Buchrezension: Wiebke Lorenz – Alles muss versteckt sein

Wiebke Lorenz - Alles muss versteckt seinInhalt:

Weißt du, wozu du fähig bist? Ahnst du es auch nur ansatzweise? […] Was, wenn du eines Tages aufwachst und entdeckst, dass in dir ein Monster lebt?

Marie ist 38, arbeitet in einem Kindergarten, ist glücklich verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter. Ihr Leben verläuft in geordneten Bahnen, gerät aber von einer Sekunde auf die andere vollkommen aus den Fugen, als ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall stirbt. Seit diesem traumatischen Verlust leidet Marie an aggressiven Zwangsgedanken, denen sie vollkommen ausgeliefert ist. In ihren Gedanken mordet sie, richtet ihre Aggressionen vor allem gegen Menschen, die sie liebt und lebt in der ständigen Angst, eines Tages die Kontrolle über ihre Gewaltphantasien zu verlieren und sie in die Tat umzusetzen.

Denn draußen und unter Menschen ereigneten sich in meinem Kopf nur die furchtbarsten Dinge, ich wütete und mordete, ohne dass ein Außenstehender etwas davon ahnte. Ich war eine Täterin ohne Tat. Noch. Und jede Minute, jede Sekunde hatte ich Panik davor, dass es nicht so bleiben würde.

Aber „Denken ist nicht tun!“, das versichert ihr zumindest ihre neue Internetfreundin Elli immer wieder. Dennoch hat Marie die Befürchtung, diesem unerklärlichen inneren Drang, jemandem etwas anzutun, irgendwann doch unbewusst nachzukommen und vermeidet deshalb den Kontakt zu anderen Menschen.
Maries Ehe zerbricht, aber als sie zufällig dem Schriftsteller Patrick begegnet, gelingt es ihr, sich wieder zu verlieben und zu öffnen. Doch eines Morgens wacht sie neben der grausam zugerichteten Leiche ihres neuen Lebensgefährten auf und alles deutet daraufhin, dass sie ihn mit einem Messer ermordet hat. Sie kann sich zwar nicht an die Tat erinnern, ist aber selbst davon überzeugt, ihren Freund umgebracht zu haben, denn in ihren Gedanken hatte sie sich häufig ausgemalt, wie es wäre, ihm die Kehle durchzuschneiden und auf ihn einzustechen.
Marie wird verurteilt und aufgrund ihrer psychischen Erkrankung in den Maßregelvollzug einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt eingewiesen. Nur ihr Exmann und ihr behandelnder Arzt, der Psychiater Dr. Falkenhagen, scheinen Zweifel daran zu haben, dass die ansonsten so liebevolle Marie tatsächlich in der Lage war, einen so grausamen Mord zu begehen. Zunächst verschließt sie sich vollkommen, aber in langen Therapiesitzungen gelingt es ihrem Psychiater schließlich, Maries Vertrauen zu gewinnen. Sie beginnt, ihre Vergangenheit aufzurollen und versucht, ihre Erinnerungen an die Mordnacht an die Oberfläche zu holen. Ist sie wirklich eine eiskalte Mörderin oder immer noch eine Täterin ohne Tat und die Wahrheit noch viel schlimmer als ihre Gedanken?

Meine persönliche Meinung:

Das Buch von Wiebke Lorenz lag nun mehr als ein Jahr auf meinem Stapel ungelesener Bücher, denn die blutigen Hände auf dem Cover haben mich immer ein wenig abgeschreckt. Mein ursprünglicher Verdacht, es könnte sich um einen Thriller handeln, bei dem das Blut nur so aus den Seiten quillt, hat sich jedoch nicht bestätigt. Im Grunde ist das Buch sogar so harmlos, dass man kaum von einem Thriller sprechen kann.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Marie, die vermeintliche Mörderin, die unter aggressiven Zwangsgedanken leidet. Nicht nur durch die Gespräche mit ihrem Psychiater, sondern auch durch Auszüge aus ihrem Tagebuch erhält man sehr tiefe Einblicke in das Leben und die Gedankenwelt eines Zwangserkrankten sowie in den Alltag in einer geschlossenen Einrichtung der forensischen Psychiatrie. Man merkt deutlich, dass die Autorin hierfür sehr akribisch und intensiv recherchiert hat, denn das Krankheitsbild von Zwangserkrankungen und deren Auswirkung auf alle Lebensbereiche der Betroffenen werden außerordentlich authentisch, informativ und anschaulich geschildert. Der Charakter von Marie ist sehr fein gezeichnet, sodass man sich in die Gefühle und Gedanken der Hauptprotagonistin sehr gut einfühlen und ihre Verzweiflung, Ängste, Schuldgefühle, Selbstzweifel und ihr Leiden an der psychischen Erkrankung nachempfinden kann. Auch die beklemmende Atmosphäre in der Psychiatrie wird sehr eindrücklich beschrieben.
Allerdings hat mich das Buch überhaupt nicht gefesselt, denn stellenweise war es sehr zäh und durch ständige Wiederholungen auch ziemlich langatmig. Wirkliche Spannung wollte sich bei mir jedenfalls nicht einstellen. Außerdem war das Ende für mich so vorhersehbar, dass ich recht schnell einen Verdacht hatte, der sich dann trotz einer an den Haaren herbeigezogenen Wendung letztendlich auch bestätigte.
Da der Schreibstil der Autorin aber sehr angenehm und leicht ist und ich sehr beeindruckt war, wie intensiv und glaubwürdig sich Wiebke Lorenz mit der Entstehung, Bewältigung und dem Umgang mit aggressiven Zwangsgedanken auseinandersetzt, ließ sich das Buch sehr flüssig und schnell lesen.
Die Thematik fand ich sehr interessant, die sensible und informative Auseinandersetzung mit dieser seelischen Krankheit war äußerst gelungen, aber von einem Thriller hätte ich mir doch wenigstens ein bisschen Spannung erhofft.

© Claudia Bett

 Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Wiebke Lorenz: Alles muss versteckt sein
Verlag: Diana
Ersterscheinungsdatum: 3. September 2012
352 Seiten
ISBN 978-3-453-35765-5

Cover: Diana Verlag

Montagsfrage: Wie kommst du mit Gewalt in Büchern zurecht? Magst du blutige Szenen oder lehnst du sie ab?

Montagsfrage

Eine Aktion von Buchfresserchen

Ich lese überwiegend Krimis und Thriller, zwei Genres also, bei denen meist ein Verbrechen im Zentrum der Handlung steht, Gewalt eine große Rolle spielt und auch die ein oder andere blutige Szene vorkommt. Meistens wird in diesen Büchern gemordet, hin und wieder auch bestialisch hingerichtet, aber ich kann das auch recht gut aushalten, weil es dabei um eine Form von Gewalt geht, der ich im realen Leben glücklicherweise noch nicht begegnet bin.
Dennoch verabscheue ich Bücher, bei denen kübelweise Blut und Eingeweide aus den Seiten strömen, denn blutige Massaker und Gewaltorgien sind meist nichtssagend, platt, langweilig und tragen nicht zur Spannung, geschweige denn zur Handlung bei. Einen guten Spannungsroman erkennt man meiner Meinung nach gerade daran, dass auf blutige Details und Gewaltszenen verzichtet wird. Edgar Allan Poe, der als Meister des Grauens und Begründer der modernen Kriminalliteratur gilt, kam jedenfalls vollkommen ohne Blutbäder aus.
Leider werden Thriller, vor allem die von amerikanischen Autoren, immer blutiger, brutaler und damit auch plumper und nichtssagender. Statt eines gut durchdachten, raffinierten Plots und fein gezeichneten Charakteren wird der Leser mit sinnlosem Gemetzel, seitenlangen Beschreibungen von Leichenteilen und ekligem Getier zu Tode gelangweilt. Ich habe Richard Laymon mehrere Chancen gegeben, aber ich halte seine Bücher einfach nicht aus, denn die sind reinster Splatter – schlecht konstruiert, sprachlich eine Katastrophe und inhaltlich flach. Ein paar deutschen, skandinavischen und auch britischen Autoren gelingt es aber ganz gut, eine düstere Atmosphäre zu erzeugen, Beklemmung hervorzurufen, den Leser zu fesseln und ihn dennoch weitgehend mit blutigen Details zu verschonen. Håkan Nesser, Minette Walters, Petra Busch und Petra Hammesfahr können das jedenfalls ganz gut.
Das Spannende an Krimis und Thrillern ist für mich nicht, wie jemand ermordet wird, sondern warum. Es ist, wenn man so will, die Faszination des Bösen und die Frage, was jemanden zum Gewalttäter werden lässt, die mich immer wieder zu diesen Genres greifen lassen. Ich interessiere mich vielmehr für die Abgründe menschlicher Seelen, die psychologischen Hintergründe und menschlichen Schicksale, die hinter einer Gewalttat stecken, als für das blutige Gemetzel, mit der sie begangen wurde, denn das ist meiner Meinung nach pure Effekthascherei.

© Claudia Bett

Merken

Buchrezension: Zoran Drvenkar – Still

Zoran Drvenkar - StillInhalt:

Jedes Jahr in den Wintermonaten werden Kinder entführt und tauchen nie wieder auf. Bislang ist es nur einem Mädchen gelungen, ihren Peinigern zu entkommen, aber Lucia redet seitdem kein einziges Wort, sondern sitzt seit sechs Jahren wie versteinert in einer psychiatrischen Anstalt, starrt mit ausgestreckter Hand aus dem Fenster und scheint auf etwas zu warten.
Ein Vater, dessen Tochter ebenfalls auf mysteriöse Weise verschwunden ist, ermittelt auf eigene Faust, legt sich eine neue Identität zu und versucht unter dem Namen Mika Stellar, in den Kreis der Männer aufgenommen zu werden, die er für die Entführung seiner Tochter verantwortlich macht. Vier Männer treffen sich, einer langen und bestialischen Tradition folgend, jeden Winter in einer einsamen Hütte im Wald, um ihren Hunger zu stillen. Mika Stellar setzt alles daran, ihr Vertrauen zu gewinnen, um endlich Rache für den Verlust seiner Tochter zu üben, auch wenn er dabei in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit blicken muss.

Meine persönliche Meinung:

Obwohl ich schon viel von Zoran Drvenkar gehört habe, habe ich bislang noch kein Buch von ihm gelesen und war natürlich sehr gespannt auf Still, einen Thriller, der 2014 in dem damals neu gegründeten Verlag Eder & Bach erschienen ist und ab 8. März 2016 bei Heyne auch als Taschenbuch erhältlich sein wird. Was Thriller anbelangt, bin ich wirklich viel gewohnt und eigentlich durch nichts so leicht zu erschüttern, aber mit Still hat es Zoran Drvenkar tatsächlich geschafft, selbst mich noch zu schockieren, aber gleichzeitig auch zu faszinieren.
Das Buch wird aus drei verschiedenen Erzähl – und Zeitperspektiven erzählt und ist in Kapitel, die mit „Ich“, „Du“ und „Sie“ betitelt sind, untergliedert. „Ich“ wird aus der Perspektive des verzweifelten Vaters erzählt, der sich auf einen Rachefeldzug begibt, um die Entführer seiner Tochter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. In den Kapiteln, die mit „Du“ überschrieben sind, erfährt der Leser Stück für Stück, was Lucia, dem Mädchen, das den Entführern entkommen konnte, widerfahren ist, welche unvorstellbar traumatischen Erlebnisse dazu führten, dass sie wie erstarrt am Fenster einer psychiatrischen Anstalt sitzt und worauf sie wartet. Wer „Sie“ sind und von welchen unbegreiflichen Beweggründen und Trieben der geheimnisvolle Männerbund geleitet wird, um Kindern solche abscheulichen Dinge anzutun, bleibt lange unklar. Durch den ständigen Perspektivwechsel erhält der Leser nicht nur Einblick in die Gefühle und Gedanken der Opfer, sondern auch in die der Täter. Besonders die Kapitel, die mit „Sie“ überschrieben sind, haben mich teilweise sehr schockiert und bei mir so viel Ekel und Abscheu hervorgerufen, dass ich manchmal geneigt war, das Buch zur Seite zu legen, denn in die Gedankenwelt pädophiler Männer einzutauchen, brachte mich häufig an die Grenzen dessen, was ich ertragen kann, zumal ich ständig im Hinterkopf hatte, dass es tatsächlich Menschen gibt, die beim Missbrauch von Kindern Freude empfinden und sogar noch in der Lage sind, dabei von „Liebe“ zu sprechen. Gleichzeitig gelingt es dem Autor aber auch, die Gefühle und das Leid der Opfer sehr eindrücklich zu schildern, sodass man tief in ihre zerstörten Seelen blicken und all die Trauer, Wut und Verzweiflung nachvollziehen und -fühlen kann.
Die Sprache, deren sich Drvenkar bedient, ist schlicht und poetisch zugleich. Mit kurzen, knappen Sätzen erzeugt der Autor eine beklemmende und verstörende Atmosphäre, die den Leser vollkommen in ihren Bann zieht. Er verzichtet nahezu auf blutige Details, aber gerade durch das, was nicht gesagt, sondern nur angedeutet wird, entstehen sehr starke Emotionen, eindrückliche Bilder und eine sehr düstere Stimmung.
Drvenkar ist ein wirklicher Meister der Erzählkunst, der es versteht, den Leser mit einem geschickten Perspektivwechsel, gut ausgearbeiteten Charakteren und einer nüchternen und gleichzeitig poetischen Sprache in einen Sog zu ziehen, dem er sich nur schwer entziehen kann. Besonders sympathisch war mir, dass der Autor beharrlich an der alten Rechtschreibung festhält – das gefällt mir. Dass die Dialoge mit Spiegelstrichen statt mit Anführungszeichen gekennzeichnet sind, finde ich persönlich jedoch etwas gewöhnungsbedürftig, aber das ist eine formale Geschmackssache.
Sprachlich und erzähltechnisch ist Still jedenfalls ein absolutes Meisterwerk, wie man es im Thriller-Genre leider nur sehr selten findet. Allerdings konnte mich der Plot nicht so recht überzeugen, denn auch wenn der Roman mit zahlreichen unvorhersehbaren Wendungen aufwartet, die die Spannung steigern, ist die Story an manchen Stellen ziemlich unglaubwürdig und haarsträubend. Das Ende war zwar schlüssig, aber dennoch enttäuschend, denn ich hätte mir einfach einen anderen Ausgang der Geschichte gewünscht (was zugegebenermaßen recht infantil ist, denn nicht alles endet so, wie man es gerne hätte).
Dennoch kann ich Zoran Drvenkars Thriller nur weiterempfehlen, denn er beweist, dass man auch bei einem Genre, das als trivial gilt, von Literatur sprechen kann. Außerdem lässt sich das Buch flüssig lesen und ist durchgehend spannend. Für sensible Gemüter ist es vermutlich nicht geeignet, denn so manchem Leser werden die Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele, die auch bei mir mitunter Abscheu und Entsetzen hervorgerufen haben, vielleicht zu viel sein.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Zoran Drvenkar: Still
Verlag: Eder & Bach
Ersterscheinungsdatum: 1. September 2014
416 Seiten
ISBN 978-3-945386-00-2

Erscheint am 8. März 2016 als Taschenbuch bei Heyne
ISBN 978-3-453-41934-6

Cover: Eder & Bach

Merken

Buchrezension: Melanie Raabe – Die Falle

Melanie Raabe - Die FalleInhalt:

Die erfolgreiche Schriftstellerin Linda Conrads hat sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und lebt in fast kompletter Isolation in ihrer Villa am Starnberger See, die sie seit 11 Jahren nicht mehr verlassen hat. Nur ihre Assistentin, ihr Verleger und ihr Gärtner haben Zutritt zu ihrem Haus, das zu ihrem Refugium und ihrer eigenen und einzigen Welt geworden ist.

In meiner Welt ist es Sommer wie Winter exakt 23,2 Grad warm. In meiner Welt ist immer Tag und niemals Nacht. Hier gibt es keinen Regen, keinen Schnee, keine kaltgefrorenen Finger. In meiner Welt gibt es nur eine Jahreszeit, und ich habe noch keinen Namen für sie gefunden.

Jedes Jahr veröffentlicht Linda ein neues Buch; jeder ihrer Romane wurde zum Bestseller. In den Medien gilt sie als exzentrische Schriftstellerin, die sich aufgrund einer Krankheit von der Außenwelt abgeschottet hat, denn niemand kennt den wahren Grund, warum sie das Haus nicht mehr verlassen kann.
12 Jahre zuvor wurde ihre Schwester Anna mit sieben Messerstichen ermordet. Linda hat sie in einer Blutlache liegend gefunden und dem Mörder in die Augen gesehen, bevor dieser durch die offene Terrassentür fliehen konnte. Dennoch konnte der Täter nicht gefasst und der Mord nie aufgeklärt werden. Seitdem ist Linda traumatisiert, hat Panikattacken, flüchtet sich in ihre eigene Welt und schreibt Bücher, die nichts mit ihrer Realität zu tun haben.
Doch das Gesicht des Mörders verfolgt sie immer noch und auch die Frage, warum ihre Schwester sterben musste, lässt ihr nach wie vor keine Ruhe. Umso schockierter ist sie, als sie plötzlich auf dem Bildschirm ihres Fernsehers den Mann zu erkennen glaubt, den sie in der besagten Nacht in der Wohnung ihrer Schwester gesehen hatte. Sie ist sicher, dass es sich bei dem bekannten Journalisten Victor Lenzen um Annas Mörder handelt. Um ihn des Mordes zu überführen und endlich zu erfahren, was in jener Mordnacht geschehen ist, muss sie Lenzen in ihr Haus locken, ihm eine Falle stellen und ihn zu einem Geständnis zwingen. Dabei bedient sie sich dem einzigen Mittel, das ihr zur Verfügung steht – das der Literatur.

Meine persönliche Meinung:

Krimis und Thriller gehören eigentlich zu meinen bevorzugten Genres, aber leider ist gerade in diesem Bereich so viel fürchterlicher Bockmist auf dem Buchmarkt, dass man sich nicht wundern muss, dass der Kriminalliteratur nach wie vor der Vorwurf des Trivialen anhaftet. Ich habe schon so viele sprachlich grausame, schlecht recherchierte oder todlangweilige Krimis mit flachen Charakteren und Logikbrüchen gelesen, dass ich jedem Debüt entgegenfiebere und hoffe, wieder einmal auf einen Kriminalroman zu stoßen, der mich vollkommen überzeugen und fesseln kann. Deshalb war ich schon sehr gespannt auf Melanie Raabes Romandebüt Die Falle, denn ich hatte einige Rezensionen gelesen, die recht vielversprechend tönten.
Schon auf den ersten Seiten merkte ich, dass es sich hierbei in jeder Hinsicht um einen ganz besonderen Spannungsroman handelt, denn der Erzählstil und die metapherreiche, bildhafte und poetische Sprache der Autorin sind sehr außergewöhnlich für dieses Genre.
Durch die gewählte Ich-Perspektive erhält der Leser tiefe Einblicke in die Gedanken, Träume und Ängste der Erzählerin, die so eindrücklich geschildert werden, dass sie für mich sofort spür- und fühlbar waren. Ich konnte mich in Linda einfühlen und ihre Ängste nachempfinden. Alle Charaktere sind sehr fein gezeichnet und psychologisch durchdacht. Nicht nur Linda, die Hauptprotagonistin, sondern auch Victor Lenzen, der vermeintliche Mörder ihrer Schwester, werden sehr vielschichtig und facettenreich dargestellt. Dies führt nicht zuletzt dazu, dass der Leser aber auch immer wieder Zweifel an Lindas Glaubwürdigkeit hegt. Ist Victor wirklich Annas Mörder oder entspringt Lindas Verdacht nicht vielmehr der Phantasie einer traumatisierten, psychisch kranken Frau, die den Verstand verloren hat? Außerdem wird auch die Frage aufgeworfen, was die ermordete Anna überhaupt für ein Mensch war. War sie wirklich der Engel, zu dem Linda ihre Schwester nach ihrer Ermordung stilisiert? Diese Verwirrspiele führten mich immer wieder auf die falsche Fährte, und als ich mich schon sicher wähnte, nun die Wahrheit zu kennen, kam es wieder zu einer überraschenden Wendung.
Die Haupthandlung wird immer wieder durch Fragmente aus Lindas neustem Buch Blutsschwestern unterbrochen, das als Köder für den vermeintlichen Mörder fungiert und in dem sie einen Blick in die Vergangenheit wirft und nach und nach Details über den Mord an ihrer Schwester offenbart. Diese fiktiven Romanfragmente werden sehr geschickt mit der Rahmenhandlung verflochten. Obwohl sie den Handlungsverlauf unterbrechen, reißt die subtile Spannung niemals ab, sondern wird stattdessen immer mehr gesteigert, denn einerseits ergänzt dieser Roman im Roman die eigentliche Handlung, andererseits führt er den Leser aber auch immer wieder auf die falsche Fährte.
Die Falle ist ein sehr raffiniert komponierter und stilistisch ausgefeilter Roman, der nicht nur von einem außergewöhnlichen Erzähltalent der Autorin, sondern auch von ihrem ausgezeichneten Gespür für Zwischenmenschliches, Emotionen und Stimmungen zeugt. Raabes Erstlingswerk ist ein unglaublich fesselnder und temporeicher psychologischer Spannungsroman, ein verstörendes Kammerspiel, das vollkommen ohne blutige Details auskommt. Ein wirklich überzeugendes Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich noch mehr lesen wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Melanie Raabe: Die Falle
Verlag: btb (HC)
Ersterscheinungsdatum: 9. März 2015
352 Seiten
ISBN 978-3-442-75491-5

Cover: btb Verlag

Buchrezension: Bernhard Aichner – Totenfrau

Bernhard Aichner - TotenfrauInhalt:

Brünhilde Blum, die ihren verhassten Vornamen jedoch abgelegt hat und sich nur noch Blum nennt, ist Bestatterin. Bereits im Alter von 7 Jahren wurde sie von ihren Adoptiveltern dazu gezwungen, im familieneigenen Bestattungsunternehmen mitzuarbeiten, denn schließlich soll sie den Betrieb ja eines Tages übernehmen. Während andere Kinder spielten, musste sie Leichen waschen und präparieren, weigerte sie sich, wurde sie stundenlang in einen Sarg gesperrt. Elterliche Liebe, Zuneigung und Fürsorge erfuhr sie nie und hatte auch keine Freunde – die Toten waren ihre Spielkameraden und Vertrauten.
Bei einem Segelausflug beschließt Blum eines Tages, sich ihrer Adoptiveltern zu entledigen. Als diese im Meer schwimmen gehen, zieht Blum die Leiter des Bootes hoch, dreht die Musik laut, sodass sie die verzweifelten Schreie ihrer Eltern nicht hören kann und lässt sie ungerührt ertrinken. Alles sollte nach einem tragischen Badeunfall aussehen – und das tut es auch. Blum ist endlich frei.
Genau in diesem Moment lernt sie den Polizisten Mark kennen. Mark und Blum verlieben sich ineinander, heiraten, führen eine Bilderbuchehe, haben zwei wunderbare Kinder und leben nun in der alten Villa von Blums Eltern, in der sich auch das Bestattungsunternehmen befindet, das sie inzwischen erfolgreich leitet. Nun erfährt sie zum ersten Mal, was es heißt, geliebt zu werden.

Sie fühlt sich beschützt und geborgen, Mark ist Heimat, er ist einfach da, er geht nicht weg.

Doch dieses vollkommene Glück währt nur acht Jahre, denn eines Morgens wird Mark vor Blums Augen von einem schwarzen Rover erfasst, überfahren und ist auf der Stelle tot. Der Fahrer des Wagens begeht Fahrerflucht und kann nicht ermittelt werden, aber alles deutet darauf hin, dass es ein tragischer Unfall war. Für Blum bricht eine Welt zusammen. Nur die Liebe zu ihren Kindern bewahrt sie vor dem totalen Absturz.
Durch Zufall stößt sie dann jedoch auf Tonbandaufzeichnungen, auf denen Mark seine Gespräche mit einer Frau namens Dunja protokolliert hatte. Dunja wurde jahrelang von fünf Männern in einem Keller gefangen gehalten, gequält, vergewaltigt, gefoltert und dabei fotografiert. Gebannt lauscht Blum den Gesprächen zwischen Mark und der ihr unbekannten Frau, die sich ihm anvertraut hatte. Sie macht sich auf die Suche nach Dunja, nimmt mit ihr Kontakt auf und ist sicher, dass Marks Tod keineswegs ein Unfall, sondern ein geplanter Mord war. Blum begibt sich nun auf einen gnadenlosen und brutalen Rachefeldzug, auf dem jeder, der dafür verantwortlich ist, dass sie das Liebste verloren hat, büßen muss.

Meine persönliche Meinung:

Liest man die Rezensionen zu diesem Buch, ist man zunächst etwas irritiert, denn kaum ein anderes Buch wird so kontrovers diskutiert wie Bernhard Aichners Totenfrau. Zum einen wird es enthusiastisch gelobt, zum anderen aber auch erbarmungslos verrissen. Mich spornen solche umstrittenen Bücher immer ganz besonders zum Lesen an, denn ich bilde mir recht gerne eine eigene Meinung. Man kann dieses Buch offenbar entweder nur hassen oder lieben, aber mir fiel es sehr schwer, zu einem solch pauschalen Gesamturteil zu kommen.
Der Schreibstil des Autors ist sehr gewöhnungsbedürftig. Aichners kurze, stakkatoartigen Sätze machen das Lesen mitunter recht anstrengend, denn sie hämmern sich geradezu in das Gehirn des Lesers. Als besonders nervend empfand ich vor allem die Aneinanderreihung von Hauptsätzen und die Häufung von Einwort- und Zweiwortsätzen, wie:

Für Mark. Für Dunja. Sie fragt nicht nach ihm. Dunja. Kein Wort.

Eine solch minimalistische Sprache muss man mögen – ich mag sie leider nicht besonders. Dennoch muss ich zugeben, dass dieser Schreibstil der Thematik und der Hauptprotagonistin des Buches durchaus angemessen ist, denn ebenso gnadenlos, wie sich Blum auf ihrem Rachefeldzug durch das Buch mordet, so gnadenlos wird der Leser eben durch diesen Sprachstil durch die Seiten getrieben. Diese schnörkellose, präzise Sprache lässt keine Möglichkeit zum Durchatmen, aber dafür umso mehr Platz für eigene Gedanken, Gefühle und Bilder im Kopf des Lesers. Gerade weil auf Details und ausschmückende Adjektive verzichtet wird, waren die Bilder, die ich beim Lesen vor Augen hatte, und die Empfindungen, die das Buch bei mir auslösten, umso eindrücklicher, beklemmender und grausamer. Ich sah nicht nur das erbarmungslose und blutige Gemetzel, mit dem Blum jedem ihrer Opfer seinen eigenen Tod beschert, genau vor mir, sondern spürte gleichzeitig auch ihre tiefe Trauer und Verzweiflung. Und genau das ist das Verstörende und Fesselnde an diesem Buch, denn ich fühlte mich ständig hin – und hergerissen, da ich diese brutale Mörderin einerseits verabscheuungswürdig und abstoßend fand, sie andererseits aber auch mochte, ihre Beweggründe nachvollziehen konnte und Mitleid mit ihr hatte. Das war für mich zuweilen sehr irritierend, denn unwillkürlich stellt man sich dabei die Frage, ob und unter welchen Umständen Selbstjustiz gerechtfertigt ist und was man selbst tun würde, wenn einem das Liebste genommen wird. Aichner gelingt es, den Leser auf die Seite der von Rachegedanken besessenen Blum zu ziehen und ihr Verhalten gut zu heißen, was etwas befremdlich ist.
Im Grunde lebt das ganze Buch nahezu ausschließlich von der außergewöhnlichen Hauptprotagonistin, denn sieht man von dem ungewöhnlichen Schreibstil ab, hat dieses Buch sonst recht wenig zu bieten. Blums Rachemotive sind für einen Thriller recht unspektakulär und wahrlich nichts Neues. Mühelos und mithilfe vollkommen realitätsferner Zufälle findet sie schnell die Täter, die für den Tod ihres Mannes verantwortlich sind. Spannend ist das nun nicht, wenn sich ihr diese quasi wie auf dem Silbertablett präsentieren und sich ohne großen Aufwand ausfindig machen und beseitigen lassen. Auch die einzig überraschende Wendung kündigt sich erfahrenen Krimi- und Thrillerlesern schon recht früh an und war, zumindest für mich, ziemlich vorhersehbar.
Nein, spannend ist Aichners Totenfrau nun wirklich nicht. Dennoch fand ich das Buch durchaus lesenswert, denn es ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich, provokativ und bizarr. Für zartbesaitete Gemüter ist es jedoch nicht geeignet.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Bernhard Aichner: Totenfrau
Verlag: btb
Ersterscheinungsdatum: 10. März 2014
464 Seiten
ISBN 978-3-442-74926-3

Cover: btb Verlag

Buchrezension: Sabine Thiesler – Und draußen stirbt ein Vogel

Thiesler - Und draußen stirbt ein VogelInhalt:

Manuel besitzt all ihre Bücher, kennt nahezu jeden Satz auswendig und besucht jede Lesung der erfolgreichen Autorin Rina Kramer. Er hasst diese Frau, denn auch er ist Schriftsteller, aber seit sie ihn seiner Ideen und Gedanken beraubt, bekommt er selbst keinen einzigen Satz mehr zu Papier. Rina hat ihn bei ihren Lesungen jedoch nie wahrgenommen und so erkennt sie Manuel auch nicht, als er eines Tages auf ihrem einsam gelegenen Anwesen in der Toskana auftaucht und ihr Gästehaus mieten will. Sie ist gerade erst von einer anstrengenden Lesereise zurückgekehrt, ihr Ehemann ist Regisseur, dreht aber momentan eine Fernsehserie in Paris, und nur ihr Sohn Fabian, der ein Internat in Deutschland besucht, verbringt gerade seine Schulferien bei ihr in Italien. Ansonsten fühlt sich Rina oft allein, sie und ihr Mann haben sich auseinandergelebt und so freut sie sich zunächst, dass der sympathisch wirkende Manuel das momentan leerstehende Ferienhaus auf ihrem Grundstück anmieten möchte und für etwas Abwechslung sorgt. Erst nach ein paar Tagen merkt sie, dass sich der Feriengast recht merkwürdig verhält, ahnt aber nicht, in welcher Gefahr sie und ihr Sohn schweben. Manuel will sie vernichten, wartet nur auf die passende Gelegenheit, und als Rina endlich merkt, dass der eigenartige Tourist ihr größter Feind ist, ist es bereits zu spät.

Meine persönliche Meinung:

Seit ich vor einigen Jahren Sabine Thieslers Der Kindersammler gelesen habe, bin ich total begeistert von ihren Thrillern und habe inzwischen fast alle gelesen. Ich mag den Schreibstil der Autorin, der sich sehr flüssig und leicht lesen lässt, und bislang ist es ihr immer gelungen, eine subtile, psychologische Spannung aufzubauen und diese über das ganze Buch hinweg zu halten. Außerdem liebe ich die Toskana und da der Schauplatz ihrer Bücher überwiegend dort angesiedelt ist, ist jedes Buch von Sabine Thiesler für mich auch eine kleine Reise nach Mittelitalien. Glücklicherweise wird auf seitenlange, den Handlungsverlauf eines Thrillers auch extrem störende Landschaftsbeschreibungen verzichtet, aber dennoch fühle ich mich beim Lesen stets in diese traumhaft schöne Landschaft versetzt.
Auch die Protagonistin von Sabine Thieslers neustem Roman Und draußen stirbt ein Vogel lebt in der Toskana; ihr idyllisches, von Zypressen umgebenes Anwesen auf einem Berg bei dem toskanischen Dorf Monte Aglaia sah ich beim Lesen förmlich vor mir. In dieses Idyll dringt nun das Böse in der Person eines von Hass besessenen Stalkers ein. Anders als Rina, weiß der Leser von Anfang an, welche Gefahr von Manuel ausgeht, auch wenn die Beweggründe für seinen Hass und seine genauen Pläne anfangs noch im Dunkeln liegen. Durch den ständigen Perspektivwechsel erhält der Leser nicht nur Einblick in die Denkweise und Vergangenheit dieses zutiefst gestörten Psychopathen, sondern auch in die Gedanken und Beobachtungen der zunächst ahnungslosen Rina, ihres Sohnes und auch in die der anderen Protagonisten. In einem weiteren Handlungsstrang, der teilweise aus der Sicht eines katholischen Geistlichen geschildert wird, geht es um eine verwahrloste Obdachlose, einen kürzlich verstorbenen Pfarrer und um Kindesmissbrauch in einem Kinderheim. Wie und ob diese beiden Handlungsstränge miteinander verwoben sind, erfährt man erst am Ende des Romans, das ich natürlich hier nicht verraten kann, aber – so viel darf ich zumindest ausplaudern – für mich waren die Zusammenhänge ziemlich enttäuschend und viel zu konstruiert. Dabei hat mich diese zweite Handlungsebene durchaus interessiert und hätte das Potential, zu einem weiteren Roman ausgearbeitet zu werden. Ich gebe zu, dass mich diese parallel verlaufende Geschichte irgendwann mehr gefesselt hat, als das Schicksal von Rina und die Rachepläne ihres geisteskranken Stalkers.
Das Buch war durchgängig spannend und man erhält tiefe Einblicke in die verschiedenen und durchaus interessanten und gut ausgearbeiteten Charaktere. Auf die Darstellung blutiger und brutaler Details wird weitgehend verzichtet, aber die unheilvolle Situation, in der sich Rina befindet, ist stets spürbar, was die subtile Spannung des Romans auch nie abbrechen lässt. Mein Hauptproblem mit diesem Buch bestand lediglich darin, dass mir Rina sehr unsympathisch war. Ihre Denkweise sowie ihre Handlungen waren für mich oft so schwer nachvollziehbar und fremd, dass es mir schwerfiel, Empathie für sie zu entwickeln. Der Spannung des Thrillers tat das jedoch keinen Abbruch, zumal dies meine persönliche und vollkommen subjektive Einschätzung der Hauptprotagonistin ist.

Und draußen stirbt ein Vogel ist ein solider psychologischer Thriller, aber für mich nicht unbedingt Sabine Thieslers bestes Buch, denn einem Vergleich mit Der Kindersammler oder Hexenkind kann es meiner Meinung nach nicht standhalten. Sieht man über ein paar Schwächen hinweg, ist es aber auf jeden Fall ein durchweg spannender Pageturner und empfehlenswert.

Mein herzlichster Dank geht an das Bloggerportal sowie den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Sabine Thiesler: Und draußen stirbt ein Vogel
Verlag: Heyne HC
Ersterscheinungsdatum: 11. Januar 2016
450 Seiten
ISBN 978-3-453-26968-2

Cover: Heyne Verlag

Merken

Buchrezension: Jay Asher – Tote Mädchen lügen nicht

Jay Asher - Tote Mädchen lügen nichtInhalt:

Als Clay Jenson eines Tages von der Schule nach Hause kommt, findet er vor der Haustür ein an ihn adressiertes Päckchen, in dem sich sieben Musikkassetten befinden. In der Garage seiner Eltern legt er die erste Kassette in einen alten Gettoblaster, drückt die Play-Taste und hört die Stimme von Hannah, einer ehemaligen Mitschülerin, die zwei Wochen zuvor Selbstmord begangen hatte. Niemand konnte sich zunächst erklären, warum das junge Mädchen freiwillig aus dem Leben schied, aber auf diesen Tonbändern erzählt Hannah nun ihre Geschichte. Sie gibt 13 Gründe an, die sie in den Tod trieben und benennt 13 Personen, die ihren Anteil daran hatten, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sah und zwingt diese nun, sich ihre Kassetten anzuhören. Offenbar gehört auch Clay zu dem Personenkreis, den Hannah für ihren Freitod verantwortlich macht, aber ihm ist nicht bewusst, sie jemals verletzt oder gekränkt zu haben, denn er war heimlich in sie verliebt und lediglich zu schüchtern, um offen zu seinen Gefühlen zu stehen. Er besorgt sich einen Walkman, wandert mit Hannahs Stimme im Ohr durch die Straßen und besucht die Orte, die sie auf einer Karte markiert hat und an denen sich die Geschehnisse, von denen sie berichtet, zugetragen haben. Gebannt lauscht er Hannahs Worten und versucht zu ergründen, warum seine ehemalige Mitschülerin und das Mädchen, das er liebte, nicht mehr leben wollte.

Meine persönliche Meinung:

Tote Mädchen lügen nicht liegt schon sehr lange auf meinem Stapel der ungelesenen Bücher. Ich habe mir das Buch vor ein paar Jahren günstig als Mängelexemplar gekauft, weil mich das Cover angesprochen hat und ich es zunächst für einen Thriller hielt, war  dann allerdings etwas skeptisch, als ich erfahren habe, dass es sich eigentlich um ein Jugendbuch handelt, legte es zur Seite und habe es danach schlicht vergessen. Erst kürzlich fiel es mir wieder in die Hände, als ich mein Bücherregal ausgemistet habe. Ich wollte es schon weggeben, habe dann aber den Klappentext gelesen und beschlossen, dem Buch doch noch eine Chance zu geben und es zu lesen. Ich bin froh, dass ich das Buch nicht ungelesen entsorgt habe, denn es hat mir sehr gut gefallen, mich tief bewegt und die Geschichte von Hannah lässt mich auch jetzt nicht so schnell los.
Ich habe Tote Mädchen lügen nicht innerhalb von zwei Tagen gelesen, was nicht nur an dem flüssig zu lesenden Schreibstil des Autors lag, sondern vor allem daran, dass ich unbedingt wissen wollte, was Hannah bewogen hat, sich das Leben zu nehmen und inwiefern Clay Schuld an ihrem Suizid trägt. Gebannt folgte ich an seiner Seite Hannahs Worten, die kursiv gedruckt sind und immer wieder von Clays Gedanken unterbrochen werden. Ich fühlte mich hin- und hergerissen, denn zum einen ist mir Clay sofort ans Herz gewachsen, weil er ein sensibler Junge zu sein scheint, der mit der Situation vollkommen überfordert ist und zum anderen war ich erschüttert von Hannahs Geschichte. Ich durchlebte mit Clay all die Wut, Trauer, Ohnmacht und Verzweiflung, die er durchlitt und war manchmal fast wütend auf Hannah, weil sie ihre Mitmenschen mit diesem Gefühl der Schuld zurückließ. Bisweilen wollte ich dieses Mädchen einfach nur schütteln und ihr sagen, dass das, was ihr wiederfahren ist, noch lange kein Grund ist, sich umzubringen, denn einige ihrer Probleme sind so banal und alltäglich, dass sie unmöglich dazu führen können und dürfen, den Lebensmut zu verlieren und einfach aufzugeben. Ich wollte Hannah erklären, dass dies alles doch nur lächerliche Gerüchte, Hänseleien und Verletzungen sind, wie sie jeder von uns schon mehrfach erlebt hat, sie sich wehren oder Hilfe holen soll, aber je mehr ich von Hannah erfahren habe, umso besser konnte ich mich in ihre Not und ihre Verzweiflung einfühlen. Nicht die einzelnen kleinen Demütigungen, sondern die Summe aller Kränkungen, die auf sie einstürzten und kein Ende nahmen, führten dazu, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sah, als ihrem Leben ein Ende zu setzen. Immer wieder hat sie versucht, Freunde zu finden, ihren Mitmenschen ein bisschen Vertrauen entgegenzubringen, kleine Signale zu senden, mit denen sie ihre Verzweiflung zum Ausdruck bringen wollte, aber sie wurde stets aufs Neue enttäuscht, ihr Vertrauen wurde immer wieder missbraucht und niemand hat ihre Not erkannt.
Ja, Tote Mädchen lügen nicht ist in erster Linie ein Jugendbuch und sollte an jeder Schule gelesen werden, um zu zeigen, wohin auch noch so harmlose Sticheleien führen können, aber es sollte auch von Erwachsenen gelesen werden, denn das Verbreiten von Gerüchten, demütigende und erniedrigende Äußerungen sowie Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber anderen sind durchaus keine Phänomene, die nur Jugendliche betreffen. Ich habe das Buch nicht nur als eine spannende und gleichzeitig sensible Auseinandersetzung mit Themen wie Suizid und Mobbing, sondern vor allem als ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit, Respekt und Empathie im Umgang mit unseren Mitmenschen gelesen und kann es deshalb uneingeschränkt an Leser jeden Alters weiterempfehlen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht
Verlag: cbt
Ersterscheinungsdatum: 16.03.2009
288 Seiten
ISBN 978-3-570-16020-6

Cover: cbt

Merken