Montagsfrage: Falls ihr Klassiker lest, habt ihr besondere Favoriten und wenn ja, warum?

MontagsfrageDiese Woche hat Buchfresserchen auf ihrem Blog eine sehr interessante Frage gestellt, die ich mit Freude beantworte.

Ich habe schon immer sehr gerne Klassiker gelesen und gehörte wohl zu den wenigen Schülern, für die klassische Schullektüre keine lästige Qual, sondern meistens ein reines Vergnügen war. Bereits als Schülerin habe ich nicht nur das gelesen, was ich für die Schule lesen musste, sondern auch freiwillig immer wieder zu Klassikern gegriffen. Meine Liebe zu den Werken von Johann Wolfgang von Goethe und E. T. A. Hoffmann, aber auch zu modernen Klassikern, allen voran Max Frisch, Franz Kafka und Hermann Hesse, begleitet mich seit meiner Schulzeit. Als ich im zarten Alter von 37 Jahren beschloss, Literaturwissenschaft zu studieren, tat ich dies nicht zuletzt, weil ich mich endlich ganz intensiv mit klassischer Literatur beschäftigen wollte und habe während meines Studiums natürlich unzählige Klassiker gelesen.

Wenn man mich aber nach meinem absoluten Lieblingsklassiker fragt, muss ich nicht eine Sekunde nachdenken, denn das ist zweifellos Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers. Ich glaube, ich war etwa zwanzig, als ich dieses Buch zum ersten Mal las und ich weiß nicht, wie oft ich es seitdem erneut gelesen habe. Vermutlich denkt Ihr jetzt, ich habe eine Vollmeise, weil ja der Text fast immer derselbe ist, aber ich besitze dieses Buch in fünf verschiedenen Ausgaben. Manche Passagen kann ich inzwischen auswendig, denn sie sind so wunderschön, dass ich sie mir nicht nur angestrichen und aufgeschrieben, sondern sie so häufig nachgelesen habe, dass sie sich mir tief ins Gedächtnis eingegraben haben.

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Titelblatt der Erstausgabe von 1774 (Wikipedia: Foto H.-P. Haack)

Goethes Werther ist der Schlüsselroman des Sturm und Drang, sozusagen das Kultbuch des 18. Jahrhunderts, das, indem es Ehebruch verteidigte und Selbstmord als Ausdruck von Freiheit verherrlichte und damit sowohl moralische und religiöse Wertvorstellungen als auch die Eintönigkeit und Beschränktheit des bürgerlichen Lebens anprangerte, den Nerv seiner Zeit traf. Als der Roman 1774 erschien, löste er eine Modewelle aus, denn viele begeisterte Leser wollten so sein wie Werther und sich auch so kleiden. Ähnlich dem Hype um literarische Figuren wie Harry Potter oder George R.R. Martins Epos Das Lied von Eis und Feuer, gab es damals auch eine ganze Palette von Fanartikeln, wie Hemden, Westen, Gürtelschnallen, Sammeltassen und Parfums. Viele Leser ahmten ihr literarisches Vorbild auch nach, indem sie ebenfalls Selbstmord begingen – ein Phänomen, das bis heute unter dem Begriff Werther-Effekt bekannt ist.

In wirklich großer Literatur geht es ja immer um Liebe und Tod, aber so eindringlich und empfindsam wie Goethe in seinem Werther Liebe und Tod zusammenführt, hat es vor und nach ihm kein Dichter oder Schriftsteller getan. Werther ist ein Außenseiter, ein Rebell und Freigeist, der gegen die Enge der bürgerlichen Gesellschaft aufbegehrt und die Grenzen seines Menschseins aufzubrechen versucht, indem er sich ganz der Liebe hingibt. In der Liebe, so glaubt Werther, liegt die Überwindung aller Grenzen und der Weg aus dem Kerker seiner Existenz. Die Tragik seines Schicksals liegt vor allem darin begründet, dass dieser Weg nicht frei ist, denn Lotte, die Frau, die er liebt, ist einem anderen versprochen. Doch seine Liebe zu ihr ist leidenschaftlich, besinnungslos und vor allem absolut. Der Konflikt zwischen individuellem Glücksanspruch und gesellschaftlich vorgegebenen Normen und Gesetzen kann aber nicht gelöst werden. Da diese Liebe, in der er die Befreiung von allen Einschränkungen sucht, also nicht sein darf, bleibt ihm als einziger Ausdruck von Freiheit und als letzter Weg aus seinem Kerker nur noch der Freitod. Das Beeindruckendste an Goethes Werther ist für mich die ungeheuer bildhafte Sprache. Mit welcher Empfindsamkeit und wie schwärmerisch, enthusiastisch, fast fieberhaft erregt Goethe über die Liebe und das Leiden an deren Unerfüllbarkeit schreibt, ist einfach unerreicht und rührt mich immer wieder zu Tränen.

© Claudia Bett

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Buchrezension: Karen Winter – Wenn du mich tötest

Karen Winter - Wenn du mich tötestInhalt:

Der deutsche Tourist Julian Tahn macht einen ziemlich verstörten Eindruck, als er vollkommen durchnässt und verdreckt das Hotel in Kinlochbervie betritt, sich nach einem Einzelzimmer erkundigt und nach der Telefonnummer der nächsten Polizeidienststelle verlangt. Er war mit seiner Frau Laura in der abgelegenen Sandwood Bay an der schottischen Atlantikküste ein paar Tage zum Zelten, bis Laura eines Morgens plötzlich spurlos verschwand. Sie wollte nur kurz Wasser holen, kehrte jedoch nicht mehr zurück. Nachdem Julian einen Tag erfolglos nach ihr gesucht hatte und eine weitere Nacht im Zelt auf ihre Rückkehr wartete, wendet er sich nun schließlich an die Polizei. Detektive Sergeant John Gills aus Iverness, der mit dem Vermisstenfall betraut wird, ist sofort ein wenig skeptisch, denn er fragt sich, warum der deutsche Tourist so viel Zeit verstreichen ließ, bis er endlich eine Vermisstenanzeige aufgab und hat auch den Eindruck, dass ihm Julian etwas verschweigt. Als im Zelt des Paares Blutspuren gefunden werden und ein Skipper, den Julian und Laura ein paar Tage zuvor für eine Bootsfahrt angeheuert hatten, von einem furchtbaren Streit berichtet, den das Ehepaar auf seinem Boot hatte, erhärtet sich Gills Verdacht, dass Julian hinter dem Verschwinden seiner Frau steckt und sie ermordet hat. Obwohl keine Leiche gefunden wird und Julian immer wieder bekräftigt, sicher zu sein, dass seine Frau noch am Leben ist, lässt Gills ihn verhaften. Das Reisetagebuch, das Laura auf einer Cloud gespeichert hatte, enthüllt, wie verzweifelt und unglücklich sie während der Schottlandreise war und wie schwer Julians Vergangenheit auf der Ehe lastete. Allerdings schweigt Julian beharrlich über seine dunkle Vergangenheit.
Doch dann wird kurz nach seiner Verhaftung unweit der Sandwood Bay eine Frauenleiche angespült – blond, nackt, bis zur Unkenntlichkeit entstellt und nur schwer zu identifizieren.

Meine persönliche Meinung:

Bei Karen Winter handelt es sich offenbar um das Pseudonym einer erfolgreichen Spannungsautorin, die bereits mehrere Thriller veröffentlicht hat. Schade nur, dass ich keine Ahnung habe, um welche Autorin es sich handeln könnte, denn da mir Wenn du mich tötest ausgesprochen gut gefallen hat, würde ich gerne mehr von dieser Autorin lesen.
Ich hatte bei vorablesen.de die Leseprobe gelesen und da diese sofort mein Interesse geweckt hat, habe ich mich für den Titel beworben und sehr gefreut, als der Verlag mir das Buch zusandte.
Vor allem faszinierte mich der Schauplatz, an dem die Handlung angesiedelt ist, denn die schottische Atlantikküste eignet sich hervorragend als Kulisse für einen düsteren und melancholischen Thriller. Karen Winter ist es gelungen, mich in diese magische Landschaft, um die sich zahlreiche Sagen und Legenden ranken, eintauchen zu lassen und die mystische Atmosphäre, die ihr innewohnt, spürbar zu machen. Man kann den salzigen Geruch des Meeres förmlich riechen und das Kreischen der Möwen sowie das Dröhnen der Brandung, die an die steilen Felsen schlägt, fast hören, während man dieses Buch liest, denn die Autorin kann mit ihrer Sprache wunderbare Bilder malen, ohne sich dabei in allzu ausufernden und langatmigen Landschaftsbeschreibungen zu verlieren. Auch die Mentalität, die den Bewohnern dieses entlegenen Landstrichs im Nordwesten Schottlands zu eigen ist, hat Karen Winter sehr liebevoll gezeichnet. Hierbei hat mich besonders Peter Dunne, der Skipper, den das deutsche Ehepaar kurz vor Julias Verschwinden für eine Bootsfahrt anheuerte und aus dessen Perspektive die Geschehnisse immer wieder berichtet werden, tief berührt.
Aber auch Detektive Sergeant John Gills, der mit dem Vermisstenfall betraut wird und den der Leser bei seinen Ermittlungen begleitet, ist sehr glaubwürdig gestaltet. Man ist ja fast schon dankbar, wenn man im Thrillergenre ausnahmsweise auf einen recht bodenständigen Ermittler trifft, der zwar durchaus seine Ecken, Kanten und Schwächen hat und mit dem ein oder anderen persönlichen Problemchen kämpft, aber dennoch nicht zu den klischeeüberladenen, manisch-depressiven Ermittlerfiguren gehört, die ansonsten die Krimilandschaft bevölkern und deren privater Leidensweg dann häufig im Zentrum der Handlung steht. Man erfährt zwar, dass Gills private Probleme hat, aber diese werden nur angerissen, machen ihn zu einem authentischen und sehr glaubwürdigen Charakter und werden nicht in den Mittelpunkt gerückt.
Der einzige Protagonist, der mir nicht so recht ans Herz wachsen wollte, war Julian Tahn, der von Gills verdächtigt wird, seine Frau ermordet zu haben. Karen Winter macht es dem Leser aber auch nicht besonders leicht, Julian zu mögen. Er verhält sich recht eigenartig, ist verstockt, meldet seine Frau zwar vermisst, trägt mit seinem Verhalten und seinem beharrlichen Schweigen aber nicht unbedingt dazu bei, die Ermittlungen voranzutreiben. Er neigt zu unkontrollierten Wutausbrüchen, die ihn alles andere als sympathisch machen, und in zahlreichen Rückblenden erfährt der Leser auch, dass Julian diese Wut schon sehr häufig zum Verhängnis geworden ist. Die Ambivalenz dieses Protagonisten trägt allerdings in besonderem Maße zur Spannung dieses Thrillers bei, denn als Leser tut man sich recht schwer, Julian richtig einzuschätzen und ist deshalb ständig hin- und hergerissen, ob er tatsächlich etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun und sie gar ermordet hat oder vielmehr ein tragischer Held und Opfer seiner unbezähmbaren Wut und seiner Vergangenheit ist. Seine Ehefrau Julia blieb mir hingegen weitgehend fremd, was vor allem daran liegt, dass aus ihrer Perspektive nicht berichtet wird und sie fast nur in Form ihres Reisetagebuchs in Erscheinung tritt. Die Idee, Julia in einem auf einer Cloud gespeicherten Tagebuch zu Wort kommen zu lassen, fand ich sehr gelungen und originell, aber leider sind es nur wenige und nur sehr kurze Sequenzen, sodass das Potential, das hinter der Idee solcher Passagen steckt, meiner Meinung nach nicht hinreichend ausgeschöpft wurde und Julia bis zum Schluss eine recht blasse Figur blieb. Es fiel mir sehr schwer, mich in Julia hineinzuversetzen, denn sie kennt die Vergangenheit ihres Mannes, lässt sie aber nicht ruhen, sondern bohrt und stochert unentwegt in seinen Wunden und provoziert damit letztendlich Situationen, die ihn in alte Verhaltensmuster zurückfallen lassen und schließlich dazu führen, dass die Ereignisse eskalieren.
In weiten Teilen würde ich das Buch nicht gerade als Thriller bezeichnen, denn es trägt häufig viel eher die Züge eines Melodrams. Es ist das Psychogramm einer fatalen und zerstörerischen Liebesbeziehung, die einerseits von bedingungsloser und leidenschaftlicher Liebe, andererseits aber auch von abgrundtiefem Hass, unbändiger Wut und Gewalt geprägt ist und von einer dunklen Vergangenheit überschattet wird.
Sieht man über ein paar kleine Durststrecken in der Mitte des Buches und einen etwas vorhersehbaren Plot hinweg, war Wenn du mich tötest ein durchweg spannender und vor allem sehr dramatischer Psychothriller. Der Schreibstil von Karen Winter ist leicht, flüssig, aber auch sehr eindringlich. Die angenehm kurzen Kapitel, die häufig mit einem Cliffhanger enden, sorgen dafür, dass der Spannungsbogen stets gehalten wird und sich das Buch sehr schnell lesen lässt. Wer temporeiche- und actiongeladene Thriller mag, wird jedoch ein wenig enttäuscht sein. Außerdem verzichtet die Autorin vollkommen auf blutige Details, sondern setzt stattdessen auf sehr leise Töne.
Mich konnte dieser Psychothriller aufgrund seiner atmosphärischen Dichte, seiner beklemmenden Dramaturgie und dem wunderbar düsteren und mystischen Schauplatz jedenfalls sehr überzeugen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Der Verlagsgruppe Droemer Knaur und vorablesen.de danke ich recht herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Buchdetails:

Karen Winter – Wenn du mich tötest
Verlag: Droemer
Ersterscheinungsdatum: 01. April 2016
320 Seiten
ISBN 978-3-426-30512-6

Cover: Droemer

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Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im Juni 2016

Ich fürchte fast, der Juni artet wieder etwas aus, denn ich habe so viele tolle Neuerscheinungen entdeckt, dass ich nicht weiß, welches Buch ich nun zuerst lesen soll. Da Bücher aber nicht schlecht werden und kein Verfallsdatum haben, muss man sie ja nicht zwingend in dem Monat lesen, in dem sie erscheinen 😉

Noch bin ich ein wenig skeptisch, weil die Cover von Guillaume Mussos Bücher mich bislang immer ein wenig abgeschreckt haben und die Klappentexte wenig verheißungsvoll tönten. Irgendwie sehen all seine Bücher nach seichten Frauenromanen mit Liebesgesülze aus, aber dieser Eindruck soll angeblich täuschen, denn es soll sich vielmehr um Thriller handeln. Das macht mich natürlich nun doch neugierig auf diesen Autor, denn ich habe schon von so vielen Seiten enthusiastische Lobeshymnen auf Mussos Bücher und seine brillantes Erzähltalent vernommen, dass ich dem Autor nun eine Chance geben möchte und mich freue, dass mir der Verlag sein neuestes Buch, das am 1. Juni erscheinen wird, bereits als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Guillaume Musso - Vierundzwanzig StundenLisa träumt von einer Karriere als Schauspielerin. Um sich ihr Studium zu finanzieren, arbeitet sie in einer Bar in Manhattan. Dort macht sie eines Abends die Bekanntschaft eines faszinierenden, aber rätselhaften Mannes: Arthur Costello. Der junge Arzt hat eine ungewöhnliche Bitte: Lisa soll ihm dabei helfen, als Krankenschwester verkleidet seinen Großvater aus der Psychiatrie zu befreien. Sie lässt sich auf das Abenteuer ein. Zwar gelingt die nächtliche Aktion, doch verliert sie Arthur dabei aus den Augen. Erst ein Jahr später soll sie ihm wieder begegnen, aber diesmal ist sie es, die seine Hilfe braucht. Aus den beiden wird ein Liebespaar. Bald stellt sich heraus, dass Arthur kein Mann ist wie jeder andere. Er offenbart ihr sein schreckliches Geheimnis, und von nun an kämpfen beide gemeinsam gegen einen unerbittlichen Feind – die Zeit … (Klappentext Pendo Verlag)

Guillaume Musso – Vierundzwanzig Stunden
Verlag: Pendo
Ersterscheinungstermin: 01. Juni 2016
Klappenbroschur – 384 Seiten – 16,99 €
ISBN 978-3-86612-401-1


Und da meine Lust auf spannende und verstörende Thriller nach wie vor anhält, freue ich mich auch auf:

Chevy Stevens - Those Girls. Was dich nicht tötetSchau durch die Augen dieser drei Schwestern, die in die Fänge von Psychopathen geraten, und du lernst, was Angst ist. Der neue Thriller der kanadischen Bestseller-Autorin Chevy Stevens: eine Story von Überleben und Rache – hart, eindringlich, unglaublich fesselnd.
Die Schwestern Jess, Courtney und Dani sind 14, 16 und 17 und leben auf einer rauen Farm in Kanada. Als ein Streit mit ihrem gewalttätigen Vater aus dem Ruder läuft, müssen sie fliehen. Doch ihr Pick-up bleibt in einem abgelegenen Dorf liegen, und bald finden sie sich in einem noch furchtbareren Albtraum wieder – wird er jemals enden?
Ein Thriller, der unter die Haut geht – Chevy Stevens schreibt intensiv und mitreißend über Verzweiflung und Loyalität, über das Grauen und seine Opfer, über das Böse und die Stärke von Frauen. (Klappentext Fischer)

Chevy Stevens – Those Girls – Was dich nicht tötet
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungstermin: 23. Juni 2016
Taschenbuch – 464 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-596-03470-3


Wendy Walker - Nichts ist je vergessenEine Klasse für sich: Wendy Walkers »Dark Memories – Nichts ist je vergessen« ist hoch manipulative Psycho-Spannung auf internationalem Bestseller-Niveau.

Du musst dich erinnern, Jenny. Du musst dich erinnern, was in jener Nacht im Wald geschehen ist.
Fairview, eine beschauliche Kleinstadt in Connecticut. Die 16jährige Jenny Kramer wird Opfer einer brutalen Attacke und kommt schwer traumatisiert ins Krankenhaus. Dort wird ihr auf Wunsch ihrer Eltern ein Medikament verabreicht, das ihr helfen soll. Ein Medikament, das jegliche Erinnerung an den schrecklichen Vorfall auslöscht.
Danach hat Jenny keine Bilder mehr für das, was passiert ist. Da ist nur noch Schwärze. Sie bemüht sich weiterzuleben wie zuvor, beinahe so, als ob nichts geschehen wäre, während ihre Mutter Charlotte krampfhaft versucht, so etwas wie Normalität wiederherzustellen, und ihr Vater Tom wie besessen ist von dem Gedanken, den Täter, der seiner Tochter das angetan hat, zu überführen.
Doch das Nicht-Erinnern-Können wird für Jenny mehr und mehr zu einem Albtraum. Denn ihr Körper weiß noch immer, was ihm angetan wurde. Gemeinsam mit dem Psychiater Alan Forrester, der auf Fälle wie Jenny spezialisiert ist, versucht sie, Stück für Stück Licht in das Dunkel jener Nacht zu bringen, die Chronologie der Ereignisse wiederherzustellen. Aber kann sie denen, die sie dabei unterstützen wollen, vertrauen? Wie manipulierbar ist Erinnerung? Und helfen die Erinnerungen, die langsam zu ihr zurückkommen, wirklich, den Schuldigen zu finden? (Klappentext FISCHER Scherz)

Wendy Walker – Dark Memories – Nichts ist je vergessen
Verlag: FISCHER Scherz
Ersterscheinungtermin: 23. Juni 2016
Klappenbroschur – 384 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-651-02542-4


Dein letzter Tag von A J RichDu denkst, du kennst deine Liebsten. Aber erst der Tod deckt alle Geheimnisse auf …

Als Morgan ihre Wohnung betritt, merkt sie sofort, dass etwas nicht stimmt: Die Tür ist unverschlossen, der Fußboden mit roten Spuren bedeckt. Im Schlafzimmer liegt – grausam zugerichtet – die Leiche ihres Verlobten, daneben sitzen ihre Hunde, sie sind mit Blut verschmiert. Verzweifelt versucht Morgan, Bennetts Eltern ausfindig zu machen. Doch nichts, was Bennett ihr je über seine Familie, seine Arbeit, sein Leben erzählt hat, scheint zu stimmen. Stattdessen findet sie heraus, dass er zahlreiche »Verlobte« hatte, die plötzlich eine nach der anderen auf unnatürliche Weise ums Leben kommen … Ist bald auch Morgan an der Reihe? (Klappentext Blanvalet)

A. J. Rich – Dein letzter Tag
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungstermin: 20. Juni 2016
Taschenbuch – 352 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-7341-0267-7


Painkiller von N J FountainSeit einem tragischen Unfall vor fünf Jahren vergeht kein Tag in Monicas Leben ohne Schmerz. Jeden Morgen erwacht sie in ihrer ganz eigenen Hölle. Dennoch hat sie niemals an Selbstmord gedacht. Doch dann findet sie eines Tages einen Abschiedsbrief, den sie geschrieben haben soll. Seitdem sie starke Schmerzmittel nimmt, erinnert sie sich an vieles nicht mehr – aber auch daran nicht, dass sie sich umbringen wollte? Ihr Mann reagiert beschwichtigend, ihre Freundin lenkt ab, aber Monica beruhigt das nicht. Sie beginnt nachzuforschen: War, was vor fünf Jahren geschah, wirklich ein Unfall? Hat sie nicht eine Hand auf ihrem Rücken gespürt, bevor sie die Treppen hinunterstürzte? Ist sie vielleicht immer noch in Gefahr? Sollte sie den Menschen, die ihr am nächsten stehen, tatsächlich vertrauen? (Klappentext Goldmann)

N. J. Fountain – Painkiller. Nur der Tod kennt die Wahrheit
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 20. Juni 2016
Taschenbuch – 448 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-442-48444-7


 Die Schwere des Blutes von Laura McHughJedes Geheimnis hat seinen Preis

Das kleine Städtchen Henbane liegt tief in den Bergen Missouris verborgen. Noch immer tuscheln die Bewohner hinter vorgehaltener Hand über Lucys schöne Mutter Lila, die vor sechzehn Jahren spurlos und unter ungeklärten Umständen verschwand. Auch Lucys Schulfreundin Cheri wird seit einem Jahr vermisst, und ihr Verschwinden scheint auf mysteriöse Weise mit Lilas Schicksal verknüpft zu sein. Als Cheris Leiche – übersät mit Tattoos und Brandmalen – gefunden wird, ist Lucy fest entschlossen herauszufinden, was ihr zugestoßen ist. Doch schon bald erkennt sie, dass in einem abgeschiedenen Ort wie Henbane zahlreiche Geheimnisse verborgen liegen – Geheimnisse, die zu beschützen die Bewohner über Leichen gehen würden (Klappentext Limes)

Laura McHugh – Die Schwere des Blutes
Verlag: Limes
Ersterscheinungstermin: 27. Juni 2016
Klappenbroschur – 400 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-8090-2643-3


Lisa Scottoline - Niemand sieht mich kommen„Ich bin ein Soziopath. Ich halte dich zum Narren. Ich halte jeden zum Narren.“

Doktor Eric Parrish, der Chef einer psychiatrischen Klinik, hat schon bessere Tage gesehen. Seine Frau will sich von ihm trennen und droht, ihm seine siebenjährige Tochter Hannah wegzunehmen. Eine krebskranke Patientin legt ihm ihren Enkel Max ans Herz, der dringend Hilfe braucht, weil er als Stalker unterwegs ist, und die Medizinstudentin Kristine macht ihm Avancen – und klagt ihn der sexuellen Belästigung an, nachdem er sie abgewiesen hat. Als man ihn auch noch eines Mordes verdächtigt, begreift Eric, dass ihn jemand vernichten will. (Klappentext Rütten & Loening)

 

Lisa Scottoline – Niemand sieht mich kommen
Verlag: Rütten & Loening
Ersterscheinungstermin: 17. Juni 2016
Klappenbroschur – 416 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-352-00884-9

Buchrezension: Paula Daly – Herzgift

Paula Daly - HerzgiftInhalt:

Natty und Sean Wainwright sind bereits seit frühster Jugend ein Paar. Inzwischen sind sie seit sechzehn Jahren verheiratet, haben zwei Töchter und betreiben ein gut gehendes Hotel in Bowness-on-Windermere, im idyllischen Lake District. Ihre Ehe verläuft harmonisch, leidet allerdings ein wenig unter dem Alltagsstress, der kaum Zeit für die schönen Dinge des Lebens lässt. Die Arbeit wächst Natty zunehmend über den Kopf, zumal sie in allem perfekt sein will – als Mutter, Hausfrau und auch als Hotelinhaberin.
Eines Tages erhält sie von der Lehrerin ihrer Tochter Felicity einen beunruhigenden Anruf, denn Felicity, die gerade auf Klassenfahrt in Frankreich ist, musste ins Krankenhaus eingeliefert und schnell operiert werden. Natty packt sofort das Nötigste zusammen und reist nach Frankreich zu ihrem kranken Kind. Es erweist sich als glücklicher Zufall, dass ihre beste Freundin Eve gerade zu Besuch ist, denn die erklärt sich bereit, ein paar Tage länger in Bowness zu bleiben, sich während Nattys Abwesenheit um ihre älteste Tochter Alice zu kümmern und auch Sean ein wenig unter die Arme zu greifen.
Doch als Felicity wieder aus der Klinik entlassen wird und Natty mit ihrer Tochter nach Hause zurückkehrt, ist dort nichts mehr so wie vor ihrer Abreise. Sie findet sich in einem Alptraum wieder, denn Sean verkündet ihr, dass er sich von ihr trennen will, weil er sich in Eve verliebt hat. Auch ihre Töchter lassen sich von der neuen Frau an der Seite ihres Vaters immer mehr einwickeln. Natty steht vor den Scherben ihres Lebens, hat alles, was ihr je etwas bedeutete, an die Frau verloren, der sie stets bedingungslos vertraute. Die jahrelange Freundschaft ist in blanken Hass umgeschlagen und Natty ist nicht bereit, das Feld kampflos zu räumen. Zwischen den ehemals besten Freundinnen entspinnt sich ein erbitterter Kampf, bei dem Natty nicht nur erfahren muss, dass sie Eve im Grunde nie gekannt hat, sondern sich auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe noch nie ein Buch von Paula Daly gelesen, aber der Klappentext von ihrem neusten Psychothriller Herzgift weckte mein Interesse und klang sehr vielversprechend. Die Story ist eigentlich nicht besonders neu oder originell, denn dass es Frauen gibt, die sich den Mann ihrer besten Freundin krallen, passiert nicht allzu selten. Von seinem Lebensgefährten wegen einer anderen Frau verlassen zu werden, ist schmerzhaft, wenn man aber gegen die vormals beste Freundin ausgetauscht, also gleich in mehrfacher Hinsicht betrogen wird und zwei Menschen verliert, denen man vertraute, sitzt der Schmerz noch tiefer. Der Hass, der in einer solchen Lebenssituation zutage tritt, der Wunsch nach Rache und Vergeltung und die menschlichen Abgründe, die sich in solchen Momenten auftun können, bieten jedenfalls ausreichend Stoff für einen guten Psychothriller. Ich war gespannt, wie Paula Daly diese Thematik umsetzt und leider ziemlich enttäuscht. Es fällt mir schwer, das Buch zu rezensieren, ohne zu spoilern, aber ich hoffe, es gelingt mir dennoch.
Was mich an diesem Thriller am meisten enttäuscht, teilweise auch erheitert, aber meistens nur geärgert hat, waren die Protagonisten. Sie waren allesamt so flach und blass, dass es mir nicht möglich war, zu einem von ihnen Zugang zu finden oder die Motivation ihres Handelns zu erfassen und nachzuvollziehen.
Vor allem die Hauptprotagonistin Natty war mir von der ersten Seite an so unsympathisch, dass es mir nahezu egal war, welches Schicksal diese Frau nun ereilen wird. Obwohl sie aus der Ich-Perspektive schildert, was sie erlebt, erhält man keine tieferen Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt, sodass mir diese Figur bis zum Ende völlig fremd blieb. Ich habe versucht, mich in diese Frau einzufühlen, aber es wollte mir einfach nicht gelingen, denn ihr Handeln war teilweise vollkommen absurd und unlogisch. Ihre Motivation, warum sie so handelt, wurde nicht im Ansatz erläutert und war für mich deshalb auch nicht nachvollziehbar. Natty wird als eine Frau beschrieben, die nahezu krankhaft perfektionistisch ist. Sie hat offensichtlich einen übertriebenen Putzfimmel, wischt und wienert akribisch jede Fuge in ihrem Haushalt und auch in ihrem Hotel, da sie dem Hotelpersonal diesbezüglich nur wenig Sorgfalt zutraut und deshalb möglichst alles selbst erledigen will. Auch als Mutter möchte sie natürlich perfekt sein. Sie achtet sorgsam auf die ausgewogene Ernährung ihrer Kinder, hält sich strikt an eine Kartoffeln-nur-einmal-pro-Woche-Regel und erstellt einen wöchentlichen Ernährungsplan mit dem richtigen Pensum an Vitaminen, Kohlenhydraten und Eiweißen, den sie peinlich genau einhält. Solche Menschen sind mir immer ein wenig suspekt, zumal man weiß, dass Kinder, die ausschließlich nach diesen Prämissen ernährt werden, jeden unbemerkten Augenblick dazu nutzen, die nächste Burger-Bude zu stürmen oder sich heimlich mit Chips und Schokolade vollzustopfen. Nichts gegen eine gesundheitsbewusste Ernährung und gewissenhafte Mütter, die um das Wohl ihrer Kinder bemüht sind, aber solche Übermütter gehen mir ziemlich auf die Nerven. Seltsamerweise schenkt aber ausgerechnet diese Frau den wochenlangen Klagen ihrer Tochter über starke Bauchschmerzen überhaupt keine Beachtung, zieht einen Arztbesuch nicht einmal in Erwägung, sondern lässt das Kind auf Klassenfahrt gen Frankreich ziehen, wo dem Mädchen dann schon kurz nach der Ankunft – Überraschung – der Blinddarm platzt. Natty reist also nach Frankreich zu ihrem kranken Kind und als sie zwei Wochen später nach Hause zurückkehrt, hat ihre ehemals beste Freundin Eve in jeglicher Hinsicht ihren Platz eingenommen und sich ihren Mann gekrallt. Man ist geneigt, sich nicht zu wundern, dass der sich anderweitig orientiert hat, denn Natty ist so spannend, liebevoll und erotisch wie ein Teller Linsensuppe und hat mit ihrem Hang zum Perfektionismus offenbar wirklich ein Händchen dafür, in ihrem Umfeld jegliches Aufkommen von Lebensfreude im Keim zu ersticken.
Doch kommen wir zu ihrer Freundin Eve, die als vollkommen skrupellose, extrem attraktive und durchtriebene Frau beschrieben wird und ihren Lebensunterhalt damit bestreitet, Ehen zu zerstören und die Männer dann so lange auszunehmen, bis sie sich deren letzten Cent unter den Nagel gerissen hat, um dann sogleich zum nächsten weiterzuziehen. Vermutlich war es nicht die Absicht der Autorin, aber manche Textstellen, an denen sie beschreibt, wie Eve vorgeht, um sich den Mann ihrer besten Freundin zu angeln, waren so unfreiwillig komisch, dass ich über ihre Vorgehensweise nicht erschüttert war, sondern einfach nur herzlich lachen musste. Ihre Motivation ist vollkommen klar – sie will die Männer finanziell ausnehmen – aber ihre Strategie ist so einfallslos und banal, dass man sich nur wundern kann, dass sie damit tatsächlich schon erfolgreich war. Teilweise macht ihr Verhalten auch absolut keinen Sinn. So war es mir zum Beispiel ein vollkommenes Rätsel, warum sie versucht, die beiden Töchter ihres Auserwählten auf ihre Seite zu ziehen, denn sie kann diese Kinder nicht ausstehen. Sie will weder eine dauerhafte Beziehung noch eine Familie, sondern hat lediglich finanzielle Interessen, also macht es eigentlich wenig Sinn, Sympathien für diese Kinder zu heucheln. Der Ehemann ihrer ehemals besten Freundin ist ihr ohnehin hoffnungslos verfallen, ob sie nun seine Kinder mag oder nicht, denn dieser Mann überlässt das Denken eigentlich ausschließlich seinen Genitalien.
Als er seiner Frau verkündet, sich in Eve verliebt zu haben, ist Natty natürlich am Boden zerstört, lässt sich zu einer recht infantilen, aber immerhin noch nachvollziehbaren Racheaktion hinreißen, die ihre Lage jedoch nicht einfacher, sondern noch viel verheerender macht. Damit ruft sie sogar noch die Polizei auf den Plan, was ihre Situation nicht unbedingt entscheidend verbessert. Stattdessen fördert sie damit nur Details über ihre eigene, nicht besonders ruhmreiche Vergangenheit zu Tage und läuft Gefahr, ihre Kinder vollends zu verlieren. Rachegedanken, Wut, Trauer und Verzweiflung wären für mich durchaus nachvollziehbar, aber ihr Handeln ist einfach nur dumm und macht in ihrer Situation auch überhaupt keinen Sinn, weil sie damit eigentlich nur sich selbst schadet. Aber es wird noch abstruser, denn plötzlich beginnt sie, in Eves Vergangenheit zu schnüffeln und bringt dabei allerlei Erstaunliches in Erfahrung. Ich habe mich allerdings gefragt, warum sie das tut? Auch wenn das, was sie herausfindet, wirklich erschütternd ist und zeigt, dass ihre Freundin sie jahrelang belogen hat und nicht die war, die sie vorgab zu sein, war mir nicht ganz klar, aus welcher Motivation heraus, sich Natty überhaupt für die Vergangenheit ihrer ehemals besten Freundin interessiert und wie sie die gewonnenen Erkenntnisse jemals zu ihrem Vorteil nutzen will. Will sie damit ihrem Mann die Augen öffnen, damit der reumütig zu ihr zurückkehrt? Will man einen Mann, der von solch niederen Instinkten geleitet wird, überhaupt zurück? An keiner Textstelle wird deutlich, was sie sich von diesen Informationen verspricht, was sie ihr nützen könnten und warum sie den letzten Rest ihrer spärlichen Energie darauf verwendet, die anrüchige Vergangenheit ihrer Rivalin aufzurollen, denn sie macht damit nicht Eve, sondern nur sich selbst das Leben schwer. Außerdem ist es auch nicht besonders schlau, denn Eve kennt ein kleines schmutziges Geheimnis aus Nattys Vergangenheit, das sie sich im Gegensatz zu Natty auch zunutze machen kann. Die beiden Damen fahren im Grunde dieselben Geschütze auf, aber dennoch ist Natty eindeutig die Unterlegene. Hätte die Autorin am Ende nicht einen an den Haaren herbeigezogenen Zufall konstruiert, würde dieser Zweikampf für Natty auch ziemlich katastrophal enden. Wie er genau endet, erfährt der Leser allerdings nie, denn die Fragen, auf die man gerne eine Antwort hätte, werden nicht beantwortet – das Ende ist im Grunde offen. Ich kann mit offenen Enden eigentlich ganz gut leben, aber wenn das Handeln der Protagonisten während des Verlaufs der Handlung keinen Sinn ergibt, hofft man als Leser eben, dass sich dieser Sinn wenigstens am Ende des Buches erschließt – mir hat er sich leider nicht erschlossen.
Man kann dem Buch jedoch nicht absprechen, dass es stellenweise doch recht spannend ist und sich flüssig lesen lässt. Ein sprachliches Feuerwerk ist es freilich nicht, aber dafür ist die Sprache so einfach und schlicht, dass man recht schnell durch die Seiten fliegt.
Was bleibt ist eine recht seichte Thriller-Unterhaltung, ohne Tiefgang und nur leidlich spannend. Schade, dass die Autorin das Potential, das die Geschichte durchaus gehabt hätte, nicht genutzt hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Manhattan Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Paula Daly: Herzgift
Verlag: Manhattan
Ersterscheinungsdatum: 11. April 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-442-54736-4

Cover: Manhattan

Buchrezension: Lena Avanzini – Nie wieder sollst du lügen

Lena Avanzini - Nie wieder sollst du lügenInhalt:

Als Gruppeninspektorin Carla Bukowski an der Unfallstelle eintrifft und die verkohlte Kinderleiche sieht, gerät sie vollkommen außer Kontrolle. Seit ihr kleiner Sohn Simon vor sieben Jahren bei einem Wohnungsbrand ums Leben kam, leidet sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, wird noch immer von schrecklichen Alpträumen heimgesucht und kann die Bilder von damals nicht vergessen. Diese Bilder drängen jedoch unwillkürlich an die Oberfläche, als sie nun die verkohlte Leiche des kleinen Jonas Hirmer im Kindersitz des ausgebrannten Golfs seiner Eltern sieht. Der Wagen ist offenbar ungebremst in eine Baumgruppe gekracht und in Flammen aufgegangen. Für die Polizei ist schnell klar, dass es sich bei diesem tragischen Unfall nur um den erweiterten Suizid des Fritz Hirmer handeln kann. Der Familienvater war hoch verschuldet, hatte Eheprobleme und sah offensichtlich keinen anderen Ausweg, als seinem Leben ein Ende zu setzen und seine ganze Familie mit in den Tod zu reißen.
Beim Anblick des toten Kindes verliert Carla die Fassung, nimmt die Außenwelt kaum noch wahr, steigt wie in Trance in ihren Dienstwagen und startet eine halsbrecherische Amokfahrt durch Wien. Wie durch ein Wunder wurde dabei niemand verletzt, aber ihr Vorgesetzter fordert sie auf, sich ein paar Wochen Auszeit zu nehmen und den Dienst erst wieder anzutreten, wenn sie etwas zur Ruhe gekommen ist. Obwohl sie sich lieber in die Arbeit stürzen würde, fügt sich Carla zähneknirschend dieser Forderung und beschließt, den ihr auferlegten Zwangsurlaub bei ihrer Freundin Kim im Burgenland zu verbringen.
Kim gibt sich alle Mühe, Carla abzulenken, will ihr helfen, ihre Sorgen ein wenig zu vergessen und überredet sie zu einem gemeinsamen Ausflug nach Rust, der Stadt der Störche. Auf der Fahrt dorthin passieren sie zufällig eine Unfallstelle, die Carla sofort an den Unfall der Familie Hirmer erinnert. Ihr fällt auf, dass auch hier keine Bremsspuren zu sehen sind und der Fahrer offenbar ebenfalls ungebremst auf eine Mauer geprallt und dann verstorben ist. Die Parallelen zwischen den beiden tödlichen Autounfällen, lassen in ihr den Verdacht aufkeimen, dass es sich in beiden Fällen weder um Selbstmord noch um einen tragischen Unfall, sondern nur um Mord handeln kann. Da ihr niemand Glauben schenken will, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln. Allerdings wird sie dabei auch immer wieder von Zweifeln geplagt, ob es tatsächlich etwas zu ermitteln gibt oder ob sie sich nicht vielmehr in eine Idee verrannt hat, um ihre eigenen Probleme zu verdrängen. Als sie jedoch herausfindet, dass zwischen den Unfallopfern eine Verbindung bestand, ist sie sicher, dass offensichtlich jemand Vergeltung für ein vergangenes Unrecht fordert und dessen mörderischer Rachefeldzug noch lange nicht beendet ist.
Zur gleichen Zeit erhält Jana Pechtold, eine junge alleinerziehende Mutter von Zwillingen, einen anonymen Brief mit einer Todesanzeige. Obwohl sie die Verstorbene kannte, schenkt sie der rätselhaften Nachricht zunächst nur wenig Beachtung. Als sie jedoch die beiden geliebten Häschen ihrer kleinen Tochter tot im Stall findet und wieder eine anonyme Nachricht bekommt, spürt sie, dass sie und ihre Kinder in großer Gefahr sind.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe mich sehr gefreut und auch ein wenig geehrt gefühlt, als die Autorin Lena Avanzini mit mir Kontakt aufnahm und mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, ihren jüngst erschienenen Kriminalroman Nie wieder sollst du lügen, der den Auftakt zu einer neuen Krimireihe um die Ermittlerin Carla Bukowski bildet, zu lesen und zu rezensieren. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich die Autorin bislang nicht kannte, obwohl sie für ihr Romandebüt Tod in Innsbruck 2012 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Debüt ausgezeichnet wurde, im Krimigenre also durchaus keine Unbekannte ist. Ihre freundliche Anfrage machte mich jedenfalls neugierig, zumal ihre Zeilen vielversprechend klangen und Nie wieder sollst du lügen ein Krimi nach meinem Geschmack zu sein schien – spannend, düster und mit Thrillerelementen. Als der Postbote mir das Buch brachte, konnte ich es kaum abwarten, endlich mit dem Lesen anfangen zu können.
Schon nach wenigen Seiten habe ich gemerkt, dass es sich hierbei um einen Kriminalroman handelt, der sich deutlich vom 08/15-Krimi-Einheitsbrei abhebt. Der flüssige Schreibstil sowie das sprachlich hohe Niveau sind mir sofort positiv aufgefallen, denn Letzteres findet man es in diesem Genre leider nur sehr selten.
Besonders beeindruckt war ich aber auch von den gut ausgearbeiteten Figuren, denn jeder gute Kriminalroman steht und fällt letztendlich mit seinen Charakteren. Der Autorin ist es gelungen, nicht nur die Hauptprotagonisten, sondern auch alle Nebencharaktere sehr glaubwürdig, authentisch und facettenreich zu gestalten und psychologisch differenziert zu zeichnen. Sowohl die Ermittlerin Carla Bukowski als auch die potentiellen Mordopfer und die zahlreichen Verdächtigen, die im Verlauf der Handlung in Erscheinung treten, sind sehr präzise ausgearbeitet. Indem immer wieder neue Verdächtige auftauchen, die ein nachvollziehbares Motiv hätten, sich zu rächen, wird der Leser häufig auf die falsche Fährte gelockt und tappt ebenso im Dunkeln wie Carla Bukowski. Mit dieser Protagonistin hat Lena Avanzini eine neue und sehr außergewöhnliche Ermittlerfigur geschaffen, die mich schon auf den ersten Seiten sehr beeindruckt hat und sehr vielschichtig angelegt ist. Seit dem Verlust ihres Kindes ist sie schwer traumatisiert, wird jede Nacht von schrecklichen Alpträumen heimgesucht, versucht, sich in ihre Arbeit zu flüchten und versteckt ihren Schmerz hinter einer Mauer aus vermeintlicher Härte und beißendem Zynismus. Es ist sicherlich nicht ganz einfach mit dieser Frau auszukommen, denn sie macht es ihren Freunden und Kollegen nicht immer leicht, sie zu mögen, ist stur, eigensinnig und unnachgiebig, aber tief in ihrem Herzen ist sie sehr verletzlich, sensibel und häufig auch unsicher. Trotz ihrer Macken und ihres recht schwierigen Charakters mochte ich sie sofort, vielleicht auch, weil ich so einige Gemeinsamkeiten feststellen  konnte, denn auch ich neige zum Zynismus und funktioniere ohne Zigaretten und Kaffee auch nur leidlich.
Am sympathischsten war mir allerdings Carlas Freundin Kim. Auch wenn ihre esoterischen Weltanschauungen mir sicherlich auf die Nerven gehen würden und sie mitunter sehr anstrengend ist, habe ich Carla ein wenig um diese Freundin beneidet, denn Kim ist eine sehr warmherzige, temperamentvolle und liebenswürdige Frau, eine zuverlässige Freundin, der es auch gelingt, Carla immer wieder zu überraschen.
Lediglich Jana Pechtold, eines der potentiellen Opfer, die auf der Liste des Mörders stehen, wollte mir nicht so recht ans Herz wachsen, sodass es mir oft sehr schwer fiel, mit dieser Protagonistin mitzufiebern und mich in sie einzufühlen. Aus Liebe zu einem Mann hatte sie in jungen Jahren ein großes Unrecht begangen, für das sie nun offensichtlich büßen soll. Auch wenn sie damals zum Spielball ihrer großen Liebe geworden war, fehlt ihr meiner Meinung nach noch immer jegliches Unrechtsbewusstsein, denn sie hat all die Jahre nichts unternommen, um die perfiden Diffamierungen, derer sie sich in ihrer Jugend schuldig gemacht hatte, richtigzustellen. Ein junger Mensch ist vielleicht noch nicht in der Lage die schwerwiegenden Folgen seiner Worte und Taten richtig einzuschätzen, aber von einer erwachsenen Frau könnte man ein wenig Einsicht in ihre Schuld erwarten. Allerdings will sie sich nach wie vor nicht eingestehen, mit ihren Verleumdungen das Leben eines Menschen für immer zerstört zu haben, sondern wälzt die alleinige Schuld auf ihren damaligen Freund ab. Für eine Frau, die Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder haben muss, verhält sie sich außerdem häufig recht unvernünftig und geradezu nachlässig. Ihre kleine Tochter Sophie schien mir jedenfalls deutlich besonnener und vernünftiger zu sein als ihre Mutter und war manchmal fast ein wenig zu vernünftig für ein Kind. Erst auf den letzten Seiten konnte ich für Jana Pechtolt, die mir ansonsten seltsam fremd blieb, ein wenig Mitgefühl und Empathie entwickeln.

Dieser Kriminalroman, der meiner Meinung nach in weiten Teilen eher als Thriller bezeichnet werden kann, überzeugte mich aber nicht nur aufgrund der sehr interessant angelegten Charaktere, sondern vor allem durch einen sehr raffiniert komponierten, schlüssigen Plot und einen durchgehenden Spannungsbogen, der in einem fulminanten Showdown endet. Die Autorin verschont den Leser vollkommen mit blutigen Details und setzt stattdessen auf eine atmosphärisch und psychologisch dichte Erzählweise, die nicht weniger spannend, aber dafür umso tiefgründiger ist. Dieser Kriminalroman zeigt sehr eindrücklich, welch fatale Folgen eine unbedacht ausgesprochene Diffamierung haben kann und dass eine einzige Lüge nicht nur das Leben eines Menschen zerstören, sondern das Schicksal vieler Personen für immer verändern kann.
Nie wieder sollst du lügen hat mir sehr spannende Lesestunden bereitet und mich auch sehr nachdenklich gestimmt. Zweifellos ist es ein Krimi, der aufgrund seiner ergreifenden Thematik und einer sehr außergewöhnlichen Ermittlerin auch nach der Lektüre lange im Gedächtnis bleibt. Ich bin schon jetzt gespannt und freue mich auf einen neuen Fall für Carla Bukowski.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Ich danke Lena Avanzini herzlich für das Rezensionsexemplar sowie den freundlichen Email-Kontakt und freue mich, dass ich Nie wieder sollst du lügen lesen durfte!

Buchdetails:

Lena Avanzini: Nie wieder sollst du lügen
Verlag: Haymon Verlag
Ersterscheinungsdatum: 08. März 2016
344 Seiten
ISBN 978-3-7099-7848-1

Cover: Haymon Verlag

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Montagsfrage: Zu welchem Buch hast du deine erste Rezension verfasst?

Montagsfrage

Nachdem ich in den letzten Wochen die Montagsfrage von Buchfresserchen schmählich vernachlässigt habe, möchte ich mich heute der Frage widmen, die sich diese Woche Lisa von Prettytigers Bücherregal ausgedacht hat.

Martin Kintzinger - Wissen wird MachtMeine allererste Rezension habe ich während meines Studiums verfasst, und zwar zu Wissen wird Macht. Bildung im Mittelalter von Martin Kintzinger. Sie wurde natürlich nirgends veröffentlicht, sondern diente lediglich dazu, zu lernen, wie man sowas möglichst professionell macht. Ich habe sie auch nicht mehr, es sei denn, sie schlummert noch auf der Festplatte eines altersschwachen Notebooks, das ich zwischenzeitlich in den Ruhestand verabschiedet habe. Meine Erinnerungen an dieses Buch sind leider inzwischen nur noch verschwommen, aber ich weiß noch, dass ich es sehr positiv rezensiert habe. Es ging, wie der Titel schon sagt, um Bildung im Mittelalter, um die Wissensvermittlung an mittelalterlichen Kloster- und Domschulen, bis hin zur Gründung der ersten Universitäten. Oft sind wissenschaftliche Texte ja sehr sperrig, man hat den Eindruck, der Autor will gar nicht verstanden werden und jeder noch so simple Sachverhalt müsse nur möglichst kompliziert und verworren genug dargelegt werden, um als wissenschaftlich zu gelten. Kintzingers Monografie hingegen ließ sich sehr flüssig lesen, ist anekdotenreich und leicht verständlich; ich weiß jedenfalls noch, dass ich das so bemerkenswert fand, dass ich die gute Lesbarkeit dieses Buches bei meiner Rezension besonders hervorgehoben habe.

Marcelle Sauvageot, Fast ganz die DeineAn die erste Rezension auf meinem Blog kann ich mich allerdings besser erinnern, denn das ist erst fünf Monate her. Ich weiß auch noch, dass ich lange darüber nachgedacht habe, welchem Buch diese Ehre zuteilwerden soll und entschied mich für Fast ganz die Deine von Marcelle Sauvageot, denn ich hatte es kurz zuvor zum wiederholten Mal gelesen und es ist für mich ein ganz besonderes Buch, das mich schon seit einigen Jahren begleitet. Meine Rezension fiel trotzdem sehr kurz aus, was allerdings vor allem daran liegt, dass es ein sehr dünnes Büchlein ist und es sich dabei nicht um einen Roman, sondern eigentlich nur um einen Brief handelt – um den Abschiedsbrief der Autorin an den Mann, den sie liebte. Ich kann nicht mehr sagen, wie oft ich dieses Buch in den letzten zehn Jahren gelesen habe, im Grunde ist es mein ständiges Reread, weil es so unfassbar schön und so voller kluger, poetischer und berührender Sätze ist, dass ich es sehr häufig zur Hand nehme und manchmal einfach nur darin blättere. Hier gelangt Ihr übrigens zu meiner Rezension von damals.

© Claudia Bett

Buchrezension: Harlan Coben – Ich schweige für dich

Harlan Coben - Ich schweige für dichInhalt:

Adam Price ist erfolgreicher Anwalt, glücklich verheiratet mit Corinne, die er über alles liebt, und hat zwei wundervolle Kinder, die ihn mit Stolz erfüllen. Doch von einer Sekunde auf die andere bricht Adams vormals heile Welt vollkommen in sich zusammen.

 Sie hätten nicht mit ihr zusammenbleiben müssen!

Nur diese eine Satz aus dem Mund eines Fremden und nichts ist mehr so, wie es war, denn nun ist der Keim des Zweifels gesät. Hat Corinne, die Frau, mit der er seit Jahren verheiratet ist und der er stets bedingungslos vertraute, ihn tatsächlich belogen? Wer ist dieser Fremde, der unaufgefordert in sein Leben eindringt und die verborgensten Geheimnisse seiner Ehefrau zu kennen scheint? Offensichtlich hat er sogar Beweise für seine Behauptungen. Soll Adam Corinne mit diesen Vorwürfen konfrontieren oder lieber schweigen und versuchen, einfach zu vergessen, was der Fremde ihm offenbarte? Adam kann nicht schweigen, denn das Misstrauen nagt viel zu sehr an ihm. Solange er keine Gewissheit hat, wird diese Stimme des Zweifels in seinem Hinterkopf niemals verstummen. Als Adam seine Frau zur Rede stellt, weicht sie ihm jedoch aus, will ein klärendes Gespräch lieber verschieben und verschwindet am nächsten Morgen spurlos, ohne dass es zu einer Aussprache gekommen wäre. Verzweifelt und wütend zugleich begibt sich Adam auf die Suche nach Corinne.
Währenddessen sucht der rätselhafte Fremde auch noch andere Menschen auf und enthüllt ihnen die Geheimnisse ihrer Liebsten. Sie sollen erfahren, was die Person, der sie blind vertrauen, die sie lieben und zu kennen glauben, vor ihnen verbirgt, auch wenn ihr Leben danach nie wieder so sein wird, wie bisher. Doch dann gibt es einen ersten Toten, denn jemand ist bereit zu töten, um sein dunkelstes Geheimnis vor der Aufdeckung zu bewahren.

Meine persönliche Meinung:

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel bezeichnete Geheimnisse einst als „eine der größten geistigen Errungenschaften der Menschheit“. Jeder von uns hat sie – Heimlichkeiten und kleine Leichen im Keller, die wir vor anderen zu verbergen versuchen. Geheimnisse ermöglichen es uns, uns abzugrenzen, Distanz zu wahren und auch zu bestimmen, wer oder was wir für andere sein wollen. Sie machen uns auch interessanter, da jede Banalität an Bedeutung gewinnt, sobald man sie mit einer Aura des Geheimnisvollen und Mysteriösen versieht. Außerdem haben wir ein Recht auf Geheimnisse, denn die Verfassung garantiert uns ein Brief-, Post-, Bank- und Arztgeheimnis. Geheimnisse sind ein Teil unserer Privatsphäre und markieren in erster Linie die Grenze von privat und öffentlich. Wir wollen einfach nicht, dass unsere intimsten Wünsche und Gedanken an die Öffentlichkeit gelangen, schämen uns, wären blamiert, vielleicht sogar gesellschaftlich ruiniert, wenn jeder alles von uns wüsste. Wenn unsere Geheimnisse an die Öffentlichkeit gelangen, ist uns das nicht nur peinlich, es macht uns auch erpressbar. Im Privaten hingegen sieht das ein wenig anders aus. Wenn wir einen Menschen lieben oder ihm besonders nahestehen, erwarten wir, dass er keine Geheimnisse vor uns hat, denn wir wollen keine Grenze, sondern Nähe und Vertrauen, die Basis jeder starken Bindung und Partnerschaft. Wenn wir merken, dass unser Partner Geheimnisse vor uns hat, sind wir verletzt, fühlen uns verraten und zweifeln an der Qualität der Beziehung.
Mit all diesen Themen beschäftigt sich auch Harlan Coben in seinem neusten Thriller Ich schweige für dich. Schon auf der ersten Seite erfährt der Hauptprotagonist Adam, dass seine Frau Corinne ein Geheimnis vor ihm hat. Das Wissen, dass sie ihm etwas verschwiegen hat, erschüttert ihn so sehr, dass er seine Ehe in Frage stellt und sein Leben vollkommen aus den Fugen gerät. Ich muss zugeben, dass mir Adam nicht besonders sympathisch war. Coben hat den Hauptprotagonisten zwar sehr präzise ausgearbeitet, lässt den Leser tief in die Gedanken- und Gefühlswelt von Adam eintauchen und gibt sich auch alle Mühe, dass man mit ihm mitfühlen und -leiden kann, aber Mitgefühl und Sympathie wollten sich bei mir leider trotzdem nicht einstellen. Für Adam wiegt das, was er nun über seine Frau erfährt, offenbar schwerer als der Vertrauensbruch an sich. Irgendwie habe ich den Eindruck gewonnen, dass er nicht erkennt, dass in seiner Ehe ganz grundsätzlich etwas im Argen lag und zwischen ihm und seiner Frau offenbar ein Kommunikationsproblem besteht. Das Geheimnis, das der Fremde Adam über Corinne offenbart, ist angesichts der Leichen, die in den Kellern so mancher Ehen schlummern, nicht besonders spektakulär oder niederschmetternd. Man muss auch nicht über weitreichende psychologische Kenntnisse verfügen, um zu erkennen, dass Corinnes Lüge kein perfider Verrat, sondern ein Hilfeschrei war, ein Schrei nach Liebe und Anerkennung, geboren aus der Angst, verlassen zu werden. Es dauert jedoch unendlich lange, bis in Adam die Erkenntnis reift, dass er nicht ganz unschuldig an Corinnes Verhalten ist, seinen Teil dazu beitrug und selbst ein kleines Geheimnis hat, das er seiner Frau verschwieg.
Der Protagonist, der mir hingegen fast schon ein wenig sympathisch war, war der rätselhafte Fremde, der Menschen erbarmungslos mit der Wahrheit über ihre Liebsten konfrontiert. Allerdings greift er dabei zu recht fragwürdigen Methoden. Jedenfalls geht er davon aus, dass jeder ein Recht auf Wahrheit hat und grundsätzlich würde ich mit ihm diesbezüglich sogar übereinstimmen. In Ehen, Partnerschaften und innerhalb der Familie sollte es tatsächlich keine Lügen und Geheimnisse geben, denn Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und bedingungsloses Vertrauen sind meiner Meinung nach die Voraussetzung für jede stabile Beziehung. Im öffentlichen Bereich hingegen hat jeder Mensch das Recht auf Geheimnisse und eine Privatsphäre. Anhand der Figur dieses rätselhaften Fremden zeigt Coben jedoch, wie gläsern wir Menschen geworden sind, dass es kaum noch etwas wie Privatheit gibt und was passieren kann, wenn unsere kleinen, intimen Geheimisse in die falschen Hände geraten. Der Fremde bezieht all die Informationen, die er über seine Opfer gesammelt hat, aus dem Internet. Jeder hinterlässt dort seine Spuren, jeder Klick ist nachvollziehbar und es wäre naiv zu glauben, dass man im Netz irgendetwas tun kann, das nicht von irgendjemandem eingesehen werden könnte. Jeder Suchbegriff, den wir eingeben, jeden Kauf, den wir tätigen, unsere Interessen, Hobbys, Kontakte und auch die Orte, an denen wir uns gerade befinden, sind im Grunde keine Geheimnisse mehr, sodass man über jeden Internet- und Smartphone – User Dinge in Erfahrung bringen könnte, die eigentlich niemanden etwas angehen. Harlan Coben wendet sich in seinem neusten Buch also einem sehr aktuellen Thema zu, und jeder Leser wird sich nach der Lektüre dieses Thrillers fragen, welche Spuren er tagtäglich im Internet hinterlässt und wie erpressbar er sich damit macht. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik fand ich jedenfalls ganz interessant, aber dennoch hat mich dieses Buch enttäuscht.
Ich habe schon einige Bücher von Coben gelesen und vielleicht war gerade das mein Problem, denn seine Werke folgen offenbar stets demselben Strickmuster, sodass überraschende Momente nahezu ausblieben. Cobens Schreibstil ist wie gewohnt flüssig, der Plot ist schlüssig und stimmig, aber in weiten Teilen leider auch ziemlich vorhersehbar. Auf dem Cover wird das Buch ja als Thriller bezeichnet, aber eben diesen Thrill habe ich nahezu gänzlich vermisst.
Die ersten 100 Seiten waren äußerst zäh und hätte man auf weniger als die Hälfte reduzieren können, denn es passiert eigentlich nicht sehr viel, außer dass Adams vormals perfektes Familienidyll detailliert beschrieben und vor allem ausgiebig Lacrosse gespielt wird. Ich hatte bisher keine Ahnung von dieser Sportart, habe allerdings auch nichts vermisst, aber nun hat sich das ja geändert, denn über gefühlte 500 Seiten hinweg habe ich Adam und seine Söhne auf diesen Sportplatz begleitet. Ich bin diesbezüglich vermutlich auch etwas empfindlich, weil ich Mannschaftssportarten generell nichts abgewinnen kann, aber diese Lacrosse-Spiele gingen mir ungeheuer auf die Nerven und führten dazu, dass sich das erste Drittel des Romans für mich endlos hinzog. Erst auf den letzten 100 Seiten nimmt der Thriller dann ein wenig an Fahrt auf, hat auch einen recht actionreichen Showdown, bis dann ganz am Ende – was wohl? – ja, wieder Lacrosse gespielt wird.
Auch wenn ich die eigentliche Thematik dieses Thrillers recht interessant fand, war ich von der Umsetzung enttäuscht. Wenn mir ein Hauptprotagonist so unsympathisch ist, fällt es mir einfach schwer, mich in ihn einzufühlen und mit ihm mitzufiebern. Am meisten habe ich allerdings das vermisst, was für mich einen Thriller letztendlich ausmacht – Spannung, Nervenkitzel und beklemmende Momente.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Harlan Coben: Ich schweige für dich
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 08. März 2016
416 Seiten
ISBN 978-3-442-20504-2

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Josh Malerman – Bird Box. Schließe deine Augen

Bird BoxSchliesse deine Augen von Josh MalermanInhalt:

Kurz bevor Malorie erfährt, dass sie schwanger ist, tauchen die ersten Nachrichten über etwas Unheimliches auf, bei dessen Anblick Menschen in eine Art rasenden Wahnsinn verfallen und sie dazu veranlasst, andere zu verletzen, bestialisch zu töten und sich schließlich selbst umzubringen. Zunächst verbreiten sich nur Berichte aus Russland, doch dann scheint dieses unheimliche Etwas immer näher zu kommen und erreicht schließlich Amerika. Malorie nimmt den Medienwirbel anfangs nicht allzu ernst, hält das Ganze für eine Massenhysterie, aber als immer mehr Menschen ihre Augen bedecken, sobald sie nach draußen gehen, ihre Fenster mit dicken Decken verhängen und in den Medien nahezu stündlich Geschichten über neue Todesopfer kursieren, ist sie doch beunruhigt. Es dauert nicht lange, bis immer mehr Menschen diesem unerklärlichen Wahnsinn zum Opfer fallen, auf den Straßen eine gespenstische Stille herrscht und das Leben draußen nahezu lahmgelegt ist. Die wenigen Überlebenden verbarrikadieren sich in ihren Häusern, verdunkeln ihre Fenster und wagen keinen Blick mehr nach draußen. Um sich zu schützen und ihr ungeborenes Baby in Sicherheit zur Welt bringen zu können, sucht Malorie Zuflucht bei einer Gruppe von Überlebenden, die sich in einem Haus zusammengefunden und dort verschanzt hat.
Fünf Jahre später, ihre Kinder sind inzwischen vier Jahre alt, geboren und aufgewachsen in vollkommener Dunkelheit, sieht sich Malorie erneut gezwungen, zu flüchten, um einen besseren und sichereren Ort für sich und ihre Kinder zu finden. Mit Augenbinden verlassen sie das Haus, das ihnen in den letzten Jahren Schutz und Kerker zugleich war. Doch um zu dem verheißungsvollen Zufluchtsort zu gelangen, müssen sie in einem Boot zwanzig Meilen auf einem Fluss zurücklegen – blind und nur von ihrem Gehör geleitet. Und draußen am Fluss wartet bereits etwas auf sie…

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Josh Malermans Debüt Bird Box. Schließe deine Augen, obwohl ich auch ein wenig skeptisch war, denn bislang konnten mich Horrorromane nur selten begeistern. Ein paar Werken von Stephen King kann ich zwar durchaus etwas abgewinnen, weil King einfach ein grandioser Erzähler ist, aber häufig findet man in diesem Genre eben auch reinsten Splatter, also nichts als handlungsarmes, blutiges, unappetitliches und vollkommen sinnloses Gemetzel. Bird Box wurde allerdings in vielen Rezensionen über den grünen Klee gelobt, der Autor mit King und sogar Hitchcock verglichen, sodass ich doch neugierig wurde und dem Buch eine Chance geben wollte. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn dieser Roman hat mich so in seinen Bann gezogen, dass ich die ganze Nacht nicht geschlafen habe und ihn in einem Rutsch gelesen musste. Ich war so gefangen von diesem psychedelischen Szenario, dass ich mich einfach nicht mehr davon losreißen konnte.
Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt. Der Leser begleitet Malorie und die beiden Kinder auf ihrem Weg zu einem zu einem Ort, an dem sie sich eine bessere und sicherere Zukunft verspricht. Während die drei in einem Boot den Fluss hinabfahren, wird in Rückblenden geschildert, was Malorie in den letzten Jahren erlebt hat, nachdem dieses unheimliche Etwas zum ersten Mal auftauchte. Man erfährt, wie sie sich damals hochschwanger in das fremde Haus flüchtete, in dem sich bereits eine Gruppe von Überlebenden verbarrikadiert hatte. Die klaustrophobische Stimmung in diesem Haus wird dabei so eindrücklich beschrieben, dass die Beklemmung für mich geradezu körperlich spürbar war. Jeder Blick nach draußen, kann tödlich sein, sodass die Menschen, die in diesem Haus wohnen, nicht nur eingesperrt sind, sondern auch in ständiger Dunkelheit leben müssen. Allein diese Vorstellung verursachte mir schon Alpträume. Malerman hat die einzelnen Charaktere, die nun gezwungen sind, auf engstem Raum zusammenzuleben, sehr präzise ausgearbeitet und die Beziehungen dieser Personen untereinander psychologisch ausgefeilt dargestellt. Auch wenn ich es für sehr unwahrscheinlich halte, dass die Welt jemals von einem unheimlichen Etwas heimgesucht werden wird, dessen Anblick einen tödlichen Wahnsinn auslöst, wurde das Zusammenleben der Menschen in diesem Haus sehr authentisch und nachvollziehbar geschildert. Die Nahrungsvorräte gehen allmählich zur Neige, die Trinkwasserbeschaffung ist mit großen Gefahren verbunden und je mehr Mäuler zu stopfen sind, umso schwieriger wird es für den Einzelnen zu überleben. Sich die Frage zu stellen, wie sich Menschen in Extremsituationen und angesichts einer gemeinsamen Gefahr verhalten, ist jedenfalls, trotz des recht unrealistischen Szenarios, keineswegs abwegig. Schweißt eine gemeinsame Notlage zusammen? Halten Menschen solidarisch zusammen, um der Gefahr zu trotzen? Oder siegt der Egoismus? Bilden sich Feindschaften, weil jeder nur darauf bedacht ist, sein eigenes Leben zu retten? All diese Fragen schossen mir beim Lesen jedenfalls unwillkürlich durch den Kopf und wurden auch auf eine geradezu erschreckende Weise beantwortet.
Nicht weniger beklemmend wird Malories waghalsige Flucht auf dem Boot beschrieben, nicht zuletzt weil sie und ihre Kinder ihre Augen bedecken müssen und nichts sehen. Die Welt draußen ist nahezu unbevölkert, die Gefahr, die dort lauert, ist stets spürbar, aber eben nicht sichtbar, auch für den Leser nicht, denn der erlebt alles aus der Perspektive von Malorie und sieht dabei eben auch nur das, was sie sieht – nämlich nichts. Man ahnt nur, dass gerade wieder etwas Furchtbares passiert, glaubt das Reißen von Sehnen, das Brechen von Knochen zu hören, aber man sieht dies alles nur mit den Augen eines Blinden, der zwar sehen kann, aber nicht darf. Und gerade darin liegt das Besondere in diesem Buch – es gibt keine blutigen Szenarien und kein Gemetzel. Auf brutale Gewaltdarstellungen wird nahezu vollkommen verzichtet, aber dennoch gab es Passagen, die mich wirklich an die Grenzen dessen brachten, was ich ertragen kann, vor allem, wenn es dabei um Tiere ging. Aber all das bleibt schemenhaft, denn dieses unheimliche Etwas tritt nie wirklich in Erscheinung, ist vollkommen lautlos und agiert auch nicht. Bis zum Schluss des Romans erfährt man nicht, wer oder was in dieser dystopischen Welt sein Unwesen treibt. Das mag den ein oder anderen Leser, der für alles eine Erklärung will, enttäuschen, führt aber dazu, dass einen dieses Buch auch nach der Lektüre nicht mehr loslässt. Man weiß zwar, dass der Anblick dieser nebulösen, unheimlichen Erscheinung verheerende Folgen hat, aber die genaue Ursache, die Menschen dazu treibt, andere zu verletzen und sich dann selbst auf bestialische Weise auszulöschen, bleibt letztendlich vollkommen im Dunkeln. Das Gefühl, zwar sehen zu können, aber nicht zu dürfen, dieses Leben in Dunkelheit und in einer nahezu menschenleeren Welt, die ständige Furcht, von etwas umgeben zu sein, das man zwar spürt, aber nicht sieht und diese Ohnmacht, sich nicht dagegen wehren und nur davor schützen zu können, indem man seine Augen verschließt, werden so eindrücklich geschildert, dass man all diese Emotionen und Ängste auf jeder Seite spüren kann. Trotz oder gerade weil so vieles im Unklaren bleibt, besitzt das Erzählte eine ungeheure Intensität, die nicht zuletzt auch durch die nüchterne und minimalistische Sprache des Autors erreicht wird.
Etwas irritierend fand ich lediglich die Hauptprotagonistin Malorie, denn sie war mir häufig geradezu unsympathisch. Sie erzieht diese Kinder mit einer Härte und Strenge, die mich teilweise schockierte und auch wütend machte. Jahrelang bereitet sich Malorie auf diese wagemutige Flucht vor. In dem Wissen, dass diese Flucht nur mit verbundenen Augen gelingen kann, trainiert sie das Gehör der Kinder tagtäglich. Allerdings ist es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, Geräusche zuzuordnen, die man nicht kennt, kein Bild dafür hat und sie auch noch nie vernommen hat. Wie kann man das Knurren eines Wolfes erkennen, wenn man nie einen Wolf gesehen oder gehört hat? Wie kann man die Entfernung eines Geräusches einschätzen, wenn man sein ganzes Leben bislang nur in geschlossenen Räumen verbrachte? Trotzdem gelingt es Malorie, das Gehör der Kinder zu schärfen, und vermutlich gelingt es gerade aufgrund ihrer Strenge und Unnachgiebigkeit. In dieser dystopischen Welt ist kein Platz mehr für überschwängliche Mutterliebe, Emotionalität, Gefühlsduselei und Wehleidigkeit, ja nicht einmal mehr für Namen – diese Kinder haben keine Namen! Sie werden nicht nur nicht genannt, sondern sie haben schlicht keine und werden auch von Malorie nur „Junge“ und „Mädchen“ genannt. Doch obwohl ich Malorie oft nicht besonders mochte und mich ihr Verhalten schockiert hat, wurde mir am Ende des Romans bewusst, dass sie diese Kinder unglaublich und bedingungslos liebt, denn Nüchternheit und Härte sind offenbar die einzige Möglichkeit, um in dieser Welt zu überleben.
Auch ich war ein wenig enttäuscht, weil das Buch ein offenes Ende hatte und viele Fragen, auf die man so gerne eine Erklärung gehabt hätte, nicht beantwortet wurden. Ich würde zwar nicht unbedingt von einem Cliffhanger sprechen, aber ich hoffe und wünsche mir, dass Malerman das offene Ende und auch das Potential dieses endzeitlichen Szenarios für eine Fortsetzung des Romans nutzt. Ich würde jedenfalls gerne mehr von diesem Autor lesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Josh Malerman: Bird Box. Schließe deine Augen
Verlag: Penhaligon
Ersterscheinungsdatum: 16. März 2015
320 Seiten
ISBN 978-3-7645-3121-8

Cover: Penhaligon

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Mein Monatsrückblick April 2016

Gelesen:

Ich habe im April 6 Bücher gelesen – das waren 2432 Seiten, also durchschnittlich ca. 81 Seiten pro Tag. Wenn man bedenkt, dass ich momentan sehr viel Zeit zum Lesen habe, ist das nicht besonders viel. Das lag nicht zuletzt an dem ersten Buch, mit dem für mich der vergangene Lesemonat begonnen hat, Das Seehaus von Kate Morton, ein mehr als 600 Seiten dicker Schmöker, der zwar eine interessante Thematik, aber leider auch viele Längen hatte, sodass ich mich wirklich manchmal zum Lesen zwingen musste. Ich kam mit dem Buch leider nur schleppend voran und brauchte zwei Wochen, um es endlich zu beenden. Aber dafür ging es danach mit einer ganzen Reihe von rasanten und unglaublich spannenden Thrillern weiter und endete schließlich ganz fulminant mit Bird Box. Schließe deine Augen von Josh Malerman. Obwohl ich Horrorromanen sonst nicht viel abgewinnen kann, war dieses Buch einfach grandios und deshalb mein persönliches Lesehighlight im vergangenen Monat. Zu meinen Rezensionen gelangt Ihr mit einem Klick auf den Buchtitel).

  1. Kate Morton – Das Seehaus (608 Seiten)
  2. Bram Dehouck – Der Psychopath (224 Seiten)
  3. Tess Gerritsen – Die Chirurgin (416 Seiten)
  4. Charlotte Link – Die Betrogene (640 Seiten)
  5. Minette Walters – Der Keller (224 Seiten)
  6. ⭐ Josh Malerman – Bird Box. Schließe deine Augen (320 Seiten) ⭐

Gehört:

Bei dem Lied, das ich im April sehr häufig gehört habe, handelt es sich sozusagen um einen meiner ‚All-Time-Favourites‘, nämlich um Kein Zurück von Wolfsheim. Dieses wunderbare und zugleich traurige Lied begleitet mich schon seit vielen Jahren, hatte aber in der letzten Zeit wieder eine ganz besondere Bedeutung für mich, weil die letzten Monate für mich voller Abschiede waren. Ich bin nicht besonders gut im Loslassen von Vergangenem – seien es Menschen, Träume oder Ziele. Es ist oft nicht leicht, zu akzeptieren, dass es kein Zurück mehr gibt und vieles einfach unwiederbringlich verloren ist. Aber es ist nicht nur schwer Liebgewonnenes loszulassen, sondern auch Erinnerungen an Momente abzustreifen, die man gerne vergessen möchte. Vieles von dem, was ich heute weiß, hätte wirklich am liebsten nie gesehen. Ein wundervolles Lied über Abschiede und das Loslassen von Vergangenem, zumal mich die Stimme von Peter Heppner, in der so viel Melancholie und Gefühl liegt, unglaublich berührt.

© Claudia Bett

Buchrezension: Tess Gerritsen – Die Chirurgin

Tess Gerritsen - Die ChirurginInhalt:

Als Detective Thomas Moore in die Rechtsmedizin gerufen wird und im Autopsiesaal die Leiche von Elena Ortiz sieht, werden bei ihm sofort Erinnerungen an einen ähnlichen Mordfall wach, der ein Jahr zurückliegt und den er bislang nicht aufklären konnte. Die Parallelen sind unübersehbar, denn beiden weiblichen Mordopfern wurde die Kehle durchgeschnitten, nachdem ihnen der Mörder, solange sie noch am Leben waren, mit einem Skalpell den Uterus entfernt hatte. Da beide Frauen auf dieselbe Weise getötet wurden, ist auch Moores Kollegin Jane Rizzoli davon überzeugt, dass in Boston ein gefährlicher Serienmörder sein Unwesen treibt. Der Täter, der eindeutig über gute anatomische Kenntnisse und ein profundes medizinisches Fachwissen verfügt, wird von der Presse sogleich nur „der Chirurg“ genannt.
Bei ihren Ermittlungen stoßen Moore und Rizzoli bald auf eine ähnliche Mordserie in Savannah, die jedoch bereits drei Jahre zurückliegt. Der Täter in Savannah hatte seine Opfer damals auf ähnliche Art gefesselt, betäubt und sie ebenfalls einem gynäkologischen Eingriff unterzogen, bevor er sie schließlich tötete. Die Übereinstimmungen mit den Morden in Boston sind auffallend, aber Andrew Capra, der Täter von damals, hat das beste Alibi, das jemand haben kann – er ist tot. Er wurde von seinem letzten Opfer, der Chirurgin Catherine Cordell in Notwehr erschossen, bevor er auch sie töten konnte. Catherine leidet nach wie vor unter den traumatischen Erlebnissen, die sie in jener Nacht durchleiden musste, will aber mit niemandem über ihre Verletzungen reden und versucht ihre Erinnerungen abzustreifen, indem sie Savannah inzwischen verlassen hat und sich in ihre Arbeit flüchtet.
Die grausamen Details über Andrew Capras Taten gelangten nie an die Öffentlichkeit, aber dennoch scheint jemand genau zu wissen, wie er seine Morde verübte und kopiert ihn nun exakt. Ist Capra vielleicht gar nicht tot? Hatte er einen Mitwisser, der ihn jetzt nachahmt und sein Werk vollendet? Rizzoli und Moore tappen lange im Dunkeln, bis sie schließlich eine Verbindung zwischen den Opfern finden. Sie müssen den Täter unbedingt fassen, bevor dieser erneut einen Mord begehen kann, zumal der sein nächstes Opfer bereits wissen lässt, dass sie sein eigentliches Ziel ist – Catherine Cordell.

Meine persönliche Meinung:

Eigentlich kommt es bei mir selten vor, dass ich Bücher ein zweites Mal lese, schon gar nicht, wenn es sich dabei um Thriller oder Krimis handelt, denn es gibt ja nichts Langweiligeres, als schon zu Beginn eines Kriminalromans zu wissen, wer der Täter ist. Ich habe die seltsame Angewohnheit, in jedem Buch zu vermerken, wann ich es gelesen habe, bin beim Wühlen in meinen Bücherregalen vor ein paar Wochen wieder über Die Chirurgin von Tess Gerritsen gestolpert, das ich 2005 gelesen hatte, und habe mich daran erinnert, wie außerordentlich gut ich das Buch fand und es auch mehrfach glühend weiterempfohlen habe. Bei diesem Thriller handelt es sich ja um den Auftakt der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe, und eigentlich hatte ich mir damals vorgenommen alle weiteren Bücher der Reihe sofort zu lesen, wozu es jedoch – warum auch immer – nie kam. Dieses Versäumnis will ich nun aber nachholen, zumal der zweite Band der Reihe, den ich mir in meinem ersten Anflug von Begeisterung sofort zugelegt hatte, seit zehn Jahren ungelesen in meinem Regal schlummert. Als ich jetzt aber die ersten Seiten von Der Meister las, musste ich feststellen, dass das Buch an die Geschichte in Die Chirurgin anknüpft und mich meine Erinnerungen an den ersten Band vollkommen im Stich ließen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass mich sowas aufregt und ich mir auch ein wenig Sorgen um mein Gedächtnis mache, denn die Erinnerungen wollten auch nicht wiederkehren, als ich erneut in Die Chirurgin blätterte, sodass ich beschloss, das Buch jetzt einfach noch einmal zu lesen. Was soll ich sagen? Es war, als hätte ich diesen Thriller noch nie in den Händen gehalten, sodass mich mein Erinnerungsvermögen nun doch ein wenig bekümmert. Vermutlich liegt es an meinem fortgeschrittenen Alter und immerhin sind ja seitdem fast elf Jahre vergangen –  da darf man ja mal was vergessen ;-). Nun denn, ich weiß jetzt wenigstens wieder, warum mir dieser Thriller damals so gut gefallen hat – er ist einfach von der ersten bis zur letzten Seite unglaublich spannend.
Tess Gerritsen hat einen raffinierten Plot konstruiert, der stimmig, schlüssig und vor allem unvorhersehbar ist. Gemeinsam mit den Ermittlern tappt man als Leser zunächst vollkommen im Dunkeln und versucht dem grausamen Serienmörder auf die Spur zu kommen. In einem weiteren Handlungsstrang begleitet man Catherine Cordell in ihrem Klinikalltag, in erster Linie aber bei ihrer Aufarbeitung der schrecklichen Ereignisse in ihrer Vergangenheit. Außerdem bekommt man in Passagen, die aus der Sicht des Täters geschildert werden, sehr tiefe Einblicke in die perversen Gedanken und Phantasien dieses psychopathischen, aber erschreckend intelligenten Serienmörders. Diese Sequenzen empfand ich als besonders verstörend, denn mit welchen Begründungen er seine grausamen Taten zu rechtfertigen versucht, ist äußerst abstrus. So verweist er dabei zum Beispiel auf antike Rituale und die griechische Mythologie, wie etwa die Opferung der Iphigenie durch ihren Vater Agamemnon. Obwohl man nicht die leiseste Ahnung hat, wer der Mörder ist, weiß man jedoch, dass er seinem nächsten Opfer, Catherine Cordell, auf die er auf geradezu krankhafte Weise fixiert ist, gefährlich nahe ist.
Doch schenkt Tess Gerritsen nicht nur der Psyche des Täters große Aufmerksamkeit, sondern hat alle Charaktere sehr präzise und vor allem glaubwürdig ausgearbeitet. Die Person, die mich am meisten berührt hat, war Catherine Cordell, denn ihr Schicksal ist wirklich erschütternd. Sehr authentisch und ergreifend wird anhand dieser Protagonistin deutlich, welche psychischen Qualen Frauen nach einer Vergewaltigung ertragen müssen und welche Spuren eine solche Tat auf der Seele der Opfer hinterlässt. Auch wenn mir Jane Rizzolis etwas ruppige Art hin und wieder auf die Nerven ging, hat die Autorin auch mit ihr eine sehr facettenreiche Protagonistin geschaffen. Besonders ans Herz gewachsen ist mir aber Detective Thomas Moore, denn leider findet man im Krimigenre nur sehr selten so feinfühlige, sensible, ruhige, besonnene und verständnisvolle männliche Ermittler wie ihn.
Tess Gerritsen wird häufig vorgeworfen, ihre Bücher seien zu blutig und brutal. Tatsächlich fließt in Die Chirurgin recht viel Blut, aber anders als in vielen anderen Büchern dieses Genres empfand ich dies nicht als störend, eklig oder als pure Effekthascherei, denn trotz der teilweise recht brutalen Passagen ist dieser Thriller kein billiger Splatter, sondern kann neben der wirklich nervenaufreibenden Spannung auch mit Tiefgang aufwarten, indem er in erster Linie Einblicke in menschliche Schicksale und psychische Abgründe gewährt.
Als etwas störend empfand ich lediglich die teilweise recht ausführlichen medizinischen Details, zumindest wenn diese nichts mit dem eigentlichen Handlungsverlauf zu tun hatten und nicht zur Aufklärung der Mordfälle beitrugen. Man merkt deutlich, dass Tess Gerritsen Medizin studiert und als Internistin gearbeitet hat, aber ihre Ausführungen über den Klinikalltag und die detaillierten Beschreibungen von Operationen an Patienten, die für die Handlung vollkommen ohne Belang sind, waren meines Erachtens unnötig und etwas langatmig.
Ansonsten hat mir dieser Thriller jedenfalls erneut sehr gut gefallen und war so unglaublich spannend, dass ich mich jetzt umso mehr auf Der Meister freue und garantiert nicht wieder mehr als zehn Jahre verstreichen lasse, bevor ich die weiteren Bände der Reihe lesen werde.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Tess Gerritsen: Die Chirurgin
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 01. Juni 2004
416 Seiten
ISBN 978-3-442-36067-3

Cover: Blanvalet Verlag