Buchrezension: Zoran Drvenkar – Still

Zoran Drvenkar - StillInhalt:

Jedes Jahr in den Wintermonaten werden Kinder entführt und tauchen nie wieder auf. Bislang ist es nur einem Mädchen gelungen, ihren Peinigern zu entkommen, aber Lucia redet seitdem kein einziges Wort, sondern sitzt seit sechs Jahren wie versteinert in einer psychiatrischen Anstalt, starrt mit ausgestreckter Hand aus dem Fenster und scheint auf etwas zu warten.
Ein Vater, dessen Tochter ebenfalls auf mysteriöse Weise verschwunden ist, ermittelt auf eigene Faust, legt sich eine neue Identität zu und versucht unter dem Namen Mika Stellar, in den Kreis der Männer aufgenommen zu werden, die er für die Entführung seiner Tochter verantwortlich macht. Vier Männer treffen sich, einer langen und bestialischen Tradition folgend, jeden Winter in einer einsamen Hütte im Wald, um ihren Hunger zu stillen. Mika Stellar setzt alles daran, ihr Vertrauen zu gewinnen, um endlich Rache für den Verlust seiner Tochter zu üben, auch wenn er dabei in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit blicken muss.

Meine persönliche Meinung:

Obwohl ich schon viel von Zoran Drvenkar gehört habe, habe ich bislang noch kein Buch von ihm gelesen und war natürlich sehr gespannt auf Still, einen Thriller, der 2014 in dem damals neu gegründeten Verlag Eder & Bach erschienen ist und ab 8. März 2016 bei Heyne auch als Taschenbuch erhältlich sein wird. Was Thriller anbelangt, bin ich wirklich viel gewohnt und eigentlich durch nichts so leicht zu erschüttern, aber mit Still hat es Zoran Drvenkar tatsächlich geschafft, selbst mich noch zu schockieren, aber gleichzeitig auch zu faszinieren.
Das Buch wird aus drei verschiedenen Erzähl – und Zeitperspektiven erzählt und ist in Kapitel, die mit „Ich“, „Du“ und „Sie“ betitelt sind, untergliedert. „Ich“ wird aus der Perspektive des verzweifelten Vaters erzählt, der sich auf einen Rachefeldzug begibt, um die Entführer seiner Tochter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. In den Kapiteln, die mit „Du“ überschrieben sind, erfährt der Leser Stück für Stück, was Lucia, dem Mädchen, das den Entführern entkommen konnte, widerfahren ist, welche unvorstellbar traumatischen Erlebnisse dazu führten, dass sie wie erstarrt am Fenster einer psychiatrischen Anstalt sitzt und worauf sie wartet. Wer „Sie“ sind und von welchen unbegreiflichen Beweggründen und Trieben der geheimnisvolle Männerbund geleitet wird, um Kindern solche abscheulichen Dinge anzutun, bleibt lange unklar. Durch den ständigen Perspektivwechsel erhält der Leser nicht nur Einblick in die Gefühle und Gedanken der Opfer, sondern auch in die der Täter. Besonders die Kapitel, die mit „Sie“ überschrieben sind, haben mich teilweise sehr schockiert und bei mir so viel Ekel und Abscheu hervorgerufen, dass ich manchmal geneigt war, das Buch zur Seite zu legen, denn in die Gedankenwelt pädophiler Männer einzutauchen, brachte mich häufig an die Grenzen dessen, was ich ertragen kann, zumal ich ständig im Hinterkopf hatte, dass es tatsächlich Menschen gibt, die beim Missbrauch von Kindern Freude empfinden und sogar noch in der Lage sind, dabei von „Liebe“ zu sprechen. Gleichzeitig gelingt es dem Autor aber auch, die Gefühle und das Leid der Opfer sehr eindrücklich zu schildern, sodass man tief in ihre zerstörten Seelen blicken und all die Trauer, Wut und Verzweiflung nachvollziehen und -fühlen kann.
Die Sprache, deren sich Drvenkar bedient, ist schlicht und poetisch zugleich. Mit kurzen, knappen Sätzen erzeugt der Autor eine beklemmende und verstörende Atmosphäre, die den Leser vollkommen in ihren Bann zieht. Er verzichtet nahezu auf blutige Details, aber gerade durch das, was nicht gesagt, sondern nur angedeutet wird, entstehen sehr starke Emotionen, eindrückliche Bilder und eine sehr düstere Stimmung.
Drvenkar ist ein wirklicher Meister der Erzählkunst, der es versteht, den Leser mit einem geschickten Perspektivwechsel, gut ausgearbeiteten Charakteren und einer nüchternen und gleichzeitig poetischen Sprache in einen Sog zu ziehen, dem er sich nur schwer entziehen kann. Besonders sympathisch war mir, dass der Autor beharrlich an der alten Rechtschreibung festhält – das gefällt mir. Dass die Dialoge mit Spiegelstrichen statt mit Anführungszeichen gekennzeichnet sind, finde ich persönlich jedoch etwas gewöhnungsbedürftig, aber das ist eine formale Geschmackssache.
Sprachlich und erzähltechnisch ist Still jedenfalls ein absolutes Meisterwerk, wie man es im Thriller-Genre leider nur sehr selten findet. Allerdings konnte mich der Plot nicht so recht überzeugen, denn auch wenn der Roman mit zahlreichen unvorhersehbaren Wendungen aufwartet, die die Spannung steigern, ist die Story an manchen Stellen ziemlich unglaubwürdig und haarsträubend. Das Ende war zwar schlüssig, aber dennoch enttäuschend, denn ich hätte mir einfach einen anderen Ausgang der Geschichte gewünscht (was zugegebenermaßen recht infantil ist, denn nicht alles endet so, wie man es gerne hätte).
Dennoch kann ich Zoran Drvenkars Thriller nur weiterempfehlen, denn er beweist, dass man auch bei einem Genre, das als trivial gilt, von Literatur sprechen kann. Außerdem lässt sich das Buch flüssig lesen und ist durchgehend spannend. Für sensible Gemüter ist es vermutlich nicht geeignet, denn so manchem Leser werden die Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele, die auch bei mir mitunter Abscheu und Entsetzen hervorgerufen haben, vielleicht zu viel sein.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Zoran Drvenkar: Still
Verlag: Eder & Bach
Ersterscheinungsdatum: 1. September 2014
416 Seiten
ISBN 978-3-945386-00-2

Erscheint am 8. März 2016 als Taschenbuch bei Heyne
ISBN 978-3-453-41934-6

Cover: Eder & Bach

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4 Gedanken zu “Buchrezension: Zoran Drvenkar – Still

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