Buchrezension: Andreas Gruber – Todesfrist

Andreas Gruber - TodesfristInhalt:

Als im Hauptschiff der Münchner Frauenkirche die Leiche einer Frau gefunden wird und die junge Kommissarin Sabine Nemez am Tatort eintrifft, erkennt sie sofort, wer die Tote ist – es ist ihre eigene Mutter, die angekettet neben der Orgel am Boden liegt und offenbar mit schwarzer Tinte ertränkt wurde. Zwei Tage zuvor hatte Sabines Vater einen anonymen Anruf erhalten, bei dem ihm mitgeteilt wurde, dass seine Exfrau sterben wird, wenn er nicht innerhalb von achtundvierzig Stunden herausfindet, warum sie entführt wurde. Als bekannt wird, dass die Scheidung von Sabines Eltern alles andere als harmonisch verlief und sich ihr Vater bei der Befragung durch die Polizei immer mehr in Widersprüche verstrickt, wird er verdächtigt, mit dem Mord an seiner Exfrau in Verbindung zu stehen. Als Angehörige des Mordopfers wird Sabine zwar nicht mit dem Fall betraut, aber da sie die Unschuld ihres Vaters beweisen will, nimmt sie auf eigene Faust die Ermittlungen auf und stößt dabei auf zwei ähnliche Mordfälle, die sich in der jüngsten Vergangenheit zugetragen haben. Auch in der Leipziger Thomaskirche und im Kölner Dom wurden die grausam zugerichteten Leichen zweier Frauen gefunden, die zuvor entführt worden waren und deren Angehörigen ebenfalls das Ultimatum gestellt wurde, innerhalb einer Frist von achtundvierzig Stunden ein Rätsel zu lösen, um das Leben der Entführten zu retten.
Der exzentrische Profiler Maarten S. Sneijder vom BKA aus Wiesbaden, der mit dem Fall betraut wird, ist zunächst nicht sehr begeistert, dass sich Sabine nicht davon abbringen lassen will, den Mord an ihrer Mutter selbst aufzuklären. Als sie dann jedoch recht schnell das Muster erkennt, nach dem der Serienmörder vorgeht und feststellt, dass ihm offenbar die Geschichten aus dem Struwwelpeter als Vorlage dienen, ist Sneijder so beeindruckt von der jungen Kommissarin, dass er sich mit ihr gemeinsam auf die Jagd nach dem Mörder begibt.
Zur gleichen Zeit erhält die Psychotherapeutin Helen Berger, die in der Nähe von Wien eine eigene Praxis betreibt, ein Päckchen mit grausigem Inhalt. Auch sie bekommt einen anonymen Anruf und hat nun achtundvierzig Stunden Zeit, um ein Rätsel zu lösen und das Leben eines Menschen zu retten.

Meine persönliche Meinung:

Auch wenn in Andreas Grubers Todesfrist weitaus weniger Blut fließt, als das Cover zunächst vermuten lässt, wird bereits im Prolog deutlich, dass dieser Thriller für Zartbesaitete eher nicht geeignet ist. Doch so rasant die Geschichte beginnt, so schnell flaut die Spannung, die sich im ersten Drittel des Buches noch kontinuierlich aufbaut, leider auch wieder ab. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass nicht nur die Identität des Mörders, sondern auch das Muster, nach dem er vorgeht, recht schnell bekannt sind und es nur noch darum geht, den Täter zu fassen, seine Motive zu ergründen und weitere Morde zu verhindern.
Zugegebenermaßen ist ein Serienmörder, der sich von den Geschichten aus dem Struwwelpeter inspirieren lässt, durchaus originell. Die mitunter grausamen Erziehungsmaßnahmen, die in diesem Kinderbuch von Heinrich Hoffmann zur Anwendung kommen, sind auch hervorragend geeignet, um einem Mörder, dessen Kindheit von einer enormen Strenge und Lieblosigkeit geprägt war, als Vorlage zu dienen, aber brutale und groteske Mordmethoden allein machen noch lange keinen fesselnden Thriller aus, wenn es der Geschichte und vor allem den Charakteren an Tiefgang fehlt. Auch wenn der Leser Einblick in die zerstörte Seele und die traumatische Jugend des Mörders erhält, bleibt dieser seltsam blass und seine Motive sind zu konstruiert, um noch glaubwürdig und nachvollziehbar zu sein. Der Plot ist durchaus stimmig und die beiden Handlungsstränge laufen auch schlüssig ineinander, aber die Geschichte ist teilweise so weit hergeholt und unglaubwürdig, dass ich einfach nicht mitfiebern konnte. Das lag vor allem an den Charakteren, die entweder so farblos und flach blieben, dass man sich kaum in sie hineinversetzen konnte oder aber so extrem überzogen dargestellt wurden, dass sie damit an Glaubwürdigkeit verloren und einfach nur lächerlich wirkten. Eine Kommissarin wird natürlich berufsbedingt tagtäglich mit Mord und Totschlag konfrontiert, aber wenn die eigene Mutter Opfer eines so grausamen Verbrechens wird, ist das sicherlich keineswegs alltäglich; deshalb könnte man doch selbst von einer noch so tapferen, abgebrühten und robusten Person erwarten, dass sie ein wenig von Trauer ergriffen oder zumindest schockiert ist, wenn die eigene Mutter auf bestialische Weise ermordet wird. Was in Sabine Nemez vorging, was sie dachte und fühlte, war und blieb mir jedoch ein vollkommenes Rätsel. Ich konnte mit dieser Protagonistin jedenfalls weder warm werden noch mitfühlen und hätte mir von ihr doch etwas mehr Emotionen gewünscht. Der Fallanalytiker und forensische Psychologe Maarten S. Sneijder ist so überzeichnet, dass man ihn kaum noch ernstnehmen kann. Der Autor hat wirklich kein Klischee ausgelassen, um diesen Ermittler so skurril wie nur möglich dazustellen. Sneijder ist ein durch und durch arroganter und besserwisserischer Kotzbrocken, der Kollegen und auch Opfern extrem beleidigend und respektlos gegenübertritt. Seine verbalen Entgleisungen sind zwar recht komisch und sein Zynismus erfrischend, aber in der jeweiligen Situation doch sehr verletzend und unpassend. Auch wenn hinter der harten Schale ein weicher Kern zu stecken scheint, kann er diesen gerade dann, wenn es angebracht wäre, recht gut verbergen.
Die Hauptprotagonistin des zweiten Handlungsstrangs, die Psychotherapeutin Helen Berger, ist meines Erachtens der einzig glaubwürdig und wirklich gut ausgearbeitete Charakter im ganzen Roman. Diese zweite Erzählebene war es dann auch, die das ganze Buch rettete und mich weiterlesen ließ, da sie mich weitaus mehr zu fesseln vermochte als die teilweise langatmige Ermittlungsarbeit von Nemez und Sneijder.

Auch wenn Todesfrist von Andreas Gruber mich nicht wirklich überzeugen konnte und nicht annähernd an Rachesommer heranreicht, war es ein recht kurzweiliger und unterhaltsamer Thriller, der sich sehr flüssig lesen ließ. Die Grundidee hat durchaus Potential, auch die Schauplätze waren sehr gelungen, aber die größtenteils flachen Charaktere und der unglaubwürdige Plot waren doch sehr enttäuschend. Auf Spannung oder gar Tiefgang habe ich jedenfalls vergeblich gewartet.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Andreas Gruber: Todesfrist
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 1. Januar 2012 (Originalverlag: Club Bertelsmann)
432 Seiten
ISBN 978-3-442-47866-8

Cover: Goldmann Verlag

11 Gedanken zu “Buchrezension: Andreas Gruber – Todesfrist

  1. Ich habe das Buch nicht gelesen, und nachdem, was ich HIER lesen durfte, werde ich es mir wohl auch nicht zulegen.
    Was mir auffiel, war, rein optisch, dass das Cover sehr denen gleicht, mit denen die Thriller von Cody McFadyen in D veröffentlicht werden. Sollte es wohl so sein, dass das Cover abgekupfert ist? Damit würde es sich, so wie hier beschrieben, inhaltlich anpassen?
    Wobei, zur Ehrenrettung, es angebracht erscheint, hinzuzufügen, dass mein letzter Besuch im Buchhandel mich mit dem Endruck zurückließ, dass es da mehrere Verlage/Autoren gibt, die sich optisch gleichen.
    Das fände ich recht traurig, da jedes Buch ein Unikat ist. Zumindest vom Autor her gesehen.
    Aber auch schon als ich Dan Brown verschlungen habe, meinte ich diesen Effekt festzustellen, dass so einige Verlage sich ev. als Trittbrettfahrer verstehen.

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    • Ich denke, dass das auch ganz bewusst so gemacht ist und die Gestaltung des Covers schon von Weitem bestimmte Assoziationen auslösen und eine ganz bestimmte Zielgruppe ansprechen soll. Eine Parallele zu McFadyen ist sicherlich erwünscht. Das ist bei historischen Romanen nicht anders, denn dort gleichen sich die Cover so extrem, dass sie kaum voneinander zu unterscheiden sind.
      Allerdings würde ich Andreas Gruber nicht mit McFadyen vergleichen, denn dessen Thriller sind zwar um einiges brutaler und blutiger, allerdings sind seine Charaktere sehr fein und präzise ausgearbeitet.

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    • Das ist wirklich lieb, aber ich habe erst gestern wieder eine Nominierung abgelehnt. Sie nehmen momentan so überhand, dass ich nicht dazu komme, alle zu beantworten und habe deshalb beschlossen, keine Nominierungen mehr anzunehmen. Das ist nicht böse gemeint, denn ich freue mich trotzdem über Deine Einladung und außerdem hast Du Dir wirklich interessante Fragen überlegt.

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    • Ja, das ist mit Protagonisten in Büchern nicht anders als im richtigen Leben – nicht jeder kann nur Freunde haben 😉 Ich fand Sneijder einfach zu überzeichnet. Ich mag schrullige und skurrile Menschen mit Ecken und Kanten, aber bei ihm waren es mir dann doch etwas zu viele. Im realen Leben würde ich um so einen Kotzbrocken einen riesigen Bogen machen. Den zweiten Roman kenne ich nicht, aber ich überlege, ihn trotzdem zu lesen, denn „Rachesommer“ von Andreas Gruber hat mir eigentlich ganz gut gefallen.

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