Buchrezension: Jutta Maria Herrmann – Schuld bist du

Jutta Maria Herrmann - Schuld bist duInhalt:

Als der Journalist Jakob Auerbach von einer Dienstreise wieder nach Berlin zurückkehrt, findet er nur eine leergeräumte Wohnung vor. Auch seine Frau Anne und seine kleine Tochter Mia sind spurlos verschwunden. Eigentlich sollte der Umzug aufs Land doch erst am nächsten Tag stattfinden, aber offenbar hatte Anne in seiner Abwesenheit umdisponiert. Sie war ohnehin sauer, dass er mitten im Umzugsstress für ein paar Tage nach Vietnam reisen musste und sie mit den Umzugsvorbereitungen alleine ließ. Vermutlich hat sie den Umzug einfach vorverlegt, ohne ihm Bescheid zu geben, um sich an ihm zu rächen. Noch während sich Jakob in der leeren Wohnung darüber ärgert, dass seine Frau einfach über seinen Kopf hinweg den Umzugstermin vorgezogen hat, fällt sein Blick auf eine Fensterscheibe, auf die, offenbar mit Blut, eine Botschaft geschmiert wurde – Schuld bist du. Auch solche makabren Scherze sehen Anne durchaus ähnlich.
Doch dann erhält er einen besorgniserregenden Anruf von seiner kleinen Tochter. Offenbar ist Mia alleine, hat sich verlaufen, friert, hat Hunger und weiß nicht, wo sie ist – dann reißt die Verbindung unvermittelt ab. Verzweifelt begibt sich Jakob auf die Suche nach seiner Frau und seinem Kind und stößt bei seiner albtraumhaften Irrfahrt durch Berlin immer wieder auf die Botschaft – Schuld bist du.

Meine persönliche Meinung:

Vor ein paar Monaten habe ich bei einem Gewinnspiel Jutta Maria Herrmanns Debüt Hotline gewonnen und war von diesem Psychothriller so angetan, dass ich unbedingt mehr von dieser Autorin lesen wollte (hier geht es zu meiner Rezension von Hotlineklick). Erst kürzlich erschien bereits ihr dritter Roman Amnesia, aber obwohl es sich bei ihren Büchern um Einzelbände handelt, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, wollte ich nun trotzdem erst Schuld bist du lesen.
Selbst wenn man es nicht will, neigt man ja dazu, die Werke eines Autors miteinander zu vergleichen. Schon nach wenigen Kapiteln habe ich jedoch gemerkt, dass Schuld bist du vollkommen anders ist als Jutta Maria Herrmanns Debüt, in dem sich die Autorin zwar auch im weitesten Sinne mit dem Thema Schuld beschäftigt, das aber sehr viel ruhiger erzählt ist. Jakob Auerbachs verzweifelte Suche nach seiner Frau und seiner kleinen Tochter ist jedenfalls ungleich rasanter und actionreicher als die eher gemächliche, aber etwas tiefgründigere Erzählung in Herrmanns Debüt.
In einem zweiten Erzählstrang begleitet der Leser eine Frau, die im Krankenhaus am Bett eines Mannes sitzt, der an Maschinen angeschlossen ist und offenbar nur noch geringe Überlebenschancen hat. In welcher Verbindung die unbekannte Ich-Erzählerin zu dem Mann steht, der neben ihr mit dem Tod ringt, und was ihm zugestoßen ist, erfährt man jedoch zunächst nicht. Sie sitzt an seinem Sterbebett und erzählt ihm die Geschichte einer Frau namens Grit, die ihr offenbar sehr nahesteht. Obwohl dieser Handlungsstrang in der Ich-Perspektive erzählt wird, der Leser die Gedanken und Gefühle dieser Frau also hautnah miterlebt und auch erfährt, welches traumatische Ereignis in ihrer Jugend noch immer ihr Leben überschattet, bleibt sie äußerst rätselhaft und mysteriös. Auch die Geschichte, die sie erzählt ist äußerst erschütternd, allerdings ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, inwiefern dieser zweite Erzählstrang mit Jakob Auerbach und dessen Familie zusammenhängt.
Jakobs Suche nach seinem Kind und seiner Frau entwickelt sich im weiteren Handlungsverlauf zu einem absoluten Albtraum, dem ich mit angehaltenem Atem folgte. Was Jakob während seiner Suche widerfährt und welche unheimlichen Begegnungen und Entdeckungen er macht, gleicht einer einzigen Horror-Odyssee. Während ich zu Beginn noch alles recht nachvollziehbar und realistisch fand, war ich irgendwann vollkommen verwirrt, denn das, was Jakob erlebt, wird immer surrealer, unglaubwürdiger und absurder. Ich reagiere ja immer ein wenig allergisch auf abwegige Zufälle und vollkommen unlogische Wendungen. Da sich solche an den Haaren herbeigezogenen Zufälle häuften, die Geschichte immer unlogischer und abstruser wurde und die Zusammenhänge immer weniger Sinn ergaben, war ich manchmal fast schon ein wenig ungehalten. Jakobs Suche nach seiner Familie war aber trotzdem so spannend und mitreißend, dass ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen konnte und einfach hoffte, dass es für dieses surreale Szenario eine halbwegs schlüssige Erklärung gibt. Allerdings habe ich Jakobs Wahrnehmungen nicht mehr getraut, nicht zuletzt, weil auch er selbst immer wieder befürchtet, den Verstand zu verlieren. Doch gerade diese unzuverlässige Erzählweise trägt letztendlich enorm zur Spannung dieses Psychothrillers bei.
Ich war jedoch sehr gespannt, wie die Autorin es schaffen will, den Plot noch irgendwie logisch und stimmig aufzulösen, vor allem, weil ich auch kurz vor dem Ende noch immer nicht erkennen konnte, welche Verbindung nun zwischen Jakob und der Frau, die im Krankenhaus am Sterbebett dieses Mannes sitzt, besteht. Jutta Maria Herrmann hat mich allerdings nicht enttäuscht, denn sie führt nicht nur beide Erzählstränge gekonnt zusammen, sondern überraschte mich auch mit einem schlüssigen und realistischen Ende. Auch wenn die Autorin nicht für alle Ungereimtheiten eine Erklärung liefert, ergibt im Nachhinein betrachtet nun alles einen Sinn.
In Hotline hatte mich ein bisschen gestört, dass die Geschichte etwas vorhersehbar war, was man von Schuld bist du jedoch nicht behaupten kann. Sprachlich und erzähltechnisch hat mir Herrmanns Debüt allerdings ein wenig besser gefallen, während mich Schuld bist du nun vor allem aufgrund des deutlich rasanteren Erzählstils und des raffinierten und ausgefallenen Plots überzeugen konnte.
Das Thema Schuld und Verdrängung zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Erzählung und gibt dem Leser nach der Lektüre auch Anlass, über den eigenen Umgang mit Schuld nachzudenken.
Ein sehr außergewöhnlich konstruierter Psychothriller, der mich trotz zeitweiliger Irritationen vollkommen begeistern konnte und von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und die Verlagsgruppe Droemer Knaur, die mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jutta Maria Herrmann: Schuld bist du
Verlag: Knaur TB
Ersterscheinungsdatum: 01. Juni 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-426-51851-9

Cover: Droemer Knaur

Buchrezension: Mats Strandberg – Die Überfahrt

Mats Strandberg - Die ÜberfahrtInhalt:

Die meisten Passagiere an Bord der schwedischen Ostsee-Fähre Baltic Charisma wollen sich einfach nur amüsieren. Das 170 Meter lange Fährschiff, das Tag für Tag dieselbe Route von Stockholm nach Finnland und wieder zurück fährt, ist zwar schon etwas in die Jahre gekommen und keineswegs luxuriös ausgestattet, aber die Gäste interessieren sich ohnehin vor allem für den billigen zollfreien Alkohol und die ausgelassene Partystimmung an Bord. Auch diesmal haben sich wieder 1200 Passagiere eingefunden, die einfach ihrem Alltag entfliehen, sich betrinken, feiern und Spaß haben wollen oder auf der Suche nach einem unverbindlichen erotischen Abenteuer sind. Die Besatzung hat alle Hände voll zu tun, nicht zuletzt das Wachpersonal, das in diesem Chaos für ein bisschen Ordnung sorgen soll, damit die Stimmung aufgrund des hohen Alkoholkonsums nicht eskaliert.
Niemand achtet auf die stark geschminkte, dunkelhaarige Frau und den kleinen blonden Jungen, die mit einem Wohnmobil an Bord gekommen waren. Niemand bemerkt die ängstlichen Blicke der Frau, die befürchtet, dass ihr Sohn kurz davor steht, eine Grenze zu überschreiten, und weiß, was passieren wird, wenn er es tut. Niemand ahnt, dass mit ihnen ein uraltes Grauen das Schiff betreten hat und die Baltic Charisma bald zur tödlichen Falle wird, aus der es kein Entkommen gibt.

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Die Überfahrt von Mats Strandberg und fieberte dem Ersterscheinungstag geradezu entgegen, denn ich liebe Thriller, die mich mit meinen eigenen Ängsten konfrontieren. Das klingt für jeden, der gerne Schiffsreisen unternimmt, sicher furchtbar albern, aber bereits der Schauplatz dieses Thrillers kommt für mich einem Albtraum gleich. Für mich gibt es kaum etwas Beklemmenderes als Schiffe, und schon allein die Vorstellung, an einem von Wasser umgebenen Ort sein zu müssen, den ich nicht jederzeit verlassen kann, treibt mir den puren Angstschweiß auf die Stirn. Ich war mir also ziemlich sicher, dass Die Überfahrt ein überaus spannendes und beklemmendes Leseerlebnis wird, zumal der Autor auf dem Cover als „der schwedische Stephen King“ bezeichnet und auch mit Justin Cronin verglichen wird. Dass man diesen Vergleichen nicht trauen kann, ist mir durchaus bewusst, aber trotzdem falle ich immer wieder auf solche werbewirksamen Aussagen herein. Man tut einem Autor aber sicher keinen Gefallen, wenn man die Messlatte derart hoch anlegt und eine Erwartungshaltung schürt, der der Roman dann nicht gerecht werden kann. Ich habe jedenfalls nicht einmal ansatzweise Gemeinsamkeiten mit King oder Cronin erkennen können, was jedoch keinesfalls der einzige Grund war, weshalb mich Die Überfahrt letztendlich doch sehr enttäuscht hat.
Dabei beginnt die Erzählung durchaus vielversprechend, wenn auch nicht gerade besonders spannend, denn auf den ersten hundert Seiten passiert eigentlich nichts. Allerdings gelingt es Mats Strandberg ausgezeichnet, die überaus klaustrophobische Atmosphäre und die Stimmung auf der Baltic Charisma perfekt einzufangen und dieses gewaltige und etwas heruntergekommene Schiff vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen.
Außerdem lernt man im ersten Teil dieses Thrillers die Passagiere und Besatzungsmitglieder näher kennen, aus deren Perspektive die Geschehnisse dann erzählt werden. Mit viel gutem Willen kann man hier eine kleine Gemeinsamkeit mit Stephen King erkennen, der ebenfalls sehr viel Zeit darauf verwendet, seine Charaktere einzuführen und eine Vorliebe für gebrochene Figuren und soziale Außenseiter hat. Allerdings schafft es King, seinen Figuren Kontur zu verleihen und lebendige und unverwechselbare Charaktere zu erschaffen, während ich manche Protagonisten in Strandbergs Thriller kaum voneinander unterscheiden konnte. Am Anfang fiel es mir besonders schwer, den Überblick über das Personal des Romans zu behalten, und manchen Figuren fehlte eben auch leider die nötige Tiefe, sodass sie etwas schablonenhaft wirkten. Einen Hauptprotagonisten auszumachen, ist unmöglich, denn die Geschichte wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt, von denen keine besonders heraussticht. Eines haben allerdings alle Charaktere gemeinsam – sie sind allesamt vom Schicksal gebeutelte und gebrochene Figuren, seien es nun die Besatzungsmitglieder oder die Passagiere.
Im Gedächtnis blieb mir vor allem ein abgehalfteter ehemaliger Schlagerstar, der in der Karaokebar des Schiffes arbeitet, das Ende seiner Karriere noch immer nicht verkraftet hat, äußerst verbittert ist und seinen Frust mit Sex, Alkohol und Kokain betäubt. Im Grunde verachtet er die Passagiere, die er nun unterhalten muss, um überhaupt noch seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, und verhöhnt die Frauen, die ihn noch immer hingebungsvoll anschmachten und zumindest seine sexuellen Bedürfnisse befriedigen. Er ist ein äußerst verabscheuungswürdiger Charakter und keineswegs ein Protagonist, mit dem man mitfiebern könnte. Albin, ein kleiner Junge, der mit seinen Adoptiveltern an Bord ist, ist mir allerdings sehr ans Herz gewachsen. Seine Adoptivmutter sitzt im Rollstuhl, der Vater ist ein depressiver Alkoholiker, der zu heftigen Wutausbrüchen neigt und im nächsten Moment wieder in weinerliche Depressionen verfällt. In der Familie wird jedoch nicht über diese Probleme gesprochen, und so freut sich Albin, dass er auf dieser Schiffsreise wenigstens seine Cousine Lo wiedersehen darf, die er lange nicht mehr gesehen hat. Doch Lo hat sich verändert, steckt mitten in der Pubertät, bunkert jetzt schon heimlich kleine Wodkafläschchen und ist Albin fremd geworden.
Auch wenn mir außer Albin und einem homosexuellen jungen Mann, der die Fahrt auf der Baltic Charisma nutzt, um seinem Lebensgefährten einen Heiratsantrag zu machen, niemand so recht sympathisch war, hat mir der Einstieg in die Geschichte sehr gut gefallen, obwohl lange nichts Spektakuläres passiert. Langweilig war es trotzdem nicht, die Personen kennenzulernen, die dazu verdammt sind, die kommenden vierundzwanzig Stunden miteinander auf dieser Fähre zu verbringen, die für alle bald zu einer tödlichen Falle werden soll.
Mit steigendem Alkoholpegel sinken die Schamgrenzen und Hemmschwellen immer mehr, aber aus diesem Grund waren ja die meisten Passagiere überhaupt an Bord gekommen –  um sich sinnlos zu betrinken und alle Hemmungen fallen zu lassen. Die Partystimmung hat ihren Höhepunkt fast erreicht, als das Grauen dann hereinbricht.
Schon auf den ersten Seiten spürt man, dass mit der stark geschminkten, dunkelhaarigen Frau mit dem zerfurchten Gesicht und ihrem kleinen, etwa fünf Jahre alten Sohn etwas nicht stimmt. Allerdings erfährt man nichts Näheres über die beiden, sodass der Horror, der nun ausbricht, doch etwas unvermittelt kommt. Auch wenn es zunächst noch äußerst schockierend und auch spannend war, dieses Horrorszenario aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten, wurde mir das Blut, das nun eimerweise aus den Seiten triefte, schnell zu viel. Ich kann wirklich viel aushalten, habe auch keinen empfindlichen Magen, aber effekthascherisches Gemetzel allein ist eben furchtbar nichtssagend und auf Dauer auch sehr ermüdend. Als der erste Schock überwunden war und sich nur noch ein unappetitliches Szenario an das nächste reihte, habe ich mich nämlich leider auch schrecklich gelangweilt, zumal schon absehbar war, wie die Geschichte endet. Ein paar gute Ansätze waren durchaus erkennbar, wurden dann allerdings in wenigen Sätzen abgehandelt und verliefen leider wieder im Sande. Jede Chance, der Geschichte noch ein bisschen Tiefgang zu verleihen, wurde ungenutzt fallengelassen, sodass außer billigem Splatter eigentlich nichts mehr übrigblieb.
Und gerade das ist es, was Strandbergs Roman von Werken von King und Cronin unterscheidet, denn diese beiden Autoren schaffen es, Horror auf hohem Niveau zu erzählen, nicht jedes blutige Detail in allen Einzelheiten zu beschreiben, sondern das wahre Grauen im Kopf des Lesers entstehen zu lassen und den ewigen Kampf von Gut gegen Böse in all seinen Facetten zu zeigen. Weniger ist eben tatsächlich häufig mehr, und etwas weniger Blut und Gedärme und dafür etwas mehr Tiefgang hätten diesem Roman sehr gut getan. Wer blutigen und brutalen Splatter mag, wird an Die Überfahrt spätestens nach hundert Seiten seine Freude haben, aber mein Geschmack ist das leider gar nicht, weshalb mich dieser Horrorthriller leider enttäuscht hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Mats Strandberg: Die Überfahrt
Verlag: Fischer TOR
Ersterscheinungsdatum: 24. Mai 2017
512 Seiten
ISBN 978-3-596-29599-9

Buchrezension: Hollie Overton – Babydoll

Hollie Overton - BabydollInhalt:

Lily Riser war sechzehn Jahre alt, als sie von Rick Hanson entführt wurde. Seit acht Jahren wird sie von ihrem Peiniger in einer Hütte im Wald gefangen gehalten, gedemütigt, erniedrigt und missbraucht. Lily kennt das Geräusch des Riegelschlosses genau, wenn Rick sie wieder einschließt und die Hütte verlässt, aber an einem kalten Winterabend hört sie das Klicken des Schlosses nicht. Sie will zunächst nicht glauben, dass Rick, der Vater ihrer kleinen Tochter Sky, tatsächlich vergessen hat, die Tür abzuschließen, denn er ist viel zu gewissenhaft und präzise, um Fehler zu machen. Vielleicht stellt er sie nur wieder auf die Probe und will testen, ob sie es noch immer wagt, sich ihm zu widersetzen, aber als sie vorsichtig die Klinke nach unten drückt, schwingt die Tür auf und sie kann tatsächlich nach draußen. Sie weckt die kleine Sky, drückt sie fest an sich und rennt los, so schnell sie kann.
Ihre Mutter Eve, die sich in eine schwache und gebrochene Frau verwandelt hat, kann es kaum fassen, dass Lily noch am Leben ist, als diese mit ihrer kleinen Tochter vor ihrer Türe steht. Auch Lilys Zwillingsschwester Abby ist überglücklich, dass Lily endlich wieder bei ihr ist, denn sie ist nie über den Verlust ihrer Zwillingsschwester hinweggekommen, hat sich mit Alkohol und Drogen betäubt und hatte Mühe, ihrem Leben ohne Lily etwas Ordnung und Struktur zu verleihen. Trotzdem muss die Familie nun feststellen, dass es selbst nach Lilys Rückkehr nicht möglich ist, wieder zur Normalität zurückzukehren, denn die Wunden, die die Entführung bei der ganzen Familie hinterlassen hat, sind viel zu tief, zumal der Medienrummel nicht abreißen will und die kleine Sky, die ihr ganzes bisheriges Leben in Isolation verbracht hat, Probleme hat, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.
Allerdings ahnt zunächst niemand, dass der wahre Schrecken erst jetzt beginnt.
Rick Hanson konnte zwar gefasst werden und sitzt im Gefängnis, aber er schmiedet dort einen teuflischen Plan und hat sich fest vorgenommen, Lily für ihren Ungehorsam zu bestrafen.

Meine persönliche Meinung:

Ich muss ja zugeben, dass der Titel Babydoll mich ein wenig abgeschreckt hat, aber als ich den Klappentext gelesen hatte, musste ich dieses Buch einfach lesen. Als es dann bei mir angekommen ist, habe ich es fast in einem Rutsch durchgelesen, denn es war so mitreißend, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Die Erzählung setzt da ein, wo andere Entführungsgeschichten enden, nämlich an dem Tag, an dem es Lily gelingt, ihrem Peiniger zu entkommen, weil dieser vergessen hatte, die Tür der Hütte zu verriegeln, in der sie die letzten Jahre eingesperrt war. Schon auf den ersten Seiten hielt ich den Atem an, denn Lilys Flucht ist bereits sehr spannend und auch erschütternd, zumal man erfährt, dass sie während ihrer achtjährigen Gefangenschaft ein Kind von ihrem Entführer bekommen hat und auf jeder Seite ihre Angst spüren kann.
Im nächsten Kapitel wechselt die Perspektive dann zu ihrem Entführer Rick Hanson, der inzwischen zwar bemerkt hat, dass er vergessen hatte, die Tür abzuschließen, aufgrund seiner Nachlässigkeit auch verärgert und ein wenig beunruhigt ist, aber davon ausgeht, dass Lily es ohnehin niemals wagen würde, zu fliehen. Er befindet sich gerade auf dem Weg nach Hause zu seiner Frau Missy, einer sehr einfältigen Person, die nichts vom Doppelleben ihres Mannes weiß. Rick verachtet seine Frau, aber er braucht sie eben, um die Fassade des ehrbaren Lehrers aufrechtzuerhalten. In die Gedankenwelt dieses Mannes einzutauchen, ist schon zu Beginn dieses Psychothrillers überaus verstörend, aber im weiteren Handlungsverlauf haben mir die Passagen, die aus Ricks Perspektive geschildert werden, geradezu die Sprache verschlagen.
Die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt. Abwechselnd kommen Lily, ihre Zwillingsschwester Abby, ihre Mutter Eve und ihr Entführer Rick Hanson zu Wort. Obwohl der Fokus der Erzählung auf der Zeit nach Lilys Rückkehr und den Folgen der Entführung liegt, wirft der Leser mit jedem Protagonisten auch einen Blick zurück in die Vergangenheit und erfährt, was in den vergangenen acht Jahren passiert ist. Hollie Overton hat alle Charaktere ihres Romans sehr glaubwürdig ausgearbeitet und psychologisch präzise gezeichnet.
Vor allem Lilys Schicksal ging mir sehr nahe, denn die unsäglichen Qualen und Misshandlungen, die sie während ihrer achtjährigen Gefangenschaft erleiden musste, waren sehr schockierend. Ihr Körper ist das offizielle Beweismittel für Ricks perverse Neigungen; doch noch schlimmer als die Narben und Brüche, sind die psychischen Schäden, die er ihr zugefügt hat, indem er sie jahrelang ihrer Freiheit und ihrer Jugend beraubte und alles versucht hat, sie zu brechen. Ich mochte Lily von der ersten Seite an und war sehr beeindruckt von ihrer Stärke, ihrem Mut und der Entschlossenheit, mit der sie für ein neues Leben für sich und ihre kleine Tochter kämpft.
Lilys enge und liebevolle Bindung zu ihrem Kind, das während einer der unzähligen Vergewaltigungen gezeugt wurde, hat mich häufig zu Tränen gerührt. Die kleine Sky liebt ihren Vater, denn sie hat außer ihm nie einen anderen Menschen kennengelernt und weiß nicht, dass er ein Ungeheuer ist, das ihre Mutter geschlagen und gequält hat, da Lily immer dafür sorgte, dass ihr Kind das nicht mitbekommt. Sky kannte bislang nur die Isolation, hat große Mühe, sich nun in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden, die Reizüberflutung und die neuen Eindrücke zu verarbeiten und möchte wieder zurück in die vertraute Hütte im Wald und zu ihrem Vater. Das klingt zunächst etwas irritierend, ist aber aus der Sicht dieses Kindes auf geradezu erschütternde Weise nachvollziehbar.
Lily stellt sehr schnell fest, dass es für sie unmöglich ist, wieder zur Normalität zurückzukehren. Sie denkt viel darüber nach, was sie in den letzten Jahren versäumt hat, war gerade frisch verliebt, als sie im Alter von sechzehn Jahren aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurde und würde nun gerne alles nachholen. Allerdings muss sie erkennen, dass die vergangenen acht Jahre nicht nur bei ihr, sondern auch bei ihrer Familie sehr tiefe Wunden hinterlassen haben und sie nie wieder dort anknüpfen kann, wo ihre unbekümmerte Jugend einst endete.
Ihr Vater ist kurz nach ihrer Entführung an einem Herzinfarkt verstorben, weil er den Verlust seines Kindes nicht verkraften konnte. Ihre Mutter Eve ist eine zerbrechliche und schwache Frau geworden, die sich in unverbindliche Affären stürzte, um ihren Sorgen und der Einsamkeit zu entfliehen. Lilys Zwillingschwester Abby hingegen hat sich mit Drogen und Alkohol betäubt, wollte sich umbringen und selbst dafür bestrafen, dass nicht sie, sondern ihre Schwester entführt wurde. Man merkt deutlich, dass die Autorin selbst eine Zwillingsschwester hat, denn die besondere Verbindung, die zwischen Zwillingen besteht, wird sehr eindrucksvoll und nachvollziehbar geschildert. Als Abby erfährt, dass Lily die vergangenen Jahre ganz in ihrer Nähe gefangen gehalten wurde, sie den Entführer sogar kannte und ihm tagtäglich begegnete, gerät sich vollkommen außer Kontrolle. Ich mochte Abby nicht besonders, denn sie war mir häufig ein wenig zu impulsiv, aber dennoch hat mich ihre enge Bindung an ihre Zwillingsschwester sehr berührt.
Besonders verstörend und schockierend waren allerdings die Passagen, die aus der Perspektive von Rick erzählt wurden, denn Hollie Overton hat einen so abgrundtief bösen Charakter geschaffen, wie man ihn selbst im Thrillergenre nur selten findet. Die Autorin hat auch ihren Antagonisten überaus präzise ausgearbeitet und lässt den Leser in die dunkelsten Abgründe menschlicher Grausamkeit blicken. Nach Lilys Flucht wird Rick zwar sehr schnell gefasst, aber er schmiedet im Gefängnis einen teuflischen Plan. Er will Lily nicht ungeschoren davonkommen lassen, sondern sie für ihren Ungehorsam bestrafen. Seine Gedankengänge sind äußerst abstoßend, denn dieser Mann besitzt keinerlei Unrechtsbewusstsein oder Skrupel. Irritierend ist vor allem, dass er behauptet, Lily zu lieben und sogar davon ausgeht, dass sie ihm Dankbarkeit schuldet. Er war sich sicher, ihren Willen gebrochen zu haben und kann es nicht fassen, dass sie es tatsächlich gewagt hat, sich ihm zu widersetzen. Obwohl er im Gefängnis sitzt, ist zu befürchten, dass es ihm gelingt, seine Pläne in die Tat umzusetzen, denn das besonders Gefährliche an diesem Mann ist, dass er überaus intelligent und charismatisch ist und Menschen sehr geschickt manipulieren kann.
Die Spannung dieses Psychothrillers resultiert vor allem aus der ständigen Gefahr, die noch immer von diesem perversen Psychopathen ausgeht. Doch nur der Leser weiß, was Rick vorhat, während Lily und ihre Familie verzweifelt versuchen, wieder etwas Normalität in ihr Leben zu bringen, aber recht arglos sind und sich zumindest sicher fühlen.
Mir hat Babydoll ausgesprochen gut gefallen, auch wenn das Ende ein bisschen zu gewollt und nicht gerade originell war. Selten hat mich ein Roman so tief berührt und gleichzeitig so hochspannend unterhalten. Durch die angenehme Kapitellänge und den flüssigen Schreibstil der Autorin flog ich geradezu durch die Seiten und fieberte das ganze Buch hinweg mit Lily und ihrer Familie mit. Ein grandioses Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich bald noch mehr lesen darf!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Hollie Overton: Babydoll
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 15. Mai 2017
352 Seiten
ISBN: 978-3-442-20520-2

Cover: Goldmann Verlag

Mein Monatsrückblick Mai 2017

Nach zwei abgebrochenen Büchern und einer ordentlichen Leseflaute im April, konnte es im Mai ja fast nur besser werden. Glücklicherweise wurde es das auch, denn schon zu Beginn des vergangenen Monats ist ein Buch bei mir eingetroffen, das mich so gefesselt und begeistert hat, dass ich wieder richtig Spaß am Lesen bekommen habe. Und so blicke ich auf einen sehr erfreulichen Lesemonat ohne Leseflops zurück, in dem ich sogar gleich drei Bücher mit 5 Sternchen bewerten konnte.

Ich habe im Mai fünf Bücher gelesen; das waren 2224 Seiten, also durchschnittlich ca. 72 Seiten pro Tag.

Mit einem Klick auf das Cover oder den Buchtitel gelangt Ihr zu meinen ausführlichen Rezensionen (die noch ausstehenden Rezensionen folgen in den nächsten Tagen).

Luca D'Andrea - Der Tod so kalt

Das erste Buch, das ich im Mai gelesen habe, sollte dann auch gleich mein Monatshighlight werden. Der Tod so kalt von Luca D’Andrea war ein überaus spannender und abwechslungsreicher Thriller, der mich vor allem aufgrund seines imposanten Settings und der düsteren Grundstimmung begeistern konnte. Auch der Protagonist war hervorragend ausgearbeitet, sodass ich gerne an seiner Seite mitgefiebert habe.

Louise Millar - Allein die Angst

Ich freue mich immer, wenn ich auf meinem Stapel ungelesener Bücher bislang unentdeckte Buchschätzchen finde, mit denen ich gar nicht mehr gerechnet hätte. Trotz eines etwas zu gemächlichen Einstiegs in die Geschichte und ein paar kleinen logischen Ungereimtheiten hat mir Allein die Angst von Louise Millar sehr gut gefallen. Ein gelungener Psychothriller, der ohne Blutvergießen auskommt und aufgrund der bedrohlichen Atmosphäre für Gänsehaut sorgt.

Carla Berling - Mordkapelle

Ein bisschen enttäuscht war ich hingegen von Mordkapelle von Carla Berling, dem vierten Band der Krimireihe um die Lokalreporterin Ira Wittekind. Während der Kriminalfall sehr gut durchdacht und spannend war und auch zum Miträtseln einlud, haben mich das Privatleben der Ermittlerfigur und die gewollt komischen Momente doch etwas gestört und gelangweilt. Ein netter und unterhaltsamer Krimi für Zwischendurch, aber leider kein Krimihighlight, das im Gedächtnis bliebe.

Hollie Overton - Babydoll

Von Babydoll von Hollie Overton hatte ich eigentlich gar nicht viel erwartet, denn die Grundidee ist nicht besonders neu und originell. Ich habe in der letzten Zeit viele Bücher über entführte Kinder gelesen, die Jahre nach ihrem Verschwinden wieder zu ihren Familien zurückkehren, aber nur selten wurde diese Thematik so innovativ umgesetzt und so berührend und gleichzeitig hochspannend ausgearbeitet wie in diesem Roman. Obwohl das Ende für mein Empfinden nicht gerade spektakulär war, hat mich Babydoll vollkommen überzeugt, sehr spannend unterhalten und häufig auch zu Tränen gerührt. (eine ausführliche Rezension ist in Arbeit)

Stephen King - Mr. Mercedes

Stephen Kings Bücher begleiten mich nun schon seit mehr als dreißig Jahren. Dabei haben mir vor allem immer die Romane besonders gut gefallen, in denen der „Meister des Grauens“ auf Horrorelemente verzichtet. Wer in Mr. Mercedes auf Horrorclowns oder andere Monsterwesen wartet, wird vielleicht ein bisschen enttäuscht sein, aber Stephen King hat im Auftakt seiner Bill-Hodges-Serie ein Monster in Menschengestalt entworfen, wie es böser kaum sein kann und wieder einmal bewiesen, dass seine wahren Stärken in der Figurenzeichnung liegen. Ein grandios erzählter und mitreißender Roman, der mich restlos begeistern konnte (eine ausführliche Rezension folgt)

© Claudia Bett

 

Buchrezension: Louise Millar – Allein die Angst

Louise Millar - Allein die AngstInhalt:

Callie ist geschieden und zieht ihre herzkranke Tochter Rae seit fünf Jahren alleine groß. Sie fühlt sich sehr einsam, ausgeschlossen und isoliert, denn außer ihrer Nachbarin Suzy hat sie keine sozialen Kontakte. Suzy ist verheiratet, Mutter von drei Kindern, geht ganz in ihrer Mutterrolle auf und muss sich um Geld keine Sorgen machen, während Callie zu gerne wieder als Sounddesignerin arbeiten würde, um eine Aufgabe zu haben, Kontakte zu knüpfen und von ihrem Exmann finanziell unabhängig zu sein.
Nun hat Callie jedoch wieder die Möglichkeit bekommen, in ihrem alten Job zu arbeiten. Sie ist überglücklich, macht sich aber auch Sorgen um ihre Tochter Rae, die unter einem angeborenen Herzfehler leidet. Rae wird zwar in einem Hort betreut, möchte auch langsam selbständiger werden, aber Callie hat immer Angst, dass ihr Kind stürzt oder sich überanstrengt, denn das könnte fatale Folgen haben. Sie ist sehr erleichtert, dass Suzy sie unterstützen möchte und sich bereiterklärt, Rae vom Hort abzuholen, falls Callie länger arbeiten muss. Außerdem ist da noch Debs, die neue Nachbarin, die zwar ein wenig merkwürdig und überspannt zu sein scheint, aber Lehrerin ist, als Kinderbetreuerin in Raes Hort arbeitet und denselben Heimweg hat.
Doch dann stürzt das kleine Mädchen auf dem Nachhauseweg und muss sofort ins Krankenhaus. Callie macht sich schwere Vorwürfe, glaubt aber zunächst noch an ein Missgeschick. Als sich die seltsamen Vorkommnisse jedoch häufen, keimt in ihr allmählich der schreckliche Verdacht, dass ihr Kind in großer Gefahr schwebt und sie vielleicht den falschen Personen vertraut.

Meine persönliche Meinung:

Louise Millars Debüt Allein die Angst lag schon ziemlich lange ungelesen in meinem Regal. Die ersten Seiten habe ich zwar schon vor einiger Zeit gelesen, das Buch dann aber wieder zur Seite gelegt, weil mich die ersten Kapitel nicht gerade umgehauen haben. Beim Ausmisten meiner Bücherregale ist mir Allein die Angst nun kürzlich wieder in die Hände gefallen. Ich spielte schon mit dem Gedanken, es auszusortieren, was ich gerade bei ungelesenen Büchern jedoch äußerst ungern tue, und beschloss deshalb, diesem Psychothriller doch noch eine zweite Chance zu geben. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn entgegen meinen Erwartungen hat mir Allein die Angst dann doch sehr gut gefallen, auch wenn, was Spannung und Logik anbelangt, noch etwas Luft nach oben gewesen wäre.
Der Einstieg in die Geschichte ist ein wenig zäh und gleicht eher einem Psychodrama als einem Thriller. Allerdings lernt man Callie, Suzy und Debs, die drei Hauptcharaktere, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden, in den ersten Kapiteln sehr gut kennen und erhält tiefe Einblicke in ihren Alltag und ihr Innenleben. Besonders auffallend war, dass Callie aus der Ich-Perspektive berichtet, während die Autorin für die Kapitel, die aus Suzys und Debs‘ Sicht erzählt werden, die personale Erzählperspektive gewählt hat. Der Leser wird also sehr geschickt in eine bestimmte Richtung gelenkt, denn während man Suzy und Debs zwar bei allem begleitet, was sie erleben, fühlen und beobachten, baut man nur zu Callie eine ganz besondere Nähe auf, da man quasi in ihre Rolle schlüpft. Callie steht nicht nur im Fokus der Erzählung, sondern wird durch die gewählte Ich-Perspektive auch zur Identifikationsfigur für den Leser, was im weiteren Handlungsverlauf jedoch für etwas Verwirrung sorgt. Da die Autorin ihre Figuren sehr fein, glaubwürdig und psychologisch ausgefeilt gezeichnet hat, konnte ich mich aber zunächst sehr gut in Callie einfühlen und nachempfinden, wie einsam und verzweifelt sie ist. Die letzten fünf Jahre wurde ihr Leben von der Sorge um ihre herzkranke Tochter bestimmt. Callie ist vollkommen isoliert, hat keine sozialen Kontakte, niemanden, der sie unterstützt und trägt die Verantwortung für ihr krankes Kind alleine. Ihr Exmann hat eine neue Beziehung, arbeitet im Ausland, unterstützt sie zwar finanziell, aber dennoch ist das Geld meistens knapp. Callie freut sich, als sie die Chance bekommt, wieder in ihrem alten Job zu arbeiten, ihrer Isolation zu entkommen und ihrem Kind auch finanziell wieder mehr bieten zu können. Doch als die kleine Rae auf dem Nachhauseweg stürzt und ins Krankenhaus eingeliefert werden muss, macht sie sich große Vorwürfe. War ihr Wunsch, wieder arbeiten zu gehen, vielleicht zu egoistisch? Wie konnte es überhaupt zu diesem schweren Sturz kommen? Wer sorgt dafür, dass die kleine Rae keine Freunde findet und überall ausgegrenzt wird? Und wer sollte einen Grund haben, das kleine Mädchen absichtlich zu verletzen? Debs, die merkwürdige neue Nachbarin? Man könnte doch meinen, dass das Kind in der Obhut einer Lehrerin, die in der Kinderbetreuung arbeitet, gut aufgehoben ist. Oder steckt Callies Freundin Suzy hinter den seltsamen Vorkommnissen? Aber Suzy ist selbst Mutter, liebt Kinder über alles und weiß auch, dass Rae aufgrund ihres Herzfehlers besondere Fürsorge braucht. Außerdem ist Suzy Callies Freundin und hat ihr versprochen, sie zu unterstützen.
Diese beiden Frauen in Callies Umfeld sind äußerst dubiose und sehr ambivalente Figuren. Vor allem Debs verhält sich überaus merkwürdig. Sie ist Lehrerin und mit ihrem Mann erst kürzlich in Callies Nachbarschaft gezogen, ist vollkommen überspannt, hypernervös, geradezu paranoid und fühlt sich ständig verfolgt und bedroht. Sie stört sich an jedem noch so harmlosen Geräusch, verliert vollkommen die Kontrolle, wenn sie einen Staubsauger, das Rauschen einer Toilettenspülung oder das Sirren eines vorbeifahrenden Skateboards hört und wittert hinter jeder Banalität einen persönlichen Affront. Sie ist furchtbar anstrengend, ging mir auch ziemlich auf die Nerven, tat mir aber häufig auch leid. Man ahnt recht schnell, dass der Auslöser ihrer Psychose in ihrer Vergangenheit zu finden ist und irgendetwas Schreckliches vorgefallen sein muss. Offenbar fürchtet sie sich vor allem vor den Angehörigen eines Mädchens namens Daisy, fühlt sich von ihnen verfolgt und schikaniert. Aber was hat sie diesem Mädchen angetan? Hat Debs schon einmal ein Kind verletzt und ist nun auch für Raes Unfall verantwortlich?
Aber auch Suzy verhält sich äußerst verdächtig. Man möchte diese Frau weder zur Nachbarin noch zur Freundin haben. Sie ist krankhaft eifersüchtig, besitzergreifend, aufdringlich und geradezu übertrieben fürsorglich. Suzy versteht es recht gut, ihre Ängste und Schwächen geschickt zu verbergen, gibt sich nach außen selbstbewusst, souverän und humorvoll, versucht sich selbst und anderen einzureden, dass sie glücklich und zufrieden ist und eine harmonische Ehe führt, während sie tief in ihrem Inneren von Verlustängsten geplagt wird und ständig befürchtet, dass ihr Mann sie betrügen oder sich Callie von ihr abwenden könnte. Callie würde sich auch gerne ein wenig von ihrer Freundin distanzieren, denn außer den Kindern verbindet sie eigentlich nichts mit Suzy. Diese recht fragwürdige Frauenfreundschaft beruht nicht auf Gemeinsamkeiten oder gar auf Sympathie, sondern nur auf der Angst vor dem Alleinsein und ist im Grunde eine reine Zweck- und Nutzengemeinschaft. Callie braucht Suzys Unterstützung, wenn sie wieder arbeiten möchte und Rae nicht rechtzeitig vom Hort abholen kann. Suzy drängt sich ihr auch regelrecht auf, ist geradezu versessen darauf, sich nützlich und unabkömmlich zu machen, aber dennoch hatte ich ständig den Verdacht, dass sie Callie ihren beruflichen Wiedereinstieg nicht gönnt, sondern ihn torpedieren will. Aber würde sie soweit gehen und deshalb der kleinen Rae etwas antun? Schließlich liebt sie Kinder über alles und ist eine geradezu überfürsorgliche Mutter.
Nach dem etwas zähen Einstieg ist die bedrohliche Situation, in der sich Callie und ihre kleine Tochter befinden, auf jeder Seite spürbar und sorgt durchgehend für subtile Spannung. Der Kreis der Verdächtigen ist sehr klein, aber dennoch war ich mir lange nicht sicher, wer nun hinter all den rätselhaften Vorkommnissen steckt. Es ist nicht ganz einfach, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, weil die drei Hauptcharaktere sehr ambivalent angelegt sind – nicht nur Debs und Suzy, sondern auch Callie. Auch Callie hat ein dunkles Geheimnis, das jedoch sehr spät enthüllt wird. Das ist umso schockierender, weil Callie die einzige Identifikationsfigur ist, man sich ihr besonders nahe fühlt und bislang den Eindruck hatte, alles über diese Frau zu wissen. Vor dem Hintergrund dieser neuen Information erscheint nun plötzlich alles in einem vollkommen anderen Licht, bleibt aber nicht minder spannend. Nach dieser Wendung machte, rückwirkend betrachtet, leider vieles, was zuvor passiert ist, überhaupt keinen Sinn mehr, worunter die Logik dann doch sehr gelitten hat. Das ist überaus bedauerlich bei einem Psychothriller, der ansonsten glaubwürdig und psychologisch spannend erzählt wurde und in einem mitreißenden Showdown endet.
Trotzdem hat mir Allein die Angst sehr gut gefallen, zumal sich der Schreibstil der Autorin sehr angenehm lesen lässt und die Dramaturgie des Buches sehr gelungen ist. Ein fesselnder Psychothriller um Freundschaft, Vertrauen und Verrat, der ohne Brutalität auskommt und trotzdem für Gänsehaut sorgt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Louise Millar: Allein die Angst
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 05. April 2012
384 Seiten
ISBN: 978-3-596-19376-9

Cover: S. Fischer Verlag

Buchrezension: Carla Berling – Mordkapelle

Carla Berling - MordkapelleInhalt:

Ira Wittekind ist Mitte fünfzig und Lokalreporterin bei Tag 7. Eigentlich wollte sie mit ihrem Lebensgefährten auf den Rehmer Markt, die Kirmes in Bad Oeynhausen, und dort einen entspannten Sommerabend verbringen. Doch dann erfährt sie von ihrer Freundin Coco, dass die Friedhofskapelle gebrannt hat und man vor dem Altar einen noch brennenden Toten fand. Als Ira kurz darauf am Tatort eintrifft, bietet sich ihr ein schockierender Anblick: In der abgebrannten Ruine der Friedhofskapelle steht ein Rollstuhl, in dem eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche sitzt. Bei dem Toten handelt es sich offenbar um den angesehenen Apotheker Ludwig Hahnwald, der trotz seines betagten Alters nur der „schöne Ludwig“ genannt wurde. Aber wer hatte einen Grund, den alten Mann zu töten, von dem alle nur voller Hochachtung reden und der für seine Großzügigkeit bekannt war? Ira Wittekind beginnt zu recherchieren und stößt dabei auf ein düsteres Geheimnis, finstere Intrigen, eine verratene Liebe und ein lange zurückliegendes Unrecht, das nie gesühnt wurde.

Meine persönliche Meinung:

Ich hatte mal wieder richtig Lust auf einen spannenden Krimi zum Miträtseln und bin bei meiner Suche nach neuem Lesestoff auf Mordkapelle von Carla Berling gestoßen. Bei deutschen Kriminalromanen bin ich inzwischen immer ein wenig skeptisch, denn entweder stecken sie so voller Lokalkolorit, dass man auch gleich einen Reiseführer lesen könnte, oder sie sind so gewollt komisch, dass sie eher einer albernen Slapstickkomödie gleichen. Beides geht leider meistens auf Kosten eines intelligenten Plots und vor allem der Spannung. Der Klappentext von Carla Berlings Kriminalroman klang allerdings äußerst vielversprechend, und so war ich sehr gespannt auf Mordkapelle, den vierten Band der Reihe um die Lokalreporterin Ira Wittekind. Die ersten drei Bände dieser Krimireihe wurden allerdings im Selbstverlag veröffentlicht, während Mordkapelle nun der erste Band ist, der kürzlich bei Heyne erschien, aber man muss die vorhergehenden Bände nicht zwingend kennen, um der Handlung folgen zu können. Ich hatte jedenfalls nie den Eindruck, dass mir entscheidende Vorkenntnisse fehlen, um Ira Wittekind bei ihrem vierten Fall zu begleiten, denn man lernt die Protagonistin und das Umfeld, in dem sie lebt und arbeitet, sehr gut kennen, und der Kriminalfall ist in sich abgeschlossen. Erfreulicherweise hielt sich das Lokalkolorit in Grenzen, sodass man Bad Oeynhausen nicht kennen muss, um seine Freude an diesem Krimi zu haben.
Man merkt, dass Carla Berling selbst jahrelang als Lokalreporterin tätig war, und es hat mir sehr gut gefallen, dass sie in ihrem Kriminalroman keinen klassischen Ermittler, sondern eine Journalistin ins Rennen schickt. Besonders sympathisch war mir, dass Ira Wittekind nicht mehr ganz jung, sondern bereits Mitte fünfzig ist, eigentlich ein recht intaktes Privatleben hat und weder unter Depressionen noch unter Psychosen leidet. Ein bisschen neurotisch ist sie freilich, aber weit entfernt von den vielen gebrochenen Ermittlerfiguren, die ansonsten in der Krimilandschaft zu finden sind und mir allmählich etwas auf die Nerven gehen. Die Protagonistin ist sehr glaubwürdig angelegt und hat durchaus die nötigen Ecken und Kanten. Sympathisch war sie mir trotzdem nicht, denn für mein Empfinden war sie einfach eine Spur zu kühl und tough, aber ich muss Charaktere auch nicht zwingend mögen, wenn mich ein Buch ansonsten begeistert und die Geschichte spannend erzählt und raffiniert gestrickt ist.
Das Privatleben der Ermittler interessiert mich allerdings meistens nicht besonders, weshalb ich die Passagen, in denen Ira Wittekinds Beziehung zu ihrem Freund Andy und ihr familiäres Umfeld im Vordergrund stehen, etwas langweilig fand. Besonders genervt war ich von zwei alten Tanten, die gemeinsam mit Ira und ihrem Lebensgefährten auf dem Hof von Andys Familie leben und sich – streng nach dem Motto „Nich‘ lang schnacken, Kopp in’n Nacken“ – bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit einen hinter die Binde gießen. Selbst wenn das am Anfang noch recht komisch war, wurde es mir irgendwann zu viel und einfach eine Spur zu albern. Die Darstellung der beiden alten Damen war leider sehr überzeichnet, sodass sie auf mich eher wie Karikaturen wirkten. Ich bin zwar nicht vollkommen humorbefreit, aber solche gewollt komischen Momente stören mich in Kriminalromanen doch sehr und treffen auch nicht unbedingt mein Komikzentrum. Iras Lebensgefährte Andy, der ein sehr liebenswürdiger, verlässlicher und überaus geduldiger Partner an ihrer Seite ist, und auch ihre beste Freundin Coco mochte ich hingegen sehr gerne.
Ira Wittekinds Privatleben und ihre Bedenken, mit ihrem Freund eine Ehe einzugehen, haben mich ein bisschen gestört und auch sehr gelangweilt, aber der spektakuläre Mordfall, in dem sie ermittelt, nimmt in der Erzählung glücklicherweise einen breiteren Raum ein und konnte mich auch weitaus mehr begeistern. Bereits die Tötungsart und der Tatort sind schon überaus bizarr, aber besonders rätselhaft ist das Motiv, denn Ludwig Hahnwald, das Mordopfer, war äußerst beliebt, hatte für jeden ein freundliches Wort übrig, war großzügig, hilfsbereit, ein kompetenter Apotheker und angesehener Geschäftsmann, der von jedem geachtet und von den Frauen noch immer umschwärmt wurde. Wer sollte also einen Grund haben, den betagten Mann zu töten? Bei ihren Recherchen findet Ira Wittekind jedoch sehr schnell heraus, dass das Mordopfer ein hartherziger Patriarch war. Obwohl das Bild des vermeintlich perfekten und allseits beliebten Apothekers allmählich bröckelt, scheint auf den ersten Blick niemand ein Motiv gehabt zu haben, ihn zu ermorden. Während Ira immer tiefer in die Abgründe einer furchtbaren Familientragödie vordringt, muss sie allerdings feststellen, dass ihr ein Newsblogger mit reißerischen Schlagzeilen stets einen Schritt voraus ist. Außerdem wird sie von einem anonymen Anrufer tyrannisiert und fühlt sich zunehmend bedroht. Offenbar möchte jemand unbedingt verhindern, dass sie der Wahrheit auf die Spur kommt.
Ich fand es nicht gerade glaubwürdig, wie mühelos Ira Wittekind bei ihren Recherchen an die nötigen Informationen kommt. Es war jedenfalls erstaunlich, wie bereitwillig die meisten Befragten aus dem privaten Umfeld des Opfers die Lokalreporterin mit recht delikaten Familieninterna versorgen, die man am nächsten Tag nicht unbedingt in der Zeitung lesen möchte und – abgesehen von der Polizei – auch keinem Außenstehenden anvertrauen würde. Eine besonders ausgeklügelte Taktik, mit der es ihr gelingt, das Vertrauen der Befragten zu gewinnen, konnte ich jedenfalls nicht erkennen. Auch die Ermittlungsarbeit der Polizei war mir ein vollkommenes Rätsel. Ira Wittekind ist bei ihren Recherchen jedenfalls weitaus erfolgreicher, stößt dabei auf ein erschütterndes Familiengeheimnis und zahlreiche Verdächtige.
Es war sehr interessant, an Iras Seite immer tiefer in die düstere Vergangenheit des Mordopfers einzutauchen, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen und fleißig mitzurätseln, wer den Mord begangen haben könnte. Auch wenn ich den Kriminalfall und seine Hintergründe sehr spannend fand und die Abgründe, die sich hinter der Fassade des vermeintlich ehrenhaften und allseits beliebten Mordopfers auftaten, äußerst erschreckend waren, war mir die Erzählweise der Autorin häufig ein wenig zu gemächlich. Carla Berlings Sprache ist einfach, lässt sich angenehm und flüssig lesen, aber nervenzerreißende Hochspannung oder das Gefühl, das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu wollen, konnte bei mir leider nicht aufkommen. Der Kriminalfall war allerdings gut durchdacht, durchaus glaubwürdig und logisch konstruiert. Das Ende war ebenfalls schlüssig, wenn auch nicht besonders überraschend. Die etwas zähe Ermittlungsarbeit, Ira Wittekinds recht unspektakuläres Privatleben und die klischeehaften Figuren, die für mein Empfinden zu wenig Tiefe hatten, konnten mich allerdings nicht so recht überzeugen.
Für mich war Mordkapelle ein solider und zuweilen recht unterhaltsamer Kriminalroman zum Miträtseln, dem es jedoch leider etwas an Spannung und dem nötigen Tiefgang fehlte. Ein netter Krimi für Zwischendurch, aber nichts, was im Gedächtnis bliebe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐  (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Carla Berling: Mordkapelle
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 10. April 2017
400 Seiten
ISBN 978-3-453-41996-4

Cover: Heyne Verlag

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im Juni 2017

Der Mai neigt sich schon wieder seinem Ende, und so wurde es Zeit, mich wieder durch die Verlagsvorschauen zu wühlen und nach neuem Lesestoff zu suchen. Meine Wunschliste platzt zwar aus allen Nähten, von meinem Stapel ungelesener Bücher will ich gar nicht erst reden, aber dennoch kann ich es nicht lassen, jeden Monat nach spannenden Neuerscheinungen Ausschau zu halten. Aus Gründen der Selbstdisziplin habe ich mich aber auch diesmal wieder auf fünf Bücher beschränkt und hoffe, dass ich mit meiner kleinen Auswahl richtig liege.

Die Frauen von Salem von Brunonia BarrySalem, Neuengland: drei tote Frauen, ein kleines Mädchen als Augenzeugin und eine bekannte Historikerin unter Mordverdacht – ein Fall, der nie ganz gelöst werden konnte. Auf den Tag genau fünfundzwanzig Jahre nach dieser unheilvollen Nacht, an Halloween 2014, wird wieder ein Mord verübt. Erneut wird Rose Whelan verdächtigt, der man damals jedoch nichts nachweisen konnte. John Rafferty, Polizeichef in Salem, untersucht den aktuellen Fall und rollt im Zuge der Ermittlungen auch diesen berühmtesten Cold Case der Stadt wieder auf. Callie Cahill, das Mädchen, das damals verschont wurde und später Salem verließ, erfährt aus dem Fernsehen von dem Mord – und kommt zurück in ihre Heimatstadt, denn sie muss beweisen, dass Rose nicht die Täterin sein kann. Rose, die Frau, bei der sie aufwuchs, die ihr einst so nahe stand. Sie kann es einfach nicht gewesen sein – weder damals noch heute. Oder etwa doch? (Klappentext: btb)

Brunonia Barry: Die Frauen von Salem
Verlag: btb
Ersterscheinungstermin: 13. Juni 2017
Taschenbuch – 608 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-442-71436-0


Murder Park von Jonas WinnerZodiac Island vor der Ostküste der USA: ein beliebter Freizeitpark – bis dort ein Serienmörder drei junge Frauen auf bestialische Weise tötet. Der Täter Jeff Bohner wird schnell gefasst, der Park aber geschlossen. Die Schreie der Opfer scheinen vergessen zu sein. 20 Jahre später: Die Insel soll zur Heimat werden für den Murder Park – eine Vergnügungsstätte, die mit unseren Ängsten spielt. Paul Greenblatt wird zusammen mit elf weiteren Personen auf die Insel geladen. Und dann beginnen die Morde.

Ein Killer ist auf der Insel …keiner kann dem anderen trauen …die nächste Fähre kommt erst in drei Tagen … (Klappentext: Heyne)

 

Jonas Winner: Murder Park
Verlag: Heyne
Ersterscheinungstermin: 13. Juni 2017
Klappenbroschur – 416 Seiten – 12,99 €
ISBN: 978-3-453-42176-9


Ich will brav sein von Clara WeissDer Sommer steht vor der Tür, als die Studentin Juli das kleine Dachzimmer in dem charmanten Münchner Mietshaus bezieht. Sie teilt die Wohnung mit der jungen Schauspielerin Greta, die ihr auf Anhieb sympathisch ist, und zunächst ist Juli glücklich in ihrer neuen Umgebung. Doch dann mehren sich die Hinweise, dass Greta ein ebenso undurchsichtiges wie grausames Spiel mit ihr treibt – und während eine mörderische Hitzewelle die Stadt wie eine Glocke umschließt, gerät Julis Leben immer mehr zur Hölle: Sie entdeckt eine Leiche auf dem Dachboden, ihre beste Freundin verschwindet, ein stummes Mädchen im Treppenhaus versetzt sie in Angst und Schrecken. Als sich weitere Todesfälle ereignen, weiß sie, dass auch sie selbst in höchster Gefahr ist. Aber da ist es fast schon zu spät … (Klappentext: Goldmann)

Clara Weiss: Ich will brav sein
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 19. Juni 2017
Taschenbuch – 416 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-442-48604-5


Die Verlassene von Mary TorjussenSie hat ihn geliebt. Er hat sie verlassen. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

Er ist weg. Verschwunden. Hat sie verlassen. Ohne Nachricht, ohne etwas zu hinterlassen. Hannah ist verzweifelt. Ihr Freund Matt ist nicht mehr da, und es ist, als hätte es ihn nie gegeben. Denn nicht nur seine Sachen sind weg, auch seine Mails, seine Telefonnummer, jede Nachricht ist aus ihrem Handy gelöscht. Ist ihm etwas zugestoßen? Hat man ihm etwas angetan? Und plötzlich hat Hannah das Gefühl, beobachtet zu werden, glaubt, dass jemand in ihrer Wohnung war. Sie könnte ihr Schicksal stillschweigend ertragen und trauern. Aber sie findet keine Ruhe. Sie muss herausfinden, was passiert ist, egal wie … (Klappentext: Blanvalet)

Mary Torjussen: Die Verlassene
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungstermin: 19. Juni 2017
Taschenbuch – 416 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-7341-0444-2


Jutta Maria Herrmann - AmnesiaDu hast nichts zu verlieren.
Du hast eine mörderische Wut.
Und du kannst dich an nichts erinnern …
Als die Berlinerin Helen die Diagnose Krebs im Endstadium erhält, ist es ihr einziger Wunsch, sich vor ihrem Tod endlich mit ihrer Mutter auszusöhnen, zu der sie ein schwieriges und distanziertes Verhältnis hat. Bei ihrer Familie in der südwestdeutschen Heimat angekommen, muss sie dann schockiert erfahren, dass ihre schwangere Schwester Kristin von ihrem Ehemann Leon misshandelt wird. Am liebsten würde Helen Leon dafür umbringen, zu verlieren hat sie ja nichts mehr. Aber einen Menschen töten? Helen glaubt nicht, dass sie dazu wirklich fähig ist.
Am nächsten Morgen allerdings ist Leon tot – und Helen, die Medikamente mit schwersten Nebenwirkungen nimmt, hat keinerlei Erinnerung an die vergangene Nacht. Amnesie …

Die deutsche Spannungs-Autorin Jutta Maria Herrmann legt endlich nach und blickt mit ihrem düsteren und psychologisch tiefgründigen Thriller in die menschlichen Abgründe. Ein Psycho-Thriller der Extraklasse! (Klappentext: Knaur)

Jutta Maria Herrmann: AMNESIA – Ich muss mich erinnern
Verlag: Knaur
Ersterscheinungstermin: 01. Juni 2017
Taschenbuch – 304 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-426-51997-4

Buchrezension: Luca D’Andrea – Der Tod so kalt

Luca D'Andrea - Der Tod so kaltInhalt:

Der New Yorker Dokumentarfilmer Jeremiah Salinger fühlt sich nach seinem letzten erfolgreichen Filmprojekt vollkommen ausgebrannt und leer. Er beschließt, sich eine kleine Auszeit zu gönnen und mit seiner Frau Annelise und seiner kleinen Tochter Clara ein paar Monate in Siebenhoch zu verbringen, dem Heimatdorf seiner Frau in den Südtiroler Dolomiten. In dem abgelegenen, idyllischen Bergdorf glaubt er, etwas zur Ruhe zu kommen und viel Zeit mit seiner Familie verbringen zu können.
Während er eines Tages fasziniert den Hubschrauber der Bergrettung Dolomiten beobachtet, kommt ihm jedoch die Idee, einen Film über die Arbeit des Bergrettungsteams zu drehen. Als er die Crew bei einem Einsatz auf den Ortler begleitet, ereignet sich bei den Dreharbeiten ein schrecklicher Unfall, den Salinger als Einziger schwerverletzt in einer Gletscherspalte überlebt. Seitdem leidet er unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung, hat Panikattacken, Albträume und Wahnvorstellungen, in denen er immer wieder die Stimme der Bestie zu hören glaubt, die er zum ersten Mal in der Gletscherspalte am Ortler vernommen hatte. Er muss seiner Frau versprechen, sich nun zu schonen und mindestens ein Jahr nicht zu arbeiten.
Doch dann erfährt er zufällig, dass sich 1985 in der nahegelegenen Bletterbach-Schlucht ein furchtbares Verbrechen zugetragen hat, bei dem drei junge Einheimische bestialisch ermordet wurden. Salingers Schwiegervater und drei weitere Männer aus dem Dorf hatten die grausam zerstückelten Leichen gefunden, nachdem die drei jungen Leute nicht von einer Wanderung zurückgekehrt waren. Obwohl es zahlreiche Verdächtige gab, konnte der Mörder noch immer nicht gefasst werden. Salinger möchte unbedingt die Wahrheit über dieses dreißig Jahre zurückliegende Massaker herausfinden, aber als er beginnt, Fragen zu stellen, stößt er bei den Dorfbewohnern nur auf eine Mauer des Schweigens. Man gibt ihm unmissverständlich zu verstehen, dass es besser für ihn wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen, denn man will nicht, dass ein Fremder seine Nase in eine Angelegenheit steckt, die noch immer wie ein Fluch auf der Dorfgemeinschaft lastet. Aber Salinger schlägt alle Warnungen und Drohungen in den Wind. Er ist geradezu besessen davon, den Mörder zu finden und sicher, dass er die Stimme der Bestie nur zum Schweigen bringen kann, wenn es ihm gelingt, das Bletterbach-Massaker aufzuklären, selbst wenn er sich damit in große Gefahr begibt und riskiert, seine Familie zu verlieren.

Meine persönliche Meinung:

Wenn man an Südtirol denkt, kommen einem zunächst wunderschöne Landschaften, die schneebedeckten Gipfel der Alpen und Dolomiten, ein Meer von Weinbergen und Obstgärten sowie idyllisch gelegene Bergdörfer und blühende Almen in den Sinn. Ich bin eigentlich kein großer Fan von den Bergen, aber dennoch war ich gerade aufgrund des außergewöhnlichen Settings neugierig auf Der Tod so kalt von Luca D’Andrea, denn hinter dieser Postkartenidylle würde man eher einen beschaulichen Heimatroman als einen beklemmenden, zuweilen auch recht gruseligen Thriller vermuten. Die Gegend, in der Luca D’Andrea die Handlung seines Thrillers angesiedelt hat, kenne ich von diversen Urlauben recht gut, denn abgesehen von dem fiktiven Dörfchen Siebenhoch handelt es sich dabei um real existierende Orte. Die Landschaft Südtirols ist zweifellos wirklich traumhaft schön, aber auf mich wirkten die schroffen Berge auch immer ein wenig bedrohlich.
Und äußerst bedrohlich ist auch die Atmosphäre in Luca D’Andreas Thriller, nicht nur aufgrund der tückischen Gefahren, die in den Bergen lauern, sondern auch, weil der Autor die Dolomiten zum Schauplatz eines furchtbaren Verbrechens macht. Die Landschaft spielt in Der Tod so kalt eine sehr große Rolle. D’Andrea stammt selbst aus Bozen, kennt sich in der Gegend also bestens aus, ist auch mit den lokalen Brauchtümern, Legenden und Mythen vertraut und lässt diese immer wieder in die Handlung einfließen. Man merkt deutlich, dass der Autor vieles aus eigener Anschauung kennt, aber auch sehr akribisch recherchiert hat. Mir war die Legende vom Reich der Fanes bislang vollkommen unbekannt, und auch wenn ich ungefähr wusste, was ein Krampus ist, fand ich es sehr interessant, mehr über diese Schreckgestalt und das mit ihr verbundene Brauchtum zu erfahren. Auch die Auswirkungen des stetig zunehmenden Tourismus, der zur größten Einnahmequelle Südtirols geworden ist, sowie die Mentalität und die Eigenheiten der etwas verschrobenen Südtiroler beschreibt der Autor sehr authentisch und zeichnet ein überaus überzeugendes Porträt der verschworenen Dorfgemeinschaft des fiktiven Örtchens Siebenhochs.
Es ist für einen Fremden nicht ganz einfach, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen, was Salinger, der Protagonist in D’Andreas Thriller, immer wieder zu spüren bekommt. Obwohl seine Ehefrau eine Einheimische ist, begegnen ihm die Siebenhochler mit unverhohlenem Misstrauen, nicht nur, weil sie ihn als Eindringling empfinden, sondern weil sie ihm auch die Schuld an dem Unglück am Ortler geben, das Salinger als Einziger überlebt hat. Er selbst leidet seit dem Unfall unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung, Wahnvorstellungen und Panikattacken, die er zu überwinden versucht, indem er geradezu besessen alles daran setzt, das dreißig Jahre zurückliegende Bletterbach-Massaker aufzuklären, bei dem drei junge Einheimische auf bestialische Weise ermordet wurden. Doch die Dorfbewohner wollen nicht, dass sich ein Fremder in ihre Angelegenheiten einmischt. Sie versuchen mit allen Mitteln, Salinger einzuschüchtern und greifen ihn auch tätlich an, weil er sich von ihren Drohungen nicht beeindrucken lässt. Auch sein Schwiegervater bittet ihn inständig, seine Recherchen einzustellen, und seine Frau droht, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht schont. Doch Salinger lässt sich nicht beirren, denn er ist sicher, dass er die Stimme der Bestie, die er seit dem Unglück zu hören glaubt, nur zum Schweigen bringen kann, wenn es ihm gelingt, die Wahrheit über das Bletterbach-Massaker herauszufinden.
Der Autor hat seinen Protagonisten sehr fein gezeichnet und psychologisch glaubwürdig ausgearbeitet. Da das ganze Buch aus der Ich-Perspektive Salingers erzählt wird, man seine Gedanken, Ängste und Gefühlszustände also hautnah miterlebt, konnte ich mich sehr gut in ihn einfühlen. Er ist keineswegs ein mutiger Held, der ein dreißig Jahre zurückliegendes Verbrechen aufklären möchte, um sich zu profilieren, sondern ein gebrochener Charakter, der sich in eine Idee verrannt hat und dabei fast seinen Verstand verliert. Hin und wieder fiel es mir nicht leicht, Salingers Besessenheit für das Bletterbach-Massaker nachzuvollziehen, denn er begibt sich immer wieder in Gefahr, wird massiv bedroht und setzt außerdem auch seine Ehe aufs Spiel. Er liebt seine Familie über alles, und nur die Liebe zu seiner kleinen Tochter Clara bringt ihn hin und wieder zur Vernunft, denn er möchte sie auf keinen Fall verlieren. Doch dann gewinnt die Stimme der Bestie, die er seit dem Unglück am Ortler unaufhörlich zu hören glaubt, wieder die Oberhand. Er weiß, dass er sie nur zum Schweigen bringen kann und zur Ruhe kommen wird, wenn er den Mörder von damals entlarvt und ist ständig hin- und hergerissen zwischen seiner Familie und seiner Obsession. Die Momente mit seiner Tochter waren sehr berührend, denn das kleine Mädchen gibt ihrem Vater auf geradezu rührende Weise immer wieder Halt und Kraft. Nur das Buchstabenzählspiel, das die beiden ständig spielen und als eine Art Geheimsprache zwischen Vater und Tochter fungiert, ging mir irgendwann fürchterlich auf die Nerven, weil es doch sehr überstrapaziert wird.
Der Tod so kalt ist äußerst abwechslungsreich komponiert. Das ständige Wechselspiel zwischen sehr ruhigen, einfühlsamen Passagen und überaus rasanten, actionreichen Szenen hat mir ausgesprochen gut gefallen. Auch der Gruselfaktor kommt nicht zu kurz. Der Autor versteht es hervorragend, Spannung aufzubauen und sie das ganze Buch hinweg auf einem sehr hohen Level zu halten. Während man Salinger bei seiner gefährlichen Suche nach dem Mörder begleitet, wird man immer wieder mit neuen Verdächtigen konfrontiert und auf falsche Fährten gelockt. Zwischendurch hatte ich allerdings kurzfristig die Befürchtung, dass die Geschichte ins Phantastische abdriftet, als der Jaekelopterus rhenaniae, ein vor mehr als zweihundertfünfzig Millionen Jahren ausgestorbenes Riesenskorpion, des Mordes verdächtigt wird. Glücklicherweise waren meine Bedenken unbegründet, denn stattdessen gewährt der Autor hier sehr interessante Einblicke in die Geologie, Paläontologie sowie die ökologische Nischentheorie, jedoch ohne in einen wissenschaftlichen Ton zu verfallen. Der wendungsreiche Plot mündet nach einem fulminanten Showdown schließlich in ein durchaus realistisches, logisches und schlüssiges Ende, das mich sehr überrascht hat.
Mir hat Der Tod so kalt ausgesprochen gut gefallen und mich aufgrund der imposanten Kulisse, den überzeugenden Charakteren und der abwechslungsreichen und hochspannenden Erzählweise restlos begeistert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an die Deutsche Verlags-Anstalt, die mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Luca D’Andrea: Der Tod so kalt
Aus dem Italienischen von Verena v. Koskull
Verlag: DVA Belletristik
Ersterscheinungsdatum: 06. März 2017
480 Seiten
ISBN 978-3-421-04759-5

Cover: DVA

Buchrezension: Kanae Minato – Geständnisse

Kanae Minato - GeständnisseInhalt:

Manami, die vierjährige Tochter der alleinerziehenden Lehrerin Yūko Moriguchi, ist im Schwimmbecken der Schule, an der ihre Mutter unterrichtet, ertrunken. Die Polizei geht von einem tragischen Unfall aus, aber Moriguchi weiß, dass es Mord war und hat herausgefunden, dass zwei Schüler ihrer Klasse für den Tod ihrer kleinen Tochter verantwortlich sind. Am letzten Schultag vor den Ferien kündigt sie ihren Schülern an, dass sie die Schule nun für immer verlassen wird und sich aus dem Lehrerberuf zurückzieht. Doch bevor sie sich endgültig verabschiedet, hält sie vor ihrer Klasse noch eine Rede und konfrontiert ihre Schüler mit einem erschütternden Geständnis. Da Moriguchi der Justiz nicht zutraut, die Mörder ihrer Tochter angemessen zu bestrafen, hat sie die Polizei nicht verständigt und hält die Namen der beiden Täter ganz bewusst geheim. Stattdessen hat sie nun selbst dafür gesorgt, dass sie ihr Verbrechen bereuen werden, denn sie sollen am eigenen Leib die Konsequenz ihrer Tat spüren und den Wert des Lebens endlich begreifen. Mit ihrem ebenso kalkulierten wie erbarmungslosen Racheplan setzt sie ein tödliches Drama in Gang, das nicht nur die beiden jugendlichen Mörder zu vernichten droht.

Meine persönliche Meinung:

Als ich Geständnisse von Kanae Minato in der Verlagsvorschau entdeckte, wusste ich nicht, dass das Buch bereits 2010 verfilmt wurde und 2011 auch in den deutschen Kinos lief. An mir ist dieser Film jedenfalls vollkommen vorbeigegangen, aber da ich ohnehin immer erst das Buch lesen möchte, bevor ich mir die Verfilmung anschaue und die deutsche Übersetzung der Buchvorlage erst im März 2017 erschien, war ich ganz froh, diesen Roman nun völlig unvoreingenommen entdecken zu können.
Mich hat Geständnisse von Kanae Minato vollkommen überrascht, denn was auf dem Klappentext zunächst nach einem recht gewöhnlichen Roman mit Thrillerelementen und einer nicht gerade besonders neuen Grundidee klang, entpuppte sich als ein außergewöhnlich düsteres, tiefgründiges und verstörendes Psycho- und Sozialdrama und war in jeder Hinsicht nicht nur anders, sondern vor allem viel besser, als ich es erwartet hätte.
Die Erzählung beginnt mit der Rede, die Moriguchi am letzten Schultag vor den Ferien vor ihrer Klasse hält. In ihrer Abschiedsrede verkündet sie, dass sie nach dem Tod ihres Kindes nun beschlossen hat, die Schule zu verlassen und dem Lehrerberuf den Rücken zu kehren, erläutert aber auch, warum sie überhaupt Lehrerin geworden ist. Erst am Ende ihrer Ansprache beschuldigt sie zwei Schüler ihrer Klasse, ihre kleine Tochter ermordet zu haben. Obwohl sie keine Namen nennt, wissen die beiden Betroffenen und auch deren Mitschüler sofort, wen Moriguchi für den Tod ihres Kindes verantwortlich macht. Schockiert stellt sie fest, wie gelassen und ungerührt die beiden Täter ihren Worten folgen. Doch das ändert sich, als sie die Bombe platzen lässt und ganz sachlich und unverblümt ihren genauen Racheplan offenbart. Sie glaubt nicht an eine angemessene Bestrafung vonseiten der Justiz, aber es geht ihr ohnehin nicht um Gerechtigkeit, sondern um Rache, Vergeltung, echte Reue und Erkenntnis der Schuld. Bereits die ersten Seiten sind äußerst verstörend, denn Moriguchi ist bei ihrer Ansprache völlig emotionslos, kühl und nüchtern. Ihre Rache ist erbarmungslos, abgrundtief böse, aber auch eine Art Lehrstück, das jedoch nicht nur darauf abzielt, die Mörder ihrer Tochter zur Besinnung zu bringen und ihre Tat zu bereuen, sondern die beiden Jugendlichen systematisch zu zerstören und zu vernichten – psychisch und auch sozial. Trotz der Nüchternheit und Kälte, die in Moriguchis Worten mitschwingen und trotz der Gnadenlosigkeit, mit der sie ihren Rachefeldzug führt, hat mich ihre Ansprache tief berührt. Ich konnte erschreckend gut nachvollziehen, was sie empfindet und warum sie auf diese Weise Vergeltung üben will.
Somit werden also bereits im ersten Kapitel Tat, Täter und auch Moriguchis Rachepläne enthüllt. Man könnte also meinen, dass die Geschichte nun vollständig erzählt ist, da alles Wichtige schon erwähnt wurde, aber die Hintergründe der Tat, die Motivation der Mörder sowie die Folgen, die Moriguchis spezielle Rachepädagogik nach sich zieht, offenbaren sich erst im weiteren Verlauf der Erzählung und werden nun aus verschiedenen Perspektiven geschildert.
In den folgenden Kapiteln kommen weitere Beteiligte zu Wort – eine Mitschülerin, eine Mutter sowie die Schwester eines Täters und auch die beiden Mörder selbst. Mit jedem Perspektivwechsel kommen neue Details an die Oberfläche und ergeben sich neue Blickwinkel auf die Tat und auch auf die Auswirkungen von Moriguchis Rache. Dies führt natürlich zu Wiederholungen, denn dieselben Geschehnisse werden dabei immer wieder aufs Neue, aber eben aus einer anderen Perspektive erzählt. Dennoch ist der Roman niemals langweilig, denn gerade die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ereignisse und ihre Hintergründe machen den eigentlichen Reiz dieser Erzählung aus. Mit jeder weiteren Erzählperspektive und mit jeder neuen Version der Geschichte verschwimmen auch die Grenzen zwischen Täter und Opfer immer mehr, denn obwohl die Tat der beiden jugendlichen Mörder verabscheuungswürdig bleibt und durch nichts gerechtfertigt wird, sind auch sie Opfer. Sie sind nicht nur Opfer von Moriguchis Rache, die sie zunehmend vernichtet, sondern vor allem Opfer einer außerordentlich leistungsorientierten Gesellschaft. Dennoch war es mir nicht möglich, Mitleid für die beiden Jugendlichen zu empfinden, denn für ihr Verhalten und ihr abscheuliches Verbrechen gibt es keine Entschuldigung, höchstens eine Erklärung.
Die Autorin gewährt in Geständnisse sehr tiefe Einblicke in das japanische Schulsystem und die japanische Leistungsgesellschaft, in der das Streben nach Erfolg und ein geradezu übermächtiger Druck, stets der Beste sein zu müssen, recht bizarre Formen annehmen und zu Vereinsamung, Narzissmus, Aggressionen, psychischen Störungen und zerrütteten Familiengefügen führt. So beschreibt Kanae Minato in ihrem Roman auch sehr präzise das Phänomen des „Hikikomori“. Bei diesem Begriff handelt es sich um den japanischen Fachausdruck für eine besondere Form der Sozialphobie. Er bezieht sich auf Personen, überwiegend auf Jugendliche, die sich vollkommen von der Gesellschaft zurückziehen, das Haus ihrer Eltern nicht mehr verlassen und aus Angst, sich immer mit anderen messen zu müssen, dabei zu versagen und dem Druck nicht gewachsen zu sein, keine sozialen Kontakte pflegen und sich vollständig isolieren.
Die Einblicke in diese, für mich bislang vollkommen fremde Kultur haben mich überaus fasziniert und auch sehr nachdenklich gestimmt. Sicherlich ist vieles, was in diesem Roman thematisiert wird, dem japanischen Schulsystem und der extrem leistungs- und fortschrittsorientierten japanischen Gesellschaft geschuldet, aber ich würde trotzdem nicht so weit gehen, zu behaupten, dass die angesprochenen Probleme nur in Japan und nicht auch bei uns zu finden sind. Das Hauen und Stechen an Schulen, Hochschulen und auch im Beruf, Mobbingattacken, mit denen die Konkurrenz ausgeschaltet werden soll, der enorme Leistungsdruck angesichts stetig wachsender Anforderungen und die teilweise geradezu krankhafte Sucht nach Anerkennung und Erfolg sind auch in unserer Gesellschaft tagtäglich zu sehen und nehmen mitunter beängstigende Ausmaße an.
Mich hat dieser Roman sehr erschüttert und tief bewegt. Neben dem raffinierten Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven und den faszinierenden Einsichten in die japanische Gesellschaft, hat mich vor allem auch der nüchterne, lakonische Erzählstil der Autorin begeistert, denn gerade dadurch gewinnt das Erzählte eine ungeheure Intensität. Völlig frei von Sentimentalität und ohne effekthascherische und reißerische Töne, gewährt Kanae Minato Einblicke in die tiefsten und bösesten Abgründe der menschlichen Seele.
Geständnisse ist ein äußerst düsterer Roman, der wenig Optimistisches aufweist und auch mit keinem versöhnlichen Ende aufwarten kann. Auf die melancholisch-deprimierende Grundstimmung muss man sich ebenso einlassen können wie auf die fremde Kultur. Mich hat Geständnisse von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und vollkommen in seinen Bann gezogen. Zweifellos hat dieses großartige Buch jetzt schon die besten Aussichten, eines meiner Jahreshighlights zu werden. Ein grandioser Roman um Schuld und Sühne, Rache und Vergeltung von ungeheurer Sogkraft!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den C. Bertelsmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Kanae Minato: Geständnisse
Aus dem Japanischen von Sabine Lohmann
Verlag: C. Bertelsmann
Ersterscheinungsdatum: 27. März 2017
272 Seiten
ISBN 978-3-570-10290-9

Cover: C. Bertelsmann Verlag

Mein Monatsrückblick April 2017

Was das Lesen anbelangt, war der April für mich so wechselhaft wie das Wetter. Zum einen habe ich einen grandiosen Roman gelesen, der schon jetzt die besten Aussichten hat, eines meiner Jahreshighlights zu werden, und zum anderen habe ich nacheinander gleich zwei Bücher abgebrochen, die mich in eine so tiefe Leseflaute gerissen haben, dass ich mehr als eine Woche überhaupt nichts gelesen habe.

Da ich abgebrochene Bücher nicht mitzähle, fällt meine Lesestatistik für den April auch äußerst dürftig aus. Ich habe nur drei Bücher beendet, zähle deshalb auch nur 1104 Seiten, also ca. 36,8 Seiten pro Tag. Gelesen habe ich allerdings fast 700 Seiten mehr, denn ein Buch, das ich abgebrochen habe, habe ich immerhin fast 500 Seiten lang durchgehalten und ein weiteres habe ich auch bis zur Hälfte gelesen, bis ich schließlich aufgegeben habe.

Das Scherbenhaus von Susanne KliemIn den April gestartet bin ich mit Das Scherbenhaus von Susanne Kliem, einem wirklich spannenden und beklemmenden Psychothriller, der mir sehr gut gefallen und mich vor allem auch gefesselt hat. Leider war das Ende ein bisschen schwach, aber dennoch möchte ich für dieses Buch unbedingt eine Leseempfehlung aussprechen.

 

Kanae Minato - GeständnisseWeiter ging es dann mit Geständnisse von Kanae Minato, meinem absoluten Highlight des vergangenen Monats. Ein grandioser Roman um Rache, Schuld und Gerechtigkeit, der sehr verstörende Einblicke in die japanische Leistungsgesellschaft gewährt und mich sehr nachdenklich zurückließ. Absolut empfehlenswert!

 

Dan Simmons - Drood

Abgebrochen! Nach diesem Ausflug nach Japan wollte ich unbedingt ins England des 19. Jahrhunderts reisen. Es bot sich an, mich wieder einer Lesegruppe in Facebook anzuschließen, mit der ich zu Beginn des Jahres bereits Terror von Dan Simmons gelesen hatte und die sich nun gemeinsam Simmons Drood vornahm. Terror hatte mir sehr gut gefallen, vor allem, weil Dan Simmons ein wirklich grandioser Erzähler ist, für seine Romane sehr akribisch recherchiert und historische Fakten und Persönlichkeiten, sehr geschickt in eine fiktionale Geschichte einbettet. In Drood widmet sich Simmons nun dem Schriftsteller Charles Dickens und lässt aus der Perspektive seines Schriftstellerkollegen Wilkie Collins, der stets im Schatten seines besten Freundes stand, Dickens letzte Lebensjahre noch einmal Revue passieren. Ich weiß nicht, ob Dickens tatsächlich so selbstverliebt, egozentrisch und arrogant war, wie er von Simmons dargestellt wird, aber der Dickens in Drood, der stets nach Verehrung und Bewunderung lechzt, war mir von der ersten Seite an unsympathisch. Wilkie Collins hingegen mochte ich eigentlich, und der süffisante Unterton, mit dem er seinen Freund Dickens beschreibt, war mitunter auch sehr komisch, aber auf die Dauer doch recht anstrengend. Da Collins außerdem opiumabhängig ist, fiel es mir zunehmend schwer, ihn noch ernstzunehmen. Es ist Simmons wirklich ausgezeichnet gelungen, die schaurige Londoner Unterwelt sehr bildgewaltig und eindrücklich zu beschreiben, aber leider kam die Geschichte nicht voran. Simmons erzählt so detailliert und ausschweifend, dass ich mich nur noch durch die Seiten quälte. Man braucht schon ein ausgesprochen großes Interesse an Charles Dickens und seinen Werken, wenn man all diese Details wirklich wissen möchte – ich wollte sie jedenfalls nicht so genau wissen und kenne mich mit Dickens Büchern auch zu wenig aus, um an diesen Ausflügen in sein Werk Gefallen zu finden. Die eigentliche Handlung gerät durch diese seitenlangen Abschweifungen so ins Stocken, dass ich mich unendlich gelangweilt und nach der Hälfte dieses fast 1000 Seiten starken Romans entnervt aufgegeben habe.

Susanne Goga - Das Haus in der Nebelgasse

Abgebrochen! Allerdings stand mir der Sinn noch immer nach einem Roman, der im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Da ich, was die Zeit anbelangt, nicht ganz so kleinlich sein wollte, nahm ich mir den Roman Das Haus in Nebelgasse von Susanne Goga vor, der im Jahre 1900 in London spielt. Nach den ersten Seiten war ich sicher, dass dieser historische Roman genau das ist, wonach ich gesucht hatte, aber meine anfängliche Euphorie wandelte sich leider recht schnell in gähnende Langeweile. Die historischen Hintergründe waren durchaus gut recherchiert, aber ansonsten war mir das Buch einfach zu seicht. Auch die schaurige Atmosphäre, die mir bei Simmons immerhin recht gut gefallen hatte, hat mir hier leider vollständig gefehlt. Zu behaupten, dass die Handlung dahinplätschert, wäre fast noch übertrieben, aber spätestens nachdem sich dann auch noch die in historischen Romanen obligatorische Romanze ankündigte, war es mit meiner Geduld und meinem Interesse an dieser Geschichte endgültig vorbei. Ich stehe mit meiner Meinung zu diesem Buch ziemlich alleine da, denn bislang habe ich nur begeisterte Stimmen vernommen, aber mein Geschmack war es eben ganz und gar nicht.

Ich hasse es, Bücher abzubrechen, denn das hinterlässt so ein unbefriedigendes Gefühl. Außerdem lässt mich meistens der Verdacht nicht los, etwas verpasst zu haben, vor allem dann, wenn ich mit einem Buch schon so viel Zeit verbracht habe, wie mit Dan Simmons Drood, aber angesichts einer endlichen Lese- und Lebenszeit und einer Fülle von grandiosen Büchern, die noch darauf warten, entdeckt zu werden, sollte man sich auch nicht durch Geschichten quälen, die einen langweilen. Von historischen Romanen habe ich jedenfalls erstmal wieder genug, und die Lust auf England ist mir auch ein wenig vergangen. Dummerweise war mir aber auch ganz generell die Lust am Lesen abhandengekommen, sodass ich mehr als eine Woche zu gar keinem Buch mehr gegriffen habe.

Chevy Stevens - Blick in die AngstIm Fall einer so akuten Leseflaute hilft eigentlich nur noch ein spannender Thriller, der mich vollkommen in seinen Bann zieht. Ich entschied mich für Blick in die Angst von Chevy Stevens, da mich diese Autorin mit ihrem Debüt Still Missing vor ein paar Jahren restlos überzeugt hat. Leider war Blick in die Angst deutlich schwächer, als Stevens‘ Erstlingswerk, aber trotzdem überaus spannend. Auf jeden Fall hat mich dieser Thriller sehr gefesselt und mir auch den Spaß am Lesen wieder zurückgebracht.

© Claudia Bett

Buchrezension: Chevy Stevens – Blick in die Angst

Chevy Stevens - Blick in die AngstInhalt:

Dr. Nadine Lavoie ist Psychiaterin und arbeitet in der psychologischen Ambulanz einer Klinik in Victoria. Als dort eines Tages eine junge Patientin eingeliefert wird, die versucht hat, sich umzubringen, muss sich Nadine unverhofft auch mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Ihre neue Patientin hat bis vor Kurzem der Kommune River of Life angehört, einer Sekte, die seit Jahrzehnten von Aaron Quinn angeführt wird. Diese spirituelle Lebensgemeinschaft ist auch Nadine bestens bekannt, denn sie hat als Kind mit ihrer Mutter und ihrem Bruder ebenfalls dort gelebt. Seitdem leidet sie unter Klaustrophobie und hat Angst im Dunkeln, vermutet zwar, dass sich dies auf ihre Erlebnisse in der Kommune zurückführen lässt, kann sich aber nicht erinnern, was ihr damals passiert ist. Doch je länger sie sich jetzt mit dem Schicksal ihrer Patientin beschäftigt, umso deutlicher drängen ihre eigenen traumatischen Erinnerungen nun an die Oberfläche. Nadine will sich unbedingt daran erinnern, was ihr in ihrer Kindheit widerfahren ist, nicht zuletzt, weil sie befürchtet, dass sich ihre drogenabhängige Tochter inzwischen ebenfalls in den Fängen der Sekte befindet. Allerdings ahnt sie zunächst nicht, in welche Gefahr sie sich begibt, wenn sie Aaron Quinn und seinen Anhängern in die Quere kommt.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe vor einigen Jahren Chevy Stevens Debüt Still Missing – Kein Entkommen gelesen, einen Thriller, der wirklich unfassbar spannend war und mich so restlos begeistert hat, dass er mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Das will wirklich etwas heißen, denn viele Bücher dieses Genres sind fast ebenso schnell vergessen wie gelesen. In meiner Euphorie habe ich mir nach und nach alle anderen Bücher von Chevy Stevens gekauft, allerdings keines davon gelesen. Ich bewahre mir solche Bücher, bei denen ich sicher bin, dass sie mir gefallen werden, gerne auf, denn falls ich in eine Leseflaute gerate, möchte ich jederzeit zu einem Buch greifen können, das mich so fesselt, dass ich wieder Freude am Lesen gewinne. Ich war in den letzten Wochen in einer gehörigen Leseflaute und habe nacheinander zwei Bücher abgebrochen, die so gähnend langweilig waren, dass ich mehr als eine Woche überhaupt kein Buch in die Hand nehmen wollte. Und so habe ich beschlossen, endlich wieder zu einem Thriller von Chevy Stevens zu greifen. Ich habe mich für Blick in die Angst, den dritten Thriller der Autorin, entschieden, weil der Klappentext sehr spannend tönte und mich vor allem die Sekten-Thematik interessierte. Mein Vorhaben hat durchaus funktioniert, denn dieses Buch hat mich wieder aus meiner Leseflaute gerissen, weil es einfach unglaublich packend und fesselnd war, aber dennoch war ich ein bisschen enttäuscht.
Nadine Lavoie, die im Fokus dieses Thrillers steht, war mir bereits aus Stevens‘ Erstlingswerk bekannt, ist dort allerdings nur eine unbedeutende Randfigur, sodass man Still Missing nicht gelesen haben muss, um der Handlung in Blick in die Angst folgen zu können. Trotzdem sollte man das Debüt der Autorin unbedingt gelesen haben, denn es ist einfach um Längen besser, als ihr drittes Buch. Eines muss man Chevy Stevens trotzdem lassen – sie versteht es auch in diesem Thriller wieder ganz auszeichnet, den Leser schon von der ersten Seite an zu fesseln und eine enorme Spannung aufzubauen. Spannend war Blick in die Angst zweifellos, und der flüssige Schreibstil der Autorin und die angenehm kurze Kapitellänge sorgen für einen schnellen Lesefluss. Dennoch war ich ein wenig enttäuscht von diesem Thriller, was nicht zuletzt natürlich auch an meiner hohen Erwartungshaltung lag, der dieses Buch eben leider nicht gerecht werden konnte.
Die Protagonistin war mir durchaus sympathisch, sodass es mir leichtfiel, mit ihr mitzufiebern. Die Autorin hat Nadine Lavoie präzise ausgearbeitet, sehr fein gezeichnet und ihr auch die nötige Tiefe verliehen, um sich in sie einfühlen zu können. Sie ist eine erfahrene Psychologin, aber ihre Versuche, sich selbst zu analysieren und zu therapieren, schienen mir doch äußerst fragwürdig. Während sie sich mit dem Schicksal ihrer suizidgefährdeten Patientin beschäftigt, die bis vor Kurzem noch Mitglied einer Sekte war, der Nadine in ihrer Kindheit ebenfalls angehörte, drängen sich lange unterdrückte Erinnerungen an ein verdrängtes Trauma wieder in ihr Bewusstsein. Diese Erinnerungen, die sie nun Stück für Stück zu rekonstruieren versucht, waren äußerst erschütternd und auch sehr ergreifend. Sie möchte sich jedoch nicht nur erinnern, um endlich den Auslöser und die Ursache für ihre klaustrophobischen Ängste zu ergründen, sondern auch, um ihre drogenabhängige Tochter Lisa zu beschützen, die sich von ihr abgewandt hat. Nadine befürchtet, dass Lisa ebenfalls in die Fänge von Aaron Quinn, dem Sektenführer der River of Life Kommune, geraten könnte, und je mehr Erinnerungen in ihr Bewusstsein zurückkehren, umso sicherer ist sie, dass ihr Kind in großer Gefahr schwebt. Das wäre durchaus überzeugend, wenn Nadine nicht Psychologin, sondern einfach nur Mutter wäre und nicht immer wieder betont werden würde, wie fundiert ihre psychologischen Kenntnisse sind, denn im Umgang mit ihrer Tochter macht sie leider so ziemlich alles falsch, was man nur falsch machen kann. Bei den wenigen Gelegenheiten, die sich ihr bieten, um Lisa zu zeigen, wie sehr sie sie liebt, übersieht sie nämlich, dass ihre Tochter bereits schwer traumatisiert ist und erkennt nicht, warum ihr Lisa nicht mehr vertraut und immer wieder zu Drogen greift. Von einer erfahrenen Psychologin, die täglich mit traumatisierten Patienten arbeitet, hätte ich jedenfalls ein anderes Verhalten gegenüber der eigenen Tochter erwartet, zumal mehr als offensichtlich war, was Lisa zugestoßen ist und wer ihr das angetan hat.
Jeder gute Thriller steht und fällt jedoch nicht nur mit dem Protagonisten, sondern in erster Linie mit dem Antagonisten. Da es sich in Blick in die Angst hierbei um den Anführer einer Sekte handelt, war ich auf Aaron Quinn ganz besonders gespannt. Ich stelle mir immer die Frage, wie es Sektenführer eigentlich schaffen, andere so für sich einzunehmen, dass man ihnen blind folgt und in eine solche Abhängigkeit gerät, dass man seine Freiheit und seinen ganzen Besitz opfert, um zu einem willenlosen Jünger zu werden. Man könnte davon ausgehen, dass ein solcher Guru ganz besonders charismatisch ist, aber an Aaron Quinn konnte ich leider keine einzige Eigenschaft feststellen, die auch nur annährend erklären könnte, warum man in seinen Bann gerät. Ansonsten erfüllt er jedoch jedes gängige Klischee eines überaus fiesen und berechnenden Sektenführers. Allerdings konnte ich nicht nachvollziehen, wie er es anstellt, auf seine Anhänger einen solchen Druck auszuüben. Er ist einfach zu blass, konturlos und viel zu klischeeüberladen. Ich möchte nicht behaupten, dass die Darstellung dieser Sekte unglaubwürdig war, aber die subtilen Druckmittel, die angewendet werden, um die Sektenmitglieder zu manipulieren, hätten durchaus etwas besser und nachvollziehbarer geschildert werden können, zumal es in diesem Thriller primär um die Manipulation menschlicher Seelen geht.
Der Plot war zwar schlüssig und nicht vorhersehbar, aber dennoch fehlte es mir an überraschenden Momenten. Der Showdown am Ende von Blick in die Angst war sehr rasant, actiongeladen und so spannend, dass ich die letzten hundert Seiten in einem Rutsch gelesen habe und das Buch gar nicht aus der Hand legen konnte. Chevy Stevens versteht es zweifellos, enorme Spannung zu erzeugen. Das Schicksal der Protagonistin und auch ihrer Tochter Lisa ging mir stellenweise sehr unter die Haut und war sehr erschütternd. In ihrem Debüt Still Missing hat es die Autorin allerdings geschafft, auf den letzten Seiten noch mit einer Wendung aufzuwarten, die ich – obwohl es schon einige Jahre zurückliegt, dass ich das Buch gelesen habe – noch immer im Gedächtnis habe, weil sie so schockierend war. Auf eine solche Wendung, also die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, habe ich in Blick in die Angst allerdings vergeblich gewartet. Vielleicht ist es nicht ganz fair, die Bücher eines Autors miteinander zu vergleichen. Hätte ich Still Missing nicht gelesen wäre mein Urteil vielleicht etwas milder ausgefallen, denn die Messlatte, die Chevy Stevens mit ihrem Erstlingswerk selbst gesetzt hat, war vielleicht etwas zu hoch. Trotzdem freue ich mich auch auf ihre anderen Thriller, denn mir Blick in die Angst trotz seiner Schwächen recht gut gefallen – ein solider, erschütternder und vor allem wirklich hochspannender Thriller, um Manipulation und Angst, dem ich trotz allem noch ganz knappe vier Sternchen verleihe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Chevy Stevens: Blick in die Angst
Aus dem Amerikanischen von Maria Poets
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 16. Mai 2013
496 Seiten
ISBN 978-3-596-19379-0

Cover: S. Fischer Verlag

The Versatile Blogger Award

versatile-blogger-awardIch wurde von der lieben Sabine von Das Niliversum für den Versatile Blogger Award nominiert, worüber ich mich sehr gefreut habe. Deshalb möchte ich mich zunächst recht herzlich für die Nominierung bedanken. Das Schöne an diesem Award ist, dass man keine Fragen beantworten muss, die man vielleicht gar nicht beantworten möchte, sondern einfach 7 Fakten über sich selbst preisgeben soll, damit die Leser des Blogs ein bisschen mehr über die Person, die sich hinter dem Blog verbirgt, erfahren.

Die Regeln sind also ganz einfach:

  1. Danke dem Blogger, der dich nominiert hat
  2. Verrate 7 Fakten über dich
  3. Nominiere andere Blogger

Also nutze ich die Gelegenheit und offenbare nun 7 Fakten über mich, die heute mal nichts mit Büchern zu tun haben:

Fakt 1

Ich hasse Sport

Sportliche Betätigungen sind mir ein Gräuel – schon immer. Mir ist durchaus bewusst, dass ein bisschen Sport gesund wäre und ich mir und meinem Körper keinen Gefallen tue, wenn ich mich zu wenig bewege, aber ich kann sportlichen Aktivitäten einfach nichts abgewinnen. Der Keim für meine Aversion gegen Sport wurde bereits in meiner Schulzeit gelegt, denn Schulsport war der Albtraum meiner Kindheit und hat mir selbst die Sportarten verleidet, die ich eigentlich toll fand, wie zum Beispiel Schwimmen. Ich war nicht einfach nur zu langsam, sondern vor allem auch viel zu ängstlich, hatte regelrecht Panik vor manchen Sportarten und schlaflose Nächte vor jeder Sportstunde. Eigentlich war ich immer eine sehr gewissenhafte und fleißige Schülerin, aber dem Sportunterricht habe ich mich häufig komplett verweigert, habe geschwänzt, irgendwelche Krankheiten vorgetäuscht oder mich einfach bockig in die Ecke gesetzt und mich nicht einmal unter Androhung von Klassenbucheinträgen wegen Unterrichtsverweigerung, geschweige denn schlechter Noten, dazu bewegen lassen, mich am Sportunterricht zu beteiligen. Die demütigsten Erlebnisse meiner Kindheit und Jugend habe ich jedenfalls dem Sportunterricht zu verdanken, und so erstaunt es mich nicht, dass ich Sport nach wie vor verabscheue. Ich hasse es jedoch nicht nur, selbst Sport zu treiben, sondern finde es auch entsetzlich langweilig, anderen beim Sport zuzuschauen, obwohl manche Menschen wirklich erstaunliche körperliche Höchstleistungen vollbringen. Ich kann auch nicht ansatzweise nachvollziehen, was an einem Fußballspiel so spannend und aufregend sein soll, dass eine ganze Nation gebannt vor den Fernsehbildschirmen sitzt und so mancher Blutdruck in beängstigende Höhen steigt, wenn die gegnerische Mannschaft gewinnt.

Fakt 2

Ich bin Agnostikerin

Ich habe mich oft mit dem Thema Religion und Kirche auseinandergesetzt und schon viele Diskussionen darüber geführt. Während meines Studiums und auch bei meiner Tätigkeit als Museumsführerin habe ich mich viel mit Kirchengeschichte beschäftigt. Obwohl mich Religion interessiert und auch fasziniert und manche Kirchen für mich ganz besondere Orte sind, die ich gerne besuche (wenn auch nie zu Gottesdiensten), bin ich nicht sehr gläubig, sondern eher zweifelnd. Als Atheistin würde ich mich jedoch nicht bezeichnen, aber ich zweifle oft an der Existenz eines Gottes. Ich wurde protestantisch getauft, bin aber vor ein paar Jahren aus der Kirche ausgetreten – nicht wegen der Kirchensteuer, sondern weil ich mit Institution Kirche überhaupt nichts anfangen kann und mich auch nicht auf eine einzige Religion festlegen möchte. Eigentlich würde ich sehr gerne an etwas glauben, an eine höhere Macht, die allwissend ist, alles lenkt und auf die man sich immer verlassen kann, aber ich kann es eben einfach nicht. Ich belächle gläubige Menschen keineswegs, habe Respekt vor allen Religionen und finde es weder dumm noch naiv an einen Gott zu glauben, an welchen auch immer. Ich beneide gläubige Menschen sogar, denn aus einem Glauben Kraft, Hoffnung und Zuversicht zu schöpfen, ist eigentlich etwas Schönes, und die Gewissheit, nie tiefer zu fallen, als in Gottes Hand, hätte etwas Tröstliches. Ich weiß allerdings nicht, ob es einen Gott gibt, der das tatsächlich leisten kann, der Gebete erhört und das Schicksal der Welt lenkt. Allerdings muss es etwas oder jemanden geben, der diese Welt erschaffen hat und für alles verantwortlich ist, was sich mit dem Verstand nicht erfassen und weder wissenschaftlich noch logisch erklären lässt. Gerade wenn ich in der Natur bin oder Tiere beobachte, denke ich, dass es vermutlich doch einen Gott geben muss, der so etwas Wunderbares geschaffen hat, aber ich weiß es eben nicht.
Ich würde jetzt nicht unbedingt behaupten, dass ich ein besonders guter Mensch bin, aber ich versuche es zumindest und handle so, dass ich niemandem schade oder bewusst wehtue. Wie ich mich verhalte, muss ich jedoch nicht vor einem Gott verantworten, sondern nur mit meinem Gewissen vereinbaren können. Ich will nachts gut schlafen und mir im Spiegel selbst in die Augen schauen können. Seltsamerweise habe ich aber gerade mit Menschen, die sich selbst als besonders gute Christen bezeichnen, regelmäßig in die Kirche gehen und ihren Finger in jeden Weihwasserkessel tauchen, auf menschlicher Ebene bisher die schlechtesten Erfahrungen gemacht. Das mag Zufall sein, aber die Häufung ist schon recht auffallend. Mag sein, dass sie glauben, wenn sie sich regelmäßig zur Beichte begeben oder vor Gott ihre Verfehlungen bereuen, stünde der Zähler wieder auf Null, aber wenn es diesen Gott, an den sie glauben, tatsächlich gibt und er so gerecht ist, wie sie behaupten, sehe ich äußerst schwarz für ihr Seelenheil. Selbst für einen beruhigten Blick in den Spiegel dürfte es eigentlich schon nicht mehr reichen. Meiner Meinung nach hat moralisches und ethisches Handeln, Respekt vor dem Leben, Nächstenliebe, Mitgefühl und der Wille zum Guten nichts mit Religion zu tun. Es handelt sich dabei ja auch nicht explizit um christliche Werte, denn die großen Religionen unterscheiden sich kaum hinsichtlich solcher Gebote, Normen und Wertvorstellungen, die ein friedliches, harmonisches und respektvolles Miteinander regeln. Umso hirnrissiger ist es, dass seit Jahrhunderten im Namen der Religion Kriege geführt werden und Menschen sich die Köpfe einschlagen, weil sie sich nicht einig werden können, welcher Gott nun die einzig Wahre ist.

Fakt 3

Ich liebe Kitsch

In Büchern hasse ich nichts mehr als kitschige Geschichten, aber ansonsten umgebe ich mich sehr gerne mit Kitsch. Man sollte nicht glauben, dass ich bald 47 werde, denn in meiner Wohnung sieht es teilweise aus, wie in einem Kinderzimmer. Ich habe eine kleine Schwäche für Plüschtiere, kann nicht widerstehen, wenn ich irgendwo knuffige Plüschtierchen entdecke und denke immer, ich müsste ihnen allen ein Zuhause geben. Im Grunde finde ich es aber schön, sich auch im fortgeschrittenen Alter das innere Kind zu bewahren – wenn auch nur im Geheimen. Katzen sind meine absoluten Lieblingstiere, aber ich liebe auch Schweinchen und finde sie unglaublich süß. Außerdem sind Schweine sehr kluge und sensible Tiere, ich könnte ihnen auch ewig zuschauen, aber da ich mir keine Schweine halten kann, sammle ich sie eben – überall in meiner Wohnung befinden sich kleine Schweinchen aus Plüsch, Glas, Keramik oder Porzellan. So hat eben jeder seinen kleinen Spleen 😉.

Fakt 4

Ich hasse Shoppen

Die meisten Frauen, die ich kenne, lieben es, ausgiebig shoppen zu gehen und können stundenlang durch diverse Läden schlendern und einkaufen. Für mich ist das reinste Folter! Am schlimmsten ist es, wenn ich Klamotten oder Schuhe kaufen muss, aber selbst um Buchläden mache ich inzwischen einen großen Bogen, obwohl ich Bücher liebe. Es könnte daran liegen, dass ich selbst jahrelang im Buch- und Einzelhandel gearbeitet habe, nie Freude an diesem Beruf hatte und deshalb nicht mehr an diese Zeit erinnert werden möchte. Das Grauen fängt ja schon bei der Parkplatzsuche an, aber das Schlimmste sind die Menschenmassen, die sich durch die Einkaufsstraßen und die Läden schieben, die Gerüche, das unerträgliche Piepen der Scannerkassen, die Hintergrundmusik in manchen Geschäften und das unsägliche Warten an der Kasse. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es der lokale Einzelhandel sehr schwer hat, sich gegen die übermächtige Online-Konkurrenz durchzusetzen und hatte während meiner Selbstständigkeit selbst darunter zu leiden, dass immer mehr im Internet gekauft wird – trotzdem kaufe auch ich inzwischen überwiegend im Internet ein. Nur Lebensmittel kaufe ich im Supermarkt, und auch bei der Anschaffung von Elektrogeräten schwöre ich weiterhin auf die kompetente Beratung und den Service des Fachhandels vor Ort, aber alles andere kaufe ich nur noch online.

Fakt 5

Talente

Ich staune immer wieder über die Talente meiner Mitmenschen und bin ein wenig traurig, dass ich Fähigkeiten, die ich gerne hätte, einfach nicht habe. Manche Fertigkeiten kann man ja erlernen, wenn man sich Mühe gibt, aber für manche braucht man eben einfach das nötige Talent. So wie ich den Sportunterricht immer gehasst habe, so sehr habe ich den Kunstunterricht geliebt. Ich fand es großartig, mit Farben zu experimentieren und zu malen, war mit dem Ergebnis allerdings nie zufrieden. Über meine Noten konnte ich mich nicht beschweren, aber vermutlich hat mein Kunstlehrer auch nur honoriert, dass ich mit so viel Inbrunst, Leidenschaft und Freude an meinen Kunstwerken arbeitete. Ich male immer noch gerne, aber ich wünschte eben, ich könnte es auch.
Mit musikalischem Talent sieht es leider ähnlich dürftig aus. Dabei stamme ich aus einer äußerst musikalischen Familie und bin mit Musik großgeworden. Mein Großvater war ein großartiger Tenor und hat sogar an der Stuttgarter Oper gesungen; meine Mutter spielte früher hervorragend Klavier und hatte diverse Auftritte, aber leider habe ich ihr musikalisches Talent nicht geerbt. Ich habe es mit Gitarre versucht, aber nach ein paar Jahren Gitarrenunterricht frustriert aufgegeben – es scheiterte jedoch nicht an der Musikalität, sondern einfach an der Koordination, die eben bei vielen Instrumenten wichtig ist. Immerhin habe ich ein hervorragendes Gehör und höre jeden schiefen Ton, was beim Erlernen eines Instruments allerdings nur die halbe Miete ist. Aber ich singe gerne und oft, habe mir sagen lassen, dass die Töne auch sitzen, aber der Klang meiner Stimme ist eben einfach nicht besonders schön. Spaß macht es trotzdem, zumindest wenn niemand zuhört. Ich singe jedenfalls immer beim Autofahren, unter der Dusche und auch beim Staubsaugen 😉

Fakt 6

Eitelkeit

Ich mache mir absolut nichts aus Mode, trage ohnehin und aus Prinzip eigentlich nur schwarze Kleidung und verwende nicht viel Mühe auf die Auswahl meiner Garderobe. Allerdings bin ich ziemlich eitel und verbringe sehr viel Zeit vor dem Spiegel. Was gibt es Schlimmeres als einen Bad-Hair-Day? Wenn meine Haare nicht so sitzen, wie sie sollen, gehe ich nur ungern aus dem Haus und fühle mich den ganzen Tag unwohl. Außerdem färbe ich mir regelmäßig die Haare und finde es grauenhaft, wenn man einen Ansatz sieht. Das wird nun selbst die Menschen erstaunen, die mich schon sehr lange kennen, denn meine natürliche Haarfarbe hat seit fast dreißig Jahren niemand mehr gesehen, aber eigentlich bin ich blond. Ich bin nicht gerade hellblond, eher mittelblond, aber ich wollte eben nie eine Blondine sein. Ich war noch nicht einmal volljährig, als ich zum ersten Mal meine Haare schwarz färbte. Schwarze Haare ließen mich jedoch in Verbindung mit meiner schwarzen Kleidung aussehen wie eine Leiche, weshalb ich mich dann für einen dunkleren Braunton mit Rotstich entschieden habe, dem ich nun seit vielen Jahren treu bin. Die Färberei ist zwar lästig, aber wer schön sein will, muss eben ein bisschen leiden. Inzwischen wäre ich ohnehin nicht mehr blond, sondern schon ergraut, was mir jedoch noch weitaus weniger gefällt. In Würde altern kann ich auch noch später…
Mit zunehmendem Alter finde ich es deshalb auch immer wichtiger, diverse Alterserscheinungen, die ab 40 unweigerlich zutage treten, ein bisschen zu kaschieren. Ohne Make-Up, ordentlich getuschte Wimpern und einen schwarzen Lidstrich gehe ich jedenfalls nicht unter Menschen. Selbst wenn ich den ganzen Tag zuhause bin und mich eigentlich niemand sieht, schminke ich mich ein bisschen, weil ich mich dann einfach besser fühle.

Fakt 7

Ich bin eine Nachteule

Es ist vollkommen egal, wann ich ins Bett gehe oder wie lange ich schlafe – vor 12 Uhr funktioniert bei mir gar nichts. Ich habe morgens ohnehin schlechte Laune und bin eine furchtbare Trantüte, aber ich kann vormittags auch nicht denken und mich nicht konzentieren. Ab 20 Uhr abends laufe ich hingegen zu Hochtouren auf, habe die besten Ideen, bin kreativ und leistungsfähig und habe kein Problem, bis in die frühen Morgenstunden konzentriert zu arbeiten. Blöd ist, dass mein Tagesrhythmus mit dem meiner Mitmenschen und dem normalen Arbeitsalltag nicht kompatibel ist. Als ich noch im Handel gearbeitet habe und morgens um 9 Uhr auf der Matte stehen musste, war das die reinste Folter. Zwei Jahre lang hatte ich einen Bürojob, bei dem ich sogar schon um 7.30 Uhr an meinem Arbeitsplatz zu sitzen hatte und weiß bis heute nicht, wie ich es geschafft habe, mich wach zu halten, geschweige denn irgendwelche Leistungen zu erbringen. Als ich im zarten Alter von 38 Jahren erneut ein Studium aufgenommen habe, habe ich mir jedenfalls geschworen, dass diese Qual nun ein Ende finden muss. Glücklicherweise kann man sich an der Uni seinen Stundenplan überwiegend selbst zusammenbasteln, sodass Seminare, die vor 12 Uhr stattfanden, tunlichst vermieden wurden. In absoluten Ausnahmefällen bewegte ich mich auch mal um 10 Uhr an die Uni, aber selbst das kostete mich Überwindung. Gelernt und meine Seminar- und Abschlussarbeiten geschrieben habe ich jedenfalls nur nachts, und der Erfolg gab mir recht, denn das hat bestens funktioniert. Ich habe häufig versucht, mich ein wenig zu disziplinieren, bin um Mitternacht ins Bett und habe mir den Wecker auf 7 Uhr gestellt, um dann zu lernen oder zu schreiben, aber es hat nicht geklappt, weil mein Gehirn selbst mit ausreichend Schlaf morgens einfach nicht aufnahmefähig ist und ich nicht einen geraden Satz formulieren kann. Bei meiner freiberuflichen Tätigkeit als Museumsführerin und freie Journalistin war es mir glücklicherweise möglich, Termine so zu legen, dass ich nur nachmittags und abends arbeiten musste. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass es eben Lerchen und Eulen gibt, ich eindeutig zu letzteren gehöre und auf meine innere biologische Uhr keinen Einfluss habe, sondern mich einfach nach ihr richten muss.

So, das waren nun die 7 Fakten über mich… Kommen wir also zu meinen Nominierungen – ich würde mich über 7 Fakten von diesen Bloggern freuen und nominiere deshalb:

Kerstin und Janna von KeJas BlogBuch

Gabi von Laberladen

Rina von Ich lese

Fühlt Euch zu nichts verpflichtet – also nur, wenn Ihr Lust habt 😉

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im Mai 2017

Der Mai macht nicht nur alles neu – er bringt sogar neue Bücher. Ich habe mich wieder auf die Suche nach Neuerscheinungen begeben und dabei so einige Bücher entdeckt, die mich neugierig machen und auf die ich mich freue.

Im vergangenen Jahr habe ich Girl on the Train von Paula Hawkins gelesen, einen Roman, an dem sich die Geister scheiden. Ich war jedoch restlos begeistert von diesem grandiosen Buch (hier geht es zu meiner Rezension) und freue mich deshalb ganz besonders, dass im kommenden Monat endlich ein neuer Roman von Paula Hawkins erscheint.

Into the WaterTraue keinem Auch nicht dir selbst von Paula HawkinsDer neue Spannungsroman von Paula Hawkins nach dem internationalen Nr.-1-Bestseller Girl on the Train.

»Julia, ich bin’s. Du musst mich anrufen. Bitte, Julia. Es ist wichtig …« In den letzten Tagen vor ihrem Tod rief Nel Abbott ihre Schwester an. Julia nahm nicht ab, ignorierte den Hilferuf. Jetzt ist Nel tot. Sie sei gesprungen, heißt es. Julia kehrt nach Beckford zurück, um sich um ihre Nichte zu kümmern. Doch sie hat Angst. Angst vor diesem Ort, an den sie niemals zurückkehren wollte. Vor lang begrabenen Erinnerungen, vor dem alten Haus am Fluss, vor der Gewissheit, dass Nel niemals gesprungen wäre. Und am meisten fürchtet Julia das Wasser und den Ort, den sie Drowning Pool nennen … (Klappentext: Blanvalet)

Paula Hawkins: Into the Water – Traue keinem. Auch nicht dir selbst
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungstermin: 24. Mai 2017
Klappenbroschur – 480 Seiten – 14,99 €
ISBN: 978-3-7645-0523-3


Mats Strandberg - Die ÜberfahrtDie Passagiere an Bord der schwedischen Ostsee-Fähre Baltic Charisma wollen vor allem eins: sich amüsieren, und zwar um jeden Preis. Ob sie mit der besten Freundin tanzen gehen oder Junggesellenabschiede feiern, ob sie nach der Liebe ihres Lebens suchen oder vor den Dämonen des Alltags fliehen – die Nacht ist lang, und der Alkohol fließt reichlich.
Fast bleiben dabei die beiden dunklen Gestalten unbemerkt, die sich übers Autodeck an Bord schleichen: eine Mutter und ihr Kind. Mit ihnen betritt ein uraltes Grauen das riesige Schiff, und es wird zur tödlichen Falle. Die Angst geht um auf der Baltic Charisma …

Hochkarätiger, suchterzeugender Thriller-Stoff aus Schweden für alle Fans von Justin Cronin, Sebastian Fitzek und Stephen King. (Klappentext: S. Fischer Verlage)

Mats Strandberg: Die Überfahrt
Verlag: Fischer TOR
Ersterscheinungstermin: 24. Mai 2017
Klappenbroschur – 512 Seiten – 14,99 €
ISBN: 978-3-596-29599-9


Babydoll von Hollie OvertonLily Risers neues Leben beginnt an einem kalten Winterabend: Nur mit einem dünnen Schlafanzug bekleidet tritt sie vor die Tür, drückt ihre Tochter an sich – und rennt los. Weg von dem Haus im Wald, weg von dem Mann, der sie acht Jahre lang gefangen hielt. Dem Vater ihrer Tochter Sky, dem Mann, der an diesem Abend zum ersten Mal einen Fehler machte, als er vergaß, die Tür zu verriegeln. Doch schnell wird klar, dass es für Lily kein Zurück zur Normalität gibt. Zu viel ist geschehen, zu tief sind die Wunden, die sie und ihre Familie durch die Entführung davongetragen haben. Schritt für Schritt tasten sie sich in eine mögliche Zukunft, ohne zu ahnen, dass die dramatischste Bewährungsprobe noch vor ihnen liegt. Denn selbst im Gefängnis plant Lilys Entführer bereits, wie er sie, seine Babydoll, für ihren Ungehorsam bestrafen wird … (Klappentext: Goldmann)

Hollie Overton: Babydoll
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 15. Mai 2017
Klappenbroschur – 352 Seiten – 15,00 €
ISBN: 978-3-442-20520-2


Die Spur der Luegen von Ben McPhersonAls Alex Mercers elfjähriger Sohn Max einer Katze hinterherläuft, die im Nachbarhaus verschwindet, folgt Alex dem Jungen notgedrungen in das fremde Haus. Dort ist alles still, doch dann hören sie ein Geräusch: Wasser tropft von der Decke. Die Badewanne im ersten Stock ist übergelaufen, und darin liegt der leblose Körper des Nachbarn. Als die Polizei einen Hinweis darauf findet, dass auch Max‘ Mutter vor kurzem im Haus gewesen sein muss, geraten seine Eltern in den Fokus der Ermittlungen – und die Familie in einen Konflikt, der sie zu zerreißen droht … (Klappentext: Goldmann)
Ben McPherson: Die Spur der Lügen
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 15. Mai 2017
Taschenbuch – 544 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-442-48613-7


Das Dunkel der Schuld von Carter WilsonNach einer traumatischen Kindheit scheint Hannah Parks in der Ehe mit dem smarten, erfolgreichen Unternehmer Dallin ihr Glück gefunden zu haben. Aber als Dallin eines Nachts im Schlaf spricht, erschüttert das, was sie hört, Hannahs ganzes Leben. Ist ihr Mann etwa ein sadistischer Mörder? Zutiefst verstört versucht Hannah zu fliehen, doch sie wird überwältigt und entführt. Unerwartet kommt ihr ein Fremder zu Hilfe. Er nennt sich Black und ist Experte darin, Menschen verschwinden zu lassen. Er ist Hannahs einzige Chance, Dallin zu entkommen. Doch kann sie Black ihr Leben anvertrauen? Einem Mann, von dem sie nichts weiß, außer dass er ohne zu zögern bereit ist zu töten … (Klappentext: Goldmann)

 

Carter Wilson: Das Dunkel der Schuld
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 15. Mai 2017
Taschenbuch – 416 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-442-48555-0


Buchrezension: Susanne Kliem – Das Scherbenhaus

Das Scherbenhaus von Susanne KliemInhalt:

Carla Brendel lebt allein in einem abgelegenen alten Bauernhaus vor den Toren ihrer Heimatstadt Stade und fühlt sich schon seit mehreren Monaten bedroht und beobachtet. Ein unbekannter Stalker lässt ihr immer wieder mysteriöse Nachrichten und Fotos zukommen, die ihr Angst machen – Bilder von menschlicher Haut und blutenden Wunden. Glücklicherweise findet Carla in ihrer Arbeit als Köchin im Restaurant ihres Schwagers ein wenig Ablenkung. Auch ihre beste Freundin Jule ist immer für sie da und versucht, sie ein wenig aufzumuntern und zu beruhigen.
Ihre Halbschwester Ellen, eine sehr erfolgreiche und vielbeschäftigte Architektin, meldet sich nur sehr selten bei Carla. Sie lebt in Berlin in dem luxuriösen und modernen Wohngebäude Safe Haven, das sie selbst entworfen hat. Umso verwunderter ist Carla, als Ellen eines Tages anruft und sie bittet, zu ihr nach Berlin zu kommen. Da ihre Halbschwester am Telefon sehr verzweifelt klingt, beschließt Carla, ihre Ängste zu überwinden und zu Ellen nach Berlin zu fahren, zumal sie sicher ist, dass ihr Stalker sie in der großen Stadt nicht finden wird.
Doch schon kurz nach Carlas Ankunft verschwindet Ellen plötzlich spurlos während eines gemeinsamen Restaurantbesuchs. Ein paar Tage später wird in einem Kanal ihre Leiche gefunden. Offenbar ist sie ertrunken – die Polizei geht zumindest von einem tragischen Unfall aus – aber Carla ist sicher, dass Ellen ermordet wurde, denn kurz bevor sie verschwand, erwähnte sie, dass sie einem gefährlichen Geheimnis auf die Spur gekommen sei und bat Carla, nicht an einen Unfall zu glauben, falls ihr etwas zustoßen sollte.
Carla beschließt, in Berlin zu bleiben und in Ellens Wohnung im Safe Haven zu ziehen. In dem perfekt geschützten, computergesteuerten und hochmodernen Wohnhaus und der engen Hausgemeinschaft fühlt sie sich zumindest sicher vor ihrem unbekannten Stalker. Aber Ellens rätselhafter Tod lässt ihr keine Ruhe. Was wollte ihre Halbschwester ihr mitteilen? Für wen war der Brief, den sie am Tag ihres Verschwindens noch bei sich trug? Carla hat den Eindruck, dass die Hausbewohner des Save Haven mehr wissen, als sie zugeben wollen, denn sie verhalten sich sehr eigenartig. Sie will der Sache auf den Grund gehen und beginnt, Fragen zu stellen. Noch ahnt sie nicht, dass im Safe Haven ganz eigene Gesetze herrschen und es gefährlich werden kann, wenn man zu viele Fragen stellt.

Meine persönliche Meinung:

Als ich Das Scherbenhaus von Susanne Kliem in der Verlagsvorschau entdeckt habe, landete das Buch sofort auf meiner Wunschliste, denn der Klappentext und auch das Setting klangen so vielversprechend, dass ich sicher war, dass mir dieses Buch gefallen würde. Manchmal liege ich da allerdings auch mächtig daneben, denn viele Bücher halten nicht, was die Klappentexte versprechen, aber bei Das Scherbenhaus habe ich mich nicht getäuscht. Abgesehen von dem leider etwas schwachen Ende, hat mich dieser Psychothriller durchaus überzeugt und auch sehr spannend unterhalten.
Susanne Kliem hat ihre Protagonistin Carla sehr präzise ausgearbeitet und einen Charakter entworfen, mit dem ich von der ersten Seite an mitfiebern konnte. Ihre Angst vor dem unbekannten Stalker, der sie seit Monaten bedroht, wurde sehr glaubwürdig und nachvollziehbar geschildert. Er hat sich zwar seit ein paar Wochen nicht mehr gemeldet, aber dennoch gelingt es Carla nicht, ihre Ängste abzulegen. Sie traut sich kaum, alleine das Haus zu verlassen und fühlt sich auch in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Obwohl ihre beste Freundin Jule immer für sie da ist, sie im Restaurant ihres Schwagers als Köchin arbeitet und die Arbeit sie ausfüllt und von ihren Sorgen ablenkt, fühlt sie sich oft einsam und alleine mit ihren Ängsten. Ein Neubeginn in Berlin kommt ihr sehr gelegen, denn sie glaubt, dass ihr Stalker sie in der großen Stadt nicht finden kann.
Die Wohnung ihrer Halbschwester Ellen in Berlin ist das genaue Gegenteil von Carlas abgelegenem alten Bauernhaus in Stade, das zwar wunderschön und idyllisch gelegen ist, ihr aber immer mehr zum Gefängnis wurde. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, dass sie sich nach einer neuen Umgebung sehnte und sich im Safe Haven zunächst sicher wähnte.
Das Setting war überaus beeindruckend, denn das hochmoderne Wohnhaus, das Carlas Halbschwester Ellen selbst entworfen hat und nach ihren Vorstellungen bauen ließ, um dann selbst darin zu wohnen, löste bei mir äußerst beklemmende Gefühle aus. Das lag jedoch nicht nur an den architektonischen Besonderheiten, mit denen dieses Gebäude ausgestattet ist, sondern vielmehr an der recht eigentümlichen Hausgemeinschaft. Auf den ersten Blick scheint diese Wohnanlage jedoch sicher zu sein – sie ist computergesteuert, die Türen lassen sich über eine Handy-App schließen und öffnen, und das Haus ist gegen Eindringlinge von außen durchaus gut geschützt, aber seine Bewohner sind eben äußerst seltsam. Das erkennt Carla jedoch erst auf den zweiten Blick, denn die vermeintliche Sicherheit und die sehr zuvorkommend und freundlich wirkende Hausgemeinschaft verleiten sie zunächst zu mitunter recht unüberlegten und vertrauensseligen Handlungen. Carla ist davon überzeugt, dass der Tod ihrer Halbschwester kein Unfall, sondern Mord war, auch wenn die Polizei ihr keinen Glauben schenken will. Ellen hat ihr gesagt, dass sie sich bedroht fühlt, konnte ihr allerdings nicht mehr mitteilen von wem und warum, aber erst nachdem Carla im Safe Haven ein paar eigenartige Dinge beobachtet und im Keller eine grauenhafte Entdeckung macht, ist sie sicher, dass einer der Hausbewohner dahintersteckt.
Was die Bewohner des Safe Haven anbelangt, hat es die Autorin geschafft, äußerst plastische Figuren zu zeichnen, die jedoch sehr schwer durchschaubar und überaus rätselhaft sind. Die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb dieser Hausgemeinschaft sind der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Das Beziehungsgeflecht der Personen untereinander, das von Kontrolle und Manipulation geprägt ist, wäre jedoch etwas nachvollziehbarer, wenn manche Charaktere ein bisschen mehr Tiefe hätten.
Obwohl Susanne Kliem versucht, den Verdacht immer wieder auf eine andere Person zu lenken, war mir recht schnell klar, wer hinter all den rätselhaften Vorkommnissen steckt und für Ellens Tod verantwortlich ist. Trotz dieser Vorhersehbarkeit fiel die Spannungskurve jedoch nicht ab, da das Motiv des Täters bis zuletzt im Dunkeln lag. Allerdings interessieren mich die Beweggründe einer Tat ohnehin meistens mehr als die Identität des Täters. Sein Motiv war für mich zwar durchaus glaubwürdig und auch sehr schockierend, aber trotzdem hat mich das schwache Ende dieses Psychothrillers leider ein bisschen enttäuscht, nicht zuletzt, weil es – zumindest teilweise – etwas zu überkonstruiert war. Das ist umso bedauerlicher bei einer Geschichte, die über mehr als 300 Seiten hinweg geradezu atemlos spannend und atmosphärisch dicht erzählt wird.
Der Schreibstil von Susanne Kliem ist einfach und schnörkellos und lässt sich sehr angenehm und flüssig lesen. Das Spannungslevel ist von der ersten Seite an sehr hoch und konnte trotz der teilweisen Vorhersehbarkeit über das ganze Buch hinweg gehalten werden. Ich war mir lange sicher, dass Das Scherbenhaus eines meiner Thriller-Highlights werden könnte, aber auf den letzten Seiten hat mich dieser überaus beklemmende Psychothriller dann bedauerlicherweise doch etwas enttäuscht, sodass ich ein Sternchen abziehen musste. Trotzdem kann ich für diesen hochspannenden Psychothriller auf jeden Fall eine Leseempfehlung aussprechen.

© Claudia Bett

Herzlichen Dank an den Verlag carl’s books, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Susanne Kliem: Das Scherbenhaus
Verlag: carl’s books
Ersterscheinungsdatum: 20. März 2017
336 Seiten
ISBN 978-3-570-58566-5

Buchrezension: E. O. Chirovici – Das Buch der Spiegel

Das Buch der Spiegel von EO ChiroviciInhalt:

Den New Yorker Literaturagenten Peter Katz erreichen tagtäglich unzählige unverlangt eingesandte Buchmanuskripte, doch als er eines Tages eine Anfrage von Richard Flynn erhält, ist er von dem angehängten Manuskript mit dem Arbeitstitel Das Buch der Spiegel sofort fasziniert. Es geht darin um die Ermordung des berühmten Psychologieprofessors Joseph Wieder, die nahezu dreißig Jahre zurückliegt und nie aufgeklärt wurde.
Joseph Wieder war ein berühmter Gedächtnisforscher und einer der wichtigsten Dozenten in Princeton. Er beschäftigte sich mit der Analyse verdrängter Erinnerungen, forschte über die Manipulierbarkeit von Erinnerungen bei Traumapatienten und führte auch geheime Forschungsexperimente durch.
Richard Flynn kannte den ermordeten Wissenschaftler persönlich und hatte während seines Studiums in Princeton für ihn gearbeitet, nachdem seine Mitbewohnerin und Geliebte Laura Baines ihn mit ihrem Professor bekannt gemachte hatte. Laura war Wieders wissenschaftliche Hilfskraft und verehrte den exzentrischen Wissenschaftler, aber Flynn hatte häufig den Verdacht, dass sie ihm auch privat sehr nahestand und vielleicht eine Affäre mit ihm hatte.
Der Mord an Wieder konnte bislang nie aufgeklärt werden, aber Flynn scheint inzwischen mehr über den Fall in Erfahrung gebracht zu haben und möchte nun in seinem Buch endlich die Wahrheit offenbaren.
Katz ist fasziniert von dem Text, doch leider bricht das Manuskript unvermittelt ab – ausgerechnet an der Stelle, an der Flynn die Ereignisse in der Mordnacht schildert. Noch bevor Katz den Autor um den Rest des Manuskripts bitten kann, verstirbt Flynn an seinem Krebsleiden. Seine Lebensgefährtin wusste offenbar nicht, dass er an einem Buch über seine Vergangenheit arbeitete und hat in seinem Nachlass kein Manuskript gefunden. Katz möchte jedoch unbedingt herausfinden, was Flynn über diesen spektakulären Mordfall enthüllen wollte. Kannte er Wieders Mörder? Wollte er in den letzten Wochen seines Lebens endlich offenbaren, wer den bedeutenden Wissenschaftler damals ermordet hat? Oder hat Flynn den Professor womöglich selbst getötet und das Manuskript ist nun ein verspätetes Geständnis? Katz ist geradezu besessen von der Geschichte und setzt alles daran, zu erfahren, wie sie endet.

Meine persönliche Meinung:

E. O. Chirovici hat in seinem Heimatland Rumänien bereits fünfzehn Romane veröffentlicht. Das Buch der Spiegel ist jedoch sein erster Roman in englischer Sprache, wurde bereits in 38 Länder verkauft und ist in der deutschen Übersetzung nun kürzlich bei Goldmann erschienen. Inzwischen ist dieser Roman in aller Munde, selbst Denis Scheck lobte ihn über den grünen Klee und meinte, er sei etwas „Besonderes“ und „im Thrillergenre ein herausragendes Buch“. Obwohl ich Herrn Scheck sehr schätze, treffen seine Buchempfehlungen nicht immer meinen Geschmack, aber bei Chirovicis Roman kann ich ihm nur zustimmen, denn er ist wirklich in jeder Hinsicht herausragend. Allerdings würde ich das Buch nicht als Thriller, sondern eher als Kriminalroman bezeichnen, denn im Zentrum der Handlung steht ein fast dreißig Jahre zurückliegender Mordfall, der nun aus unterschiedlichen Perspektiven erneut beleuchtet wird.
Als der Literaturagent Peter Katz eines Tages das Manuskript von Richard Flynn in den Händen hält, ist er sofort fasziniert von dem Text, denn Flynn behauptet bereits in seinem Anschreiben, sich nun wieder genau an die Ereignisse von damals zu erinnern und die Wahrheit über den Mord an dem berühmten Psychologieprofessor Joseph Wieder enthüllen zu können. Im Verlauf der Handlung müssen Katz und auch der Leser jedoch feststellen, dass es mehr als nur eine Wahrheit gibt und Erinnerungen sehr trügerisch sein können.
Während man im ersten Teil des Romans gemeinsam mit Peter Katz Flynns Exposé liest, zweifelt man trotz der höchst subjektiven Darstellung der Ereignisse jedoch zunächst nicht am Wahrheitsgehalt von Flynns Worten und der Zuverlässigkeit seiner Erinnerungen.
Das Manuskript bricht allerdings genau an der Stelle ab, an der Flynn seine Erinnerungen an die Mordnacht rekonstruiert. Peter Katz möchte nun natürlich unbedingt wissen, was Flynn über die Ermordung Wieders weiß oder ob sein Buch womöglich mit einem Mordgeständnis endet. Außerdem würde sich ein Roman über ein wahres Verbrechen auch sehr gut verkaufen lassen. Da Flynn inzwischen verstorben und das vollständige Manuskript unauffindbar ist, beauftragt Katz seinen Freund, den Reporter John Keller, Nachforschungen anzustellen. Keller soll entweder den Rest des Manuskripts finden oder aber so viel über den Mord an Wieder in Erfahrung bringen, dass er anhand der zusammengetragenen Informationen Flynns Buch als Ghostwriter vollenden kann.
Im zweiten Teil des Buches folgt der Leser nun Keller bei seinen Recherchen, die aus der Ich-Perspektive geschildert werden. Der Reporter sucht zunächst die Personen auf, die damals in den Fall involviert waren und Wieder kannten. Doch die Aussagen der Befragten widersprechen sich, und offenbar ist auch Flynn in seinem Manuskript nicht ganz bei der Wahrheit geblieben. Kellers Nachforschungen ergeben kein stimmiges Bild. Stattdessen wird der Fall immer noch verworrener und die Liste der Verdächtigen immer länger. Je mehr Keller in Erfahrung bringt, umso undurchsichtiger erscheint ihm alles, sodass er schließlich entnervt aufgibt. Doch bevor er seine Recherchen einstellt, befragt er noch Roy Freeman, den inzwischen pensionierten Detective, der damals erfolglos in dem Mordfall ermittelte und den Eindruck hat, vor nahezu dreißig Jahren etwas übersehen zu haben.
Im dritten Teil des Buches begleitet man dann Roy Freeman, der nun erneut die Ermittlungen aufnimmt und alles daran setzt, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen und den Mord an Wieder endlich aufzuklären.
Chirovici spielt sehr raffiniert mit unterschiedlichen Perspektiven und hat seinen Roman äußerst klug konstruiert. Die Handlung wird aus drei verschiedenen und zeitlich versetzten Ich-Perspektiven geschildert, wobei der Leser immer wieder mit höchst subjektiven Wahrnehmungen, widersprüchlichen Vermutungen, Halbwahrheiten und Fehleinschätzungen konfrontiert wird. Kein Detail passt zum anderen, obwohl sich alle Beteiligten zu den selben Sachverhalten äußern. Da die Ereignisse jedoch völlig unterschiedlich dargestellt werden, muss man sich stets erneut fragen, wessen Worten man eigentlich Glauben schenken darf. Allerdings scheinen manche Beteiligten gar nicht bewusst zu lügen, sondern bewerten und deuten die Fakten, an die sie sich erinnern, nur auf völlig unterschiedliche Weise.
Der Roman kreist immer wieder um die Frage, wie zuverlässig unsere Erinnerungen eigentlich sind und ob das, woran wir uns erinnern, bzw. zu erinnern glauben, auch tatsächlich passiert ist. Ohne dass wir es wollen, entwickeln sich völlig falsche Erinnerungen, die wir dann aber für die Wahrheit halten, und so schönen und verfälschen wir immer wieder die Realität.
Mich hat Das Buch der Spiegel von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und begeistert. Gebannt folgte ich diesem raffinierten Verwirrspiel und versuchte die einzelnen Puzzleteile zu einem stimmigen Ganzen zusammenzusetzen. Das Ende war jedoch absolut nicht vorhersehbar, für meinen Geschmack vielleicht ein bisschen zu konstruiert, aber dennoch glaubwürdig und schlüssig.
Ich bin absolut begeistert von diesem Roman und kann ihn nur jedem empfehlen, der kluge Spannungsliteratur auf hohem Niveau zu schätzen weiß. Ein sprachlich versierter und intelligent erzählter Roman um Wahrheit, trügerische Erinnerungen und die subjektive Wahrnehmung von Liebe.

© Claudia Bett

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 27. Februar 2017
384 Seiten
ISBN 978-3-442-31449-2

Buchrezension: Jenny Blackhurst – Das Mädchen im Dunkeln

Jenny Blackhurst - Das Mädchen im DunkelnInhalt:

Karen Browning arbeitet als Psychiaterin am Cecil-Baxter-Institut, ist beruflich sehr erfolgreich und steht kurz vor ihrer Beförderung. Als sie eines Tages von Jessica Hamilton aufgesucht wird, die aufgrund ihrer Spannungskopfschmerzen therapeutische Hilfe sucht, hält Karen ihre neue Patientin zunächst für einen Routinefall, fühlt sich allerdings schon während der ersten Therapiesitzung ein wenig unbehaglich. Die junge Frau gesteht ihr, dass sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat, ihn zwar nicht liebt und auch nicht will, dass er sich scheiden lässt, aber von der Ehefrau ihres Liebhabers geradezu besessen ist und sie abgrundtief hasst.
Kurz darauf geschehen in Karens privatem Umfeld seltsame Dinge. Nicht nur Karens, sondern vor allem das Leben ihrer beiden besten Freundinnen Bea und Eleanor gerät plötzlich vollkommen aus den Fugen. Karen ist sicher, dass nur Jessica für all die mysteriösen Vorkommnisse verantwortlich sein kann, unter denen ihre Freundinnen zu leiden haben. Die Freundschaft der drei Frauen, die seit ihrer Kindheit durch dick und dünn gehen, wird vor eine harte Zerreißprobe gestellt, denn privat wäre es eigentlich Karens Pflicht, ihre Freundinnen vor Jessica zu warnen, aber beruflich ist sie an die ärztliche Schweigepflicht gebunden. Noch ahnt sie jedoch nicht, in welcher Gefahr Bea und Eleanor schweben und ihre neue Patientin sie nicht zufällig ausgewählt hat, sondern im Begriff ist, Karen alles zu nehmen, was ihr etwas bedeutet – ihre Karriere, ihre Beziehung zu Michael und auch ihre beiden besten Freundinnen.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe Jenny Blackhursts Debütroman Die stille Kammer zwar nicht gelesen, aber von vielen Seiten gehört, dass die Autorin einen brillanten Thriller vorgelegt hat. Da es sich bei ihren Büchern um Einzelbände handelt und der Klappentext von ihrem aktuellen Psychothriller Das Mädchen im Dunkeln sehr vielversprechend tönte, war ich sehr gespannt, ob Jenny Blackhurst auch mich begeistern kann. Allerdings ist der Klappentext des Verlags ein wenig irreführend und vor allem sehr ungeschickt formuliert, denn einerseits geht aus ihm nicht hervor, dass eigentlich die Freundschaft von Karen zu ihren beiden besten Freundinnen im Zentrum der Handlung steht, während er andererseits bereits so viel vom Plot verrät, dass man fast schon von einem Spoiler sprechen kann, sodass ich in meiner Inhaltsangabe auf diese Hinweise verzichtet habe. Den Klappentext kann man der Autorin jedoch ebensowenig anlasten wie die vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler in der deutschen Übersetzung ihres Buches, die auf ein äußerst mangelhaftes Lektorat schließen lassen. Ich habe jedenfalls noch nie ein Verlagsbuch gelesen, das so viele Fehler enthält, dass man beim Lesen immer wieder ins Stocken gerät und manche Sätze erneut lesen muss, um ihren Sinn zu erfassen. Über vereinzelte kleine Fehlerchen, die durchaus vorkommen können, kann ich entspannt hinwegsehen, aber in dieser Häufigkeit sind sie äußerst störend und hemmen leider auch den Lesefluss.
Inhaltlich gibt es an diesem Thriller weitaus weniger auszusetzen, denn Das Mädchen im Dunkeln ist ein durchaus spannender und lesenswerter Psychothriller.
Bereits das erste Kapitel ist etwas irritierend, denn es handelt sich dabei um ein Therapiegespräch, bei dem Karen jedoch selbst die Patientin ist. Schnell wird klar, dass etwas Schreckliches vorgefallen sein muss und sich die Psychologin nun selbst in therapeutische Behandlung begeben musste. Das Buch wird dann abwechselnd aus der Perspektive von Karen und ihren beiden besten Freundinnen Bea und Eleanor erzählt und immer wieder durch das Therapiegespräch unterbrochen, das Karen mit ihrem Therapeuten führt. Stück für Stück offenbart sich nun, was Karen und ihren Freundinnen zugestoßen ist und was Karens Patientin Jessica mit all den rätselhaften Vorkommnissen zu tun hat. Manche Kapitel werden auch aus der Perspektive einer unbekannten Person geschildert, die die Freundinnen schon seit langer Zeit beobachtet, fotografiert und auch ihre Spuren im Internet verfolgt. Was diese Person im Schilde führt und ob es sich dabei um Jessica handelt, bleibt jedoch lange im Dunkeln. Diese Passagen sind vor allem deshalb so verstörend, weil diese Person alles von den Frauen zu wissen scheint, selbst Begebenheiten, die schon viele Jahre zurückliegen, und auch ganz genau weiß, wo sie ansetzen muss, um die Frauen zu verunsichern und in Angst und Schrecken zu versetzen.
Jenny Blackhurst hat Karen, Bea und Eleanor sehr fein gezeichnet und präzise ausgearbeitet. Der Leser erhält sehr tiefe Einblicke in ihre jeweiligen Gedanken, Ängste und die Probleme, mit denen sie aktuell zu kämpfen haben, aber auch in ihr bisheriges Schicksal sowie die Beschaffenheit ihrer außergewöhnlichen Freundschaft. Die drei Frauen sind seit mehr als dreißig Jahren miteinander befreundet, immer wieder wird betont, wie besonders eng die Bindung zwischen den drei Freundinnen ist, aber seltsamerweise verbergen sie gerade das voreinander, was sie am meisten belastet.
Bea mochte ich besonders gerne, und ihr Schicksal berührte mich auch sehr, während mir Eleanor, die mit ihrer Mutterrolle vollkommen überfordert zu sein scheint und äußerst überspannt ist, häufig ein wenig auf die Nerven fiel. Trotzdem tat sie mir leid, denn ihr Leben gerät im Verlauf der Geschichte so aus den Fugen, dass sie fast den Verstand verliert. Obwohl Karen im Fokus der Handlung steht, ist sie besonders schwer zu durchschauen und war mir leider auch sehr unsympathisch. Was ihre Tätigkeit als Psychologin anbelangt, fand ich sie äußerst unprofessionell und gleichzeitig zu karriereversessen, aber auch privat hat sie so einige Leichen im Keller. Diese könnte man ihr durchaus verzeihen, wenn sie sich nicht selbst als Hüter von Moral und Anstand verstünde und nicht immer wieder betonen würde, wie wichtig es ihr ist, anderen selbstlos zu helfen. Eigentlich mag ich ambivalente und vielschichtige Charaktere, aber diese Frau verhält sich einfach in jeder Hinsicht so widersprüchlich, dass es mir sehr schwerfiel, mich in sie hineinzuversetzen und mit ihr mitzufühlen.
Die rätselhafteste Figur ist natürlich Jessica, die mysteriöse Patientin, die eines Tages bei Karen auftaucht und vorgibt, therapeutische Hilfe zu suchen. Auch wenn ihre wahre Identität erst am Schluss enthüllt wird, war mir sehr schnell klar, wer sie ist und warum sie es auf Karen abgesehen hat. Allerdings war mir vollkommen schleierhaft, warum sie Bea und Eleanor schaden möchte, sodass die Spannung trotzdem bis zum Ende aufrechterhalten werden konnte.
Eines muss man diesem Psychothriller nämlich lassen – er ist durchgehend spannend, und das Ende hält trotz mancher Vorhersehbarkeiten noch eine erstaunliche Überraschung parat. Leider verblieb aber meiner Meinung nach noch eine kleine Ungereimtheit, die vom Ende her betrachtet, keinen Sinn ergab. Besonders tiefgründig ist Das Mädchen im Dunkeln leider nicht. Das Thema Ehebruch steht immer wieder im Zentrum der Handlung, wobei der moralische Zeigefinger für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr erhoben wurde. Trotzdem hat mir Das Mädchen im Dunkeln gut gefallen und sehr spannende Lesestunden bereitet.
Ein fesselnder Psychothriller für Zwischendurch, nicht besonders überragend, aber dennoch solide und lesenswert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jenny Blackhurst: Das Mädchen im Dunkeln
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 16. Februar 2017
431 Seiten
ISBN 978-3-404-17416-4

Cover: Bastei Lübbe

Mein Monatsrückblick März 2017

Gelesen:

Leider startete ich mit einer kleinen Leseflaute in den Monat März, denn gleich das erste Buch, dem ich mich zuwandte, war eine so zähe Angelegenheit, dass ich manchmal tagelang gar keine Lust zum Lesen hatte und deshalb auch nicht vorankam. Glücklicherweise hielt diese Leseflaute nicht allzu lange an, sodass ich trotz anfänglicher Startschwierigkeiten im März doch noch 6 Bücher gelesen habe; das waren insgesamt 2427 Seiten, also durchschnittlich 78 Seiten pro Tag (zu meinen ausführlichen Rezensionen gelangt Ihr mit einem Klick auf das Cover oder den Buchtitel)

Amy Gentry - Good as GoneIch hatte mich sehr auf Good as Gone von Amy Gentry gefreut, war aber leider etwas enttäuscht von diesem Roman. Die Geschichte beginnt zwar sehr vielversprechend, ist auch durchaus originell konstruiert, aber leider geht gerade das auf Kosten der Spannung. Kann man lesen – muss man aber nicht.

 

L. U. Ulder - Ein dunkler TriebAbsolut spannend ging es dann aber weiter mit Ein dunkler Trieb von L. U. Ulder, dem ersten Band einer neuen Reihe um den Ermittler Björn Liebermann. Dieser Ermittlungsthriller hat mich in jeder Hinsicht überzeugt und hat alles, was ein Buch dieses Genres braucht – einen abgrundtief bösen Serientäter, der von wahrlich dunklen Trieben geleitet wird, interessante und glaubwürdige Charaktere sowie einen spannenden und gut durchdachten Plot.

Jenny Blackhurst - Das Mädchen im DunkelnAuch Jenny Blackhursts Das Mädchen im Dunkeln war wirklich fesselnd und hat mich auch sehr gut unterhalten. Allerdings haben mich die Protagonisten nicht überzeugt, und auch der Plot war nicht immer stimmig. Gestört haben mich aber vor allem die auffallend vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler in der deutschen Übersetzung, die man der Autorin zwar nicht anlasten kann, aber den Lesefluss und das Lesevergnügen leider sehr gemindert haben. Schade, denn eigentlich ist es ein solider Psychothriller, nicht gerade überragend, aber durchaus lesenswert.

Marina Heib - Drei Meter unter NullDass es sich bei Marina Heibs Drei Meter unter Null um einen in jeder Hinsicht herausragenden Thriller handelt, habe ich schon auf den ersten Seiten gemerkt. Das sprachlich hohe Niveau ist schon mehr als beeindruckend und auch außergewöhnlich in diesem Genre. Dieser Thriller geht wirklich unter die Haut, ist von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur spannend und schockierend, sondern gleichzeitig auch sehr berührend. Zweifellos einer der besten Thriller, die ich je gelesen habe und deshalb auch mein unangefochtenes Lesehighlight des Monats!

Gillian Flynn - Gone GirlVon Gone Girl von Gillian Flynn hätte ich eigentlich erwartet, dass es mich vollkommen umhaut, denn der Hype, der um dieses Buch gemacht wurde, war enorm. Gillian Flynn schafft es in diesem Buch sehr gekonnt, den Leser immer wieder zu verwirren und mitten in ein böses Psychospiel eines vermeintlich glücklichen Ehepaars zu reißen. Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet, was aber vor allem am Anfang sehr zulasten der Spannung geht. Abgesehen von dem recht zähen Einstieg und ein paar bedauerlichen Längen, hat mir dieser Roman allerdings sehr gut gefallen, auch wenn ich ihn für ein wenig überbewertet halte.

Das Buch der Spiegel von EO ChiroviciWirklich umgehauen hat mich hingegen Das Buch der Spiegel von E. O. Chirovici. Der Autor spielt in seinem Kriminalroman sehr gekonnt mit verschiedenen Perspektiven und beschäftigt sich dabei immer wieder mit der Frage, wie zuverlässig und manipulierbar unsere Erinnerungen sind. Ein wirklich grandioser und intelligent erzählter Roman, der mich restlos begeistert hat.

 

© Claudia Bett

Buchrezension: Gillian Flynn – Gone Girl

Gillian Flynn - Gone GirlInhalt:

Nick und Amy Dunne haben sich vor sieben Jahren kennengelernt, zwei Jahre später geheiratet und galten als absolutes Vorzeigepärchen, zumindest als sie noch in New York lebten und beruflich erfolgreich waren. Sie waren beide als Journalisten tätig, verloren jedoch durch den fortschreitenden Niedergang der Printmedien innerhalb weniger Monate ihre Jobs. Bislang musste sich Amy keine Sorgen um ihr finanzielles Auskommen machen, denn ihre Eltern sind erfolgreiche Schriftsteller, haben die Kindheit ihrer Tochter sehr publikumswirksam vermarktet, indem sie Amy zur Kinderbuchfigur einer erfolgreichen Buchreihe machten, und haben einen Teil ihrer Einnahmen in einem Trustfonds für Amy angelegt. Allerdings wurde die Buchreihe Amazing Amy eingestellt und ihre Eltern sind inzwischen nahezu pleite, sodass sie ausgerechnet jetzt dringend Geld aus Amys Trustfonds benötigen.
Als Nick von seiner Zwillingsschwester Go erfährt, dass seine Mutter an Brustkrebs erkrankt ist, beschließt er, mit Amy in seine alte Heimatstadt North Carthage in Missouri zurückzukehren, um seiner kranken Mutter beizustehen. Von Amys letzten finanziellen Mitteln kauft er dort eine Bar, die er gemeinsam mit seiner Schwester betreibt, und unterrichtet nebenbei noch einen Kurs am Junior College. Amy verfasst Persönlichkeitstests für Frauenzeitschriften, um ihren Teil zum gemeinsamen Lebensunterhalt beizutragen, vermisst aber ihr altes Leben in New York und fühlt sich in der beschaulichen Kleinstadt, in die sie nun verpflanzt wurde, nicht besonders wohl. Die Ehe von Nick und Amy beginnt nun unaufhaltsam zu kriseln.
An ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Amy plötzlich spurlos. Alles deutet auf ein Gewaltverbrechen hin, und da sich Nick sehr sonderbar verhält und auffallend emotionslos zu sein scheint, gerät er sehr schnell ins Visier der Ermittler und auch der Medien. Er schwört zwar, dass er nichts mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat, aber wo ist Amy und was ist ihr zugestoßen? Das verwüstete Wohnzimmer und ein sorgfältig weggewischter Blutfleck in der Küche, den die Polizei entdeckt, lassen das Schlimmste befürchten. Außerdem berichten Zeugen, dass Amy schon seit längerer Zeit Angst hatte, aber vor wem und warum?

Meine persönliche Meinung:

Ich hatte fast den Eindruck, dass ich der letzte Mensch auf diesem Planeten bin, der Gone Girl von Gillian Flynn noch nicht gelesen hat und auch den Film nicht kennt. Dabei liegt dieser Roman schon seit einiger Zeit ungelesen in meinem Regal, aber ich hatte eben nie Lust ihn zu lesen, was vor allem an dem Hype lag, der um dieses Buch gemacht wurde. Sobald ein Roman in aller Munde ist, interessiert er mich nicht mehr, und allzu oft habe ich eben auch schon die Erfahrung gemacht, dass gerade diese Bücher mich auch maßlos enttäuschen. Allerdings stieß ich in letzter Zeit immer wieder auf Bücher, die mit dem Hinweis „für alle Fans von Gone Girl“ oder „so abgründig wie Gillian Flynns Gone Girl“ beworben wurden, was natürlich keine große Orientierungshilfe ist, wenn man das erwähnte Buch gar nicht kennt. Es ist fast so, als gäbe Gone Girl die Messlatte vor, an der sich künftig jeder Thriller messen lassen muss. Da sich der Hype inzwischen etwas gelegt hat und ich mir jetzt selbst ein Bild machen wollte, beschloss ich also, Gone Girl nun doch endlich zu lesen.
Der Einstieg in die Geschichte ist leider äußerst zäh und langatmig. Nach den ersten hundert Seiten fragte ich mich, wann denn nun endlich etwas passiert und was die anderen Leser an diesem Buch denn nur so begeistert hat, denn außer einem guten Schreibstil konnte ich leider nichts entdecken, was auch nur annährend spannend oder irgendwie besonders gewesen wäre. Gillian Flynn lässt sich ausgesprochen viel Zeit, ihre Protagonisten einzuführen. Es dauert leider ewig, bis die Geschichte in Gang kommt, und da ich weder Amy noch Nick besonders mochte, fiel es mir zunächst auch schwer, Interesse für das Schicksal dieses Ehepaars aufzubringen. Erst später erkannte ich, dass die Autorin ihre Figuren absichtlich so gezeichnet hat, dass man sie nicht besonders sympathisch findet, aber zu Beginn des Romans ist dies der Spannung leider nicht besonders zuträglich.
Das ganze Buch wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Nick und Amy erzählt. Während Nick überwiegend die aktuellen Ereignisse schildert, die am Tag von Amys Verschwinden einsetzen, kommt Amy in Form von Tagebucheinträgen zu Wort, die bis zu dem Tag zurückreichen, an dem sie Nick kennengelernt hat. Außerdem wirft sie auch immer wieder einen Blick zurück in ihre Kindheit und Jugend.
Als Tochter eines erfolgreichen Schriftstellerehepaars wuchs Amy sehr behütet und vor allem in sehr gut situierten Verhältnissen auf. Sie wurde von ihren Eltern sehr verwöhnt, fühlte sich von ihnen aber auch ausgenutzt, denn ihren Wohlstand hatten sie nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass sie ihre Tochter wie ein Produkt vermarkteten, indem sie sie zur Romanfigur einer Buchreihe machten, die sich gut verkaufen ließ. Amy bemühte sich, dem Bild gerecht zu werden, das ihre Eltern in ihren Büchern von ihr entwarfen, strebte nach dem Perfektionismus, den ihr die Romanfigur vorgab, denn alles, was der realen Amy nicht gelingen wollte, beherrschte „Amazing Amy“ in den Büchern mühelos. Amy fühlte sich nie als reale Person, sondern immer als Produkt. Auch in ihrer Ehe mit Nick spielte sie zunächst nur eine Rolle, nicht die von „Amazing Amy“, aber die der „Coolen Amy“, die ebenfalls ein reines Phantasiegebilde war, aber ihrem Mann zu gefallen schien. Doch diese Rolle beginnt ganz allmählich zu bröckeln, als beide ihren Job verlieren und Amy dazu genötigt wird, mit Nick in seine provinzielle Heimatstadt zu ziehen, in der sie keinen Anschluss findet und sich nicht heimisch fühlt. Nick ging allerdings stillschweigend davon aus, dass Amy sich irgendwann an die neue Umgebung gewöhnen würde und war auch selbst nicht immer ehrlich zu seiner Frau. So bekam die Ehe erste Risse, die nicht mehr zu kitten waren und schließlich in einem wahren Psychokrieg zwischen den Ehepartnern enden.
Durch die Ich-Perspektive und die Tagebuchform lernt man beide Protagonisten sehr gut kennen, zumindest wird zunächst der Eindruck erweckt, man käme sowohl Amy als auch Nick besonders nahe. Im weiteren Handlungsverlauf stellt man jedoch schnell fest, dass man weder Amys noch Nicks Worten Glauben schenken kann. Der Leser wird ständig mit zwei unterschiedlichen, sich widersprechenden Sichtweisen konfrontiert, aus denen letztendlich auch die Spannung dieses Romans resultiert. Da beide Charaktere äußerst ambivalent angelegt sind, fällt es ausgesprochen schwer, für einen der beiden Stellung zu beziehen, denn man kann sie weder hassen noch lieben. Amy und Nick sind nicht gerade Sympathieträger, aber dennoch gibt es immer wieder Momente, in denen man sich gut in den Charakter, aus dessen Perspektive gerade erzählt wird, einfühlen kann. Allerdings wird man schon im nächsten Kapitel wieder gezwungen, die eigene Einschätzung nochmals zu überdenken, ist ständig hin- und hergerissen und wird somit immer tiefer in dieses verwirrende und wirklich böse Psychospiel hineingezogen.
Unwillkürlich stellt man sich beim Lesen auch selbst immer wieder die Frage, ob man den Menschen, den man liebt, auch wirklich kennt und ob man selbst nicht auch häufig nur eine Rolle spielt, um geliebt zu werden und den Erwartungen des anderen gerecht zu werden. Der Roman zeigt sehr eindrücklich, welche Abgründe hinter der Fassade einer scheinbar perfekten Liebesbeziehung lauern können und wie Liebe in abgrundtiefen Hass umschlagen kann.
Doch ist der Roman nicht nur ein erschütterndes Ehedrama, sondern auch eine Abrechnung mit der Medienlandschaft. Das öffentliche Interesse an diesem Vermisstenfall ist natürlich groß, nicht zuletzt, weil Amy eine berühmte Kinderbuchfigur ist und sich Journalisten und TV-Sender mit geradezu perverser Sensationsgeilheit auf solche privaten Schlachtfelder stürzen. Es wird sehr eindrücklich geschildert, wie die Medien Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen und wie schnell ein Unschuldiger zum Verbrecher abgestempelt werden kann.
Gone Girl ist äußerst raffiniert und sehr wendungsreich komponiert. Leider entfaltet sich die Spannung erst im zweiten Teil des Romans, während der Einstieg in die Geschichte wirklich äußerst langweilig ist. Selbst als die Handlung dann Fahrt aufnimmt, kommt es häufig zu bedauerlichen Längen, die den Spannungsbogen immer wieder abreißen lassen. Das ist wirklich schade, denn Gillians Flynns Schreibstil ist grandios. Die Geschichte ist glaubwürdig, tiefgründig und klug erzählt, und am Ende laufen alle Fäden dieses Verwirrspiels schlüssig zusammen. Vor allem die Figurenzeichnung fand ich absolut gelungen, gerade weil die Protagonisten so vielschichtig und komplex sind und es nicht möglich ist zwischen Gut und Böse, Täter und Opfer zu unterscheiden. Gone Girl blieb ein wenig hinter meinen Erwartungen zurück, die zugegebenermaßen auch ziemlich hoch waren, hat mir aber trotz seiner Längen sehr gut gefallen und mich auch nachdenklich zurückgelassen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Gillian Flynn: Gone Girl – Das perfekte Opfer
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 22. März 2013
592 Seiten
ISBN 978-3-596-18878-9

Cover: S. Fischer Verlag

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im April 2017

Der Monat März neigt sich seinem Ende, und es wird Zeit wieder in den Verlagsvorschauen zu blättern und nachzuschauen, ob man sich auch im April auf spannende Neuerscheinungen freuen kann. Ich bin natürlich fündig geworden und habe wieder fünf Bücher entdeckt, die mein Interesse geweckt haben und auf meiner Wunschliste gelandet sind.

Abby Geni - Ein Grab in den WellenEin Kampf gegen die Gewalten der Natur und menschliche Abgründe – ein Kampf auf Leben und Tod

Ein Jahr lang will die junge Naturfotografin Miranda auf den Farallon-Inseln verbringen, ein abgelegener, unbewohnter Archipel vor der kalifornischen Küste. Ihre einzigen Gefährten sind ein paar Wissenschaftler, die in dieser Wildnis Fauna und Flora untersuchen. Sie beobachten die Wale und Robben, die extrem aggressiven Haie, die in diesen Gewässern jagen, sowie die überwältigende Vogelpopulation. In dieser unwirtlichen Umgebung scheint es nicht verwunderlich, dass sie allesamt Eigenbrötler sind. Doch mit der Zeit mehren sich mysteriöse Unfälle, eines Tages wird sogar einer der Forscher tot aufgefunden. Und Miranda fragt sich allmählich, ob die Inselgruppe, die von den Indianern seit jeher »Insel der Toten« genannt wird, tatsächlich verflucht ist, oder ob einer von ihnen ein grausames Spiel treibt … (Klappentext: Pendo Verlag)

Abby Geni: Ein Grab in den Wellen
Verlag: Pendo
Ersterscheinungstermin: 03. April 2017
Klappenbroschur – 368 Seiten – 15,00 €
ISBN 978-3-86612-423-3


Anja Goerz - Wenn ich dich holeWegen eines Unwetters sitzt Bendix Steensen in Heathrow fest. In immer kürzeren Abständen erhält er Anrufe seines neunjährigen Sohnes Lewe, die allmählich panisch klingen: Seit Stunden sind Mama und Oma nun schon fort, am Handy meldet sich niemand, er hat Angst, in dem abgelegenen Haus in Niebüll nicht mehr allein zu sein. Bendix alarmiert die örtliche Polizei. Doch obwohl diese nichts Verdächtiges feststellt, versucht er alles, um auf schnellstem Weg nach Nordfriesland zu kommen. Eine schier endlose Reise, zusätzlich erschwert durch Schnee und Sturm. Derweil haben seine Frau und Mutter einen ganz anderen Kampf zu kämpfen. Und Lewe ist tatsächlich nicht mehr allein … (Klappentext: dtv)

 

Anja Goerz: Wenn ich dich hole
Verlag: dtv premium
Ersterscheinungstermin: 07. April 2017
Klappenbroschur – 256 Seiten – 14,90 €
ISBN 978-3-423-26147-0


Carla Berling - MordkapelleEin malerischer Sommerabend auf dem Land. Als die Lokalreporterin Ira Wittekind zur brennenden Friedhofskapelle in Rehme gerufen wird, findet sie ein schauriges Szenario vor: In der Ruine steht ein Rollstuhl vor dem Altar, der Mann darin ist tot. Es handelt sich um den angesehenen Apotheker Ludwig Hahnwald, allen bekannt als der schöne Ludwig. Ira Wittekind beginnt zu recherchieren. Dabei stößt sie auf ein dichtes Geflecht aus Lügen, Intrigen und verratener Liebe. Und auf ein grauenhaftes Unrecht, das vor vielen Jahren begangen und nie gerächt wurde. (Klappentext: Heyne Verlag)

 

 

Carla Berling: Mordkapelle
Verlag: Heyne
Ersterscheinungstermin: 10. April 2017
Taschenbuch – 400 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-453-41996-4


Luana Lewis - Schlafe stillDie vermögende Londonerin Vivien führt mit ihrem Mann Ben und ihrer achtjährigen Tochter ein Leben, von dem die meisten Menschen nur träumen können. Doch dann wird sie eines Tages tot in ihrem Badezimmer aufgefunden, mit einer blutigen Wunde am Kopf. Die Familie steht noch unter schwerem Schock, als plötzlich Cleo, Bens Exfreundin, auftaucht. Sie gibt Viviens Mutter Rose gegenüber offen zu, dass sie nie aufgehört hat, Ben zu lieben. Als Rose Cleo wenig später in ihrer Wohnung aufsucht, ist sie zutiefst verstört – denn sie entdeckt eine ganze Wand voller Fotos von Vivien. Offenbar hat Cleo sie jahrelang heimlich beobachtet. Und dann beginnt sie auch noch, sich zurechtzumachen wie Vivien und ihre Kleidung zu tragen … (Klappentext: Goldmann Verlag)

 

Luana Lewis: Schlafe still
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 17. April 2017
Klappenbroschur – 288 Seiten – 15,00 €
ISBN 978-3-442-20530-1


Tammy Cohen - Du stirbst nicht alleinVier tote Mädchen. Vier trauernde Familien. Ein Killer auf freiem Fuß.

Vor vier Jahren erschütterte der Mord an der siebenjährigen Megan Purvis ganz London. Die Leiche des Mädchens wurde in einem abgelegenen Waldstück gefunden, auf ihrem nackten Schenkel stand das Wort »Sorry«. Zwei Jahre später verschwand Tilly Reid, auch ihre Leiche wurde gezeichnet und im Wald gefunden. Vierzehn Monate danach fand man erneut eine Mädchenleiche. Der Mörder der drei wurde nie gefasst. Und nun ist die kleine Poppy Glover verschwunden … (Klappentext: Blanvalet Verlag)

 

Tammy Cohen: Du stirbst nicht allein
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 17. April 2017
Taschenbuch – 400 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-7341-0437-4

Buchrezension: Marina Heib – Drei Meter unter Null

Marina Heib - Drei Meter unter NullInhalt:

Als sie ein Kind war, wollte sie Pipi Langstrumpf werden, das stärkste Mädchen der Welt, das frei und selbstbestimmt lebt, später dann Winnetou oder vielleicht auch Tarzan. Sie war schon immer anders als andere Kinder, wurde ausgegrenzt, weil man sie sonderbar fand, aber das kümmerte sie nicht besonders. Trotzdem entschloss sie sich irgendwann, normal zu werden, nicht zuletzt ihren Eltern zuliebe, die sie liebten und behüteten, aber sich gewünscht hätten, ihr Kind sei ein wenig angepasster. Sie hat lange versucht, normal zu sein, wurde endlich akzeptiert, doch nun ist sie vierunddreißig Jahre alt und spürt, dass die Spuren des Sonderbaren noch immer an ihr haften. An einem nebligen Tag im November muss sie sich eingestehen, dass all ihre Bemühungen um Normalität gescheitert sind und sie ihrer Berufung folgen muss. An diesem Tag beschließt sie: „ich werde Mörderin“.
Doch zunächst muss sie ihr Menschsein ablegen und zu einer Wölfin werden. Dann macht sie einen Plan, beobachtet ihre arglosen Opfer ganz genau, bevor sie zuschlägt. Sie sollen leiden, wie sie gelitten hat, und mit ihrem Leben dafür bezahlen, dass sie ihr ihr Leben genommen haben.

Meine persönliche Meinung:

Marina Heib ist im Krimi- und Thrillergenre zwar keine Unbekannte, aber bislang habe ich noch keines ihrer Bücher gelesen. Als ich jedoch Drei Meter unter Null in der Verlagsvorschau entdeckt hatte, konnte ich den Erscheinungstermin kaum abwarten, denn dieses Buch versprach ein Thriller ganz nach meinem Geschmack zu sein. Ich fing auch sofort an zu lesen, als es dann endlich bei mir ankam und war ein bisschen enttäuscht, dass es nur so wenige Seiten hat und so schnell gelesen war, denn es war einfach großartig. Obwohl es so ein dünnes Büchlein ist, ist Drei Meter unter Null einer der gewaltigsten, erschütterndsten und düstersten Thriller, die ich jemals gelesen habe und ging mir so unter die Haut, dass ich diese Geschichte nicht so schnell vergessen werde.
Schon nach wenigen Seiten habe ich gemerkt, dass Drei Meter unter Null ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher und herausragender Thriller ist, der sich schon sprachlich und stilistisch weit von der Masse anderer Bücher dieses Genres abhebt. Der Schreibstil der Autorin ist einfach brillant, ihre Sprache fast poetisch, vor allem aber so eindringlich und ausdrucksstark und gleichzeitig so klar und prägnant, dass es wirklich ein Genuss ist, solche Sätze zu lesen, denn da sitzt jedes Wort. Besonders beeindruckt war ich jedoch, mit welcher Präzision und mit welchem Gespür für menschliche Emotionen und Abgründe Marina Heib ihre Protagonistin ausgearbeitet hat.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive einer Frau geschildert, die im Alter von vierunddreißig Jahren beschließt, Mörderin zu werden. Ihren Namen erfährt man nicht und auch das Motiv für ihre Taten bleibt zunächst im Dunkeln, aber man erhält sehr tiefe Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Leiden. Während sie sich auf ihrem blutigen Rachefeldzug befindet, wirft sie immer wieder einen Blick zurück in ihre Vergangenheit und lässt ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal Revue passieren.
Schon als Kind war sie anders als andere, sehnte sich nach Abenteuern, wollte nicht Ärztin oder Ingenieurin werden, sondern Pippi Langstrumpf, Tarzan oder Winnetou. Sie wuchs sehr behütet auf, ihre Eltern unterstützten ihre Träume, liebten sie und taten alles, um sie glücklich zu machen, sorgten sich allerdings auch um ihr einziges Kind, denn es ist leichter, in dieser Welt zu bestehen, wenn man sich ein wenig anpasst. Sie drängen ihre Tochter zu nichts, sind aber erleichtert, als sie irgendwann selbst beschließt, sich anzupassen und normal zu werden. Sie studiert Informatik, ist beruflich erfolgreich und inzwischen zu einer hübschen, unabhängigen und selbstbewussten jungen Frau geworden. Doch an einem nebligen Novembertag gerät ihr Leben vollkommen aus den Fugen, sodass sie beschließt, Mörderin zu werden. Doch was genau veranlasst eine junge Frau, die so behütet aufgewachsen ist, plötzlich dazu, ihr Menschsein abzulegen und zu einer Wölfin zu werden, die auf die Jagd geht, um erbarmungslos zu töten? Diese Frage steht im Zentrum der Geschichte.
Der Leser begleitet diese Frau nun während sie ihre Opfer beobachtet, ihnen auflauert und sie brutal tötet. Sie hat einen genauen Plan ausgetüftelt, will nichts dem Zufall überlassen und hat eine Liste von Opfern angelegt. Die Männer auf ihrer Liste leben verstreut in ganz Deutschland. Für jeden von ihnen hat sie sich eine ganz individuelle Tötungsart überlegt, denn sie sollen leiden, bevor sie sterben – jeder auf eine ganz spezielle Art und Weise. Sie geht ohne Mitleid und ohne Skrupel vor. Ihre Opfer sind erfolgreiche Unternehmer, aber auch Obdachlose; ein Muster oder eine Verbindung zwischen diesen Männern ist nicht erkennbar, sodass man sich als Leser ständig fragt, warum sie das tut und was diese Männer getan haben.
Das besonders Verstörende und gleichzeitig auch Faszinierende an diesem Buch war für mich, dass ich diese Frau mochte und große Sympathien für sie hegte, was angesichts der abscheulichen Gräueltaten, zu denen sie fähig ist, sehr befremdlich und irritierend ist. Als Leser gerät man also in einen Zwiespalt, denn einerseits kann und darf man keineswegs gutheißen, was sie tut, aber andererseits möchte man sie auch unbedingt verstehen und nachvollziehen können, warum sie so barbarisch mordet. Die Autorin versteht es äußerst geschickt, den Leser auf die Seite dieser Mörderin zu ziehen, obwohl ihre Taten zunächst nicht nachvollziehbar sind und sie mit äußerster Brutalität vorgeht.
Die Spannung dieses Thrillers beruht nicht auf blutigen oder actiongeladenen Szenen, sondern in erster Linie darauf, dass man die Protagonistin unbedingt verstehen will und ihre Beweggründe erfahren möchte. Es ist zwar schockierend, sie bei ihrer grausamen Mission zu begleiten und mitzuerleben, wie skrupellos sie dabei vorgeht, aber dennoch kann man sie nie dafür verurteilen, sondern möchte nur begreifen. Denn soviel ist klar: Sie ist keine geistesgestörte Psychopathin, die aus purer Lust am Töten mordet, sondern eine gequälte Seele, die nicht grundlos tötet. Der Leser erfährt den Grund jedoch erst, als sich diese junge Frau ihrem letzten Opfer zuwendet. Wieder gerät man in ein Dilemma, als man ihr Motiv dann kennt, denn man kann sie erschreckend gut verstehen. Ich war erschüttert, schockiert und tief bewegt, als ich erkannte, warum sie zur Mörderin wurde, und ich war auch erschüttert über mich selbst, weil ich mir tatsächlich wünschte, dass es ihr gelingt, ihre blutige Mission zu vollenden. Auf den letzten Seiten, wenn man schon denkt, man wisse nun alles, hätte nun begriffen, welches bewegende Schicksal sich hinter ihren Taten verbirgt, kommt es dann noch einmal zu einer überraschenden Wendung, mit der weder der Leser noch die Protagonistin gerechnet hätten und die mich vollkommen fassungslos zurückließ.
Ich kann Drei Meter unter Null nur wärmstens weiterempfehlen, denn dieser Thriller hat mich von der ersten bis zur letzten Seite vollkommen gefangen genommen und lässt mich auch jetzt noch immer nicht los.

Ein erschütterndes und düsteres Psychogramm einer Mörderin – sprachgewaltig, psychologisch ausgefeilt und intelligent erzählt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Marina Heib: Drei Meter unter Null
Verlag: Heyne Encore
Ersterscheinungsdatum: 06. März 2017
256 Seiten
ISBN 978-3-453-27111-1

Cover: Heyne Encore