Buchrezension: Karin Slaughter – Dreh dich nicht um

Karin Slaughter - Dreh dich nicht umInhalt:

Als die Gerichtsmedizinerin Sara Linton von ihrem Exmann, Polizeichef Jeffrey Tolliver, zum Fundort einer Leiche gerufen wird, deutet zunächst alles darauf hin, dass sich der Student Andy Rosen auf dem Gelände des Grant College von einer Brücke gestürzt und Selbstmord begangen hat. Während Sara den Toten in Augenschein nimmt, wartet ihre hochschwangere Schwester Tessa im Auto, doch als Sara zu ihrem Wagen zurückkehrt, ist ihre Schwester verschwunden. Sie findet sie schließlich blutüberströmt und ohne Bewusstsein im nahegelegenen Wald. Offenbar wurde sie von einem unbekannten Täter niedergestochen und sehr schwer verletzt. Sara wird von sehr großen Schuldgefühlen geplagt, da sie Tessa unüberlegt zu einem Tatort mitgenommen und damit in Gefahr gebracht hat und fühlt sich nun dafür verantwortlich, dass Tessa in der Klinik um ihr Leben kämpft und aufgrund ihrer schweren Verletzungen auch ihr Kind verloren hat.
Noch während ihre Schwester in Lebensgefahr schwebt, ereignet sich bereits der nächste rätselhafte Todesfall, denn die Studentin, die die Leiche von Andy Rosen gefunden hatte, hat sich offenbar erschossen. Sara und Jeffrey zweifeln jedoch allmählich an der Selbstmordtheorie und vermuten, dass zwischen dem Tod der beiden Studenten und dem Angriff auf Tessa ein Zusammenhang besteht.
Wurden die beiden Studenten ermordet? Hat Tessa in der Nähe des Tatorts zufällig etwas entdeckt, was der Täter unbedingt verhindern wollte? Da Andy Rosen jüdischer Herkunft war und der Vater von Tessas ungeborenem Kind Afroamerikaner ist, stellt sich auch die Frage, ob den Gewalttaten rassistische Motive zugrunde liegen könnten. Oder warum verhält sich die Ex-Polizistin Lena Adams sonst plötzlich so eigenartig? Die ehemalige Mitarbeiterin von Jeffrey Tolliver, die noch immer unter den Folgen ihrer Entführung und Vergewaltigung leidet, aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist und derzeit für die zivile Campus-Polizei arbeitet, bekämpft ihre traumatischen Erlebnisse mit Alkohol und ist nun mit einem gewaltbereiten Rassisten liiert. Deckt Lena ihren neuen Freund, hat etwas mit den seltsamen Vorfällen auf dem Campus zu tun oder befindet sie sich selbst in großer Gefahr?

Meine persönliche Meinung:

Vor einigen Jahren habe ich bereits Belladonna und Vergiss mein nicht, die beiden ersten Bände der Grant-County-Serie von Karin Slaughter gelesen, fand sie unglaublich spannend und habe mir nun vorgenommen, nach und nach alle Bände der Reihe zu lesen. Da Lena Adams in Dreh dich nicht um eine bedeutende Rolle zukommt und es zum besseren Verständnis des Buches von Vorteil wäre, ihre Vorgeschichte zu kennen, sollte man die beiden ersten Bände gelesen haben, bevor man diesen dritten Band der Reihe liest. Wer jedoch mit Dreh dich nicht um begonnen hat, um in die Serie einzusteigen, kann sich die Lektüre von Belladonna getrost schenken. Ich halte es jedenfalls für empfehlenswert, die chronologische Reihenfolge der Grant-County-Serie einzuhalten:

  1. Belladonna
  2. Vergiss mein nicht
  3. Dreh dich nicht um
  4. Schattenblume
  5. Gottlos
  6. Zerstört

Wenn man schon Bücher von Karin Slaughter gelesen hat, ist man nicht überrascht, dass es auch in Dreh dich nicht um wieder recht brutal und blutig zur Sache geht, denn auch in diesem Thriller macht die Autorin ihrem Nachnamen Slaughter, der übrigens kein Pseudonym ist, wieder alle Ehre. Für zart besaitete Gemüter oder Leser mit einem empfindlichen Magen ist das Buch nicht geeignet, denn Karin Slaughter scheut sich nicht, Leichenfunde und Obduktionen detailliert zu beschreiben, was mitunter etwas unappetitlich werden kann. Da ich Krimis, in denen Gerichtsmediziner ermitteln, sehr gerne lese, kann mich das nicht erschüttern und verursacht bei mir auch keine Alpträume – zumindest solange ich nur in der fiktiven Welt damit konfrontiert werde. Wenn ein Thriller spannend ist und diese blutigen Details nicht nur pure Effekthascherei sind, sondern zur Aufklärung des Falles beitragen, kann ich auch entspannt darüber hinwegsehen. In den Büchern von Karin Slaughter bleibt der Ekelfaktor für mich jedenfalls in einem erträglichen Rahmen.
Während ich von den beiden ersten Bänden der Reihe sehr begeistert war, konnte mich Dreh dich nicht um leider nicht so recht überzeugen. Das Buch war durchgehend spannend, der Schreibstil ist einfach und anspruchslos, sodass es sich angenehm flüssig und schnell lesen lässt, aber eine Reihe von Ungereimheiten und an den Haaren herbeigezogenen Zufällen haben mich dann doch enttäuscht. Da wurde ganz tief in die Trickkiste gegriffen, um möglichst alle Formen von Gewalt und Kriminalität, also nahezu alles, was das Thrillergenre hergibt, in ein Buch zu packen – Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Rassismus, Selbstjustiz, Rache, Drogenkriminalität, sexuelle Perversionen und erbitterte Machtkämpfe zwischen Akademikern – alles drin. Manchmal wäre etwas weniger durchaus mehr, wenn ein Buch noch ein bisschen glaubwürdig sein soll.
Und so erging es mir leider auch mit den Protagonisten, besonders mit Lena Adams, die Leser der Reihe bereits aus Belladonna und Vergiss mein nicht kennen. Seit ihre Zwillingsschwester grausam ermordet und sie selbst entführt, vergewaltigt und gefoltert wurde, ist die ehemalige Polizistin schwer traumatisiert. Dass sie ihre schmerzhaften Erinnerungen an diese Erlebnisse mit Alkohol zu betäuben versucht und selbstzerstörerische Tendenzen entwickelt, ist für mich noch durchaus nachvollziehbar. So war ich zu Beginn des Buches auch empathisch und hatte Verständnis für ihr Verhalten, das jedoch im weiteren Verlauf der Handlung immer abstruser und unverständlicher wird. Warum sie ausgerechnet die wenigen Menschen, die es gut mit ihr meinen und ihr helfen wollen, ständig vor den Kopf stößt und sich stattdessen mit einem gewalttätigen Rassisten einlässt, der nicht gerade zimperlich mit ihr umgeht, war mir dann doch ein wenig schleierhaft.
Die Gerichtsmedizinerin und Kinderärztin Sara Linton, die man auch schon aus den beiden vorhergehenden Bänden kennt, kommt in Dreh dich nicht um leider etwas zu kurz, was ich sehr schade finde, da sie die Protagonistin der Reihe ist, die mir am sympathischsten ist. Sie ist klug, scharfsinnig und willensstark, wirkt nach außen recht kühl und unnahbar, ist aber eine sehr emotionale, einfühlsame und empfindsame Frau. Nachdem Jeffrey Tolliver sie in der Ehe betrogen hat, ließ sie sich von ihm scheiden, aber allmählich nähert sich das Paar, das immer noch gemeinsam ermittelt, nun auch privat wieder an. Glücklicherweise steht das Privat- und Liebesleben dieser beiden Charaktere jedoch nicht im Mittelpunkt der Erzählung, denn obwohl man natürlich wissen will, wie das Leben der Hauptprotagonisten einer Reihe weitergeht, gibt es für mich in Thrillern und Krimis eigentlich nichts Nervtötenderes als die ausführlichste Darstellung der Privatangelegenheiten der ermittelnden Protagonisten.
Bedauerlicherweise waren es gerade die gemeinsamen Ermittlungen von Sara und Jeffrey, die mich in diesem Band der Serie etwas ratlos machten, denn die Tätersuche verläuft so unstrukturiert und chaotisch, dass am Ende nur eine Reihe von teilweise hanebüchenen Zufällen zur Lösung des Falls führen. Das war dann doch etwas enttäuschend und zeugt von einem schlecht durchdachten Plot, dem etwas mehr Struktur und Logik ganz gut getan hätten. Auf der letzten Seite kommt es jedoch noch zu einer sehr verblüffenden Wendung, die mich dann wieder ein wenig versöhnlich stimmte.
Ein erzählerisches und sprachliches Meisterwerk ist Dreh dich nicht um freilich nicht, kann dem Vergleich mit den beiden ersten Bänden der Reihe auch nicht standhalten, aber es ist ein durchaus spannender und kurzweiliger Thriller für Zwischendurch. Ich bin jedenfalls nach wie vor gespannt, wie es mit der Serie weitergeht und freue mich auf Schattenblume, den nächsten Fall für Gerichtsmedizinerin Sara Linton und Chief Jeffrey Tolliver.

© Claudia Bett

 Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Karin Slaughter: Dreh dich nicht um
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 01. Januar 2005 (bei Wunderlich)
480 Seiten
ISBN  978-3-442-38268-2

Cover: Blanvalet Verlag

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im April 2016

Ich habe wieder ausgiebig in Verlagsvorschauen geblättert und bin natürlich fündig geworden, denn auch im April warten wieder ein paar Neuerscheinungen darauf, entdeckt bzw. gelesen zu werden.

Am meisten freue ich mich auf den neuen Roman von Minette Walters, denn seit mehr als sechs Jahren ist kein Buch der Autorin auf Deutsch erschienen. Ihr brillantes Debüt Im Eishaus war der erste Kriminalroman, den ich gelesen habe – das war 1994 – und ich erinnere mich heute noch, dass ich die ganze Nacht durchgelesen habe, weil ich das Buch einfach nicht aus der Hand legen konnte, was mir bis dahin noch nie passiert war. Seitdem bin ich diesem Genre treu geblieben und Minette Walters war viele Jahre meine unangefochtene Queen of Crime. Leider war ich von ihrem letzten Roman Der Schatten des Chamäleons etwas enttäuscht, aber umso gespannter bin ich jetzt auf ihren neuen Psychothriller, der am 18. April erscheinen wird.

Minette Walter - Der KellerMunas Leben ist die Hölle. Und niemand kommt ihr zu Hilfe, denn keiner weiß, dass die Familie Songolis ihr Hausmädchen behandelt wie eine Sklavin. Dabei muss sie sich nicht nur Tag für Tag bis zur Erschöpfung um das Wohl der Songolis kümmern, sondern wird auch noch jede Nacht in einen dunklen, fensterlosen Keller gesperrt. Doch dann kehrt eines Tages der jüngste Sohn der Familie aus unerklärlichen Gründen nicht mehr nach Hause zurück. Damit die ermittelnden Polizeibeamten nichts von Munas Schicksal erfahren, darf sie ihren Keller verlassen. Und diese Chance nutzt sie auch. Denn Muna ist sehr viel klüger, als alle ahnen – und ihre Pläne sind sehr viel schockierender, als irgendjemand jemals vermuten würde … (Klappentext Goldmann)

 

Minette Walters – Der Keller
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 18. April 2016
Klappenbroschur – 224 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-442-48432-4


Aber auch auf diese Krimis und Thriller bin ich schon sehr gespannt:

Karen Winter - Wenn du mich tötestNach Kinlochbervie, einem Küstenort in den schottischen Highlands, verirrt sich niemand zufällig. Deswegen sorgt der deutsche Tourist Julian im einzigen Hotel der Gegend durchaus für Aufsehen. Verdreckt, durchnässt und völlig verstört bittet der Backpacker um Hilfe. Seine Frau Laura, mit der er einige Tage am Strand der einsamen Sandwood Bay verbracht hat, ist verschwunden. Die Polizei steht vor einem Rätsel, und bald gerät Julian selbst unter Verdacht. Dann wird südlich der Bay die Leiche einer Frau angespült; nackt und kaum mehr zu identifizieren … (Klappentext Droemer)

 

 

Karen Winter – Wenn du mich tötest
Verlag: Droemer
Ersterscheinungsdatum: 01. April 2016
Taschenbuch – 320 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-426-30512-6


Nina Malik - Schwarze FedernAls Marlis Seelers aus einem Albtraum erwacht, muss sie feststellen, dass die Realität tausendmal schrecklicher ist. Ihr Haus wurde verwüstet und mit Teer beschmiert. Als sie den Wintergarten betritt, stockt ihr endgültig der Atem: In einem Nest aus Federn liegt dort ein totes Liebespaar. Während Chefermittler Simon Ackermann der Spur des plötzlich verschwundenen Ehemanns folgt, durchleuchtet seine junge Kollegin Franka Janhsen die scheinbar heile Welt der Familie Seelers. Dort stößt sie auf einen Strudel dunkler Geheimnisse, der sie unausweichlich anzieht. Denn Franka hat mit ihren eigenen Abgründen zu kämpfen … (Klappentext Blanvalet)

 

Nina Malik – Schwarze Federn
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 25. April 2016
Klappenbroschur – 480 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-7645-0572-1


Paula Daly - HerzgiftEine glückliche Ehe, zwei hinreißende Töchter und ein florierendes kleines Hotel im englischen Lake District: Natty und Sean Wainwright stehen auf der Sonnenseite des Lebens. Das Glück wird getrübt, als die jüngere Tochter auf der Klassenfahrt schwer erkrankt. Natty macht sich sofort auf den Weg nach Frankreich – nur gut, dass ihre beste Freundin Eve gerade zu Besuch ist und Sean in Nattys Abwesenheit unterstützen kann. Doch als Natty nach zwei Wochen zurückkehrt, erwartet sie ein Albtraum: Eve hat ihr den Mann ausgespannt und ihr Zuhause übernommen. Selbst ihre Töchter werden von Eve umgarnt. Natty ist fassungslos. Die einst so enge Frauenfreundschaft wandelt sich in nackten Hass – und ein mörderischer Zweikampf beginnt … (Klappentext Manhattan)

 

Paula Daly – Herzgift
Verlag: Manhattan
Ersterscheinungsdatum: 11. April 2016
Klappenbroschur – 384 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-442-54736-4


Alexandra Burt - Remember Mia»Ich muss mich erinnern, um sie zu finden.«

Eine junge Mutter kämpft darum, ihr Gedächtnis wiederzuerlangen – während die Welt sie für die Mörderin ihres Kindes hält.
Nach einem Autounfall erwacht Estelle Paradise im Krankenhaus und kann sich an nichts erinnern. Man hat sie in einer tiefen Schlucht aus dem Wrack ihres Wagens geborgen – schwer verletzt. Doch nicht alle Verletzungen stammen von dem Unfall: Es hat auch jemand auf Estelle geschossen. Wer? Nur sehr langsam dringt die wichtigste Frage in ihr Bewusstsein: Wo ist Mia, ihre sieben Monate alte Tochter? Sie war nicht mit im Unfallwagen. In einem schmerzlichen Prozess kehrt Estelles Erinnerungsvermögen zurück: Mia war schon drei Tage vor dem Unfall aus ihrem Apartment in New York verschwunden. Und Estelle wird auf einmal vom Opfer zur Hauptverdächtigen. (Klappentext dtv)

Alexandra Burt – Remember Mia
Verlag: dtv Premium
Ersterscheinungsdatum: 22. April 2016
Klappenbroschur – 384 Seiten – 14,90 €
ISBN 978-3-423-26101-2

Buchrezension: Lena Andersson – Widerrechtliche Inbesitznahme

Lena Andersson - Widerrechtliche InbesitznahmeInhalt:

Wir streben die Liebe an, um zu spüren, dass jemand uns sieht.

Ester Nilsson ist 31 Jahre alt, erfolgreiche Dichterin und Essayistin und lebt in einer funktionierenden, vernünftigen, wenn auch eingefahrenen und wenig inspirierenden Beziehung. Eines Tages erhält sie den Auftrag, über den berühmten Künstler Hugo Rask einen Vortrag zu halten; und schon während sie bei ihren Vorbereitungen und der Recherchearbeit in dessen Lebenswerk eintaucht, ist sie überaus fasziniert und gefangen von ihm und seiner Arbeit. Als der bedeutende Künstler ihrem Vortrag dann sogar selbst beiwohnt, lernt sie ihn persönlich kennen, kommt mit ihm ins Gespräch und erhält die Einladung, ihn in seinem Atelier zu besuchen.
Ester verliebt sich Hals über Kopf in den charismatischen Hugo und trifft sich immer häufiger mit ihm. Die intensiven Gespräche über Kunst und Philosophie beflügeln sie, sodass sie ihm regelrecht verfällt, sich emotional immer mehr von ihrem Freund Per entfernt und ihn schließlich verlässt. Von nun an klammert sie sich mit aller Kraft an die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit Hugo, der sich von der jungen Frau verstanden fühlt, ihre Bewunderung genießt, aber stets unverbindlich bleibt.

Hugo bezog sich nie auf das, was Ester gesagt hatte. Ester bezog sich immer auf das, was Hugo gesagt hatte. Sie interessierten sich beide nicht sonderlich für Ester, aber sie interessierten sich beide sehr für Hugo.

Doch auch nachdem sie sich immer näherkommen und die erste gemeinsame Nacht verbringen, verhält er sich sehr rätselhaft, verschwindet oft für mehrere Tage, meldet sich dann nicht bei ihr und vertröstet sie immer wieder. Er genießt es, von Ester bewundert und vergöttert zu werden, bleibt aber dennoch unzugänglich und verliert sich immer häufiger in Ausflüchte. Obwohl die Ungewissheit sie innerlich fast zerfrisst und sie auch die Existenz einer anderen Frau vermutet, stellt Ester zunächst keine Fragen, die ihm unangenehm sein könnten, will nicht fordernd erscheinen oder ihm gar lästig werden. Sie gibt sich selbstbestimmt, obwohl sie ihre Autonomie längst eingebüßt hat, ist emotional vollkommen abhängig von Hugo und lebt nur noch für die Momente, die sie mit ihm verbringen kann. Ihr Dasein besteht ausschließlich aus dem sehnsüchtigen Warten auf eine Nachricht oder die nächste Begegnung und der Hoffnung, dass er ihre Gefühle eines Tages erwidert.

Da sie in einem Moor tappte und keinen Halt fand, wenn sie um sich herumtastete, gab es keine Möglichkeiten der Befreiung. Sie erinnerte sich vage, dass sie sich noch vor kurzer Zeit mit anderen Dingen beschäftigt hatte als mit ihren Gefühlen, sie hatte sich für die Welt interessiert, versucht, alles Mögliche zu lernen, und sich darüber gefreut, dass sie existierte. Jetzt versuchte sie nur, zu begreifen, ob er sie wollte oder nicht.

Der narzisstische Künstler, der stets auf der Suche nach Bestätigung ist und bewundert werden will, fühlt sich geschmeichelt und nutzt die Macht, die er über Ester hat, schamlos aus. Doch da sie zunehmend fordernder wird, distanziert sich Hugo immer mehr von ihr, entzündet aber dennoch immer wieder kleine Funken der Hoffnung, auf die sich Ester verzweifelt stürzt. Diese Hoffnung droht sie zu verschlingen und steht im ständigen Widerstreit mit der Erkenntnis, dass Hugo sie nicht liebt und ihre Beharrlichkeit ihm Angst macht, weil ein Narzisst wie er, so viel Nähe gar nicht erträgt. Auch der immer wieder auftretende „Freundinnenchor“, der, wie der Chor im klassischen griechischen Drama, räsoniert, kommentiert und Ester beharrlich zur Vernunft mahnt, vermag es nicht, zu ihr durchzudringen und ihre Hoffnung zu zerstören. Obwohl sie erkennt, dass Hugo mitnichten dem Idealbild entspricht, das sie auf ihn projiziert hat, kann sie nicht loslassen und erniedrigt sich immer wieder.
Doch Hugo schweigt, kümmert sich nicht um die seelischen Verletzungen, die er Ester mit seinem Verhalten zufügt, denn ihre Gefühle sind nicht sein Problem. Als sie ihm zunehmend lästiger wird, distanziert er sich vollends – jedoch wieder ohne ein Wort der Erklärung, denn:

Wer verlässt, spürt keinen Schmerz. Wer verlässt, braucht nicht zu reden. Wer verlässt, ist fertig. Das ist der große Schmerz.

Sich Mühe zu geben, war nichts für ihn. Genussmittel, die Unbehagen brachten statt Genuss, warf man weg. Zorn entzog man sich, indem man sich ganz einfach nicht mit denen befasste, denen man wehgetan hatte.

Meine persönliche Meinung:

Für ihren Roman Egenmäktigt förfarande, der 2015 unter dem deutschen Titel Widerrechtliche Inbesitznahme erschien, wurde die schwedische Schriftstellerin Lena Andersson 2013 mit dem renommierten August-Preis in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet. Zurecht, wie ich finde, denn sie hat einen ganz wunderbaren philosophischen Roman über die Liebe, bzw. das Leiden an unerwiderter Liebe geschrieben. Dabei ist die Geschichte nicht besonders originell, denn Romane über verschmähte Liebende gibt es viele; außergewöhnlich ist jedoch, wie präzise und analytisch die Autorin das Leiden an unerfüllten Sehnsüchten und die zerstörerische Kraft der Hoffnung, die Liebende überhaupt in solch emotionale Abhängigkeiten geraten lässt, beschreibt. Das Buch ist so voller kluger und wunderschöner Sätze, dass man sie am liebsten alle anstreichen möchte. Die Sprache ist lakonisch, schlicht und äußerst einfühlsam, zieht den Leser vollkommen in seinen Bann und macht Esters Verletzungen ebenso nachfühlbar wie ihre immer wieder aufkeimende Hoffnung.
Der recht ungewöhnliche Titel Widerrechtliche Inbesitznahme bezieht sich gleichermaßen auf beide Hauptprotagonisten, denn nicht nur Hugo, sondern auch Ester werden widerrechtlich in Besitz genommen. Hugo, indem Ester unnachgiebig versucht, ihn für sich einzunehmen, und Ester, indem Hugo sie für seine Zwecke benutzt, sie zwar nicht liebt, aber auch nicht gehen lässt, weil er ihre Bewunderung braucht. Ester weiß:

Hugo Rask schuldete ihr keine Liebe. Es gab kein Recht darauf, geliebt zu werden.

Ihrer Logik folgend hat sie aber zumindest das Recht auf eine Erklärung, um zu verstehen, was er empfindet, denn:

Das Schlimmste war, dass sie nicht verstand, was sie da erlebte, das, was von ihr verlangt wurde. Kein Schmerz ist so wie der, nicht zu verstehen.

Auch wenn sie weiß, dass Hugo nicht für sie verantwortlich ist, leitet Ester aus den intimen Gesprächen und sexuellen Annäherungen eine moralische Verpflichtung zur Erklärung ab. Ein klares Nein könnte sie akzeptieren, könnte ihr helfen, sich von ihm zu befreien, aber stattdessen verharrt Hugo in seiner Unverbindlichkeit und verweigert, in der Annahme, ihr nichts schuldig zu sein, jedes klärende Gespräch. Ihr Leiden ist nicht sein Problem – für ihn besteht kein Klärungsbedarf. Gespräche über Gefühle sind ihm fremd, machen ihm Angst, weil sie Intimität schaffen und er Nähe nicht ertragen kann. Er folgt einem ganz anderen System – dem der Ignoranz und Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen anderer.

Er sah nicht aus, als ob er sich schuldig fühlte, und er schwieg offenbar nicht, weil er nicht wusste, was er sagen wollte. Er wollte nur fort von den Fesseln, die sie ihm angelegt hatte, und er schwieg auf die Weise, wie man das bei jemandem tut, der doch nichts versteht, der sich in einer anderen Welt mit anderen Spielregeln befindet, mit dem Diskussionen sinnlos sind, weil man durch einen Abgrund voneinander getrennt ist.

Ester und Hugo leben in unterschiedlichen Welten, in denen vollkommen verschiedene Spielregeln gelten – Ester in einer Welt mit einem unbedingten Absolutheitsanspruch an die Liebe und Hugo in einer Welt, die jegliche verbindliche Form von Liebe und Nähe ausschließt. Dass dies fatal enden muss, ist nur logisch. Blind für die Gefühle und Bedürfnisse anderer, aber getrieben von dem unbedingten Wunsch nach Bewunderung, versteht es Hugo aber sehr geschickt, Esters Hoffnung wiederholt neue Nahrung zu geben. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sie nicht liebt, offenbar überhaupt nicht zur Liebe fähig ist, aber man darf ihm vorwerfen, dass er ihr stets gerade so viel Aufmerksamkeit schenkt, wie notwendig ist, um ihre hingebungsvolle Liebe am Leben zu erhalten, statt aufrichtig und offen zu sein. Und so hofft Ester weiterhin, erniedrigt sich immer wieder, aber für sie ist es keine Erniedrigung, denn in ihrer Welt, in ihrem System, ist das Leiden an und das Kämpfen für die Liebe eine noble Sache. Sie glaubt, dass sie nur lange und intensiv genug leiden muss, um sich Hugos Liebe zu verdienen.

Ich habe keinen Stolz, denn Stolz hängt mit Scham und Ehre zusammen, und ich bin schamlos und habe keine Begriffe für das, was andere mit Ehre verbinden.

Als Leser ist man häufig versucht, in den Freundinnenchor einzustimmen, der unablässig versucht, sie zu Vernunft zu bringen, aber jeder, der schon in Esters Situation war, weiß, wie hilflos man der Liebe ausgeliefert sein kann und Liebe ein Phänomen ist, dem mit Rationalität und gutgemeinten Ratschlägen nicht beizukommen ist.
Der Roman Widerrechliche Inbesitznahme ist eine präzise Analyse der Welt, in der unglücklich Verliebte leben und die einer eigenen Logik folgt. Gekonnt, erbarmungslos und völlig jenseits von Romantik und Kitsch seziert die Autorin die verborgenen Winkel menschlichen Fühlens und Liebens. Jeder, der schon verliebt war und das zweifelhafte Vergnügen hatte, dabei ausgerechnet an einen egozentrischen Narzissten wie Hugo geraten zu sein, wird sich in diesem Buch wiederfinden.
Ein wunderbarer und intelligenter Roman über das Unglück der Liebe, Selbstbetrug, Autonomieverlust und die zerstörerische Kraft der Hoffnung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Lena Andersson: Widerrechtliche Inbesitznahme
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Ersterscheinungsdatum: 27. April 2015
224 Seiten
ISBN 978-3-630-87469-2

Cover: Luchterhand Literaturverlag

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Montagsfrage: Besitzt du Bücher, die hinten im Regal stehen, weil du dich insgeheim für sie schämst?

Montagsfrage

Eine Aktion von Buchfresserchen

Heute möchte ich die interessante und auch lustige Montagsfrage von Buchfresserchen beantworten, die sich in dieser Woche Aequitas et Veritas ausgedacht hat.

In meinen Bücherregalen stehen sehr viele Bücher in der hinteren Reihe, was schon alleine daran liegt, dass ich zu wenig Platz für all meine Bücher habe und sie deshalb zweireihig ins Regal stellen muss. Bei vielen Büchern finde ich das sehr schade, denn sie sind mir durchaus nicht peinlich, aber ich muss zugeben, dass ich manche Bücher auch ganz bewusst weit nach hinten verbannt habe, damit man sie nicht auf den ersten Blick sieht.
Eigentlich ist es ja reichlich bekloppt, mich für etwas zu schämen und dann ausgerechnet auf meinem Blog, also einem Medium, wie es öffentlicher kaum sein kann, etwas preiszugeben, was mir so peinlich ist, dass ich es selbst vor den wenigen Menschen zu verbergen versuche, die zu dem erlauchten Kreis derer gehören, denen ich den Zugang zu meinen Privatgemächern gewähre. Aber was soll’s…? So spannend bin ich vermutlich gar nicht, wirklich schämen muss ich mich dafür auch nicht und außerdem gibt es weitaus Peinlicheres, als etwas eigentümliche Bücher zu besitzen. Eigentlich verberge ich diese Bücher auch nicht nur vor den Blicken anderer, sondern will sie selbst einfach nicht ständig sehen.
Es gab unterschiedliche Phasen in meinem Leben, in denen mir ganz verschiedene Themen und damit auch Bücher wichtig waren. Somit erzählt mein Bücherregal also im Grunde die Geschichte all dieser Lebensphasen, die mir auch durchaus nicht alle peinlich sind. Manche Themen haben für mich einfach nur an Bedeutung verloren, sodass ich die Bücher nicht mehr ständig griffbereit und sichtbar im Regal stehen haben muss. Besonders verhasste Objekte, die mich an Phasen oder Menschen erinnern, die ich lieber vergessen würde, landeten erbarmungslos im Altpapier, aber an manche Zeiten erinnere ich mich auch sehr gerne, weshalb diese Bücher einfach bleiben dürfen, wenn auch nur im Geheimen.
Brantenberg - Die Töchter EgaliasGegen Ende der 80er- und zu Beginn der 90er-Jahre war ich zum Beispiel in meiner extrem feministischen Phase, las zu dieser Zeit alle Bücher von Anja Meulenbelt, Gerd Brantenberg, Alice Schwarzer und Simone de Beauvoir, wobei sich letztere den Platz in der vordersten Reihe meines Bücherregals bewahren konnte, während Brantenberg, Schwarzer und Meulenbelt nun etwas weiter hinten im Verborgenen schlummern. Männer rennen in der Regel weg und suchen das Weite, wenn sie im Regal einer Frau diese Bücher finden. Eigentlich sollten sie gerade deshalb deutlich sichtbar in Augenhöhe platziert werden, damit frau sofort die Spreu vom Weizen trennen kann (wieso fällt mir das erst jetzt ein?). Die Töchter Egalias und Die Scham ist vorbei sind außerdem wahre Klassiker der feministischen Literatur, und noch während ich diese Zeilen schreibe, habe ich beschlossen, dass sie eigentlich dringend wieder in die vordere Buchreihe umziehen müssten 😉

ALFEs gibt allerdings auch Bücher, die mir in der Tat ein wenig peinlich sind und die wohl in der hinteren Reihe bleiben werden. Kennt ihr noch ALF, den knuffigen Außerirdischen vom Planeten Melmac? 1988 flimmerte diese Serie erstmals über die Fernsehbildschirme und ich habe sie von der ersten Folge an geliebt. Man bedenke allerdings, dass ich 1988 bereits 18 war – achtzehn! Ich muss wohl nicht betonen, dass man in diesem Alter definitiv zu alt für ALF war und nicht mehr zur Zielgruppe gehörte. Während meine Klassenkameradinnen also Bobby Ewing von Dallas anschmachteten, schaute ich ALF und lachte mich schlapp. Ich schaute nicht nur jede Folge – nein – als richtiges Fangirl las ich natürlich auch alle Bücher zur Serie. Die besitze ich immer noch, würde mich niemals von ihnen trennen, aber irgendwie scheue ich mich doch ein wenig, sie an vorderster Front in mein Regal zu stellen. Ich muss zu meinem Erstaunen übrigens gerade feststellen, dass sich meine ALF– und meine Feminismus-Phase zeitlich überschnitten haben und suche nun verzweifelt nach inhaltlich-thematischen Ähnlichkeiten, die das erklären könnten.

Es ist ja nicht gerade schwer zu erraten, dass ich sehr gerne Thriller und Krimis lese. Ich John Saul - Bestienmag allerdings keine allzu blutigen, grausamen oder ekligen Horror- und Splatter-Romane, sondern lege Wert auf einen guten Plot, Glaubwürdigkeit, interessante Charaktere und etwas Tiefgang. Es gab jedoch Phasen in meinem Leben, in denen mir das alles vollkommen egal war und Bücher gar nicht brutal, blutig und flach genug sein konnten. Aus dieser Zeit besitze ich noch viele Bücher von Dean Koontz und alle Werke von John Saul, einem Horror-Autor, dessen Bücher inzwischen gar nicht mehr aufgelegt werden. Ich fand sie vor ca. 20 Jahren aber einfach nur großartig und habe sie alle verschlungen. Die Cover sind so unglaublich hässlich, dass mir wirklich die Augen schmerzen, wenn ich sie heute sehen muss, aber weggeben will ich sie auch nicht, weil ich einst so stolz war, dass ich all seine Bücher besitze und auch gelesen habe.

Meulenbelt - Die Scham ist vorbeiSo,  jetzt kennt Ihr also all meine Buchgeheimnisse, die mir ein wenig peinlich sind. Aber nun kann ich die oben gestellte Frage getrost mit den Worten des Titels eines der Bücher beantworten, die NOCH in den hinteren Reihen meiner Bücherregale verborgen sind – DIE SCHAM IST VORBEI 😉

© Claudia Bett

Buchrezension: T.R. Richmond – Wer war Alice

T. R. Richmond - Wer war AliceInhalt:

Mein Name ist Alice Salmon. Fünf von ungefähr tausend Wörtern. Ich hoffe, ich bin mehr als zweihundertmal fünf Wörter. Vielleicht noch nicht jetzt, aber hoffentlich eines Tages.

Nach einer Kneipentour mit ihren Freundinnen wird am nächsten Morgen die Leiche der 25-jährigen Journalistin Alice in einem Fluss gefunden. Fest steht, dass sie betrunken war, von der nahegelegenen Brücke gestürzt sein muss und dann ertrunken ist, aber ob es ein Unfall, Selbstmord oder Mord war, ist unklar. Sofort stürzen sich die Medien auf den Fall und auch in den sozialen Netzwerken wird heftig über den tragischen Tod und auch das Leben der jungen Frau spekuliert. Jeder glaubt, Alice genau gekannt zu haben und auch zu wissen, wie und warum sie gestorben ist. Offenbar litt Alice schon seit langem an Depressionen, hatte sich vor Kurzem von ihrem Freund getrennt und nach einem Vertrauensbruch auch den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen. War sie so verzweifelt, dass sie Selbstmord begangen hat? Sie hatte offensichtlich auch einen recht schwierigen Charakter, stellte hohe Ansprüche an die Integrität ihrer Mitmenschen und besaß die Fähigkeit andere für sich einzunehmen, aber auch vor den Kopf zu stoßen. Wurde sie ermordet, weil ihr Exfreund oder ein verschmähter Liebhaber nicht mit ihrer Zurückweisung umgehen konnten? Hatte vielleicht ein Kleinkrimineller, zu dessen Verurteilung die Enthüllungsjournalistin beigetragen hatte, ein Interesse daran, sie aus dem Weg zu räumen? Zahlreiche Drohungen zeigen zumindest, dass sie keineswegs nur Freunde hatte. Oder war sie einfach so betrunken, dass sie in den Fluss gestürzt ist und sich nicht mehr selbst retten konnte? Wer war Alice eigentlich? War sie nur Opfer oder vielleicht auch Täterin?
All diese Fragen stellt sich auch ihr ehemaliger Professor Jeremy Cooke und begibt sich auf Spurensuche. Der alternde und recht erfolglose Akademiker will herausfinden, wer Alice war und was von ihr geblieben ist; er sammelt alle Informationen über die Tote, will diese in einem Buch zusammentragen und ihr damit ein Denkmal setzen. Aber welches Interesse verfolgt er wirklich? Warum ist er so fasziniert von Alice? Welche Verbindung bestand zwischen ihm und seiner ehemaligen Studentin?

Meine persönliche Meinung:

Der ungeklärte Todesfall einer jungen Frau, bei dem nicht feststeht, ob es sich um Mord, Selbstmord oder einen Unfall handelt, ist zwar nicht unbedingt besonders spektakulär und einfallsreich, könnte aber dennoch Stoff für ein recht spannendes Buch liefern. Im Mittelpunkt von Wer war Alice stehen nicht nur die Umstände, unter denen Alice gestorben ist, sondern in erster Linie die Frage, was sie für ein Mensch war und welche Spuren sie hinterlassen hat, die Rückschlüsse auf ihre Person zulassen.
Für die Umsetzung dieser recht spannenden Geschichte hat der Autor eine sehr ungewöhnliche Erzähltechnik gewählt. Die Romanhandlung folgt keinem roten Faden und keinem linearen Erzählstrang, sondern besteht aus einer wilden Ansammlung von unterschiedlichen, weder chronologisch noch logisch angeordneten Quellen, die Aufschluss über Alice, ihr Leben und ihren Tod geben könnten. Als Angehörige der Generation Facebook bestehen diese Quellen in erster Linie aus Blog- und Forenbeiträgen, Tweets auf Twitter, Postings auf Facebook, SMS, Emails, der Spotify-Playlist der Toten, ihrer Leseliste auf ihrem Kindle, aber auch aus Briefen, Zeitungsartikeln, Vernehmungsprotokollen und Tagebucheinträgen.

Wenn man sich vorstellt, dass wir früher nichts weiter waren als ein paar offizielle Dokumente auf Papier, gedruckt und objektiv: Geburtsurkunde, Führerschein, Heiratsurkunde, Totenschein. Heute sind wir an tausend Orten: in Einzelteile zerlegt und doch vollständig, flüchtig und doch endgültig, digital und doch gegenständlich.

So wie ihr ehemaliger Professor Jeremy Cooke, der es als seine Aufgabe als Anthropologe ansieht, mithilfe der zusammengetragenen Informationen das Leben von Alice zu rekonstruieren, versucht auch der Leser, sich anhand dieser zahlreichen Fragmente, ein Bild von der Toten zu machen und zu ergründen, warum sie sterben musste. In unserem digitalen Zeitalter, in dem Nachrichten aber auch Gerüchte rasend schnell verbreitet werden und die Fülle an Informationen schier unermesslich ist, wird es jedoch immer schwieriger, zu erkennen, welchen Theorien und Spekulationen man Glauben schenken darf. Da im Internet jeder die Möglichkeit hat, seine Meinung kundzutun und einem breiten öffentlichen Publikum zugänglich zu machen, ist es nahezu unmöglich, wirklich zuverlässige und glaubwürdige Informationen von Gerüchten und Halbwahrheiten zu unterscheiden.
Die Geschichte von Alice wird aus unterschiedlichen Ich-Perspektiven erzählt und jeder ihrer Freunde, Kollegen und Bekannten ist sicher, Alice genau gekannt zu haben und verbreitet seine Version der Geschichte. Allerdings weiß man nicht, welche Version der Wahrheit am nächsten kommt. Indem Richmond zeigt, wie der Tod von Alice Salmon in den sozialen Netzwerken verhandelt und zur Sensation stilisiert wird, gewinnt der Roman heutzutage natürlich an Aktualität und Brisanz. Die Idee, eine Geschichte aus so vielen verschiedenen Perspektiven zu erzählen und wie Teile eines Puzzles zusammenzusetzen ist auch durchaus brillant und originell, aber leider ist die Umsetzung ziemlich schwach.
Der Leser kann nur anhand der Überschriften und verschiedener Schriftarten unterscheiden, aus wessen Perspektive gerade berichtet wird. Für die gewählte Erzähltechnik wäre es meiner Meinung nach aber auch wichtig, wenn der Autor jeder Person eine eigene und individuelle Sprache verleihen würde, denn so bleiben die Charaktere leider austauschbar, flach und blass. Nicht einmal die Tagebucheinträge von Alice vermochten es, tiefere Einblicke in ihr Leben zu bekommen, obwohl dieses Medium wie kaum ein anderes Zugang zu ihrem Inneresten gewähren könnte. Natürlich ist auch sie selbst nur einer von vielen Interpreten ihrer eigenen Lebensgeschichte, aber zweifellos der wohl zuverlässigste, bleibt dem Leser aber dennoch fremd und erhält keinerlei Konturen. Selbst wenn man am Ende die Umstände ihres Todes kennt, weiß man im Grunde immer noch nicht, wer sie nun eigentlich war. Außerdem fiel es mir ziemlich schwer, mich in Alice hineinzuversetzen. Viele ihrer Verhaltensweisen waren für mich jedenfalls nicht nachvollziehbar. Sie wollte mir so gar nicht ans Herz wachsen, sodass es mir irgendwann wirklich egal war, wie und warum sie gestorben ist. Das war der Spannung nicht gerade zuträglich, obwohl der Erzählstil eigentlich so angelegt war, dass man immer wieder auf die falsche Fährte gelockt wurde und irgendwann nahezu jeden verdächtigte, schuld an ihrem Tod zu sein.
Manche Passagen, vor allem die ausschweifenden Briefe von Cooke an seinen (verstorbenen!) Brieffreund, waren so langweilig, dass ich mich wirklich zwingen musste, wach zu bleiben und diese Seiten nicht einfach zu überblättern. Die Auflösung des Falls am Ende des Romans kam dann so abrupt und war so konstruiert, dass ich nur noch den Kopf schütteln konnte. Außerdem hätte es dem besseren Verständnis und der Logik nicht geschadet, die Vielzahl von unterschiedlichen Quellen wenigstens chronologisch anzuordnen, sodass der Leser nicht immer dazu gezwungen wäre, zurückzublättern und nach dem Datum der einzelnen Einträge zu suchen.

So muss ich leider zugeben, dass mich das Buch etwas enttäuscht hat. Das Potential, das die Geschichte sowie der außergewöhnliche und originelle Erzählstil durchaus gehabt hätten, wurde leider ziemlich verschenkt. Sehr gelungen war aber auf jeden Fall die kritische Auseinandersetzung des Autors mit modernen Medien und sozialen Netzwerken, in denen sich Gerüchte schnell verbreiten und die ein vollkommen falsches Bild von einer Person vermitteln können. Was mich auch nach der Lektüre noch beschäftigt, ist die traurige und gleichzeitig lohnenswerte Frage, was einen Menschen letztendlich wirklich ausmacht, welche Spuren jeder von uns nach seinem Tod hinterlässt und ob wir tatsächlich nur die Summe und die Konstruktion all dessen sind, was in digitaler Form von uns geblieben ist.

Denn danach sehnen wir uns doch alle, nicht wahr? Zu spüren, dass wir wichtig sind, dass wir geliebt werden, dass wir wahrgenommen wurden. Dass wir etwas bewirkt haben. Dass man uns vermisst. Dass man sich an uns erinnert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Mein herzlichster Dank geht an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise kostenlos zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

T.R. Richmond: Wer war Alice
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 29. Februar 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-20508-0

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Tammy Cohen – Während du stirbst

Tammy Cohan - Während du stirbstInhalt:

Jessica Gold ist neunundzwanzig Jahre alt, ziemlich unscheinbar, psychisch labil und lebt seit Jahren in einer recht eingefahrenen und langweiligen Beziehung. Als sie an Heiligabend in letzter Minute ihre Weihnachtseinkäufe erledigt und in einem Café eine kleine Pause einlegt, setzt sich ein gutaussehender Fremder zu ihr und überhäuft sie mit Komplimenten. Sie ist so fasziniert von dem attraktiven und charmanten Dominic Lacey, dass sie seiner Einladung folgt und ihn arglos in seine Wohnung begleitet. Doch dort stellt sich schnell heraus, dass Dominic keineswegs der einfühlsame und liebenswürdige Mann ist, für den Jessica ihn zunächst hielt, denn er macht ihr unmissverständlich klar, dass sie von nun an seine Gefangene ist und er sie nicht mehr gehen lassen wird. Tagelang misshandelt und demütigt er sie, die Nächte muss sie angekettet in einer Hundehütte neben seinem Bett verbringen und jeden Tag überreicht er ihr ein Geschenk. Zwölf Geschenke hat er für sie vorbereitet, zu jedem erzählt er ihr eine Geschichte aus seiner Vergangenheit, die ihr das Blut in den Adern gefrieren lässt, denn Tote säumen seinen Weg. Spätestens als sie das zwölfte Geschenk auspackt, weiß sie, dass sie diese Wohnung nicht mehr lebend verlassen wird.
Als die ehrgeizige Polizistin Kim mit dem Vermisstenfall Jessica Gold betraut wird, steckt sie mitten in den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest. Da ihre Familie ohnehin unter ihren hohen Karriereambitionen leidet, hat ihr Mann nur wenig Verständnis dafür, dass die beiden gemeinsamen Kinder wieder hintenanstehen müssen, damit Kim sich wie besessen in ihre Arbeit stürzen kann. Da sie aber immer mehr den Eindruck gewinnt, dass an diesem Fall etwas nicht stimmt, ist sie sicher, nun vor dem großen Durchbruch ihrer Karriere zu stehen.

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr neugierig auf das Thrillerdebüt von Tammy Cohen, denn der Klappentext tönte sehr vielversprechend. Ich wurde nicht enttäuscht, denn Während du stirbst hat mich von der ersten Seite an vollkommen gefesselt und in seinen Bann gezogen. Große Literatur oder ein poetisches Meisterwerk ist das Buch freilich nicht, aber das habe ich auch nicht erwartet, denn ich wollte einfach nur gut und spannend unterhalten werden.
Der Schreibstil ist recht einfach, schnörkellos und lässt sich flüssig und schnell lesen.
Die Ereignisse werden aus zwei unterschiedlichen Erzählperspektiven erzählt, die in verschiedenen Schriftarten gedruckt sind. Was Jessica Gold widerfährt, welche Qualen sie durchleidet, während der psychopathische Dominic sie in seiner Wohnung gefangen hält, wird aus der Ich-Perspektive von Jessica berichtet, was den Leser all ihre Ängste und Schmerzen unmittelbar miterleben und ihn auch keinen Augenblick an der Zuverlässigkeit ihrer Worte zweifeln lässt. Die Ermittlungsarbeit dagegen wird aus der personalen Erzählperspektive von Kim geschildert. Allerdings haben mich hierbei die detaillierten Einblicke in die Familienangelegenheiten und Ehestreitigkeiten der Polizistin sehr gestört. Ihr ewiges Gejammer, Familie und Karriere nicht unter einen Hut bringen zu können, ihr schlechtes Gewissen gegenüber ihren Kindern und ihre gleichzeitige Versessenheit, unbedingt zum Detective Sergeant befördert werden zu wollen, gingen mir extrem auf die Nerven. Für den Handlungsverlauf hätte es durchaus genügt, diese Nebensächlichkeiten einmal zu erwähnen, statt sie in jedem Kapitel penetrant in den Fokus zu rücken. Ich war manchmal wirklich versucht, die Einschübe, die aus Kims Perspektive erzählt werden, einfach zu überblättern, weil diese familiären Probleme den Spannungsbogen störten und außerdem nahezu unnötig waren. Sie haben auch nicht dazu beigetragen, dass mir diese Protagonistin sympathisch geworden wäre.
Auch die Hauptprotagonistin Jessica wollte mir nicht so recht ans Herz wachsen, weil ihre Verhaltensweisen für mich oft sehr schwer nachvollziehbar waren. Allein die Tatsache, an Heiligabend einen Wildfremden in seine Wohnung zu begleiten, um sich mit ihm zu unterhalten, während zuhause der Partner und die halbe Familie auf einen warten, scheint mir recht unvorsichtig und abwegig zu sein. Dennoch leidet man mit Jessica mit und hofft und bangt, dass sie ihrem Entführer, dessen physische und psychische Foltermethoden immer brutaler werden, entkommen kann.
Die Spannung steigert sich von Seite zu Seite, bis es in der Mitte des Buches zu einer Wendung kommt, mit der ich niemals gerechnet hätte. Die Autorin spielt sehr geschickt mit den Erwartungen des Lesers, täuscht ihn immer wieder und baut auch ganz am Ende, wenn man sicher ist, nun alles durchschaut zu haben, noch eine Wendung ein.
Ich bin wirklich begeistert von Tammy Cohens Während du stirbst, denn es ist ein solider und überaus spannender Psychothriller mit einem raffinierten Plot und einer psychologisch ausgefeilten Geschichte, die mit wenig Blutvergießen auskommt. Ein fesselndes Debüt voller Nervenkitzel!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Mein herzlichster Dank geht an den Blanvalet Verlag und Herrn Sebastian Rothfuss von der Verlagsgruppe Randomhouse für die freundliche Zusendung des Rezensionsexemplars!

Buchdetails:

Tammy Cohen: Während du stirbst
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 16. November 2015
416 Seiten
ISBN 978-3-7341-0219-6

Cover: Blanvalet Verlag

Buchrezension: Andreas Gruber – Todesfrist

Andreas Gruber - TodesfristInhalt:

Als im Hauptschiff der Münchner Frauenkirche die Leiche einer Frau gefunden wird und die junge Kommissarin Sabine Nemez am Tatort eintrifft, erkennt sie sofort, wer die Tote ist – es ist ihre eigene Mutter, die angekettet neben der Orgel am Boden liegt und offenbar mit schwarzer Tinte ertränkt wurde. Zwei Tage zuvor hatte Sabines Vater einen anonymen Anruf erhalten, bei dem ihm mitgeteilt wurde, dass seine Exfrau sterben wird, wenn er nicht innerhalb von achtundvierzig Stunden herausfindet, warum sie entführt wurde. Als bekannt wird, dass die Scheidung von Sabines Eltern alles andere als harmonisch verlief und sich ihr Vater bei der Befragung durch die Polizei immer mehr in Widersprüche verstrickt, wird er verdächtigt, mit dem Mord an seiner Exfrau in Verbindung zu stehen. Als Angehörige des Mordopfers wird Sabine zwar nicht mit dem Fall betraut, aber da sie die Unschuld ihres Vaters beweisen will, nimmt sie auf eigene Faust die Ermittlungen auf und stößt dabei auf zwei ähnliche Mordfälle, die sich in der jüngsten Vergangenheit zugetragen haben. Auch in der Leipziger Thomaskirche und im Kölner Dom wurden die grausam zugerichteten Leichen zweier Frauen gefunden, die zuvor entführt worden waren und deren Angehörigen ebenfalls das Ultimatum gestellt wurde, innerhalb einer Frist von achtundvierzig Stunden ein Rätsel zu lösen, um das Leben der Entführten zu retten.
Der exzentrische Profiler Maarten S. Sneijder vom BKA aus Wiesbaden, der mit dem Fall betraut wird, ist zunächst nicht sehr begeistert, dass sich Sabine nicht davon abbringen lassen will, den Mord an ihrer Mutter selbst aufzuklären. Als sie dann jedoch recht schnell das Muster erkennt, nach dem der Serienmörder vorgeht und feststellt, dass ihm offenbar die Geschichten aus dem Struwwelpeter als Vorlage dienen, ist Sneijder so beeindruckt von der jungen Kommissarin, dass er sich mit ihr gemeinsam auf die Jagd nach dem Mörder begibt.
Zur gleichen Zeit erhält die Psychotherapeutin Helen Berger, die in der Nähe von Wien eine eigene Praxis betreibt, ein Päckchen mit grausigem Inhalt. Auch sie bekommt einen anonymen Anruf und hat nun achtundvierzig Stunden Zeit, um ein Rätsel zu lösen und das Leben eines Menschen zu retten.

Meine persönliche Meinung:

Auch wenn in Andreas Grubers Todesfrist weitaus weniger Blut fließt, als das Cover zunächst vermuten lässt, wird bereits im Prolog deutlich, dass dieser Thriller für Zartbesaitete eher nicht geeignet ist. Doch so rasant die Geschichte beginnt, so schnell flaut die Spannung, die sich im ersten Drittel des Buches noch kontinuierlich aufbaut, leider auch wieder ab. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass nicht nur die Identität des Mörders, sondern auch das Muster, nach dem er vorgeht, recht schnell bekannt sind und es nur noch darum geht, den Täter zu fassen, seine Motive zu ergründen und weitere Morde zu verhindern.
Zugegebenermaßen ist ein Serienmörder, der sich von den Geschichten aus dem Struwwelpeter inspirieren lässt, durchaus originell. Die mitunter grausamen Erziehungsmaßnahmen, die in diesem Kinderbuch von Heinrich Hoffmann zur Anwendung kommen, sind auch hervorragend geeignet, um einem Mörder, dessen Kindheit von einer enormen Strenge und Lieblosigkeit geprägt war, als Vorlage zu dienen, aber brutale und groteske Mordmethoden allein machen noch lange keinen fesselnden Thriller aus, wenn es der Geschichte und vor allem den Charakteren an Tiefgang fehlt. Auch wenn der Leser Einblick in die zerstörte Seele und die traumatische Jugend des Mörders erhält, bleibt dieser seltsam blass und seine Motive sind zu konstruiert, um noch glaubwürdig und nachvollziehbar zu sein. Der Plot ist durchaus stimmig und die beiden Handlungsstränge laufen auch schlüssig ineinander, aber die Geschichte ist teilweise so weit hergeholt und unglaubwürdig, dass ich einfach nicht mitfiebern konnte. Das lag vor allem an den Charakteren, die entweder so farblos und flach blieben, dass man sich kaum in sie hineinversetzen konnte oder aber so extrem überzogen dargestellt wurden, dass sie damit an Glaubwürdigkeit verloren und einfach nur lächerlich wirkten. Eine Kommissarin wird natürlich berufsbedingt tagtäglich mit Mord und Totschlag konfrontiert, aber wenn die eigene Mutter Opfer eines so grausamen Verbrechens wird, ist das sicherlich keineswegs alltäglich; deshalb könnte man doch selbst von einer noch so tapferen, abgebrühten und robusten Person erwarten, dass sie ein wenig von Trauer ergriffen oder zumindest schockiert ist, wenn die eigene Mutter auf bestialische Weise ermordet wird. Was in Sabine Nemez vorging, was sie dachte und fühlte, war und blieb mir jedoch ein vollkommenes Rätsel. Ich konnte mit dieser Protagonistin jedenfalls weder warm werden noch mitfühlen und hätte mir von ihr doch etwas mehr Emotionen gewünscht. Der Fallanalytiker und forensische Psychologe Maarten S. Sneijder ist so überzeichnet, dass man ihn kaum noch ernstnehmen kann. Der Autor hat wirklich kein Klischee ausgelassen, um diesen Ermittler so skurril wie nur möglich dazustellen. Sneijder ist ein durch und durch arroganter und besserwisserischer Kotzbrocken, der Kollegen und auch Opfern extrem beleidigend und respektlos gegenübertritt. Seine verbalen Entgleisungen sind zwar recht komisch und sein Zynismus erfrischend, aber in der jeweiligen Situation doch sehr verletzend und unpassend. Auch wenn hinter der harten Schale ein weicher Kern zu stecken scheint, kann er diesen gerade dann, wenn es angebracht wäre, recht gut verbergen.
Die Hauptprotagonistin des zweiten Handlungsstrangs, die Psychotherapeutin Helen Berger, ist meines Erachtens der einzig glaubwürdig und wirklich gut ausgearbeitete Charakter im ganzen Roman. Diese zweite Erzählebene war es dann auch, die das ganze Buch rettete und mich weiterlesen ließ, da sie mich weitaus mehr zu fesseln vermochte als die teilweise langatmige Ermittlungsarbeit von Nemez und Sneijder.

Auch wenn Todesfrist von Andreas Gruber mich nicht wirklich überzeugen konnte und nicht annähernd an Rachesommer heranreicht, war es ein recht kurzweiliger und unterhaltsamer Thriller, der sich sehr flüssig lesen ließ. Die Grundidee hat durchaus Potential, auch die Schauplätze waren sehr gelungen, aber die größtenteils flachen Charaktere und der unglaubwürdige Plot waren doch sehr enttäuschend. Auf Spannung oder gar Tiefgang habe ich jedenfalls vergeblich gewartet.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Andreas Gruber: Todesfrist
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 1. Januar 2012 (Originalverlag: Club Bertelsmann)
432 Seiten
ISBN 978-3-442-47866-8

Cover: Goldmann Verlag

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im März 2016

Man sollte nicht in Verlagsvorschauen blättern, wenn man in den kommenden Tagen vermutlich wenig Zeit zum Lesen haben wird :?.
Nächste Woche steht mein Umzug an und obwohl ich schon fast alles vorbereitet habe und nur noch ein paar Möbel fehlen, werde ich wohl einige Tage brauchen, bis in meiner Wohnung wieder alles seinen festen Platz gefunden hat. Am meisten freue ich mich, wenn meine neue Leseecke eingerichtet ist, denn hierfür habe ich schon ein besonderes Plätzchen ausgewählt, an dem ich, flankiert von Bücherregalen, erstmal wochenlang festwachsen und einfach nur lesen werde, sobald alles überstanden ist. Insofern ist es vielleicht doch ganz gut, dass im März so viele interessante Neuerscheinungen auf den Buchmarkt kommen, die nur darauf warten, gelesen zu werden.

Vielleicht habt Ihr ja schon gemerkt, dass ich momentan ziemlich viele Thriller lese. Eigentlich lese ich ja fast alle Genres, aber im Moment passen verstörende Psychothriller einfach am besten in mein Leben und zu meiner Stimmung.

Doch neben zahlreichen Thrillern, erscheint im kommenden Monat auch ein neuer Roman von John Irving, einem ganz wunderbaren Erzähler und einem meiner absoluten Lieblingsautoren.

John Irving - Straße der Wunder

Juan Diego und seine stumme Schwester Lupe sind Müllkippenkinder in Mexiko. Ihre einzige Überlebenschance: der Glaube an die eigenen Wunderkräfte. Denn Juan Diego kann fliegen und Geschichten erfinden, Lupe sogar die Zukunft voraussagen, insbesondere die ihres Bruders. Um ihn zu retten, riskiert sie alles. Verführerisch bunt, magisch und spannend erzählt: zwei junge Migranten auf der Suche nach einer Heimat in der Fremde und in der Literatur. (Klappentext Diogenes)

John Irving – Straße der Wunder
Verlag: Diogenes
Ersterscheinungsdatum: 23. März 2016
Hardcover Leinen – 736 Seiten – 26,00 €
ISBN 978-3-257-06966-2

Außerdem würde ich gerne dieses Buch lesen:

Daniel Klein - Immer wenn ich den Sinn des Lebens

Als junger Philosophiestudent notierte sich Daniel Klein 40 Zitate großer Denker in einem Notizbuch und hoffte so Antworten darauf zu finden, wie sich ein gutes Leben gestalten lässt. Diese Weisheiten greift er nun nacheinander auf und erweitert sie um Erkenntnisse, die er in seinem späteren Leben gesammelt hat. Von Aristoteles und Epikur über Ralph Waldo Emerson und Albert Camus bis Aldous Huxley widmet sich Klein humorvoll und zugleich tiefgründig den großen philosophischen Fragen und Ideen. Er leitet daraus mögliche Lebensweisheiten für den sinnsuchenden Leser ab und schickt ihn auf eine spannende und erhellende Entdeckungsreise zu sich selbst. (Klappentext Piper)

 

Daniel Klein – Immer wenn ich den Sinn des Lebens gefunden habe, ist er schon wieder woanders
Verlag: Piper
Ersterscheinungsdatum : 1. März 2016
Hardcover – 224 Seiten – 18,00 €
ISBN 978-3-492-05750-9

Ohhh, Miezies! ❤

Krallen rein! Über das wahre Leben mit Katzen

»Krallen rein« ist ein Plädoyer für die Katz ohne Kompromisse. Ein Buch, in dem Katzenfreunde erfahren, wie es sich als Eigentum einer Katermeute so lebt, was die frisch eingeritzten Hieroglyphen in den Möbeln bedeuten und wie die Katzen schon auf der Kairoer Konferenz vor 30.000 Jahren ihre Herrschaft über die Menschheit planten. Außerdem übersetzen die Autoren salbungsvolle Sprüche aus Katzenkalendern in die Wahrheit, verraten, wieso kraftvolles Kacken ein Liebesbeweis ist und offenbaren, warum man nach der Bestrahlung der Katzenschilddrüse wochenlang nuklear verseuchte Streu in einem Strahlenfass sammeln muss. (Klappentext Piper)

 

Oliver Uschmann, Sylvia Witt – Krallen rein! Über das wahre Leben mit Katzen
Verlag: Piper
Ersterscheinungsdatum: 1. März 2016
Klappenbroschur – 304 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-492-06009-7

Und sehr gespannt bin ich natürlich auf die neusten Thriller:

Von gleich drei meiner liebsten Thriller-Autoren werden in den nächsten Tagen neue Bücher erscheinen, nämlich von Harlan Coben, Petra Hammesfahr und Andreas Winkelmann.

Harlan Coben - Ich schweige für dich

In jeder Ehe gibt es dunkle Geheimnisse – das muss auch Adam Price erfahren, stolzer Vater zweier Söhne und seit vielen Jahren glücklich verheiratet mit der scheinbar perfekten Corinne. Bis ihn eines Tages ein völlig Fremder anspricht. Ein Fremder, der Dinge weiß über Corinne, die Adams amerikanischen Vorstadttraum abrupt zerplatzen lassen – und ihn in einen wilden Zwiespalt stürzen: Soll er seine Frau mit dem konfrontieren, was er erfahren hat? Oder soll er schweigen für sie und für ihre Kinder? Und wer ist überhaupt dieser geheimnisvolle Fremde, warum will er Adams Familie zerstören? Dann verschwindet Corinne spurlos. Und während Adam sich auf eine verzweifelte Suche macht, wird aus einer Familienangelegenheit ein düsteres Komplott, bei dem eine einfache Wahrheit Leben kosten kann … (Klappentext Goldmann)

Harlan Coben – Ich schweige für dich
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 8. März 2016
Klappenbroschur – 416 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-442-20504-2


 

Fremdes Leben von Petra Hammesfahr

„Mach sie tot, mach sie tot!“ Mit diesen Worten im Kopf erwacht eine Frau auf einer Intensivstation. Doch wer hat das gesagt? War sie gemeint? Wer ist sie überhaupt? Fast zwei Jahre soll sie im Koma gelegen haben, doch sie weiß nichts mehr. Den Mann, der sie mit Claudia anspricht und sich als ihr Ehemann Carsten Beermann vorstellt, kennt sie nicht. Auch der erwachsene Sohn, der von seiner leidvollen Kindheit erzählt, ist ihr fremd. Erst als sie sich an einen kleinen Jungen erinnert, der in einer brennenden Wohnung nach seiner Mutter ruft, keimt in ihr ein entsetzlicher Verdacht … (Klappentext Diana)

 

 

Petra Hammesfahr – Fremdes Leben
Verlag: Diana
Ersterscheinungsdatum: 8. März 2016
Hardcover – 496 Seiten – 19,99 €
ISBN 978-3-453-35893-5


 

Andreas Winkelmann - Killgame

Das Mädchen hat Angst. Seit Tagen ist sie in einem Verschlag unter der Erde gefangen.
Jemand öffnet die Klappe und wirft Laufkleidung herunter. Sie klettert aus ihrem Gefängnis und beginnt zu rennen. In die Freiheit. In den Wald.
Da zischt der erste Pfeil haarscharf an ihrem Kopf vorbei…
Dries Torwellen hat geschworen, seine Nichte Nia zu finden, die von zu Hause ausgerissen ist. Die Spur führt ihn zu einer Lodge in den tiefen Wäldern Kanadas. Ihre Betreiber werben mit einem einzigartigen Urlaubserlebnis. Einem Erlebnis, das alle Grenzen sprengt…
Der neue Thriller von Andreas Winkelmann: Eine grausame Menschenjagd in den Wäldern Kanadas
(Klappentext Wunderlich)

Andreas Winkelmann – Killgame
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungsdatum: 11. März 2016
Klappenbroschur – 432 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-8052-5080-1


 

Angela Marsons - Silent Scream

Eisig glitzert der Frost auf der tiefschwarzen Erde des Black Country, als die Geräte der forensischen Archäologen den Fund menschlicher Überreste anzeigen und Detective Kim Stone den Befehl zur Grabung erteilt. Nur wenige Schritte entfernt, aber im Nebel doch kaum sichtbar, liegt das verlassene Gebäude des Kinderheims. Eine der ehemaligen Angestellten ist bereits tot, und auch das Leben der verbliebenen hängt am seidenen Faden. Kim ist überzeugt, dass die Lösung des Falls im lehmigen Boden begraben liegt, doch um ihm auf den Grund zu kommen, muss sie sich den Dämonen ihrer eigenen Kindheit stellen. Und noch ahnt sie nicht, was sich in Crestwood zugetragen hat und mit wem sie sich anlegt … (Klappentext Piper)

 

Angela Marsons – Silent Scream
Verlag: Piper
Ersterscheinungsdatum: 1. März 2016
Klappenbroschur – 464 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-492-06034-9


Bram Dehouk - Der Psychopath

Eine Lösung, die ein Vater nie wählen würde.
Sam ist anders als andere Kinder. Das merken seine Eltern früh. Doch der Arzt und die Krankenschwester können damit umgehen. Sams Verhalten wird erst zum Problem, als er in die Schule kommt. Niemand hat den aufbrausenden Jungen im Griff. Während seine Mutter glaubt, der Sohn werde gemobbt, ist sein Vater Chris mehr und mehr davon überzeugt, dass mit Sam etwas nicht stimmt. Manisch sammelt er Fachartikel, die beweisen sollen, dass sein Sohn ein geborener Psychopath ist. Als Sam eines Tages einer Katze den Bauch aufschlitzt, um nachzusehen, was sich darin verbirgt, versteift sich Chris immer mehr auf seine Theorie. Und er sieht nur eine Lösung. Eine Lösung, die ein Vater sonst nie wählen würde: Er will den eigenen Sohn umbringen … (Klappentext btb)

Bram Dehouck – Der Psychopath
Verlag: btb
Ersterscheinungsdatum: 8. März 2016
Taschenbuch – 224 Seiten – 8,99 €
ISBN 978-3-442-71330-1


F. R. Tallis - Das Haus der bösen Träume

Achtung Albtraum …

Suffolk, 1950er Jahre: Der junge Psychiater James Richardson tritt eine Stelle in Wyldehope Hall an, einer Privatanstalt unter der Leitung des renommierten Professor Maitland. Weitgehend allein bleibt ihm die Führung der Klinik überlassen; u.a. die Betreuung einer besonderen Station im Kellergewölbe des alten Hauses. Dort sind sechs Patientinnen in einen künstlichen Dauerschlaf versetzt – laut Maitland eine neuartige Behandlung ihrer psychischen Störung. Doch dann kommt eine junge Nachtschwester zu Tode, kurz nachdem sie in panischer Angst aus dem Keller floh. Richardson beschleichen Zweifel … (Klappentext: btb)

 

F. R. Tallis – Das Haus der bösen Träume
Verlag: btb
Ersterscheinungsdatum: 8. März 2016
Taschenbuch – 352 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-442-74467-1

Ich werde es wohl kaum schaffen, all diese Bücher im März zu lesen, denn ich habe mir für den kommenden Monat noch ein paar andere Bücher vorgenommen. Außerdem ist da ja noch dieser Umzug :-(, aber Bücher rennen ja bekanntlich nicht weg und wenn meine Leseecke dann eingerichtet ist, heißt erstmal wieder nur lesen, lesen, lesen… 😉

Buchrezension: Vera Buck – Runa

Vera Buck - RunaInhalt:

In ihrem Romandebüt Runa, das sich keinem bestimmten Genre zuordnen lässt, sondern historischer Roman, Kriminalroman und Wissenschaftsthriller zugleich ist, vermischt Vera Buck historische Fakten und Persönlichkeiten mit einer fiktiven Handlung und erdachten Romanfiguren und entführt den Leser zu den Anfängen der Psychochirurgie ins Paris des 19. Jahrhunderts an die berühmteste Nervenheilanstalt Europas, das Hôpital de la Salpêtrière.

Man kam nicht her, um zu genesen, sondern um zu sterben.

Der junge Schweizer Medizinstudent Jori kommt 1884 an die Pariser Salpêtrière, um bei dem damals wohl renommiertesten Neurologen Jean-Martin Charcot zu promovieren. Dieser beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren intensiv mit der Erforschung und Therapie der Hysterie, die als typisch weiblich galt, da die Ursache dieser psychischen Erkrankung in der Gebärmutter (griech. hystera) vermutet wurde. Den öffentlichen Vorlesungen, die Zirkusvorstellungen gleichen und bei denen Charcot Hysterikerinnen vorführt, mit fragwürdigen Behandlungsmethoden und unter Einsatz von Hypnose hysterische Anfälle provoziert, um seinem schaulustigen Publikum die Verrenkungen, Spasmen, Lähmungen und Delirien seiner Patientinnen zu demonstrieren, wohnen nicht nur Studenten und Ärzte, sondern auch Schriftsteller, Journalisten sowie Schauspieler aus ganz Europa bei.

Seit das Gerücht die Runde gemacht hatte, im Auditorium der Salpêtrière ginge es dienstagabends nicht weniger zügellos zu als im Moulin Rouge, war ein Besuch von Charcots Vorlesungen für die Boheme ebenso obligatorisch wie der offene Mantel und die Zigarre, die sie leger im Mundwinkel trugen.

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Jean-Martin Charcot während einer seiner öffentlichen Dienstagsvorlesungen mit seinem Studenten und Assistenten Joseph Babinski und seiner wohl berühmtesten Patientin Blanche Wittman (Une leçon clinique à la Salpêtrière, Gemälde von André Broullier (1887) (Quelle: Wikipedia))

Jori ist voller Ehrfurcht und Bewunderung für den charismatischen Charcot, während sein bester Freund und Studienkollege Paul Eugen Bleuler die zweifelhaften und menschenverachtenden Experimente Charcots verabscheut und sich von Jori abwendet. Der junge Student erkennt zunächst nicht, dass die mehr als 5000 Patienten, die die Salpêtrière zu jener Zeit beherbergt, für die erfolgsversessenen und größenwahnsinnigen Ärzte lediglich Menschenmaterial sind, das für Forschungszwecke missbraucht wird und im Dienste der Wissenschaft auch geopfert werden darf.

Wo anders will man ein so reiches, für diese Art von Untersuchungen geeignetes Material finden? (…) Dieses grosse Asyl schließt, wie sie Alle wissen, eine Bevölkerung von mehr als 5000 Personen ein, darunter eine grosse Anzahl unter der Bezeichnung „Unheilbar“ und auf Lebenszeit aufgenommene Individuen jeden Alters. (…) Wir sind mit anderen Worten im Besitz eines reich ausgestatteten, lebenden pathologischen Museums.

JEAN-MARTIN CHARCOT
(1825–1893)
Französischer Pathologe und Neurologe

Als eines Tages Runa, ein neunjähriges Mädchen in die Anstalt eingeliefert wird, wittert Jori seine große Chance und glaubt, nun endlich das geeignete Thema für seine Doktorarbeit gefunden zu haben. Runa ist anders als alle anderen Patientinnen – sie schweigt, scheint vollkommen furchtlos zu sein, wirkt apathisch, malt unentwegt kryptische Zeichen und spricht auf die gängigen Behandlungsmethoden Charcots nicht an. Jori möchte nun im Rahmen seiner Dissertation an Runa den ersten chirurgischen Eingriff am Gehirn eines lebenden Menschen durchführen und dem Mädchen den Wahnsinn aus dem Kopf operieren. Dabei wird er nicht nur von seinem wissenschaftlichen und beruflichen Ehrgeiz getrieben, sondern verfolgt auch private Interessen, denn Pauline, die Frau, die er liebt und die Schwester seines Freundes Paul Eugen Bleuler, leidet ebenfalls unter einer psychischen Erkrankung. Falls Jori die Operation an Runa gelingt, kann er mit einem Doktortitel in seine Schweizer Heimat zurückkehren und ist sicher, mit dieser operativen Methode auch Pauline von ihrem seelischen Leiden heilen zu können. Er bemerkt zunächst nicht, dass er in einen erbitterten Konkurrenzkampf zwischen Ärzten geraten ist und für welche Zwecke er instrumentalisiert wird.
Zur gleichen Zeit ist Monsieur Lecoq, ein ehemaliger Polizist, auf der Suche nach der verschwundenen Ehefrau eines Bekannten. Als begeisterter Anhänger der Lehren Lombrosos glaubt er, anhand anatomischer Körpermerkmale die kriminellen Neigungen eines Menschen erkennen zu können und aufgrund seiner eigenen Physiognomie selbst ein geborener Verbrecher zu sein. Bei seinen Ermittlungen stößt Lecoq immer wieder auf mysteriöse Botschaften, die in ganz Paris hinterlassen wurden – mit Blut an eine Wand gemalt oder in die Haut einer Leiche geritzt.
Auch der Ich-Erzähler, ein Chorknabe, macht eine seltsame Entdeckung – in der Kirche Saint-Médard findet er einen merkwürdigen Text, der mit schwarzer Tinte in ein Gesangbuch geschrieben wurde.

Meine persönliche Meinung:

Bei historischen Romanen bin ich meistens etwas skeptisch, denn ich habe schon so viele schlecht recherchierte und deshalb unglaubwürdige historische Romane gelesen, dass ich diesem Genre inzwischen nicht mehr allzu viel abgewinnen kann. Auf Vera Bucks Debüt Runa war ich dennoch sehr gespannt, da mich die Thematik sehr interessiert und ich mich bereits während meines Studiums mit Jean-Martin Charcot und seinen mitunter fragwürdigen Behandlungs – und Forschungsmethoden auf dem Gebiet der Hysterie, aber auch mit seinen herausragenden wissenschaftlichen Leistungen bei der Erforschung von Erkrankungen des Nervensystems beschäftigt habe. Charcot gilt als Begründer der modernen Neurologie; zahlreiche neurologische Krankheiten tragen bis heute seinen Namen. Zu seinen Schülern gehörten neben Sigmund Freud auch Joseph Babinski, Georges Gilles de la Tourette sowie Charles-Joseph Bouchard. Charcot beschrieb als Erster die Amyotrophe Lateralsklerose, die deshalb auch Charcot-Krankheit genannt wird, und grenzte die Multiple Sklerose und den Morbus Parkinson als eigenständige Krankheitsbilder voneinander ab. Erst in seinen späteren Jahren widmete er sich dann der Erforschung der Hysterie. Hysterie ist jedoch ein recht unpräziser Sammelbegriff, unter dem eine ganze Reihe von Symptomen psychischer und motorischer Störungen zusammengefasst wurden und die als typisch weiblich galten. Obwohl bereits Charcot der Überzeugung war, dass es sich bei der Hysterie keineswegs um ein rein weibliches Leiden handelt, sondern auch Männer davon betroffen sein können, präsentierte er in seinen öffentlichen Lektionen ausschließlich weibliche Hysterikerinnen. Diese Vorlesungen, bei denen unter Charcots Regie Krankheit als Schauspiel inszeniert wurde und die größte und berühmteste Nervenheilanstalt Europas zur Bühne bzw. Zirkusarena avancierte, standen auch einem nichtmedizinischen Publikum offen, waren in Paris ein gesellschaftliches Ereignis, wurden aber bereits von einigen Zeitgenossen aufs Schärfste kritisiert.
In Vera Bucks Runa werden Charcots Vorführungen schonungslos und sehr ausführlich dargestellt. Obwohl vieles aus heutiger Sicht undenkbar und menschenverachtend scheint und die Ausführungen der Autorin manche zartbesaiteten Gemüter irritieren und schockieren mögen, war ich von diesen Detailbeschreibungen sehr beeindruckt und fasziniert, da man deutlich merkt, dass Vera Buck sorgfältig in Archiven recherchiert und die historischen Quellen genauestens studiert hat. Auch wenn die Beschreibungen historischer und medizinischer Details oft sehr ausschweifend sind und etwas Tempo aus der Geschichte nehmen, waren sie so eindrücklich und interessant, dass sie die Spannung für mich keineswegs minderten.
Nicht nur durch ihre akribische Recherchearbeit, sondern auch sprachlich gelingt es Vera Buck, den Leser in die Zeit der Jahrhundertwende zu entführen. Sie trifft wunderbar den Jargon dieser Epoche; gleichzeitig ist ihre Sprache so unglaublich bildgewaltig, klar und lebendig, dass ich mich wirklich ins Paris des 19. Jahrhunderts versetzt fühlte, die Gerüche förmlich riechen konnte und die Pferdehufe auf dem Pflaster klappern sowie die Räder der Kutschen rattern hörte.
Auch die Charaktere sind sehr markant und facettenreich gezeichnet. Die historisch verbürgten Persönlichkeiten wie Jean-Martin Charcot, Paul Eugen Bleuler, Georges Gilles de la Tourette, Joseph Babinski und Louis Pasteur sind sehr geschickt und glaubwürdig in die fiktive Handlung eingebettet. Besonders Joseph Babinski ist mir im Lauf der Geschichte sehr ans Herz gewachsen, und ich wüsste zu gerne, wieviel von dem realen Babinski sich hinter dem Romancharakter verbirgt. Aber auch die rein fiktiven Romanfiguren wie Jori, Runa und Monsieur Lecoq sind sehr fein und vielschichtig ausgearbeitet. Jori macht im Roman eine erstaunliche Entwicklung durch, denn während mich seine anfängliche Naivität, sein übertriebener wissenschaftlicher Ehrgeiz und seine blinde Bewunderung für die menschenunwürdigen Behandlungsmethoden Charcots wirklich wütend machten, wird er im Lauf der Geschichte, wenn auch leider etwas zu spät, zu einem mutigen jungen Mann, der allmählich beginnt, sich über die moralischen Grenzen der Wissenschaft Gedanken zu machen. Mein liebster Protagonist ist jedoch der skurrile Monsieur Lecoq, der – den zeitgenössischen Lehren Lombrosos folgend – fest davon überzeugt ist, aufgrund seiner Körpermerkmale ein Verbrecher zu sein, jedoch ein überaus kluger, besonnener, liebenswerter, wenn auch etwas schrulliger Ermittler ist. Die eigentliche Heldin und zweifellos spannendste und geheimnisvollste Protagonistin ist aber Runa, das neunjährige Mädchen, das, obwohl es eingesperrt und gefesselt ist, Widerstand leistet, vollkommen anders handelt, als man es von ihr erwartet, sich ihre innere Freiheit bewahrt und allen Behandlungsmethoden trotzt. Sie macht nicht nur ihren Wärterinnen, sondern vor allem den Ärzten und Wissenschaftlern Angst, denn sie ist eine Gefahr. Überall hinterlässt sie ihre mysteriösen Zeichen und Botschaften, bedient sich also der Schrift – und der Stift, das wissen auch die Ärzte, ist eine weitaus gefährlichere und wirkungsvollere Waffe als das Skalpell.
In Runa laufen drei verschiedene Erzählstränge parallel nebeneinander her und die Handlung wird aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert. Zunächst ist das ziemlich verwirrend, denn ob und inwiefern die Geschichte von Jori und seinem Vorhaben, an Runa erstmals einen operativen Eingriff am Gehirn eines Menschen vorzunehmen, mit der Suche Lecoqs nach einer vermissten Frau und mit den Erlebnissen des Ich-Erzählers zusammenhängen könnten, bleibt lange im Dunkeln. Erst am Schluss des mehr als 600 Seiten starken Romans schließt sich der Kreis und die Erzählstränge laufen zu einem schlüssigen Ende zusammen. Leider werden hierbei nicht alle Geheimnisse gelüftet, was mich aber nicht davon abhält, diesen Roman uneingeschränkt weiterzuempfehlen.
Mit Runa ist Vera Buck ein wirklich fulminantes Debüt gelungen, in dem historische Fakten in eine fesselnde Krimihandlung eingebettet werden und das von einer profunden Sachkenntnis zeugt. Ich war erstaunt, als ich gelesen habe, wie jung die Autorin ist, denn der Roman ist so ausgereift, dass ich kaum glauben konnte, dass Runa tatsächlich ihr erstes Buch ist.
Ich bin wirklich restlos begeistert von diesem historischen Kriminalroman, in dem Spannung und Wissen vortrefflich kombiniert werden und der auch die immer noch aktuelle Frage nach den ethischen Grenzen der Wissenschaft aufwirft.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Vera Buck: Runa
Verlag: Limes
Ersterscheinungsdatum: 24. August 2015
608 Seiten
ISBN 978-3-8090-2652-5

Cover: Limes Verlag

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