Buchrezension: Karin Slaughter – Dreh dich nicht um

Karin Slaughter - Dreh dich nicht umInhalt:

Als die Gerichtsmedizinerin Sara Linton von ihrem Exmann, Polizeichef Jeffrey Tolliver, zum Fundort einer Leiche gerufen wird, deutet zunächst alles darauf hin, dass sich der Student Andy Rosen auf dem Gelände des Grant College von einer Brücke gestürzt und Selbstmord begangen hat. Während Sara den Toten in Augenschein nimmt, wartet ihre hochschwangere Schwester Tessa im Auto, doch als Sara zu ihrem Wagen zurückkehrt, ist ihre Schwester verschwunden. Sie findet sie schließlich blutüberströmt und ohne Bewusstsein im nahegelegenen Wald. Offenbar wurde sie von einem unbekannten Täter niedergestochen und sehr schwer verletzt. Sara wird von sehr großen Schuldgefühlen geplagt, da sie Tessa unüberlegt zu einem Tatort mitgenommen und damit in Gefahr gebracht hat und fühlt sich nun dafür verantwortlich, dass Tessa in der Klinik um ihr Leben kämpft und aufgrund ihrer schweren Verletzungen auch ihr Kind verloren hat.
Noch während ihre Schwester in Lebensgefahr schwebt, ereignet sich bereits der nächste rätselhafte Todesfall, denn die Studentin, die die Leiche von Andy Rosen gefunden hatte, hat sich offenbar erschossen. Sara und Jeffrey zweifeln jedoch allmählich an der Selbstmordtheorie und vermuten, dass zwischen dem Tod der beiden Studenten und dem Angriff auf Tessa ein Zusammenhang besteht.
Wurden die beiden Studenten ermordet? Hat Tessa in der Nähe des Tatorts zufällig etwas entdeckt, was der Täter unbedingt verhindern wollte? Da Andy Rosen jüdischer Herkunft war und der Vater von Tessas ungeborenem Kind Afroamerikaner ist, stellt sich auch die Frage, ob den Gewalttaten rassistische Motive zugrunde liegen könnten. Oder warum verhält sich die Ex-Polizistin Lena Adams sonst plötzlich so eigenartig? Die ehemalige Mitarbeiterin von Jeffrey Tolliver, die noch immer unter den Folgen ihrer Entführung und Vergewaltigung leidet, aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist und derzeit für die zivile Campus-Polizei arbeitet, bekämpft ihre traumatischen Erlebnisse mit Alkohol und ist nun mit einem gewaltbereiten Rassisten liiert. Deckt Lena ihren neuen Freund, hat etwas mit den seltsamen Vorfällen auf dem Campus zu tun oder befindet sie sich selbst in großer Gefahr?

Meine persönliche Meinung:

Vor einigen Jahren habe ich bereits Belladonna und Vergiss mein nicht, die beiden ersten Bände der Grant-County-Serie von Karin Slaughter gelesen, fand sie unglaublich spannend und habe mir nun vorgenommen, nach und nach alle Bände der Reihe zu lesen. Da Lena Adams in Dreh dich nicht um eine bedeutende Rolle zukommt und es zum besseren Verständnis des Buches von Vorteil wäre, ihre Vorgeschichte zu kennen, sollte man die beiden ersten Bände gelesen haben, bevor man diesen dritten Band der Reihe liest. Wer jedoch mit Dreh dich nicht um begonnen hat, um in die Serie einzusteigen, kann sich die Lektüre von Belladonna getrost schenken. Ich halte es jedenfalls für empfehlenswert, die chronologische Reihenfolge der Grant-County-Serie einzuhalten:

  1. Belladonna
  2. Vergiss mein nicht
  3. Dreh dich nicht um
  4. Schattenblume
  5. Gottlos
  6. Zerstört

Wenn man schon Bücher von Karin Slaughter gelesen hat, ist man nicht überrascht, dass es auch in Dreh dich nicht um wieder recht brutal und blutig zur Sache geht, denn auch in diesem Thriller macht die Autorin ihrem Nachnamen Slaughter, der übrigens kein Pseudonym ist, wieder alle Ehre. Für zart besaitete Gemüter oder Leser mit einem empfindlichen Magen ist das Buch nicht geeignet, denn Karin Slaughter scheut sich nicht, Leichenfunde und Obduktionen detailliert zu beschreiben, was mitunter etwas unappetitlich werden kann. Da ich Krimis, in denen Gerichtsmediziner ermitteln, sehr gerne lese, kann mich das nicht erschüttern und verursacht bei mir auch keine Alpträume – zumindest solange ich nur in der fiktiven Welt damit konfrontiert werde. Wenn ein Thriller spannend ist und diese blutigen Details nicht nur pure Effekthascherei sind, sondern zur Aufklärung des Falles beitragen, kann ich auch entspannt darüber hinwegsehen. In den Büchern von Karin Slaughter bleibt der Ekelfaktor für mich jedenfalls in einem erträglichen Rahmen.
Während ich von den beiden ersten Bänden der Reihe sehr begeistert war, konnte mich Dreh dich nicht um leider nicht so recht überzeugen. Das Buch war durchgehend spannend, der Schreibstil ist einfach und anspruchslos, sodass es sich angenehm flüssig und schnell lesen lässt, aber eine Reihe von Ungereimheiten und an den Haaren herbeigezogenen Zufällen haben mich dann doch enttäuscht. Da wurde ganz tief in die Trickkiste gegriffen, um möglichst alle Formen von Gewalt und Kriminalität, also nahezu alles, was das Thrillergenre hergibt, in ein Buch zu packen – Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Rassismus, Selbstjustiz, Rache, Drogenkriminalität, sexuelle Perversionen und erbitterte Machtkämpfe zwischen Akademikern – alles drin. Manchmal wäre etwas weniger durchaus mehr, wenn ein Buch noch ein bisschen glaubwürdig sein soll.
Und so erging es mir leider auch mit den Protagonisten, besonders mit Lena Adams, die Leser der Reihe bereits aus Belladonna und Vergiss mein nicht kennen. Seit ihre Zwillingsschwester grausam ermordet und sie selbst entführt, vergewaltigt und gefoltert wurde, ist die ehemalige Polizistin schwer traumatisiert. Dass sie ihre schmerzhaften Erinnerungen an diese Erlebnisse mit Alkohol zu betäuben versucht und selbstzerstörerische Tendenzen entwickelt, ist für mich noch durchaus nachvollziehbar. So war ich zu Beginn des Buches auch empathisch und hatte Verständnis für ihr Verhalten, das jedoch im weiteren Verlauf der Handlung immer abstruser und unverständlicher wird. Warum sie ausgerechnet die wenigen Menschen, die es gut mit ihr meinen und ihr helfen wollen, ständig vor den Kopf stößt und sich stattdessen mit einem gewalttätigen Rassisten einlässt, der nicht gerade zimperlich mit ihr umgeht, war mir dann doch ein wenig schleierhaft.
Die Gerichtsmedizinerin und Kinderärztin Sara Linton, die man auch schon aus den beiden vorhergehenden Bänden kennt, kommt in Dreh dich nicht um leider etwas zu kurz, was ich sehr schade finde, da sie die Protagonistin der Reihe ist, die mir am sympathischsten ist. Sie ist klug, scharfsinnig und willensstark, wirkt nach außen recht kühl und unnahbar, ist aber eine sehr emotionale, einfühlsame und empfindsame Frau. Nachdem Jeffrey Tolliver sie in der Ehe betrogen hat, ließ sie sich von ihm scheiden, aber allmählich nähert sich das Paar, das immer noch gemeinsam ermittelt, nun auch privat wieder an. Glücklicherweise steht das Privat- und Liebesleben dieser beiden Charaktere jedoch nicht im Mittelpunkt der Erzählung, denn obwohl man natürlich wissen will, wie das Leben der Hauptprotagonisten einer Reihe weitergeht, gibt es für mich in Thrillern und Krimis eigentlich nichts Nervtötenderes als die ausführlichste Darstellung der Privatangelegenheiten der ermittelnden Protagonisten.
Bedauerlicherweise waren es gerade die gemeinsamen Ermittlungen von Sara und Jeffrey, die mich in diesem Band der Serie etwas ratlos machten, denn die Tätersuche verläuft so unstrukturiert und chaotisch, dass am Ende nur eine Reihe von teilweise hanebüchenen Zufällen zur Lösung des Falls führen. Das war dann doch etwas enttäuschend und zeugt von einem schlecht durchdachten Plot, dem etwas mehr Struktur und Logik ganz gut getan hätten. Auf der letzten Seite kommt es jedoch noch zu einer sehr verblüffenden Wendung, die mich dann wieder ein wenig versöhnlich stimmte.
Ein erzählerisches und sprachliches Meisterwerk ist Dreh dich nicht um freilich nicht, kann dem Vergleich mit den beiden ersten Bänden der Reihe auch nicht standhalten, aber es ist ein durchaus spannender und kurzweiliger Thriller für Zwischendurch. Ich bin jedenfalls nach wie vor gespannt, wie es mit der Serie weitergeht und freue mich auf Schattenblume, den nächsten Fall für Gerichtsmedizinerin Sara Linton und Chief Jeffrey Tolliver.

© Claudia Bett

 Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Karin Slaughter: Dreh dich nicht um
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 01. Januar 2005 (bei Wunderlich)
480 Seiten
ISBN  978-3-442-38268-2

Cover: Blanvalet Verlag

3 Gedanken zu “Buchrezension: Karin Slaughter – Dreh dich nicht um

  1. Bei mir ist es schon einige Jahre her, dass ich das Buch gelesen habe. Inzwischen habe ich tatsächlich alle Bücher von Ihr gelesen und sie gehört immer noch zu meinen Lieblingsautorinnen. Ich kann mich im Detail nicht mehr an das Buch erinnern, aber ich fand die Story mit Saras schwangerer Schwester schon ziemlich heftig.

    Liebe Grüße
    Mary

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