Buchrezension: Minette Walters – Der Keller

Minette Walter - Der KellerInhalt:

Im Alter von acht Jahren wurde die kleine Muna von den Songolis mit gefälschten Papieren aus einem afrikanischen Waisenhaus geholt und nach England verschleppt. Seitdem muss die inzwischen vierzehnjährige Muna der Familie Tag für Tag zu Diensten sein und bis zur Erschöpfung arbeiten. Sie wird geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt, gequält und nachts in einen dunklen, fensterlosen Keller gesperrt. Selbst dort ist sie nicht sicher vor den ständigen Misshandlungen durch die Familienmitglieder. Muna hat das Haus der Songolis noch nie verlassen, darf nicht einmal in den Garten, aber die Welt da draußen ist ihr ohnehin fremd und macht ihr große Angst. Deshalb fällt es auch niemandem auf, dass Muna im Keller der Songolis lebt und von ihnen wie eine Sklavin gehalten wird.
Als eines Tages der jüngste Sohn der Familie auf rätselhafte Weise spurlos verschwindet, ändert sich Munas Leben von einem Tag auf den anderen. Plötzlich sind ständig Polizisten im Haus, die nach dem vermissten Kind suchen, und damit diese nicht bemerken, unter welchen Bedingungen Muna leben muss, darf sie den Keller nun verlassen, in einem Bett schlafen und hübsche bunte Kleider tragen. Die Songolis geben Muna als ihre geistig zurückgebliebene Tochter aus, die der englischen Sprache nicht mächtig ist. Sie ahnen nicht, dass Muna jedes Wort versteht, viel klüger, scharfsinniger und vor allem gnadenloser ist, als sie glauben und nur auf eine Chance gewartet hat, um einen erbarmungslosen Racheplan in die Tat umzusetzen und ihr jahrelanges Martyrium endlich zu beenden.

Meine persönliche Meinung:

Ich warte schon seit Jahren auf ein neues Buch von Minette Walters, denn ihr Debüt Im Eishaus war vor etwas mehr als 20 Jahren der erste Kriminalroman, den ich gelesen habe und hat mich so restlos begeistert, dass ich dem Genre seitdem treu geblieben bin und jedem Buch der Autorin gespannt entgegenfiebere. Diesbezüglich musste man in den letzten Jahren allerdings sehr geduldig sein, denn auf dem deutschen Buchmarkt ist seit 2008 kein neuer Roman der Autorin erschienen. Umso mehr habe ich mich jetzt natürlich auf Der Keller gefreut, bei dem es sich jedoch diesmal nicht um einen Kriminalroman, sondern um einen Psychothriller handelt – und wenn ein Buch die Bezeichnung „Psychothriller“ verdient, dann dieses. Innerhalb weniger Stunden hatte ich das schmale Büchlein in nur einer Nacht gelesen und war sehr enttäuscht, dass es nur 224 Seiten umfasst. Allerdings beruht die ungeheure Intensität des Textes nicht zuletzt gerade auf seiner Knappheit und Kürze. Minette Walters beschränkt sich auf das Wesentliche, verliert sich nicht in Ausschweifungen, sodass das Erzählte einen enormen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Der Schreibstil der Autorin ist wie gewohnt eindringlich, fesselnd und flüssig.
Schon auf der ersten Seite ist man sofort von der Geschichte gefangen und erfährt nach und nach immer mehr über das Schicksal, die Herkunft und das bisherige Leben der kleinen Muna. Ich war entsetzt und regelrecht angewidert von dem, was die Familie Songoli diesem Kind über Jahre hinweg angetan hat.
Trotz der Kürze des Buches, hat Minette Walters alle Charaktere sehr präzise skizziert und lässt damit nicht nur Muna, sondern auch die Songolis auf geradezu erschreckende Weise lebendig werden und authentisch erscheinen. Schonungslos konfrontiert die Autorin den Leser mit all den schrecklichen Grausamkeiten, die Muna angetan wurden, denn jedes Familienmitglied hat das kleine Mädchen auf seine Art über Jahre hinweg missbraucht und gequält. Dabei empfand ich nicht nur die physische Gewalt sowie die sexuellen Übergriffe als besonders schockierend, sondern vor allem die psychische Gewalt, die ständigen Demütigungen und Erniedrigungen, mit denen man Munas Willen brechen und ihr immer wieder demonstrieren wollte, dass sie wertlos und der Familie vollkommen ausgeliefert ist. Allerdings ahnen die Songolis nicht, wie klug das vermeintlich zurückgebliebene Mädchen ist, wie schnell sie lernt und dass sie all die Jahre genutzt hat, um die Familie genau zu studieren. Muna erinnert sich kaum an ihre frühe Kindheit und die Zeit im Waisenhaus, kennt nur die Songolis, deren Wünsche, Gepflogenheiten, aber auch deren Ängste, Schwächen sowie die Konflikte und Feindseligkeiten innerhalb der Familie. Als nun ihr jüngster Sohn verschwindet und die Songolis sich gezwungen sehen, Muna vor der Polizei als ihre Tochter auszugeben, wendet sich das Blatt. Muna nutzt diese Chance, ihren scharfen Verstand und ihre gute Beobachtungsgabe, um die Songolis zu manipulieren, sich an ihnen zu rächen und mutiert von der machtlosen Sklavin zu einem erbarmungslosen Racheengel. Dabei geht sie nicht weniger grausam und barbarisch vor als ihre Peiniger, aber deutlich geschickter, klüger und raffinierter. Einerseits war ich schockiert von ihrer gnadenlosen Brutalität und vollkommenen Skrupellosigkeit, andererseits hatte ich aber auch Verständnis und Empathie, war fasziniert von ihrem neu gewonnenen Selbstbewusstsein, ihrer Intelligenz und starken Persönlichkeit. Mitleid mit der Familie konnte ich jedenfalls nicht empfinden, weder mit dem ältesten Sohn, der Epileptiker ist, noch mit dem Vater, der nach einem Sturz an den Rollstuhl gefesselt ist und von seiner Frau deshalb nur noch verachtet wird.
Es ist den Songolis nicht gelungen, Munas Willen zu brechen, stattdessen haben sie sie gelehrt, genau wie sie zu sein, merken jedoch nicht, dass sie das Mädchen letztendlich zu ihrem eigenen Spiegelbild geformt haben.
So ist Der Keller von Minette Walters das erschütternde Psychogramm eines Menschen, der nie Liebe und Fürsorge kennenlernen durfte, sondern nur Gewalt, Missbrauch und Unterdrückung erfahren hat und gleichzeitig ein äußerst verstörender, schockierender und fesselnder Psychothriller, den ich jedem, der dieses Genre liebt, nur empfehlen kann.

© Claudia Bett

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Minette Walters: Der Keller
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 18. April 2016
224 Seiten
ISBN 978-3-442-48432-4

Cover: Goldmann Verlag

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Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im Mai 2016

Auch im kommenden Monat erscheinen wieder viele interessante neue Bücher, wenn auch für meinen persönlichen Lesegeschmack diesmal nicht viel dabei ist. Da sich bei mir in den letzten Wochen jedoch sehr viele neue Bücher eingefunden haben, die alle gelesen werden wollen, ist das nicht weiter tragisch, denn für ausreichend Lesestoff ist gesorgt. Trotzdem bin ich natürlich wieder ein wenig fündig geworden und freue mich im Mai auf folgende Bücher:

Celeste Ng - Was ich euch nicht erzählteVon den Verheerungen, die wir einander zufügen

„Lydia ist tot.“ Der erste Satz, ein Schlag, eine Katastrophe. Am Morgen des 3. Mai 1977 erscheint sie nicht zum Frühstück. Am folgenden Tag findet die Polizei Lydias Leiche. Mord oder Selbstmord?
Die Lieblingstochter von James und Marilyn Leewar ein ruhiges, strebsames und intelligentes Mädchen. Für den älteren Bruder Nathan steht fest, dass der gutaussehende Jack an Lydias Tod Schuld hat. Marilyn, die ehrgeizige Mutter, geht manisch auf Spurensuche. James, Sohn chinesischer Einwanderer, bricht vor Trauer um die Tochter das Herz. Allein die stille Hannah ahnt etwas von den Problemen der großen Schwester. Was bedeutet es, sein Leben in die Hand zu nehmen? Welche Kraft hat all das Ungesagte, das Menschen oft in einem privaten Abgrund gefangen hält? Nur der Leser erfährt am Ende, was sich in jener Nacht wirklich ereignet hat. (Klappentext dtv)

Celeste Ng – Was ich euch nicht erzählte
Verlag: dtv
Ersterscheinungsdatum: 27. Mai 2016
Hardcover – 288 Seiten – 19,90 €
ISBN 978-3-423-28075-4


Ganz besonders gespannt bin ich auf Die Witwe von Fiona Barton. Ich freue mich riesig, dass dieses Buch sogar schon neben mir liegt, ich es schon vor dem Erscheinungstermin lesen darf und möchte mich an dieser Stelle herzlich bei der Buchboutique und dem Wunderlich Verlag bedanken. Wie mir dieses Buch gefallen hat, könnt Ihr allerdings erst ab dem 27. Mai hier auf meinem Blog lesen.

U1_978-3-8052-5097-9.inddDie Frau.
Jean Taylor führt ein ganz normales Leben in einer englischen Kleinstadt: Sie hat ein hübsches Haus und einen netten Ehemann. Glen und sie führen eine gute Ehe.
Der Mann.
Dann kommt der Tag, der alles ändert: Sie nennen Glen jetzt das Monster. Er soll etwas Unsagbares getan haben. Und Jeans heile Welt zerbricht.
Die Witwe.
Jetzt liegt Glen auf dem Friedhof, und Jean ist frei. Frei, das Spiel endlich nach eigenen Regeln zu spielen … (Klappentext Wunderlich)

 

Fiona Barton – Die Witwe
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungsdatum: 21. Mai 2016
Paperback – 432 Seiten – 16,99 €
ISBN 978-3-8052-5097-9


Gilly Macmillan - Toter HimmelWas ist der schlimmste Alptraum einer Mutter?
Wie so oft ist Rachel mit ihrem achtjährigen Sohn Ben spätnachmittags auf dem Weg zum Waldspielplatz. Heute will Ben allein vorauslaufen – selbstverständlich lässt Rachel ihn ziehen. Und findet Minuten später nur eine leer schwingende Schaukel vor…
„Ich blickte mich um, in der Erwartung, dass er lachend auftauchen würde, aber da war nichts als Stille, als habe der Wald die Luft angehalten. Mein Blick folgte den Bäumen in die Wipfel und in den Himmel darüber, und ich spürte, wie Dunkelheit aufzog, unerbittlich wie eine Flamme, die auf einem Stück Papier vorwärtswandert, dessen Ränder sich kräuseln, bis nur Asche zurückbleibt. In diesem Augenblick wusste ich: Ben war nicht mehr da.“
Doch dies ist nur der Anfang von Rachels Martyrium. Während die Polizei in ihrem Leben das Unterste zuoberst kehrt, ohne eine brauchbare Spur zu finden, hat die Öffentlichkeit ihren Schuldigen längst ausgemacht: Rachel. Geschickt wechselt Gilly Macmillan zwischen der Sicht der verzweifelten Mutter und der des beinahe ebenso verzweifelten Kommissars, dazwischen eingestreut die Hasstiraden der Netzgemeinde. Dabei weiß der Leser von Seite zu Seite weniger, wem er trauen darf. Sicher ist nur eins: Die Uhr tickt. (Klappentext Knaur)

Gilly Macmillan – Toter Himmel
Verlag: Knaur
Ersterscheinungsdatum: 02. Mai 2016
Klappenbroschur – 544 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-426-51747-5


Asne Seierstad - Einer von uns.Wie konnte sich Anders Breivik, der im wohlhabenden Westen aufwuchs, zu einem perfiden Terroristen entwickeln? Åsne Seierstads ausgezeichnetes Buch ist gleichzeitig psychologische Studie und literarisches True Crime, gleichzeitig Würdigung der Opfer und eine messerscharfe Analyse einer Tat, die sich jederzeit und überall wiederholen könnte. (Klappentext Kein & Aber)

Åsne Seierstad – Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders
Verlag: Kein & Aber
Ersterscheinungsdatum: 05. Mai 2016
Hardcover – 544 Seiten – 26,00 €
ISBN 978-3-0369-5740-1

Buchrezension: Charlotte Link – Die Betrogene

Charlotte Link - Die BetrogeneInhalt:

Kate Linville ist Detective Sergeant bei Scotland Yard in London, beruflich nicht besonders erfolgreich, unsicher, schüchtern, menschenscheu und kontaktarm. Seit dem Tod ihrer Mutter gibt es nur noch einen Menschen, den sie liebt, dem sie bedingungslos vertraut und der ihr Halt gibt – ihr Vater, der pensionierte Chief Inspector Richard Linville, der in Scalby in North Yorkshire lebt. Nachdem dieser brutal gefoltert und auf grausame Weise ermordet wird, gerät Kates Leben völlig aus den Fugen, zumal der Mord bislang nicht aufgeklärt werden konnte. Da die Polizei vor Ort noch immer im Dunkeln tappt, beschließt Kate, nach Scalby zu fahren und dort auf eigene Faust zu ermitteln. Als schon kurz nach ihrer Ankunft ein weiterer Mord geschieht und Kate herausfindet, dass zwischen dem Opfer und ihrem Vater eine Verbindung bestand, gerät ihre Welt vollkommen ins Wanken, denn je mehr sie über die Vergangenheit erfährt, desto deutlicher reift in ihr die Erkenntnis, dass ihr Vater offenbar ein Doppelleben führte und ihre einzige Vertrauensperson nicht der Mensch war, der er zu sein schien.
Zur gleichen Zeit beschließt Jonas Crane, sich in den Hochmooren von Yorkshire eine Auszeit zu gönnen. Der Drehbuchautor steht kurz vor einem Burnout und möchte gemeinsam mit seiner Frau und seinem fünfjährigen Adoptivsohn Sammy ein paar Wochen auf einer einsamen Farm verbringen, denn dort, so hofft er, kann er fernab der Zivilisation und ohne Internet und Handyempfang endlich ein wenig Abstand vom Alltagsstress bekommen. Als eines Tages Sammys leibliche Mutter Terry vor der Tür steht, entpuppt sich diese idyllische Abgeschiedenheit jedoch schnell als Fluch.

Meine persönliche Meinung:

Seit mich vor etwas mehr als zehn Jahren Charlotte Links Die Täuschung vollkommen begeistert hat, habe ich alle Kriminalromane der Autorin gelesen und wurde bislang nie enttäuscht. Ihre historischen Romane konnten mich zwar nicht überzeugen, aber all ihre Spannungsromane habe ich mit großem Vergnügen regelrecht verschlungen. Ganz besonders gefallen mir ihre Bücher, die in England spielen und habe mich deshalb gefreut, dass auch der Schauplatz ihres neusten Romans Die Betrogene dort angesiedelt ist.
Wie bereits in ihren anderen Kriminalromanen, führt die Autorin auch in Die Betrogene zwei Handlungsstränge, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, sehr gekonnt zusammen. Im Verlauf der Erzählung, in der man abwechselnd die polizeilichen Ermittlungen vor Ort, Kate Linvilles eigene Recherchen, aber auch die Ereignisse, die sich in dem abgelegenen Feriendomizil der Familie Cane zutragen, begleitet, wird der Leser immer wieder raffiniert in die Irre geführt und auf die falsche Fährte gelockt. Gespannt rätselt man mit, überlegt wer der Täter sein könnte, versucht Verbindungen herzustellen, folgt unterschiedlichen Spuren, muss den ein oder anderen Verdacht aber immer wieder verwerfen, weil sich stets neue Wendungen ergeben. Wie und ob der Mord an Richard Linville mit dem Schicksal der Familie Crane in Verbindung steht, wird erst am Ende des Romans entschlüsselt. Bis dahin gelingt es Charlotte Link, den Spannungsbogen stets aufrechtzuerhalten und sich nie in ausschweifende Beschreibungen zu verlieren, sodass das Buch, trotz seiner 640 Seiten, keine unnötigen Längen enthält.
Zugegebenermaßen ist der Schreibstil der Autorin nichts Besonderes, sprachlich und stilistisch ist dieser Roman freilich kein literarisches Meisterwerk, will es vermutlich auch gar nicht sein, aber gerade die recht einfach gehaltene, schnörkellose und leicht verständliche Sprache sorgt für einen schnellen Lesefluss und durchgehende Spannung. Das Buch ist auch keineswegs lediglich triviale Unterhaltung, wie es der Autorin häufig vorgeworfen wird, denn womit mich Charlotte Link auch in diesem Roman wieder vollkommen überzeugen konnte, ist ihr erzählerisches Talent sowie ihre Fähigkeit, einen logischen, komplexen und spannenden Plot aufzubauen und die verschiedenen Handlungsfäden am Ende zu einem stimmigen Ganzen zu verknüpfen.
Doch selbst eine noch so gut durchdachte und schlüssige Erzählung vermag mich nicht zu fesseln, wenn die Charaktere blass und flach sind, denn der eigentliche Kern einer Geschichte sind meiner Meinung nach die Protagonisten. Charlotte Link gelingt es, sehr facettenreiche, glaubwürdige und interessante Charaktere zu entwerfen und das Verhalten jedes Akteurs vor dem Hintergrund seiner Geschichte nachvollziehbar herauszuarbeiten. Nicht nur die Hauptprotagonisten, sondern auch die Nebenfiguren sind sehr fein gezeichnet, wie zum Beispiel ein Iraker, der schwer traumatisiert ist und noch immer unter den Folgen der psychischen und physischen Gewalt leidet, die er während des Terror-Regimes Saddam Husseins erfahren musste. Allerdings waren es vor allem die Frauenfiguren, die mich sehr beeindruckten. Auch wenn Kate Linville mit ihren ständigen Selbstzweifeln mitunter etwas anstrengend war, konnte ich mich in diese Protagonistin am besten einfühlen und mit ihr mitleiden. Am Ende des Romans wurde mir jedoch klar, dass der Buchtitel Die Betrogene sich keineswegs nur auf Kate bezieht, die nach dem Mord an ihrem Vater erfährt, dass er mitnichten der vorbildliche Polizist und treusorgende Ehemann war, für den sie ihn stets hielt, sondern auch andere weibliche Protagonistinnen um ihr Leben, ihr Glück und ihr Vertrauen betrogen wurden.
Die Betrogene ist ein wirklich fesselnder, hervorragend erzählter und gut komponierter Spannungsroman um Rache, Schuld und Vergeltung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Charlotte Link: Die Betrogene
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 02. September 2015
640 Seiten
ISBN 978-3-7341-0085-7

Cover: Blanvalet Verlag

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Buchrezension: Bram Dehouck – Der Psychopath

Bram Dehouk - Der PsychopathInhalt:

Der elfjährige Sam ist kein fröhliches, liebenswürdiges Kind, das ausgelassen mit Freunden spielt und sich einfach nur hin und wieder lustige Streiche ausdenkt. Er ist verschlossen, unnahbar, aufbrausend, voller Wut und Zorn und nicht in der Lage Empathie zu empfinden. Es bereitet ihm offenbar großes Vergnügen, andere zu quälen, zu beleidigen und zu verletzen, Tiere zu töten und zu misshandeln und Dinge zu zerstören. Sams Aggressionen richten sich auf alles und jeden in seiner Umgebung, und so ist es nicht verwunderlich, dass er Schwierigkeiten hat, Kontakte zu knüpfen und Anschluss zu finden. Seine Eltern merken schon seit langem, dass Sam anders ist als andere Kinder, doch während seine Mutter sicher ist, dass ihr Sohn nur ungerecht behandelt wird und sich lediglich gegen Mobbingattacken zur Wehr setzt, ist sein Vater Chris davon überzeugt, dass in seinem Kind ein Ungeheuer steckt. Chris ist Arzt, kennt sich aus mit verhaltensauffälligen Kindern, besucht Fortbildungen, sammelt Fachartikel über Psychopathie bei Kindern und gelangt dabei immer mehr zu der Gewissheit, dass sein Sohn ein gefährlicher Psychopath ist, dem keine Therapie und kein Medikament der Welt helfen und niemand Einhalt gebieten kann. Nach einem schrecklichen Ereignis auf Sams Geburtstagsfeier ist für Chris endgültig klar, dass die Streiche seines Sohnes inzwischen jegliche kindliche Unschuld verloren haben und sieht nur noch eine Möglichkeit, Sam aufzuhalten und die Gesellschaft vor ihm zu beschützen – er muss sein eigenes Kind töten.

Meine persönliche Meinung:

Als ich den Klappentext von Bram Dehoucks Der Psychopath gelesen hatte, war mein Interesse an diesem Buch sofort geweckt, denn was, so fragt man sich, kann einen Vater nur dazu veranlassen, sein eigenes Kind töten zu wollen? Schon nach wenigen Seiten war ich von diesem Buch so gefesselt, dass ich es nicht mehr weglegen konnte und dann in einem Rutsch innerhalb weniger Stunden durchgelesen habe. Dies ist bei gerade mal 224 Seiten zwar keine große Kunst, kommt bei mir jedoch trotzdem recht selten vor und zeugt von der ungeheuren Sogwirkung des Buches. Der flüssige Schreibstil und die kurzen Kapitel, sorgen für ein rasantes Tempo und lassen den Lesefluss nicht abreißen.
In diesem Thriller werden mehrere Handlungsstränge miteinander verknüpft, die zu einem überraschenden und vollkommen verstörenden Ende zusammenlaufen. Zum einen begleitet der Leser Chris, dem es gelingt, seinen Sohn zu einem gemeinsamen Ausflug in den Wald zu überreden, wo er sich bereits einen geeigneten Ort ausgesucht hat, an dem er Sam töten und seine Leiche ablegen will. In einem weiteren Handlungsstrang wendet sich Sams Mutter Charlotte nach dem Verschwinden ihres Sohnes verzweifelt an die Polizei, weil sie ahnt, was ihr Ehemann vorhat. Besonders spannend ist hierbei natürlich vor allem die Frage, ob die Polizei Sam und seinen Vater rechtzeitig findet, bevor dieser sein Vorhaben in die Tat umsetzen kann. Parallel zu den polizeilichen Ermittlungen und der Suche nach Sam und Chris, erfährt man in zahlreichen Rückblenden, was sich in der jüngsten Vergangenheit in der Familie zugetragen hat, wie sich dieser familiäre Konflikt immer mehr zuspitzte und wie Chris letztendlich zu der Überzeugung kam, sein Sohn sei ein gefährlicher Psychopath, den er unschädlich machen müsse. Außerdem blickt man zurück in Chris‘ eigene Kindheit, die von einem schrecklichen Ereignis überschattet wurde.
Besonders tiefe Einblicke erhält man dabei in die Gedanken und Gefühle von Chris. Sein Charakter wird äußerst detailliert und fein gezeichnet; man lernt ihn als einen sensiblen, nachdenklichen, aber auch zutiefst resignierten Mann kennen, der seinen Sohn durchaus liebt und sich nach einem harmonischen Familienleben sehnt. Er macht sich die Entscheidung nicht leicht, gerät immer wieder ins Wanken, sucht verzweifelt nach Alternativen, beschäftigt sich akribisch mit Psychopathie bei Kindern, ist aber irgendwann sicher, dass es für Sam weder wirksame Heilmittel noch Therapien gibt und sieht deshalb keine andere Möglichkeit, als sein eigenes Kind zu töten. Was ich dabei besonders schockierend fand und mich auch jetzt noch erschreckt, ist die Tatsache, dass ich Chris im Lauf der Geschichte immer besser verstehen konnte. Sieht man seine Entscheidung vor dem Hintergrund seiner eigenen Kindheitserlebnisse, kann man auch durchaus nachempfinden, warum er glaubt, nicht anders handeln zu können. Während Chris sehr präzise porträtiert wird, bleiben Sam und seine Mutter Charlotte leider ziemlich blass und konturlos, da man zwar miterlebt, wie sie handeln und agieren, aber nicht erfährt, was sie denken und fühlen und es mir deshalb sehr schwerfiel mich in diese beiden Protagonisten einzufühlen. Man lernt Sam als ein Kind kennen, das über keinerlei liebenswürdige Verhaltensweisen verfügt, was es recht schwierig macht, Mitleid oder Verständnis für ihn zu entwickeln. Dieses Kind ist nicht einfach nur unsympathisch oder frech, es ist durchtrieben, grausam, brutal und vollkommen empathie- und skrupellos. Seine Mutter Charlotte ging mir furchtbar auf die Nerven. Mit fürsorglicher und bedingungsloser Mutterliebe hat ihr Verhalten recht wenig gemein, denn diese Frau ist einfach nur naiv und einfältig. Statt sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, dass mit ihrem Kind etwas ganz und gar nicht stimmt, der Realität ins Auge zu blicken und nach Möglichkeiten zu suchen, das Problem anzugehen, sucht sie die Schuld stets bei anderen, nimmt ihren Sohn immer wieder in Schutz und neigt dazu, sich alles schönzureden. Sie überschüttet ihren Sohn mit Liebe, will nicht wahrhaben, dass er nicht wie andere Kinder ist, sucht ständig nach Erklärungen, die sein Verhalten entschuldigen, und so eskaliert dieser familiäre Konflikt nicht zuletzt aufgrund ihrer Unfähigkeit die Problematik zu erkennen und auch an der Kommunikationslosigkeit zwischen dem Elternpaar. Vielleicht wäre Charlottes Handeln etwas besser nachvollziehbar gewesen, wenn man auch etwas tiefere Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt bekommen hätte.
Trotz dieses Mankos gelang es Bram Dehouck, einen atmosphärisch dichten und durchgehend fesselnden Thriller zu schreiben, der sehr schockierend ist und mit einem überraschenden Ende aufwarten kann. Dabei verzichtet der Autor nahezu vollkommen auf blutige Details, sondern setzt stattdessen auf eine psychologisch ausgefeilte Handlung.
Dieser Thriller ließ mich äußerst verstört zurück, denn ich habe mich dabei erwischt, tatsächlich Verständnis und Mitleid für einen Vater zu empfinden, der sein Kind töten will, um die Gesellschaft vor ihm zu schützen.
Somit war Der Psychopath für mich nicht nur ein rasanter und beklemmender Thriller, sondern ein Buch, das mich sehr nachdenklich stimmte und mir sicher noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Bram Dehouck: Der Psychopath
Verlag: btb
Ersterscheinungsdatum: 08. März 2016
224 Seiten
ISBN 978-3-442-71330-1

Cover: btb Verlag

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Buchrezension: Kate Morton – Das Seehaus

Kate Morton - Das SeehausInhalt:

Als die sechzehnjährige Alice Edevane im Juni 1933 aufgeregt dem alljährlichen Mittsommerfest auf Loeanneth, dem idyllisch gelegenen Landsitz ihrer Familie in Cornwall entgegenfiebert, ahnt sie noch nicht, dass sich ihr Leben und das ihrer Familie schon am nächsten Tag für immer verändern wird. Voller Vorfreude beobachtet das neugierige und aufgeweckte junge Mädchen, wie die letzten Vorbereitungen für das prunkvolle Fest getroffen werden und wirft dabei ihrer heimlichen Liebe Ben, der als Gärtner auf dem Anwesen ihrer Eltern arbeitet, immer wieder sehnsuchtsvolle Blicke zu. Doch am Morgen nach dem Mittsommerfest ist nichts mehr so wie es war, denn Alices kleiner, erst elf Monate alter Bruder Theo ist plötzlich spurlos verschwunden. Es gibt keine Lösegeldforderungen und die intensive Suche nach dem Kind bleibt erfolglos. Lebt Theo noch? Wurde er entführt und fiel einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer? Die Familie zerbricht fast an diesem schweren Verlust, ihren Schuldgefühlen und der zermürbenden Ungewissheit, nicht zu wissen, was dem Kind zugestoßen ist. Das einstige Paradies, das Loeanneth stets war, wurde zerstört; es scheint, als sei es mit dem kleinen Theo verschwunden. Und so beschließen die Edevanes, das Haus in Cornwall für immer zu verlassen, nach London zu ziehen und nie wieder zurückzukehren.
Siebzig Jahre später entdeckt Sadie Sparrow bei einem Spaziergang mit ihren Hunden zufällig ein von dichtem Dornengestrüpp umgebenes, verfallenes altes Herrenhaus im Wald. Sadie ist Polizeibeamtin in London, hat sich aber kürzlich eines Fehlverhaltens schuldig gemacht und wird von ihrem Vorgesetzten gebeten, sich eine Auszeit zu nehmen. Bis ein wenig Gras über diese Sache gewachsen ist und um ein wenig Abstand zu gewinnen, fährt Sadie für ein paar Wochen nach Cornwall zu ihrem Großvater Bertie. Als sie dort nun ganz in der Nähe auf das alte, verlassene und verwahrloste Landhaus an einem kleinen See stößt, das von einem Rankengeflecht überwuchert ist und den Anschein erweckt, als sei es überstürzt verlassen worden, ist ihre Neugierde sofort geweckt. Schon während sie durch die Fenster ins Innere des Hauses blickt, ahnt sie, dass hier etwas Furchtbares passiert sein muss. Wären die Einrichtungsgegenstände nicht von einer dicken Staubschicht bedeckt, könnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Bewohner nur kurz verreist und würden jeden Moment in ihr Haus zurückkehren. Sadie will unbedingt wissen, wem dieses Haus gehört und warum es offenbar bereits seit vielen Jahren unbewohnt ist. Im Dorf erfährt sie, dass es sich bei dem Haus um den Familiensitz der Edevanes handelt, einer sehr wohlhabenden Familie, die in den Dreißigerjahren weggezogen ist, nachdem ihr jüngstes Kind auf rätselhafte Weise verschwand. Das Anwesen gehört nun der inzwischen 86-jährigen Alice, der Tochter der Edevanes, die als erfolgreiche Kriminalschriftstellerin in London lebt. Sadie versucht, mit Alice in Kontakt zu treten, doch ihre Briefe bleiben zunächst unbeantwortet, denn Alice, so scheint es, will nicht an die Vergangenheit erinnert werden. Doch Sadie fühlt sich magisch angezogen von dem verfallenen Haus am See, will das Rätsel um das verschwundene Kind lösen und stößt dabei auf ein schreckliches Familiengeheimnis, das sich seit vielen Jahrzehnten hinter den dicken Mauern von Loeanneth verbirgt.

Meine persönliche Meinung:

Ich bin schon sehr lange neugierig auf die Bücher von Kate Morton, habe aber bisher noch keinen Roman von ihr gelesen, weil die Cover recht kitschig anmuten und die Klappentexte mich bisher nicht wirklich angesprochen haben. Nachdem ich in der letzten Zeit jedoch fast nur recht blutige und brutale Thriller gelesen habe, war mir nun nach etwas leiseren Tönen, weniger Blut und Action, aber dafür nach etwas mehr Drama und Tiefgang. Außerdem standen auf dem Klappentext von Das Seehaus zwei kleine Zauberwörtchen, mit denen man mich immer ködern kann, nämlich „verfallenes Haus“. Klingt albern – ist aber so. Ich liebe solche Häuser, sogenannte „Lost Places“, also Gebäude, die vor langer Zeit verlassen und dann vergessen wurden, in denen lange niemand mehr war, an denen weder Plünderer, Touristen noch Archäologen oder der Denkmalschutz ihr Unwesen trieben, die in einer Art Dornröschenschlaf dahindämmern und dem Verfall preisgegeben sind. Diese Orte faszinieren mich auf eine ganz besondere Weise, weil sie gespenstisch, geheimnisvoll, morbide und wunderschön zugleich sind.
Kate Morton gelingt es ganz wunderbar, die Atmosphäre, die von dem seit langem unbewohnten und inzwischen verfallenen Herrenhaus, das die Polizistin Sadie bei ihrem Spaziergang entdeckt, ausgeht, sehr anschaulich zu beschreiben. Der Leser entdeckt an Sadies Seite das verlassene Anwesen, durchschreitet mit ihr den verwilderten Garten und die Räume, in denen, von einer dicken Staubschicht bedeckt, noch das Geschirr auf dem Tisch steht, ein aufgeschlagenes Buch neben einem Tintenfässchen liegt und verblichene Bilder an der Wand hängen. Die präzise Beschreibung der Landschaft Cornwalls, dieses geheimnisvollen Gebäudes sowie die Faszination, die es auf Sadie ausübt, sodass sie sich von dem Haus und der Geschichte seiner ehemaligen Bewohner unwiderstehlich angezogen fühlt, zeugt von einem wirklich ausgezeichneten Talent der Autorin, mit Worten Stimmungen zu erzeugen und eindrucksvolle Bilder zu zeichnen.
Es ist nicht leicht, diesen Roman einem bestimmten Genre zuzuordnen, denn er ist Familienroman, historischer Roman und Kriminalroman zugleich. Sehr geschickt werden in Das Seehaus Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben. Bei dem ständigen Wechsel zwischen den verschiedenen Zeitebenen taucht der Leser nicht nur tief in die Vergangenheit der Familie Edevane ein, sondern begleitet die Polizistin Sadie auch bei ihren Ermittlungen in der Gegenwart und erfährt, an welchem Fall sie zuletzt gearbeitet und welches Vergehens sie sich dabei schuldig gemacht hat. Nach und nach werden immer mehr Details offenbart, die über das rätselhafte Verschwinden des kleinen Theo vor siebzig Jahren Auskunft geben. Doch je tiefer man in die Geschichte der Familie Edevane eindringt, umso verwirrter ist man, denn immer, wenn man glaubt, genau zu wissen, wer für das Schicksal des Kindes verantwortlich ist und was aus Theo geworden ist, tauchen weitere Verdächtige und Tatmotive auf, sodass man immer wieder auf falsche Fährten gelockt wird.
Besonders beeindruckend war hierbei, wie ausführlich, präzise und vielschichtig die Charaktere ausgearbeitet wurden. Die beiden Hauptprotagonistinnen Alice und Sadie sind jede auf ihre Weise sehr interessante und starke Frauenfiguren. Vor allem Alice, die sich von einem aufgeweckten und fröhlichen jungen Mädchen zu einer sehr eigensinnigen, verbitterten, ruppigen und unnahbaren, aber gleichzeitig auch starken und unabhängigen Frau entwickelt hat, Zeit ihres Lebens nie mit den Erlebnissen in der Vergangenheit abschließen konnte und mit schweren Schuldgefühlen kämpft, wird äußerst eindrücklich dargestellt. Aber auch die längst verstorbenen Mitglieder der Familie Edevane, deren Schicksal von zwei Weltkriegen geprägt wurde und von denen jedes seine eigenen Geheimnisse mit sich trägt, werden durch die detaillierten Charakterisierungen sehr lebendig. Dabei war Eleonore Edevane, die Mutter von Alice und dem kleinen Theo, für mich die Protagonistin, die mich am meisten beeindrucken konnte.
Auch wenn der Schreibstil der Autorin sich sehr flüssig lesen lässt, ist er teilweise so blumig und schwülstig, dass der Roman oft in Kitsch abzurutschen drohte. Die Detailverliebtheit, mit der Kate Morton Landschaften, Stimmungen und Personen beschreibt, ist an manchen Textstellen doch äußerst ausufernd, was den Lesefluss hin und wieder hemmte, da der Spannungsbogen durch allzu ausschweifende Beschreibungen oft nicht gehalten werden konnte. So war ich versucht, ganze Seiten einfach quer zu lesen, weil seitenlang recht wenig passiert, schon gar nichts, was die Handlung irgendwie vorantreiben würde. Das fand ich ein wenig schade, denn die Autorin hat zweifellos erzählerisches Talent, die Geschichte war auch sehr spannend und gut durchdacht, aber der Roman hatte leider häufig so viele Längen, dass man sich durch manche Passagen regelrecht quälen musste. Dies ließ das Lesen bedauerlicherweise mitunter zu einer recht zähen Angelegenheit werden.
Der Plot ist äußerst stimmig, am Schluss fügt sich alles zu einem runden Ganzen zusammen, aber das Ende des Romans war leider so konstruiert und so verkrampft auf ein Happyend hin angelegt, dass ich es nicht mehr berührend, sondern einfach nur noch kitschig fand. Generell habe ich ja nichts gegen versöhnliche Enden und ein bisschen heile Welt, aber das war mir dann doch ein wenig zu viel des Guten.
Dennoch hat mich der Roman sehr gut unterhalten und teilweise auch tief berührt. Ich fühlte mich sehr authentisch in die Vergangenheit und in dieses geheimnisvolle Herrenhaus nach Cornwall versetzt, da Kate Morton wirklich ganz wunderbar und bildhaft Stimmungen einfangen und beschreiben kann. Ich hätte mir lediglich ein bisschen mehr Spannung und etwas weniger Kitsch gewünscht.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an das Bloggerportal und den Diana Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Kate Morton: Das Seehaus
Verlag: Diana
Ersterscheinungsdatum: 29. Februar 2016
608 Seiten
ISBN 978-3-453-29137-9

Cover: Diana Verlag

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Buchrezension: Andreas Winkelmann – Killgame

Andreas Winkelmann - KillgameInhalt:

Seit Tagen wird das Mädchen in einem dunklen Verschlag unter der Erde gefangen gehalten. Wann immer die Klappe geöffnet wird und sie ihr hölzernes Verlies verlassen darf, fallen die gierigen, stummen Männer über sie her, vergewaltigen und quälen sie. Doch diesmal ist es anders, denn als die Falltür geöffnet wird und das Sonnenlicht, das sie tagelang nicht gesehen hatte, sie blendet und einhüllt, findet sie an der Leiter, die ihr den Weg in die Freiheit weist, Kleidung und Sportschuhe. Noch während sie skeptisch darüber nachdenkt, ob die Männer sie tatsächlich gehen lassen oder ihr lediglich eine Falle stellen wollen und sich schnell in den dichten, dunklen Wald flüchtet, zischt der erste Pfeil an ihrem Gesicht vorbei und verfehlt sie nur um Haaresbreite. Die Jagd ist eröffnet…
Zur gleichen Zeit versucht die 18-jährige Nia, endlich der Enge und Trostlosigkeit ihres Lebens zu entkommen. Seit ihre Mutter verstorben ist, ertränkt ihr Vater seine Trauer im Alkohol, versinkt in Selbstmitleid, kümmert sich kaum um seine Tochter, sondern streitet sich nur noch mit ihr. Doch nun ist Nia volljährig und kann endlich tun und lassen, was sie will. Getrieben von der Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer, reißt sie von Zuhause aus und begegnet zufällig Walter Busch, einem freundlichen älteren Herrn mit einem gutmütigen Gesicht, der eine Hütte in Kanada besitzt, aber zu krank und gebrechlich ist, um alleine dorthin zu reisen. Für Nia bietet sich die einmalige Chance, ihr Fernweh endlich zu stillen und so beschließt sie, Walter nach Kanada zu begleiten, ihn dort zu unterstützen, während er im Gegenzug für ihre Reisekosten aufkommt.
Auch der ehemalige Polizist Dries Torwellen hat sich in den letzten Jahren kaum um seine Nichte Nia gekümmert. Stattdessen ist er nach dem Tod seiner Zwillingsschwester, der einen tiefen Riss in seinem Leben hinterlassen hat, einfach abgehauen und reist seitdem als Privatermittler durch die Welt, um Menschen zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Aber nun beschleicht ihn die furchtbare Ahnung, dass sich Nia in großer Gefahr befindet. Er setzt alles daran, sie zu finden, denn das ist er seiner verstorbenen Schwester schuldig, so glaubt er. Dries folgt der Spur seiner Nichte, die ihn in die Wildnis Kanadas zu einer Lodge führt, in der Menschen, die auf der Suche nach dem ultimativen Kick sind, inmitten ausgedehnter Wälder einen Urlaub der besonderen Art verbringen – hier können sie ungestört auf die Jagd gehen, auf die Jagd nach Menschen…

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Andreas Winkelmanns neusten Thriller Killgame, denn ich habe schon mehrere Bücher von ihm gelesen, war bislang immer sehr angetan von seinen recht bizarren Ideen und dem rasanten Schreibstil, mit dem es dem Autor gelingt, schon auf den ersten Seiten, eine solche Spannung aufzubauen, dass man sofort gefesselt ist und das Buch kaum noch aus der Hand legen kann. Wenn man die Bücher Winkelmanns kennt, weiß man, dass sie nichts für schwache Nerven sind und es mitunter recht brutal und blutig zur Sache geht, was ich durchaus aushalten kann, wenn die Geschichte trotzdem etwas Tiefgang hat und mit einer schaurigen, beklemmenden Stimmung, unerwarteten Wendungen sowie interessanten und tiefgründigen Charakteren aufwarten kann. Dies alles habe ich bei Killgame jedoch teilweise ein wenig vermisst.
Die Idee, sadistische Psychopathen in der Abgeschiedenheit dunkler Wälder Jagd auf Menschen machen zu lassen, ist wenig innovativ und originell, hätte aber – zumindest wenn sie gut umgesetzt wird – absolut immer noch das Potential für einen nervenzerreißenden und spannenden Thriller. Schwierig ist es natürlich, einem so ausgelutschten Thema noch die nötige Würze und Einzigartigkeit zu verleihen. Dass dies aber durchaus gelingen kann, hat Zoran Drvenkar mit Still jüngst äußerst beeindruckend bewiesen. Unwillkürlich denke ich bei Menschenjagden aber stets an David Osborns Jagdzeit aus dem Jahr 1974, was zugegebenermaßen nicht ganz fair ist, denn einem Vergleich mit diesem brillanten Klassiker der Thrillerliteratur standzuhalten, ist nahezu unmöglich. Wie Andreas Winkelmann diese Thematik nun in Killgame umsetzt hat, war für mich leider ein bisschen enttäuschend, was vor allem an den überwiegend flachen und klischeehaften Protagonisten und an der Tatsache lag, dass einfach wenig Überraschendes passiert und ziemlich vorhersehbar ist, wie alles enden wird.
Dennoch ist das Buch zweifellos äußerst spannend. Man ist von Anfang an sehr gefesselt von der Geschichte, denn schonungslos und ohne Vorgeplänkel befindet man sich schon auf der ersten Seite inmitten der Wildnis Kanadas und wird sehr eindrücklich mit den klaustrophobischen Ängsten konfrontiert, die ein Mädchen in einem dunklen Verschlag unter der Erde durchleiden muss. Die einzelnen Passagen, die jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, sind recht kurz, was ich als sehr angenehm empfinde, weil damit die Spannung kontinuierlich gehalten wird, da man natürlich immer wissen will, wie es mit dem jeweiligen Protagonisten weitergeht. Hinzu kommt, dass Winkelmanns Schreibstil gewohnt einfach und schnörkellos ist, sodass sich das Buch sehr zügig und flüssig lesen lässt.
Die Beschreibung des Schauplatzes ist sehr anschaulich und gelungen, denn die beklemmende und gefahrvolle Atmosphäre in den Wäldern Kanadas, in denen man sich in vollkommener Abgeschiedenheit von der zivilisierten Welt nicht nur vor schießwütigen Menschenjägern, sondern auch vor Schwarzbären fürchten muss, ist förmlich spürbar.
Was für mich jedoch einen wirklich gelungenen Thriller ausmacht, sind authentische Charaktere, in die ich mich einfühlen und mit denen ich mitfiebern kann. Leider konnten mich die meisten Charaktere nicht überzeugen, da sie zu klischeeüberladen sind, um noch glaubwürdig zu sein. Nia ist zwar noch sehr jung, aber von so einer grenzenlosen Naivität, dass man von Anfang an weiß, dass dieses naive Dummchen das Unglück anziehen wird, wie ein Magnet. Bis auf einen einzig lichten Moment, in dem sie kurzfristig ihr logisches Denken bemüht und sich ihres Verstandes bedient, nur um kurz darauf wieder in die nächste Falle zu tappen, fragte ich mich durchgängig, auf welchem Planeten dieses Mädchen bislang gelebt haben muss, um wirklich überhaupt keine Ahnung von den Gefahren in der Welt zu haben. Diese Arglosigkeit kann man sich wirklich nur erlauben, wenn man einen Onkel wie Dries Torwellen hat, denn dieser Kerl ist der Superheld schlechthin – furchtlos und mutig trotzt er allen Gefahren, verfügt über einen unglaublich schnellen Verstand, eine scharfe Beobachtungsgabe, räumt all seine Gegner gnadenlos aus dem Weg und ist natürlich geradezu unverwundbar. Unterstützt wird er bei der Suche nach seiner Nichte – man höre und staune – von seiner verstorbenen Zwillingsschwester, denn deren Seele ruht bzw. wütet in einer kleinen Holzfigur, die er stets bei sich trägt. Vermutlich bin ich einfach zu rational und nüchtern, um solch übersinnlichen Dingen, wie dem Zwillingskult der Yoruba, dem Dries anhängt, etwas abgewinnen zu können. Wenn ich es auch durchaus nachvollziehen kann, dass man sich mit einem verstorbenen Menschen, dem man sehr nahestand, auch nach dem Tod eng verbunden fühlt und dessen Anwesenheit in manchen Momenten förmlich zu spüren glaubt, ging mir diese heftig vibrierende Zwillingsfigur, die den Hauptprotagonisten vor Gefahren warnt und ihm nahezu hellseherische Fähigkeiten verleiht, dann doch ein wenig zu weit. Wenn solche mystischen Elemente derartig überstrapaziert werden, trägt das leider nicht unbedingt zur Glaubwürdigkeit einer Geschichte bei. Äußerst interessant hingegen fand ich die kleine Reisegruppe, die für eine horrende Summe, einen Urlaub der etwas anderen Art bucht, um in den Wäldern Kanadas Jagd auf Menschen zu machen. Auch wenn hier wieder nahezu kein Klischee ausgelassen wurde, um in die Abgründe menschlicher Perversionen zu blicken, waren die Spannungen innerhalb dieser Gruppe und die zwischenmenschlichen Beziehungen dieser vier Personen untereinander überaus gelungen angelegt, hätten jedoch noch ein wenig tiefgründiger ausgearbeitet werden können.
Zweifellos ist Killgame trotz aller Schwächen ein durchgehend spannender und vor allem actiongeladener Thriller, aber ich hätte mir ein paar Leichen weniger, ein paar überraschende Wendungen mehr und ein bisschen mehr Tiefgang und Glaubwürdigkeit gewünscht.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Mein herzlichster Dank geht an den Wunderlich Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Andreas Winkelmann: Killgame
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungsdatum: 11. März 2016
432 Seiten
ISBN  978-3-8052-5080-1

Cover: Wunderlich Verlag

Mein Monatsrückblick März 2016

Gelesen:

Leider habe ich im März nur 5 Bücher gelesen. Mein Umzug bzw. die Auflösung meines Zweitwohnsitzes am Bodensee hat doch etwas mehr Zeit, Nerven und leider auch Tränen gekostet, als ich zunächst dachte, sodass ich mehr als eine Woche fast überhaupt nicht zum Lesen kam. Aber immerhin sind im vergangenen Monat dann doch exakt 2000 gelesene Seiten zusammengekommen, also durchschnittlich 64,5 Seiten pro Tag.

Das erste Buch, das ich im März gelesen habe, Widerrechtliche Inbesitznahme von Lena Andersson, war dann auch gleich mein Highlight des Monats – ein wunderbarer, kluger und philosophischer Roman über das Unglück der Liebe. Ansonsten war mir jedoch wieder eher nach Mord, Totschlag und menschlichen Abgründen, also nach Thrillern und Krimis. Mit einem Klick auf die Buchtitel gelangt Ihr übrigens zu meinen Rezensionen.

  1. Lena Andersson – Widerrechtliche Inbesitznahme (224 Seiten) ⭐
  2. Tammy Cohen – Während du stirbst (416 Seiten)
  3. T. R. Richmond – Wer war Alice (448 Seiten)
  4. Karin Slaughter – Dreh dich nicht um (480 Seiten)
  5. Andreas Winkelmann – Killgame (432 Seiten)

Gehört:

Wenn ich mich erstmal auf ein Lied eingeschossen habe, dann höre ich das oft wochenlang nahezu als Endlosschleife. Im vergangenen Monat war das Take me to church von Hozier, das mir schon lange sehr gut gefällt, aber in den letzten Wochen ganz wunderbar zu meiner Stimmung gepasst hat.


Gesehen:

  • Nichts Nennenswertes, weil ich zur Zeit keine Lust auf Fernsehen, Serien oder Filme habe. Bis auf die Nachrichten vor dem Abendessen blieb die Flimmerkiste meistens aus.

Gemacht:

  • umgezogen, also aus meinen zwei Wohnsitzen wieder einen gemacht und meine Zelte in Konstanz mit einem lachenden, aber auch vielen weinenden Augen abgebrochen.
  • mich exmatrikuliert und gefühlte tausend bürokratische und nervtötende Dinge erledigt, die man so erledigen muss, wenn man einen Wohnsitz abmeldet und seinen sozialen Status ändert
  • eine Bewerbung als freiberufliche Korrektorin geschrieben (also Daumen drücken, meine Lieben!)

Gefreut:

  • über ein ausgiebiges, siebenstündiges (!) Kaffeepläuschchen mit einer lieben Freundin  in der ersten Frühlingssonne des Jahres und mit einem herrlichen Blick über den Hegau bis zu den Alpen. (Ja, Frauen können in der Tat problemlos so lange quatschen)
  • über den ersten kleinen Sonnenbrand auf der Nase
  • über den wunderbar lichtdurchfluteten Arbeitsbereich und die neue gemütliche Leseecke, die ich mir nun in meiner Wohnung eingerichtet habe

Geärgert:

  • über die erschreckenden Wahlergebnisse der AfD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt
  • über Landwirtschaftsminister Schmidt, der das millionenfache qualvolle Schreddern von männlichen Küken nach wie vor rechtfertigt
  • wie schon so lange und oft über die Empathielosigkeit, Gleichgültigkeit und Intoleranz in der Welt
  • über den geschmacklosen Tweet von Niels Ruf

Gelacht:

  • zu wenig

Geweint:

  • zu viel und lange über geplatzte Träume, gescheiterte Neuanfänge, falsche Freunde, verletztes Vertrauen und endgültige Abschiede
  • über den frühen Tod von Guido Westerwelle, dem ich politisch alles andere als nahestand, dessen Humor, Intellekt und rhetorische Fähigkeiten ich aber stets bewunderte, der mir als Mensch zunehmend sympathischer wurde und über die bewegenden Zeilen, die er kurz vor seinem Tod gemeinsam mit seinem Mann verfasste – „[…] die Liebe bleibt„.

© Claudia Bett