebung. Doch dann mehren sich die Hinweise, dass Greta ein ebenso undurchsichtiges wie grausames Spiel mit ihr treibt – und während eine mörderische Hitzewelle die Stadt wie eine Glocke umschließt, gerät Julis Leben immer mehr zur Hölle: Sie entdeckt eine Leiche auf dem Dachboden, ihre beste Freundin verschwindet, ein stummes Mädchen im Treppenhaus versetzt sie in Angst und Schrecken. Als sich weitere Todesfälle ereignen, weiß sie, dass auch sie selbst in höchster Gefahr ist. Aber da ist es fast schon zu spät … (Klappentext: Goldmann)

Clara Weiss: Ich will brav sein
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 19. Juni 2017
Taschenbuch – 416 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-442-48604-5


Die Verlassene von Mary TorjussenSie hat ihn geliebt. Er hat sie verlassen. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

Er ist weg. Verschwunden. Hat sie verlassen. Ohne Nachricht, ohne etwas zu hinterlassen. Hannah ist verzweifelt. Ihr Freund Matt ist nicht mehr da, und es ist, als hätte es ihn nie gegeben. Denn nicht nur seine Sachen sind weg, auch seine Mails, seine Telefonnummer, jede Nachricht ist aus ihrem Handy gelöscht. Ist ihm etwas zugestoßen? Hat man ihm etwas angetan? Und plötzlich hat Hannah das Gefühl, beobachtet zu werden, glaubt, dass jemand in ihrer Wohnung war. Sie könnte ihr Schicksal stillschweigend ertragen und trauern. Aber sie findet keine Ruhe. Sie muss herausfinden, was passiert ist, egal wie … (Klappentext: Blanvalet)

Mary Torjussen: Die Verlassene
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungstermin: 19. Juni 2017
Taschenbuch – 416 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-7341-0444-2


Jutta Maria Herrmann - AmnesiaDu hast nichts zu verlieren.
Du hast eine mörderische Wut.
Und du kannst dich an nichts erinnern …
Als die Berlinerin Helen die Diagnose Krebs im Endstadium erhält, ist es ihr einziger Wunsch, sich vor ihrem Tod endlich mit ihrer Mutter auszusöhnen, zu der sie ein schwieriges und distanziertes Verhältnis hat. Bei ihrer Familie in der südwestdeutschen Heimat angekommen, muss sie dann schockiert erfahren, dass ihre schwangere Schwester Kristin von ihrem Ehemann Leon misshandelt wird. Am liebsten würde Helen Leon dafür umbringen, zu verlieren hat sie ja nichts mehr. Aber einen Menschen töten? Helen glaubt nicht, dass sie dazu wirklich fähig ist.
Am nächsten Morgen allerdings ist Leon tot – und Helen, die Medikamente mit schwersten Nebenwirkungen nimmt, hat keinerlei Erinnerung an die vergangene Nacht. Amnesie …

Die deutsche Spannungs-Autorin Jutta Maria Herrmann legt endlich nach und blickt mit ihrem düsteren und psychologisch tiefgründigen Thriller in die menschlichen Abgründe. Ein Psycho-Thriller der Extraklasse! (Klappentext: Knaur)

Jutta Maria Herrmann: AMNESIA – Ich muss mich erinnern
Verlag: Knaur
Ersterscheinungstermin: 01. Juni 2017
Taschenbuch – 304 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-426-51997-4

Buchrezension: Luca D’Andrea – Der Tod so kalt

Luca D'Andrea - Der Tod so kaltInhalt:

Der New Yorker Dokumentarfilmer Jeremiah Salinger fühlt sich nach seinem letzten erfolgreichen Filmprojekt vollkommen ausgebrannt und leer. Er beschließt, sich eine kleine Auszeit zu gönnen und mit seiner Frau Annelise und seiner kleinen Tochter Clara ein paar Monate in Siebenhoch zu verbringen, dem Heimatdorf seiner Frau in den Südtiroler Dolomiten. In dem abgelegenen, idyllischen Bergdorf glaubt er, etwas zur Ruhe zu kommen und viel Zeit mit seiner Familie verbringen zu können.
Während er eines Tages fasziniert den Hubschrauber der Bergrettung Dolomiten beobachtet, kommt ihm jedoch die Idee, einen Film über die Arbeit des Bergrettungsteams zu drehen. Als er die Crew bei einem Einsatz auf den Ortler begleitet, ereignet sich bei den Dreharbeiten ein schrecklicher Unfall, den Salinger als Einziger schwerverletzt in einer Gletscherspalte überlebt. Seitdem leidet er unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung, hat Panikattacken, Albträume und Wahnvorstellungen, in denen er immer wieder die Stimme der Bestie zu hören glaubt, die er zum ersten Mal in der Gletscherspalte am Ortler vernommen hatte. Er muss seiner Frau versprechen, sich nun zu schonen und mindestens ein Jahr nicht zu arbeiten.
Doch dann erfährt er zufällig, dass sich 1985 in der nahegelegenen Bletterbach-Schlucht ein furchtbares Verbrechen zugetragen hat, bei dem drei junge Einheimische bestialisch ermordet wurden. Salingers Schwiegervater und drei weitere Männer aus dem Dorf hatten die grausam zerstückelten Leichen gefunden, nachdem die drei jungen Leute nicht von einer Wanderung zurückgekehrt waren. Obwohl es zahlreiche Verdächtige gab, konnte der Mörder noch immer nicht gefasst werden. Salinger möchte unbedingt die Wahrheit über dieses dreißig Jahre zurückliegende Massaker herausfinden, aber als er beginnt, Fragen zu stellen, stößt er bei den Dorfbewohnern nur auf eine Mauer des Schweigens. Man gibt ihm unmissverständlich zu verstehen, dass es besser für ihn wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen, denn man will nicht, dass ein Fremder seine Nase in eine Angelegenheit steckt, die noch immer wie ein Fluch auf der Dorfgemeinschaft lastet. Aber Salinger schlägt alle Warnungen und Drohungen in den Wind. Er ist geradezu besessen davon, den Mörder zu finden und sicher, dass er die Stimme der Bestie nur zum Schweigen bringen kann, wenn es ihm gelingt, das Bletterbach-Massaker aufzuklären, selbst wenn er sich damit in große Gefahr begibt und riskiert, seine Familie zu verlieren.

Meine persönliche Meinung:

Wenn man an Südtirol denkt, kommen einem zunächst wunderschöne Landschaften, die schneebedeckten Gipfel der Alpen und Dolomiten, ein Meer von Weinbergen und Obstgärten sowie idyllisch gelegene Bergdörfer und blühende Almen in den Sinn. Ich bin eigentlich kein großer Fan von den Bergen, aber dennoch war ich gerade aufgrund des außergewöhnlichen Settings neugierig auf Der Tod so kalt von Luca D’Andrea, denn hinter dieser Postkartenidylle würde man eher einen beschaulichen Heimatroman als einen beklemmenden, zuweilen auch recht gruseligen Thriller vermuten. Die Gegend, in der Luca D’Andrea die Handlung seines Thrillers angesiedelt hat, kenne ich von diversen Urlauben recht gut, denn abgesehen von dem fiktiven Dörfchen Siebenhoch handelt es sich dabei um real existierende Orte. Die Landschaft Südtirols ist zweifellos wirklich traumhaft schön, aber auf mich wirkten die schroffen Berge auch immer ein wenig bedrohlich.
Und äußerst bedrohlich ist auch die Atmosphäre in Luca D’Andreas Thriller, nicht nur aufgrund der tückischen Gefahren, die in den Bergen lauern, sondern auch, weil der Autor die Dolomiten zum Schauplatz eines furchtbaren Verbrechens macht. Die Landschaft spielt in Der Tod so kalt eine sehr große Rolle. D’Andrea stammt selbst aus Bozen, kennt sich in der Gegend also bestens aus, ist auch mit den lokalen Brauchtümern, Legenden und Mythen vertraut und lässt diese immer wieder in die Handlung einfließen. Man merkt deutlich, dass der Autor vieles aus eigener Anschauung kennt, aber auch sehr akribisch recherchiert hat. Mir war die Legende vom Reich der Fanes bislang vollkommen unbekannt, und auch wenn ich ungefähr wusste, was ein Krampus ist, fand ich es sehr interessant, mehr über diese Schreckgestalt und das mit ihr verbundene Brauchtum zu erfahren. Auch die Auswirkungen des stetig zunehmenden Tourismus, der zur größten Einnahmequelle Südtirols geworden ist, sowie die Mentalität und die Eigenheiten der etwas verschrobenen Südtiroler beschreibt der Autor sehr authentisch und zeichnet ein überaus überzeugendes Porträt der verschworenen Dorfgemeinschaft des fiktiven Örtchens Siebenhochs.
Es ist für einen Fremden nicht ganz einfach, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen, was Salinger, der Protagonist in D’Andreas Thriller, immer wieder zu spüren bekommt. Obwohl seine Ehefrau eine Einheimische ist, begegnen ihm die Siebenhochler mit unverhohlenem Misstrauen, nicht nur, weil sie ihn als Eindringling empfinden, sondern weil sie ihm auch die Schuld an dem Unglück am Ortler geben, das Salinger als Einziger überlebt hat. Er selbst leidet seit dem Unfall unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung, Wahnvorstellungen und Panikattacken, die er zu überwinden versucht, indem er geradezu besessen alles daran setzt, das dreißig Jahre zurückliegende Bletterbach-Massaker aufzuklären, bei dem drei junge Einheimische auf bestialische Weise ermordet wurden. Doch die Dorfbewohner wollen nicht, dass sich ein Fremder in ihre Angelegenheiten einmischt. Sie versuchen mit allen Mitteln, Salinger einzuschüchtern und greifen ihn auch tätlich an, weil er sich von ihren Drohungen nicht beeindrucken lässt. Auch sein Schwiegervater bittet ihn inständig, seine Recherchen einzustellen, und seine Frau droht, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht schont. Doch Salinger lässt sich nicht beirren, denn er ist sicher, dass er die Stimme der Bestie, die er seit dem Unglück zu hören glaubt, nur zum Schweigen bringen kann, wenn es ihm gelingt, die Wahrheit über das Bletterbach-Massaker herauszufinden.
Der Autor hat seinen Protagonisten sehr fein gezeichnet und psychologisch glaubwürdig ausgearbeitet. Da das ganze Buch aus der Ich-Perspektive Salingers erzählt wird, man seine Gedanken, Ängste und Gefühlszustände also hautnah miterlebt, konnte ich mich sehr gut in ihn einfühlen. Er ist keineswegs ein mutiger Held, der ein dreißig Jahre zurückliegendes Verbrechen aufklären möchte, um sich zu profilieren, sondern ein gebrochener Charakter, der sich in eine Idee verrannt hat und dabei fast seinen Verstand verliert. Hin und wieder fiel es mir nicht leicht, Salingers Besessenheit für das Bletterbach-Massaker nachzuvollziehen, denn er begibt sich immer wieder in Gefahr, wird massiv bedroht und setzt außerdem auch seine Ehe aufs Spiel. Er liebt seine Familie über alles, und nur die Liebe zu seiner kleinen Tochter Clara bringt ihn hin und wieder zur Vernunft, denn er möchte sie auf keinen Fall verlieren. Doch dann gewinnt die Stimme der Bestie, die er seit dem Unglück am Ortler unaufhörlich zu hören glaubt, wieder die Oberhand. Er weiß, dass er sie nur zum Schweigen bringen kann und zur Ruhe kommen wird, wenn er den Mörder von damals entlarvt und ist ständig hin- und hergerissen zwischen seiner Familie und seiner Obsession. Die Momente mit seiner Tochter waren sehr berührend, denn das kleine Mädchen gibt ihrem Vater auf geradezu rührende Weise immer wieder Halt und Kraft. Nur das Buchstabenzählspiel, das die beiden ständig spielen und als eine Art Geheimsprache zwischen Vater und Tochter fungiert, ging mir irgendwann fürchterlich auf die Nerven, weil es doch sehr überstrapaziert wird.
Der Tod so kalt ist äußerst abwechslungsreich komponiert. Das ständige Wechselspiel zwischen sehr ruhigen, einfühlsamen Passagen und überaus rasanten, actionreichen Szenen hat mir ausgesprochen gut gefallen. Auch der Gruselfaktor kommt nicht zu kurz. Der Autor versteht es hervorragend, Spannung aufzubauen und sie das ganze Buch hinweg auf einem sehr hohen Level zu halten. Während man Salinger bei seiner gefährlichen Suche nach dem Mörder begleitet, wird man immer wieder mit neuen Verdächtigen konfrontiert und auf falsche Fährten gelockt. Zwischendurch hatte ich allerdings kurzfristig die Befürchtung, dass die Geschichte ins Phantastische abdriftet, als der Jaekelopterus rhenaniae, ein vor mehr als zweihundertfünfzig Millionen Jahren ausgestorbenes Riesenskorpion, des Mordes verdächtigt wird. Glücklicherweise waren meine Bedenken unbegründet, denn stattdessen gewährt der Autor hier sehr interessante Einblicke in die Geologie, Paläontologie sowie die ökologische Nischentheorie, jedoch ohne in einen wissenschaftlichen Ton zu verfallen. Der wendungsreiche Plot mündet nach einem fulminanten Showdown schließlich in ein durchaus realistisches, logisches und schlüssiges Ende, das mich sehr überrascht hat.
Mir hat Der Tod so kalt ausgesprochen gut gefallen und mich aufgrund der imposanten Kulisse, den überzeugenden Charakteren und der abwechslungsreichen und hochspannenden Erzählweise restlos begeistert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an die Deutsche Verlags-Anstalt, die mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Luca D’Andrea: Der Tod so kalt
Aus dem Italienischen von Verena v. Koskull
Verlag: DVA Belletristik
Ersterscheinungsdatum: 06. März 2017
480 Seiten
ISBN 978-3-421-04759-5

Cover: DVA

Buchrezension: Kanae Minato – Geständnisse

Kanae Minato - GeständnisseInhalt:

Manami, die vierjährige Tochter der alleinerziehenden Lehrerin Yūko Moriguchi, ist im Schwimmbecken der Schule, an der ihre Mutter unterrichtet, ertrunken. Die Polizei geht von einem tragischen Unfall aus, aber Moriguchi weiß, dass es Mord war und hat herausgefunden, dass zwei Schüler ihrer Klasse für den Tod ihrer kleinen Tochter verantwortlich sind. Am letzten Schultag vor den Ferien kündigt sie ihren Schülern an, dass sie die Schule nun für immer verlassen wird und sich aus dem Lehrerberuf zurückzieht. Doch bevor sie sich endgültig verabschiedet, hält sie vor ihrer Klasse noch eine Rede und konfrontiert ihre Schüler mit einem erschütternden Geständnis. Da Moriguchi der Justiz nicht zutraut, die Mörder ihrer Tochter angemessen zu bestrafen, hat sie die Polizei nicht verständigt und hält die Namen der beiden Täter ganz bewusst geheim. Stattdessen hat sie nun selbst dafür gesorgt, dass sie ihr Verbrechen bereuen werden, denn sie sollen am eigenen Leib die Konsequenz ihrer Tat spüren und den Wert des Lebens endlich begreifen. Mit ihrem ebenso kalkulierten wie erbarmungslosen Racheplan setzt sie ein tödliches Drama in Gang, das nicht nur die beiden jugendlichen Mörder zu vernichten droht.

Meine persönliche Meinung:

Als ich Geständnisse von Kanae Minato in der Verlagsvorschau entdeckte, wusste ich nicht, dass das Buch bereits 2010 verfilmt wurde und 2011 auch in den deutschen Kinos lief. An mir ist dieser Film jedenfalls vollkommen vorbeigegangen, aber da ich ohnehin immer erst das Buch lesen möchte, bevor ich mir die Verfilmung anschaue und die deutsche Übersetzung der Buchvorlage erst im März 2017 erschien, war ich ganz froh, diesen Roman nun völlig unvoreingenommen entdecken zu können.
Mich hat Geständnisse von Kanae Minato vollkommen überrascht, denn was auf dem Klappentext zunächst nach einem recht gewöhnlichen Roman mit Thrillerelementen und einer nicht gerade besonders neuen Grundidee klang, entpuppte sich als ein außergewöhnlich düsteres, tiefgründiges und verstörendes Psycho- und Sozialdrama und war in jeder Hinsicht nicht nur anders, sondern vor allem viel besser, als ich es erwartet hätte.
Die Erzählung beginnt mit der Rede, die Moriguchi am letzten Schultag vor den Ferien vor ihrer Klasse hält. In ihrer Abschiedsrede verkündet sie, dass sie nach dem Tod ihres Kindes nun beschlossen hat, die Schule zu verlassen und dem Lehrerberuf den Rücken zu kehren, erläutert aber auch, warum sie überhaupt Lehrerin geworden ist. Erst am Ende ihrer Ansprache beschuldigt sie zwei Schüler ihrer Klasse, ihre kleine Tochter ermordet zu haben. Obwohl sie keine Namen nennt, wissen die beiden Betroffenen und auch deren Mitschüler sofort, wen Moriguchi für den Tod ihres Kindes verantwortlich macht. Schockiert stellt sie fest, wie gelassen und ungerührt die beiden Täter ihren Worten folgen. Doch das ändert sich, als sie die Bombe platzen lässt und ganz sachlich und unverblümt ihren genauen Racheplan offenbart. Sie glaubt nicht an eine angemessene Bestrafung vonseiten der Justiz, aber es geht ihr ohnehin nicht um Gerechtigkeit, sondern um Rache, Vergeltung, echte Reue und Erkenntnis der Schuld. Bereits die ersten Seiten sind äußerst verstörend, denn Moriguchi ist bei ihrer Ansprache völlig emotionslos, kühl und nüchtern. Ihre Rache ist erbarmungslos, abgrundtief böse, aber auch eine Art Lehrstück, das jedoch nicht nur darauf abzielt, die Mörder ihrer Tochter zur Besinnung zu bringen und ihre Tat zu bereuen, sondern die beiden Jugendlichen systematisch zu zerstören und zu vernichten – psychisch und auch sozial. Trotz der Nüchternheit und Kälte, die in Moriguchis Worten mitschwingen und trotz der Gnadenlosigkeit, mit der sie ihren Rachefeldzug führt, hat mich ihre Ansprache tief berührt. Ich konnte erschreckend gut nachvollziehen, was sie empfindet und warum sie auf diese Weise Vergeltung üben will.
Somit werden also bereits im ersten Kapitel Tat, Täter und auch Moriguchis Rachepläne enthüllt. Man könnte also meinen, dass die Geschichte nun vollständig erzählt ist, da alles Wichtige schon erwähnt wurde, aber die Hintergründe der Tat, die Motivation der Mörder sowie die Folgen, die Moriguchis spezielle Rachepädagogik nach sich zieht, offenbaren sich erst im weiteren Verlauf der Erzählung und werden nun aus verschiedenen Perspektiven geschildert.
In den folgenden Kapiteln kommen weitere Beteiligte zu Wort – eine Mitschülerin, eine Mutter sowie die Schwester eines Täters und auch die beiden Mörder selbst. Mit jedem Perspektivwechsel kommen neue Details an die Oberfläche und ergeben sich neue Blickwinkel auf die Tat und auch auf die Auswirkungen von Moriguchis Rache. Dies führt natürlich zu Wiederholungen, denn dieselben Geschehnisse werden dabei immer wieder aufs Neue, aber eben aus einer anderen Perspektive erzählt. Dennoch ist der Roman niemals langweilig, denn gerade die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ereignisse und ihre Hintergründe machen den eigentlichen Reiz dieser Erzählung aus. Mit jeder weiteren Erzählperspektive und mit jeder neuen Version der Geschichte verschwimmen auch die Grenzen zwischen Täter und Opfer immer mehr, denn obwohl die Tat der beiden jugendlichen Mörder verabscheuungswürdig bleibt und durch nichts gerechtfertigt wird, sind auch sie Opfer. Sie sind nicht nur Opfer von Moriguchis Rache, die sie zunehmend vernichtet, sondern vor allem Opfer einer außerordentlich leistungsorientierten Gesellschaft. Dennoch war es mir nicht möglich, Mitleid für die beiden Jugendlichen zu empfinden, denn für ihr Verhalten und ihr abscheuliches Verbrechen gibt es keine Entschuldigung, höchstens eine Erklärung.
Die Autorin gewährt in Geständnisse sehr tiefe Einblicke in das japanische Schulsystem und die japanische Leistungsgesellschaft, in der das Streben nach Erfolg und ein geradezu übermächtiger Druck, stets der Beste sein zu müssen, recht bizarre Formen annehmen und zu Vereinsamung, Narzissmus, Aggressionen, psychischen Störungen und zerrütteten Familiengefügen führt. So beschreibt Kanae Minato in ihrem Roman auch sehr präzise das Phänomen des „Hikikomori“. Bei diesem Begriff handelt es sich um den japanischen Fachausdruck für eine besondere Form der Sozialphobie. Er bezieht sich auf Personen, überwiegend auf Jugendliche, die sich vollkommen von der Gesellschaft zurückziehen, das Haus ihrer Eltern nicht mehr verlassen und aus Angst, sich immer mit anderen messen zu müssen, dabei zu versagen und dem Druck nicht gewachsen zu sein, keine sozialen Kontakte pflegen und sich vollständig isolieren.
Die Einblicke in diese, für mich bislang vollkommen fremde Kultur haben mich überaus fasziniert und auch sehr nachdenklich gestimmt. Sicherlich ist vieles, was in diesem Roman thematisiert wird, dem japanischen Schulsystem und der extrem leistungs- und fortschrittsorientierten japanischen Gesellschaft geschuldet, aber ich würde trotzdem nicht so weit gehen, zu behaupten, dass die angesprochenen Probleme nur in Japan und nicht auch bei uns zu finden sind. Das Hauen und Stechen an Schulen, Hochschulen und auch im Beruf, Mobbingattacken, mit denen die Konkurrenz ausgeschaltet werden soll, der enorme Leistungsdruck angesichts stetig wachsender Anforderungen und die teilweise geradezu krankhafte Sucht nach Anerkennung und Erfolg sind auch in unserer Gesellschaft tagtäglich zu sehen und nehmen mitunter beängstigende Ausmaße an.
Mich hat dieser Roman sehr erschüttert und tief bewegt. Neben dem raffinierten Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven und den faszinierenden Einsichten in die japanische Gesellschaft, hat mich vor allem auch der nüchterne, lakonische Erzählstil der Autorin begeistert, denn gerade dadurch gewinnt das Erzählte eine ungeheure Intensität. Völlig frei von Sentimentalität und ohne effekthascherische und reißerische Töne, gewährt Kanae Minato Einblicke in die tiefsten und bösesten Abgründe der menschlichen Seele.
Geständnisse ist ein äußerst düsterer Roman, der wenig Optimistisches aufweist und auch mit keinem versöhnlichen Ende aufwarten kann. Auf die melancholisch-deprimierende Grundstimmung muss man sich ebenso einlassen können wie auf die fremde Kultur. Mich hat Geständnisse von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und vollkommen in seinen Bann gezogen. Zweifellos hat dieses großartige Buch jetzt schon die besten Aussichten, eines meiner Jahreshighlights zu werden. Ein grandioser Roman um Schuld und Sühne, Rache und Vergeltung von ungeheurer Sogkraft!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den C. Bertelsmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Kanae Minato: Geständnisse
Aus dem Japanischen von Sabine Lohmann
Verlag: C. Bertelsmann
Ersterscheinungsdatum: 27. März 2017
272 Seiten
ISBN 978-3-570-10290-9

Cover: C. Bertelsmann Verlag

Mein Monatsrückblick April 2017

Was das Lesen anbelangt, war der April für mich so wechselhaft wie das Wetter. Zum einen habe ich einen grandiosen Roman gelesen, der schon jetzt die besten Aussichten hat, eines meiner Jahreshighlights zu werden, und zum anderen habe ich nacheinander gleich zwei Bücher abgebrochen, die mich in eine so tiefe Leseflaute gerissen haben, dass ich mehr als eine Woche überhaupt nichts gelesen habe.

Da ich abgebrochene Bücher nicht mitzähle, fällt meine Lesestatistik für den April auch äußerst dürftig aus. Ich habe nur drei Bücher beendet, zähle deshalb auch nur 1104 Seiten, also ca. 36,8 Seiten pro Tag. Gelesen habe ich allerdings fast 700 Seiten mehr, denn ein Buch, das ich abgebrochen habe, habe ich immerhin fast 500 Seiten lang durchgehalten und ein weiteres habe ich auch bis zur Hälfte gelesen, bis ich schließlich aufgegeben habe.

Das Scherbenhaus von Susanne KliemIn den April gestartet bin ich mit Das Scherbenhaus von Susanne Kliem, einem wirklich spannenden und beklemmenden Psychothriller, der mir sehr gut gefallen und mich vor allem auch gefesselt hat. Leider war das Ende ein bisschen schwach, aber dennoch möchte ich für dieses Buch unbedingt eine Leseempfehlung aussprechen.

 

Kanae Minato - GeständnisseWeiter ging es dann mit Geständnisse von Kanae Minato, meinem absoluten Highlight des vergangenen Monats. Ein grandioser Roman um Rache, Schuld und Gerechtigkeit, der sehr verstörende Einblicke in die japanische Leistungsgesellschaft gewährt und mich sehr nachdenklich zurückließ. Absolut empfehlenswert!

 

Dan Simmons - Drood

Abgebrochen! Nach diesem Ausflug nach Japan wollte ich unbedingt ins England des 19. Jahrhunderts reisen. Es bot sich an, mich wieder einer Lesegruppe in Facebook anzuschließen, mit der ich zu Beginn des Jahres bereits Terror von Dan Simmons gelesen hatte und die sich nun gemeinsam Simmons Drood vornahm. Terror hatte mir sehr gut gefallen, vor allem, weil Dan Simmons ein wirklich grandioser Erzähler ist, für seine Romane sehr akribisch recherchiert und historische Fakten und Persönlichkeiten, sehr geschickt in eine fiktionale Geschichte einbettet. In Drood widmet sich Simmons nun dem Schriftsteller Charles Dickens und lässt aus der Perspektive seines Schriftstellerkollegen Wilkie Collins, der stets im Schatten seines besten Freundes stand, Dickens letzte Lebensjahre noch einmal Revue passieren. Ich weiß nicht, ob Dickens tatsächlich so selbstverliebt, egozentrisch und arrogant war, wie er von Simmons dargestellt wird, aber der Dickens in Drood, der stets nach Verehrung und Bewunderung lechzt, war mir von der ersten Seite an unsympathisch. Wilkie Collins hingegen mochte ich eigentlich, und der süffisante Unterton, mit dem er seinen Freund Dickens beschreibt, war mitunter auch sehr komisch, aber auf die Dauer doch recht anstrengend. Da Collins außerdem opiumabhängig ist, fiel es mir zunehmend schwer, ihn noch ernstzunehmen. Es ist Simmons wirklich ausgezeichnet gelungen, die schaurige Londoner Unterwelt sehr bildgewaltig und eindrücklich zu beschreiben, aber leider kam die Geschichte nicht voran. Simmons erzählt so detailliert und ausschweifend, dass ich mich nur noch durch die Seiten quälte. Man braucht schon ein ausgesprochen großes Interesse an Charles Dickens und seinen Werken, wenn man all diese Details wirklich wissen möchte – ich wollte sie jedenfalls nicht so genau wissen und kenne mich mit Dickens Büchern auch zu wenig aus, um an diesen Ausflügen in sein Werk Gefallen zu finden. Die eigentliche Handlung gerät durch diese seitenlangen Abschweifungen so ins Stocken, dass ich mich unendlich gelangweilt und nach der Hälfte dieses fast 1000 Seiten starken Romans entnervt aufgegeben habe.

Susanne Goga - Das Haus in der Nebelgasse

Abgebrochen! Allerdings stand mir der Sinn noch immer nach einem Roman, der im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Da ich, was die Zeit anbelangt, nicht ganz so kleinlich sein wollte, nahm ich mir den Roman Das Haus in Nebelgasse von Susanne Goga vor, der im Jahre 1900 in London spielt. Nach den ersten Seiten war ich sicher, dass dieser historische Roman genau das ist, wonach ich gesucht hatte, aber meine anfängliche Euphorie wandelte sich leider recht schnell in gähnende Langeweile. Die historischen Hintergründe waren durchaus gut recherchiert, aber ansonsten war mir das Buch einfach zu seicht. Auch die schaurige Atmosphäre, die mir bei Simmons immerhin recht gut gefallen hatte, hat mir hier leider vollständig gefehlt. Zu behaupten, dass die Handlung dahinplätschert, wäre fast noch übertrieben, aber spätestens nachdem sich dann auch noch die in historischen Romanen obligatorische Romanze ankündigte, war es mit meiner Geduld und meinem Interesse an dieser Geschichte endgültig vorbei. Ich stehe mit meiner Meinung zu diesem Buch ziemlich alleine da, denn bislang habe ich nur begeisterte Stimmen vernommen, aber mein Geschmack war es eben ganz und gar nicht.

Ich hasse es, Bücher abzubrechen, denn das hinterlässt so ein unbefriedigendes Gefühl. Außerdem lässt mich meistens der Verdacht nicht los, etwas verpasst zu haben, vor allem dann, wenn ich mit einem Buch schon so viel Zeit verbracht habe, wie mit Dan Simmons Drood, aber angesichts einer endlichen Lese- und Lebenszeit und einer Fülle von grandiosen Büchern, die noch darauf warten, entdeckt zu werden, sollte man sich auch nicht durch Geschichten quälen, die einen langweilen. Von historischen Romanen habe ich jedenfalls erstmal wieder genug, und die Lust auf England ist mir auch ein wenig vergangen. Dummerweise war mir aber auch ganz generell die Lust am Lesen abhandengekommen, sodass ich mehr als eine Woche zu gar keinem Buch mehr gegriffen habe.

Chevy Stevens - Blick in die AngstIm Fall einer so akuten Leseflaute hilft eigentlich nur noch ein spannender Thriller, der mich vollkommen in seinen Bann zieht. Ich entschied mich für Blick in die Angst von Chevy Stevens, da mich diese Autorin mit ihrem Debüt Still Missing vor ein paar Jahren restlos überzeugt hat. Leider war Blick in die Angst deutlich schwächer, als Stevens‘ Erstlingswerk, aber trotzdem überaus spannend. Auf jeden Fall hat mich dieser Thriller sehr gefesselt und mir auch den Spaß am Lesen wieder zurückgebracht.

© Claudia Bett

Buchrezension: Chevy Stevens – Blick in die Angst

Chevy Stevens - Blick in die AngstInhalt:

Dr. Nadine Lavoie ist Psychiaterin und arbeitet in der psychologischen Ambulanz einer Klinik in Victoria. Als dort eines Tages eine junge Patientin eingeliefert wird, die versucht hat, sich umzubringen, muss sich Nadine unverhofft auch mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Ihre neue Patientin hat bis vor Kurzem der Kommune River of Life angehört, einer Sekte, die seit Jahrzehnten von Aaron Quinn angeführt wird. Diese spirituelle Lebensgemeinschaft ist auch Nadine bestens bekannt, denn sie hat als Kind mit ihrer Mutter und ihrem Bruder ebenfalls dort gelebt. Seitdem leidet sie unter Klaustrophobie und hat Angst im Dunkeln, vermutet zwar, dass sich dies auf ihre Erlebnisse in der Kommune zurückführen lässt, kann sich aber nicht erinnern, was ihr damals passiert ist. Doch je länger sie sich jetzt mit dem Schicksal ihrer Patientin beschäftigt, umso deutlicher drängen ihre eigenen traumatischen Erinnerungen nun an die Oberfläche. Nadine will sich unbedingt daran erinnern, was ihr in ihrer Kindheit widerfahren ist, nicht zuletzt, weil sie befürchtet, dass sich ihre drogenabhängige Tochter inzwischen ebenfalls in den Fängen der Sekte befindet. Allerdings ahnt sie zunächst nicht, in welche Gefahr sie sich begibt, wenn sie Aaron Quinn und seinen Anhängern in die Quere kommt.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe vor einigen Jahren Chevy Stevens Debüt Still Missing – Kein Entkommen gelesen, einen Thriller, der wirklich unfassbar spannend war und mich so restlos begeistert hat, dass er mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Das will wirklich etwas heißen, denn viele Bücher dieses Genres sind fast ebenso schnell vergessen wie gelesen. In meiner Euphorie habe ich mir nach und nach alle anderen Bücher von Chevy Stevens gekauft, allerdings keines davon gelesen. Ich bewahre mir solche Bücher, bei denen ich sicher bin, dass sie mir gefallen werden, gerne auf, denn falls ich in eine Leseflaute gerate, möchte ich jederzeit zu einem Buch greifen können, das mich so fesselt, dass ich wieder Freude am Lesen gewinne. Ich war in den letzten Wochen in einer gehörigen Leseflaute und habe nacheinander zwei Bücher abgebrochen, die so gähnend langweilig waren, dass ich mehr als eine Woche überhaupt kein Buch in die Hand nehmen wollte. Und so habe ich beschlossen, endlich wieder zu einem Thriller von Chevy Stevens zu greifen. Ich habe mich für Blick in die Angst, den dritten Thriller der Autorin, entschieden, weil der Klappentext sehr spannend tönte und mich vor allem die Sekten-Thematik interessierte. Mein Vorhaben hat durchaus funktioniert, denn dieses Buch hat mich wieder aus meiner Leseflaute gerissen, weil es einfach unglaublich packend und fesselnd war, aber dennoch war ich ein bisschen enttäuscht.
Nadine Lavoie, die im Fokus dieses Thrillers steht, war mir bereits aus Stevens‘ Erstlingswerk bekannt, ist dort allerdings nur eine unbedeutende Randfigur, sodass man Still Missing nicht gelesen haben muss, um der Handlung in Blick in die Angst folgen zu können. Trotzdem sollte man das Debüt der Autorin unbedingt gelesen haben, denn es ist einfach um Längen besser, als ihr drittes Buch. Eines muss man Chevy Stevens trotzdem lassen – sie versteht es auch in diesem Thriller wieder ganz auszeichnet, den Leser schon von der ersten Seite an zu fesseln und eine enorme Spannung aufzubauen. Spannend war Blick in die Angst zweifellos, und der flüssige Schreibstil der Autorin und die angenehm kurze Kapitellänge sorgen für einen schnellen Lesefluss. Dennoch war ich ein wenig enttäuscht von diesem Thriller, was nicht zuletzt natürlich auch an meiner hohen Erwartungshaltung lag, der dieses Buch eben leider nicht gerecht werden konnte.
Die Protagonistin war mir durchaus sympathisch, sodass es mir leichtfiel, mit ihr mitzufiebern. Die Autorin hat Nadine Lavoie präzise ausgearbeitet, sehr fein gezeichnet und ihr auch die nötige Tiefe verliehen, um sich in sie einfühlen zu können. Sie ist eine erfahrene Psychologin, aber ihre Versuche, sich selbst zu analysieren und zu therapieren, schienen mir doch äußerst fragwürdig. Während sie sich mit dem Schicksal ihrer suizidgefährdeten Patientin beschäftigt, die bis vor Kurzem noch Mitglied einer Sekte war, der Nadine in ihrer Kindheit ebenfalls angehörte, drängen sich lange unterdrückte Erinnerungen an ein verdrängtes Trauma wieder in ihr Bewusstsein. Diese Erinnerungen, die sie nun Stück für Stück zu rekonstruieren versucht, waren äußerst erschütternd und auch sehr ergreifend. Sie möchte sich jedoch nicht nur erinnern, um endlich den Auslöser und die Ursache für ihre klaustrophobischen Ängste zu ergründen, sondern auch, um ihre drogenabhängige Tochter Lisa zu beschützen, die sich von ihr abgewandt hat. Nadine befürchtet, dass Lisa ebenfalls in die Fänge von Aaron Quinn, dem Sektenführer der River of Life Kommune, geraten könnte, und je mehr Erinnerungen in ihr Bewusstsein zurückkehren, umso sicherer ist sie, dass ihr Kind in großer Gefahr schwebt. Das wäre durchaus überzeugend, wenn Nadine nicht Psychologin, sondern einfach nur Mutter wäre und nicht immer wieder betont werden würde, wie fundiert ihre psychologischen Kenntnisse sind, denn im Umgang mit ihrer Tochter macht sie leider so ziemlich alles falsch, was man nur falsch machen kann. Bei den wenigen Gelegenheiten, die sich ihr bieten, um Lisa zu zeigen, wie sehr sie sie liebt, übersieht sie nämlich, dass ihre Tochter bereits schwer traumatisiert ist und erkennt nicht, warum ihr Lisa nicht mehr vertraut und immer wieder zu Drogen greift. Von einer erfahrenen Psychologin, die täglich mit traumatisierten Patienten arbeitet, hätte ich jedenfalls ein anderes Verhalten gegenüber der eigenen Tochter erwartet, zumal mehr als offensichtlich war, was Lisa zugestoßen ist und wer ihr das angetan hat.
Jeder gute Thriller steht und fällt jedoch nicht nur mit dem Protagonisten, sondern in erster Linie mit dem Antagonisten. Da es sich in Blick in die Angst hierbei um den Anführer einer Sekte handelt, war ich auf Aaron Quinn ganz besonders gespannt. Ich stelle mir immer die Frage, wie es Sektenführer eigentlich schaffen, andere so für sich einzunehmen, dass man ihnen blind folgt und in eine solche Abhängigkeit gerät, dass man seine Freiheit und seinen ganzen Besitz opfert, um zu einem willenlosen Jünger zu werden. Man könnte davon ausgehen, dass ein solcher Guru ganz besonders charismatisch ist, aber an Aaron Quinn konnte ich leider keine einzige Eigenschaft feststellen, die auch nur annährend erklären könnte, warum man in seinen Bann gerät. Ansonsten erfüllt er jedoch jedes gängige Klischee eines überaus fiesen und berechnenden Sektenführers. Allerdings konnte ich nicht nachvollziehen, wie er es anstellt, auf seine Anhänger einen solchen Druck auszuüben. Er ist einfach zu blass, konturlos und viel zu klischeeüberladen. Ich möchte nicht behaupten, dass die Darstellung dieser Sekte unglaubwürdig war, aber die subtilen Druckmittel, die angewendet werden, um die Sektenmitglieder zu manipulieren, hätten durchaus etwas besser und nachvollziehbarer geschildert werden können, zumal es in diesem Thriller primär um die Manipulation menschlicher Seelen geht.
Der Plot war zwar schlüssig und nicht vorhersehbar, aber dennoch fehlte es mir an überraschenden Momenten. Der Showdown am Ende von Blick in die Angst war sehr rasant, actiongeladen und so spannend, dass ich die letzten hundert Seiten in einem Rutsch gelesen habe und das Buch gar nicht aus der Hand legen konnte. Chevy Stevens versteht es zweifellos, enorme Spannung zu erzeugen. Das Schicksal der Protagonistin und auch ihrer Tochter Lisa ging mir stellenweise sehr unter die Haut und war sehr erschütternd. In ihrem Debüt Still Missing hat es die Autorin allerdings geschafft, auf den letzten Seiten noch mit einer Wendung aufzuwarten, die ich – obwohl es schon einige Jahre zurückliegt, dass ich das Buch gelesen habe – noch immer im Gedächtnis habe, weil sie so schockierend war. Auf eine solche Wendung, also die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, habe ich in Blick in die Angst allerdings vergeblich gewartet. Vielleicht ist es nicht ganz fair, die Bücher eines Autors miteinander zu vergleichen. Hätte ich Still Missing nicht gelesen wäre mein Urteil vielleicht etwas milder ausgefallen, denn die Messlatte, die Chevy Stevens mit ihrem Erstlingswerk selbst gesetzt hat, war vielleicht etwas zu hoch. Trotzdem freue ich mich auch auf ihre anderen Thriller, denn mir Blick in die Angst trotz seiner Schwächen recht gut gefallen – ein solider, erschütternder und vor allem wirklich hochspannender Thriller, um Manipulation und Angst, dem ich trotz allem noch ganz knappe vier Sternchen verleihe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Chevy Stevens: Blick in die Angst
Aus dem Amerikanischen von Maria Poets
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 16. Mai 2013
496 Seiten
ISBN 978-3-596-19379-0

Cover: S. Fischer Verlag

The Versatile Blogger Award

versatile-blogger-awardIch wurde von der lieben Sabine von Das Niliversum für den Versatile Blogger Award nominiert, worüber ich mich sehr gefreut habe. Deshalb möchte ich mich zunächst recht herzlich für die Nominierung bedanken. Das Schöne an diesem Award ist, dass man keine Fragen beantworten muss, die man vielleicht gar nicht beantworten möchte, sondern einfach 7 Fakten über sich selbst preisgeben soll, damit die Leser des Blogs ein bisschen mehr über die Person, die sich hinter dem Blog verbirgt, erfahren.

Die Regeln sind also ganz einfach:

  1. Danke dem Blogger, der dich nominiert hat
  2. Verrate 7 Fakten über dich
  3. Nominiere andere Blogger

Also nutze ich die Gelegenheit und offenbare nun 7 Fakten über mich, die heute mal nichts mit Büchern zu tun haben:

Fakt 1

Ich hasse Sport

Sportliche Betätigungen sind mir ein Gräuel – schon immer. Mir ist durchaus bewusst, dass ein bisschen Sport gesund wäre und ich mir und meinem Körper keinen Gefallen tue, wenn ich mich zu wenig bewege, aber ich kann sportlichen Aktivitäten einfach nichts abgewinnen. Der Keim für meine Aversion gegen Sport wurde bereits in meiner Schulzeit gelegt, denn Schulsport war der Albtraum meiner Kindheit und hat mir selbst die Sportarten verleidet, die ich eigentlich toll fand, wie zum Beispiel Schwimmen. Ich war nicht einfach nur zu langsam, sondern vor allem auch viel zu ängstlich, hatte regelrecht Panik vor manchen Sportarten und schlaflose Nächte vor jeder Sportstunde. Eigentlich war ich immer eine sehr gewissenhafte und fleißige Schülerin, aber dem Sportunterricht habe ich mich häufig komplett verweigert, habe geschwänzt, irgendwelche Krankheiten vorgetäuscht oder mich einfach bockig in die Ecke gesetzt und mich nicht einmal unter Androhung von Klassenbucheinträgen wegen Unterrichtsverweigerung, geschweige denn schlechter Noten, dazu bewegen lassen, mich am Sportunterricht zu beteiligen. Die demütigsten Erlebnisse meiner Kindheit und Jugend habe ich jedenfalls dem Sportunterricht zu verdanken, und so erstaunt es mich nicht, dass ich Sport nach wie vor verabscheue. Ich hasse es jedoch nicht nur, selbst Sport zu treiben, sondern finde es auch entsetzlich langweilig, anderen beim Sport zuzuschauen, obwohl manche Menschen wirklich erstaunliche körperliche Höchstleistungen vollbringen. Ich kann auch nicht ansatzweise nachvollziehen, was an einem Fußballspiel so spannend und aufregend sein soll, dass eine ganze Nation gebannt vor den Fernsehbildschirmen sitzt und so mancher Blutdruck in beängstigende Höhen steigt, wenn die gegnerische Mannschaft gewinnt.

Fakt 2

Ich bin Agnostikerin

Ich habe mich oft mit dem Thema Religion und Kirche auseinandergesetzt und schon viele Diskussionen darüber geführt. Während meines Studiums und auch bei meiner Tätigkeit als Museumsführerin habe ich mich viel mit Kirchengeschichte beschäftigt. Obwohl mich Religion interessiert und auch fasziniert und manche Kirchen für mich ganz besondere Orte sind, die ich gerne besuche (wenn auch nie zu Gottesdiensten), bin ich nicht sehr gläubig, sondern eher zweifelnd. Als Atheistin würde ich mich jedoch nicht bezeichnen, aber ich zweifle oft an der Existenz eines Gottes. Ich wurde protestantisch getauft, bin aber vor ein paar Jahren aus der Kirche ausgetreten – nicht wegen der Kirchensteuer, sondern weil ich mit Institution Kirche überhaupt nichts anfangen kann und mich auch nicht auf eine einzige Religion festlegen möchte. Eigentlich würde ich sehr gerne an etwas glauben, an eine höhere Macht, die allwissend ist, alles lenkt und auf die man sich immer verlassen kann, aber ich kann es eben einfach nicht. Ich belächle gläubige Menschen keineswegs, habe Respekt vor allen Religionen und finde es weder dumm noch naiv an einen Gott zu glauben, an welchen auch immer. Ich beneide gläubige Menschen sogar, denn aus einem Glauben Kraft, Hoffnung und Zuversicht zu schöpfen, ist eigentlich etwas Schönes, und die Gewissheit, nie tiefer zu fallen, als in Gottes Hand, hätte etwas Tröstliches. Ich weiß allerdings nicht, ob es einen Gott gibt, der das tatsächlich leisten kann, der Gebete erhört und das Schicksal der Welt lenkt. Allerdings muss es etwas oder jemanden geben, der diese Welt erschaffen hat und für alles verantwortlich ist, was sich mit dem Verstand nicht erfassen und weder wissenschaftlich noch logisch erklären lässt. Gerade wenn ich in der Natur bin oder Tiere beobachte, denke ich, dass es vermutlich doch einen Gott geben muss, der so etwas Wunderbares geschaffen hat, aber ich weiß es eben nicht.
Ich würde jetzt nicht unbedingt behaupten, dass ich ein besonders guter Mensch bin, aber ich versuche es zumindest und handle so, dass ich niemandem schade oder bewusst wehtue. Wie ich mich verhalte, muss ich jedoch nicht vor einem Gott verantworten, sondern nur mit meinem Gewissen vereinbaren können. Ich will nachts gut schlafen und mir im Spiegel selbst in die Augen schauen können. Seltsamerweise habe ich aber gerade mit Menschen, die sich selbst als besonders gute Christen bezeichnen, regelmäßig in die Kirche gehen und ihren Finger in jeden Weihwasserkessel tauchen, auf menschlicher Ebene bisher die schlechtesten Erfahrungen gemacht. Das mag Zufall sein, aber die Häufung ist schon recht auffallend. Mag sein, dass sie glauben, wenn sie sich regelmäßig zur Beichte begeben oder vor Gott ihre Verfehlungen bereuen, stünde der Zähler wieder auf Null, aber wenn es diesen Gott, an den sie glauben, tatsächlich gibt und er so gerecht ist, wie sie behaupten, sehe ich äußerst schwarz für ihr Seelenheil. Selbst für einen beruhigten Blick in den Spiegel dürfte es eigentlich schon nicht mehr reichen. Meiner Meinung nach hat moralisches und ethisches Handeln, Respekt vor dem Leben, Nächstenliebe, Mitgefühl und der Wille zum Guten nichts mit Religion zu tun. Es handelt sich dabei ja auch nicht explizit um christliche Werte, denn die großen Religionen unterscheiden sich kaum hinsichtlich solcher Gebote, Normen und Wertvorstellungen, die ein friedliches, harmonisches und respektvolles Miteinander regeln. Umso hirnrissiger ist es, dass seit Jahrhunderten im Namen der Religion Kriege geführt werden und Menschen sich die Köpfe einschlagen, weil sie sich nicht einig werden können, welcher Gott nun die einzig Wahre ist.

Fakt 3

Ich liebe Kitsch

In Büchern hasse ich nichts mehr als kitschige Geschichten, aber ansonsten umgebe ich mich sehr gerne mit Kitsch. Man sollte nicht glauben, dass ich bald 47 werde, denn in meiner Wohnung sieht es teilweise aus, wie in einem Kinderzimmer. Ich habe eine kleine Schwäche für Plüschtiere, kann nicht widerstehen, wenn ich irgendwo knuffige Plüschtierchen entdecke und denke immer, ich müsste ihnen allen ein Zuhause geben. Im Grunde finde ich es aber schön, sich auch im fortgeschrittenen Alter das innere Kind zu bewahren – wenn auch nur im Geheimen. Katzen sind meine absoluten Lieblingstiere, aber ich liebe auch Schweinchen und finde sie unglaublich süß. Außerdem sind Schweine sehr kluge und sensible Tiere, ich könnte ihnen auch ewig zuschauen, aber da ich mir keine Schweine halten kann, sammle ich sie eben – überall in meiner Wohnung befinden sich kleine Schweinchen aus Plüsch, Glas, Keramik oder Porzellan. So hat eben jeder seinen kleinen Spleen 😉.

Fakt 4

Ich hasse Shoppen

Die meisten Frauen, die ich kenne, lieben es, ausgiebig shoppen zu gehen und können stundenlang durch diverse Läden schlendern und einkaufen. Für mich ist das reinste Folter! Am schlimmsten ist es, wenn ich Klamotten oder Schuhe kaufen muss, aber selbst um Buchläden mache ich inzwischen einen großen Bogen, obwohl ich Bücher liebe. Es könnte daran liegen, dass ich selbst jahrelang im Buch- und Einzelhandel gearbeitet habe, nie Freude an diesem Beruf hatte und deshalb nicht mehr an diese Zeit erinnert werden möchte. Das Grauen fängt ja schon bei der Parkplatzsuche an, aber das Schlimmste sind die Menschenmassen, die sich durch die Einkaufsstraßen und die Läden schieben, die Gerüche, das unerträgliche Piepen der Scannerkassen, die Hintergrundmusik in manchen Geschäften und das unsägliche Warten an der Kasse. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es der lokale Einzelhandel sehr schwer hat, sich gegen die übermächtige Online-Konkurrenz durchzusetzen und hatte während meiner Selbstständigkeit selbst darunter zu leiden, dass immer mehr im Internet gekauft wird – trotzdem kaufe auch ich inzwischen überwiegend im Internet ein. Nur Lebensmittel kaufe ich im Supermarkt, und auch bei der Anschaffung von Elektrogeräten schwöre ich weiterhin auf die kompetente Beratung und den Service des Fachhandels vor Ort, aber alles andere kaufe ich nur noch online.

Fakt 5

Talente

Ich staune immer wieder über die Talente meiner Mitmenschen und bin ein wenig traurig, dass ich Fähigkeiten, die ich gerne hätte, einfach nicht habe. Manche Fertigkeiten kann man ja erlernen, wenn man sich Mühe gibt, aber für manche braucht man eben einfach das nötige Talent. So wie ich den Sportunterricht immer gehasst habe, so sehr habe ich den Kunstunterricht geliebt. Ich fand es großartig, mit Farben zu experimentieren und zu malen, war mit dem Ergebnis allerdings nie zufrieden. Über meine Noten konnte ich mich nicht beschweren, aber vermutlich hat mein Kunstlehrer auch nur honoriert, dass ich mit so viel Inbrunst, Leidenschaft und Freude an meinen Kunstwerken arbeitete. Ich male immer noch gerne, aber ich wünschte eben, ich könnte es auch.
Mit musikalischem Talent sieht es leider ähnlich dürftig aus. Dabei stamme ich aus einer äußerst musikalischen Familie und bin mit Musik großgeworden. Mein Großvater war ein großartiger Tenor und hat sogar an der Stuttgarter Oper gesungen; meine Mutter spielte früher hervorragend Klavier und hatte diverse Auftritte, aber leider habe ich ihr musikalisches Talent nicht geerbt. Ich habe es mit Gitarre versucht, aber nach ein paar Jahren Gitarrenunterricht frustriert aufgegeben – es scheiterte jedoch nicht an der Musikalität, sondern einfach an der Koordination, die eben bei vielen Instrumenten wichtig ist. Immerhin habe ich ein hervorragendes Gehör und höre jeden schiefen Ton, was beim Erlernen eines Instruments allerdings nur die halbe Miete ist. Aber ich singe gerne und oft, habe mir sagen lassen, dass die Töne auch sitzen, aber der Klang meiner Stimme ist eben einfach nicht besonders schön. Spaß macht es trotzdem, zumindest wenn niemand zuhört. Ich singe jedenfalls immer beim Autofahren, unter der Dusche und auch beim Staubsaugen 😉

Fakt 6

Eitelkeit

Ich mache mir absolut nichts aus Mode, trage ohnehin und aus Prinzip eigentlich nur schwarze Kleidung und verwende nicht viel Mühe auf die Auswahl meiner Garderobe. Allerdings bin ich ziemlich eitel und verbringe sehr viel Zeit vor dem Spiegel. Was gibt es Schlimmeres als einen Bad-Hair-Day? Wenn meine Haare nicht so sitzen, wie sie sollen, gehe ich nur ungern aus dem Haus und fühle mich den ganzen Tag unwohl. Außerdem färbe ich mir regelmäßig die Haare und finde es grauenhaft, wenn man einen Ansatz sieht. Das wird nun selbst die Menschen erstaunen, die mich schon sehr lange kennen, denn meine natürliche Haarfarbe hat seit fast dreißig Jahren niemand mehr gesehen, aber eigentlich bin ich blond. Ich bin nicht gerade hellblond, eher mittelblond, aber ich wollte eben nie eine Blondine sein. Ich war noch nicht einmal volljährig, als ich zum ersten Mal meine Haare schwarz färbte. Schwarze Haare ließen mich jedoch in Verbindung mit meiner schwarzen Kleidung aussehen wie eine Leiche, weshalb ich mich dann für einen dunkleren Braunton mit Rotstich entschieden habe, dem ich nun seit vielen Jahren treu bin. Die Färberei ist zwar lästig, aber wer schön sein will, muss eben ein bisschen leiden. Inzwischen wäre ich ohnehin nicht mehr blond, sondern schon ergraut, was mir jedoch noch weitaus weniger gefällt. In Würde altern kann ich auch noch später…
Mit zunehmendem Alter finde ich es deshalb auch immer wichtiger, diverse Alterserscheinungen, die ab 40 unweigerlich zutage treten, ein bisschen zu kaschieren. Ohne Make-Up, ordentlich getuschte Wimpern und einen schwarzen Lidstrich gehe ich jedenfalls nicht unter Menschen. Selbst wenn ich den ganzen Tag zuhause bin und mich eigentlich niemand sieht, schminke ich mich ein bisschen, weil ich mich dann einfach besser fühle.

Fakt 7

Ich bin eine Nachteule

Es ist vollkommen egal, wann ich ins Bett gehe oder wie lange ich schlafe – vor 12 Uhr funktioniert bei mir gar nichts. Ich habe morgens ohnehin schlechte Laune und bin eine furchtbare Trantüte, aber ich kann vormittags auch nicht denken und mich nicht konzentieren. Ab 20 Uhr abends laufe ich hingegen zu Hochtouren auf, habe die besten Ideen, bin kreativ und leistungsfähig und habe kein Problem, bis in die frühen Morgenstunden konzentriert zu arbeiten. Blöd ist, dass mein Tagesrhythmus mit dem meiner Mitmenschen und dem normalen Arbeitsalltag nicht kompatibel ist. Als ich noch im Handel gearbeitet habe und morgens um 9 Uhr auf der Matte stehen musste, war das die reinste Folter. Zwei Jahre lang hatte ich einen Bürojob, bei dem ich sogar schon um 7.30 Uhr an meinem Arbeitsplatz zu sitzen hatte und weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft habe, mich wach zu halten, geschweige denn irgendwelche Leistungen zu erbringen. Als ich im zarten Alter von 38 Jahren erneut ein Studium aufgenommen habe, habe ich mir jedenfalls geschworen, dass diese Qual nun ein Ende finden muss. Glücklicherweise kann man sich an der Uni seinen Stundenplan überwiegend selbst zusammenbasteln, sodass Seminare, die vor 12 Uhr stattfanden, tunlichst vermieden wurden. In absoluten Ausnahmefällen bewegte ich mich auch mal um 10 Uhr an die Uni, aber selbst das kostete mich Überwindung. Gelernt und meine Seminar- und Abschlussarbeiten geschrieben habe ich jedenfalls nur nachts, und der Erfolg gab mir recht, denn das hat bestens funktioniert. Ich habe häufig versucht, mich ein wenig zu disziplinieren, bin um Mitternacht ins Bett und habe mir den Wecker auf 7 Uhr gestellt, um dann zu lernen oder zu schreiben, aber es hat nicht geklappt, weil mein Gehirn selbst mit ausreichend Schlaf morgens einfach nicht aufnahmefähig ist und ich nicht einen geraden Satz formulieren kann. Bei meiner freiberuflichen Tätigkeit als Museumsführerin und freie Journalistin war es mir glücklicherweise möglich, Termine so zu legen, dass ich nur nachmittags und abends arbeiten musste. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass es eben Lerchen und Eulen gibt, ich eindeutig zu letzteren gehöre und auf meine innere biologische Uhr keinen Einfluss habe, sondern mich einfach nach ihr richten muss.

So, das waren nun die 7 Fakten über mich… Kommen wir also zu meinen Nominierungen – ich würde mich über 7 Fakten von diesen Bloggern freuen und nominiere deshalb:

Kerstin und Janna von KeJas BlogBuch

Gabi von Laberladen

Rina von Ich lese

Fühlt Euch zu nichts verpflichtet – also nur, wenn Ihr Lust habt 😉