Buchrezension: Melanie Raabe – Die Wahrheit

DIE WAHRHEIT von Melanie RaabeInhalt:

Der erfolgreiche und wohlhabende Geschäftsmann Philipp Petersen ist vor sieben Jahren während einer Geschäftsreise nach Kolumbien spurlos verschwunden. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ihn seine Ehefrau Sarah nicht schmerzlich vermisst hätte. Sie hat nie die Hoffnung aufgegeben, dass ihr geliebter Ehemann vielleicht doch noch am Leben ist und weigerte sich bisher beharrlich, ihn für tot erklären zu lassen. Den gemeinsamen Sohn Leo, der noch kein Jahr alt war, als sein Vater verschwand, zieht sie alleine groß und arbeitet als Lehrerin.
Gerade als sie beschließt, die Vergangenheit loszulassen und endlich wieder nach vorne zu schauen, erhält sie einen Anruf vom Auswärtigen Amt. Sieben Jahre hatte sie auf eine Nachricht gewartet, gehofft und gebangt, sich auf das Schlimmste vorbereitet, und nun teilt man ihr am Telefon mit, dass Philipp tatsächlich noch am Leben ist und in wenigen Tagen am Flughafen erwartet wird. Bei den Medien stößt die Rückkehr des bekannten Geschäftsmannes auf reges Interesse. Als Sarah am Flughafen auf die Ankunft ihres Mannes wartet, sind alle Kameras auf sie gerichtet. Doch der Mann, der aus dem Flugzeug aussteigt, ist nicht Philipp. Er macht ihr aber unmissverständlich klar, dass sie alles verlieren wird, wenn sie der Polizei mitteilt, dass er nicht ihr verschollener Ehemann sei – ihr Kind, ihren Job, ihr Haus und ihr ganzes scheinbar schöne Leben.
Aber wer ist der Fremde, der nun in ihrem Haus wohnt und sich für ihren Mann ausgibt? Und vor allem – was will er?

Meine persönliche Meinung:

Ich habe erst vor ein paar Monaten Melanie Raabes Roman Die Falle (hier meine Rezension zu Die Falle) gelesen und war restlos begeistert. Es war zweifellos eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, weshalb ich dem Erscheinungstermin von Die Wahrheit, dem zweiten Thriller der Erfolgsautorin, nun schon seit einigen Wochen sehnsüchtig entgegenfiebere. Wenn eine Autorin bereits ein so brillantes Buch vorgelegt hat, ist die Erwartungshaltung der Leserschaft natürlich entsprechend hoch und unweigerlich vergleicht man die beiden Bücher. Hätte ich Die Falle nicht gelesen und die Messlatte nicht derart hoch angesetzt, wäre ich nun sicherlich begeistert von Die Wahrheit, aber verglichen mit Die Falle, ist ihr zweites Buch leider ein wenig schwächer.
Zweifellos ist Die Wahrheit ein wirklich guter Thriller, der sprachlich und stilistisch wieder weit aus der Masse anderer Bücher dieses Genres herausragt und diesbezüglich sogar fast noch ausgereifter scheint als sein Vorgänger. Melanie Raabes Schreibstil ist innovativ, ihre Sprache eindringlich, metaphernreich, geradezu poetisch und entwickelt einen ungeheuren Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Außerdem stellt die Autorin auch in Die Wahrheit wieder ihr sensibles Einfühlungsvermögen in ihre Figuren unter Beweis. Sie nimmt sich sehr viel Zeit, ihre Hauptprotagonistin einzuführen und den Leser tief in Sarahs Gedanken- und Gefühlwelt eintauchen zu lassen. So lernt man Sarah zunächst als eine Frau kennen, die nach dem rätselhaften Verschwinden ihres Mannes jahrelang zwischen Hoffen und Bangen schwankte, immer wieder an die glücklichen Tage ihrer Ehe zurückdenkt und sich fragt, ob ihr Mann doch noch am Leben ist. Doch nun ist sie an einem Punkt angelangt, an dem sie endlich wieder nach vorne blicken will und sich von der Vergangenheit zu befreien versucht. Ich konnte mich sehr gut in Sarah einfühlen, denn Melanie Raabe versteht es, Emotionen sehr anschaulich, authentisch und nachfühlbar zu schildern. Auch wenn in den ersten Kapiteln nicht viel passiert, war ich sofort von der Geschichte und dem Schicksal der Hauptprotagonistin gefangen.
Als Sarah mitgeteilt wird, dass ihr Mann noch am Leben ist, sie ihn vom Flughafen abholen will und zu ihrem Entsetzen feststellt, dass der Mann, der vorgibt, ihr verschollener Ehemann zu sein, gar nicht Philipp ist, nimmt die Erzählung rasant an Fahrt auf, denn nun beginnt ein verwirrendes und auch sehr beklemmendes Katz- und Mausspiel. Von nun an werden die Kapitel abwechselnd aus der Sicht von Sarah und dem Fremden erzählt. Da die Gedanken beider Protagonisten aus der Ich-Perspektive geschildert werden, man also beiden Charakteren gleichermaßen nahekommt, fiel es mir von Kapitel zu Kapitel schwerer, mich weiterhin mit Sarah zu identifizieren, denn je tiefer ich nun auch in die Sichtweise des Fremden vordrang, umso verwirrter war ich. Auch wenn die Kapitel, die aus der Perspektive des Fremden geschildert werden, voller kryptischer Anspielungen sind und keine Auskünfte über seine Identität oder seine Motive geben, wurde mir Sarah im weiteren Verlauf der Erzählung zunehmend suspekter, zumal ihr Handeln zuweilen recht wenig Sinn machte. Einerseits waren die Ängste, die sie durchlitt und die latente Gefahr, in der sie schwebt, seit der Fremde in ihrem Haus wohnt, deutlich spürbar und auch nachvollziehbar, aber andererseits hatte ich auch häufig den Eindruck, dass sie allmählich hysterisch wird, nicht das Unschuldslamm ist, das sie vorgibt zu sein, und nicht sie, sondern vielmehr der Fremde in Gefahr schwebt. Durch den ständigen Wechsel der Perspektive und geheimnisvolle Andeutungen wird die Spannung stets aufrechterhalten und der Leser immer tiefer in dieses Verwirrspiel hineingezogen, in dem er irgendwann nicht mehr weiß, wem er noch trauen kann. Durch die unzuverlässige Erzählweise werden die Geschehnisse, aber auch die Protagonisten immer wieder in ein anderes Licht gerückt, wodurch die Spannung kontinuierlich gesteigert wird. Man weiß eben nicht, wer der Fremde ist, was er im Schilde führt, aber man ahnt irgendwann auch, dass Sarah ein düsteres Geheimnis hütet und keineswegs nur Opfer ist.
Somit wird eine subtile psychologische Spannung aufgebaut, die sich über das ganze Buch hinweg hält, obwohl im Grunde eigentlich recht wenig passiert. Wer einen blutigen, brutalen oder temporeichen Thriller erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein, denn Melanie Raabe verzichtet auf brutale, actionreiche Szenen und blutige Details, sondern setzt vielmehr auf die pointierte Betrachtung menschlicher Abgründe und atmosphärische Dichte.
Bereits in Die Falle inszenierte die Autorin ein beklemmendes Verwirrspiel, das mit einem fulminanten Plot-Twist endete, aber gerade dies wollte Melanie Raabe in Die Wahrheit nun leider nicht gelingen. Ich kann das Ende hier natürlich nicht verraten, es ist durchaus schlüssig und überraschend, aber es ist vor allem deshalb so überraschend, weil es vollkommen banal ist. Ich mag es ja, wenn ich in einem Thriller immer wieder auf die falsche Fährte gelockt werde, aber ich habe mich am Ende dieses Buches regelrecht veräppelt gefühlt. Warum muss eine Geschichte, die so viel Potenzial hat und über mehr als 400 Seiten spannend und grandios erzählt wurde, am Ende so verpuffen?
Und so bleibt von einem wirklich packenden und großartig erzählten Thriller um Schuld und Verdrängung leider ein etwas fader Nachgeschmack.

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den btb Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Melanie Raabe: Die Wahrheit
Verlag: btb
Ersterscheinungsdatum: 29. August 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-75492-2

Cover: btb Verlag

Merken

Buchrezension: Adrian J Walker – Am Ende aller Zeiten

Adrian J Walker - Am Ende aller ZeitenInhalt:

Edgar Hill ist Mitte dreißig, verheiratet, Vater zweier Kinder, Angestellter, lebt in Edinburgh und hat sein eintöniges Leben gründlich satt. Er liebt seine Kinder zwar, aber sie sind ihm einfach zu anstrengend, sodass er seine spärliche Freizeit lieber vor dem Fernseher oder in einem Pub verbringt, statt sich um seine Familie zu kümmern. Die Erziehung seiner Kinder und den Haushalt überlässt er lieber seiner Frau Beth. Die Tatsache, dass er übergewichtig, träge und unbeweglich ist und viel zu viel trinkt, versucht er einfach zu ignorieren. Diese eingefahrenen Strukturen öden ihn zwar an, aber er ist in ihnen gefangen und hat sich inzwischen damit arrangiert, dass das Leben ihm nicht allzu viel zu bieten hat.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich das alles satt. Es ödete mich an, dieses ganze Gezeter, der Mordskrach einer Welt, die von Tag zu Tag immer weniger Sinn ergab, und dieses Leben, das mich im Schwitzkasten hatte. Wenn ich ehrlich bin, war der Untergang – für mich zumindest – eine Erleichterung.

Zunächst ahnt er jedoch nicht, dass der Untergang tatsächlich naht. Als im Fernsehen vor bevorstehenden Asteroideneinschlägen gewarnt und der Notstand ausgerufen wird, ist Ed viel zu betrunken, um diese Nachricht richtig wahrzunehmen, seine Familie rechtzeitig zu warnen und die nötigen Vorkehrungen zu treffen. In letzter Sekunde kann er sich mit seiner Frau und seinen Kindern in den Keller seines Hauses flüchten, bevor Edinburgh von den ersten Asteroiden getroffen wird. Allerdings gehen die wenigen Nahrungsmittel, die Ed in der Eile noch zusammenpacken konnte, schnell zur Neige und auch das Wasser wird allmählich knapp.
Zwei Wochen verharren sie in ihrem Keller, und nachdem auch die letzten Vorräte fast aufgebraucht sind, wird die Familie glücklicherweise vom Militär gerettet und in einer Kaserne untergebracht, wo sich noch andere Überlebende eingefunden haben.
Erst jetzt wird Ed das Ausmaß der Zerstörung allmählich bewusst. Die Britischen Inseln wurden von den Asteroideneinschlägen fast vollständig zerstört, die Städte liegen in Schutt und Asche und nur wenige haben die Katastrophe überlebt. Auch von Edinburgh ist nur ein mit Leichen übersätes Trümmerfeld geblieben. Als Ed die Kaserne eines Tages verlässt, um in den Trümmern der Stadt nach Nahrungsmitteln zu suchen und von seinem Beutezug zurückkehrt, ist seine Familie verschwunden. Sie wurde in seiner Abwesenheit von einem Hubschrauber abgeholt und nach Cornwall gebracht, denn von dort soll in wenigen Wochen ganz Großbritannien mit Schiffen evakuiert werden. Ed weiß, dass der Hubschrauber nicht zurückkehren wird, um auch ihn zu retten. Wenn er seine Familie jemals wiedersehen will, muss er rechtzeitig nach Cornwall gelangen. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Überlebenden macht er sich zu Fuß auf den Weg von Edinburgh nach Falmouth. Mehr als 500 Meilen durch ein zerstörtes Land liegen vor ihm und seinen Begleitern, und nicht jeder, der ihnen unterwegs begegnet, ist ihnen wohlgesonnen, denn die Katastrophe und der Kampf ums Überleben hat die Menschen verändert. Wird Ed es schaffen, rechtzeitig nach Cornwall zu seiner Familie zu gelangen?

Meine persönliche Meinung:

Mit Am Ende aller Zeiten von Adrian J Walker startete Fischer TOR, das neue Science-Fiction- und Fantasy-Imprint der S. Fischer Verlage, nun kürzlich sein Programm. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich dieses Buch im Rahmen einer Leserunde bei LovelyBooks gewonnen habe und lesen durfte. Momentan habe richtig Lust auf gute Dystopien und war deshalb sehr neugierig auf Am Ende aller Zeiten. Es fällt mir nun allerdings nicht leicht, diesen Roman zu rezensieren, weil er mich mit etwas gemischten Gefühlen zurückließ.
Adrian J Walker hat im Grunde ein für das Genre typisches endzeitliches Szenario entworfen und dystopische Elemente einfließen lassen, die man auch von anderen Büchern dieses Genres kennt. Die Welt, wie man sie bisher kannte, existiert nicht mehr, wurde durch eine Naturkatastrophe vollkommen zerstört, und nun müssen sich die wenigen Menschen, die die Apokalypse überlebt haben, in dieser Welt zurechtfinden.
Der Leser lernt den Hauptprotagonisten Ed vor der Katastrophe kennen, erlebt an seiner Seite das Asteroideninferno mit und begleitet ihn dann auf seinem Weg durch diese zerstörte Welt. Im Zentrum des Romans steht vor allem die Entwicklung dieses Protagonisten, denn die Katastrophe verändert die Menschen, die sie überlebt haben. Allerdings nicht unbedingt zum Guten, denn Ed muss feststellen, dass sich die Menschen bereits verändern, als sich die Katastrophe ankündigt und ist auch von seinen eigenen Verhalten irritiert.

Wollt ihr wissen, wie lange das soziale Gefüge einer Gesellschaft hält? Ich kann es euch sagen. So lange, wie es dauert, eine Tür einzutreten […] Ist es unser erster Impuls, anderen aufzuhelfen oder über sie hinwegzutrampeln? Das Tier in dir, von dem du glaubst, du hättest es fest an den Pfosten gebunden und es mit Kultur, mit Liebe, Gebeten und Meditation bezähmt – das leckt sich schon die Lefzen. Der Knoten ist lose, der Pfosten morsch.

Dem Autor ist es sehr gut gelungen, die Situation während der herannahenden Gefahr sehr eindrücklich zu schildern, sodass man sich als Leser unwillkürlich fragt, wie man sich selbst verhalten würde, wenn man wüsste, dass sich eine Naturkatastrophe dieses Ausmaßes anbahnt. Würde man anderen helfen und dafür sein eigenes Leben riskieren? Oder denkt man in solchen Momenten nur an sich selbst und würde alles versuchen, nur sein eigenes Leben und das seiner Liebsten zu retten? Als die ersten Asteroiden einschlagen, muss Ed diese Entscheidung treffen, denn er ist einer der wenigen in seiner Nachbarschaft, der einen Keller hat.
Während das Inferno über Edinburgh hinwegfegt und Ed mit seiner Familie im Keller seines Hauses gefangen ist, wird ihm zum ersten Mal bewusst, dass er in jeglicher Hinsicht versagt hat und kaum in der Lage ist, seine Kinder zu beschützen. Er hat weder genügend Nahrungsmittel mit in den Keller genommen noch für ausreichend Wasservorräte gesorgt. Doch erst als er nach der Evakuierung von seiner Familie getrennt wird, erkennt er, dass er seine Frau und seine Kinder wirklich liebt. Er reflektiert sein bisheriges Leben und erkennt, dass er ein miserabler Vater und Ehemann war.
Schon nach den ersten Kapiteln ahnt man also, worauf das Buch eigentlich hinausläuft – auf die Läuterung des Helden, der sich erst angesichts der Katastrophe bewusst wird, dass sein bisheriges Leben, das ihn entsetzlich anödete, eigentlich gar nicht so schlecht war und erst merkt, wie sehr er seine Familie liebt, als er befürchten muss, sie für immer verloren zu haben.
Zwischen ihm und seiner Familie liegen nun mehr als 500 Meilen, alle Straßen sind weitgehend zerstört und ein intaktes Fahrzeug zu finden, ist ohnehin nahezu unmöglich. Problematisch ist allerdings, dass Ed vor der Katastrophe nicht nur ein schlechter Familienvater, sondern ein übergewichtiger, phlegmatischer und vollkommen unsportlicher Couch-Potato war und nun zu Fuß diese Strecke von mehr als 800 Kilometern bewältigen muss. Wenn er seine Familie jemals wiedersehen will, muss es ihm gelingen, in knapp drei Wochen Cornwall zu erreichen, denn sonst sind die Schiffe, mit denen ganz Großbritannien evakuiert werden soll, weg und seine Familie für immer verschwunden. Und so macht er sich mit einer kleinen Gruppe von Überlebenden auf den Weg. Schon nach kurzer Zeit stößt sein untrainierter Körper natürlich an seine Grenzen, aber sein Wille und die Liebe zu seiner Familie lässt ihn dennoch Tag für Tag durchhalten.
Auf dem Weg nach Cornwall trifft die Gruppe immer wieder auf andere Überlebende, aber die Menschen haben sich verändert, sich auf unterschiedliche Weise mit dem Leben in einem zerstörten Land arrangiert oder sich in recht bizarren Gruppen zusammengefunden. Da eine staatliche und gesellschaftliche Ordnung vollkommen fehlt, herrscht im Grunde völliges Chaos, Anarchie und das Recht des Stärkeren. Während manche Überlebende einfach nur ihren Verstand verloren zu haben scheinen, haben die meisten inzwischen jegliche Form von Zivilisiertheit und Moral abgelegt und machen es Ed und seinen Begleitern schwer, ihren Weg fortzusetzen. Nur selten können sie auf Hilfe hoffen und geraten häufig in gefährliche Situationen. Ich war immer wieder gespannt, wessen Weg die kleine Gruppe noch kreuzen wird, denn diese Begegnungen mit anderen Überlebenden waren überaus verstörend. Für mich waren dies die spannendsten Passagen des Romans, denn der Autor zeigt hier sehr gute Ansätze, vergaloppiert sich aber immer wieder und spinnt die Fäden, die er aufgenommen hat, leider nie zu Ende.
Stattdessen gibt es zwischen diesen Begegnungen endlos lange Textpassagen, in denen nur das Laufen im Mittelpunkt steht. Man merkt deutlich, dass Adrian J Walker eine besondere Affinität zum Laufsport hat, denn der zuvor vollkommen untrainierte Ed entwickelt sich im Laufe des Romans zu einer wahren Sportskanone und findet so großen Gefallen am Laufen, dass er sogar fast schon traurig ist, als die Gruppe kurzfristig ein paar Meilen mit einem Fahrzeug zurücklegen kann. Laufen ist für Ed nicht einfach nur die einzige Möglichkeit, so schnell wie möglich zu seiner Familie zu gelangen, sondern wird für ihn zu einer Form der Meditation. Und so ist das Buch in weiten Teilen eine Hommage an den Laufsport und trägt im Englischen deshalb auch den durchaus passenderen Titel The End of the World Running Club. Inwiefern es realistisch ist, dass ein übergewichtiger Mann, der noch nie im Leben Sport getrieben hat, innerhalb von wenigen Tagen solche sportlichen Höchstleistungen vollbringen kann, sei mal dahingestellt. In Notsituationen und aus Liebe kann man sicherlich ungeahnte Kräfte mobilisieren, inwiefern dies jedoch auch unter Nahrungsmittelentzug und ohne die nötige Zufuhr von Flüssigkeit möglich ist, wage ich zu bezweifeln. Mag sein, dass Laufen für viele Menschen ein durchaus spirituelles Erlebnis sein kann, aber angesichts dieses endzeitlichen Szenarios wirkt Eds plötzliche Begeisterung für den Laufsport leider vollkommen deplatziert. Mir gingen diese endlosen Passagen, in denen Ed einfach nur läuft, übers Laufen reflektiert und es quasi zur Religion erhebt, furchtbar auf die Nerven, denn sie sind leider auch ziemlich langweilig und lassen den Spannungsbogen immer wieder abreißen.
Adrian J Walker hat Ed sehr präzise und fein gezeichnet und legt sein Augenmerk vollkommen auf die Entwicklung seines Hauptprotagonisten, der nicht nur erkennt, dass er ein lausiger Vater und Ehemann war und seine Familie, die ihn vor der Katastrophe nur genervt hat, eigentlich unendlich liebt, sondern im Verlauf der Geschichte auch vom Phlegmatiker zum begeisterten Marathonläufer wird. Während ich Ersteres noch durchaus nachvollziehbar fand, hat mir Letzteres den Spaß am Lesen doch ein bisschen genommen. Die Katastrophe macht Ed in jeglicher Hinsicht zu einem besseren Menschen, lässt ihn über sich hinauswachsen, verleiht seiner vormals sinnentleerten Existenz endlich einen Sinn und ist somit ja fast schon ein Segen, was ich schon ein wenig befremdlich fand. Auch wenn mir Ed vor dem Inferno nicht gerade sympathisch war, war er zumindest authentisch angelegt, büßt seine Glaubwürdigkeit jedoch im weiteren Verlauf der Handlung immer mehr ein.
Alle anderen Protagonisten können der Katastrophe jedenfalls nicht so viel Positives abgewinnen und außer Ed scheint auch keiner von ihnen geläutert zu sein. Leider hat der Autor den Menschen, die Ed auf seinem Weg durch Großbritannien begleiten, nur wenig Kontur verliehen. Lediglich Bryce, ein etwas ungehobelter Biker, der jedoch sein Herz am rechten Fleck hat, vermochte es, mir ans Herz zu wachsen, während alle anderen recht blass und fremd blieben.
Walkers Erzählstil hat mir jedoch sehr gut gefallen, denn er ist sehr eindringlich und lässt sich flüssig lesen. Bis zur Mitte war der Roman auch überaus spannend und hat mich wirklich gefesselt. Die Beschreibung der zerstörten Landschaft und die Begegnungen mit anderen Überlebenden waren sehr eindrücklich, verstörend und gelungen. Einige wirklich hervorragenden Ansätze konnten mich ebenfalls überzeugen, wären sie nicht ebenso im Sande verlaufen, wie die spannende Handlung dieser Dystopie, die gegen Ende manchmal geradezu ins Absurde abrutscht. Das Ende hat mich dennoch ein wenig versöhnlich gestimmt, hatte durchaus Tiefe und überraschte mit einer unvorhersehbaren Wendung, aber leider hat mich zu vieles an diesem Roman gestört, um Am Ende aller Zeiten uneingeschränkt weiterempfehlen zu können.

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an LovelyBooks und die S. Fischer Verlage für das Rezensionsexemplar!

Buchdetails:

Adrian J Walker: Am Ende aller Zeiten
Verlag: Fischer TOR
Ersterscheinungsdatum: 25. August 2016
432 Seiten
ISBN 978-3-596-03704-9

Cover: S. Fischer Verlage

Merken

Buchrezension: Astrid Plötner – Todesgruß

Astrid Plötner - TodesgrußInhalt:

Maike Graf, Hauptkommissarin bei der Kriminalpolizei Unna, erhält eines Tages einen mysteriösen Anruf von einem Mann, der anonym bleiben möchte und ihr erzählt, er habe in einem Café zufällig ein Gespräch belauscht, in dem der Mord an einer Frau geplant wurde und der Name Schönfeld gefallen sei. In Unna gibt es zwar eine Zahnärztin namens Heinemann-Schönfeld, aber Maike ist dennoch skeptisch, ob sie dem anonymen Anrufer Glauben schenken kann, denn wer würde in einem gut besuchten Café die Ermordung eines Menschen planen? Trotzdem schickt sie eine Streife in die Zahnarztpraxis von Judith Heinemann-Schönfeld; doch auch die Zahnärztin nimmt die Warnung nicht allzu ernst.
Am nächsten Morgen wird im Stadtpark von Unna die Leiche von Dr. Judith Heinemann-Schönfeld gefunden. Die Tote war vor dem Kriegerdenkmal regelrecht in Szene gesetzt worden. Die Zahnärztin wurde offensichtlich erdrosselt, hat kleine Schnitte an der Innenseite der Handgelenke und trägt ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Ein letzter Gruß, G.“ um ihren Hals.
Die Kriminalhauptstelle Dortmund bildet sofort eine Mordkommission, die gemeinsam mit Maike Graf und ihren Kollegen in Unna die Ermittlungen aufnimmt. Der Ehemann der Toten und ein dubioser Immobilienmakler, der den Verkauf der Villa der Schönfelds plante, verhalten sich äußerst verdächtig, und auch Judiths beste Freundin hätte durchaus ein Motiv gehabt, die Zahnärztin zu ermorden. Doch obwohl es zahlreiche Verdächtige gibt und die Tote offenbar nicht nur Freunde hatte, fehlt es an Beweisen, sodass die Ermittler vollkommen im Dunkeln tappen.
Doch dann wird vor dem Amtsgericht in Unna wieder eine Leiche gefunden. Auch sie trägt ein Lebkuchenherz mit dem Schriftzug „Ein letzter Gruß, G.“ um den Hals. Offenbar treibt ein grausamer Serientäter sein Unwesen in dem beschaulichen westfälischen Städtchen Unna. Aber welche Verbindung bestand zwischen den Opfern? Gelingt es den Ermittlern, den „Kirmesmörder“ zu stoppen, bevor dieser erneut zuschlägt?

Meine persönliche Meinung:

Bei Todesgruß handelt es sich um den ersten Kriminalroman von Astrid Plötner im Gmeiner-Verlag und um den Auftakt einer neuen Krimireihe um Kommissarin Maike Graf und ihren Kollegen Max Teubner von der Kriminalpolizei Unna. Ich habe mich sehr gefreut, als mich die Autorin anschrieb und anfragte, ob ich ihren Kriminalroman Todesgruß lesen und rezensieren möchte, denn der Klappentext klang äußerst spannend. Dennoch war ich ein wenig skeptisch, da in manchen Rezensionen von einem „Regionalkrimi“ die Rede ist und der Gmeiner-Verlag für dieses Subgenre des deutschen Kriminalromans auch bekannt ist. Erstaunlicherweise erfreuen sich Regionalkrimis ja großer Beliebtheit, aber für mich gibt es kaum etwas Langweiligeres als Kriminalromane, bei denen man den Eindruck gewinnt, man läse eigentlich einen Reiseführer. Selbst wenn ich die Region kenne, in der der Schauplatz angesiedelt ist, reagiere ich auf Regionalkrimis ein wenig allergisch, weil die örtlichen Eigenheiten häufig viel zu sehr ins Zentrum gerückt werden und die eigentliche Krimihandlung dabei fast in Vergessenheit gerät. Gut recherchierte und authentische Schauplätze sind durchaus wichtig und machen auch Sinn, wenn sie für die erzählte Geschichte notwendig sind oder das Setting eine bestimmte Stimmung erzeugen soll, aber häufig zielt der Lokalkolorit nur darauf ab, dass der Leser – sei er nun Einheimischer oder Tourist – die ihm bekannten Örtlichkeiten wiedererkennt und sich Klischees über die schrulligen Eigenheiten der Bewohner einer bestimmten Region in den Köpfen festfressen. Mir gehen Krimis, in denen die eigentliche Handlung vor den örtlichen Gegebenheiten vollkommen in den Hintergrund rückt allerdings ziemlich auf die Nerven, weshalb ich um Bücher, die als Bodensee-, Eifel- oder Alpenkrimi beworben werden, einen großen Bogen mache. Sie sind schon ermüdend, falls man sich in der Region auskennt, aber wenn man noch nie an diesen Orten war, sind solche Krimis geradezu unlesbar. Da ich noch nie in Unna war, war ich also doch ein bisschen skeptisch. Glücklicherweise waren meine Bedenken bei Astrid Plötners Kriminalroman Todesgruß völlig unberechtigt. Auch wenn Einheimische und Kenner der Stadt Unna die Schauplätze, von denen im Buch die Rede ist, sicherlich wiedererkennen, muss man kein Insider sein, um sich die Örtlichkeiten vorzustellen. Diese liefern auch lediglich die Kulisse für die Romanhandlung. Die Geschichte würde auch in jeder anderen Kleinstadt funktionieren, denn im Zentrum des Romans stehen nicht die regionalen Gegebenheiten oder Eigentümlichkeiten der Stadtbewohner, sondern ein überaus spannender Kriminalfall, der sich überall zugetragen haben könnte.
Schon allein die Idee des Mörders, bei den Leichen einen letzten Gruß in Form eines Lebkuchenherzes zu hinterlassen, ist ja recht skurril und hat mir sehr gut gefallen. Warum tut ein Mörder so etwas? Wohl kaum, um seinen Opfern eine letzte Ehre zu erweisen. Die Lebkuchenherzen tragen die Aufschrift „Ein letzter Gruß, G.“, und so stellt sich natürlich die Frage, ob der Vor- oder Nachname des Täters wirklich mit G beginnt oder ob der Mörder die Ermittler damit auf eine falsche Spur lenken will? Vermutlich wird sich das jeder Leser fragen, weshalb Astrid Plötner eine ganze Reihe ihrer Romanfiguren mit Namen ausgestattet hat, die mit G beginnen – Guido, Gero, Grabowski, Gröning, Gieske… Sobald ein Protagonist mit dem verräterischen Buchstaben im Namen auftauchte, habe ich überlegt, ob er vielleicht für die Morde verantwortlich sein könnte.
Da es in diesem Kriminalroman von unsympathischen Protagonisten, denen man eine solche Tat durchaus zutrauen würde, ohnehin nur so wimmelt, hatte ich im Verlauf der Handlung aber nahezu jeden einmal im Verdacht, hinter den Morden zu stecken, denn auch Charaktere ohne ein verräterisches G im Namen, verhalten sich häufig verdächtig oder hätten ein plausibles Motiv. Somit wurde ich immer wieder auf die falsche Fährte gelockt, rätselte natürlich immer mit und war sehr gefesselt von diesem Buch, da ich ja wissen wollte, ob ich mit einer meiner Theorien vielleicht richtig liege.
Die Autorin hat alle Figuren ihres Romans, auch die Nebenfiguren, sehr präzise, authentisch und glaubwürdig ausgearbeitet. Der Leser begleitet nicht nur Maike Graf und ihre Kollegen bei den Ermittlungen, sondern wird in einem weiteren Handlungsstrang auch mit einem der Hauptverdächtigen, dem äußerst dubiosen Immobilienmakler Gero Krüger konfrontiert. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesen Mann mochte, aber er ist zweifellos der interessanteste Charakter dieses Romans. Er ist dem Alkohol sehr zugetan und hoch verschuldet, würde über Leichen gehen, um an Geld zu kommen und greift auch zu ungesetzlichen Methoden und verabscheuungswürdigen Druckmitteln, um seine Immobiliengeschäfte voranzutreiben. Besonders erfolgreich ist er dabei allerdings nicht und im Grunde ein bedauernswerter Versager. Wäre er nicht so skrupellos, könnte man fast ein wenig Mitleid mit dieser in jeder Hinsicht gescheiterten Existenz haben.
Die männlichen Kollegen von Hauptkommissarin Maike Graf, Max Teubner und Sören Reinders, waren mir sehr sympathisch. Ein kleiner Nebenstrang, in dem Kommissar Max Teubner von einem Jugendlichen verfolgt wird, war leider nicht besonders spannend, da mir sehr schnell klar war, warum es der junge Mann auf Teubner abgesehen hat, und ich war doch ein wenig erstaunt, dass er selbst so lange nicht dahinterkam. Nur mit Maike Graf wollte ich nicht so recht warm werden. Es ist zwar ganz erfrischend in einer Krimireihe eine Ermittlerfigur anzutreffen, die nicht latent depressiv, vollkommen verschroben oder schrullig ist, aber mir war sie fast ein wenig zu glatt und leblos. Ich fand es allerdings sehr rührend, wie sie ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellt, um sich um ihre pflegebedürftige Nachbarin zu kümmern, deren Sohn mit der Betreuung seiner Mutter vollkommen überfordert ist. Maike Graf hat im Grunde sehr positive und löbliche Charaktereigenschaften, ist selbstlos, arbeitet professionell, ist klug und besonnen, aber ein paar Ecken und Kanten, etwas mehr Temperament und Emotionalität hätten dieser Figur sicher gutgetan.
Doch auch wenn mir diese Hauptprotagonistin nicht so recht ans Herz wachsen wollte, hat mir Astrid Plötners Kriminalroman überaus gut gefallen. Überzeugt hat mich vor allem ihr Geschick, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken und einen gut durchdachten Plot zu konstruieren. Das Ende hat mich vollkommen überrascht, denn mit dieser Auflösung des Falls hätte ich niemals gerechnet. Sehr schön war, dass das Ende trotz aller Unvorhersehbarkeit, schlüssig, logisch und nicht überkonstruiert war.

Todesgruß ist ein spannender, intelligenter und wendungsreicher Kriminalroman, der zum Miträtseln einlädt und mich aufgrund seiner glaubwürdigen Figuren und eines raffinierten Plots überzeugen konnte. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf den nächsten Fall für Kommissarin Maike Graf und ihren Kollegen Max Teubner.

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐⭐⭐ (5 von 5 Sternchen)

Ich danke Astrid Plötner herzlich für das Rezensionsexemplar sowie den freundlichen Email-Kontakt und freue mich, dass ich ihren Kriminalroman Todesgruß lesen durfte!

Buchdetails:

Astrid Plötner: Todesgruß
Verlag: Gmeiner
Ersterscheinungsdatum: 06. Juli 2016
407 Seiten
ISBN 978-3-8392-1949-2

Cover: Gmeiner Verlag

Merken

Merken

Frisch eingetroffen

20160914_164939

In den letzten Tagen sind diese drei Thriller-Schätzchen bei mir eingezogen. Ich bin zwar ein Parallel-Leser, aber ich weiß trotzdem nicht, mit welchem Buch in nun zuerst anfangen soll. Schon lange fiebere ich dem zweiten Thriller von Melanie Raabe Die Wahrheit entgegen, aber gleichzeitig würde ich auch zu gerne ins isländische Hochland reisen, das für vier Freunde aus der Großstadt zu einem Ort des Grauens wird. Oder soll ich vielleicht doch lieber Im dunklen, dunklen Wald einen Junggesellinnenabschied mitfeiern, der sich zu einem mörderischen Alptraum entwickelt? Keine Sorge, ich habe durchaus auch andere Probleme, aber ich freue mich so auf diese drei Bücher.;-)

Herzlichen Dank an die Verlagsgruppe Random House und die dtv Verlagsgesellschaft für die Zusendung der Rezensionsexemplare!

Buchrezension: Tim Erzberg – Hell-Go-Land

tim-erzberg-hell-go-landInhalt:

Eigentlich wollte die Polizistin Anna Krüger nie mehr in ihre Heimat Helgoland zurückkehren. Sie ist auf der Nordseeinsel aufgewachsen, aber nachdem ihre Jugend von einem schrecklichen Ereignis überschattet wurde, hat sie Helgoland den Rücken gekehrt, alle Kontakte abgebrochen, sich in Hamburg ein neues Leben aufgebaut und wollte ihre traumatischen Erinnerungen für immer hinter sich lassen. Doch dann wird ihr die stellvertretende Leitung der Polizeidienststelle Helgoland angeboten – ein verlockendes Angebot, das eine so junge Polizistin mit wenig Berufserfahrung kaum ablehnen kann. Sie beschließt, die Stelle anzunehmen, sich den Dämonen ihrer Vergangenheit zu stellen und kehrt trotz aller Bedenken nach Helgoland zurück.
Bereits an ihrem ersten Arbeitstag erhält Anna ein rätselhaftes Päckchen mit makabrem Inhalt – ein menschlicher Daumen. Doch dabei lässt es der anonyme Absender nicht bewenden, denn schon kurz darauf erreichen sie mysteriöse Nachrichten und ein weiteres Paket mit einer blutigen Botschaft. Der Inhalt der Päckchen legt die Vermutung nahe, dass sich auf der Insel ein Mensch in akuter Lebensgefahr befindet oder vielleicht schon nicht mehr am Leben ist. Die Ermittlungsarbeit gestaltet sich allerdings sehr schwierig, denn die Insel ist aufgrund eines Sturms vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten, sodass Anna und ihre Kollegen nicht mit der Unterstützung vom Festland rechnen können. Da es auf dem kleinen, beschaulichen Eiland nur selten zu Gewaltdelikten kommt, verfügt der Polizeiposten auf Helgoland auch nicht über die notwendige kriminaltechnische Ausrüstung, um die Untersuchungen der Beweismittel durchzuführen.
Wer schickt Anna all diese blutigen Botschaften? Haben sie etwas mit den Geschehnissen in ihrer Vergangenheit zu tun? Es scheint, als ob sich jemand mit Anna ein grausames Spiel erlaubt und dafür sorgen will, dass ihre alten Wunden wieder aufreißen und sie ihren Erinnerungen niemals entfliehen kann.
Der Wettlauf mit der Zeit hat begonnen, denn wenn Anna und ihr Team den Täter nicht finden, wird bald ein Mensch sterben.

Meine persönliche Meinung:

Bei Tim Erzberg handelt es sich um das Pseudonym des Literaturagenten Thomas Montasser, der mit seinem Thriller Hell-Go-Land nun sein Debüt vorlegte. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, denn Thriller, die auf abgelegenen Inseln spielen, faszinieren mich ganz besonders, da es für mich kaum etwas Beklemmenderes gibt, als kleine, äußerlich begrenzte Orte, die ich nicht jederzeit verlassen kann. Allein das Setting dieses Thrillers löst bei mir also schon äußerst klaustrophobische Gefühle aus. Dabei bin ich mir sicher, dass die Insel Helgoland, die 70 Kilometer vom Festland entfernt in der Deutschen Bucht liegt und nur wenig mehr als tausend Einwohner zählt, landschaftlich wunderschön ist. Zu gerne würde ich die Strände, Felsenklippen, die Seehunde, Kegelrobben und Wasservögel einmal mit eigenen Augen sehen, aber man müsste mich schon narkotisieren, um mich auf Deutschlands einzige Hochseeinsel zu befördern, denn bereits die Anreisebedingungen, ob nun mit dem Schiff oder dem Flugzeug, treiben mir den Angstschweiß auf die Stirn und lösen in der Magengegend ein mulmiges Gefühl aus.
Die Geschichte Helgolands ist äußerst bewegt, wechselhaft und dramatisch. Der Titel des Buches Hell-Go-Land von Tim Erzberg geht im Übrigen auf die Engländer zurück, die die Insel so nannten, als sie am 18. April 1947 versuchten, Helgoland für immer von der Landkarte zu tilgen. Die Hochseeinsel war zum damaligen Zeitpunkt ohnehin schon weitgehend von Bombenangriffen zerstört worden und wurde bereits 1945 evakuiert. Zwei Jahre später sollten nun auch die militärischen Anlagen und das verbliebene unterirdische Bunkersystem gesprengt werden. Wider Erwarten hat Helgoland die bis dahin größte nichtatomare Sprengung überstanden, war aber jahrelang unbewohnbar. 1952 gaben die Engländer die Insel wieder an Deutschland zurück und Helgoland konnte wieder besiedelt werden. Die Südspitze der Insel wurde bei der Explosion allerdings zerstört, und noch heute zeugen unzählige Krater, die Mondlandschaften gleichen, von den Bombenabwürfen und der Sprengung. An jenem Tag im April 1947, der als Operation Big Bang in die Geschichte einging, bezeichneten die britischen Soldaten die Insel zynisch als Hell-Go-Land, als das Land, das zur Hölle fahren soll.
Auch die Polizistin Anna Krüger, die Hauptprotagonistin in Tim Erzbergs Thriller, verwendet diesen Begriff, denn sie gibt dem ersten Fall, in dem sie nach ihrer Rückkehr nach Helgoland ermittelt und der offensichtlich mit den traumatischen Erlebnissen in ihrer Jugend in Verbindung steht, den Namen Hell-Go-Land.
Inzwischen ist Helgoland ja ein beliebtes und sicherlich idyllisches Urlaubs- und Ausflugsziel. Nur ein kleiner, noch verbliebener Teil des unterirdischen Tunnelsystems, das auch in diesem Thriller eine Rolle spielt, erinnert an die dunklen Kapitel der Inselgeschichte. Dennoch hat sich der Autor alle Mühe gegeben, dem Schauplatz seines Buches eine möglichst unheilvolle Atmosphäre einzuhauchen. Als wäre die Enge dieser abgelegenen Hochseeinsel inmitten der Nordsee nicht schon beängstigend genug, tun die dunkle Jahreszeit und das stürmische, kalte Wetter noch ihr Übriges dazu, um eine äußerst düstere und beklemmende Stimmung zu erzeugen. Ein heftiger Orkan fegt über das Eiland, sodass keine Schiffe mehr fahren und auch der Flugverkehr eingestellt wurde. Die Polizei sieht sich zum Schutz der Bevölkerung sogar gezwungen, zeitweise eine Ausgangssperre zu verhängen, damit niemand von Sturmböen erfasst und in den Abgrund gerissen werden kann. Und während die Insel nahezu zwei Wochen vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten ist, es keine Möglichkeit zur Flucht und keine Aussicht auf Hilfe vom Festland gibt, treibt auf Helgoland ein brutaler Psychopath sein Unwesen, der einen Menschen gefangenhält, ihn grausam foltert und Anna immer wieder blutige Botschaften zukommen lässt.
Vor jedem Kapitel befinden sich kurze Ausschnitte aus den Gesprächen zwischen dem unbekannten Täter und der Person, die er gefangenhält. In diesen Passagen erhält der Leser sehr verstörende Einblicke in die ausweglose Lage des Opfers, das nicht weiß, warum es gefangengehalten und gequält wird. Und man ahnt, dass die Zeit drängt, denn wenn es Anna und ihrem Team nicht gelingt, den Täter ausfindig zu machen, wird seine Geisel diese Folterungen nicht überleben.
Schon zu Beginn des Buches liegt die Verdacht nahe, dass all diese Geschehnisse nicht nur mit Annas Rückkehr nach Helgoland, sondern auch mit den Ereignissen in ihrer Vergangenheit zusammenhängen. Allerdings weiß man zunächst nicht, was in Annas Jugend vorgefallen ist. Der Leser begleitet die Hauptprotagonistin nun bei ihren recht mühsamen Ermittlungen, die durch das Wetter, die Abgeschnittenheit von der Außenwelt und auch durch Annas quälende Migräne erschwert werden, während die Zeit unaufhaltsam verrinnt und die Chancen, das Opfer lebend zu finden, immer geringer werden.
Im Mittelpunkt eines zweiten Handlungsstrangs steht Katarina Loos, die als Putzfrau bei Dr. Strecker, dem ortsansässigen Arzt, arbeitet. Eigentlich lebt sie auf dem Festland, aber da die Fährverbindung aufgrund des stürmischen Wetters eingestellt wurde, ist sie gezwungen, auf der Insel und im Haus ihres Chefs zu bleiben. Es war ihr schon immer eigenartig vorgekommen, dass die Frau ihres Arbeitgebers vor einigen Jahren plötzlich verschwunden ist, aber als sie nun in der Wäsche eine blutverschmierte Socke findet und im Keller eine sehr verstörende Entdeckung macht, ist sie sicher, dass Dr. Strecker ein dunkles Geheimnis hütet.
Am Ende dieses Thrillers laufen beide Handlungsstränge schlüssig zusammen. Zugegebenermaßen hatte ich irgendwann eine Ahnung, was Anna in ihrer Jugend zugestoßen sein mag, obwohl die Ereignisse ihrer Vergangenheit erst am Ende enthüllt werden. Die Auflösung des Falls und die Identität des Täters haben mich dann aber doch noch sehr überrascht. Der Täter befindet sich logischerweise in einem recht überschaubaren Personenkreis auf der Insel. Der Verdacht wird auf verschiedene Protagonisten gelenkt und der Leser immer wieder auf die falsche Fährte gelockt. Der Plot ist stimmig, schlüssig und fesselnd, allerdings nicht besonders originell, aber die Spannung dieses Thrillers beruht auch weniger auf der Geschichte, sondern vielmehr auf der beklemmenden und düsteren Atmosphäre und dem nervenaufreibenden Wettlauf mit der Zeit.
Es fiel mir leider ein wenig schwer, mit Anna mitzufiebern, denn sie ist etwas unnahbar und wollte mir deshalb nicht so recht ans Herz wachsen. Als ich am Ende erfuhr, was sie in ihrer Jugend erlebt hatte und mit welchen Erinnerungen sie zu kämpfen hat, war ich erschüttert, aber häufig wirkte sie etwas kühl, handelte auch ziemlich unvernünftig und auch im Nachhinein nicht gerade nachvollziehbar. Katarina Loos hingegen ging mir fast schon auf die Nerven. Die Neugierde, mit der sie das Privatleben ihres Arbeitgebers durchschnüffelt und die Methoden, die sie anwendet um seine Geheimnisse aufzudecken, sind schon ein wenig fragwürdig. Alle anderen Protagonisten blieben mir seltsam fremd, was aber durchaus Sinn macht, denn dadurch gelingt es dem Autor, den Verdacht immer wieder auf eine andere Person zu lenken.
Mir hat Tim Erzbergs Debüt Hell-Go-Land wirklich sehr gut gefallen und eine schlaflose Nacht mit spannenden Lesestunden bereitet, denn ich konnte diesen temporeichen Thriller kaum aus der Hand legen. Der Schreibstil des Autors ließ sich sehr flüssig und angenehm lesen. Besonders fasziniert hat mich vor allem das beklemmende Setting und die düstere, bedrückende und wirklich klaustrophobische Stimmung, die der Autor ganz hervorragend vermittelt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Tim Erzberg: Hell-Go-Land
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 22. August 2016
400 Seiten
ISBN 978-3-959-67046-3

Cover: Verlag HarperCollins

Merken

Merken

Merken

Mein Monatsrückblick August 2016

Gelesen:

Im Juli hatte ich ja kein besonders glückliches Händchen bei meiner Buchauswahl, konnte gleich zwei totale Leseflops verbuchen und nur mit viel Mühe überhaupt eines meiner gelesenen Bücher zum Lesehighlight des Monats küren.
Es konnte im August also nur besser werden, was es glücklicherweise auch wurde. Wenn man zu Büchern von Joy Fielding, Stephen King und Zoran Drvenkar greift, kann natürlich nicht allzu viel schiefgehen, aber ich habe im August auch zwei Debütromane sowie ein Buch einer mir bislang unbekannten Autorin gelesen, und da kann man ja nie wissen, was auf einen zukommt, auch wenn die Klappentexte vielversprechend klingen.

Ich habe im vergangenen Monat sechs Bücher gelesen – das waren 2383 Seiten, also ca. 77 Seiten pro Tag (mit einem Klick auf das Cover oder den Buchtitel gelangt Ihr zu meinen Rezensionen; die noch ausstehenden Rezensionen folgen in den nächsten Tagen)

Ausnahmslos alle Bücher, die ich im August gelesen habe, waren so unglaublich gut, dass ich kaum etwas zu meckern hatte und es mir nun recht schwerfiel, mich auf nur ein einziges Lesehighlight des Monats festzulegen.

Wendy Walker - Nichts ist je vergessenIch habe mich letztendlich für Dark Memories – Nichts ist je vergessen von Wendy Walker entschieden, denn bei diesem Buch hat für mich einfach alles gestimmt – die Spannung, die Erzählweise, die Protagonisten und vor allem die interessante Thematik. Die Autorin hat sich in ihrem Debütroman sehr intensiv mit Gedächtnisfoschung und Traumatherapien auseinandergesetzt, diese Themen in eine raffinierte und spannende Romanhandlung eingebettet und mich deshalb in jeglicher Hinsicht überzeugt.

Zoran Drvenkar - Sorry

Würde sich meine Bewertung vor allem nach sprachlichen und stilistischen Kriterien richten, wäre jedoch Zoran Drvenkars Sorry mein Lesehighlight des Monats geworden. Drvenkars Sprache ist einfach wunderbar – knapp, aber sehr eindringlich, manchmal geradezu poetisch und entwickelt einen ungeheueren Sog. Sein Erzählstil ist sehr außergewöhnlich, sein raffiniertes Spiel mit verschiedenen Erzählperspektiven geradezu verstörend. Thematisch verlangt Drvenkar seinen Lesern allerdings einiges ab, auch Sorry ist nichts für zartbesaitete Gemüter, aber ein sehr kunstvoller und innovativer Thriller, der unter die Haut geht. (meine Rezension zu Sorry kommt in den nächsten Tagen)

Dass Stephen King ein grandioser Erzähler ist, ist nichts Neues, aber in Joyland zeigt er sich von seiner ruhiger und feinfühligen Seite und beweist, dass er eben nicht nur der „Meister des Grauens“ ist, sondern auch sehr tiefgründige und berührende Romane schreiben kann, die ohne gruselige Schreckensmomente auskommen.

 

tim-erzberg-hell-go-landTim Erzbergs Debüt Hell-Go-Land hat mich eine schlaflose Nacht gekostet, weil ich es einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte und unbedingt wissen musste, wie dieser spannungsgeladene Thriller endet. Dieses Buch hat mich überaus positiv überrascht. Müsste ich den Thriller mit dem klaustrophobischsten Schauplatz und der beklemmendsten Atmosphäre nennen, fiele meine Wahl wohl auf Hell-Go-Land. (auch hier folgt meine Rezension in den nächsten Tagen)

Die Schwester von Joy FieldingJoy Fielding hat mit Die Schwester wieder einmal bewiesen, dass sie ihr Handwerk versteht, denn sie liefert eigentlich recht zuverlässig immer sehr solide Thriller ab, die sich flüssig und leicht weglesen lassen und einfach spannend sind.

 

 

Mary Kubica - Pretty BabyBei meiner Bewertung von Mary Kubicas Pretty Baby musste ich allerdings ein Sternchen abziehen, weil der Einstieg in dieses Buch doch etwas langatmig war, aber ansonsten hat es mir sehr gut gefallen und lieferte sehr verstörende Einblicke in menschliche Abgründe und Schicksale.

 

Alle, die in meinem Monatsrückblick nun die Rubriken Gehört und Gesehen vermissen, muss ich leider enttäuschen, denn ich habe im August selten Musik gehört und bin immer noch beleidigt und sauer, dass es mit Game of Thrones erst im kommenden Jahr und mit Downton Abbey gar nicht mehr weitergeht. Alle Versuche, in eine neue Serie einzusteigen, sind gescheitert, weil mir keine so recht gefallen wollte und mir in den Sommermonaten ohnehin selten der Sinn nach der Flimmerkiste steht. Das wird sich vermutlich wieder ändern, wenn die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, aber momentan verbringe ich meine Zeit lieber mit Lesen und Schreiben.

Merken

Merken

Merken

Merken

Buchrezension: Stephen King – Joyland

Inhalt:

Um sein Studium zu finanzieren, beschließt der einundzwanzigjährige Devin Jones, während der Semesterferien in dem etwas heruntergekommenen Vergnügungspark Joyland an der Küste von North Carolina zu arbeiten. Als ihm seine große Liebe Wendy kurz darauf in einem Brief mitteilt, dass sie sich von ihm trennen möchte, weil sie einen anderen Mann kennengelernt hat, ist Devin am Boden zerstört. Es kommt ihm sehr gelegen, dass er in Joyland sehr hart arbeiten muss und nur wenig Zeit zum Nachdenken hat, denn sonst könnte er diese schmerzvolle Trennung kaum verkraften. Von früh bis spät verkauft er Eintrittskarten, Popcorn und Hotdogs, reinigt und repariert die Fahrgeschäfte oder schlüpft in ein schweißtreibendes Hundekostüm und zaubert als Howie the Happy Hound, das Maskottchen von Joyland, den kleinen Besuchern ein begeistertes Lächeln auf die Lippen.
Auf dem Weg zur Arbeit kommt Devin jeden Tag an einer Villa am Strand vorbei und macht dort die Bekanntschaft mit Annie und ihrem behinderten Sohn Mike. Die hübsche junge Frau verhält sich sehr abweisend, aber mit dem todkranken Mike schließt er schnell Freundschaft.
Devin fühlt sich wohl in Joyland, findet Gefallen am Schaustellergewerbe, hat neue Freunde gefunden und beschließt deshalb, sein Studium für ein Semester auf Eis zu legen und länger als ursprünglich geplant in Joyland zu bleiben.
Allerdings liegt ein dunkler Schatten auf dem Vergnügungspark, denn vier Jahre zuvor hatte sich dort ein grausamer Mord zugetragen. Der unbekannte Mörder, der bislang nicht gefasst werden konnte, hatte einer jungen Frau während der Fahrt mit der Geisterbahn die Kehle durchgeschnitten und sie dann achtlos neben das Gleis geworfen – erst Stunden später wurde ihre Leiche gefunden. Seitdem soll es in der Geisterbahn spuken, denn einige Zeugen wollen das Mädchen nach ihrem Tod dort gesehen haben – in dem Kleid, das sie am Tag ihrer Ermordung trug, und mit einem blauen Haarreif. Es scheint, als habe der Geist der toten Linda Gray keine Ruhe gefunden. Obwohl Devin eigentlich nicht an solche Geistergeschichten glaubt, interessiert er sich für den ungeklärten Mordfall und stellt eigene Nachforschungen an – nichtsahnend, dass er sich damit in große Gefahr begibt.

Meine persönliche Meinung:

Mein erstes Buch von Stephen King habe ich vor mehr als fünfundzwanzig Jahren gelesen – Friedhof der Kuscheltiere, ein großartiger Roman, der auch recht gut verfilmt wurde. Danach hatte ich eine sehr lange und äußerst intensive Phase, in der ich die Romane des Autors nacheinander verschlungen habe, auch wenn mich zugegebenermaßen nicht alle überzeugen konnten. Irgendwann habe ich King allerdings etwas aus den Augen verloren, nur noch selten zu seinen Büchern gegriffen, aber dennoch kann ich behaupten, dass er meine Lesekarriere entscheidend geprägt hat. Damals, vor fünfundzwanzig Jahren, hätte ich allerdings niemals zugegeben, dass ich Stephen Kings Bücher liebe, denn sie galten als Schundromane, standen eher hinten im Bücherregal, und dass sie millionenfach verkauft und erfolgreich verfilmt wurden, änderte nichts daran, dass der Autor ziemlich verpönt war. Inzwischen hat sich das geändert, auch das Feuilleton nimmt Stephen Kings literarisches Schaffen allmählich ernst und hat erkannt, dass dieser Autor weitaus mehr kann, als nur spannende Romane zu schreiben, die sich gut verkaufen lassen. Dass King so lange unterschätzt wurde, liegt vermutlich an dem Genre, in dem er sich überwiegend bewegt, denn Horrorromane gelten nach wie vor als trivial, obwohl sie sich überwiegend mit geradezu philosophischen und sehr tiefgründigen Themen beschäftigen, denn den Tod, die Angst, das Böse oder endzeitliche Szenarien würde ich keineswegs als trivial bezeichnen. Dass diesem Genre ein so negativer Ruf anhaftet, liegt sicher vor allem daran, dass diese Themen von einigen Horrorautoren furchtbar schlecht und platt umgesetzt werden, denn blankes Gemetzel und blutgierige Monster allein machen eben noch lange keinen guten Roman und sind einfach nur nichtssagend. Stephen King dagegen versteht es, das Grauen in all seinen Facetten perfekt zu inszenieren, Figuren zu erschaffen, die im Gedächtnis bleiben und auch literarisch durchaus zu überzeugen. Ich würde ihn jedenfalls als einen der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller bezeichnen, nicht nur, weil er einer der produktivsten und erfolgreichsten ist, sondern weil er in erster Linie ein brillanter Erzähler ist.
Doch nicht überall, wo „King“ draufsteht, ist auch Horror drin, denn dass der „Meister des Grauens“ sich auch durchaus auch auf die leisen Töne versteht und sehr gefühlvolle und tiefgründige Geschichten erzählen kann, hat er bereits in Dolores eindrucksvoll gezeigt und stellt er nun auch in Joyland wieder unter Beweis.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive des inzwischen über sechzig Jahre alten Hauptprotagonisten Devin erzählt. Rückblickend erinnert er sich an das Jahr 1973, als seine große Liebe Wendy ihm das Herz gebrochen hatte und er im Vergnügungspark Joyland arbeitet, um über den Trennungsschmerz hinwegzukommen. Stephen King hat seinen Hauptprotagonisten sehr fein und einfühlsam gezeichnet und nimmt sich Zeit, diese Figur präzise zu entwickeln. Ich mochte Devin von der ersten Seite an, nicht nur den jungen Devin, der an seinem ersten Liebeskummer fast zerbricht, sondern auch den Devin, der nun im Rentenalter einen nostalgischen Blick in die Vergangenheit wirft – mit ein bisschen Wehmut, aber auch mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen. Devin ist mir sofort ans Herz gewachsen, denn er ist ein sehr feinfühliger und gutherziger junger Mann. Seine Freundschaft mit Mike, einem todkranken Kind, das weiß, dass es nicht mehr lange zu leben hat, hat mich wirklich zu Tränen gerührt, und auch die zarte neue Liebe, die sich im Verlauf dieses Sommers bei ihm anbahnt, wird überaus sensibel, aber keineswegs kitschig dargestellt.
Anders als erwartet, handelt es sich bei Joyland nicht um einen Horrorroman, sondern in erster Linie um einen sehr emotionalen Roman vom Erwachsenwerden. Sehr einfühlsam erzählt King wie der junge Student Devin in jenem Sommer des Jahres 1973 seine Kindheit allmählich hinter sich lässt, seine Unschuld verliert, seine erste und sehr bewegende Erfahrung mit dem Tod macht und zum Mann wird.
Außerdem ist Joyland eine raffiniert gestrickte Kriminalgeschichte mit Thrillerelementen. Devins Suche nach dem Mörder der vier Jahre zuvor ermordeten Linda Gray ist überaus spannend, wendungsreich und endet plausibel mit einem überraschenden Showdown.
Die Gruselatmosphäre, die man sonst von Kings Romanen kennt, kommt hingegen ein wenig zu kurz, denn die spärlichen Horrorelemente werden viel zu selten eingesetzt, um dem Leser einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Ich-Erzähler nie selbst mit diesen übersinnlichen Phänomenen in Berührung kommt, ihm der Geist des ermordeten Mädchens in der Geisterbahn nie begegnet, sondern ihm nur davon berichtet wird. Das Böse tritt auch nicht in Form eines blutrünstigen Monsters, sondern in realer Menschengestalt in Erscheinung, was die Geschichte trotz der phantastischen Elemente realistisch und bodenständig erscheinen lässt.
Der Schauplatz der Handlung hat mir sehr gut gefallen, denn dem Autor ist es gelungen, die Rummelplatzatmosphäre und den Charme dieses etwas heruntergekommenen Vergnügungsparks perfekt einzufangen.
Leser, die vom „Meister des Grauens“ die gewohnten schaurigen Momente und Horrorszenen erwarten, werden von Joyland vermutlich enttäuscht sein. Mich hingegen hat es fasziniert, Stephen King von seiner eher leisen und tiefgründigen Seite kennenzulernen. Der Autor hat in diesem Roman jedenfalls bewiesen, dass er den Leser auch mit ruhigen Erzählungen und ohne Schreckensmomente fesseln kann, wobei die eigentlichen Stärken dieses Romans nicht im Spannungsaufbau, sondern vor allem in der Figurenzeichnung liegen.
Joyland ist kein Horrorroman, aber eine überaus gelungene Mischung aus Coming-of-Age-Roman und Thriller. Ein großartiges Buch eines brillanten Erzählers!

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐⭐⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Stephen King: Joyland
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 17. Juni 2013
368 Seiten
ISBN 978-3-453-43795-1

Cover: Heyne Verlag

Merken

Liebster Blog-Award

  • Verlinke denjenigen der dich nominiert hat
  • Poste das Emblem/Logo auf dem jeweiligen Artikel
  • Beantworte die Fragen die dir gestellt wurden
  • Poste auch die Regeln auf deinem Blog, damit deine Nominierten Bescheid wissen
  • Stelle 11 Fragen an deine Nominierten
  • Nominiere deine Favoriten

Und nun zu den Fragen, die mir Luna gestellt hat:

1. Was hat dich am Bloggen am meisten interessiert?

Zwei Hobbys und Leidenschaften begleiten mich bereits durch mein ganzes Leben – Lesen und Schreiben. In den letzten Jahren habe ich beides vollkommen vernachlässigt, weil mir einfach die Zeit und Muße fehlten und ich meine eigenen Ziele und Bedürfnisse weitgehend aus den Augen verloren habe. Seit November letzten Jahres habe ich nun Zeit im Überfluss und einen unstillbaren Nachholbedarf. Meine beiden Hobbys sind ja recht einsame Angelegenheiten, aber das kommt meinem derzeitigen Wunsch nach Rückzug und dem Bedürfnis, alleine sein zu wollen, sehr entgegen. Trotzdem fehlte mir der Austausch, und so beschloss ich im Dezember letzten Jahres, diesen Blog ins Leben zu rufen. Ehrlich gesagt, habe ich nicht damit gerechnet, dass sich jemand für meine Meinung und meine Gedanken interessiert, aber schon nach kurzer Zeit bekam ich viel positives Feedback. Nach wie vor freue ich mich über jeden Kommentar unter meinen Beiträgen, über jeden neuen Abonnenten meines Blogs und über jede Email, die mich erreicht. Dieser Austausch ist mir sehr wichtig und nur so macht das Bloggen auch Spaß. Obwohl mein Blog bislang ein reiner Bücherblog ist, wollte ich eigentlich auch meine eigenen literarischen Ergüsse hier zum Besten geben, um herauszufinden, wie meine Texte beim Leser ankommen. Im Moment scheue ich mich allerdings noch ein wenig davor, finde mein eigenes Schreiben noch zu unausgereift und meine Geschichten zu persönlich, um die ganze Welt daran teilhaben zu lassen. Vielleicht ändert sich das bald, denn ich habe fest vor, diesbezüglich mutiger zu werden, aber im Moment beschränke mich erstmal darauf, meine Meinung zu den Büchern anderer abzugeben, bevor ich mich selbst der Kritik stelle😉

2. Welche Lebenslage/Situation magst du überhaupt nicht?

Warten ist etwas, was mir furchtbar auf die Nerven geht. Ob ich nun im Supermarkt an der Kasse anstehen muss oder in einem Stau feststecke – Warten macht mich wahnsinnig! Es wird ja immer über Rentner gelästert, weil sie generell etwas zur Ungeduld neigen und nicht gerne warten, aber ich kann das voll und ganz verstehen, denn je älter ich werde, umso ungeduldiger werde ich. In meiner Jugend war ich die Geduld in Person, aber wenn man sich der Endlichkeit seines Lebens erstmal bewusst wird – und je älter man wird, desto deutlicher tritt sie vor Augen – ist sinnloses Rumstehen oder Rumsitzen einfach eine Qual und nicht anderes als das Vergeuden wertvoller und vor allem endlicher Lebenszeit.

3. Wenn du ein Tier wärst, welches würdest du gar nicht sein wollen und warum?

Katzen sind meine absoluten Lieblingstiere, aber obwohl ich Katzen liebe, möchte ich selbst keine sein. Ich denke, wenn ich die Wahl hätte, wäre ich lieber ein Vogel, am liebsten eine Krähe. Krähen sind klug und weise, schön sind sie auch, aber vor allem können sie sich recht gut durchsetzen, sind frei und können fliegen.

4. Was war die lustigste/merkwürdigste Situation, die du in Bezug auf das Bloggen erlebt hast?

Ich möchte jetzt niemanden beleidigen, aber die wirklich abgefahrenste Email bekam ich von einer mir unbekannten Dame, die mehrfach versucht hatte, sich auf meinem Blog einzuloggen, um einen eigenen Beitrag zu schreiben. Sie war etwas erbost, weil sie zig Benutzernamen und Passwörter ausprobiert hatte und dieses böse WordPress keines davon akzeptieren wollte (dem Himmel sei Dank!). Ich dachte, ich hätte sie falsch verstanden und erklärte ihr, wie sie die Kommentarfunktion nutzen kann. Ihre zweite Email war dann immerhin freundlicher, aber sie meinte, sie will meine Beiträge nicht kommentieren, sondern eigene schreiben – auf meinem Blog!😯 Nun ja, nichts gegen Gastbeiträge, aber es wäre schon nett, wenn ich die Person kennen würde, man mich vorher nett fragt und verwies sie deshalb lieber an diverse Bücher-Foren, in denen sie sich austoben kann. Sachen gibt’s…!

5. Wenn du irgendwohin reisen könntest, was wäre dein erstes Ziel?

Ich würde sehr gerne an die schottische Atlantikküste reisen. Ich war noch nie dort, würde das alles aber sehr gerne einmal sehen – die raue Landschaft, die schroffen Berge, die steilen Felsenküsten und all die geheimnisvollen Burgen.

6. Welche Geschmacksrichtung ist dir die liebste?

Süß, definitiv süß, was man mir leider auch übergebührlich ansieht. Ich mache mir zwar nichts aus Schokolade, Gummibärchen oder Schokoriegeln, aber ich liebe süße Getränke, bin süchtig nach Cola und mache jeden Tee oder Kaffee zu einem sirupähnlichen Gebräu.

7. Was magst du an anderen Menschen besonders?

Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Authentizität und Toleranz

8. Und gleich zum Gegenteil, was kannst du an anderen gar nicht ausstehen?

Ich hasse es, angelogen zu werden und verabscheue nichts mehr als Heuchelei, Falschheit und Scheinheiligkeit. Man darf mir immer gerne sagen, was man von mir hält, aber ich hasse es, wenn man mich zusäuselt und umgarnt, weil man irgendetwas von mir will, mich aber fallenlässt, sobald man es hat oder hinter meinem Rücken schlecht über mich redet. Außerdem mag ich es nicht, wenn Menschen ihre Versprechen nicht halten. Mir gehen Versprechen nur äußerst schwer über die Lippen, aber wenn ich mich überwinde, etwas zu versprechen, dann halte ich es auch. Es wäre jedenfalls schön, wenn jeder erstmal sein Hirn einschalten würde und sich Gedanken macht, ob er das, was er verspricht, überhaupt halten kann und will.

9. Wie hältst du Erinnerungen am liebsten fest?

Obwohl Fotografieren eine sehr schöne Sache ist, halte ich Erinnerungen und Eindrücke lieber schriftlich fest und schreibe alles auf, was ich erlebt und gesehen habe. Nicht unbedingt in Form eines klassischen Tagebuchs, denn es passiert nicht jeden Tag etwas, an das man sich erinnern will und muss, aber was mir wichtig erscheint, halte ich gerne schriftlich fest.

10. Wie sieht dein perfekter Abend aus?

Mein letzter perfekter Abend liegt nun fast auf den Tag genau ein Jahr zurück. Im Nachhinein betrachtet, wünschte ich, es hätte diesen Abend nie gegeben und habe deshalb inzwischen keine Vorstellung mehr von einem perfekten Abend. Im Moment ist ein Abend für mich perfekt, wenn ich alleine auf meinem Sofa sitze, ein spannendes Buch lese, ein gutes Gläschen Wein trinke und meine Ruhe habe.

11. Hast du Ziele für die Zukunft?

In meiner jetzigen Situation ist das eine sehr schwierige Frage, da sich meine bisherigen Ziele in Luft aufgelöst haben und ich noch immer Mühe habe, neue Ziele festzulegen. Dennoch habe ich natürlich Ziele, denn ohne ein Ziel macht das Leben recht wenig Sinn. Mein oberstes Ziel ist es, das zu tun, was ich eigentlich schon immer wollte und für ziemlich utopisch hielt – ein Buch schreiben. Ich arbeite auch schon daran, schreibe schon seit einigen Monaten fleißig und hoffe, dass ich den Mut finde, es irgendwann zu veröffentlichen.


Ich möchte gerne drei ziemlich neue Blogs nominieren, die ich erst kürzlich entdeckt habe und die Ihr Euch unbedingt anschauen solltet, wenn Ihr Euch für Bücher interessiert:

Nessis Bücherblog

Bookish Beauties

umgeBUCHt

Hier meine Fragen an die drei Nominierten:

  1. Wenn es eine Zeitmaschine gäbe, mit der Du für ein paar Tage in die Zukunft oder die Vergangenheit reisen könntest – in welche Zeit würdest Du gerne reisen und warum?
  2. Wobei kannst Du am besten entspannen und den Stress des Alltags vergessen?
  3. Welches Buch oder welcher Film hat Dich zuletzt zum Weinen gebracht?
  4. Welcher Buch oder welcher Film hat Dich zuletzt zum Lachen gebracht?
  5. Ist es Dir wichtig, den Hauptprotagonisten eines Buches sympathisch zu finden?
  6. Über welches Talent würdest Du gerne verfügen?
  7. Welchen lebenden oder bereits verstorbenen Prominenten würdest Du gerne interviewen und welche Frage würdest Du ihm am liebsten stellen?
  8. Gibt es ein Buch, auf das Du Dich ganz besonders gefreut hast und von dem Du dann sehr enttäuscht warst? Wenn ja, welches?
  9. Welchen Traum möchtest Du Dir unbedingt erfüllen?
  10. Was bringt Dich richtig zum Lachen?
  11. Über welches Thema könntest Du stundenlang reden oder auch bloggen?

Ich wünsche den Nominierten viel Spaß bei der Beantwortung meiner Fragen! Fühlt Euch zu nichts verpflichtet😉

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im September 2016

Ich habe wieder fleißig die Verlagsvorschauen durchstöbert und bin dabei auf so viele interessante und spannende Bücher gestoßen, die im kommenden Monat erscheinen werden, dass meine Wunschliste bald aus allen Nähten platzt und ich gar nicht weiß, welches ich mir zuerst vornehmen soll.

Ich bin sicher nicht die Einzige, die es kaum erwarten kann, dass im September nun endlich der langersehnte fünfte Band der Smoky-Barrett-Reihe von Cody McFadyen erscheint. Offenbar war der Autor schwer erkrankt, weshalb der Erscheinungstermin immer wieder verschoben werden musste. Schön, dass es Cody McFadyen wieder besser geht, denn ich liebe seine Bücher und freue mich, dass Smoky Barrett nun zurückkehrt. Diese Thriller-Reihe ist nichts für Zartbesaitete, und wenn man den Klappentext von Die Stille vor dem Tod liest, kann man sicher sein, dass es auch in diesem Buch wieder richtig heftig zur Sache geht.

Cody McFadyen - Die Stille vor dem TodSmoky Barrett ist zurück
An einem kalten Oktobertag werden Smoky Barrett und ihr Team nach Denver, Colorado, gerufen. Im Haus der Familie Wilton ist Schreckliches geschehen: Die gesamte fünfköpfige Familie wurde ermordet, und der Täter hat durch eine mit Blut geschriebene Botschaft Smoky mit der Lösung des Falles beauftragt. Doch das Unheil ist weit größer, denn die Wiltons sind nicht die einzigen Opfer. Insgesamt drei Familien wurden in der gleichen Nacht und in unmittelbarer Nähe voneinander getötet. „Komm und lerne“, lautet die Botschaft an Smoky. Es wird ein grausamer Lernprozess, das Böse in seiner reinsten Form, in seiner tiefsten Abgründigkeit  zu spüren. Smoky gelangt an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Und weit darüber hinaus. (Klappentext Bastei Lübbe)



Cody McFadyen – Die Stille vor dem Tod
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungstermin: 26. September 2016
Hardcover – 477 Seiten – 22,90 €
ISBN 978-3-7857-2566-5


Weniger blutig und grausam, aber nicht minder spannend sind die Bücher von Charlotte Link. Ich habe jeden Roman der Autorin gelesen, fand alle unglaublich fesselnd, halte sie für eine großartige Erzählerin und fiebere jedem neuen Buch von ihr entgegen.

Die Entscheidung von Charlotte LinkWas, wenn du im falschen Moment die falsche Entscheidung triffst?

Eigentlich will Simon mit seinen beiden Kindern in Südfrankreich ein ruhiges Weihnachtsfest feiern. Doch dann kommt alles ganz anders: Die Kinder sagen ihm kurzfristig ab, seine Freundin gibt ihm den Laufpass, und auf einem Strandspaziergang begegnet er einer jungen, völlig verwahrlosten Frau: Nathalie, die weder Geld, Papiere noch eine Unterkunft hat, die fürchterlich abgemagert und hochgradig verängstigt ist. Sie tut ihm leid, und er bietet ihr seine Hilfe an. Nicht ahnend, dass er durch diese Entscheidung in eine mörderische Geschichte hineingezogen wird, deren Spuren bis nach Bulgarien führen. Und zu Selina, einem jungen Mädchen, das ein besseres Leben suchte und in die Hände skrupelloser Verbrecher geriet. Ihr gelingt die Flucht, doch damit löst sie eine Kette von Verwicklungen aus, die Simon und Nathalie, tausende Kilometer entfernt, in der Provence zum Verhängnis werden … (Klappentext Blanvalet)

Charlotte Link – Die Entscheidung
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungstermin: 05. September 2016
Hardcover – 576 Seiten – 22,99 €
ISBN 978-3-7645-0441-0


Als ich den Klappentext von Hochland von Steinar Bragi gelesen hatte, wusste ich – dieses Buch MUSS ich einfach lesen. Die Leseprobe habe ich mir auch schon zu Gemüte geführt und bin sicher, dass dies ein Buch ganz nach meinem Geschmack sein wird.

Hochland von Steinar Bragi

Sie hatten das Gefühl, dass jemand draußen auf sie wartete, in der Dunkelheit ihre Namen flüsterte …

Zwei junge Paare aus Reykjavík machen mit ihrem Jeep einen Ausflug in die raue, menschenfeindliche Bergwelt des isländischen Hochlands. Dichter Nebel zieht auf, sie kommen vom Weg ab und rammen ein Haus, das in der Einöde plötzlich wie aus dem Nichts vor ihnen aufragt. Notgedrungen müssen sie die Nacht dort verbringen. Ihr Amüsement über das ungeplante Abenteuer verwandelt sich schon bald in Unbehagen, denn ihre Gastgeber, ein verschrobenes altes Paar, benehmen sich sehr merkwürdig: Warum verbarrikadieren sie das Haus bei Einbruch der Dunkelheit wie eine Festung? Was lauert dort draußen in der Sandwüste? Und wieso haben sie so wenig Interesse daran, ihren Gästen zu helfen? Zunehmend panisch geraten die Städter miteinander in Streit, und ihre Versuche, den Weg zurück in die Zivilisation zu finden, werden immer verzweifelter. Gibt es ein Entrinnen? (Klappentext DVA)

Steinar Bragi – Hochland
Verlag: DVA
Ersterscheinungstermin: 12. September 2016
Klappenbroschur – 304 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-421-04697-0


Strobel und Poznanski - anonymDu verabscheust deinen Nachbarn? Du hast eine offene Rechnung mit deiner Ex-Frau? Du wünschst deinem Chef den Tod? Dann setze ihn auf unsere Liste und warte, ob die anderen User für ihn voten. Aber überlege es dir gut, denn manchmal werden Wünsche wahr…

Es ist der erste gemeinsame Fall von Kommissar Daniel Buchholz und seiner Kollegin Nina Salomon, und er führt sie auf die Spur des geheimnisvollen Internetforums „Morituri“. Dort können die Mitglieder Kandidaten aufstellen und dann für sie abstimmen. Dem Gewinner winkt der Tod. Aber das Internet ist unendlich, die Nutzer schwer zu fassen. Nur der Tod ist ausgesprochen real, und er ist näher, als Buchholz und Salomon glauben… (Klappentext Wunderlich)

Ursula Poznanski; Arno Strobel – Anonym
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungstermin: 21. September 2016
Hardcover – 384 Seiten – 19,95 €
ISBN 978-3-8052-5085-6


Christine Eichel - Der Rache süßer AtemAbgründig, weiblich – tödlich

Immer wieder hat Maria auf die große Liebe gehofft, auf den Mann fürs Leben und das lang ersehnte Kind. Stattdessen erlebte sie Rücksichtslosigkeit, Lüge, Betrug. Als auch Tom sie hintergeht, ihre letzte Hoffnung auf glückliche Zweisamkeit, bricht Maria aus der Opferrolle aus. Schluss mit der Demut! Erbittert rechnet sie ab und nimmt blutige Rache. Ganz oben auf ihrer Liste steht Johannes, der ihre intimsten Geheimnisse preisgegeben hat. Ihm folgen sechs weitere Kandidaten, denen sie Verletzung und Verrat heimzahlen will. Doch dann heftet sich Hauptkommissar Tesoro an ihre Fersen, und ein gefährliches Spiel beginnt.

Ein hochspannender Roman über eine Frau, die die Männer das Fürchten lehrt. (Klappentext Rütten & Loening)

Verlag: Rütten & Loening
Ersterscheinungstermin: 19. September 2016
Hardcover – 304 Seiten – 16,99 €

ISBN 978-3-352-00667-8


Ruth Ware - Im dunklen dunklen WaldEine bizarre Junggesellinnenparty. Ein Spiel, das aus dem Ruder läuft.

Manche Partys sind gut, manche sind schlecht. Diese hier ist tödlich.

Als Nora, 26, eine Einladung zum Junggesellinnenabschied ihrer ehemals besten Freundin Clare bekommt, ist sie mehr als überrascht. Sie hat Clare seit zehn Jahren nicht gesehen. Seit dem Vorfall damals, den Nora nie ganz überwunden hat… Und jetzt aus heiterem Himmel diese Einladung. Ein idyllisches Wochenende in einem Haus tief in den winterlichen Wäldern Nordenglands ist geplant. Was kann es schon schaden? Nora gibt sich einen Ruck und fährt hin. Doch etwas geht schief. Grauenvoll schief. (Klappentext dtv)

 

Ruth Ware – Im dunklen, dunklen Wald
Verlag: dtv
Ersterscheinungstermin: 23. September 2016
Klappenbroschur – 384 Seiten – 15,90 €
ISBN 978-3-423-26123-4


Nebelschrei von Sam BakerNach außen ist Helen eine starke Frau. Niemand ahnt, dass ihr die Erinnerungen an die Hölle, die sie erlebt hat, täglich den Atem rauben. Und dass sie nur knapp dem Tod entkommen ist. Das fast verfallene Anwesen in einer abgelegenen Gegend in Nordengland scheint das perfekte Versteck zu sein. Doch die Dorfbewohner kommen ihr näher, als ihr lieb ist. Denn niemand darf wissen, wo sie ist – vor allem nicht der Mensch, dem sie am meisten vertraut hat … (Klappentext Diana)

Verlag: Diana
Ersterscheinungstermin: 12. September 2016
Taschenbuch – 448 Seiten – 9,99 €

ISBN 978-3-453-35888-1

Merken

Buchrezension: Joy Fielding – Die Schwester

Die Schwester von Joy FieldingInhalt:

Caroline Shipley ist voller Vorfreude auf den bevorstehenden Urlaub, den sie anlässlich ihres zehnten Hochzeitstages gemeinsam mit ihrem Mann Hunter und ihren beiden Töchtern Michelle und Samantha in Mexiko verbringen will. Hunter hat ein wunderschönes Luxushotel in Rosarito ausgewählt, und zu Carolines Überraschung, sind auch ihr Bruder, dessen Ehefrau und ein paar Freunde angereist, um gemeinsam mit ihnen zu feiern. Doch der Ferienaufenthalt wird zum Albtraum, als die zweijährige Samantha eines Abends aus der Hotelsuite entführt wird. Es gibt keine Lösegeldforderungen und die polizeilichen Ermittlungen sowie die Nachforschungen eines Privatdetektivs bleiben erfolglos – das kleine Mädchen bleibt spurlos verschwunden. Caroline zerbricht fast am Verlust ihres Kindes und auch ihre Ehe mit Hunter hält dieser Belastung und den gegenseitigen Schuldzuweisungen nicht stand. Als wäre die Sorge um das Schicksal ihrer kleinen Tochter nicht schon schlimm genug, stürzen sich auch noch die Medien auf den Fall, beschuldigen sie der Vernachlässigung ihres Kindes und überschütten die verzweifelte Mutter mit Vorwürfen und Verdächtigungen.

Inzwischen sind fünfzehn Jahre vergangen, und obwohl es nach wie vor keine neuen Spuren gibt, hat Caroline die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Samantha noch am Leben ist und sie ihre Tochter eines Tages wiedersehen wird.
Kurz vor dem fünfzehnten Jahrestag nach dem Verschwinden ihres Kindes, erhält sie einen mysteriösen Anruf von einem jungen Mädchen, das am Telefon behauptet, Samantha zu sein. Erlaubt sich wieder jemand einen bösen Scherz mit Caroline, oder handelt es sich bei der Anruferin tatsächlich um ihre vermisste Tochter? Danach überschlagen sich die Ereignisse und Stück für Stück offenbart sich Caroline allmählich die erschütternde Wahrheit, über das, was der kleinen Samantha in jener Sommernacht in Mexiko zugestoßen ist.

Meine persönliche Meinung:

Joy Fielding gehört zu den wohl produktivsten und erfolgreichsten Thrillerautorinnen und gilt als „Meisterin des Psychothrillers“. Ich habe die Autorin vor mehr als zwanzig Jahren für mich entdeckt und seitdem viele ihrer Bücher gelesen. Man kann sich recht zuverlässig darauf verlassen, dass jedes Jahr ein neues Buch von ihr erscheint, und auch wenn mich nicht jedes gleichermaßen begeistern konnte, haben sie mir alle gut gefallen. Allerdings brauche ich immer eine Pause zwischen ihren Büchern, denn da alle nach dem ähnlichen Strickmuster gestrickt sind, wird es sonst doch ein wenig ermüdend. Wenn man jedoch eine Zeit verstreichen lässt, dann kann man sich auf jedes neue Buch dieser Autorin freuen und darauf vertrauen, nicht enttäuscht zu werden. Fielding versteht ihr Handwerk, hat gute Geschichten und zweifellos Talent, sie überaus spannend und mitreißend zu erzählen. Ihr Erfolgsrezept hat sich jedenfalls bewährt, weshalb sie sich stets auf ähnliche Zutaten verlässt, um aus ihnen immer wieder ein neues alptraumhaftes Szenarium zu entwerfen, das den Leser, bzw. vor allem die Leserin, in seinen Bann zieht.
Da mein letztes Buch von Joy Fielding nun fast zwei Jahre zurückliegt, habe ich mich sehr auf ihren neusten Roman Die Schwester gefreut.
Offensichtlich wurde sie von dem realen Vermisstenfall der Maddie McCann zu dieser Geschichte inspiriert, denn die Parallelen zu dem damals dreijährigen kleinen Mädchen, das 2007 während eines Ferienaufenthalts in Portugal auf mysteriöse Weise aus der Ferienwohnung ihrer Eltern verschwunden ist und bis heute nicht gefunden werden konnte, sind unübersehbar. Auch die kleine Samantha Shipley in Die Schwester wurde aus einer Hotelsuite entführt, während ihre Eltern mit Freunden im Restaurant der Hotelanlage feierten und obwohl sie abwechselnd alle dreißig Minuten nach ihrer kleinen Tochter sahen. Die Medienhetze, mit der die Eltern nach der Entführung ihres Kindes zu kämpfen hatten und bei der sie sich immer wieder gegen Verleumdungen, Verdächtigungen und Schuldzuweisungen zur Wehr setzen mussten, erinnert ebenfalls an den Vermisstenfall der Madelaine McCann. Doch anders als bei diesem realen Fall, meldet sich in der fiktiven Erzählung von Joy Fielding eines Tages ein junges Mädchen und behauptet, das entführte Kind zu sein.
Man mag sich nicht vorstellen, was eine Mutter, die seit Jahren ihr Kind vermisst, nicht weiß, ob es tot oder vielleicht noch am Leben ist und die ständig hin- und hergerissen ist zwischen Hoffnung und Trauer, in einem solchen Moment empfindet. Joy Fielding ist es sehr gut gelungen, die Emotionen der Mutter, ihre Verzweiflung, die nagende Ungewissheit und die immer wieder aufkeimende Hoffnung sehr authentisch, eindrücklich und nachvollziehbar darzustellen. Natürlich denkt Caroline zunächst, dass sie jemand zum Narren hält, denn im Lauf der Jahre haben sich immer wieder wichtigtuerische Spinner bei ihr gemeldet und behauptet, die kleine Samantha gesehen zu haben oder genau zu wissen, wo sie sich befindet. Trotzdem lässt ihr dieser Anruf nun keine Ruhe, sodass sie beschließt, sich mit der jungen Frau zu treffen und dabei allmählich der schockierenden Wahrheit auf die Spur kommt.
Die Kapitel des Romans wechseln zwischen zwei Zeitsträngen – der Gegenwart und der Zeit vor fünfzehn Jahren, als die kleine Samantha verschwand. Diese beiden Zeitebenen nähern sich im Verlauf der Erzählung dann immer weiter an, sodass sie am Ende verschmelzen und das erschütternde Geheimnis um das rätselhafte Verschwinden des Kindes allmählich zutage tritt.
Die Autorin legt ihr besonderes Augenmerk auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und seziert sehr präzise eine ohnehin schwierige und zerstörerische Familienkonstellation, die vollends ins Wanken gerät, nachdem das rätselhafte Mädchen auftaucht und behauptet, die verschwundene Samantha zu sein. Insofern ist dieser Roman vor allem eine Mischung aus Familiendrama und Thriller.
Die Charaktere wirken sehr authentisch, sind aber, abgesehen von Caroline, alle recht unsympathisch. Die Männer kommen, wie so oft bei Joy Fielding, ohnehin sehr schlecht weg. Carolines Bruder Steve ist ein Muttersöhnchen und kompletter Versager, ihr Ehemann Hunter ein feiger und selbstverliebter Egoist. Statt zusammenzuhalten und die Situation gemeinsam zu meistern, zerbricht die Ehe unter dem Verlust des gemeinsamen Kindes, an dem sich Hunter und Caroline gegenseitig die Schuld zuschreiben. Hunter löst das Problem, indem er eine neue Familie gründet und die Vergangenheit weitgehend hinter sich lässt. Er schafft es allerdings, sich in der Öffentlichkeit sehr gut zu präsentieren, während Caroline auch Jahre später noch immer das Image einer Rabenmutter anhaftet. Es war wirklich schockierend, zu lesen, wie sich die Medien auf diesen Vermisstenfall stürzen und jedes kleine Detail aufgreifen, um es gegen Caroline zu verwenden. Dies ist für die ohnehin verzweifelte Mutter nicht nur privat sehr belastend, sondern hat auch negative Konsequenzen für ihre berufliche Karriere als Lehrerin. Hunter dagegen gelingt es, sein Saubermann-Image zu bewahren und seine Karriere als Anwalt sogar noch voranzutreiben.
Sehr verstörend ist auch Carolines Verhältnis zu ihrer Mutter Mary, die ihr wahrlich keine Hilfe ist. Joy Fielding schreibt im Nachwort, dass sie sich bei der Figur von Grandma Mary von ihrer eigenen Großmutter, die sie selbst als „die armseligste Frau, die es je gegeben hat“ bezeichnet, inspirieren ließ. Um diese Großmutter ist die Autorin wahrlich nicht zu beneiden. Die mit Abstand nervtötendste Protagonistin dieses Romans ist aber Carolines älteste Tochter Michelle. Dieses Mädchen ist bereits als Fünfjährige unerträglich, aber selbst fünfzehn Jahre später, in einem Alter, in dem man die Pubertät eigentlich hinter sich gelassen haben müsste, ist sie so rebellisch und anstrengend, dass ich es wirklich bedauert habe, dass nicht sie, sondern ihre jüngere Schwester entführt wurde. An einigen Stellen wirkte sie jedoch etwas zu überzeichnet und das beständige Hervorheben ihrer eigentümlichen Essgewohnheiten ging mir ein wenig auf die Nerven. Trotzdem hat mir sehr gut gefallen, wie präzise die Autorin die Abgründe der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb dieser Familie auslotet.
Joy Fieldings Erzählstil ist packend und mitreißend. Sie erzählt so routiniert und lebendig, dass man nur so durch die Seiten fliegt. Ich habe das Buch innerhalb eines Tages gelesen und gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verging, weil dieser Roman an keiner Stelle Längen aufweist und der Plot auch nie ins Stocken gerät. Ohne Action, Gewalt und Brutalität wird die Spannung sehr subtil aufgebaut und die Geschichte logisch und sehr glaubhaft inszeniert.
Dass Joy Fielding etwas von ihrem Handwerk versteht und sich ihr Erfolgsrezept wieder einmal bewährt hat, hat sie jedenfalls auch in Die Schwester wieder eindrucksvoll bewiesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐⭐⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Joy Fielding: Die Schwester
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 11. Juli 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-31272-6

Cover: Goldmann Verlag

Buchrezension: Wendy Walker – Dark Memories. Nichts ist je vergessen

Wendy Walker - Nichts ist je vergessenInhalt:

Die sechzehnjährige Jenny Kramer hat das Schlimmste erlebt, was einer Frau widerfahren kann. Während einer Partynacht wurde sie in unmittelbarer Nähe des Hauses, in dem sie mit ihren Freunden ausgelassen feiern wollte, von einem Unbekannten brutal vergewaltigt und misshandelt. Fast eine Stunde dauerte ihr Martyrium, und als ihr Peiniger mit ihr fertig war, ließ er das schwerverletzte Mädchen einfach liegen und verschwand in die Dunkelheit. Nachdem sie gefunden und ins Krankenhaus eingeliefert wird, treffen ihre Eltern eine folgenschwere Entscheidung – sie lassen Jenny ein Medikament verabreichen, das ihre Erinnerungen an die Vergewaltigung aus ihrem Gedächtnis löscht. Ihr Vater bereut diesen Entschluss, denn ohne Jennys Erinnerungsvermögen kann der Täter nicht gefunden und bestraft werden, aber ihre Mutter ist sicher, das Richtige getan zu haben, denn sie glaubt, ihre Tochter könne über dieses traumatische Erlebnis nur hinwegkommen, wenn sie keine Erinnerungen mehr daran hat.
Doch für Jenny wird dadurch alles nur noch schlimmer, denn selbst nachdem ihre äußerlichen Verletzungen verheilt sind, erinnert sich ihr Körper noch an alles, was ihm angetan wurde. Die körperlichen und auch die emotionalen Reaktionen haben sich in sie eingebrannt – allerdings hat sie keine Bilder dafür, weil der kontextuelle Rahmen fehlt. Obwohl die faktischen Erinnerungen an die brutale Vergewaltigung aus ihrem Gedächtnis gelöscht wurden, lebt der Schrecken jener Nacht noch immer in Jennys Körper und auch in ihrer Seele fort und lässt sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Doch Jenny will endlich zur Ruhe kommen und beschließt, ihre Erinnerungen an die Ereignisse zurückzuerlangen, um das Trauma wirklich zu verarbeiten. Gemeinsam mit ihrem Psychiater Alan Forrester will sie das Erlebte in ihr Gedächtnis zurückzuholen. Wird sie sich wieder an das erinnern, was ihr zugestoßen ist? Können verlorengegangene Erinnerungen überhaupt wieder reaktiviert werden? Wie manipulierbar sind Erinnerungen? Ist das, woran sie sich nun Stück für Stück erinnert, damals wirklich passiert? Und kann sie denen, die vorgeben, ihr helfen zu wollen, wirklich vertrauen?

Meine persönliche Meinung:

Obwohl ich eigentlich kein Werbungsopfer bin, muss ich zugeben, dass mich die breit angelegte Werbekampagne des Verlags auf Dark Memories. Nichts ist je vergessen sehr neugierig machte. Gegen Werbeslogans wie „Thriller des Jahres“ bin auch ich nicht immun, sodass ich es kaum erwarten konnte, Wendy Walkers Debütroman endlich in Händen zu halten und lesen zu dürfen. Wenn man allerdings die Rezensionen liest, könnte man doch ein wenig skeptisch werden, denn das Buch wird häufig recht heftig kritisiert. Von negativen Rezensionen lasse ich mich jedoch nicht beirren, denn ich bilde mir lieber meine eigene Meinung. Inzwischen kann ich mir die kritischen Stimmen auch erklären, denn besagter Werbeslogan schürt eine gewisse Erwartungshaltung, die dieses Buch eben nicht erfüllt. Auch ich hatte etwas gänzlich anderes erwartet, war allerdings nicht enttäuscht, sondern vielmehr überaus positiv überrascht. Dark Memories ist gewiss nicht der „Thriller des Jahres“, aber zweifellos trotzdem eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Auf dem Cover wird dieses Buch als „Roman“ bezeichnet, und ein Roman ist es eben auch – ein ganz grandioser sogar. Thriller-Elemente konnte ich hingegen nahezu keine entdecken, habe sie allerdings auch nicht vermisst, denn Dark Memories hat alles, was ein guter Roman braucht – gut ausgearbeitete und vielschichtige Charaktere, einen außergewöhnlichen Erzählstil und eine äußerst interessante Thematik, über die es sich nachzudenken lohnt und zu der die Autorin offensichtlich sehr akribisch recherchiert hat.

Viele Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, die Schrecken eines Krieges erfahren haben, schwere Unfälle erlitten oder andere schmerzvolle Erfahrungen machen mussten, leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, die sie häufig ein ganzes Leben lang begleiten. Erinnerungen an diese Erlebnisse sind belastend, verursachen Albträume, Depressionen, führen zu Beziehungsproblemen und können zur lebenslangen Qual werden. Man wünscht sich, das Erlebte wäre nie passiert oder man könnte es wenigstens vergessen, um unbeschwert weiterleben zu können. Die Gedächtnisforschung arbeitet seit geraumer Zeit an medikamentösen Verfahren bei der Traumabewältigung, und die im Roman von Wendy Walker beschriebenen Behandlungsmethoden, mithilfe eines Medikaments gezielt eine retrograde Amnesie hervorzurufen, entspringen nicht etwa der blühenden Phantasie der Autorin, sondern sind durchaus möglich, auch wenn sie bislang nicht in vollem Umfang zur Anwendung kommen und äußerst umstritten sind. Ursprüngliches Ziel solcher medikamentösen Therapien ist es, die emotionalen Spätfolgen und traumatisierenden Erinnerungen von Soldaten nach dem Kriegseinsatz abzuschwächen. Die Frage ist allerdings, ob es ethisch überhaupt vertretbar ist, das Gedächtnis gezielt zu manipulieren und faktische sowie emotionale Erinnerungen zu verändern oder gar auszulöschen.
Erinnerungen, so schmerzhaft sie auch sein mögen, erfüllen nämlich durchaus ihren Zweck. Jede Erfahrung, die wir machen, macht uns zu dem, was wir sind, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Persönlichkeit und verleiht uns unsere eigene Identität und Individualität. Würde unser Gedächtnis diese Erfahrungen nicht speichern, hätten wir keine Geschichte und könnten uns nicht bewusstwerden, wer wir eigentlich sind. Außerdem sind Erinnerungen wichtig für Lernprozesse, dienen der Abschreckung und sind notwendig, um ähnlichen Situationen und Gefahren künftig aus dem Weg gehen zu können. Hätten wir keine schmerzhaften Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse, würden wir dieselben Fehler immer wieder machen, uns z. Bsp. immer wieder an einer heißen Herdplatte verbrennen oder uns an scharfen Klingen schneiden, um nur harmlose Beispiele zu nennen. Erinnerungen sind aber nicht nur für jedes Individuum selbst, sondern auch für die gesamte Gesellschaft von großer Bedeutung. Könnten sich Opfer oder Zeugen eines Gewaltverbrechens an nichts mehr erinnern, könnten die Täter nie gefasst und weitere Gewalttaten somit auch nicht verhindert werden. Das Bewahren und vor allem das Weitergeben von Erinnerungen an die nächsten Generationen erfüllen auch sehr wichtige gesellschaftliche Aufgaben, damit sich Greueltaten wie der Holocaust nicht wiederholen und Kriegserlebnisse nicht in Vergessenheit geraten, denn nur was nicht vergessen wird, kann auch verhindert werden. Nicht auszudenken wären außerdem die Folgen, wenn solche Medikamente in die falschen Hände geraten. Fraglich ist auch nach wie vor, wie gezielt diese Medikamente eingesetzt werden können und ob nicht auch positive Erinnerungen verloren gehen. Sinnvoller und zielführender sind sicherlich Therapiemethoden, bei denen traumatisierte Patienten sich ihren Erfahrungen stellen und ihre Erinnerungen verarbeiten.

Und genau hier setzt Wendy Walkers Roman an, denn Jenny wurde ein Medikament verabreicht, das ihre faktischen Erinnerungen an die grausame Vergewaltigung ausgelöscht hat. Dennoch leben die Schrecken an dieses traumatische Erlebnis in ihrem Körper und auch ihrer Seele weiter und lassen sie nicht zur Ruhe kommen, weil sie keine Bilder dafür hat. Sie beschließt, die Erinnerungen in ihr Gedächtnis zurückzuholen und sie zu verarbeiten, denn sie ist sicher, dass sie nur so endlich Ruhe finden kann. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Psychiater Alan Forrester, der die medikamentösen Methoden aufs Schärfste kritisiert, sich auf Traumapatienten, die auf diese Weise behandelt wurden, spezialisiert hat und ihnen ihre Erinnerungen zurückgeben möchte. Er plädiert für eine Traumatherapie ohne Pillen, bei der die Erinnerungen an schmerzhafte Erlebnisse immer wieder reaktiviert, aber dabei gewissermaßen neu im Gedächtnis gespeichert werden und somit nicht mehr mit negativen Gefühlen einhergehen. Dieser Vorgang nennt sich Rekonsolidierung. Erinnerungen werden dabei immer wieder abgerufen und so manipuliert und verändert, dass sie weniger schmerzhaft sind. Diese Behandlungsmethode möchte Alan Forrester nun auch bei Jenny zum Einsatz bringen und ihr helfen, das Erlebte endlich zu verarbeiten.
Anders als der Klappentext vermuten lässt, ist nicht Jenny, sondern vielmehr ihr Psychiater der Hauptprotagonist von Dark Memories. Das ganze Buch wird ausschließlich aus seiner Perspektive erzählt. Alle anderen Protagonisten lernt man nur aus Alans Sicht kennen, in dessen Erzählung jedoch immer wieder kursiv gedruckte Passagen aus den Therapiegesprächen mit Jenny, ihren Eltern und anderen Traumapatienten eingefügt sind. Ich fand diesen außergewöhnlichen Erzählstil und die gewählte Perspektive äußerst interessant. Der Leser erhält somit nämlich sehr tiefe Einblicke in die Arbeit eines Psychiaters und in die Behandlungsmethoden bei der Traumatherapie. Bisweilen gleichen manche Textpassagen zwar nüchternen wissenschaftlichen Abhandlungen, aber sie sind dennoch überaus spannend, wenn man sich für diese Thematik interessiert. Ich war jedenfalls sehr beeindruckt, wie gründlich sich Wendy Walker in ihrem Roman mit Gedächtnisforschung und den verschiedenen Therapiemethoden bei posttraumatischen Belastungsstörungen auseinandersetzt und wie sorgfältig sie offenbar recherchiert hat.
Außerdem hat sie mit Alan Forrester einen sehr vielschichtigen, ambivalenten und außergewöhnlichen Protagonisten geschaffen. Man lernt ihn nicht nur als Psychiater, sondern auch als Ehemann und Familienvater kennen. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesen Mann besonders mochte und war ständig hin- und hergerissen zwischen Sympathie und Abscheu. Ich war einerseits beeindruckt von seiner Kompetenz und seinem Fachwissen, hin und wieder angetan, weil er doch recht verständnisvoll erscheint, andererseits aber auch häufig angewidert von seiner Arroganz und Eitelkeit. Dieser Mann ist vollkommen undurchschaubar, aber gerade das macht ihn zu einem äußerst interessanten Charakter und trägt auch enorm zur Spannung dieses Romans bei. Im Verlauf der Erzählung zeigt sich, dass auch der stets souverän wirkende Psychiater seine Schwächen und Ängste hat und während Jennys Therapie in einen inneren Konflikt gerät, der verheerende Konsequenzen hat.
Alle anderen Protagonisten lernt man aus Alans Perspektive kennen, bzw. kommen sie in den kursiv gedruckten Therapiegesprächen zu Wort, die in wörtlicher Rede widergegeben werden. Jenny Kramers Schicksal und ihr Umgang mit der brutalen Vergewaltigung war sehr berührend und erschütternd, steht aber, anders als der Klappentext vermuten lässt, nicht im Zentrum der Handlung. Es geht vielmehr um die Abgründe die sich hinter der Fassade der scheinbar intakten Familienidylle der Kramers auftun. Die Ehe von Jennys Eltern droht aufgrund der Belastung und dem unterschiedlichen Umgang mit dem traumatischen Erlebnis ihrer Tochter zu zerbrechen. Jennys Vater will unbedingt, dass sich seine Tochter wieder an die Details der Vergewaltigung erinnert, damit der Täter gefasst werden kann. Ihm geht es dabei in erster Linie um Rache und Gerechtigkeit, während ihre Mutter Bedenken hat, dass die reaktivierten Erinnerungen, Jenny nur noch mehr schaden könnten. Sie wünscht sich nur, dass ihre Tochter endlich wieder ein normales Leben führen kann. Während den Einzelsitzungen mit Jennys Eltern stellt Allan jedoch fest, dass die Wurzeln ihrer Eheprobleme weit in der Vergangenheit liegen und das vermeintliche Familienglück von dunklen Geheimnissen überschattet wird. Der Leser erhält sehr tiefe Einblicke in die Psyche von Jenny, den Menschen in ihrem Umfeld und auch dem behandelnden Psychiater. Dabei tritt die Tätersuche, die die eigentliche Thrillerhandlung ausmacht, immer mehr in den Hintergrund. Mich hat dies nicht gestört, denn die Blicke in die Abgründe menschlicher Seelen und die Therapiemethoden des Psychiaters fand ich überaus spannend. Erst gegen Ende des Romans gewinnt die Suche nach dem Täter wieder an Bedeutung. Hierbei kommt es zu einigen überraschenden Wendungen und die Auflösung des Falls war schockierend und für mich vollkommen unvorhersehbar.
Mich konnte Dark Memories. Nichts ist je vergessen in jeder Hinsicht überzeugen, und obwohl es meiner Meinung nach kein Thriller ist, hat mich dieses Buch von der ersten Seite an gefesselt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Besonders fasziniert hat mich, wie gekonnt die Autorin fachliches Wissen in eine spannende Handlung einbettet und wie fundiert und gleichzeitig eindrücklich sie sich mit einer Thematik beschäftigt, über die es sich nachzudenken lohnt und die bereits heftig diskutiert wird. Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der Interesse an der Psyche des Menschen hat. Ein großartiges Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich bald noch mehr lesen darf!

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐⭐⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an wasliestdu.de und den S. FISCHER Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Wendy Walker: Dark Memories – Nichts ist je vergessen
Verlag: FISCHER Scherz
Ersterscheinungsdatum: 23. Juni 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-651-02542-4

Cover: S. FISCHER Verlag

Merken

Buchrezension: Mary Kubica – Pretty Baby. Das unbekannte Mädchen

Mary Kubica - Pretty BabyInhalt:

Heidi Wood war es schon immer wichtig, anderen zu helfen. Sie arbeitet für eine gemeinnützige Organisation und kümmert sich aufopferungsvoll um jeden, der Hilfe und Fürsorge benötigt. Ihr Mann Chris und ihre pubertierende Tochter Zoe tolerieren zwar ihr Helfersyndrom, aber als Heidi eines Tages das junge obdachlose Mädchen Willow und ihr Baby auf der Straße kennenlernt, mit nach Hause bringt und für unbestimmte Zeit beherbergen will, geht das ihrer Familie eindeutig zu weit. Schon nach kurzer Zeit dreht sich Heidis Leben nur noch um das unbekannte Mädchen und ihren Säugling. Zoe fühlt sich von ihrer Mutter vernachlässigt, und Chris macht sich Sorgen um die Sicherheit seiner Familie, denn er misstraut der verstockten jungen Frau, die sich recht mysteriös verhält. Er stellt mit Entsetzen fest, dass sich seine Ehefrau immer mehr verändert, zunehmend in den Bann der rätselhaften Fremden zu geraten scheint und sich von ihm und Zoe allmählich entfremdet. Ihm ist nicht wohl bei dem Gedanken, zu einer Geschäftsreise aufbrechen zu müssen und seine Familie mit Willow alleine zu lassen. Er stellt heimlich Nachforschungen zur Identität des Mädchens an und kommt dabei zu der erschreckenden Erkenntnis, dass sein Misstrauen und seine Angst nicht unbegründet sind, denn die fremde junge Frau verbirgt ein schreckliches Geheimnis. Er setzt alles daran, seine Frau und seine Tochter zu beschützen, aber dafür ist vielleicht schon zu spät.

Meine persönliche Meinung:

Wenn ein Buch den Titel Pretty Baby trägt, schreckt mich das zunächst ab, denn das Letzte, was ich hinter einem solchen Buchtitel vermuten würde, wäre ein ernstzunehmender und tiefgründiger Psychothriller. Der Untertitel, die Covergestaltung und vor allem der Klappentext waren aber sehr ansprechend, denn sonst wäre ich auf dieses Buch niemals aufmerksam geworden und hätte wirklich etwas verpasst.
Leider war der Einstieg in diesen Thriller ein bisschen zäh, denn auf den ersten 70 Seiten passiert recht wenig. Ich war fast versucht, Pretty Baby abzubrechen, denn Geduld gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen, und wenn eine Geschichte so lange braucht, um endlich in Fahrt zu kommen, verliere ich recht schnell die Lust. Mein Durchhaltevermögen hat sich aber durchaus gelohnt, denn alles, was nach dem recht langatmigen Kennenlernen von Heidi Wood und dem obdachlosen Mädchen Willow passiert, war überaus spannend und hat mich bis zum Ende gefesselt.
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Heidi, ihrem Mann Chris und Willow erzählt. Da alle drei Personen ihre Erlebnisse und Gedanken aus der Ich-Perspektive schildern, kommt der Leser jedem der drei Hauptprotagonisten gleichermaßen nahe. Diese Erzählperspektive ist sehr geschickt gewählt, denn sie erlaubt es dem Leser, dasselbe Szenario und auch die jeweils anderen Personen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, macht es aber gleichzeitig auch schwer, eine eindeutige Identifikationsfigur auszumachen. Da man abwechselnd die Innenperspektive aller Hauptprotagonisten einnimmt und die Charaktere sehr vielschichtig und vor allem ambivalent angelegt sind, ist es für den Leser nahezu unmöglich, die Protagonisten richtig einzuschätzen oder für einen von ihnen Stellung zu beziehen.
Besonders interessant und auch berührend war für mich Willow, das obdachlose Mädchen, das Heidi Wood auf der Straße aufgabelt und mit nach Hause nimmt. Wenn man diese junge Frau aus Chris‘ Perspektive betrachtet, erscheint sie äußerst mysteriös und wenig vertrauenserweckend. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, warum ihm die Anwesenheit dieses rätselhaften Mädchens Angst macht und er sich um die Sicherheit seiner Familie sorgt. Sein Misstrauen rührt nicht von der Tatsache, dass Willow obdachlos und sehr verwahrlost ist, sondern vielmehr von ihrem verstockten, aber gleichzeitig auch aggressiven und rebellischen Verhalten her. Chris spürt, dass mit diesem Mädchen etwas nicht stimmt und stellt Nachforschungen zu ihrer Identität an. Was hinter Willows seltsamen Verhalten steckt, warum sie ihre Herkunft verschweigt und welcher Weg sie in die Obdachlosigkeit führte, erfährt der Leser jedoch nicht durch Chris, sondern aus Willows Perspektive. Nach und nach offenbart sich so das furchtbare Schicksal, das dieses junge Mädchen erleiden musste. Die Rückblenden in ihre Vergangenheit waren sehr erschütternd und stimmten mich überaus nachdenklich und traurig, denn was dieses Mädchen in ihrer Kindheit erfahren musste, ließ mich wirklich erschaudern. Auch wenn sie sich nach außen mitunter aggressiv verhält, verbirgt sich hinter dieser störrischen jungen Frau ein äußerst zerbrechliches und schwerst traumatisiertes Kind.
Das Letzte, was ein Mädchen in ihrer Situation braucht, ist jemand wie Heidi. Zu Beginn des Buches war ich wirklich beeindruckt von dieser engagierten Frau, die sich aufopferungsvoll um andere kümmert und auch gegen den Willen ihres Mannes alles tut, um Willow zu helfen. Aber je weiter ich in die Gedankenwelt von Heidi vordrang, umso mehr ging sie mir auf die Nerven. Allerdings wurde auch sie in der Vergangenheit von einem schweren Schicksalsschlag getroffen, sodass ich hin und wieder geneigt war, ein wenig Mitgefühl zu empfinden. Das Zusammentreffen mit Willow löst in Heidi jedenfalls etwas aus, dem sie sich nicht mehr entziehen kann. Die Veränderung, die nun mit ihr vorgeht und die vollkommen andere Ursachen hat, als man zunächst vermutet, nimmt jedoch irgendwann Formen an, für die ich kaum mehr Verständnis aufbringen konnte.
Und so rast die Begegnung dieser beiden traumatisierten Frauen unaufhaltsam auf einen Abgrund zu, der sich zwar recht früh ankündigt, dessen Ausmaß jedoch nicht abzusehen ist. Leider sieht auch Heidis Ehemann Chris recht spät, wo die eigentlichen Gefahren lauern, scheint sich der Probleme, mit denen seine Frau seit Jahren kämpft, gar nicht bewusst zu sein und zieht deshalb zunächst vollkommen falsche Schlüsse, denen man als Leser zunächst Glauben schenkt, da sich die Wahrheit erst ganz allmählich offenbart.
Durch die gewählte Ich-Perspektive erhält der Leser sehr tiefe und detaillierte Einblicke in die Gedankenwelt jedes einzelnen Protagonisten und damit in die Abgründe menschlicher Seelen, sodass ich Pretty Baby nicht als Thriller, sondern vielmehr als Psychothriller, in weiten Teilen sogar eher als Psychodrama bezeichnen würde. Liebhaber des Thriller-Genres, die einen rasanten Plot erwarten, werden vermutlich enttäuscht sein, denn die Handlung plätschert recht gemächlich vor sich hin. Dennoch hat mich dieses Buch unglaublich gefesselt. Ich mag solche leisen Thriller, bei denen die psychologischen Hintergründe der Protagonisten genauestens beleuchtet werden und die Spannung eher subtil aufgebaut wird. Mary Kubica verzichtet vollkommen auf brutale und blutige Details, aber die Brutalität und Grausamkeit, die bei Willows Rückblicken in ihre Kindheit und Jugend zutage tritt, manchmal sogar nur angedeutet wird, war für mich äußerst schockierend und verstörend und ließ mich, selbst nachdem ich das Buch am Ende zugeklappt hatte, nachdenklich, traurig und betroffen zurück.

Abgesehen von der bedauerlichen und überflüssigen Durststrecke, die man zu Beginn überwinden muss, ist Pretty Baby von Mary Kubica ein überaus lohnenswerter und fesselnder Psychothriller, der unter die Haut geht und im Gedächtnis bleibt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Mary Kubica: Pretty Baby – Das unbekannte Mädchen
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 18. Juli 2016
383 Seiten
ISBN 978-3-959-67970-1

Cover: Verlag HarperCollins

Buchrezension: Wulf Dorn – Trigger

Trigger von Wulf DornInhalt:

Dr. Ellen Roth ist Psychiaterin an einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Ihr Lebensgefährte und Kollege Chris ist gerade zu einer Reise nach Australien aufgebrochen und hatte sie vor seiner Abreise gebeten, sich um den Fall einer Patientin zu kümmern, der für ihn oberste Priorität hatte. Ihm war es in der Kürze der Zeit nicht gelungen, Zugang zu einer traumatisierten Frau zu finden, die Spuren schwerster Misshandlungen aufweist und kurz vor seinem Urlaubsantritt in die Klinik eingewiesen wurde. Auch Ellen gelingt es kaum, zu der zutiefst verstörten und verängstigten Frau durchzudringen. Diese erzählt ihr völlig verworren und unverständlich etwas von einem „Schwarzen Mann“, der sie offensichtlich brutal misshandelt hat.
Ellen ist vollkommen überfordert mit diesem Fall und bittet deshalb ihren Kollegen Mark um Rat und Hilfe. Als der die Patientin in ihrem Zimmer aufsuchen will, um sich selbst ein Bild von ihrem Zustand zu machen, ist die mysteriöse Frau jedoch wie vom Erdboden verschwunden. Auch von dem Anmeldeformular, das Ellen noch am Tag zuvor in den Händen hielt, fehlt jede Spur, und niemand vom Klinikpersonal kann sich erinnern, die Patientin jemals gesehen zu haben. Ellen weigert sich aber, zu glauben, dass sie sich aufgrund von Überarbeitung und Stress alles nur eingebildet hat.
Und so beschließt sie, selbst Nachforschungen anzustellen und gerät dabei ins Visier des „Schwarzen Mannes“, der mit ihr Kontakt aufnimmt und sie vor ein bizarres Ultimatum stellt. Ellen spürt, dass sie ständig verfolgt und beobachtet wird und bemerkt auch, dass jemand in ihrer Wohnung war. Aber niemand scheint ihr zu glauben, und allmählich keimt in ihr der Verdacht, dass eine Person aus ihrem näheren Umfeld hinter all den seltsamen Vorkommnissen stecken muss. Sie ist völlig auf sich allein gestellt, kann niemandem vertrauen und gerät immer tiefer in einen Sumpf aus Angst, Gewalt und Wahnsinn, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe bereits vor ein paar Jahren Dunkler Wahn und Kalte Stille von Wulf Dorn gelesen, fand beide Thriller wirklich herausragend und wollte nun auch endlich seinen Debütroman Trigger lesen, mit dem sich der Autor in die Liga der besten deutschen Thriller-Autoren geschrieben hat.
Wenn der Schauplatz eines Psychothrillers in einer Psychiatrie angesiedelt ist, finde ich das ohnehin besonders interessant – wenn das Buch dann noch gut recherchiert und raffiniert gestrickt ist, kann eigentlich fast nichts mehr schiefgehen. In Wulf Dorns Trigger ist jedenfalls nichts schiefgegangen, denn dieser Thriller hat mir wieder sehr gut gefallen.
Man merkt, dass der Autor selbst viele Jahre in einer Psychiatrie tätig war, seine Erfahrungen in seine Bücher einfließen lässt und ein Gespür für Schicksale, Ängste und die Abgründe menschlicher Seelen hat.
Zu Beginn des Buches erfährt man zunächst einiges über den Klinikalltag und die Arbeit der Psychiaterin Ellen Roth. Es dauert ein Weilchen, bis die eigentliche Thrillerhandlung wirklich in Gang kommt, aber ich fand die Schilderung des Alltags in einer Psychiatrie äußerst interessant und sie ist meiner Meinung nach auch wichtig und notwendig, um die Hauptprotagonistin Ellen besser kennenzulernen. Man kann nicht behaupten, dass mir diese Frau besonders sympathisch war, aber darum geht es ja auch nicht. Wichtiger für die Geschichte und den Plot ist vielmehr ihre Glaubwürdigkeit und die Zuverlässigkeit ihrer Beobachtungen und Einschätzungen. Wulf Dorn hat sich sehr viel Mühe gegeben, diese Protagonistin sehr präzise und facettenreich auszuarbeiten. Hierfür ist eine sorgfältige Einführung dieser Figur zu Beginn dieses Thrillers unabdingbar, denn der Leser lernt Ellen zunächst als äußerst gewissenhafte und kompetente Psychiaterin kennen, die sich um jeden Patienten bemüht, aber häufig auch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stößt. Als die mysteriöse Patientin, die niemand außer Ellen jemals zu Gesicht bekam, plötzlich verschwindet, der „Schwarze Mann“, von dem die Frau sprach, auch Kontakt zu Ellen aufnimmt und sie sich ständig verfolgt und beobachtet fühlt, will ihr aber niemand Glauben schenken, denn außer ihr nimmt niemand diese Bedrohung wahr. Ich war häufig hin- und hergerissen, denn einerseits war ich mir sicher, dass Ellens Ängste berechtigt sind, wütend, weil niemand sie ernstzunehmen schien, dann allerdings auch ein wenig skeptisch, ob sie sich vielleicht nicht doch alles nur einbildet. Alle anderen Figuren dieses Thrillers bleiben recht flach und konturlos, aber das macht auch durchaus Sinn, denn im Verlauf der Handlung habe ich nahezu jeden in Ellens Umfeld verdächtigt. Die Figuren sind so angelegt, dass der Leser im Grunde nur Ellen wirklich nahekommt, mit ihr mitfiebert und an ihrer Seite diese Ängste, Bedrohung und Beklemmung durchlebt. Alle anderen Protagonisten bleiben fremd, sind nur schwer einzuschätzen und somit irgendwann verdächtig. Doch sobald ich mir sicher war, nun genau zu wissen, wer der Täter ist, wurde der Verdacht wieder auf eine andere Person gelenkt. Hin und wieder zweifelte ich aber auch an Ellen und hatte den Verdacht, dass ihr Verstand ihr wirklich lediglich einen Streich spielt. Die Verwirrtheit der Hauptprotagonistin und die vage Figurengestaltung der anderen Charaktere tragen jedenfalls enorm zum Spannungsbogen dieses fesselnden Thrillers bei.
Wulf Dorn legt immer wieder neue Fährten und führt den Leser stets aufs Neue in die Irre. Hinzu kommt, dass die Schauplätze sehr gut ausgewählt sind und für eine beklemmende Atmosphäre sorgen.
Dorns Schreibstil ist sehr flüssig und die Geschichte so raffiniert komponiert und wendungsreich, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte, sondern es nahezu an einem Stück durchgelesen habe, weil ich einfach wissen musste, wie es weitergeht. Der Plot ist äußerst verzwickt und war für mich, selbst wenn ich häufig dachte, nun zu wissen, wie alles enden wird, vollkommen unvorhersehbar. Am Ende dieses packenden Thrillers war ich überrascht und erschüttert zugleich.
Wulf Dorn versteht es hervorragend mit den Ängsten des Lesers zu spielen, denn die permanente Bedrohung, die Ellen fast um den Verstand bringt, war auch für mich spürbar. Das Buch ließ mich häufig den Atem anhalten, obwohl der Autor vollkommen auf die Schilderung von Brutalität oder blutigen Details verzichtet. Ich empfand diesen psychologischen Thriller auf eine sehr leise, subtile, aber eindrückliche Weise sehr beklemmend und verstörend. Und das macht einen fesselnden Thriller für mich auch aus – der Blick in die Abgründe menschlicher Seelen und atemlose Spannung ohne Effekthascherei.

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐⭐⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Wulf Dorn: Trigger
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 05. Oktober 2009
432 Seiten
ISBN 978-3-453-43402-8

Cover: Heyne Verlag

Buchrezension: Ursula Poznanski – Erebos

Ursula Poznanski - ErebosInhalt:

Nick merkt schon seit geraumer Zeit, dass an seiner Schule etwas Seltsames vorgeht. Sein Freund Colin zieht sich immer mehr von ihm zurück, geht nicht an Telefon, antwortet nicht auf Nachrichten und kommt nicht mehr zum Basketballtraining. Auch Nicks Mitschüler verhalten sich recht eigenartig, tuscheln verschwörerisch in den Pausen, wirken abwesend und übermüdet und fehlen häufig im Unterricht. Offenbar hängen diese Veränderungen mit diesen seltsamen Päckchen zusammen, die seine Schulfreunde heimlich untereinander austauschen. Nick erfährt zwar, dass sich in diesen Päckchen eine DVD befinden soll, aber niemand will ihm sagen, was es damit auf sich hat.
Doch eines Tages bekommt Nick von einer Mitschülerin auch endlich ein solches Päckchen zugesteckt, muss ihr allerdings versprechen, die DVD niemandem zu zeigen und niemandem zu erzählen, wer sie ihm gegeben hat. Nick kann es kaum erwarten, hinter das Geheimnis dieser DVD zu kommen, die lediglich mit dem Wörtchen „Erebos“ beschriftet ist. Zuhause legt er den Datenträger in seinen Computer ein und wird sofort in den Bann gezogen von Erebos, einem Computerspiel, das gänzlich anders ist, als man es sonst von diesen Spielen kennt. Dieses Rollencomputerspiel kann reden, reagieren und gibt dem Spieler auf jede Frage eine sinnvolle Antwort. Es scheint fast so, als ob das Spiel lebt. Doch bevor Nick richtig in diese Spielewelt eintreten kann, wird er gewarnt und zunächst mit den strengen Regeln vertraut gemacht. Er darf das Spiel nur alleine spielen, mit niemandem darüber reden und seinen Spielernamen niemals verraten. Falls er gegen eine Regel verstößt oder eine der Aufgaben, die das Spiel ihm auferlegt, nicht erfüllt, stirbt seine Spielfigur und das Spiel ist endgültig vorbei – eine zweite Chance gibt es nicht. Nick erklärt sich mit den Regeln einverstanden, erstellt seinen Spielecharakter, besteht die ersten Aufgaben und ist geradezu süchtig nach neuen Herausforderungen, die Erebos bereithält und ihn ins nächste Level bringen. Das Unheimliche, aber gleichzeitig auch besonders Faszinierende ist, dass ihm das Spiel hin und wieder auch Aufträge erteilt, die er in der realen Welt ausführen muss. Zunächst sind es nur kleine Aufgaben, die er zu erledigen hat, aber dann erhält Nick von dem Spiel einen ganz besonderen Befehl – er soll einen Menschen töten.

Meine persönliche Meinung:

Zunächst war ich ja ein wenig skeptisch, denn da Erebos ein Jugendthriller ist und ich der eigentlichen Zielgruppe schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen bin, hatte ich die Befürchtung, dass dieses Buch vielleicht nichts für mich sein könnte. Außerdem geht es um die Faszination von Computerspielen, also um ein Thema, das in meinem Leben eigentlich keine Rolle spielt. Da das Buch aber nicht nur von Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen in den höchsten Tönen gelobt wurde und mir Ursula Poznanskis Thriller Fünf außergewöhnlich gut gefallen hat, war ich doch ein wenig neugierig auf Erebos, zumal ich den Eindruck habe, dass ich so ziemlich der letzte Mensch auf diesem Planeten war, der das Buch noch nicht gelesen hat. Ursula Poznanski wurde für diesen Jugendthriller mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Das Buch wird offenbar auch in Schulen gelesen, was mich ein wenig neidisch macht, denn ich kann mich nicht erinnern, dass wir im Schulunterricht jemals ein so spannendes Buch besprochen hätten.
Meine anfänglichen Bedenken, dass ich vielleicht nichts mit diesem Buch anfangen könnte, weil es sich um einen Jugendthriller handelt, haben sich nicht bestätigt, denn ich war von der ersten Seite an vollkommen gefangen von der Geschichte. Auch wenn die Protagonisten fast ausschließlich Jugendliche sind und es nicht nur um die Faszinationskraft dieses Computerspiels, sondern auch um den Schulalltag, Freundschaften und eine zarte Liebesgeschichte geht, war ich von dem Buch ebenso schnell gefesselt wie Nick von diesem Spiel.
Gemeinsam mit Nick bzw. seiner Spielfigur, dem Dunkelelfen Sarius, entdeckt der Leser die virtuelle Spielewelt von Erebos. Zu meinem Erstaunen konnte ich sehr gut nachvollziehen, wie schnell Nick in den Bann des Spiels gerät, denn dieses Rollencomputerspiel besitzt eine ungeheure Sogkraft – nicht nur für den Hauptprotagonisten, sondern auch für den Leser. Furchtbar lästig und fast endlos erschien mir die Zeit, die Nick mit ganz alltäglichen Dingen wie Schule, Hausaufgaben oder mit seinen Eltern verbringen musste. Auch ich konnte es kaum abwarten, an Nicks Seite mit Sarius allerlei spannende Abenteuer zu bestehen und zu erfahren, welche Überraschungen Erebos bereithält, damit Sarius das nächste Level erreicht und vielleicht irgendwann in den Inneren Kreis der fünf besten Spieler aufgenommen wird. Der Alltag verliert allmählich seine Bedeutung, Schule und Freunde werden immer mehr vernachlässigt, denn das Spiel entwickelt ein ungeheures Suchtpotenzial, dem sich Nick nicht mehr entziehen kann.
Ursula Poznanski ist es gelungen, eine sehr phantasievolle, faszinierende und gleichzeitig auch beängstigende Spielewelt zu konzipieren. Das Beeindruckende und gleichzeitig auch sehr Unheimliche an diesem Computerspiel ist, dass es alles über den Spieler weiß und auch seine Wünsche und Gedanken zu kennen scheint. Und so weiß Erebos natürlich auch ganz genau, wo es ansetzen muss, um Nick immer mehr in seinen Bann zu ziehen und zu manipulieren. Als Sarius aufgefordert wird, auch Aufgaben in der realen Welt zu erledigen, verwischen die Grenzen zwischen der virtuellen Spielewelt und der Wirklichkeit immer mehr. Bald kann man zwischen dem Schüler Nick und dem Dunkelelfen Sarius kaum noch unterscheiden, denn der Spielecharakter und die reale Person vermischen sich zunehmend. Anfangs muss Nick in der realen Welt nur kleine, recht harmlose Aufträge erledigen, aber dann wird Erebos immer fordernder und erwartet, dass der Spieler all seine Skrupel über Bord wirft, nur um weiterspielen zu können. Als Leser fragt man sich irgendwann, wie weit Nick noch gehen wird, um nicht von Erebos ausgeschlossen zu werden. Und ich fragte mich auch selbst, wie weit ich in Nicks Alter gegangen wäre, denn ich konnte die verführerische Anziehungskraft dieses Spiels erschreckend gut nachempfinden.
Bis auf ein paar sehr verstörende Passagen, in denen Erebos bzw. der Spieleentwickler selbst zu Wort kommt und die aus der Ich-Perspektive verfasst sind, wird das Buch fast ausschließlich aus der Perspektive des Hauptprotagonisten Nick erzählt. Nick ist ein ganz gewöhnlicher sechzehnjähriger Junge, sehr neugierig, aufgeschlossen und zunächst etwas naiv und arglos. Im Laufe der Erzählung macht er aber eine erstaunliche Entwicklung durch, denn als das Spiel ihm befiehlt, einen Mord zu begehen, ringt er zwar zunächst noch mit sich, aber dann regen sich in ihm doch Skrupel. Er widersteht den Verlockungen und ahnt allmählich, dass er sich auf etwas sehr Gefährliches eingelassen hat. Gemeinsam mit seiner Mitschülerin Emily, in die er heimlich verliebt ist, und ein paar Freunden, die sich dem Spiel verweigert haben, beschließt Nick hinter das Geheimnis von Erebos zu kommen und ihm den Kampf anzusagen.
Nicht nur Nick, sondern auch die Nebencharaktere hat Ursula Poznanski sehr interessant ausgearbeitet. Während Nicks Freund Colin und auch ein paar andere Mitschüler dem Spiel hoffnungslos verfallen sind und ohne zu reflektieren und völlig skrupellos alles tun, was Erebos von ihnen verlangt, widerstehen Emily und Jamie der Versuchung. Und so geht es in Erebos nicht nur um die Faszination von Computerspielen, sondern auch um Freundschaft und Zusammenhalt, denn während im Spiel jeder gegen jeden kämpft, versuchen die Gegner des Spiels gemeinsam gegen Erebos zu kämpfen und ihre Mitschüler vor weiteren Gefahren zu beschützen.
Ich fand das Buch von der ersten Seite an unheimlich spannend und mitreißend. Natürlich merkt man, dass es ein Jugendbuch ist, denn der Schreibstil ist recht einfach gehalten und der Plot ist nicht besonders verzwickt und kompliziert, aber dennoch sehr wendungsreich und nicht vorhersehbar. Das Ende hat mich jedenfalls sehr überrascht und war auch äußerst actiongeladen.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Ursula Poznanski in Erebos zwar sehr eindrücklich die verführerische Faszination, die Gefahr und das Suchtpotenzial von Computerspielen und virtuellen Welten zeigt, aber diese Spiele nicht generell verteufelt. Der pädagogisch erhobene Zeigefinger, der mich bei Jugendbüchern meistens ziemlich nervt und bei der Zielgruppe sicherlich auch eher am Ziel vorbeischießt, fehlt jedenfalls glücklicherweise vollkommen.

Und so war Erebos für mich ein überaus fesselnder Jugendthriller, der mich teilweise auch sehr nachdenklich stimmte und meiner Meinung nach für Leser jeden Alters sehr spannende und unterhaltsame Lesestunden bietet.

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐⭐⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Ursula Poznanski – Erebos
Verlag: Loewe
Ersterscheinungsdatum: 06. Juni 2011
488 Seiten
ISBN 978-3-7855-7361-7

Cover: Loewe

Montagsfrage: Ein Blick zurück – wie bist du zum Bücherwurm geworden?

Montagsfrage

Nachdem ich in den letzten Wochen die Montagsfrage schmählich vernachlässigt habe, möchte ich die Frage, die Buchfresserchen diese Woche stellt, heute gerne beantworten.

MaxMoritzIch weiß gar nicht mehr genau, wie ich zum Bücherwurm geworden bin – ich weiß nur, dass ich es eigentlich schon immer war. Bücher fand ich bereits interessant und spannend, als ich noch gar nicht lesen konnte.
Meine Mutter hat mir abends vor dem Einschlafen oft etwas vorgelesen. Meistens waren es Märchen oder aber Geschichten von Wilhelm Busch – die liebte ich ganz besonders. Ich erinnere mich auch gerne an die Nachmittage, die ich bei meinen Großeltern verbrachte und an denen ich mit meinem Opa stundenlang in seinen Büchern blätterte. Bilderbücher für Kinder fand ich nicht besonders prickelnd, aber die Bücher meines Opas waren toll, denn es waren wunderschöne Fotografien von Tieren und Pflanzen darin abgebildet. Ich weiß noch, dass ich ein bisschen traurig war, weil ich nicht selbst lesen konnte, was unter all den bunten Bildern stand und immer darauf angewiesen war, dass es mir jemand vorliest oder erklärt, aber als ich in die Schule kam, lernte ich recht schnell lesen. Wenn ich etwas wirklich können will, dann klappt das auch recht mühelos – das ist übrigens bis heute so. Lesen war jedenfalls etwas, das ich unbedingt können wollte, und kaum hatte ich die Fähigkeit des Lesens erlernt, war ich nicht mehr zu bremsen und hatte eigentlich immer meine Nase in einem Buch. Meine Eltern wussten genau, dass man mir kein Spielzeug, sondern besser ein Buch schenken muss, wenn man mich richtig glücklich machen will. Puppen fand ich furchtbar doof, mein Bewegungsdrang ging schon damals gegen Null und da ich außerdem ein recht menschenscheues Kind war und nie das Bedürfnis hatte, mit anderen Kindern zu spielen, war Lesen meine liebste Freizeitbeschäftigung. Außerdem malte ich sehr gerne, verfügte allerdings über ein recht bescheidenes künstlerisches Talent und konzentrierte mich dann doch überwiegend aufs Lesen.
Das kleine GespenstIch fühle mich ein wenig wie Methusalem, während ich diese Zeilen schreibe, aber als ich in den 70ern aufgewachsen bin, hatte niemand einen Computer zuhause, geschweige denn einen Gameboy, eine Playstation oder gar Internet. Wir hatten einen uralten Schwarz-Weiß-Fernseher, mit dem man exakt drei Sender empfangen konnte, auf denen jedoch vor 16 Uhr ohnehin nichts gesendet wurde. Gefehlt hat mir aber nichts, denn ich hatte meinen Hund, drei Katzen, viele Buntstifte und natürlich jede Menge Bücher – mehr brauchte ich nicht, um mich zu beschäftigen. Ahhh, doch – irgendwann brauchte ich auch einen Leseausweis für die Stadtbibliothek und verbrachte dort dann häufig meine Nachmittage. Diese vielen Regale voller Bücher faszinierten mich sehr, stundenlang stöberte ich nach neuem Lesestoff und schleppte bergeweise Bücher nach Hause. Ich las eigentlich alles, was mir zwischen die Finger kam. Besonders mochte ich die Bücher von Michael Ende und Otfried Preußler. Nach der Fünf-Freunde-Reihe von Enid Blyton war ich regelrecht süchtig und habe jeden Band gleich mehrfach gelesen. Die Burg-Schreckenstein-Reihe von Oliver Hassencamp, die Drei-Fragezeichen-Reihe von Robert Arthur sowie die Trixie-Belden-Reihe von Julie Campbell liebte ich auch heiß und innig. Irgendwann entdeckte ich die Romantik-Thriller von Ursula Isbel. Die waren unheimlich spannend und gruselig, also ganz nach meinem Geschmack. Eigentlich konnte es mir gar nie gruselig genug sein, und bis heute liebe ich es, wenn mir beim Lesen ein eisiger Schauer über den Rücken läuft. Auch wenn es immer wieder Phasen in meinem Leben gab, in denen ich nicht so viel gelesen habe, hat mich die Liebe zu Büchern eigentlich mein ganzes Leben hinweg begleitet.

© Claudia Bett

Mein Monatsrückblick Juli 2016

Gelesen:

Ach herrje, der Juli war ein recht durchwachsener Lesemonat. Ich habe sechs Bücher gelesen und gleich zwei davon haben mich maßlos enttäuscht und geärgert. Die Hauptprotagonistin in Dein letzter Tag von A. J. Rich brachte mich wirklich auf die Palme, die Tierrechtsproblematik trieb meinen Blutdruck in ungeahnte Höhen und als ob der Tierfreund in mir nicht schon genug gelitten hätte, war der Plot auch noch so vorhersehbar, dass nur leidlich Spannung aufkommen wollte. Als wäre es nicht schon schlimm genug, wertvolle Lese- und Lebenszeit an ein so ärgerliches Buch verschwendet zu haben, endete der Monat dann mit dem absoluten Flop meiner bisherigen Lesekarriere – Die Macht des Schmetterlings von Matt Dickinson. Unfassbar! Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas vergleichbar Dämliches gelesen zu haben, aber mein Ärger hielt sich dennoch in Grenzen, weil ich immerhin nicht alleine war in meinem Leid. Ich habe das Buch nämlich in einer Leserunde gelesen und konnte mich gemeinsam mit anderen darüber austauschen, ärgern und lustig machen. Außerdem ließ es sich so unglaublich schnell nebenbei lesen, dass sich die vergeudete Lesezeit wenigstens in Grenzen hielt. Erträglicher war es auch, weil ich parallel dazu Erebos von Ursula Poznanski gelesen habe, einen Jugendthriller, von dem ich eigentlich gar nicht viel erwartet hatte, der mich aber in jeder Hinsicht begeistern und überzeugen konnte und deshalb eindeutig mein Lesehighlight des vergangenen Monats war. Auch von Michael Theißens Debüt Leons Erbe war ich sehr positiv überrascht und Wulf Dorns wendungsreicher Thriller Trigger bereitete mir ebenfalls überaus spannende Lesestunden. Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken von Jenny Milchman hatte zwar ein paar Schwächen, war aber dennoch spannend und durchaus lesenswert.

Insgesamt habe ich im Juli also sechs Bücher gelesen – das waren 2403 Seiten und somit ca. 77,5 Seiten pro Tag.

  1. Michael Theißen – Leons Erbe (300 Seiten)
  2. Wulf Dorn – Trigger (432 Seiten)
  3. Jenny Milchman – Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken (480 Seiten)
  4. A. J. Rich – Dein letzter Tag (352 Seiten)
  5. ⭐ Ursula Poznanski – Erebos (488 Seiten)⭐
  6. Matt Dickinson – Die Macht des Schmetterlings (351 Seiten)

Gehört:

Ich hatte im vergangenen Monat keine musikalischen Höhepunkte und habe nur selten ganz bewusst Musik gehört. Allerdings wurde ich wochenlang dauerbeschallt, weil ein paar hundert Meter entfernt, allabendlich ein Festival stattfand. Je nach Wetterlage war die Musik häufig so laut und deutlich zu hören, dass ich fast den Eindruck hatte, die Band spielt direkt auf meinem Balkon. Bis auf ein Konzert von Dieter Thomas Kuhn, das mich wirklich an die Grenzen meiner Belastbarkeit brachte, weil mich Schlagermusik einfach unglaublich nervt, hat mich dieses Festival allerdings nicht gestört. Im Gegensatz zu so manchen geräuschempfindlichen Nachbarn, fand ich es sogar meistens wirklich angenehm, abends auf meinem Balkon ein wenig musikalische Untermalung zu haben – sogar live und ohne Eintritt bezahlen zu müssen. Wer hat das schon? Besonders gut gefallen hat mir übrigens Philipp Dittberner, den ich bislang gar nicht kannte.

Gesehen:

Downtown AbbeyIch bin ja ein wenig frustriert, weil ich noch ein paar Monate auf die siebte Staffel von Game of Thrones warten muss. Also begab ich mich auf die Suche nach einer weiteren guten Serie, um mir die Wartezeit ein wenig zu versüßen. Ich stieß bei meiner Suche auf Downton Abbey. Natürlich ist diese Serie nicht vergleichbar mit Game of Thrones, aber dennoch ist sie unglaublich gut und hat absolutes Suchtpotential. Es ist überaus spannend, diese britische Adelsfamilie und ihre Dienerschaft durch die Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu begleiten. Schon nach der ersten Folge fühlte ich mich fast heimisch auf diesem herrschaftlichen Anwesen. Der Zuschauer durchlebt und durchleidet mit dieser Familie und ihren Bediensteten die Wirren des Ersten Weltkrieges, den Ausbruch der Spanische Grippe, den irischen Unabhängigkeitskampf, das Ende des Zarenreichs, den Kampf um das Frauenwahlrecht und den allmählichen Niedergang des britischen Adels. Und natürlich geht es neben all den historischen Ereignissen vor allem um Liebe, Intrigen, Macht und Etikette. Die schauspielerische Besetzung ist großartig. Die besonderen Highlights dieser Serie sind für mich vor allem die brillant bissigen Dialoge von Violet Crawley, die von Maggie Smith einfach wunderbar gespielt wird.
Hach, ich liebe diese Serie, habe selten so viele Tränchen vergossen und mit fiktiven Charakteren so mitgelitten. Grandios! Wirklich schade, dass ich nur noch eine Staffel vor mir habe…

© Claudia Bett

Merken

Merken

Merken

Merken

Buchrezension: Matt Dickinson – Die Macht des Schmetterlings

Matt Dickinson - Die Macht des SchmetterlingsInhalt:

In Großbritannien schlägt ein frisch geschlüpfter Schmetterling zum ersten Mal mit den Flügeln und versetzt damit ein kleines Kaninchen in so große Panik, dass es vollkommen orientierungslos flüchtet und dabei ein Pferd erschreckt, das daraufhin seinen Reiter abwirft, stürzt und sich verletzt. Aber wie hängen diese Ereignisse mit dem Schicksal einer japanischen Bergsteigerin auf dem Mount Everest, einer britischen Pilotin und einem kleinen Jungen in Afrika zusammen? Der Flügelschlag dieses Schmetterlings setzt eine ganze Kette von Ereignissen in Gang, die das Schicksal vieler Menschen auf vier verschiedenen Kontinenten miteinander verbindet und für immer verändern wird.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe dieses Jugendbuch im Rahmen einer Leserunde gelesen, die auf Facebook stattfand und von drei Booktubern ins Leben gerufen wurde. Das Lesen in der Gruppe hat sehr viel Spaß gemacht, denn es war interessant, sich mit anderen Lesern auszutauschen, mit ihnen zu diskutieren und zu sehen, wie unterschiedlich die Meinungen zu einem Buch ausfallen können.
Als ich den Klappentext gelesen hatte, beschloss ich, an dieser Leserunde teilzunehmen, denn obwohl es sich um ein Jugendbuch handelt, klang die Thematik von Die Macht des Schmetterlings äußerst interessant. Die Geschichte, die diesem Buch zugrunde liegt, baut auf der Chaostheorie auf. Diese besagt, dass eine winzig kleine Veränderung der Anfangsbedingungen zu völlig unvorhersehbaren Kettenreaktionen führen und somit weitreichende Auswirkungen auf das ganze System haben kann. Das Phänomen des Schmetterlingseffekts geht auf den Meteorologen und Chaosforscher Edward N. Lorenz zurück. Er versuchte die Theorie, dass kleinste Ursachen mitunter sehr große Wirkung haben können, anhand eines Wettermodells zu bekräftigen und vertrat die These, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Wirbelsturm in Texas hervorrufen könne.
Das Grundkonzept, auf dem Matt Dickinson seinen Roman aufbaut, nämlich anhand einer fiktionalen Geschichte zu zeigen, inwiefern eine minimale Veränderung der ursprünglichen Bedingungen an anderen Orten auf der Welt unvorhersehbare und dramatische Folgen haben kann, klang für mich äußert vielversprechend und spannend. Auch Dickinsons Geschichte beginnt mit dem Flügelschlag eines harmlosen Schmetterlings. Dieser löst jedoch eine Reihe von Kettenreaktionen aus, die das Schicksal vieler Menschen, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, miteinander verbindet und für einige von ihnen dramatische und fatale Folgen haben wird.
Gleich zu Beginn des Romans konfrontiert der Autor den Leser mit zahlreichen verschiedenen Handlungssträngen und einer Vielzahl an Protagonisten. Anfangs war dies für mich etwas verwirrend, da ich keinen Zusammenhang erkennen konnte und es nicht ganz einfach war, den Überblick zu behalten.
Die Kapitel sind auffallend kurz und umfassen maximal ein bis zwei Seiten. Dies führt zu einem sehr schnellen und rasanten Lesefluss, aber leider auch dazu, dass man sich in keinen der vielen Erzählstränge richtig einlesen und zu keinem der Protagonisten eine Verbindung aufbauen kann. Bedauerlicherweise bleiben alle Figuren recht konturlos und haben keine Tiefe. Für das Konzept des Romans ist dies allerdings auch nicht erforderlich, denn es geht weniger um die Figuren selbst als vielmehr um die Wechselbeziehungen, die zwischen ihnen bestehen. Mein Hauptproblem bestand also nicht darin, dass mir alle Protagonisten seltsam fremd blieben, sodass ich mit keinem von ihnen mitfiebern konnte, sondern dass ich noch nie ein Buch gelesen habe, in dem ausnahmslos alle Figuren so unglaublich einfältig und dumm waren wie in diesem Roman. Mit unsympathischen Charakteren kann ich ganz gut leben, denn auch absolute Scheusale haben häufig durchaus ihren Reiz; ich weiß auch, dass ich nicht erwarten kann, dass die Protagonisten eines Romans so agieren, wie ich es tun würde, aber eine solche Ansammlung von so unfassbar dämlichen Personen ist mir noch in keinem Buch begegnet. Kein annährend normaler Mensch würde sich so verhalten oder einen solchen Unsinn absondern. Manche Protagonisten scheinen auch über nahezu übernatürliche Kräfte zu verfügen, was ihre Glaubwürdigkeit nicht unbedingt fördert.
Sieht man von den völlig unrealistischen und nicht nachvollziehbaren Handlungen der Protagonisten ab, war dieses Buch aber leider auch völlig überkonstruiert. Das ist umso fataler, weil dadurch das Konzept, das dem Roman zugrunde liegt, einfach nicht mehr aufgeht. Dem Autor geht es ja eigentlich darum, zu zeigen, auf welche Weise die Lebenswege der verschiedenen Protagonisten miteinander verbunden sind. Idealer- und logischerweise müsste also jeder Handlungsstrang, wenn auch über Umwege, mit dem Flügelschlag des Schmetterlings in Verbindung gebracht werden können. Manche Erzählstränge sind aber gänzlich losgelöst von der ursprünglichen Ausgangssituation und werden erst im Nachhinein auf geradezu aberwitzige Weise mit ihr verflochten. Natürlich beruht das Konzept des Romans auf der Verkettung von Zufällen; dass Zufälle nicht zwingend einer bestimmten Logik folgen, ist mir vollkommen klar, aber sie müssten zumindest möglich sein. Leider hat der Autor aber auch die Gesetze von Raum und Zeit mitunter völlig außer Acht gelassen, sodass sein Konzept am Ende des Romans völlig aus dem Ruder läuft. Auf den letzten Seiten musste ich wirklich herzlich lachen, denn das Romanende ist vollkommen überkonstruiert und auf geradezu lächerliche Weise absurd.
Selten hat mich ein Buch so geärgert und enttäuscht wie dieses. Leider ist es auch sprachlich vollkommen unterkomplex und wirklich eine Zumutung. Unfassbar, welche Worte der Autor seinen Protagonisten in den Mund legt und welche strategischen Überlegungen er manche Tiere anstellen lässt. Hätte ich das Buch alleine gelesen, hätte ich es vermutlich nach den ersten 50 Seiten abgebrochen, aber das Lesen in der Gruppe und die lebendige Diskussion über die unterschiedlichsten Leseeindrücke ließen mich durchhalten und machten die Lektüre dennoch zu einem recht unterhaltsamen Erlebnis. Stellenweise war das Buch sogar recht spannend, selbst wenn ich häufig nur deshalb mitfieberte, weil ich hoffte, so manchen Protagonisten einfach kläglich scheitern zu sehen.
Wie man es schafft, eine wirklich gute Grundidee, die Potential für eine überaus spannende und verzwickte Geschichte haben könnte, so zu verhunzen, ist aber schon bedauerlich. Das war wohl nix – schade!

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐ (1 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Matt Dickinson: Die Macht des Schmetterlings
Verlag: Baumhaus Verlag
Ersterscheinungsdatum: 21. Juni 2013
351 Seiten
ISBN 978-3-8339-0169-0

Cover: Baumhaus Verlag

Merken

Merken

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im August 2016

Immer wenn ich von einer Leseflaute heimgesucht werde, blättere ich mich durch Verlagsvorschauen und hole mir Inspirationen für neuen Lesestoff, denn die Vorfreude auf neue Bücher weckt meistens wieder meine Lust am Lesen.
Im August erscheinen so viele tolle neue Bücher, dass es mir schwer fiel, mich auf eine kleine Auswahl zu beschränken.

Ich habe erst vor ein paar Monaten Melanie Raabes Debütroman Die Falle gelesen und war so restlos begeistert von diesem Buch, dass ich hoffte, bald noch mehr von dieser Autorin lesen zu dürfen. Im kommenden Monat ist es nun endlich so weit, denn am 29. August erscheint Melanie Raabes zweiter Thriller Die Wahrheit, auf den ich mich schon sehr freue.

DIE WAHRHEIT von Melanie RaabeVor sieben Jahren ist der reiche und zurückgezogen lebende Geschäftsmann Philipp Petersen während einer Südamerikareise spurlos verschwunden. Seither zieht seine Frau Sarah (37) den gemeinsamen Sohn alleine groß. Doch dann erhält Sarah wie aus heiterem Himmel die Nachricht, dass Philipp am Leben ist. Die Rückkehr des vermeintlichen Entführungsopfers löst ein gewaltiges Medieninteresse aus. Sarah hat zwiespältige Gefühle, nach all der Zeit verständlich. Sie hat eine harte Zeit hinter sich. Gerade war sie dabei, sich von der Vergangenheit zu lösen. Ihr Ehemann taucht, wenn man so will, zur Unzeit auf. Was wird werden? Gibt es eine gemeinsame Zukunft? Sie ist auf alles vorbereitet, nur auf das eine nicht: Der Mann, der aus dem Flugzeug steigt, ist nicht der, als der er sich ausgibt. Es ist nicht ihr Ehemann. Es ist ein Fremder – und er droht Sarah: Wenn sie ihn jetzt bloßstelle, werde sie alles verlieren: ihren Mann, ihr Kind, ihr ganzes scheinbar so perfektes Leben … (Klappentext btb)

Melanie Raabe – Die Wahrheit
Verlag: btb
Ersterscheinungstermin: 29. August 2016
Klappenbroschur – 448 Seiten – 16,00 €
ISBN 978-3-442-75492-2


Anders von Anita TerpstraWie gut kennen wir die, die uns am nächsten sind, wirklich?

Alma Meester, ihr Mann Linc und die beiden Kinder Iris und Sander sind eine ganz normale, glückliche Familie. Bis zu dem Tag, als der elfjährige Sander zusammen mit einem Freund während eines Ferienlagers spurlos verschwindet. Der andere Junge wird kurz darauf tot aufgefunden, doch Sander bleibt wie vom Erdboden verschluckt. Sechs Jahre später meldet sich ein junger Mann bei einer deutschen Polizeistation. Er sei der verschwundene Sander Meester. Die Familie ist überglücklich, doch nach und nach kommen der Mutter Zweifel. Ist der Junge wirklich ihr Sohn? Und was ist in der Nacht damals tatsächlich passiert? (Klappentext Blanvalet)

 

Anita Terpstra – Anders
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 15. August 2016
Taschenbuch – 384 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-7341-0257-8


Ich liebe skandinavische Thriller und bin deshalb sehr gespannt auf das Debüt dieser schwedischen Autorin

Die Vermissten von Caroline ErikssonDas grünschwarze Wasser leuchtet geheimnisvoll in der untergehenden Sommersonne. Der Abend könnte nicht schöner sein, als Greta, Alex und Tochter Smilla mit dem Boot zur kleinen Insel in der Mitte des Sees fahren. Greta bleibt am Ufer, während die anderen beiden neugierig auf Entdeckungstour gehen. Aber sie kommen nicht mehr zurück. Beunruhigt macht sich Greta auf die Suche – doch von Alex und Smilla fehlt jede Spur … In ihrer wachsenden Verzweiflung wendet sie sich an die Polizei. Schnell wird klar, dass Gretas eigene Geschichte ebenso große Rätsel aufwirft wie das Verschwinden ihrer Lieben. Und die Frage: Hat sie etwas damit zu tun? (Klappentext Penguin)

 

Caroline Eriksson – Die Vermissten
Verlag: Penguin Verlag
Ersterscheinungsdatum: 8. August 2016
Klappenbroschur – 272 Seiten – 13,00 €
ISBN 978-3-328-10038-6


Russell Wangersky - WaltHi, ich bin Walt. Ich sammle weggeworfene Einkaufslisten. Das klingt vielleicht ein bisschen schräg, aber Sie ahnen ja nicht, was man auf diese Weise alles über jemanden erfährt! Das ist fast, als wäre ich selbst Teil der Familie. Ich gebe zu, ich bin einsam, seit meine Frau Mary mich vor ein paar Jahren verlassen hat. Kaum jemand gönnt mir einen zweiten Blick – als wäre ich unsichtbar. Besonders gern sammle ich die Zettel von Alisha. Sie ist noch so jung, jemand sollte auf sie Acht geben, finde ich. Ich mache das gern, auch wenn sie nicht mal ahnt, dass ich existiere … (Klappentext Knaur)

 

 

Russell Wangersky – Walt
Verlag: Knaur TB
Ersterscheinungsdatum: 01. August 2016
Klappenbroschur – 304 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-426-51742-0


Bei Jugendbüchern bin ich immer ein wenig skeptisch, weil ich dem Alter der eigentlichen Zielgruppe schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen bin, aber Ursula Poznanskis Jugendthriller Erebos hat mir ausgesprochen gut gefallen und war so unglaublich spannend, dass ich mich schon sehr auf ihr neues Buch Elanus freue.

Ursula Poznanski - ElanusEs ist klein. Es ist leise. Es sieht alles.

Jona ist siebzehn und seinen Altersgenossen ein ganzes Stück voraus, was Intelligenz und Auffassungsgabe betrifft. Allerdings ist er auch sehr talentiert darin, sich bei anderen unbeliebt zu machen und anzuecken. Auf die hervorgerufene Ablehnung reagiert Jonas auf ganz eigene Weise: Er lässt sein privates Forschungsobjekt auf seine Neider los: eine Drohne. Klein, leise, mit einer hervorragenden Kamera ausgestattet und imstande, jede Person aufzuspüren, über deren Handynummer Jona verfügt. Mit dem, was er auf diese Weise zu sehen bekommt, kann er sich zur Wehr setzen gegen Spott und Häme.
Doch dann erfährt er etwas, das besser unentdeckt geblieben wäre, und plötzlich schwebt er in tödlicher Gefahr. (Klappentext Loewe Verlag)

Ursula Poznanski – Elanus
Verlag: Loewe
Ersterscheinungsdatum: 22. August 2016
Klappenbroschur – 416 Seiten – 14,95 €
ISBN 978-3-7855-8231-2


Neben Thrillern haben in der letzten Zeit auch Dystopien mein Interesse geweckt. Dieser postapokalyptische Roman klingt jedenfalls äußerst vielversprechend…

Adrian J Walker - Am Ende aller ZeitenWie weit würdest du gehen … für die, die du liebst?

Edgar Hill ist Mitte dreißig, und er hat sein Leben gründlich satt. Unzufrieden mit sich und seinem Alltag in Schottland als Angestellter, Familienvater und Eigenheimbesitzer, fragt er sich vor allem eins: Hat das alles irgendwann einmal ein Ende? Er ahnt nicht, dass sich die Katastrophe bereits anbahnt.
Als das Ende kommt, kommt es von oben: Ein dramatischer Asteroidenschauer verwüstet die Britischen Inseln. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Ganze Städte werden ausgelöscht. Straßen, das Internet, die Zivilisation selbst gehören plötzlich der Vergangenheit an. England liegt in Schutt und Asche. Ist dies der Weltuntergang?

Edgar und seine Familie werden während der Evakuierung voneinander getrennt, und ihm bleibt nur eine Wahl: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er 500 Meilen weit laufen, durch ein zerstörtes Land und über die verbrannte Erde, von Edinburgh nach Cornwall. Zusammen mit einigen wenigen Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Ultra-Marathon durch ein sterbendes Land. Doch sein Weg ist gefährlich: Im postapokalyptischen England kämpft jeder gegen jeden ums blanke Überleben. (Klappentext S. Fischer Verlage)

Adrian J Walker – Am Ende aller Zeiten
Verlag: FISCHER Tor
Ersterscheinungsdatum: 25. August 2016
Klappenbroschur – 432 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-596-03704-9

Buchrezension: Jamie Mason – In guten wie in bösen Tagen

Jamie Mason - In guten wie in bösen TagenInhalt:

Die Kindheit von Dee und ihrem Bruder Simon war in jeder Hinsicht unkonventionell. Ihre Mutter Annette war alleinerziehend, arbeitete als Geheimagentin, erzog ihre Kinder zu ständiger Wachsamkeit und schärfte ihnen ein, niemandem zu vertrauen und immer auf das Schlimmste gefasst sein zu müssen. Spielerisch brachte sie ihnen bei, wie man Menschen und Situationen genauestens beobachtet und richtig einschätzt, um Gefahren rechtzeitig erkennen zu können. Obwohl Dee mit viel Liebe und Fürsorge aufgewachsen ist und ihre Mutter sich stets bemühte, den Alltag ihrer Kinder so normal wie möglich zu gestalten, wünscht sich Dee nichts sehnlicher, als endlich ein ruhiges und beschauliches Leben führen zu können. Als sie während ihres Studiums Patrick kennenlernt, ist sie sicher, nun einen Mann gefunden zu haben, an dessen Seite sie in behaglicher Normalität leben kann, ohne jeden Tag mit bösen Überraschungen rechnen zu müssen.
Dee ist nun seit fast zehn Jahren glücklich mit Patrick verheiratet; ihre Mutter ist inzwischen verstorben und hat ihr ein beträchtliches Vermögen hinterlassen. Seit einiger Zeit verhält sich ihr Mann plötzlich recht eigenartig und hat offenbar Geheimnisse vor ihr. Außerdem spürt sie, dass sie ständig beobachtet und von jemandem verfolgt wird. Es scheint sich nun doch als recht nützlich zu erweisen, dass ihre Mutter ihr bereits in frühster Kindheit beigebracht hat, Warnsignale rechtzeitig zu erkennen, denn Dee ahnt, dass sie in Gefahr ist und ihr Mann ein neues Leben plant – ein Leben ohne sie…

Meine persönliche Meinung:

Es fällt mir nicht leicht, In guten wie in bösen Tagen von Jamie Mason zu rezensieren und diesem Buch mit wenigen pauschalisierenden Worten gerecht zu werden, denn es war gänzlich anders als ich es mir anhand des Klappentextes vorgestellt hatte. Teilweise war ich enttäuscht, weil meine Erwartungen nicht erfüllt wurden, aber manche Aspekte haben mich auch sehr positiv überrascht. Erwartet hatte ich einen fesselnden Psychothriller, der mich in die Abgründe menschlicher Seelen führen würde und bekommen habe ich das erschütternde Psychogramm einer Ehe und die Verarbeitung einer problematischen Kindheit.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive der Hauptprotagonistin Dee erzählt. Somit erhält der Leser natürlich sehr tiefe Einblicke in Dees Gedanken- und Gefühlwelt. Der Autorin ist es sehr gut gelungen, eine äußerst vielschichtige und dreidimensionale Protagonistin zu gestalten, in die ich mich sehr gut einfühlen konnte. Der Leser begleitet Dee während der Autofahrt zu einem Ort, an dem sie sich erhofft, endlich herauszufinden, warum und von wem sie seit Monaten verfolgt wird und weshalb ihr Leben vollkommen aus den Fugen zu geraten scheint. Während der Fahrt führt sie eine Art inneren Dialog mit ihrer verstorbenen Mutter, reflektiert über die Ereignisse der letzten Monate, ihre Vergangenheit und lässt ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal Revue passieren. Sie erinnert sich an ihre unkonventionelle Kindheit, ihren Wunsch, dieses gefahrenvolle Leben an der Seite ihrer Mutter endlich hinter sich zu lassen und ihre Hoffnung, in Patrick einen soliden Mann gefunden zu haben, mit dem sie ein ruhiges Leben führen kann, ohne ständig mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen. Doch als sie über die Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit nachdenkt, erkennt sie, dass sich ihre Hoffnungen nicht erfüllt haben und erlangt auch die Gewissheit, dass sie es den ungewöhnlichen Erziehungsmaßnahmen ihrer Mutter und ihrer Kindheit in ständiger Alarmbereitschaft zu verdanken hat, dass sie Warnsignale und Gefahren frühzeitig erkennen kann. Dabei kommt sie auch zu der sehr schmerzhaften Überzeugung, dass ihr Ehemann Patrick nicht der ist, der er vorgab zu sein und gelangt auch zu der ernüchternden Erkenntnis, dass ihre Ehe ganz grundsätzlich auf falschen und vollkommen unterschiedlichen Erwartungen beruhte.

Ich hatte Patrick ausgewählt, weil er für etwas stand, nicht wegen dem, der er war.

So wie Dee ihren Mann beschreibt, würde ich ihn als furchtbaren Langweiler bezeichnen, aber Dee sehnte sich geradezu nach etwas Langeweile oder zumindest nach Beständigkeit, Sicherheit, Ruhe und vorhersehbaren und zuverlässigen Strukturen, denn all das kannte sie vor ihrer Begegnung mit Patrick nicht. Während dieser Autofahrt erkennt sie, dass die Wahl ihres Ehemannes im Grunde eine Art Rebellion gegen ihre Mutter war, muss aber auch zugeben, dass ihre Mutter ihr sehr wertvolle Ratschläge auf den Weg gab und die erlernten Fähigkeiten ihr nun geholfen haben, herauszufinden, was ihr Mann im Schilde führt. Und so verarbeitet sie bei dieser Fahrt auch ihre mitunter schwierige Kindheit, schließt Frieden mit ihrer verstorbenen Mutter und nimmt innerlich Abschied. Mich haben Dees Gedanken tief berührt, denn auch wenn ihre Kindheit nicht einfach war und die Geheimnisse, die ihre Mutter umgaben, Dee sehr belastet haben, klagt sie ihre Mutter nicht an, sondern ist erfüllt von Dankbarkeit und auch sehr schönen und liebevollen Kindheitserinnerungen.
Ich muss zugeben, dass es mir nicht leichtfiel, mich in dieses Buch einzufinden, denn es dauert recht lange, bis die Geschichte in Gang kommt. Allerdings hat mich das hohe sprachliche Niveau schon auf den ersten Seiten sehr beeindruckt. Der Schreibstil der Autorin ist für dieses Genre sehr außergewöhnlich, denn er ist teilweise fast poetisch. Allerdings hat mir die Spannung fast vollständig gefehlt. Der Leser begleitet Dee während dieser Autofahrt, erfährt, wie sich ihr Leben in den letzten Wochen verändert hat und wirft einen Blick zurück in ihre Vergangenheit, aber es passiert eben leider nichts. Ich würde dieses Buch keineswegs als Psychothriller, sondern einfach als Roman bezeichnen, denn er weist nahezu keine Thrillerelemente auf. Erst ganz am Ende des Buches, als Dee das Ziel ihrer Fahrt erreicht, kommt es zu einem überraschend actionreichen Showdown, aber ansonsten war dieses Buch leider sehr vorhersehbar und auch ziemlich langweilig.
Für mich war In guten wie in bösen Tagen ein überaus einfühlsames, psychologisch ausgefeiltes Buch, das mich zwar emotional sehr tief berührte, aber leider nicht fesseln konnte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐⭐⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jamie Mason: In guten wie in bösen Tagen
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 10. Juni 2016
318 Seiten
ISBN 978-3-404-17371-6

Cover: Bastei Lübbe

Buchrezension: A. J. Rich – Dein letzter Tag

Dein letzter Tag von A J RichInhalt:

Morgan Prager studiert forensische Psychologie am John Jay College of Criminal Justice in Manhattan, beschäftigt sich mit Opferforschung und arbeitet gerade an ihrer Doktorarbeit. Als sie eines Tages von der Uni nach Hause kommt, die Wohnungstür offen vorfindet und die blutigen Pfotenabdrücke ihrer Hunde im Flur bemerkt, ahnt sie sofort, dass etwas nicht stimmt. Im Schlafzimmer findet sie die grausam zugerichtete Leiche ihres Verlobten Bennett. Ihre drei Hunde sitzen neben dem Toten und sind über und über mit Blut beschmiert.
Als Morgan Bennetts Eltern von dem tragischen Tod ihres Sohnes unterrichten will, muss sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass nichts von dem, was ihr Verlobter ihr jemals über sein Leben, seine Herkunft und seinen Beruf erzählt hat, der Wahrheit entsprach. Außerdem findet sie heraus, dass Bennett nicht nur mit ihr, sondern mit auch mit zahlreichen anderen Frauen verlobt war. Sie muss das Geheimnis seiner wahren Identität lüften, denn seine anderen Verlobten kommen nach und nach auf rätselhafte Weise ums Leben, und Morgan muss befürchten, bald die Nächste zu sein.

Meine persönliche Meinung:

A. J. Rich ist das Pseudonym der beiden US-amerikanischen Autorinnen Amy Hempel und Jill Cement. Da es sich hierbei um zwei renommierte Schriftstellerinnen handelt und der Klappentext sehr spannend klang, habe ich mich sehr auf dieses Buch gefreut und hatte eine ziemlich hohe Erwartungshaltung, die leider in mehrfacher Hinsicht enttäuscht wurde.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive der Hauptprotagonistin Morgan berichtet. Diese Erzählsituation sollte eigentlich dazu führen, dass sich der Leser mit der erzählenden Person identifizieren kann – dies wollte mir bei Morgan leider nicht gelingen. Diese Frau ging mir bereits auf den ersten Seiten so ungeheuer auf die Nerven und handelt so vollkommen irrational, dass es mir gänzlich unmöglich war, mich auf ihre Seite zu schlagen. Spannend fand ich an dieser Figur lediglich, dass sie sich mit Viktimologie (Opferforschung) beschäftigt, Opfertypologien erstellt und der Frage nachgeht, welche Verhaltensweisen von Frauen dazu beitragen, Opfer männlicher Straftäter zu werden. Man merkt deutlich, dass die Autorinnen sehr präzise recherchiert und sich intensiv mit Opferkunde und Soziopathie auseinandergesetzt haben. Auch wenn diese Textstellen den Handlungsverlauf unterbrechen und drögen wissenschaftlichen Abhandlungen gleichen, haben sie mir recht gut gefallen, weil ich die Thematik äußerst interessant finde.
Obwohl die Hauptprotagonistin dieses Thrillers also über allerlei Fachwissen über charakterliche Eigenheiten weiblicher Opfer verfügt, scheint sie daraus recht wenig Lehren für ihr eigenes Leben zu ziehen. Diese Frau ist so gnadenlos einfältig und naiv, dass sie für jeden Verbrecher ein gefundenes Fressen ist. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man mit jemandem verlobt sein kann und nicht merkt, dass es noch andere Verlobte gibt. Morgan führt mit Bennett ja keineswegs nur eine oberflächliche Beziehung, bei der so etwas vielleicht noch unbemerkt bleiben könnte, sondern wohnt mit ihm unter einem Dach und will ihn heiraten. Ich finde es auch recht eigenartig, nicht zu merken, welchem Beruf der künftige Ehemann nachgeht und nie in seiner Wohnung gewesen zu sein, bevor man ihn bei sich einziehen lässt. Nun denn, Morgan kam all das offenbar nie merkwürdig vor und stößt erst auf diese Ungereimheiten als ihr Zukünftiger tot ist. Man könnte meinen, dass eine Frau, die sich mit Opferforschung beschäftigt und von ihrem Verlobten derartig hinters Licht geführt wurde, ihre generelle Gutgläubigkeit einfach mal überdenkt, aber leider macht sie im Verlauf der Geschichte keinerlei persönliche Entwicklung durch. Am Ende des Romans ist mir wirklich fast der Kragen geplatzt, denn sie scheint gar nichts dazugelernt zu haben. Sie hat sich in ihrer Opferrolle offenbar behaglich eingerichtet und sieht den Grund dafür nicht etwa in ihrer grenzenlosen Naivität, sondern in ihrer Gutmütigkeit und ihrem Altruismus. Worin dieser bestehen könnte, wollte sich mir jedoch nicht erschließen, denn ich hatte den Eindruck, diese Frau denkt ausschließlich an sich selbst. Ich habe wirklich nichts gegen facettenreiche und ambivalente Figuren, aber alles an dieser Hauptprotagonistin ist so widersprüchlich, dass ich einfach nur den Kopf schütteln konnte.
Hätte ich geahnt, dass es in diesem Thriller nicht nur um eine Frau geht, die den Mord an ihrem Verlobten aufklären und hinter die Geheimnisse seiner wahren Identität kommen will, sondern auch ihre Hunde und das Thema Tierschutz im Mittelpunkt der Geschichte stehen, hätte ich ihn vermutlich nicht gelesen. Da eine der beiden Autorinnen selbst im Tierschutz aktiv ist, fragte ich mich ernsthaft, wie sie die Protagonistin ihres Buches überhaupt selbst ertragen konnte. Morgan versteht sich als engagierte Tierschützerin, hat ihre drei Hunde aus der Tötung gerettet und bei sich aufgenommen. Einer von ihnen, ein Pyrenäenberghund, eine Hunderasse also, die für ihre Sanftmut geradezu berühmt ist, ist bereits als kleiner Welpe zu ihr gekommen. Sie erklärt ausschweifend, wie wichtig ihr der Tierschutz ist und wie sehr sie ihre Hunde liebt. Trotzdem hat sie sich aber mit einem Mann verlobt, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er Tiere im Allgemeinen und ihre Hunde im Besonderen nicht unbedingt mag. Als wäre das nicht schon abstrus genug, glaubt sie anfangs aber ernsthaft, dass ihre schwanzwedelnden Fiffis ihren Verlobten zerfleischt haben. Ihre Hunde werden dann als besonders gefährlich eingestuft und ins Tierheim verbracht. Während diese bemitleidenswerten Tiere dort im Todestrakt sitzen und darauf warten, aufgrund ihrer vermeintlichen Gefährlichkeit eingeschläfert zu werden, begibt sich Morgan auf die Suche nach den zahlreichen anderen Verlobten ihres verstorbenen Partners und hält bei dieser Gelegenheit auch gleich Ausschau nach einem adäquaten Nachfolger oder wenigstens nach einem kurzfristigen Sexualpartner. Wollten die beiden Autorinnen unbedingt eine erotische Komponente in ihren Roman einbauen?
Nun ja, immerhin regen sich in Morgan zwischendurch doch irgendwann Zweifel, dass ihre Hunde tatsächlich ihren Verlobten getötet haben. Und so engagiert sie einen Anwalt, der sich auf Tierrecht spezialisiert hat, um ihre Hunde vor der Einschläferung zu bewahren. Ich fand die Idee, einen Tierrechtsfall in die Geschichte einzubauen, wirklich sehr interessant und war äußerst gespannt, wie dieser Jurist nun vorgehen wird, um die Unschuld seiner vierbeinigen Mandanten zu beweisen. Als Mann scheint er durchaus seine Qualitäten zu haben, aber als Jurist hat er ganz offensichtlich überhaupt keine. Bis zum Schluss konnte ich jedenfalls nicht erkennen, worin seine eigentlichen Fähigkeiten liegen und inwiefern seine juristischen Kenntnisse jemals zum Einsatz kommen.
Nun, ich darf nicht davon ausgehen, dass die Protagonisten eines Thrillers so agieren, wie ich es von ihnen erwarten würde, aber eine verantwortungsbewusste Tierhalterin und beherzte Tierschützerin, die sich so dämlich verhält und ein Fachanwalt für Tierrecht, der im Grunde überhaupt nicht aktiv wird, sind geradezu absurd. Recht seltsam fand ich auch, dass die Polizei in diesem Fall nicht ermittelt, sondern Morgan bei ihren Recherchen vollkommen auf sich allein gestellt ist. Das ist umso abstruser, da die anderen Verlobten von Bennett der Reihe nach ums Leben kommen. Aber das ist nur einer von vielen Logikbrüchen, die dieses Buch durchziehen.
Trotzdem muss ich zugeben, dass dieser Thriller bis zur Mitte recht spannend war und sich der Schreibstil sehr flüssig lesen ließ. Ab einem gewissen Punkt war der Plot jedoch sehr vorhersehbar. Spannend war für mich eigentlich nur noch, wie die Geschichte für diese bemitleidenswerten Hunde enden wird, während mir Morgans Schicksal irgendwann wirklich gleichgültig war.
Interessant fand ich an diesem Buch lediglich die Themenbereiche Tierrecht und Opferforschung. Ein Tierrechtsfall ist mir im Thriller- und Krimigenre bislang nie begegnet und wäre einer ernsthaften Auseinandersetzung wirklich wert. Leider wurde das Potential, das diese Thematik hätte, von den Autorinnen vollkommen verschenkt.
Mich hat Dein letzter Tag leider sehr enttäuscht. Nicht nur die Protagonisten, sondern auch der Plot konnten mich nicht überzeugen. Für Leser, denen Tierschutz am Herzen liegt oder die Hundeliebhaber sind, ist dieses Buch eher nicht geeignet, falls sie ihre Nerven schonen wollen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung:⭐ (1 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

A. J. Rich – Dein letzter Tag
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 20. Juni 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-7341-0267-7

Cover: Blanvalet Verlag

Merken

Merken