Buchrezension: Paula Daly – Herzgift

Paula Daly - HerzgiftInhalt:

Natty und Sean Wainwright sind bereits seit frühster Jugend ein Paar. Inzwischen sind sie seit sechzehn Jahren verheiratet, haben zwei Töchter und betreiben ein gut gehendes Hotel in Bowness-on-Windermere, im idyllischen Lake District. Ihre Ehe verläuft harmonisch, leidet allerdings ein wenig unter dem Alltagsstress, der kaum Zeit für die schönen Dinge des Lebens lässt. Die Arbeit wächst Natty zunehmend über den Kopf, zumal sie in allem perfekt sein will – als Mutter, Hausfrau und auch als Hotelinhaberin.
Eines Tages erhält sie von der Lehrerin ihrer Tochter Felicity einen beunruhigenden Anruf, denn Felicity, die gerade auf Klassenfahrt in Frankreich ist, musste ins Krankenhaus eingeliefert und schnell operiert werden. Natty packt sofort das Nötigste zusammen und reist nach Frankreich zu ihrem kranken Kind. Es erweist sich als glücklicher Zufall, dass ihre beste Freundin Eve gerade zu Besuch ist, denn die erklärt sich bereit, ein paar Tage länger in Bowness zu bleiben, sich während Nattys Abwesenheit um ihre älteste Tochter Alice zu kümmern und auch Sean ein wenig unter die Arme zu greifen.
Doch als Felicity wieder aus der Klinik entlassen wird und Natty mit ihrer Tochter nach Hause zurückkehrt, ist dort nichts mehr so wie vor ihrer Abreise. Sie findet sich in einem Alptraum wieder, denn Sean verkündet ihr, dass er sich von ihr trennen will, weil er sich in Eve verliebt hat. Auch ihre Töchter lassen sich von der neuen Frau an der Seite ihres Vaters immer mehr einwickeln. Natty steht vor den Scherben ihres Lebens, hat alles, was ihr je etwas bedeutete, an die Frau verloren, der sie stets bedingungslos vertraute. Die jahrelange Freundschaft ist in blanken Hass umgeschlagen und Natty ist nicht bereit, das Feld kampflos zu räumen. Zwischen den ehemals besten Freundinnen entspinnt sich ein erbitterter Kampf, bei dem Natty nicht nur erfahren muss, dass sie Eve im Grunde nie gekannt hat, sondern sich auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe noch nie ein Buch von Paula Daly gelesen, aber der Klappentext von ihrem neusten Psychothriller Herzgift weckte mein Interesse und klang sehr vielversprechend. Die Story ist eigentlich nicht besonders neu oder originell, denn dass es Frauen gibt, die sich den Mann ihrer besten Freundin krallen, passiert nicht allzu selten. Von seinem Lebensgefährten wegen einer anderen Frau verlassen zu werden, ist schmerzhaft, wenn man aber gegen die vormals beste Freundin ausgetauscht, also gleich in mehrfacher Hinsicht betrogen wird und zwei Menschen verliert, denen man vertraute, sitzt der Schmerz noch tiefer. Der Hass, der in einer solchen Lebenssituation zutage tritt, der Wunsch nach Rache und Vergeltung und die menschlichen Abgründe, die sich in solchen Momenten auftun können, bieten jedenfalls ausreichend Stoff für einen guten Psychothriller. Ich war gespannt, wie Paula Daly diese Thematik umsetzt und leider ziemlich enttäuscht. Es fällt mir schwer, das Buch zu rezensieren, ohne zu spoilern, aber ich hoffe, es gelingt mir dennoch.
Was mich an diesem Thriller am meisten enttäuscht, teilweise auch erheitert, aber meistens nur geärgert hat, waren die Protagonisten. Sie waren allesamt so flach und blass, dass es mir nicht möglich war, zu einem von ihnen Zugang zu finden oder die Motivation ihres Handelns zu erfassen und nachzuvollziehen.
Vor allem die Hauptprotagonistin Natty war mir von der ersten Seite an so unsympathisch, dass es mir nahezu egal war, welches Schicksal diese Frau nun ereilen wird. Obwohl sie aus der Ich-Perspektive schildert, was sie erlebt, erhält man keine tieferen Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt, sodass mir diese Figur bis zum Ende völlig fremd blieb. Ich habe versucht, mich in diese Frau einzufühlen, aber es wollte mir einfach nicht gelingen, denn ihr Handeln war teilweise vollkommen absurd und unlogisch. Ihre Motivation, warum sie so handelt, wurde nicht im Ansatz erläutert und war für mich deshalb auch nicht nachvollziehbar. Natty wird als eine Frau beschrieben, die nahezu krankhaft perfektionistisch ist. Sie hat offensichtlich einen übertriebenen Putzfimmel, wischt und wienert akribisch jede Fuge in ihrem Haushalt und auch in ihrem Hotel, da sie dem Hotelpersonal diesbezüglich nur wenig Sorgfalt zutraut und deshalb möglichst alles selbst erledigen will. Auch als Mutter möchte sie natürlich perfekt sein. Sie achtet sorgsam auf die ausgewogene Ernährung ihrer Kinder, hält sich strikt an eine Kartoffeln-nur-einmal-pro-Woche-Regel und erstellt einen wöchentlichen Ernährungsplan mit dem richtigen Pensum an Vitaminen, Kohlenhydraten und Eiweißen, den sie peinlich genau einhält. Solche Menschen sind mir immer ein wenig suspekt, zumal man weiß, dass Kinder, die ausschließlich nach diesen Prämissen ernährt werden, jeden unbemerkten Augenblick dazu nutzen, die nächste Burger-Bude zu stürmen oder sich heimlich mit Chips und Schokolade vollzustopfen. Nichts gegen eine gesundheitsbewusste Ernährung und gewissenhafte Mütter, die um das Wohl ihrer Kinder bemüht sind, aber solche Übermütter gehen mir ziemlich auf die Nerven. Seltsamerweise schenkt aber ausgerechnet diese Frau den wochenlangen Klagen ihrer Tochter über starke Bauchschmerzen überhaupt keine Beachtung, zieht einen Arztbesuch nicht einmal in Erwägung, sondern lässt das Kind auf Klassenfahrt gen Frankreich ziehen, wo dem Mädchen dann schon kurz nach der Ankunft – Überraschung – der Blinddarm platzt. Natty reist also nach Frankreich zu ihrem kranken Kind und als sie zwei Wochen später nach Hause zurückkehrt, hat ihre ehemals beste Freundin Eve in jeglicher Hinsicht ihren Platz eingenommen und sich ihren Mann gekrallt. Man ist geneigt, sich nicht zu wundern, dass der sich anderweitig orientiert hat, denn Natty ist so spannend, liebevoll und erotisch wie ein Teller Linsensuppe und hat mit ihrem Hang zum Perfektionismus offenbar wirklich ein Händchen dafür, in ihrem Umfeld jegliches Aufkommen von Lebensfreude im Keim zu ersticken.
Doch kommen wir zu ihrer Freundin Eve, die als vollkommen skrupellose, extrem attraktive und durchtriebene Frau beschrieben wird und ihren Lebensunterhalt damit bestreitet, Ehen zu zerstören und die Männer dann so lange auszunehmen, bis sie sich deren letzten Cent unter den Nagel gerissen hat, um dann sogleich zum nächsten weiterzuziehen. Vermutlich war es nicht die Absicht der Autorin, aber manche Textstellen, an denen sie beschreibt, wie Eve vorgeht, um sich den Mann ihrer besten Freundin zu angeln, waren so unfreiwillig komisch, dass ich über ihre Vorgehensweise nicht erschüttert war, sondern einfach nur herzlich lachen musste. Ihre Motivation ist vollkommen klar – sie will die Männer finanziell ausnehmen – aber ihre Strategie ist so einfallslos und banal, dass man sich nur wundern kann, dass sie damit tatsächlich schon erfolgreich war. Teilweise macht ihr Verhalten auch absolut keinen Sinn. So war es mir zum Beispiel ein vollkommenes Rätsel, warum sie versucht, die beiden Töchter ihres Auserwählten auf ihre Seite zu ziehen, denn sie kann diese Kinder nicht ausstehen. Sie will weder eine dauerhafte Beziehung noch eine Familie, sondern hat lediglich finanzielle Interessen, also macht es eigentlich wenig Sinn, Sympathien für diese Kinder zu heucheln. Der Ehemann ihrer ehemals besten Freundin ist ihr ohnehin hoffnungslos verfallen, ob sie nun seine Kinder mag oder nicht, denn dieser Mann überlässt das Denken eigentlich ausschließlich seinen Genitalien.
Als er seiner Frau verkündet, sich in Eve verliebt zu haben, ist Natty natürlich am Boden zerstört, lässt sich zu einer recht infantilen, aber immerhin noch nachvollziehbaren Racheaktion hinreißen, die ihre Lage jedoch nicht einfacher, sondern noch viel verheerender macht. Damit ruft sie sogar noch die Polizei auf den Plan, was ihre Situation nicht unbedingt entscheidend verbessert. Stattdessen fördert sie damit nur Details über ihre eigene, nicht besonders ruhmreiche Vergangenheit zu Tage und läuft Gefahr, ihre Kinder vollends zu verlieren. Rachegedanken, Wut, Trauer und Verzweiflung wären für mich durchaus nachvollziehbar, aber ihr Handeln ist einfach nur dumm und macht in ihrer Situation auch überhaupt keinen Sinn, weil sie damit eigentlich nur sich selbst schadet. Aber es wird noch abstruser, denn plötzlich beginnt sie, in Eves Vergangenheit zu schnüffeln und bringt dabei allerlei Erstaunliches in Erfahrung. Ich habe mich allerdings gefragt, warum sie das tut? Auch wenn das, was sie herausfindet, wirklich erschütternd ist und zeigt, dass ihre Freundin sie jahrelang belogen hat und nicht die war, die sie vorgab zu sein, war mir nicht ganz klar, aus welcher Motivation heraus, sich Natty überhaupt für die Vergangenheit ihrer ehemals besten Freundin interessiert und wie sie die gewonnenen Erkenntnisse jemals zu ihrem Vorteil nutzen will. Will sie damit ihrem Mann die Augen öffnen, damit der reumütig zu ihr zurückkehrt? Will man einen Mann, der von solch niederen Instinkten geleitet wird, überhaupt zurück? An keiner Textstelle wird deutlich, was sie sich von diesen Informationen verspricht, was sie ihr nützen könnten und warum sie den letzten Rest ihrer spärlichen Energie darauf verwendet, die anrüchige Vergangenheit ihrer Rivalin aufzurollen, denn sie macht damit nicht Eve, sondern nur sich selbst das Leben schwer. Außerdem ist es auch nicht besonders schlau, denn Eve kennt ein kleines schmutziges Geheimnis aus Nattys Vergangenheit, das sie sich im Gegensatz zu Natty auch zunutze machen kann. Die beiden Damen fahren im Grunde dieselben Geschütze auf, aber dennoch ist Natty eindeutig die Unterlegene. Hätte die Autorin am Ende nicht einen an den Haaren herbeigezogenen Zufall konstruiert, würde dieser Zweikampf für Natty auch ziemlich katastrophal enden. Wie er genau endet, erfährt der Leser allerdings nie, denn die Fragen, auf die man gerne eine Antwort hätte, werden nicht beantwortet – das Ende ist im Grunde offen. Ich kann mit offenen Enden eigentlich ganz gut leben, aber wenn das Handeln der Protagonisten während des Verlaufs der Handlung keinen Sinn ergibt, hofft man als Leser eben, dass sich dieser Sinn wenigstens am Ende des Buches erschließt – mir hat er sich leider nicht erschlossen.
Man kann dem Buch jedoch nicht absprechen, dass es stellenweise doch recht spannend ist und sich flüssig lesen lässt. Ein sprachliches Feuerwerk ist es freilich nicht, aber dafür ist die Sprache so einfach und schlicht, dass man recht schnell durch die Seiten fliegt.
Was bleibt ist eine recht seichte Thriller-Unterhaltung, ohne Tiefgang und nur leidlich spannend. Schade, dass die Autorin das Potential, das die Geschichte durchaus gehabt hätte, nicht genutzt hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Manhattan Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Paula Daly: Herzgift
Verlag: Manhattan
Ersterscheinungsdatum: 11. April 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-442-54736-4

Cover: Manhattan

4 Gedanken zu “Buchrezension: Paula Daly – Herzgift

    • Na ja, es gab einen Stern für die ansich recht interessante Grundidee und einen für den Schreibstil, der nicht wirklich schlecht ist. An manchen Stellen war es ja sogar spannend 😉 Einen Stern gibt es bei mir nur für Bücher, die komplett für die Tonne sind.

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      • Also gut ….. 😉 ich denke, diese Argumentation kann man nachvollziehen. Ich dachte halt …. fast 50%, das sei jetzt fast etwas viel, bei diesen „Mängeln“

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