Buchrezension: Petra Busch – Schweig still, mein Kind

Inhalt:

9783426505571.jpg.33210730Hanna Brock, eine Redakteurin aus Hamburg, die im Schwarzwald für einen Wanderführer recherchiert, findet bei einer ihrer Wanderungen, nahe eines kleinen, idyllisch gelegenen Dorfes, die grausam zugerichtete Leiche einer schwangeren Frau. Die Tote wurde nicht nur brutal erschlagen, man hatte ihr auch ihr ungeborenes Kind aus dem Bauch geschnitten. Bei der Leiche handelt es sich um Elisabeth Sommer, die zehn Jahre zuvor dem Dorf den Rücken gekehrt hatte, den Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden abbrach und erst ein paar Tage vor ihrer Ermordung zurückgekehrt war, um mit ihrem Vater dessen 60. Geburtstag zu feiern. Als Moritz Ehrlinspiel, Kriminalhauptkommissar aus Freiburg, mit dem Fall betraut wird, stößt er bei der verschworenen und von Aberglauben geprägten Dorfgemeinschaft auf eine Mauer des Schweigens. Die Dorfbewohner scheinen kein Interesse daran zu haben, ihn bei seiner Ermittlungsarbeit zu unterstützen, sondern hüten offenbar ein Geheimnis, das in die Vergangenheit zurückreicht und keinesfalls ans Licht kommen darf. Auch die Familie der Toten verhält sich recht eigenartig, denn während ihr Vater an seiner Trauer fast zerbricht, erweist sich ihre herrschsüchtige Mutter als emotionslos und wenig betroffen von der Ermordung ihrer einzigen Tochter. Hat der Bruder Elisabeths, der autistische Eigenbrötler Bruno, etwas mit dem Mord an seiner Schwester zu tun? Wo ist das ungeborene Baby, das der Toten entrissen wurde? Und welches düstere Geheimnis hüten die Dorfbewohner? Ehrlinspiel wird klar, dass er mit seinen Ermittlungen offenbar in ein Wespennest gestochen hat und das Motiv des Verbrechens in der Vergangenheit zu suchen ist. Hanna Brock ist ihm bei seinen Ermittlungen auch keine große Hilfe, denn die ermittelt im Alleingang und behält ihre gewonnenen Informationen zunächst für sich. Um den Fall zu lösen, muss Ehrlinspiel aber mit der neugierigen und recht eigenwilligen Journalistin kooperieren.

Meine persönliche Meinung:

Ich kenne die Autorin Petra Busch persönlich, schätze und mag sie sehr, da uns nicht nur das Interesse an Literatur, sondern auch die Liebe zu Tieren, vor allem zu Katzen verbindet. Ich versuche bei der Rezension ihrer Bücher aber dennoch, objektiv zu bleiben und sie unvoreingenommen und ehrlich zu bewerten.
Bei Schweig still, mein Kind handelt es sich um den ersten Fall des Freiburger Kommissars Moritz Ehrlinspiel, dem inzwischen zwei weitere gefolgt sind. Für ihren ersten Kriminalroman wurde Petra Busch 2010 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis für das beste Debüt ausgezeichnet. Doch auch von solchen Preisen darf man sich nicht blenden lassen. Schweig still, mein Kind hat diesen Preis aber vollkommen zu Recht erhalten. Meiner Meinung nach ist es einer der besten deutschsprachigen Kriminalromane und ich habe ihn innerhalb weniger Nächte regelrecht verschlungen. Besonders beeindruckt war ich sofort von der poetischen Sprache, die man im Krimigenre leider oft vermisst. Einen Kriminalroman in einer so schönen und dennoch klaren Sprache zu lesen, ist wirklich ein Genuss. Fasziniert war ich nicht nur von dem sorgfältig konstruierten Spannungsbogen, dem Perspektivwechsel, der mich immer wieder auf die falsche Fährte führte, von vielen überraschenden Wendungen, die die knisternde Spannung bis zum Schluss anhalten ließen, sondern auch von den liebevoll gezeichneten und glaubwürdig dargestellten Charakteren. Der Hauptprotagonist Moritz Ehrlinspiel ist mir sofort ans Herz gewachsen, denn er ist anders als die ewig frustrierten, unzufriedenen, depressiven, vereinsamten und kränkelnden Ermittler, die ansonsten die Krimilandschaft bevölkern. Er lebt zwar alleine, ist zweifellos ein Mann mit Ecken und Kanten, aber er ist doch recht zufrieden, liebt gutes Essen und hat liebenswürdige Charaktereigenschaften. So kreiert er zum Beispiel in seiner Freizeit Futterrezepte für seine beiden Kater Bentley und Bugatti.
Man merkt, dass die Autorin für ihre Bücher sehr akribisch recherchiert. Die Polizeiarbeit und auch die Arbeit der Gerichtsmediziner werden sehr authentisch dargestellt. Besonders beeindruckt haben mich die Passagen, die aus der Perspektive des Autisten Bruno erzählt sind, und Einblicke in die Sichtweise eines Savants, also eines autistischen Menschen mit einer Inselbegabung gewähren.
Für mich hat Schweig still, mein Kind alles, was ein guter und spannender Kriminalroman braucht: einen raffinierten, gut durchdachten und stimmigen Plot, unvorhersehbare Wendungen, glaubhafte Charaktere, sympathische Ermittler, dunkle Geheimnisse, menschliche Abgründe und eine düstere Novemberstimmung.
Wer in Krimis auf blutige Details und brutale Gewaltdarstellungen wartet, wird jedoch enttäuscht sein. Stattdessen beweist die Autorin, dass man auch mit leisen Tönen und auf einfühlsame Art und Weise von Verbrechen und Morden erzählen und beim Leser dennoch Spannung und Gänsehaut erzeugen kann. Wer solche Krimis mag, dem seien auch die anderen Kriminalromane von Petra Busch wärmstens ans Herz gelegt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Petra Busch: Schweig still, mein Kind
Droemer Knaur 2010
448 Seiten
ISBN 978-3-426-50557-1

Cover: Droemer Knaur

Buchrezension: Urs Widmer – Der Geliebte der Mutter

der Geliebte der MutterInhalt:

„Heute ist der Geliebte meiner Mutter gestorben“, lautet der erste Satz von Urs Widmers im Jahr 2000 erschienenem Roman Der Geliebte der Mutter, in dem der Sohn, der Ich-Erzähler, die Geschichte der lebenslangen, unerfüllten und selbstzerstörerischen Liebe seiner Mutter Clara zu dem egozentrischen Dirigenten Edwin aufzeichnet.

Die Mutter liebte ihn ihr ganzes Leben lang. Unbemerkt von ihm, unbemerkt von jedermann.

Clara, die vom Erzähler stets nur „die Mutter“ genannt wird, stammt aus wohlhabendem Haus und ist jung, reich und schön als sie den talentierten aber mittellosen Dirigenten Edwin kennenlernt. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter muss sie sich alleine um den Haushalt und ihren Vater kümmern, der seine Tochter tyrannisiert und immer wieder demütigt und erniedrigt. Zerstreuung findet sie lediglich in der Musik und bei regelmäßigen Konzertbesuchen des neu gegründeten „Jungen Orchesters“. Sie ist voller Bewunderung für den jungen Dirigenten, der vor allem neue, verpönte und unkonventionelle Musik spielt, und verliebt sich unsterblich in ihn. Hingebungsvoll unterstützt sie das „Junge Orchester“, wird zum „Mädchen für alles“ und investiert nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihr Geld, um Edwin zu ersten Erfolgen zu verhelfen.

Vor den Proben stellte die Mutter die Stühle und Pulte bereit, zentimetergenau. Sie prüfte ob der Raum genügend geheizt war. Ob ein Gebläse rauschte. […]
Edwin merkte nicht einmal, daß er die Türen nicht mehr selber öffnete.

Clara organisiert auch eine Gastspielreise nach Paris, auf der sie mit Edwin eine erste Liebesnacht verbringt. Während er sie nach wie vor nur beiläufig wahrnimmt, unterstützt sie ihn weiterhin bei seinem kometenhaften Aufstieg. Über Nacht verarmt Clara, verliert nach dem Tod ihres Vaters durch den Börsenkrach 1929 ihr gesamtes Vermögen, muss ihr Elternhaus verkaufen und bezieht ein kleines Zimmer. Dort besucht Edwin sie hin und wieder und zwingt sie, als sie schwanger wird, zur Abtreibung. Als sie ihm nicht mehr nützlich sein kann, bricht er den Kontakt stillschweigend ab und heiratet die reiche Alleinerbin einer Maschinenfabrik – nur zufällig erfährt Clara von der Hochzeit ihres Geliebten. Rücksichtslos und unaufhaltsam verfolgt Edwin seine Karriere, zu der sie ihm verholfen hatte, avanciert nicht nur zu einem berühmten Dirigenten, sondern auch zu einem erfolgreichen Unternehmer und zum reichsten Mann der Schweiz, während die Mutter allein und leidend zurückbleibt. Auch sie heiratet eines Tages, bekommt einen Sohn, den Erzähler, verharrt aber weiterhin in einer zum Kult ausartenden Leidenschaft zu Edwin.

Irgendwann aber hatte sie ihren Text gefunden, und der war: Edwin, Edwin, Edwin, Edwin. Jede Faser des Körpers der Mutter rief Edwin. Bald sangen alle Vögel Edwin, und die Wasser glucksten seinen Namen.

Nachts geht sie mit ihrem kleinen Sohn durch den Wald zum See und starrt hinüber ans andere Ufer zu Edwins Villa. Jahrelang erhält sie von ihm zum Geburtstag eine Orchidee und eine Karte, doch das erledigt Edwins Sekretariat, wie der Erzähler später erfährt. Eines Tages besucht sie wieder eines seiner Konzerte, doch er beachtet sie nicht und sieht sie nur ungerührt an – die Mutter bricht zusammen.

In dieser Nacht saß die Mutter auf der Couch, biss in ein Kissen und rief: „Ich kann nicht mehr.“ Sie schlug den Kopf gegen die Wand. Sie konnte nicht mehr. Ein Arzt wurde geholt, und sie wurde weggeführt, ein wimmerndes Bündel mit dem Pelzkragenmantel um die Schultern.

Die Mutter wird in eine Heilanstalt gebracht und mit einer Elektroschocktherapie behandelt. Als sie entlassen wird, geht sie nicht mehr zum See, besucht aber immer wieder Konzerte des Jungen Orchesters. Wiederholt versucht sie sich umzubringen und will auch ihren kleinen Sohn mit in den Tod nehmen. Hitler und Mussolini erobern Länder, es herrscht Krieg und Naziterror, aber all das zieht ungeachtet an ihr vorbei, hat keine Bedeutung in ihrem Leben, das ausschließlich von ihrer Liebe und besessenen Leidenschaft zu einem einzigen Mann geprägt ist. Im Alter von 82 Jahren stürzt sie sich aus dem Fenster eines Altersheims auf das Dach eines Fiat 127.

„Edwin“, sagte sie. Dann sprang sie. Nun schrie sie, glaube ich. „Edwin.“ In ihr drin das Tosen all dessen, was sie in zweiundachtzig Jahren erlitten hatte, oder das Brüllen der Anfänge. […]
Die Geschichte ist erzählt. Diese Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft. Dieses Requiem. Diese Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.

Im Epilog berichtet der Sohn, wie er Edwin nach dem Tod seiner Mutter eines Tages begegnet. Er möchte ihn zur Rechenschaft ziehen, doch der große Dirigent, die „Jahrhundertfigur“, erinnert sich kaum noch an Clara und verspottet ihren Sohn.

Dann stand ich einfach nur so da und horchte seinen verhallenden Schritten nach. Seinem immer leiseren Gelächter. Eine Tür schlug zu, und es war wieder still.

 Meine persönliche Meinung:

Selten hat mich ein Buch so berührt, wie dieser schmale, nur 130 Seiten umfassende Roman von Urs Widmer, bei dem es sich nach eigenen Aussagen des Autors um ein biographisches Porträt seiner Mutter handelt. Es ist kleines, stilles, aber dennoch ein unglaublich gewaltiges Buch – eines, das mich auch nach dem Lesen lange nicht loslässt. Ich habe den Roman mehrfach gelesen und bin jedes Mal aufs Neue zu Tränen gerührt. Man durchlebt und durchleidet an der Seite des Erzählers den Lebens- und Leidensweg einer Frau, die seit ihrer Kindheit unterdrückt wurde, der Anziehungskraft eines rücksichtslosen und egomanischen Mannes erliegt und schließlich in einer ohnmächtigen, stillen und unerwiderten Liebe und Leidenschaft zu diesem Mann verharrt und an ihr zerbricht. Man spürt die Wut des Erzählers, der um seine Kindheit und um seine Mutter betrogen wurde, aber dennoch ist der Text nie anklagend, sondern eine liebevolle und warmherzige Hommage auf eine Frau, die zeitlebens in ihrer unerfüllten Sehnsucht gefangen war, weil sie nicht anders konnte. In einer lakonischen, unglaublich kraftvollen Sprache schreibt Widmer ein wunderbares und gleichzeitig zutiefst trauriges Buch über verschmähte Liebe, die Ohnmacht der Gefühle und über die Selbstvernichtung einer Frau, die an der Gleichgültigkeit und Machtbesessenheit eines egozentrischen Mannes zugrunde geht.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Urs Widmer: Der Geliebte der Mutter
Diogenes 2003
130 Seiten
ISBN 978-3-257-23347-6

Cover: Diogenes Verlag

Merken

Merken

Buchrezension: Koethi Zan – Danach

Inhalt:

danachSarah und ihre Freundin Jennifer verbringen seit ihrer Kindheit jede freie Minute zusammen. Nach einem Unfall, den die beiden Mädchen schwer verletzt überlebt haben, sind sie so traumatisiert, dass sie eine Liste anlegen, auf der sie verzeichnen, welche Situationen sie künftig vermeiden müssen, um jeglicher Gefahr aus dem Weg gehen zu können. Doch trotz aller Vorsicht, steigen sie eines Tages zusammen in ein Taxi und werden entführt. Fast drei Jahre werden Sarah, Jennifer und zwei weitere junge Frauen von einem sadistischen Psychologieprofessor in einem Kellerverlies gefangen gehalten und gefoltert. Hin und wieder holt ihr Peiniger sie ins obere Stockwerk des Hauses, um sie einer seiner grausamen Foltermethoden zu unterziehen. Von dort kehrt Jennifer eines Tages nicht mehr in den Keller zurück. Doch was ist mit ihr geschehen? Ist sie noch am Leben? Sarah und den beiden anderen Opfern gelingt es irgendwann, sich aus ihrer Gefangenschaft zu befreien – sie haben das grausame Martyrium überlebt. Doch auch 10 Jahre nach ihrer gelungenen Flucht kann Sarah ihre Erlebnisse von damals nicht vergessen. Sie führt ein von Angst bestimmtes Leben, kann ihre Wohnung nicht verlassen, lebt vollkommen isoliert und hat auch keinen Kontakt zu ihren ehemaligen Mitgefangenen.

Sarah, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, erfährt eines Tages, dass ihr Entführer auf Bewährung freigelassen werden soll. In einem Brief hat er außerdem ein baldiges „Wiedersehen“ angekündigt. Nun beschließt Sarah, ihre selbst auferlegte Isolation zu verlassen und in Erfahrung zu bringen, was damals mit Jennifer passiert ist. Sie möchte die Leiche ihrer Freundin finden, damit ihr Peiniger des Mordes überführt werden kann und für immer hinter Gittern bleibt. Außerdem hofft sie, endlich mit ihrer Vergangenheit und den traumatischen Erlebnissen abschließen zu können und ihre innere Ruhe wiederzufinden. Sie nimmt Kontakt zu ihren damaligen Mitgefangenen Tracy und Christine auf und stellt mit deren Unterstützung Nachforschungen an, bei denen die drei Frauen in die schlimmste Zeit ihres Lebens zurückgeworfen werden. Bis es ihnen gelingt, die schreckliche Wahrheit endlich zu enthüllen, geraten sie immer wieder in ausweglose Situationen und begeben sich in Lebensgefahr.

Meine persönliche Meinung:

Koethi Zan schreibt von der Zeit „danach“. In Rückblenden erfährt der Leser, wie es zu der Entführung kam und was die drei Frauen während ihrer Gefangenschaft erlebt haben. Dabei hat mir besonders gut gefallen, dass die Autorin auf detaillierte Beschreibungen der Gewaltszenen verzichtet. Im Fokus des Romans stehen vielmehr die seelische Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse sowie die Rückkehr der Hauptprotagonistin in ein normales Leben. Doch obwohl die Geschichte aus Sarahs Perspektive erzählt wird, fiel es mir schwer, mich in sie hineinzufühlen und in ihre Lage zu versetzen. Es ist schwer nachvollziehbar, dass eine Frau, deren Leben jahrelang von Angst bestimmt war und die aufgrund ihrer Panikattacken kaum in der Lage war, ihren Alltag zu bewältigen, plötzlich zur mutigen Heldin avanciert, die eigenmächtig versucht, der Wahrheit über ein Verbrechen auf die Spur zu kommen. Auch die Charaktere der beiden anderen Opfer bleiben seltsam blass, sodass es mir nicht gelang, Mitgefühl und Verständnis zu entwickeln. Hinzu kamen noch einige Ungereimtheiten im Plot. So halte ich es doch für sehr unwahrscheinlich, dass ein Entführer, der seit zehn Jahren im Gefängnis sitzt, seinen ehemaligen Opfern aus der Haft Drohbriefe schreibt und offenbar keinerlei Reue zeigt, auf Bewährung freigelassen wird. Doch ganz abgesehen davon, wirken viele Verwicklungen und unvorhergesehene Wendungen, die eigentlich die Spannung steigern sollten, arg konstruiert, klischeehaft und sind teilweise auch vollkommen unlogisch.
Wirklich überzeugt hat mich Koethi Zans Thriller-Debüt nicht, denn es fehlte ihm nicht nur an Spannung, sondern auch an Tiefe. Das ist recht schade, denn die Idee, die dem Roman zugrunde liegt, hätte durchaus Potenzial.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Koethi Zan: Danach
FISCHER Scherz 2013
444 Seiten
ISBN 978-3-596-19564-0

Cover: S. FISCHER Verlag

Buchrezension: Marcelle Sauvageot – Fast ganz die Deine

978-3-312-00354-9-Grosses-Cover-395x648Ich habe lange überlegt, womit mein Blog nun beginnen soll und werde meinen ersten Blogeintrag Marcelle Sauvageots Fast ganz die Deine widmen, einem wunderbaren Buch, das mich seit mehr als 10 Jahren begleitet, berührt und bewegt. Ich habe es mehrfach gelesen, sodass mein Exemplar inzwischen etwas zerlesen aussieht, obwohl ich mit meinen Lieblingsbüchern immer sehr behutsam umgehe.

Über das Buch:

Bei dem 1934 erstmals erschienenen autobiographischen Briefroman handelt es sich um einen zwischen dem 7. November und 24. Dezember 1930 verfassten Abschiedsbrief Marcelle Sauvageots an ihren ehemaligen Verlobten, der sie verlassen hatte, um eine andere zu heiraten. Die an Tuberkulose erkrankte Autorin schreibt diesen Brief während eines Sanatoriumaufenthalts in Hauteville, wird ihn jedoch nie an den eigentlichen Adressaten abschicken. So kursiert er zunächst nur als Privatdruck unter ihren Freunden, die sie zu überreden versuchen, ihn zu veröffentlichen. Erst als der Text zufällig dem Literaturkritiker Charles du Bon in die Hände fällt, wird er 1934 erstmals unter dem Titel Commentaire publiziert. Kurz vor der Veröffentlichung ihres Buchmanuskripts verstirbt Marcelle Sauvageot im Alter von nur 33 Jahren in einem Sanatorium in Davos.

Inhalt:

Der mehr als 70 Jahre alte Text, der 2005 in einer neuen deutschen Übersetzung unter dem Titel Fast ganz die Deine erneut herausgegeben wurde, ist die schonungslose und zugleich traurige Abrechnung einer verlassenen und verschmähten Frau mit dem Mann, den sie liebte. Der ehemalige Verlobte, den sie abwechselnd mit Sie und Du anspricht, hatte ihr in einem Brief mitgeteilt „Ich heirate… Unsere Freundschaft bleibt“.

Man sieht all die leidvollen Phasen voraus, durch die man wird gehen müssen, und weiß, danach kommt die Leere […]
Man hat nichts mehr zu erwarten und bleibt doch noch endlos so stehen, wohl wissend, daß nichts mehr kommen wird.

Das Angebot seiner Freundschaft lehnt sie entschieden ab.
In ihrem Brief versucht sie, sich ihren Kummer von der Seele zu schreiben, erinnert sich an gemeinsame Stunden vollkommenen Glücks, aber auch an die Fehler und Schwächen des einst geliebten Mannes, von dem sie sich nun zu befreien und zu distanzieren versucht.

Meine persönliche Meinung:

Wann immer ich das schmale Bändchen zur Hand nehme, bin ich zu Tränen gerührt und fasziniert von der Klarheit und Offenheit, mit der Marcelle Sauvageot ihre Gefühle und ihre Verletzlichkeit skizziert und gegen ihren Schmerz aufbegehrt. Jeder, der schon selbst solche schmerzvollen Momente und Trennungen durchlebt und durchlitten hat, würde gerne die richtigen Worte finden, um dem Schmerz Ausdruck zu verleihen und ihn sich von der Seele zu schreiben – Marcelle Sauvageot findet sie. In einer wunderbar klaren und poetischen Sprache reflektiert sie über Liebe, Freundschaft, Trennung und Erinnerung. Auch wenn die Trauer und der Schmerz um den Verlust des Geliebten in der jeder Zeile spürbar sind, ist der Text nie klagend, sondern kämpferisch. Dieser Abschiedsbrief ist Zeugnis der Befreiung einer zutiefst verletzten Frau, die jedoch nie in Selbstmitleid zerfließt, sondern sich stets ihren Stolz und ihre Würde bewahrt. Fast ganz die deine ist ein wundervolles Buch, das traurig, nachdenklich, aber auch Mut macht, denn am Ende ihres Briefes, scheint es, als sei die Distanzierung und Befreiung gelungen:

Ich bin wieder kampflustig, bereit, dem Leben ohne Sie tapfer ins Auge zu sehen; vielleicht ist es schöner ohne Sie – es ist neu…

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Marcelle Sauvageot: Fast ganz die Deine
Mit einem Vorwort von Ulrike Draesner.
Übersetzt aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Nagel & Kimche Verlag 2005
107 Seiten
ISBN 978-3-312-00354-9

Cover: Hanser Literaturverlage

Merken