Buchrezension: Wiebke Lorenz – Alles muss versteckt sein

Wiebke Lorenz - Alles muss versteckt seinInhalt:

Weißt du, wozu du fähig bist? Ahnst du es auch nur ansatzweise? […] Was, wenn du eines Tages aufwachst und entdeckst, dass in dir ein Monster lebt?

Marie ist 38, arbeitet in einem Kindergarten, ist glücklich verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter. Ihr Leben verläuft in geordneten Bahnen, gerät aber von einer Sekunde auf die andere vollkommen aus den Fugen, als ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall stirbt. Seit diesem traumatischen Verlust leidet Marie an aggressiven Zwangsgedanken, denen sie vollkommen ausgeliefert ist. In ihren Gedanken mordet sie, richtet ihre Aggressionen vor allem gegen Menschen, die sie liebt und lebt in der ständigen Angst, eines Tages die Kontrolle über ihre Gewaltphantasien zu verlieren und sie in die Tat umzusetzen.

Denn draußen und unter Menschen ereigneten sich in meinem Kopf nur die furchtbarsten Dinge, ich wütete und mordete, ohne dass ein Außenstehender etwas davon ahnte. Ich war eine Täterin ohne Tat. Noch. Und jede Minute, jede Sekunde hatte ich Panik davor, dass es nicht so bleiben würde.

Aber „Denken ist nicht tun!“, das versichert ihr zumindest ihre neue Internetfreundin Elli immer wieder. Dennoch hat Marie die Befürchtung, diesem unerklärlichen inneren Drang, jemandem etwas anzutun, irgendwann doch unbewusst nachzukommen und vermeidet deshalb den Kontakt zu anderen Menschen.
Maries Ehe zerbricht, aber als sie zufällig dem Schriftsteller Patrick begegnet, gelingt es ihr, sich wieder zu verlieben und zu öffnen. Doch eines Morgens wacht sie neben der grausam zugerichteten Leiche ihres neuen Lebensgefährten auf und alles deutet daraufhin, dass sie ihn mit einem Messer ermordet hat. Sie kann sich zwar nicht an die Tat erinnern, ist aber selbst davon überzeugt, ihren Freund umgebracht zu haben, denn in ihren Gedanken hatte sie sich häufig ausgemalt, wie es wäre, ihm die Kehle durchzuschneiden und auf ihn einzustechen.
Marie wird verurteilt und aufgrund ihrer psychischen Erkrankung in den Maßregelvollzug einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt eingewiesen. Nur ihr Exmann und ihr behandelnder Arzt, der Psychiater Dr. Falkenhagen, scheinen Zweifel daran zu haben, dass die ansonsten so liebevolle Marie tatsächlich in der Lage war, einen so grausamen Mord zu begehen. Zunächst verschließt sie sich vollkommen, aber in langen Therapiesitzungen gelingt es ihrem Psychiater schließlich, Maries Vertrauen zu gewinnen. Sie beginnt, ihre Vergangenheit aufzurollen und versucht, ihre Erinnerungen an die Mordnacht an die Oberfläche zu holen. Ist sie wirklich eine eiskalte Mörderin oder immer noch eine Täterin ohne Tat und die Wahrheit noch viel schlimmer als ihre Gedanken?

Meine persönliche Meinung:

Das Buch von Wiebke Lorenz lag nun mehr als ein Jahr auf meinem Stapel ungelesener Bücher, denn die blutigen Hände auf dem Cover haben mich immer ein wenig abgeschreckt. Mein ursprünglicher Verdacht, es könnte sich um einen Thriller handeln, bei dem das Blut nur so aus den Seiten quillt, hat sich jedoch nicht bestätigt. Im Grunde ist das Buch sogar so harmlos, dass man kaum von einem Thriller sprechen kann.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Marie, die vermeintliche Mörderin, die unter aggressiven Zwangsgedanken leidet. Nicht nur durch die Gespräche mit ihrem Psychiater, sondern auch durch Auszüge aus ihrem Tagebuch erhält man sehr tiefe Einblicke in das Leben und die Gedankenwelt eines Zwangserkrankten sowie in den Alltag in einer geschlossenen Einrichtung der forensischen Psychiatrie. Man merkt deutlich, dass die Autorin hierfür sehr akribisch und intensiv recherchiert hat, denn das Krankheitsbild von Zwangserkrankungen und deren Auswirkung auf alle Lebensbereiche der Betroffenen werden außerordentlich authentisch, informativ und anschaulich geschildert. Der Charakter von Marie ist sehr fein gezeichnet, sodass man sich in die Gefühle und Gedanken der Hauptprotagonistin sehr gut einfühlen und ihre Verzweiflung, Ängste, Schuldgefühle, Selbstzweifel und ihr Leiden an der psychischen Erkrankung nachempfinden kann. Auch die beklemmende Atmosphäre in der Psychiatrie wird sehr eindrücklich beschrieben.
Allerdings hat mich das Buch überhaupt nicht gefesselt, denn stellenweise war es sehr zäh und durch ständige Wiederholungen auch ziemlich langatmig. Wirkliche Spannung wollte sich bei mir jedenfalls nicht einstellen. Außerdem war das Ende für mich so vorhersehbar, dass ich recht schnell einen Verdacht hatte, der sich dann trotz einer an den Haaren herbeigezogenen Wendung letztendlich auch bestätigte.
Da der Schreibstil der Autorin aber sehr angenehm und leicht ist und ich sehr beeindruckt war, wie intensiv und glaubwürdig sich Wiebke Lorenz mit der Entstehung, Bewältigung und dem Umgang mit aggressiven Zwangsgedanken auseinandersetzt, ließ sich das Buch sehr flüssig und schnell lesen.
Die Thematik fand ich sehr interessant, die sensible und informative Auseinandersetzung mit dieser seelischen Krankheit war äußerst gelungen, aber von einem Thriller hätte ich mir doch wenigstens ein bisschen Spannung erhofft.

© Claudia Bett

 Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Wiebke Lorenz: Alles muss versteckt sein
Verlag: Diana
Ersterscheinungsdatum: 3. September 2012
352 Seiten
ISBN 978-3-453-35765-5

Cover: Diana Verlag

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