Buchrezension: Harlan Coben – Ich schweige für dich

Harlan Coben - Ich schweige für dichInhalt:

Adam Price ist erfolgreicher Anwalt, glücklich verheiratet mit Corinne, die er über alles liebt, und hat zwei wundervolle Kinder, die ihn mit Stolz erfüllen. Doch von einer Sekunde auf die andere bricht Adams vormals heile Welt vollkommen in sich zusammen.

 Sie hätten nicht mit ihr zusammenbleiben müssen!

Nur diese eine Satz aus dem Mund eines Fremden und nichts ist mehr so, wie es war, denn nun ist der Keim des Zweifels gesät. Hat Corinne, die Frau, mit der er seit Jahren verheiratet ist und der er stets bedingungslos vertraute, ihn tatsächlich belogen? Wer ist dieser Fremde, der unaufgefordert in sein Leben eindringt und die verborgensten Geheimnisse seiner Ehefrau zu kennen scheint? Offensichtlich hat er sogar Beweise für seine Behauptungen. Soll Adam Corinne mit diesen Vorwürfen konfrontieren oder lieber schweigen und versuchen, einfach zu vergessen, was der Fremde ihm offenbarte? Adam kann nicht schweigen, denn das Misstrauen nagt viel zu sehr an ihm. Solange er keine Gewissheit hat, wird diese Stimme des Zweifels in seinem Hinterkopf niemals verstummen. Als Adam seine Frau zur Rede stellt, weicht sie ihm jedoch aus, will ein klärendes Gespräch lieber verschieben und verschwindet am nächsten Morgen spurlos, ohne dass es zu einer Aussprache gekommen wäre. Verzweifelt und wütend zugleich begibt sich Adam auf die Suche nach Corinne.
Währenddessen sucht der rätselhafte Fremde auch noch andere Menschen auf und enthüllt ihnen die Geheimnisse ihrer Liebsten. Sie sollen erfahren, was die Person, der sie blind vertrauen, die sie lieben und zu kennen glauben, vor ihnen verbirgt, auch wenn ihr Leben danach nie wieder so sein wird, wie bisher. Doch dann gibt es einen ersten Toten, denn jemand ist bereit zu töten, um sein dunkelstes Geheimnis vor der Aufdeckung zu bewahren.

Meine persönliche Meinung:

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel bezeichnete Geheimnisse einst als „eine der größten geistigen Errungenschaften der Menschheit“. Jeder von uns hat sie – Heimlichkeiten und kleine Leichen im Keller, die wir vor anderen zu verbergen versuchen. Geheimnisse ermöglichen es uns, uns abzugrenzen, Distanz zu wahren und auch zu bestimmen, wer oder was wir für andere sein wollen. Sie machen uns auch interessanter, da jede Banalität an Bedeutung gewinnt, sobald man sie mit einer Aura des Geheimnisvollen und Mysteriösen versieht. Außerdem haben wir ein Recht auf Geheimnisse, denn die Verfassung garantiert uns ein Brief-, Post-, Bank- und Arztgeheimnis. Geheimnisse sind ein Teil unserer Privatsphäre und markieren in erster Linie die Grenze von privat und öffentlich. Wir wollen einfach nicht, dass unsere intimsten Wünsche und Gedanken an die Öffentlichkeit gelangen, schämen uns, wären blamiert, vielleicht sogar gesellschaftlich ruiniert, wenn jeder alles von uns wüsste. Wenn unsere Geheimnisse an die Öffentlichkeit gelangen, ist uns das nicht nur peinlich, es macht uns auch erpressbar. Im Privaten hingegen sieht das ein wenig anders aus. Wenn wir einen Menschen lieben oder ihm besonders nahestehen, erwarten wir, dass er keine Geheimnisse vor uns hat, denn wir wollen keine Grenze, sondern Nähe und Vertrauen, die Basis jeder starken Bindung und Partnerschaft. Wenn wir merken, dass unser Partner Geheimnisse vor uns hat, sind wir verletzt, fühlen uns verraten und zweifeln an der Qualität der Beziehung.
Mit all diesen Themen beschäftigt sich auch Harlan Coben in seinem neusten Thriller Ich schweige für dich. Schon auf der ersten Seite erfährt der Hauptprotagonist Adam, dass seine Frau Corinne ein Geheimnis vor ihm hat. Das Wissen, dass sie ihm etwas verschwiegen hat, erschüttert ihn so sehr, dass er seine Ehe in Frage stellt und sein Leben vollkommen aus den Fugen gerät. Ich muss zugeben, dass mir Adam nicht besonders sympathisch war. Coben hat den Hauptprotagonisten zwar sehr präzise ausgearbeitet, lässt den Leser tief in die Gedanken- und Gefühlswelt von Adam eintauchen und gibt sich auch alle Mühe, dass man mit ihm mitfühlen und -leiden kann, aber Mitgefühl und Sympathie wollten sich bei mir leider trotzdem nicht einstellen. Für Adam wiegt das, was er nun über seine Frau erfährt, offenbar schwerer als der Vertrauensbruch an sich. Irgendwie habe ich den Eindruck gewonnen, dass er nicht erkennt, dass in seiner Ehe ganz grundsätzlich etwas im Argen lag und zwischen ihm und seiner Frau offenbar ein Kommunikationsproblem besteht. Das Geheimnis, das der Fremde Adam über Corinne offenbart, ist angesichts der Leichen, die in den Kellern so mancher Ehen schlummern, nicht besonders spektakulär oder niederschmetternd. Man muss auch nicht über weitreichende psychologische Kenntnisse verfügen, um zu erkennen, dass Corinnes Lüge kein perfider Verrat, sondern ein Hilfeschrei war, ein Schrei nach Liebe und Anerkennung, geboren aus der Angst, verlassen zu werden. Es dauert jedoch unendlich lange, bis in Adam die Erkenntnis reift, dass er nicht ganz unschuldig an Corinnes Verhalten ist, seinen Teil dazu beitrug und selbst ein kleines Geheimnis hat, das er seiner Frau verschwieg.
Der Protagonist, der mir hingegen fast schon ein wenig sympathisch war, war der rätselhafte Fremde, der Menschen erbarmungslos mit der Wahrheit über ihre Liebsten konfrontiert. Allerdings greift er dabei zu recht fragwürdigen Methoden. Jedenfalls geht er davon aus, dass jeder ein Recht auf Wahrheit hat und grundsätzlich würde ich mit ihm diesbezüglich sogar übereinstimmen. In Ehen, Partnerschaften und innerhalb der Familie sollte es tatsächlich keine Lügen und Geheimnisse geben, denn Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und bedingungsloses Vertrauen sind meiner Meinung nach die Voraussetzung für jede stabile Beziehung. Im öffentlichen Bereich hingegen hat jeder Mensch das Recht auf Geheimnisse und eine Privatsphäre. Anhand der Figur dieses rätselhaften Fremden zeigt Coben jedoch, wie gläsern wir Menschen geworden sind, dass es kaum noch etwas wie Privatheit gibt und was passieren kann, wenn unsere kleinen, intimen Geheimisse in die falschen Hände geraten. Der Fremde bezieht all die Informationen, die er über seine Opfer gesammelt hat, aus dem Internet. Jeder hinterlässt dort seine Spuren, jeder Klick ist nachvollziehbar und es wäre naiv zu glauben, dass man im Netz irgendetwas tun kann, das nicht von irgendjemandem eingesehen werden könnte. Jeder Suchbegriff, den wir eingeben, jeden Kauf, den wir tätigen, unsere Interessen, Hobbys, Kontakte und auch die Orte, an denen wir uns gerade befinden, sind im Grunde keine Geheimnisse mehr, sodass man über jeden Internet- und Smartphone – User Dinge in Erfahrung bringen könnte, die eigentlich niemanden etwas angehen. Harlan Coben wendet sich in seinem neusten Buch also einem sehr aktuellen Thema zu, und jeder Leser wird sich nach der Lektüre dieses Thrillers fragen, welche Spuren er tagtäglich im Internet hinterlässt und wie erpressbar er sich damit macht. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik fand ich jedenfalls ganz interessant, aber dennoch hat mich dieses Buch enttäuscht.
Ich habe schon einige Bücher von Coben gelesen und vielleicht war gerade das mein Problem, denn seine Werke folgen offenbar stets demselben Strickmuster, sodass überraschende Momente nahezu ausblieben. Cobens Schreibstil ist wie gewohnt flüssig, der Plot ist schlüssig und stimmig, aber in weiten Teilen leider auch ziemlich vorhersehbar. Auf dem Cover wird das Buch ja als Thriller bezeichnet, aber eben diesen Thrill habe ich nahezu gänzlich vermisst.
Die ersten 100 Seiten waren äußerst zäh und hätte man auf weniger als die Hälfte reduzieren können, denn es passiert eigentlich nicht sehr viel, außer dass Adams vormals perfektes Familienidyll detailliert beschrieben und vor allem ausgiebig Lacrosse gespielt wird. Ich hatte bisher keine Ahnung von dieser Sportart, habe allerdings auch nichts vermisst, aber nun hat sich das ja geändert, denn über gefühlte 500 Seiten hinweg habe ich Adam und seine Söhne auf diesen Sportplatz begleitet. Ich bin diesbezüglich vermutlich auch etwas empfindlich, weil ich Mannschaftssportarten generell nichts abgewinnen kann, aber diese Lacrosse-Spiele gingen mir ungeheuer auf die Nerven und führten dazu, dass sich das erste Drittel des Romans für mich endlos hinzog. Erst auf den letzten 100 Seiten nimmt der Thriller dann ein wenig an Fahrt auf, hat auch einen recht actionreichen Showdown, bis dann ganz am Ende – was wohl? – ja, wieder Lacrosse gespielt wird.
Auch wenn ich die eigentliche Thematik dieses Thrillers recht interessant fand, war ich von der Umsetzung enttäuscht. Wenn mir ein Hauptprotagonist so unsympathisch ist, fällt es mir einfach schwer, mich in ihn einzufühlen und mit ihm mitzufiebern. Am meisten habe ich allerdings das vermisst, was für mich einen Thriller letztendlich ausmacht – Spannung, Nervenkitzel und beklemmende Momente.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Harlan Coben: Ich schweige für dich
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 08. März 2016
416 Seiten
ISBN 978-3-442-20504-2

Cover: Goldmann Verlag

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9 Gedanken zu “Buchrezension: Harlan Coben – Ich schweige für dich

    • Ich fand bislang alle Bücher von Coben wirklich sehr gut, aber irgendwie ist es immer dasselbe und dieses hat mir nun leider nicht besonders gefallen. Ist aber Geschmacksache, denn wenn ich mir die anderen Rezensionen anschaue, fanden es offenbar alle außer mir gut.

      Gefällt 1 Person

  1. Gerade wollte ich fragen, ob du schon andere von ihm gelesen hast, da sehe ich: meine Frage ist schon beantwortet. Seine Thriller stehen nämlich seit einiger Zeit auf meiner Liste.
    Danke für die immer ausführlichen Rezensionen.

    Gefällt 1 Person

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