Meditatives Ausmisten – Oder: Darf man Bücher wegschmeißen?

books-1052091_960_720Ich bin gerade damit beschäftigt, in meiner Wohnung etwas Platz zu schaffen und sie ein wenig umzugestalten. Wie bei so vielen bibliophilen Zeitgenossen, sind bei mir nahezu alle Wände in jedem Raum mit überquellenden Bücherregalen bedeckt, was mein Unterfangen zu einer recht kräftezehrenden Angelegenheit werden ließ. Regale mussten ausgeräumt, verrückt und wieder eingeräumt werden. Zwangsläufig nimmt man dabei jedes Buch in die Hand, und obwohl ich sehr viele Bücher besitze, kann ich zu jedem Buch eine kleine Geschichte erzählen, mich daran erinnern, wo, wann und warum ich es gekauft habe, wer es mir geschenkt hat und in welcher Phase meines Lebens ich es gelesen habe. Es gibt Bücher, die mich seit vielen Jahren begleiten, die ich immer wieder zur Hand nehme, sie erneut lese oder einfach nur darin blättere. Sie sind für mich fast so etwas wie Freunde geworden, denn manche Bücher konnten mir Trost spenden und haben mich teilweise so berührt, dass ich mich niemals von ihnen trennen könnte. Ich liebe aber auch Krimis und spannende Thriller, werde vermutlich die wenigsten davon ein zweites Mal lesen, aber wenn sie mir gut gefallen haben, möchte ich sie in meinen Regalen nicht missen. Bücherregale und Wohnungen haben allerdings ihre räumlichen Grenzen und bei jedem Besuch im Buchladen kommen neue Bücher hinzu, sodass meine Wohnung allmählich etwas zu eng wird.
Nun ist aber nicht alles, was zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurde, eine Offenbarung oder etwas, das man unter den Begriff „Kulturgut“ fassen könnte. Viele Bücher finde ich eben einfach nur schlecht, langweilig und nichtssagend, breche sie irgendwann ab und ärgere mich, dass sie so viel wertvollen Stauraum verstopfen. Erst vor ein paar Jahren konnte ich mich überwinden und sah die Notwendigkeit, mich von diesen Buchleichen, die halb- oder ungelesen in meinen Regalen ihr Dasein fristeten, zu trennen. Ein Buch wegzuschmeißen kam für mich aber stets einer Todsünde gleich, sodass ich diese Bücher entweder verschenkte, für einen guten Zweck spendete, in einen öffentlichen Bücherschrank stellte oder sie verkaufte. Ich konnte sie aber nicht einfach wegwerfen, denn nur weil mir etwas nicht gefällt, muss es ja nicht generell schlecht sein und kann vielleicht einen anderen begeistern. Auch wenn Bücher im Grunde nichts anderes sind als ein Stapel Papier mit Buchstaben, weckt das Wegschmeißen und Vernichten von Büchern stets unangenehme Assoziationen und erinnert an nicht sehr ruhmreiche Zeiten in der Geschichte.
Inzwischen betrachte ich das jedoch nüchterner und bin ich etwas gnadenloser geworden, denn es gibt Bücher, die mich einfach nur ärgern und bei denen jede gelesene Zeile nichts anderes als die sinnlose Verschwendung wertvoller und vor allem endlicher Lebenszeit ist. Verbrennen ist ein absolutes Tabu, aber in den letzten Wochen habe ich das Wegwerfen von Büchern geradezu zur Perfektion gebracht. Ganze Regalmeter voller Bücher und damit verbundene Erinnerungen sind erbarmungslos in den Schlunden großer Altpapiercontainer verschwunden. Bücher zu Themen, mit denen ich mich nie mehr beschäftigen werde und Buchgeschenke von Menschen, an die ich nicht mehr erinnert werden möchte, mussten ebenso verschwinden wie Bücher, die mich jahrelang begleitet, mir teilweise sogar viel bedeutet haben, aber in eine Lebensphase gehören, an die ich einfach nicht zurückdenken will. Natürlich hätte ich sie verschenken oder verkaufen können, aber da es sich teilweise um Bücher handelte, die weitaus mehr als nur bedrucktes Papier waren, sondern voller Erinnerungen an Zeiten und Menschen steckten, an die ich nie wieder erinnert werden möchte, reichte es nicht, sie einfach wegzugeben – sie mussten vernichtet werden. Mag sein, dass das infantil ist, aber es war das Entledigen von einer Last und das Ritual, das bedruckte Papier dem Recycling zu übergeben, war ein Akt der Befreiung. Die neu geschaffene Ordnung in meinen Regalen hat auch etwas Ordnung in das in meinem Kopf herrschende Chaos gebracht. Und nun erfreue ich mich an den leeren Regalböden, die mich erwartungsvoll anschauen und neuer Bücher harren. Ich stöbere voller Begeisterung in Verlagsvorschauen, auf Blogs und Literaturforen und freue mich, dass ich momentan viel Zeit zum Lesen habe und gerade nicht lesen muss, sondern darf. Ich fürchte, meine Bücherregale werden nicht allzu lange leer bleiben, denn ich habe schon einige interessante Neuerscheinungen entdeckt, von denen die ein oder andere sicher bald bei mir einziehen wird.

© Claudia Bett

23 Gedanken zu “Meditatives Ausmisten – Oder: Darf man Bücher wegschmeißen?

  1. Besser wäre da wahrscheinlich ein offener Bücherschrank oder falls es keinen in der Nähe gibt, eine Kiste mit einem Hinweis zur „Freien Entnahme!“ So würde ich es tun. Aber ich habe mir auch schon tolle Bücher aus dem Papiercontainer herausgenommen!

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    • Ja, Du hast sicher recht und bisher habe ich das auch immer so gemacht, werde auch künftig meine Bücher wieder eher spenden oder in einen Bücherschrank geben, aber bei manchen Dingen braucht man eben das beruhigende und befreiende Gefühl, dass etwas nicht nur aus der Wohnung, sondern komplett aus der Welt geschaffen worden ist

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  2. Im Laufe der Zeit hat sich meine Ansicht zu diesem Thema ganz genauso gewandelt wie Deine. Ich sortiere viel großzügiger aus und merke, es geht mir gut damit. Ins Altpapier wandern Bücher nur im Ausnahmefall, meistens werden sie verschenkt. Aber selbst vor dem Papiercontainer schrecke ich nicht mehr grundsätzlich zurück.
    LG Gabi

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    • Ja, man muss sich von altem Ballast eben auch mal trennen können. Bei Büchern fiel mir das bisher immer sehr schwer und die meisten werden auch künftig eher in Bücherschränken oder auch Flohmärkten landen, aber manchmal braucht man eben auch das Gefühl, dass etwas komplett aus der Welt geschaffen ist 😉

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  3. Ich finde es schwer, Bücher wegzuwerfen, aber manchmal ist es eben das einzig sinnvolle. Früher hab ich Bücher bei tauschticket vertauscht – weniger werden es davon aber auch nicht. Ansonsten schaue ich, ob ich das Buch sinnvoll weitergeben kann, an Freunde, die es lesen möchten, an Bücherschränke, an den Laden hier um die Ecke, der gespendete Dinge für ein karitatives Projekt verkauft. Oder ich schicke es auf Bookcrossing-Reise.
    Aber auch in diesen Projekten stapeln sich irgendwann die zerlesenen Bestseller von vor 20 Jahren, die eben jeder mal zu Hause hatte.
    Ich finde nicht, dass Bücher etwas sind, das immer für die Nachwelt erhalten werden muss, nur weil es eben Bücher sind. Am Ende ist es auch nur bedrucktes Papier.

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  4. Ich dachte schon, ich müsste deinem Beitrag meine jetzige Sichtweise „entgegenstellen“, durfte dann aber doch noch feststellen, dass sich deine Sichtweise verändert hat. Genauso, wie bei mir: Früher hatte ich auch viele viele Sachen. Ob jetzt Bücher oder Klamotten oder was auch immer. Aus genau den Gründen, die du anführst, ging ich dann i-wann dazu über, Ballast von Bord zu werfen, um festzustellen „Weniger ist Mehr“. Zuviel belastet einen, egal ob jetzt zeitlich, räumlich, erinnerungsmäßig, emmotional usw usf
    Ich fing damals damit an, den Wahlspruch „was man länger als 1 Jahr nicht verwendet hat, kann man entsorgen“ bzgl Klamotten umzusetzen. Mein Kleiderschrank ist seitdem sehr übersichtlich gehalten. Und was Bücher angeht, so gibt es in meiner Wohnung vll 10 Bücher. Alles andere befindet sich im eBookReader. Da mögen etliche ev. die Nase rümpfen, aber ich bin eben davon abgekommen, meine Wohnung, mein Leben oder meine Zeit mit Regalen vollzustellen. Zudem hat das den enormen Vorteil, dass ich Bücher jetzt immer am Mann haben kann und ob der einstellbaren Schriftgröße auch ohne Brille lesen kann

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    • Bei Klamotten hatte ich das Problem bislang nie, denn von denen kann ich mich problemlos trennen und sie in die Altkleidersammlung geben. Ich mache mir allerdings auch recht wenig aus Klamotten. Was ich nicht mehr trage, fliegt eben einfach raus.
      Irgendwie war das bei Büchern immer anders – bisher zumindest. Ich bin inzwischen auch dazu übergegangen, mir die meisten Bücher als eBook zu kaufen, damit ich sie leichter überallhin mitnehmen kann und weil auch ich allmählich Mühe habe, ohne Brille zu lesen 😉

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      • Klamotten diente ja auch nur als Bsp., um jemand zu verdeutlichen, was gemeint ist, ohne Bücher ins Spiel zu bringen. Aber ich lese, du bist den gleichen Weg gegangen, wie ich, auch wenn ich bei weitem nicht so viele Bücher hatte.

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  5. Bücher kann ich einfach nicht in den Papiermüll tun. Jedenfalls die meisten nicht. Bei einigen würde ich nicht eine Sekunde nachdenken, sie dort zu entsorgen.
    Mir gefällt die Idee mit den öffentlichen Bücherschränken.
    Und ich habe mich bei Bookcrossing angemeldet, weil man dort die Bücher registrieren und wenn man Glück hat verfolgen kann, wo sie nach einem gelesen werden. Das ist irgendwie witzig.
    Hier warten auch noch so einige Bücher auf ihre Wanderschaft. Für 2016 habe ich mir vorgenommen, kein Buch zu kaufen, bis der SuB abgetragen, ähm durchgelesen ist.

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  6. Ja, ich kann dir nur voll und ganz beipflichten. Auch ich habe mich von vielen Büchern (verkauft) getrennt und sogar einige in den Papiercontainer geworfen. Vor kurzem noch etwas völlig Unvorstellbares – aber nun fühle ich mich etwas „befreit“. In einigen Monaten muss ich mich nochmals durch meine Regale arbeiten, denn es gibt noch viele Bücher, die mir noch nicht entsorgungsreif erschienen. Warten wir die Entwicklung ab. Öffentliche Bücherschränke? Wohl nur in den Großstädten, oder?

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  7. Bei mir gilt (kleine Wohnung): für jedes Buch, das reinkommt, muss eins raus. Klare Regel, die Buchbestände bleiben auf diese Weise übersichtlich. Was ich mir leisten kann, weil die Stadtbibliothek von Berlin gleich um die Ecke steht und ich da fast alles bekomme. Aussortierte Bücher kommen entweder in die genannte Bibliothek oder zum Büchertisch. Wegwerfen könnte ich die Dinger nicht, ausser sie hätten irgendwelche Schäden.

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  8. Ich gebe meine aussortierten Bücher in der Bücherei ab. Die freuen sich immer darüber. Entweder wandern sie in die Regale oder werden verkauft für neue Anschaffungen. Ich kann keine Bücher entsorgen.

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  9. Ich hab nicht mehr so viel Print Bücher…ich hab nach und nach ausgemistet….nicht so radikal wie Du….aber stetig….muss irgendwann mal weiter machen….ich bin schon früh auf Ebook umgestiegen….klar es fehlt das Feeling – Eine Wohnung mit Buchregalen sieht immer gemütlicher aus….aber bei einigen Umzügen flucht man sehr…;)

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    • Ich kaufe mir inzwischen auch nicht mehr viele gedruckte Bücher, sondern mehr EBooks, da ich die meisten Bücher ohnehin nur einmal lese und sie danach nur noch im Regal stehen. Meine Bücherregale sind auch nach meiner Aufräumaktion noch mehr als voll, denn es gibt auch viele Bücher, die mir wichtig sind und auch wieder lesen werde. Einige Bücher habe ich auch gespendet, denn vielleicht können sich andere noch daran erfreuen. Aber von manchen habe ich mich ganz bewusst getrennt, weil sie mich an eine Zeit meines Lebens erinnern, an die ich nicht mehr zurückdenken möchte, und um diese Erinnerungen irgendwie zu vernichten, hat es nicht gereicht, diese Bücher einfach nur wegzugeben – sie mussten ganz verschwinden 😉

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  10. Hallo Claudia, mir fällt es sehr, sehr schwer, Bücher zu vernichten. Ich verschenke sie dann lieber oder gebe die Neueren in Büchereien. Ja, aber Du hast Recht, manchmal muss einfach was verschwinden.
    Danke, dass Du meinem Blog sl4lifestyle folgst. Ich freue mich sehr darüber. Dir noch eine schöne Woche.
    LG
    Sabine

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  11. Hallo liebe Claudia,

    mir geht es genauso – ich finde es einfach richtig schade, wenn ich Bücher wegwerfe. Doch mit der Zeit sammelt sich einfach so viel Zeug an, dass man nicht anders kann…
    Ich finde aber, dass das Verkaufen wirklich eine schwierige Angelegenheit ist. Das kostet so viel Zeit und Nerven.. Allein die Artikel online zu stellen ist extrem aufwändig, und wenn man ein paar Kisten loswerden will, ist mir das zu anstrengend. Und Flohmarkt bei so kleinen Sachen erst recht. Bücher sind ja nicht das einzige, was hier und da mal ausgemistet werden sollte…
    Ich hab das mal über momox und rebuy probiert. Sagt Dir das was? Die kaufen Sachen zu Festpreisen an und man kann das Zeug recht schnell loswerden. Mir ist aber letztens aufgefallen, dass die teilweise echt zu unterschiedlichen Preisen ankaufen… Hab bisschen recherchiert, und bin auf Bonavendi gestoßen: https://www.bonavendi.de/verkaufen/b/B%C3%BCcher.html -> hoffe das ist die Seite zum Verkauf von Büchern. Zumindest werden hier Preise verglichen und man kann dann immer sehen, wer einem noch am meisten für Bücher bietet. Das werd ich jetzt mal ausprobieren, aber ne Freundin von mir meinte, dass das recht angenehm und schnell geht. Vielleicht hilft das Dir auch mal 😉
    Um zum Thema zurück zu kommen: Verschenkt hab ich auch schon einige Sachen. Das finde ich gerade bei karikativen Einrichtungen auch eine super Lösung. Oder halt so Anlaufstellen, die Sachen zu armen Kindern in Manila oder anderen Ländern schicken… Bei uns gibt es da so ein paar Abgabestellen von der Gemeinde aus, bei denen man Sachen hin spenden kann.
    Ich finde persönlich, man sollte einen guten Mittelweg finden. Wegschmeißen ist auf jeden Fall mal keine Option!
    Alles Gute Dir – Dein Blog ist toll!

    Liebe Grüße,
    Sarina

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  12. Liebe Sarina,
    stimmt, generell sollte man Bücher in der Tat nicht wegschmeißen, aber manchmal helfen die mit dem Wegschmeißen einhergehenden Rituale eben auch, sich von Erinnerungen oder Lebensphasen zu verabschieden, die man mit diesen Büchern verbindet. Wenn man sie verkauft oder verschenkt, wird dieser Effekt nicht erreicht, denn es geht ja im Grunde nicht darum, die Bücher loszuwerden, sondern alles loszuwerden, was man mit ihnen verbindet. Die Bücher sind also im Grunde nichts anderes als die Projektionsfläche für etwas oder jemanden, von dem man sich befreien will. Glücklicherweise hatte ich in meinem Leben bisher nur ein einziges Mal das Bedürfnis, zu solch radikalen Maßnahmen zu greifen. Ansonsten schmeiße ich Bücher nämlich nicht weg, sondern horte sie in meinen Regalen 😉 Wenn der Platz dann eng wird und ich mich gezwungen sehe, einfach mal ein bisschen auszumisten, spende ich Bücher oder stelle sie in einen öffentlichen Bücherschrank. Erst neulich habe ich aber auch welche über Momox und Rebuy verkauft, was im Vergleich zu einem Einzelverkauf tatsächlich viel einfacher und bequemer ist. Auch wenn man nicht wirklich viel dafür bekommt, reicht es doch, um damit ein wenig Geld für den nächsten Buchkauf anzusammeln 😉

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