Montagsfrage: Falls ihr Klassiker lest, habt ihr besondere Favoriten und wenn ja, warum?

MontagsfrageDiese Woche hat Buchfresserchen auf ihrem Blog eine sehr interessante Frage gestellt, die ich mit Freude beantworte.

Ich habe schon immer sehr gerne Klassiker gelesen und gehörte wohl zu den wenigen Schülern, für die klassische Schullektüre keine lästige Qual, sondern meistens ein reines Vergnügen war. Bereits als Schülerin habe ich nicht nur das gelesen, was ich für die Schule lesen musste, sondern auch freiwillig immer wieder zu Klassikern gegriffen. Meine Liebe zu den Werken von Johann Wolfgang von Goethe und E. T. A. Hoffmann, aber auch zu modernen Klassikern, allen voran Max Frisch, Franz Kafka und Hermann Hesse, begleitet mich seit meiner Schulzeit. Als ich im zarten Alter von 37 Jahren beschloss, Literaturwissenschaft zu studieren, tat ich dies nicht zuletzt, weil ich mich endlich ganz intensiv mit klassischer Literatur beschäftigen wollte und habe während meines Studiums natürlich unzählige Klassiker gelesen.

Wenn man mich aber nach meinem absoluten Lieblingsklassiker fragt, muss ich nicht eine Sekunde nachdenken, denn das ist zweifellos Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers. Ich glaube, ich war etwa zwanzig, als ich dieses Buch zum ersten Mal las und ich weiß nicht, wie oft ich es seitdem erneut gelesen habe. Vermutlich denkt Ihr jetzt, ich habe eine Vollmeise, weil ja der Text fast immer derselbe ist, aber ich besitze dieses Buch in fünf verschiedenen Ausgaben. Manche Passagen kann ich inzwischen auswendig, denn sie sind so wunderschön, dass ich sie mir nicht nur angestrichen und aufgeschrieben, sondern sie so häufig nachgelesen habe, dass sie sich mir tief ins Gedächtnis eingegraben haben.

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Titelblatt der Erstausgabe von 1774 (Wikipedia: Foto H.-P. Haack)

Goethes Werther ist der Schlüsselroman des Sturm und Drang, sozusagen das Kultbuch des 18. Jahrhunderts, das, indem es Ehebruch verteidigte und Selbstmord als Ausdruck von Freiheit verherrlichte und damit sowohl moralische und religiöse Wertvorstellungen als auch die Eintönigkeit und Beschränktheit des bürgerlichen Lebens anprangerte, den Nerv seiner Zeit traf. Als der Roman 1774 erschien, löste er eine Modewelle aus, denn viele begeisterte Leser wollten so sein wie Werther und sich auch so kleiden. Ähnlich dem Hype um literarische Figuren wie Harry Potter oder George R.R. Martins Epos Das Lied von Eis und Feuer, gab es damals auch eine ganze Palette von Fanartikeln, wie Hemden, Westen, Gürtelschnallen, Sammeltassen und Parfums. Viele Leser ahmten ihr literarisches Vorbild auch nach, indem sie ebenfalls Selbstmord begingen – ein Phänomen, das bis heute unter dem Begriff Werther-Effekt bekannt ist.

In wirklich großer Literatur geht es ja immer um Liebe und Tod, aber so eindringlich und empfindsam wie Goethe in seinem Werther Liebe und Tod zusammenführt, hat es vor und nach ihm kein Dichter oder Schriftsteller getan. Werther ist ein Außenseiter, ein Rebell und Freigeist, der gegen die Enge der bürgerlichen Gesellschaft aufbegehrt und die Grenzen seines Menschseins aufzubrechen versucht, indem er sich ganz der Liebe hingibt. In der Liebe, so glaubt Werther, liegt die Überwindung aller Grenzen und der Weg aus dem Kerker seiner Existenz. Die Tragik seines Schicksals liegt vor allem darin begründet, dass dieser Weg nicht frei ist, denn Lotte, die Frau, die er liebt, ist einem anderen versprochen. Doch seine Liebe zu ihr ist leidenschaftlich, besinnungslos und vor allem absolut. Der Konflikt zwischen individuellem Glücksanspruch und gesellschaftlich vorgegebenen Normen und Gesetzen kann aber nicht gelöst werden. Da diese Liebe, in der er die Befreiung von allen Einschränkungen sucht, also nicht sein darf, bleibt ihm als einziger Ausdruck von Freiheit und als letzter Weg aus seinem Kerker nur noch der Freitod. Das Beeindruckendste an Goethes Werther ist für mich die ungeheuer bildhafte Sprache. Mit welcher Empfindsamkeit und wie schwärmerisch, enthusiastisch, fast fieberhaft erregt Goethe über die Liebe und das Leiden an deren Unerfüllbarkeit schreibt, ist einfach unerreicht und rührt mich immer wieder zu Tränen.

© Claudia Bett

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10 Gedanken zu “Montagsfrage: Falls ihr Klassiker lest, habt ihr besondere Favoriten und wenn ja, warum?

  1. Liebe Claudia,

    ich mag es schon lieber modern. Es gab eine Zeit, da habe ich einige Klassiker verschlungen, aber das ist schon eine ganze Weile her. Mein persönlicher Klassiker, den ich hüte wie einen besonderen Schatz, ist eine Ausgabe aus den 60er Jahren von Grimms Märchen. Meine Erinnerungen an die Zeit aus der mir daraus vorgelesen wurde ist unvergessen geblieben.

    Herzliche Grüße Nisnis

    http://nisnis-buecherliebe.blogspot.de/2016/05/montagsfrage-vom-30052016.html

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    • Seit ich mein Studium beendet habe, habe ich keinen einzigen Klassiker mehr gelesen. Ich glaube, das Studium hat mir die Lust auf Klassiker auch ein wenig genommen – es waren einfach zu viele, die ich lesen musste und manche waren auch furchtbar langweilig. Fontane ist an Ereignislosigkeit wirklich nicht mehr zu toppen 😉 Vielleicht kommt die Lust auf Klassiker mal wieder. Goethes Werther werde ich jedoch immer mal wieder zur Hand nehmen. Märchen waren leider nie meins – nicht einmal als Kind, aber dennoch habe ich das Märchenbuch, das mir meine Oma geschenkt hat, aufbewahrt, weil es eben einfach von Oma ist 😉
      Herzliche Grüße
      Claudia

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  2. Liebe Claudia,

    bereits als ich das Bild zu diesem schönen Beitrag sah, ging mir das Herz auf, denn auch ich bin ganz, ganz großer ‚Werther-Fan‘. 🙂 Mir geht ähnlich wie Dir, auch ich habe diese wundervolle Geschichte schon unzählige Male gelesen und bin immer wieder drauf und dran mir weitere Ausgaben dieses Werks zuzulegen.
    In den letzten Jahren, gerade auch während meines Literatur Studiums, musste ich allerdings feststellen, dass kaum jemand meine Begeisterung für „Die Leiden des jungen Werther“ teilt. Um so erfreuter bin ich, dass ich in Dir eine Gleichgesinnte gefunden habe. 🙂

    Liebe Grüße
    Julia

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    • Oh, ich freue mich auch, auf eine Gleichgesinnte zu treffen, denn der gute Werther ist irgendwie vollkommen aus der Mode gekommen, während sich andere Klassiker großer Beliebtheit erfreuen. Ich weiß nicht, woran das liegt, denn ich halte den Werther für vollkommen zeitlos, da sich das Buch mit immer noch aktuellen Themen beschäftigt. Auch während meines Studiums hatte ich den Eindruck, Werther wird eher belächelt und nur Goethes Faust sei es noch wert, dass man sich mit ihm beschäftigt. Schön, dass es doch noch jemanden gibt, der meine Begeisterung teilt 🙂
      Liebe Grüße
      Claudia

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  3. Von der Epoche her kein Klassiker, aber ein „Alter Meister“, der mich immer wieder umhaut: Shakespeare. Deutsche Literatur habe ich wenig gelesen, im Studium war ich auf Frankreich ausgerichtet und jetzt habe ich selten Zeit. Goethe ist nicht so mein Held, wenn dann eher die Wahlverwandtschaften, aber wer weiß, vielleicht komme ich ja noch auf den Geschmack.

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    • Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich noch nie ein Werk von Shakespeare gelesen habe. Aber warum sollte er kein Klassiker sein? Unter Klassiker verstehe ich nicht nur Dichter der Weimarer Klassik, und dass meine Wahl auf Goethe fiel, ist eher Zufall. Bei den Franzosen fiele mir da sofort Molière ein, unter dessen ‚Le malade imaginaire‘ ich während meiner Schulzeit allerdings ein wenig gelitten habe 😉 Im Moment ist mir allerdings auch nicht nach Klassikern zumute. Vielleicht kommt es irgendwann mal wieder, aber mein Bedarf ist nach dem Studium nun erstmal gedeckt 😉

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  4. Ich denke ganz und gar nicht, dass du eine „Vollmeise“ hast – ich besitze auch meine Lieblingsklassiker (Das Bildnis des Dorian Gray und Les Enfants Terribles) in verschiedenen Ausgaben. Und das nicht nur, weil ich sie auch jeweils in der Originalsprache habe … Wenn ich in einem Antiquariat eine hübsche alte Ausgabe sehe, kann ich einfach nicht daran vorbeigehen!

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