Buchrezension: Sabine Thiesler – Und draußen stirbt ein Vogel

Thiesler - Und draußen stirbt ein VogelInhalt:

Manuel besitzt all ihre Bücher, kennt nahezu jeden Satz auswendig und besucht jede Lesung der erfolgreichen Autorin Rina Kramer. Er hasst diese Frau, denn auch er ist Schriftsteller, aber seit sie ihn seiner Ideen und Gedanken beraubt, bekommt er selbst keinen einzigen Satz mehr zu Papier. Rina hat ihn bei ihren Lesungen jedoch nie wahrgenommen und so erkennt sie Manuel auch nicht, als er eines Tages auf ihrem einsam gelegenen Anwesen in der Toskana auftaucht und ihr Gästehaus mieten will. Sie ist gerade erst von einer anstrengenden Lesereise zurückgekehrt, ihr Ehemann ist Regisseur, dreht aber momentan eine Fernsehserie in Paris, und nur ihr Sohn Fabian, der ein Internat in Deutschland besucht, verbringt gerade seine Schulferien bei ihr in Italien. Ansonsten fühlt sich Rina oft allein, sie und ihr Mann haben sich auseinandergelebt und so freut sie sich zunächst, dass der sympathisch wirkende Manuel das momentan leerstehende Ferienhaus auf ihrem Grundstück anmieten möchte und für etwas Abwechslung sorgt. Erst nach ein paar Tagen merkt sie, dass sich der Feriengast recht merkwürdig verhält, ahnt aber nicht, in welcher Gefahr sie und ihr Sohn schweben. Manuel will sie vernichten, wartet nur auf die passende Gelegenheit, und als Rina endlich merkt, dass der eigenartige Tourist ihr größter Feind ist, ist es bereits zu spät.

Meine persönliche Meinung:

Seit ich vor einigen Jahren Sabine Thieslers Der Kindersammler gelesen habe, bin ich total begeistert von ihren Thrillern und habe inzwischen fast alle gelesen. Ich mag den Schreibstil der Autorin, der sich sehr flüssig und leicht lesen lässt, und bislang ist es ihr immer gelungen, eine subtile, psychologische Spannung aufzubauen und diese über das ganze Buch hinweg zu halten. Außerdem liebe ich die Toskana und da der Schauplatz ihrer Bücher überwiegend dort angesiedelt ist, ist jedes Buch von Sabine Thiesler für mich auch eine kleine Reise nach Mittelitalien. Glücklicherweise wird auf seitenlange, den Handlungsverlauf eines Thrillers auch extrem störende Landschaftsbeschreibungen verzichtet, aber dennoch fühle ich mich beim Lesen stets in diese traumhaft schöne Landschaft versetzt.
Auch die Protagonistin von Sabine Thieslers neustem Roman Und draußen stirbt ein Vogel lebt in der Toskana; ihr idyllisches, von Zypressen umgebenes Anwesen auf einem Berg bei dem toskanischen Dorf Monte Aglaia sah ich beim Lesen förmlich vor mir. In dieses Idyll dringt nun das Böse in der Person eines von Hass besessenen Stalkers ein. Anders als Rina, weiß der Leser von Anfang an, welche Gefahr von Manuel ausgeht, auch wenn die Beweggründe für seinen Hass und seine genauen Pläne anfangs noch im Dunkeln liegen. Durch den ständigen Perspektivwechsel erhält der Leser nicht nur Einblick in die Denkweise und Vergangenheit dieses zutiefst gestörten Psychopathen, sondern auch in die Gedanken und Beobachtungen der zunächst ahnungslosen Rina, ihres Sohnes und auch in die der anderen Protagonisten. In einem weiteren Handlungsstrang, der teilweise aus der Sicht eines katholischen Geistlichen geschildert wird, geht es um eine verwahrloste Obdachlose, einen kürzlich verstorbenen Pfarrer und um Kindesmissbrauch in einem Kinderheim. Wie und ob diese beiden Handlungsstränge miteinander verwoben sind, erfährt man erst am Ende des Romans, das ich natürlich hier nicht verraten kann, aber – so viel darf ich zumindest ausplaudern – für mich waren die Zusammenhänge ziemlich enttäuschend und viel zu konstruiert. Dabei hat mich diese zweite Handlungsebene durchaus interessiert und hätte das Potential, zu einem weiteren Roman ausgearbeitet zu werden. Ich gebe zu, dass mich diese parallel verlaufende Geschichte irgendwann mehr gefesselt hat, als das Schicksal von Rina und die Rachepläne ihres geisteskranken Stalkers.
Das Buch war durchgängig spannend und man erhält tiefe Einblicke in die verschiedenen und durchaus interessanten und gut ausgearbeiteten Charaktere. Auf die Darstellung blutiger und brutaler Details wird weitgehend verzichtet, aber die unheilvolle Situation, in der sich Rina befindet, ist stets spürbar, was die subtile Spannung des Romans auch nie abbrechen lässt. Mein Hauptproblem mit diesem Buch bestand lediglich darin, dass mir Rina sehr unsympathisch war. Ihre Denkweise sowie ihre Handlungen waren für mich oft so schwer nachvollziehbar und fremd, dass es mir schwerfiel, Empathie für sie zu entwickeln. Der Spannung des Thrillers tat das jedoch keinen Abbruch, zumal dies meine persönliche und vollkommen subjektive Einschätzung der Hauptprotagonistin ist.

Und draußen stirbt ein Vogel ist ein solider psychologischer Thriller, aber für mich nicht unbedingt Sabine Thieslers bestes Buch, denn einem Vergleich mit Der Kindersammler oder Hexenkind kann es meiner Meinung nach nicht standhalten. Sieht man über ein paar Schwächen hinweg, ist es aber auf jeden Fall ein durchweg spannender Pageturner und empfehlenswert.

Mein herzlichster Dank geht an das Bloggerportal sowie den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Sabine Thiesler: Und draußen stirbt ein Vogel
Verlag: Heyne HC
Ersterscheinungsdatum: 11. Januar 2016
450 Seiten
ISBN 978-3-453-26968-2

Cover: Heyne Verlag

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