Buchrezension: Eric Berg – Das Küstengrab

Eric Berg - Das KüstengrabInhalt:

Lea Mahler und ihre Schwester Sabina sind gemeinsam auf der beschaulichen Ostseeinsel Poel aufgewachsen. Nach dem tragischen Tod ihrer Eltern und der Trennung von ihrer Jugendliebe Julian, der kurz nach der Wende ohne ein Wort des Abschieds einfach verschwand, hielt Lea jedoch nichts mehr in ihrer Heimat. Außer ihrer Schwester, mit der sie sich allerdings noch nie gut verstand, war ihr nichts mehr geblieben, und so verließ sie Poel Hals über Kopf, wanderte nach Argentinien aus, heiratete dort und verwirklichte ihren Jugendtraum, Fotografin zu werden.
Dreiundzwanzig Jahre später kehrt Lea nach Poel zurück. Doch kurz nach ihrer Ankunft kommt es zu einem tragischen Unfall, bei dem ihre Schwester Sabina ums Leben kommt und den Lea schwer verletzt überlebt. Seitdem leidet sie unter Amnesie, kann sich weder an den Unfall noch an die Tage davor erinnern und weiß auch nicht mehr, warum sie überhaupt nach Poel gekommen war. Auch ein viermonatiger Klinikaufenthalt bringt ihre Erinnerung an die Ereignisse nicht zurück.
Obwohl ihre Ärztin ihr ausdrücklich davon abrät, beschließt Lea nach ihrer Entlassung aus der Klinik, sofort wieder nach Poel zurückzukehren. Sie möchte unbedingt herausfinden, was sie vor vier Monaten überhaupt veranlasst hatte, auf die Insel zu fahren, warum sie sich dort mit ihrer Schwester treffen wollte, obwohl sie sich doch inzwischen vollkommen von ihr entfremdet hatte, und wie es zu diesem schrecklichen Unfall kommen konnte. Die einzigen, die ihr helfen könnten, diese Fragen zu beantworten und ein Licht ins Dunkel ihrer Erinnerungen zu bringen, sind ihre Freunde aus Jugendtagen. Außer Julian, dessen Verschwinden nach wie vor ein Rätsel ist, leben alle Mitglieder ihrer ehemaligen Clique noch auf Poel. Allerdings haben sie sich im Lauf von mehr als zwanzig Jahren sehr verändert, begegnen Lea teilweise mit unverhohlener Ablehnung, hüllen sich in Schweigen oder verwickeln sich in Widersprüche. Jeder tischt ihr eine andere Version der Ereignisse auf, sodass sie nicht mehr weiß, wem sie noch glauben und vertrauen kann. Offenbar haben ihre ehemals besten Freunde etwas zu verbergen und hüten ein Geheimnis, das auf keinen Fall an die Oberfläche gelangen darf. Auf der Suche nach ihrer Erinnerung gelangt Lea immer mehr zu der Erkenntnis, dass die Antworten auf all ihre Fragen in der Vergangenheit und den gemeinsam verbrachten Jugendjahren zu liegen scheinen.

Meine persönliche Meinung:

Wenn in einem Klappentext das Wörtchen „Amnesie“ auftaucht, ist mein Interesse sofort geweckt. Auch wenn ich das ein oder andere traurige und belastende Erlebnis gerne vergessen würde, stelle ich es mir schrecklich vor, überhaupt keine Erinnerungen mehr zu haben, denn jede Erfahrung, die wir machen, prägt uns und macht uns zu dem, was wir sind. Unser Gedächtnis hilft uns, diese Erfahrungen zu sortieren, und wir brauchen diese Informationen aus unserer Vergangenheit, um uns in unserem eigenen Leben zurechtzufinden, ansonsten käme uns nicht nur die Orientierung, sondern auch ein Teil unserer Identität abhanden. Und genau das ist Lea, der Hauptprotagonistin in Eric Bergs Kriminalroman Das Küstengrab passiert, weshalb sie alles daransetzt, ihre Erinnerungen zurückzugewinnen. Sie möchte nicht nur wissen, wie es zu dem Unfall kam, bei dem Sabina starb und bei dem sie weitaus mehr als nur ihre Schwester verloren hat, sondern ist vor allem auf der Suche nach sich selbst, denn sie hat keine Erklärung dafür, warum sie vier Monate zuvor überhaupt in ihre alte Heimat Poel, der sie für immer den Rücken kehren wollte, zurückgekehrt ist und sich mit ihrer eigentlich verhassten Schwester treffen wollte.
In diesem Roman werden verschiedene Zeitebenen sehr geschickt miteinander verwoben, denn die Kapitel wechseln ständig zwischen Leas gegenwärtigen Nachforschungen im September 2013, die überwiegend aus der Ich-Perspektive geschildert werden, und den Ereignissen, die vier Monate zurückliegen und die Eric Berg dem Leser aus einer neutralen Erzählperspektive präsentiert. Außerdem wird der Blick auch immer wieder in das Jahr 1990 zurückgeworfen, in die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung, als sich den Jugendlichen auf der abgeschiedenen Insel Poel plötzlich völlig neue Perspektiven zu eröffnen schienen. Jeder in Leas Clique hatte damals seine Träume, doch offenbar ist es nicht allen gelungen, diese zu verwirklichen.
Ich war äußerst beeindruckt, wie präzise der Autor die Protagonisten seines Romans ausgearbeitet und ihre Lebenswege nachgezeichnet hat. Durch die gewählte Ich-Perspektive kommt der Leser vor allem Lea sehr nahe. Dennoch ist sie aufgrund ihrer Erinnerungslücken natürlich die unzuverlässigste Protagonistin, deren Einschätzungen man nicht trauen kann. An ihrer Seite versucht man nun, Licht ins Dunkel zu bringen. Dabei geht es jedoch nicht nur darum, den Unfall und den Tod ihrer Schwester aufzuklären, sondern auch darum, herauszufinden, was aus Leas Jugendliebe Julian geworden ist. Je weiter die Handlung voranschreitet, umso deutlicher wird nämlich, dass die Ursachen für die jüngsten Ereignisse in der Vergangenheit zu suchen sind und in Zusammenhang mit Julians Verschwinden im Jahre 1990 stehen.
Im Mittelteil seines Kriminalromans widmet sich der Autor sehr intensiv der psychologischen Ausarbeitung der verschiedenen Charaktere, denen Lea im Verlauf ihrer Nachforschungen begegnet. Obwohl die Handlung dadurch ins Stocken gerät, fand ich aber gerade diese Passagen besonders faszinierend und spannend. Fast euphorisch und voller jugendlicher Leichtherzigkeit hatten die Cliquenmitglieder im Sommer 1990 ihrer Zukunft entgegengefiebert, freuten sich, dass die Wende nun jedem von ihnen ungeahnte Möglichkeiten bot, die Welt kennenzulernen, spannende Erfahrungen zu machen, erfolgreich zu sein und Neues auszuprobieren. Nun, dreiundzwanzig Jahre später, fällt das Resümee ihres Lebens allerdings ernüchternd aus. Keiner von Leas ehemaligen Freunden scheint sein Glück gefunden zu haben, und auch der wirtschaftliche Erfolg, den der Mauerfall manchen von ihnen durchaus beschieden hatte, ging nicht automatisch mit einem zufriedenen Leben einher. Während alle auf eine glückliche Kindheit auf Poel zurückblicken können, scheint mit der Wende eher das Unglück über diese beschauliche Ostsee-Insel gekommen zu sein.
Eric Berg ist es sehr gut gelungen, die Ruhe, Stille und die landschaftliche Idylle dieses Ortes einzufangen, aber auch zu zeigen, welche Abgründe sich hinter der friedlichen Fassade auftun. In dieser vermeintlich heilen Welt gären enorme Spannungen und regieren blinder Hass, Neid und Rivalität. Diese unterschwelligen Feindseligkeiten drohen zu eskalieren, als Lea wieder auf die Insel kommt und unangenehme Fragen stellt. Bis zum Ende weiß man nicht, wer letztendlich ihr Freund oder Feind ist, wem sie trauen kann und wer etwas zu verbergen hat. Durch den ständigen Perspektivenwechsel kommt man der Wahrheit aber allmählich näher. Stück für Stück können Leas Gedächtnislücken geschlossen werden, bis zuletzt ein verstörendes Geheimnis zutage tritt, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Auch wenn ich bereits ahnte, welches Schicksal Julian ereilt hatte, war ich von der Auflösung des Rätsels sehr überrascht. Die verschiedenen Erzählstränge nähern sich im Verlauf der Handlung immer weiter an und verschmelzen am Ende zu einem stimmigen Ganzen.
Wer einen nervenzerreißenden und actiongeladenen Kriminalroman erwartet, wird von Eric Bergs Das Küstengrab vermutlich enttäuscht sein. Das Buch zeichnet sich vielmehr durch einen sehr ruhigen Erzählfluss aus und konnte mich vor allem aufgrund seiner psychologischen Tiefe überzeugen. Obwohl die Spannung mitunter ein wenig zu kurz kommt, ist dieser Krimi dennoch nie langweilig, sondern atmosphärisch dicht, düster, beklemmend und stimmte mich häufig auch sehr nachdenklich.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Eric Berg: Das Küstengrab
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 22. September 2014
432 Seiten
ISBN 978-3-7341-0218-9

Cover: Blanvalet Verlag

Merken

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im Juli 2016

Auch im Juli erscheinen wieder viele spannende neue Bücher, die mein Interesse wecken, aber aufgrund meiner stetig wachsenden Wunschliste, die langsam auszuufern droht, habe ich beschlossen, meine Auswahl auf fünf Neuerscheinungen zu beschränken.
Natürlich wird es wieder ziemlich thrillerlastig 😉

Ganz besonders freue ich mich auf den neuen Roman von Joy Fielding, denn ich habe schon viele ihrer Romane gelesen und wurde bislang noch nie enttäuscht.

Die Schwester von Joy FieldingEin kleines Mädchen verschwindet. Ihre Mutter und ihre Schwester bleiben zurück. Und werden Jahre später mit einer Wahrheit konfrontiert, die sie ins Herz der Finsternis führt …

Caroline Shipley ist voller Vorfreude, denn ihr Mann Hunter hat sie zur Feier ihres Hochzeitstages in ein Luxushotel in Mexiko eingeladen. Gemeinsam mit ihren beiden kleinen Töchtern reisen sie an und beziehen ihre komfortable Suite. Doch was als paradiesischer Aufenthalt geplant war, wandelt sich zum tiefen Trauma in Carolines Leben, von dem sie sich nie erholen wird – denn eines Abends wird die zweijährige Samantha aus der Suite entführt und bleibt für immer verschwunden. Caroline zerbricht beinahe an dem Verlust und muss sich auch noch den Verdächtigungen der Presse stellen, an der Entführung beteiligt gewesen zu sein. Die Jahre vergehen, und irgendwann gibt Caroline selbst den letzten Funken Hoffnung auf, dass Samantha doch noch am Leben ist. Bis sie eines Tages den Anruf einer mysteriösen jungen Frau erhält, die behauptet, ihre verlorene Tochter zu sein – und damit einen Strudel von Ereignissen auslöst, der Caroline die schockierende Wahrheit darüber offenbart, was wirklich geschah in jener heißen Sommernacht in Mexiko … (Klappentext Goldmann Verlag)

Joy Fielding – Die Schwester
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 11. Juli 2016
Hardcover – 448 Seiten – 19,99 €
ISBN 978-3-442-31272-6


Sehr gespannt bin ich auch auf diesen Thriller von Jenny Milchman, denn der Klappentext klingt mehr als beklemmend. Ich freue mich, dass mir der Verlag das Buch bereits zur Verfügung gestellt hat und ich sofort anfangen kann, es zu lesen.

Jenny Milchman - Night fallsDenk nicht, du hast alles hinter dir gelassen

Sandra hat alles. Ein Traumhaus mitten in der Natur. Einen Mann, der sie auf Händen trägt. Eine 15-jährige Tochter, ihr großes Glück. Bis aus dem Traum ein Alptraum wird: Zwei Fremde dringen in ihr Haus ein, schlagen ihren Mann brutal nieder und nehmen Mutter und Tochter als Geiseln. Draußen tobt ein Schneesturm. Es gibt keinen Ausweg. Schon gar nicht für Sandra. Denn sie kennt einen der Männer — und wollte ihn um jeden Preis vergessen. (Klappentext Ullstein)

 

 

Jenny Milchman – Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken
Verlag: Ullstein
Ersterscheinungstermin: 15. Juli 2016
Klappenbroschur – 480 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-548-28755-3


Veit Etzold - SkinAls Christian den Link zu dem Video anklickt, ist er entsetzt über das, was er sieht: einen bis zur Unkenntlichkeit entstellten menschlichen Körper, der regungslos auf dem Wasser eines Swimmingpools treibt. Das ist nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe von seltsamen Ereignissen, die sich in Christians sonst so geregeltem Leben plötzlich häufen. Doch als er sich der Polizei anvertraut, reagiert diese anders als erwartet. Christian hat das Gefühl, dass man ihm nicht glaubt. Als er weitere dieser grauenhaften Videos erhält, steht die Polizei plötzlich vor seiner Tür: Man hat herausgefunden, dass die E-Mails von seinem Account verschickt wurden. Und: Die Toten sind keine Fremden – Christian kannte sie alle(Klappentext Bastei Lübbe)

 

Veit Etzold – Skin
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 14. Juli 2016
Taschenbuch – 415 Seiten – 10,99 €
ISBN 978-3-404-17375-4


Sarah Waters - Fremde GästeEine leidenschaftliche Affäre voller Abgründe

London in den Zwanzigerjahren. Die 28-jährige Frances Wray und ihre Mutter sind gezwungen, Untermieter in ihrem Stadthaus aufzunehmen, seit der Vater und die beiden Brüder im Krieg gefallen sind. Mit der Ankunft von Lilian und Leonard Barber, einem modernen jungen Ehepaar, halten Grammophonmusik, Lebensfreude und Gelächter Einzug. Offene Türen gewähren Frances Einblicke in fremde Gewohnheiten, und ans Tageslicht drängende Geheimnisse wecken verborgene Sehnsüchte in ihr. Bis ein schreckliches Ereignis nicht nur Frances‘ Welt gänzlich aus den Fugen geraten lässt. (Klappentext Bastei Lübbe)

 

Sarah Waters – Fremde Gäste
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 14. Juli 2016
Hardcover – 687 Seiten – 22,00 €
ISBN 978-3-7857-2565-8


Mary Kubica - Pretty BabySchon immer hat Heidi Wood sich oft und gern um andere gekümmert. Doch als sie eines Tages ein mysteriöses obdachloses Mädchen und deren Baby mit nach Hause bringt, geht sie eindeutig zu weit! Heidis Mann Chris hat Angst um seine Tochter – und um seine Frau. Denn sie beginnt sich zu verändern, scheint immer mehr in den Bann des unbekannten Mädchens zu geraten und sich damit unaufhörlich weiter von ihrer eigenen Familie zu entfernen.
Wer ist die Fremde? Woher kommt sie? Und was will sie von meiner Familie?
Chris beginnt zu recherchieren und stößt auf ein schreckliches Geheimnis. Aber um seine Frau und seine Tochter zu retten ist es vielleicht schon zu spät … (Klappentext HarperCollins)

Mary Kubica – Pretty Baby – Das unbekannte Mädchen
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 18. Juli 2016
Klappenbroschur – 304 Seiten – 16,99 €
ISBN 978-3-959-67033-3

Buchrezension: George R. R. Martin – Die Herren von Winterfell (Das Lied von Eis und Feuer 1)

Das Lied von Eis und Feuer 01 von George RR MartinInhalt:

Eddard Stark, Lord von Winterfell und Wächter des Nordens, erhält eines Tages die traurige Nachricht, dass sein Ziehvater Lord Jon Arryn, der das Amt der Rechten Hand innehatte und damit wichtigster Berater und engster Vertrauter des Königs war, verstorben ist. Robert Baratheon, König der Sieben Königslande von Westeros, reist kurz darauf mit seinem Gefolge nach Winterfell und bittet nun seinen Jugendfreund Eddard Stark, der von Freunden nur Ned genannt wird, ihm fortan als Rechte Hand zu dienen. Obwohl ihm der König wie ein Bruder ist und ihm auch zu verstehen gibt, dass er dringend seine Unterstützung braucht, würde Ned dieses Amt am liebsten ablehnen, gibt dem Drängen des Königs aber schließlich aus Pflichtgefühl nach, zumal dieser ihm das Angebot unterbreitet, die Häuser Baratheon und Stark durch eine Eheschließung zwischen seinem Sohn und Thronfolger Joffrey und Neds Tochter Sansa zu verbinden. Gemeinsam mit seinen Töchtern Sansa und Arya zieht Ned schließlich gen Königsmund an den Hof des Königs.
Zu seinem Entsetzen stellt er fest, dass sich sein Freund aus Jugendtagen, dem er einst geholfen hatte, den Thron zu erobern, sehr verändert hat. Robert ist ein äußerst schwacher König, der sich lieber der Völlerei, den Huren und der Jagd hingibt, statt sich um die Reichsgeschäfte zu kümmern. Das Reich ist hoch verschuldet, und Robert ist kaum noch in der Lage, sich gegen die zahlreichen Intriganten und machthungrigen Adeligen, die sich um den Eisernen Thron scharen, zur Wehr zu setzen.
Außerdem erlangt Ned Stark allmählich die Gewissheit, dass sein Amtsvorgänger Jon Arryn keineswegs einem rätselhaften Fieber erlag, sondern ermordet wurde und nicht zuletzt Cersei, die Ehefrau des Königs, sowie ihr Zwillingsbruder Jaime Lennister hinter den düsteren Machenschaften am Hof stecken.
Doch die eigentlichen Gefahren lauern außerhalb des Reichs. In Essos, einem Kontinent östlich von Westeros, verbünden sich die letzten Erben des ehemaligen Königshauses Targaryen mit einem kriegerischen Reitervolk, um die Sieben Königslande und den Eisernen Thron zurückzuerobern. Und auch an der Mauer, einem zweihundert Meter hohen Eiswall, der die nördliche Grenze des Reichs bildet, kündigt sich eine unheimliche Bedrohung an.
„Der Winter naht“ ist der Sinnspruch der Starks, und niemand weiß besser als Eddard Stark, dass der nächste Winter unmittelbar bevorsteht – ein Winter, der mehrere Jahrzehnte dauern kann und seine ersten unheilvollen Vorboten bereits ausgesandt hat.

Meine persönliche Meinung:

Es ist nicht ganz einfach, Die Herren von Winterfell, den ersten Band der Reihe von Das Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin zu rezensieren, denn dieses Buch wurde schon so häufig besprochen, dass dem bereits Gesagten kaum noch etwas hinzuzufügen ist und ich im Grunde nur wiederholen kann, was vor mir schon Tausende von Lesern geschrieben oder gesagt haben. Außerdem ist dieses Buch lediglich der Auftakt einer Reihe, die so komplex, vielschichtig und facettenreich ist, dass man ihr kaum gerecht werden kann, wenn man nur einen einzelnen Teilband betrachtet.
Bei Die Herren von Winterfell handelt es sich strenggenommen sogar nur um die erste Hälfte des ersten Bandes, denn die englischsprachige Originalfassung umfasst bislang fünf Bände, die in der deutschen Übersetzung im Blanvalet Verlag jedoch in jeweils zwei Bände aufgeteilt wurden, also derzeit zehn Teilbände umfasst. Inzwischen gibt Penhaligon diese deutsche Übersetzung jedoch auch als ungeteilte Sonderausgabe im Hardcover heraus.
Obwohl das bei mir recht selten der Fall ist, fehlen mir nun einfach die Worte und vor allem die Adjektive, um zu beschreiben, wie grandios ich bereits den ersten Band dieses gewaltigen Epos fand. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gelesen, bin vollkommen sprachlos und einfach nur begeistert.
Dabei war ich zunächst ganz furchtbar skeptisch, denn bislang habe ich die Erfahrung gemacht, dass mich Bücher, die von der breiten Masse geradezu enthusiastisch gefeiert werden, recht selten überzeugen konnten. Außerdem gehört Fantasy ohnehin nicht unbedingt zu meinen bevorzugten Genres. Ich habe mich noch bei keinem Buch so unendlich gelangweilt wie bei Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien, und da George R. R. Martin häufig mit Tolkien verglichen wird, hat mich dieser Vergleich nicht gerade beflügelt, seine Bücher lesen zu wollen. Sobald ein Buch vollkommen ins Fantastische abdriftet und es um Elfen, Vampire, Trolle oder andere seltsame Wesen geht, die mir im realen Leben noch nie begegnet sind und es vermutlich auch nie werden, verliere ich in der Regel recht schnell das Interesse. Wenn Fantasy-Elemente aber recht sparsam zum Einsatz kommen, als Metapher oder Symbol verwendet werden und die Hauptprotagonisten menschliche Wesen sind und wie solche denken, fühlen und agieren, dann kann ich auch mit Fantasy-Literatur etwas anfangen. Obwohl man bereits im Prolog mit Weißen Wanderern und Wiedergängern konfrontiert wird, spielen fantastische Wesen in Die Herren von Winterfell eine eher untergeordnete Rolle. Auch Schattenwölfe, die bereits zu Beginn des Buches in Erscheinung treten, sind mir in der freien Wildbahn freilich noch nie begegnet, aber sie verfügen (zumindest in diesem Band) über keine erkennbaren magischen Fähigkeiten, sind einfach nur besonders große und intelligente Wölfe und haben vor allem Symbolcharakter, zumal ein Schattenwolf das Wappen des Hauses Stark ziert. Ich fand es fast schon ein wenig enttäuschend, dass diese Wölfe im Grunde nicht viel mehr können als jeder herkömmliche Hund. Die primär handelnden Protagonisten in diesem Band sind jedenfalls allesamt Menschen und so interessant, vielschichtig und präzise ausgearbeitet, wie man es nur selten in Büchern findet.
Häufig wird George R. R. Martin für seine detaillierten Charakterzeichnungen und recht ausführlichen Erklärungen und Beschreibungen kritisiert, aber gerade das macht dieses Buch eben aus. Schließlich bildet Die Herren von Winterfell den Auftakt zu einer Buchreihe, an der der Autor seit mehr als zwanzig Jahren schreibt, die immer noch nicht abgeschlossen ist und in der er eine völlig neue Welt erschaffen hat. Um sie zu verstehen, sich in ihr zurechtzufinden und vollkommen in sie eintauchen zu können, muss der Leser zunächst in diese Welt eingeführt werden, die Protagonisten, die Ausgangssituation und auch die Schauplätze kennenlernen.
Martin ist ein so brillanter Erzähler, dass selbst ausschweifende Landschaftsbeschreibungen spannend zu lesen sind. Seine Sprache ist nüchtern, einfach und schnörkellos, aber gleichzeitig unglaublich bildgewaltig und prägnant. Er kann mit Worten Bilder zeichnen, die vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen und ihn somit zu einem Teil dieser fiktiven Welt werden lassen. Der Literaturkritiker Denis Scheck hat das erzählerische Talent des Autors jedenfalls sehr treffend beschrieben, als er meinte, George R. R. Martins Erzählweise sei „so realistisch, dass man die Drachenscheiße buchstäblich zu riechen meint“.
Jedes gute Buch steht und fällt allerdings mit seinen Protagonisten. Derer gibt es reichlich in Das Lied von Eis und Feuer, und es ist mitunter recht schwierig, den Überblick über alle Figuren, ihre Herkunft und ihre Beziehungen untereinander zu behalten. Praktischerweise befindet sich im Anhang des Buches aber ein detailliertes Glossar, das diesbezüglich sehr hilfreich ist. Martin nimmt sich sehr viel Zeit, seine Figuren zu entwickeln und lebendig werden zu lassen. Keiner seiner Protagonisten entspricht den gängigen Klischees eines klassischen Helden oder typischen Bösewichts. Alle Charaktere sind so dreidimensional, facettenreich und ambivalent angelegt, sodass es recht schwierig ist, einen wahren Sympathieträger oder ein wirkliches Scheusal auszumachen. Die einzige Figur, bei der ich bislang nicht einen einzigen liebenswerten Charakterzug entdecken konnte, ist Joffrey Lennister, der Sohn und Thronfolger von König Robert Baratheon. Dass aber ausgerechnet ein äußerlich engelsgleiches Kind mit so negativen Eigenschaften ausgestattet wurde, widerspricht schon allen üblichen Klischees und macht diesen Knaben zu einer recht interessanten, wenn auch verabscheuungswürdigen Figur. Ansonsten ist es aber nahezu unmöglich, klar zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, weil selbst die Antagonisten durchaus positive Charaktereigenschaften haben können und auch die vermeintlichen Helden zu mitunter abscheulichen Taten fähig sind. Dennoch gibt es Charaktere, die ich sofort ins Herz schloss (allen voran Tyrion Lennister) und solche, die mich eher langweilten (vor allem Bran Stark).
Jedes Kapitel wird aus der Perspektive eines anderen Hauptprotagonisten erzählt, sodass der Leser die Möglichkeit erhält, diese Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennenzulernen. Die Kapitel haben eine angenehme Länge und enden natürlich dann, wenn es am spannendsten wird, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen kann, weil man ja wissen will, wie das Leben der einzelnen Figuren weitergeht. Und so viel sei gesagt: niemand ist in diesem Buch sicher, denn George R. R. Martin scheut sich nicht, auch seine Hauptprotagonisten erbarmungslos sterben zu lassen. Überall lauern Gefahren, ständig müssen Konflikte ausgetragen werden und die Bedrohung ist stets spürbar, allgegenwärtig und geradezu beklemmend. Manchmal hatte ich vor dem Umblättern einer Seite fast Angst, weil ständig etwas Unvorhersehbares und Erschütterndes passiert. Häufig ist man ja schon froh, wenn es in einem Buch zu einer einzigen überraschenden Wendung kommt, aber in Die Herren von Winterfell wendet sich das Blatt in nahezu jedem Kapitel. Es kommt bei mir recht selten vor, dass ich beim Lesen ungläubig innehalte und manche Stellen zweimal lesen muss, weil ich einfach nicht fassen kann, dass das, was ich eben gelesen habe, tatsächlich passiert ist. Nüchtern, fast beiläufig lässt George R. R. Martin seine Helden scheitern oder siegen und den Leser häufig vollkommen fassungslos zurück.
Die Welt, die der Autor in diesem Buch entwirft, ist stark an das europäische Mittelalter angelehnt. Dennoch handelt es sich freilich nicht um einen historischen Roman. Martin hat sich von realen historischen Begebenheiten, wie etwa den Rosenkriegen oder dem Hundertjährigen Krieg, lediglich Inspirationen geholt und ließ diese in sein Werk einfließen.
Trotz fantastischer Elemente und einer mittelalterlich anmutenden Kulisse wirkt das Erzählte geradezu erschreckend real und nachvollziehbar. Vermutlich wird sich jeder Leser in der ein oder anderen Person wiederfinden und sich mit Themen konfrontiert sehen, die ihn auch selbst betreffen, denn im Zentrum der Handlung steht all das, was uns Menschen von jeher an- und umtreibt – Hass, Liebe, Macht, Geld, Familie, Freundschaft, Verrat, Rache und der ständige innere Konflikt mit uns selbst.
Somit hat George R. R. Martin ein zeitloses Werk geschaffen, das in jeder Hinsicht als epochal angesehen werden kann. Ich kann es kaum abwarten, nun bald die folgenden Bände zu lesen und bin nach diesem fulminanten Reihenauftakt sicher, dass dieses gewaltige Epos mir noch viele wunderbare und spannende Lesestunden bereiten wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

George R. R. Martin: Die Herren von Winterfell (Das Lied von Eis und Feuer 1)
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 14. Dezember 2010
576 Seiten
ISBN 978-3-442-26774-3

Cover: Blanvalet

Merken

Merken

Merken

Montagsfrage: Wie ist bei dir das Verhältnis zwischen Fiktion und Non-Fiktion, wenn du dein Leseverhalten betrachtest?

Montagsfrage

Buchfresserchen hat heute auf ihrem Blog wieder eine sehr interessante Frage gestellt, mit der ich nun gleich in die Woche starten möchte.

Bis vor ein paar Jahren hielt sich, was mein Leseverhalten anbelangt, das Verhältnis von fiktionalen Texten und reinen Sachbüchern noch ziemlich die Waage. Ich habe nicht nur Klassiker, Romane, Krimis und Thriller gelesen, sondern ebenso häufig auch Sachbücher zu Themen, die mich interessierten, oder Biografien interessanter Persönlichkeiten. Auch während meines Germanistikstudiums war dieses Verhältnis noch recht ausgeglichen, weil ich für dieses Studium eben beides gleichermaßen lesen musste. Danach habe ich mich allerdings vollkommen in mein Geschichtsstudium gestürzt, nebenbei noch als Besucherführerin im Museum gearbeitet und mich so akribisch auf meine Führungen vorbereitet, dass meine Nase nahezu den ganzen Tag in einem Fachbuch steckte. Außerdem habe ich hin und wieder auch wissenschaftliche Texte korrekturgelesen. Lesen wurde für mich im Grunde vom Hobby zum Beruf, was ich auch als durchaus angenehm empfand und mir großen Spaß machte. Ich habe das Interesse an fiktionalen Texten zwar nie verloren, hatte allerdings keine Zeit und auch keine Ruhe mehr dafür, weil immer ein Stapel Fachbücher und zig wissenschaftliche Texte neben mir lagen, die ich für diverse Nebenjobs oder für mein Studium lesen musste. Manchmal hätte ich schon lieber zwischendurch nach einem Krimi gegriffen, einfach mal ein Buch zur reinen Unterhaltung und Entspannung gelesen und mich in eine fiktive Geschichte fallen lassen, aber ein Blick auf meinen Schreibtisch reichte schon, um das schlechte Gewissen anzukurbeln und mir das Gefühl zu vermitteln, dass ich in diesem Metier nur dann erfolgreich sein kann, wenn ich das geballte Wissen in Form von Fachbüchern in mich eingesogen habe. Ich konnte mich einfach nicht entspannt zurücklehnen und einen Roman lesen, obwohl es irgendein Referat, eine Seminararbeit oder eine Führung vorzubereiten galt oder ich gebeten wurde, eine wissenschaftliche Publikation korrekturzulesen. Und so habe ich es geschafft, in zwei Jahren exakt vier (!) Romane zu lesen, aber dafür eben massenhaft Fachbücher.
Seit ich mein Studium abgeschlossen habe, meine Ambitionen, in diesem Bereich weiterhin beruflich Fuß zu fassen, sich jedoch weitgehend in Luft auflösten und mir meine jahrelange Lektüre von unzähligen Fachtexten, zwar ein recht umfangreiches Wissen und einen passablen Studienabschluss, aber sonst eben nicht viel eingebracht hat, ist mein Bedürfnis nach Fachbüchern für den Moment gestillt. Ich habe seit nunmehr sieben Monaten kein einziges Sachbuch mehr gelesen und genieße es momentan auch sehr, einfach wieder nur lesen zu dürfen und nicht mehr zu müssen. Ich verspüre ein riesengroßes Bedürfnis nach fesselnden und spannenden Geschichten, in denen ich versinken kann. Mag sein, dass sich das irgendwann wieder legt, wenn ich mein Nachholbedürfnis befriedigt habe und das Interesse für ein bestimmtes Thema wiedererwacht, aber im Moment fühle ich mich in erdachten Geschichten und fiktiven Welten einfach wohler.

© Claudia Bett

Merken

Krimiwoche 2016

krimiwoche_828x315 Kopie

Vom 13. bis zum 19. Juni fand auf Facebook die erste große Krimiwoche statt. Ich habe die Veranstaltung ja hier auf meinem Blog angekündigt und war sehr gespannt auf die zahlreichen Aktionen und Lesungen. Autorenlesungen vom heimischen Sofa aus miterleben und den Autoren Fragen stellen zu können, war eine vollkommen neue und ungewohnte Erfahrung für mich. Auch wenn ich Live-Lesungen, wie ich sie bisher kannte, nach wie vor bevorzuge, fand ich die Möglichkeit, auf diesem Weg neue und mir bislang unbekannte Autoren kennenlernen zu können, sehr interessant und spannend. Falls Ihr die ein oder andere Lesung verpasst habt, könnt Ihr Euch übrigens alle Videomitschnitte hier auf YouTube anschauen.

20160624_214716Bei den Gewinnspielen war das Glück leider nicht auf meiner Seite, aber heute kam ein liebevoll zusammengestelltes Paket bei mir an, das mich mein Pech bei den Gewinnspielen wieder vergessen ließ, denn alle Blogger, die an der Krimiwoche teilgenommen haben, bekamen ein tolles Überraschungspaket mit spannendem Lesestoff und vielen kleinen Geschenken, wie Lesezeichen, Karten und Leseproben. Auf dem Foto seht Ihr, was alles in meinem Päckchen war. Ich bin unglaublich gespannt auf die drei Bücher und habe mich riesig darüber gefreut! Ich kann es kaum abwarten, diese Krimischätzchen zu lesen und freue mich ganz besonders, dass Blutapfel von Till Raether und Falsche Haut von Leon Sachs (sogar signiert 😉 ) in meinem Paket waren, denn die beiden Autoren waren mir bei den Lesungen sehr sympathisch und haben mich so neugierig auf ihre Bücher gemacht, dass diese auf meiner Wunschliste landeten – aber nun habe ich sie ja!

An dieser Stelle möchte ich nicht nur Leif Tewes, dem Schirmherrn der Veranstaltung, recht herzlich danken, sondern auch Tanja Rörsch und Rebecca Humpert von mainwunder, die die Aktionen mit sehr viel Engagement und Herzblut begleitet und mitorganisiert haben. Und natürlich danke ich auch allen Autoren und Verlagen, die an der Krimiwoche teilgenommen, sie mitgestaltet und unterstützt haben und so viele tolle Bücher und Goodies zur Verfügung stellten.

Ich freue mich schon jetzt, wenn die Krimiwoche im Jahr 2017 in die zweite Runde geht!

Buchrezension: Tibor Rode – Das Mona-Lisa-Virus

Tibor Rode - Das Mona-Lisa-VirusInhalt:

In Acapulco wird ein Bus mit einer Gruppe von amerikanischen Schönheitsköniginnen entführt. Es gibt keine Lösegeldforderungen und kurz darauf taucht das erste Mädchen auch wieder auf. Die junge Frau wurde durch einen operativen Eingriff bizarr entstellt.
In Leipzig wird der Turm des alten Rathauses gesprengt – vom Täter fehlt jede Spur und sein Motiv liegt völlig im Dunkeln.
In Mailand zerstört ein Unbekannter mit Säure Leonardo da Vincis Gemälde vom letzten Abendmahl. Ihm ging es dabei offenbar vor allem darum, die darauf abgebildeten Hände unkenntlich zu machen.
Gleichzeitig sterben überall auf der Welt Bienen an einem rätselhaften Virus. Das Aussterben der Bienen hätte auch dramatische Folgen für die Menschheit.
Außerdem infiziert ein Computervirus weltweit alle Bilddateien, indem es systematisch die Proportionen verändert. Falls sich dieses Virus weiter ausbreitet, wird es bald keine Medien mehr geben, auf denen noch normale Gesichter zu erkennen sind.
Doch wie hängen all diese seltsamen Vorfälle zusammen? FBI-Agent Greg Millner, der der internationalen Truppe des FBI angehört, steht vor einem Rätsel. Alle Spuren führen ihn nach Paris zu Leonardo da Vincis berühmtestem Gemälde – der Mona Lisa.

Zur gleichen Zeit verschwindet die sechzehnjährige Madeleine Morgan aus einer psychiatrischen Klinik in San Antonio. Ihre Mutter Helen, die als Neuroästhetikerin die neurologischen Prozesse bei der Wahrnehmung von Schönheit untersucht, will nicht glauben, dass ihre Tochter tatsächlich mit dem fünfzig Jahre älteren polnischen Milliardär Pavel Weisz durchgebrannt ist, der ebenfalls vermisst wird. Doch dessen Sohn Patryk findet in der Villa seines Vaters in Warschau einen Notizzettel, der auf Helen und ihre Tochter hinweist, und in Madelaines Zimmer in der Klinik wird ein Liebesbrief gefunden, der von einem Mann namens Pavel unterzeichnet wurde. Helen Morgan ist krank vor Sorge um ihre psychisch labile Tochter. Obwohl sie eigentlich im Rahmen ihrer Forschungen in Paris die Mona Lisa untersuchen müsste, bucht sie überstürzt einen Flug nach Warschau, um dort gemeinsam mit Patryk Weisz herauszufinden, wo sich dessen Vater mit Madelaine aufhalten könnte. Die Spur führt sie nach Madrid ins Museo del Prado zur La Gioconda del Prado, einer perfekten Kopie der Mona Lisa.

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Das Mona-Lisa-Virus, denn der Klappentext klang äußerst vielversprechend und außerdem liebe ich Verschwörungsthriller. Tibor Rodes Bücher werden häufig mit den Werken von Dan Brown verglichen. Ob man dem Autor einen Gefallen tut, wenn man die Messlatte derartig hoch ansetzt, wage ich zu bezweifeln und möchte deshalb auf solche Vergleiche verzichten. Meiner Meinung nach hat Tibor Rode mit Das Mona-Lisa-Virus zwar einen soliden Thriller mit einer interessanten Thematik vorgelegt, aber herausragend fand ich ihn leider nicht, weil er doch einige Schwächen aufweist.
Die ersten Kapitel des Buches muten noch etwas verworren an, da recht viele Handlungsstränge eröffnet werden und die verschiedenen Schauplätze und Protagonisten, die zunächst in keinem erkennbaren Zusammenhang zu stehen scheinen, etwas verwirrend sind. Auszüge aus einem Tagebuch aus der Zeit um 1500 waren mir zu Beginn dieses Thrillers jedenfalls vollkommen schleierhaft. Da ich zunächst keine Zusammenhänge mit den anderen Handlungssträngen erkennen konnte, haben diese Passagen den Spannungsbogen anfangs leider unterbrochen, weil mir ihre Bedeutung für den Gesamtkontext völlig belanglos zu sein schien. Erst im weiteren Verlauf des Buches wurde mir allmählich klar, wie diese Tagebucheinträge einzuordnen sind. Diese Kapitel faszinierten mich dann so sehr, dass ich es bedauerlich fand, dass sie nur so kurz waren. Beim Autor dieses Tagebuchs handelt es sich nämlich um den Mathematiker Luca Pacioli, der ein Zeitgenosse und Freund Leonardo da Vincis war. Er verfasste 1509 das Buch De divina proportione , eine umfassende Abhandlung zum „Goldenen Schnitt“, einem Phänomen, mit dem er und sein Freund da Vinci sich seit Jahren intensiv beschäftigt hatten.
Beim Goldenen Schnitt, der auch als „göttliche Proportion“ bezeichnet wird, handelt es sich um ein bestimmtes Teilungsverhältnis, das als vollkommen gilt und seit jeher eine große Anziehungskraft auf Menschen ausübt. Dieses besondere proportionale Größenverhältnis, das vollkommene Schönheit und Harmonie vermittelt, findet sich nicht nur in der Kunst, Architektur und Musik, sondern auch in der Natur wieder – zum Beispiel bei den Bienen. Leonardo da Vincis Mona Lisa gilt vor allem deshalb als Sinnbild für Schönheit, weil es dieses spezifische Größenverhältnis aufweist.
In Das Mona-Lisa-Virus wird recht schnell deutlich, dass hinter all den rätselhaften Ereignissen, die sich weltweit zutragen, nur jemand stecken kann, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Schönheit aus der Welt zu schaffen, also alles, was den Goldenen Schnitt aufweist, zu zerstören. Leider weiß man auch schon nach den ersten 100 Seiten, wer hinter diesen Vorfällen steckt und warum dieser Person so sehr daran gelegen ist, alles Schöne auf der Welt für immer zu vernichten. Nun ist es der Spannung eines Thrillers nicht gerade zuträglich, wenn Täter und Motiv bereits im ersten Viertel des Buches bekannt sind. Spannend ist eigentlich nur noch, ob es dem Täter gelingt, seinen Plan bis zum bitteren Ende durchzuführen, welche Rolle Helen Morgan dabei spielt und ob sie ihre Tochter jemals lebend wiedersieht.
Da Helen Morgan Neuroästhetikerin ist, sich also beruflich mit der Wirkung von Schönheit und den neurologischen Prozessen bei ästhetischen Wahrnehmungen beschäftigt und gerade Forschungen zur Mona Lisa betreibt, fiel die Wahl des Entführers wohl nicht zufällig auf ihre Tochter. Recht eigenartig fand ich jedoch, dass die amerikanische Polizei offenbar keinen Handlungsbedarf sieht, wenn ein minderjähriges Mädchen aus einer psychiatrischen Anstalt verschwindet, denn als Helen mit der Polizei Kontakt aufnimmt, scheint diese ihr Anliegen nicht allzu ernst zu nehmen, sodass sie sich selbst auf die Suche nach ihrer Tochter begeben muss und sich damit zum Werkzeug des Täters macht. Logisch fand ich das nicht gerade, denn dass die Polizei im Vermisstenfall einer Minderjährigen nicht ermittelt und auch der Klinikleiter der Psychiatrie das Verschwinden des Mädchens nicht weiter beunruhigend findet, scheint mir doch etwas unrealistisch zu sein. Außer der Mutter interessiert sich jedenfalls niemand für Madelaines rätselhaftes Verschwinden.
Leider blieb Helen Morgan aber recht farblos und ihr Handeln war mitunter auch ziemlich fragwürdig und nicht ganz nachvollziehbar, sodass es mir schwer fiel, an ihrer Seite mitzufiebern. Dabei war sie durchaus interessant angelegt, denn sie war früher Model und beschäftigt sich nun als Neuroästhetikerin wissenschaftlich mit dem Phänomen Schönheit. Abgesehen von ihrer außergewöhnlichen beruflichen Karriere und einer übersinnlichen Fähigkeit, die jedoch auch nicht unbedingt dazu beitrug, dass man sich in diese Figur hineinversetzen konnte, blieb sie mir jedoch recht fremd. Patryk Weisz, der Sohn des ebenfalls verschwundenen polnischen Milliardärs, ist zwar ein äußerst dubioser und ambivalenter Charakter, aber leider ebenso konturlos wie FBI-Agent Greg Millner.
Besonders interessant und spannend fand ich hingegen die Thematik dieses Thrillers. Sehr geschickt vermischt Tibor Rode historische Fakten mit einer fiktionalen Handlung, hat offensichtlich auch sehr präzise recherchiert, sodass ich es eigentlich recht schade fand, dass die kunsthistorischen und auch naturwissenschaftlichen Aspekte nur recht banal und oberflächlich abgehandelt wurden. Als ich das Geheimnis dieser Tagebucheinträge aus dem 16. Jahrhundert gelüftet hatte, fand ich es bedauerlich, dass diese nicht noch umfangreicher waren, denn sie haben mir ausgesprochen gut gefallen.
Die kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Schönheit ist dem Autor ebenfalls gut gelungen. Einerseits ist Schönheit ein Begriff, der überwiegend positiv konnotiert ist, da alles Schöne uns Menschen erfreut und all unsere Sinne anspricht; andererseits hat Schönheit aber auch ihre Schattenseiten und beinhaltet häufig eine subjektive Selektierung in Gut und Böse, nach rein äußerlichen Aspekten. Diese Aspekte hat der Autor sehr gut herausgearbeitet und gezeigt, dass der schöne Schein oft trügt und die Macht der Schönheit nicht unterschätzt, wohl aber hinterfragt werden sollte. Sein Schreibstil ist dabei recht einfach gehalten und die Kapitel sind angenehm kurz, sodass sich das Buch sehr flüssig lesen lässt.
Was leider ein wenig auf der Strecke blieb, waren Spannung und Logik. Auch wenn die vielen verschiedenen Handlungsstränge plausibel zusammenliefen und der Plot durchaus raffiniert angelegt war, litt die Glaubwürdigkeit doch sehr unter den übersinnlichen Fähigkeiten der Hauptprotagonistin und vor allem an einem an den Haaren herbeigezogenen Zufall, der letztendlich die einzige Wendung des Romans herbeiführte. Das Ende dieses Thrillers war jedenfalls zu konstruiert, um noch glaubwürdig und nachvollziehbar zu sein. Trotz einiger Schwächen war Das Mona-Lisa-Virus ein solider, action- und temporeicher Thriller, der sich mit einer sehr interessanten Thematik auseinandersetzt und sehr faszinierende Einblicke in Leonardo da Vincis Schaffen liefert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an und den Verlag Bastei Lübbe, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Tibor Rode: Das Mona-Lisa-Virus
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 24. März 2016
462 Seiten
ISBN 978-3-7857-2567-2

Cover: Bastei Lübbe

Merken

Merken

Buchrezension: Amélie Nothomb – Der Professor

Amélie Nothomb - Der ProfessorInhalt:

Émile und Juliette Hazel sehnen sich schon ihr Leben lang nach einem ruhigen, beschaulichen Lebensabend in vollkommener Abgeschiedenheit. Der ehemalige Latein- und Griechischprofessor konnte es kaum abwarten, endlich in den wohlverdienten Ruhestand zu treten und das Großstadtleben hinter sich zu lassen.

Studien, Arbeit und selbst die bescheidensten Formen der Geselligkeit – das war uns alles schon zuviel […] Juliette und ich, wir wollten endlich die Fünfundsechzig erreichen, wir wollten mit der Zeitverschwendung aufhören, die der Umgang mit Leuten darstellt.

Die Eheleute finden ein idyllisch gelegenes Traumhaus auf dem Land, von einer Glyzinie umrankt, vier Kilometer entfernt vom nächsten Dorf und mit nur einem einzigen Nachbarn. Als sie dort einziehen, scheint das Glück perfekt, denn in diesem entlegenen Winkel der Erde wähnen sie sich nun am Ziel ihrer Träume.
Doch schon bald wird dieser Friede gestört, als eines Tages ihr Nachbar Palamède Bernardin vor der Tür steht. Ein Höflichkeitsbesuch, so scheint es zunächst, doch der wortkarge Nachbar kommt von nun an jeden Tag. Die Beharrlichkeit, mit der der griesgrämige Monsieur Bernardin täglich um 16 Uhr an die Tür klopft, sich eine Tasse Kaffee bringen lässt und sich dann für exakt zwei Stunden behäbig in einem Sessel niederlässt, gleicht einer Belagerung. Bernadins Lakonie scheint grenzenlos, jede Frage beantwortet er nur mit „ja“ oder „nein“, starrt nur verdrossen, missbilligend und stumpfsinnig vor sich hin und langweilt seine unfreiwilligen Gastgeber fast zu Tode.

In Wahrheit war Monsieur Bernardin nur auf der Welt, um andere anzuöden. Der Beweis ist, daß kein Fünkchen Lebensfreude von ihm ausging.

Das schlimmste war, daß es ihm nicht mal Vergnügen machte, mich anzuöden. Er tat es gründlich, weil es nun mal seine Mission auf Erden war, aber es bereitete ihm keinerlei Freude. Er schien es sterbenslangweilig zu finden, mich zu langweilen.

Doch die anerzogenen Manieren und eine tief verwurzelte, gewohnte Höflichkeit verbieten es den Hazels, den lästigen Nachbarn abzuweisen oder ihm einfach die Tür nicht mehr zu öffnen. Auch mit Tricks und deutlichen Hinweisen, dass sein Besuch mitunter ungelegen kommt, lässt sich dieser nicht mehr abwimmeln. Trotz seiner sonstigen Teilnahmslosigkeit fordert Monsieur Bernadin täglich mit Vehemenz Einlass ins Haus der Hazels.
Das Ehepaar fühlt sich durch diese Belagerung zunehmend bedroht, und obwohl Bernadin nur missmutig dasitzt, ohne etwas zu tun oder zu sagen, spürt Émile allmählich, dass sein Nachbar im Begriff war, ihn zu vernichten.

Meine persönliche Meinung:

Ich liebe die Bücher von Amélie Nothomb, der exzentrischen belgischen Schriftstellerin, die mit ihren Werken schon seit Jahren die französischen Bestsellerlisten anführt. Da ich nach einem Buch-Flop tagelang in einer ernsthaften Leseflaute steckte, beschloss ich, ein Buch zu lesen, von dem ich ganz sicher wusste, dass es mich begeistern wird und hoffte, dass es mir meine Freude am Lesen zurückbringt. Also griff ich zu Amélie Nothombs Der Professor, denn bei dieser Autorin kann eigentlich nichts schiefgehen. Es hat tatsächlich funktioniert, denn ich las diesen wunderbaren kleinen Roman innerhalb weniger Stunden in einem Rutsch durch und bin einfach nur begeistert.

Der Roman beginnt mit dem Satz Von sich selbst weiß man nichts und endet mit den Worten Von mir selbst weiß ich nichts mehr. Dazwischen entspannt sich eine packende Geschichte, die so grotesk wie abgründig und von ungeheurer Intensität ist. Dabei beginnt alles zunächst recht harmlos, denn Émile und Juliette Hazel sind so bieder und brav, wie es zwei Menschen nur sein können. Sie kennen sich seit sechzig Jahren, haben sich schon am ersten Schultag ineinander verliebt, sind seit dreiundvierzig Jahren verheiratet und bilden seitdem eine vollkommende Symbiose. Émile ist Altphilologe, hat zwar als Latein– und Griechischlehrer gearbeitet, hatte allerdings noch nie das Bedürfnis nach Gesellschaft und kein Interesse an zwischenmenschlichen Kontakten. Auch Juliette hat kein Verlangen nach anderen Menschen, denn Émile war und ist ihr ganzes Leben. Sie kennt nur ihren Mann und ist ihm, was ich äußerst befremdlich fand, nicht nur Ehefrau, sondern auch Schwester und Tochter zugleich. Seit Émile in den Ruhestand getreten ist und die Hazels das abgelegene Häuschen auf dem Land gekauft haben, steht dem Traum von einem vollkommen zurückgezogenen Leben eigentlich nichts mehr im Wege. Dieses Ehepaar ist ein in sich geschlossenes System, das keine Eindringlinge von außen duldet.
Doch dieses System droht zu zerbrechen, als Monsieur Bernardin in ihr Leben tritt und sie Tag für Tag belagert. Zunächst sind die Hazels noch beruhigt, als sie erfahren, dass ihr einziger Nachbar Arzt ist, aber schon beim ersten Zusammentreffen spüren sie, dass er ein recht absonderlicher und äußerst unangenehmer Zeitgenosse ist. Er ist griesgrämig, missmutig, mehr als einsilbig und sein Schweigen ist geradezu unerträglich. Das Schlimmste ist aber, dass er jeden Tag kommt und sich nicht abwimmeln lässt. Weder Émiles intellektuelle Ausführungen über Aristoteles, die nicht minder langweilig und anstrengend sind, als Bernardins Schweigen, noch gelegentliche Hinweise, dass der nachbarschaftliche Besuch gerade ungelegen kommt, schrecken den renitenten Nachbarn ab. Was ihn veranlasst, jeden Tag seine Nachbarn aufzusuchen, bleibt vollkommen im Dunkeln, denn er hat keinerlei Interesse an Konversation, empfindet während seiner Besuche offenbar auch keine Freude und wirklich gemütlich und kurzweilig ist es bei den Hazels auch nicht.
Was die Hazels wollen, wird jedoch recht schnell klar – ihre Ruhe. Doch wie wird man einen solchen Langweiler und Quälgeist wieder los? Die Höflichkeit gebietet es, den unliebsamen Gast nicht einfach abzuweisen – eine Höflichkeit, die anerzogen und irgendwann so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass sie wie ein unbewusster Reflex wirkt und die guten Manieren gar nicht mehr unterdrückt werden können. Auch die Strategie, Bernardin zu bitten, beim nächsten Besuch seine Gattin, die er offenbar lieber unter Verschluss hält, mitzubringen, führt nicht zum erwünschten Erfolg. Mit Bernadette Bernardin betritt eine Protagonistin die Bühne, die die kaum mehr zu überbietende Groteske noch steigert, denn die Frau des Nachbarn hat kaum noch menschliche Züge und wird von Nothomb auch mit Attributen versehen, denen nichts Menschliches anhaftet. Sie wird als Zyste und als Ding bezeichnet, ihre Arme gleichen Tentakeln und ihre Sprache ist zu einem unverständlichen Grunzen verkommen.
Die eigentliche Frage, mit der sich der Text beschäftigt, dreht sich jedoch nicht nur darum, wie die Hazels den nervtötenden Nachbarn wieder loswerden können, sondern was an diesem vollkommen passiven und affektarmen Mann denn so bedrohlich ist. Sein einziges Verbrechen besteht ja eigentlich nur darin, dass er recht unnachgiebig und vor allem gähnend langweilig ist, aber er tut ja nichts Verbotenes. Dennoch gleichen seine täglichen Besuche einem Terrorangriff, der die Hazels zu vernichten droht und ihnen Angst macht. Die eigentliche Bedrohung, die von Bernardin ausgeht, besteht aber letztendlich darin, dass er Émile durch sein Verhalten zur Introspektion zwingt, die ihn zu einer ernüchternden und vernichtenden Selbsterkenntnis führt. Bislang hielt Émile sein Leben für gelungen, hat den Sinn seines Daseins nie hinterfragt, aber nun wird ihm klar, dass er in jeder Hinsicht gescheitert ist – als Ehemann, als Lehrer und auch als Mensch. Der ewig unzufriedene und missmutige Nachbar, der das freud- und sinnlose Leben geradezu verkörpert, führt Émile Hazel jeden Tag die Sinnlosigkeit und Trostlosigkeit seiner eigenen Existenz vor Augen – das ist die eigentliche Bedrohung.

Die zwei Monate der Belagerung durch Monsieur Bernardin hatten etwas in mir zerbrochen, von dem ich nicht wußte, was es war, dessen Zerstörung ich jedoch mit schmerzhafter Deutlichkeit empfand.

Die Lage eskaliert vollends, als Émile die Sinnlosigkeit seiner Existenz und sein Scheitern erkennt. Der vormals biedere Altphilologe wird nur noch von blindem Hass getrieben und ist zu einem Menschen geworden, den er selbst kaum mehr erkennt. Und so endet die Geschichte so, wie sie letztendlich nur enden kann und muss. Das Ende wird hier natürlich nicht verraten, völlig unvorhersehbar ist es auch nicht, aber dennoch ist dieser Roman von der ersten bis zur letzten Seite so unglaublich packend und fesselnd, dass man fast von einem Psychothriller sprechen könnte. Dabei ist er aber auch häufig voller Witz und Spott, denn ganz nebenbei verteilt Amélie Nothomb noch eine Reihe von ironischen Seitenhieben gegen scheinheilige Höflichkeit, geheucheltes Gutmenschentum, aufgeblasenes, aber letztendlich inhaltsleeres Akademikergeschwafel und die Eigenart mancher Menschen, hinter jeder noch so harmlosen Geste, eine persönliche Beleidigung und einen Affront gegen die eigene Person zu vermuten.
Nothombs Sprache ist wunderbar prägnant und klar, aber die wahren Stärken dieser Schriftstellerin liegen eindeutig in ihren scharfen und treffenden Dialogen.
Der Professor ist ein grandioser Roman, der mich in jeder Hinsicht überzeugen konnte. Eine wundervoll groteske und abgründige Geschichte mit skurrilen Protagonisten, voller hintergründigem, bissigen Humor und tiefen philosophischen Einsichten.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Amélie Nothomb: Der Professor
Verlag: Diogenes
Ersterscheinungsdatum: August 1997
208 Seiten
ISBN 978-3-257-22968-4

Cover: Diogenes Verlag

Montagsfrage: Machen Lesespuren ein Buch für Dich wertvoller oder mindern sie den Wert?

Montagsfrage

Die Frage, die Buchfresserchen diese Woche auf ihrem Blog stellt, hat sich diesmal Shaakai von Bibliophiline ausgedacht, und meine Antwort darauf wird vielleicht so manchen Buchliebhaber ein wenig schockieren.

Ja, ich oute mich jetzt, denn obwohl ich Bücher liebe, gehe ich mir ihnen nicht sehr sorgsam um. Wenn ich ein Buch gelesen habe, sieht man ihm das häufig übergebührlich an – innen wie außen. Je besser mir ein Buch gefallen hat, umso schlechter ist sein Zustand nach der Lektüre. Meine Lieblingsbücher erinnern mich fast ein wenig an meinen Lieblingsteddy aus Kindertagen, denn der sieht auch recht mitgenommen aus.
Auf der ersten Seite eines Buches vermerke ich immer, wann ich es gelesen habe, und obwohl ich meine Bücher nur sehr ungern und äußerst selten verleihe, schreibe ich auch noch meinen Namen rein, um deutlich zu signalisieren – „meins!“ 😉
Ich weiß nicht, wie andere es schaffen, dass ihre gelesenen Bücher wie neu aussehen, aber um jedes Wort in einem Buch lesen zu können, muss man es doch aufklappen und dabei entstehen unweigerlich Leserillen. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man es hinbekommt, ein Buch zu lesen, ohne den Buchrücken zu brechen. Ob man dabei so gnadenlos zu Werke gehen muss, wie ich das gewöhnlich tue, sei mal dahingestellt, aber wie man geknickte oder rundgelesene Buchrücken gänzlich vermeiden und das Buch dennoch entspannt und vor allem komplett lesen kann, verstehe ich nicht.
Außerdem lese ich immer und überall, habe stets ein Buch in der Tasche, wo es gelegentlich mit anderen Utensilien kollidiert oder sich die Spitze eines Schlüssels ins Cover bohrt. Ein Buch fällt auch mal runter und da ich auch hin und wieder in der Badewanne oder an Regentagen an der Bushaltestelle lese, lassen sich diverse Wasserschäden nicht immer verhindern. Leserillen sind schon deshalb unvermeidlich, weil ich das Buch auch häufig aufgeklappt zur Seite lege. Auch wenn ich unzählige Lesezeichen besitze, habe ich nicht immer eines zur Hand und markiere mir die Seite, die ich zuletzt gelesen habe – welch ein Frevel! – mit einem Eselsohr.
buecher_396fdbf043d194df6548dcfa72116113

Ja, ich weiß, all das machen wahre Bibliophile für gewöhnlich nicht, aber ein Buch ist für mich ein Gebrauchsgegenstand und kein lebendiges Wesen. Der eigentliche Wert eines Buches besteht für mich aus seinem Inhalt, der Geschichte und der Sprache – das Papier, auf dem all dies steht, ist dagegen nur das materielle Medium, also lediglich Mittel zum Zweck und deshalb eher zweitrangig. Ich habe zwar Bücher, die auch, was das Material anbelangt, von besonderem Wert sind, weil sie besonders schön, künstlerisch und aufwendig gestaltet sind, gehe mit diesen Buchschätzen daher auch sehr sorgsam um, aber die breite Masse der Bücher, die ich besitze, sind schlichte Taschenbücher und handelsübliche Hardcover, deren Inhalt nicht an Bedeutung verliert, wenn die Buchrücken gebrochen, die Seiten geknickt oder die Sätze markiert und mit Randnotizen versehen werden. Gerade letzteres steigert für mich sogar den Wert eines Buches, denn ich markiere beim Lesen die Sätze, die mir wichtig erscheinen oder besonders gut gefallen haben und schreibe auch häufig Notizen an den Rand. All das mindert für mich den Wert eines Buches keineswegs, sondern steigert vielmehr seinen ideellen Wert, denn es wird dadurch zu meinem persönlichen und ganz individuellen Schätzchen. Mit Büchern, die ich mir ausgeliehen habe, verfahre ich natürlich nicht so, denn ich glaube kaum, dass meine Kritzeleien und Markierungen den Besitzer des Buches besonders erfreuen würden und er ihren Wert zu schätzen weiß, aber ich leihe mir ohnehin keine Bücher aus. Für mein Studium musste ich mir zwar welche ausleihen, habe die für mich relevanten Kapitel und Aufsätze allerdings stets kopiert, damit ich ungehindert rummalen und -schreiben konnte, denn ohne einen Stift in der Hand kann ich eigentlich gar nicht lesen.
Ab und an kaufe ich mir auch gebrauchte Bücher. Es stört mich nicht, wenn sie Leserillen oder ein paar Eselsohren haben und man deutlich sieht, dass sie bereits gelesen wurden. Auch Widmungen und Besitzvermerke machen mir nichts aus, finde ich sogar ganz nett, aber Markierungen und Randnotizen vom Vorbesitzer irritieren mich beim Lesen, stören meinen Lesefluss und mag ich deshalb gar nicht. Was ich besonders hasse, sind Flecken rätselhafter Herkunft. Flecken, egal welcher Art, sind einfach „bäh“, und wenn sich nicht ermitteln lässt, welche dubiosen Flüssigkeiten sie verursacht haben, kann ich das Buch nicht anfassen, geschweige denn lesen, denn das löst bei mir schlimme Würgereize aus.
Auch wenn mich Gebrauchsspuren an Büchern nicht stören, ist es mir aber am liebsten, wenn alle Lesespuren nur von mir selbst stammen. Ich finde es sehr spannend, nach Jahren wieder ein Buch aus dem Regal zu nehmen und zu sehen, wann ich es gelesen, welche Sätze ich mir markiert und welche Gedanken ich mir bei der Lektüre notiert habe. Das verleiht meiner Meinung nach jedem Buch einem ganz besonderen und sehr persönlichen Wert. Sieht ein Buch, nachdem ich es gelesen habe, allerdings wie neu aus und enthält keine Markierungen oder Notizen, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass es mir nicht gefallen hat und ich nicht einen Satz darin besonders gut, wichtig oder bemerkenswert fand, es also im Grunde – zumindest für mich – wertlos ist.

© Claudia Bett

Die große Facebook Krimi- und Thriller-Woche

Krimi- und Thrillerfans aufgepasst!

krimiwoche_828x315 Kopie

Die nächsten sieben Tage werden mörderisch, kriminell und blutig, denn die große Facebook Krimi- und Thrillerwoche, das Online-Event für alle Fans dieser besonderen Genres, steht an.

Auf dem Programm stehen Live-Lesungen, Challenges, Live-Chats, Gewinnspiele und viele andere Überraschungen, bei denen Gänsehaut und mörderische Spannung garantiert sind.

Zahlreiche namhafte Autoren wie Andreas Föhr, Christine Drews, Tibor Rode, Eva Almstädt, Wiebke Lorenz und viele andere sind mit von der Partie, lesen aus ihren aktuellen Krimis und Thrillern oder beantworten im Live-Chat alle Fragen rund um ihre Bücher und ums Schreiben – natürlich gibt es auch was zu gewinnen.

Falls Ihr noch mit dabei sein wollt, dann sichert Euch ganz schnell noch auf der Website der Krimiwoche Euer Web-Ticket für den kostenlosen Zugang zur Veranstaltung auf Facebook.

Merken

Buchrezension: Guillaume Musso – Vierundzwanzig Stunden

Guillaume Musso - Vierundzwanzig StundenInhalt:

Arthur Costello ist ein wenig skeptisch, als eines Tages sein Vater vor seiner Tür steht und ihn zu einem gemeinsamen Ausflug einlädt. Er hatte sein Elternhaus bereits sehr früh verlassen, schlägt sich seitdem alleine durchs Leben und führt einen Lebensstil, der seinem Vater missfällt. Umso erstaunter ist Arthur nun, dass sein Vater plötzlich Zeit mit ihm verbringen will, denn in den letzten Jahren hatten sie nur äußerst selten Kontakt und Arthur hatte nie den Eindruck, dass sein Vater dies bedauert. Gemeinsam fahren sie nun zum 24 Winds Lighthouse, einem Leuchtturm, den Arthurs Großvater einst gekauft hatte, um ihn und das dazugehörige Cottage zu einem komfortablen Zweitwohnsitz umzugestalten. Doch sein Großvater verschwand noch während der Umbauarbeiten auf mysteriöse Weise, tauchte nie wieder auf und wurde schließlich für tot erklärt. Seitdem gehört 24 Winds Lighthouse Arthurs Vater. Der ahnt jedoch, dass er nicht mehr lange zu leben hat, will seine Nachlassangelegenheiten noch zu Lebzeiten regeln und verfügt nun, dass Arthur zwar nichts von seinem Vermögen, wohl aber den alten Leuchtturm erben soll. Dieses Erbe knüpft er allerdings an zwei Bedingungen – Arthur darf den Leuchtturm nie verkaufen und eine Metalltüre, die sich im Keller des alten Gebäudes befindet und die er selbst vor einigen Jahren zugemauert hatte, darf niemals geöffnet werden.
Doch Arthur hält sich nicht an die letzte Bedingung, denn seine Neugierde auf das, was sich hinter dieser Tür verbirgt, ist viel zu groß. Als er die Mauer einreißt und die Tür schließlich aufbricht, findet er sich in einem Alptraum wieder, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Nur einer könnte ihm dabei helfen, den Fluch, der auf diesem Ort lastet, zu brechen – sein Großvater, der entgegen seiner Erwartung durchaus noch am Leben ist. Auf der Suche nach ihm begegnet Arthur der jungen Schauspielerin Lisa. Mit ihrer Hilfe kann er seinen Großvater zwar aus der Psychiatrie befreien, doch verliert er die junge Frau danach wieder aus den Augen. Erst ein Jahr später trifft er Lisa wieder und sie verlieben sich ineinander. Doch hat ihre Liebe gegen den Fluch, der auf dem Raum hinter der Tür in 24 Winds Lighthouse lastet, überhaupt eine Chance?

Meine persönliche Meinung:

Selten wird ein Autor von seiner (überwiegend weiblichen) Leserschaft so verehrt und über den grünen Klee gelobt, wie der Franzose Guillaume Musso. Deshalb war ich überaus neugierig auf Mussos Vierundzwanzig Stunden, denn immer wieder habe ich gehört und gelesen, dass seine Bücher auf den ersten Blick zwar wie kitschige Liebesschnulzen anmuten, es sich dabei allerdings um äußerst spannende Romane mit Thriller-Elementen handeln soll, die unglaublich fesselnd, aber gleichzeitig auch sehr berührend und tiefgründig seien und den Leser nachdenklich stimmen. Auch wenn ich bei überschwänglichen Lobpreisungen meistens etwas skeptisch bin, habe ich mich sehr darauf gefreut, diesen Autor nun auch endlich für mich entdecken zu können, denn fesselnde Spannungsromane, die auch noch Tiefgang, eine Botschaft und Niveau haben, sind ja recht rar.
Und tatsächlich – der Prolog war grandios, sehr verstörend, schockierend und verhieß eine ungeheurer dramatische und fesselnde Geschichte. Auch nach dem Prolog ging es zunächst recht spannend weiter, obwohl sich die ersten Ungereimtheiten schon recht früh abzeichneten, denn wie man eine Person, die in einer Psychiatrie weilt, für tot erklären lassen kann, ist mir schleierhaft, da man in solchen Einrichtungen in der Regel nicht vollkommen anonym dahinvegetiert. Aber gut, bis zu der Stelle, als Arthur diese geheimnisvolle Tür im Keller des Leuchtturms öffnet, war das Buch wenigstens noch recht spannend. Ich rede hier allerdings nur vom ersten Kapitel, denn alles, was danach passiert, ist nicht nur vollkommen absurd, sondern leider auch ziemlich langweilig, seicht und hat mich sehr enttäuscht. Es wäre sicher sinnvoll, wenn man anhand des Klappentextes oder auf dem Cover irgendwie erkennen könnte, dass es sich bei Vierundzwanzig Stunden in weiten Teilen um einen Mystery-Roman handelt, in dem der Leser mit allerlei Übersinnlichem konfrontiert wird. Ich hatte jedenfalls etwas gänzlich anderes erwartet als diese verwirrende und vollkommen unrealistische Geschichte, die auf den folgenden 300 Seiten auf mich zukam. Nun gut, ich kann mit Romanen, die surreale und fantastische Elemente enthalten, ganz gut leben, wenn sich dahinter eine tiefgründige und kluge Botschaft verbirgt, diese Elemente also als Metapher oder Symbol für etwas stehen, dessen Bedeutung sich irgendwann offenbart. Ein wenig versöhnlich stimmte mich, dass sich die Botschaft des Romans tatsächlich am Ende entschlüsseln ließ, die Metaphorik des Leuchtturms deutlich wurde, sich diese irrationalen Momente plausibel auflösten und zumindest einen Sinn ergaben, aber leider war der Weg dorthin sehr weit und bedauerlicherweise auch äußerst zäh. Wenn sich das immergleiche surreale Szenario mit geringfügigen Abweichungen endlos wiederholt, wird es weder origineller noch macht dies ein Buch spannender. Ich war in der Mitte des Romans wirklich häufig geneigt, die Seiten einfach nur noch überfliegen, weil die Geschichte einfach nicht vorankam, nichts wirklich Sensationelles passierte und ich mich nur noch fragte, was das alles denn nun soll und was mir der Autor eigentlich mitteilen will. Das Ende ist wirklich unvorhersehbar und sehr überraschend, das Rätsel lüftet sich und das surreale Geschwurbel ergibt wenigstens einen Sinn, aber leider war das Romanende vollkommen überkonstruiert und für meinen Geschmack wurde dabei auch zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt. Ich bin wirklich nicht aus Stein, halte mich sogar für einen ziemlich empfindsamen und emotionalen Menschen, habe auch recht nah am Wasser gebaut und mag dramatische Wendungen, die mich atemlos, nachdenklich und traurig zurücklassen, aber wenn eine Botschaft derart plump daherkommt, erreicht und berührt sie mich leider überhaupt nicht. Es ist wirklich schade, dass der ernsthafte Grundgedanke dieses Buches, über den es sich durchaus zu reflektieren lohnt, auf so platte Weise umgesetzt wurde und man mit dem moralisierenden Hammer fast erschlagen wird. Die Botschaft kam bei mir also durchaus an, die fantastischen Elemente haben sich logisch und nachvollziehbar aufgelöst, die Idee ansich war auch nicht schlecht, aber bei ihrer Umsetzung wurde einfach etwas zu tief in die esoterische Trickkiste gegriffen, um noch zu berühren und dem Thema gerecht zu werden.
Leider ist das Buch auch sprachlich unterkomplex und stilistisch ziemlich unausgereift. Was die Sprache anbelangt, tue ich Musso vielleicht unrecht, denn um seine Sprache und die Stilmittel wirklich beurteilen zu können, müsste man das Buch im französischen Original lesen, aber die deutsche Übersetzung ist sprachlich wahrlich keine Meisterleistung.
Absolut grausig waren jedoch die Charaktere. Wenn man sich einem tiefgründigen Thema zuwendet, das den Leser berühren soll, sollten die Hauptprotagonisten so gestaltet sein, dass der Leser mit ihnen mitfühlen und sich mit ihnen identifizieren kann. Sowohl Arthur als auch Lisa bleiben aber vollkommen konturlos, handeln gänzlich irrational und obwohl ich mich bemühte, konnte ich mich in keinen von beiden einfühlen, weil sie so oberflächlich charakterisiert wurden, dass es mir überhaupt nicht möglich war, überhaupt einen Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt zu bekommen. Erst auf den letzten Seiten konnte ich erkennen, dass sich die beiden überhaupt über etwas Gedanken machen und Gefühle haben. Den einzigen Protagonisten, dem ich noch etwas abgewinnen konnte, war Arthurs Großvater, der zwar auch recht fragwürdig handelt, aber wenigstens kluge Gedanken hat.
Man muss dem Buch zugutehalten, dass es sich sehr schnell und flüssig lesen lässt, da der Schreibstil sehr einfach gehalten ist, aber gefesselt hat es mich leider nicht und ich konnte auch nicht im Ansatz erkennen, was daran auch nur im Entferntesten an einen Thriller erinnern würde. Nun ja, das Buch gibt ja auch nicht vor einer zu sein, aber ein bisschen Spannung hätte ihm sicher trotzdem nicht geschadet. Für den wirklich fulminanten Prolog, das erste Kapitel und den lohnenswerten Grundgedanken vergebe ich zwei Sternchen, aber ansonsten hat mich dieses Buch leider sehr enttäuscht. Schade, dass mich Musso nicht überzeugen konnte und dies für mich wohl das erste und letzte Buch dieses Autors war.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Piper Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Guillaume Musso: Vierundzwanzig Stunden
Verlag: Pendo
Ersterscheinungsdatum: 01. Juni 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-86612-401-1

Cover: Piper Verlag

Merken

Überraschungspost – ein fliederfarbenes Wohlfühlpaket!

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als vorhin der Postbote bei mir klingelte und mir ein Paket überreichte. Ein Paket? Für mich? Von wem nur? Ein Absender stand jedenfalls nicht drauf, aber es war eindeutig an mich adressiert. Sofort nahm ich die Schere zur Hand, schnitt es hastig auf und staunte erneut, als fliederfarbene Blütenblätter aus dem Paket rieselten. 😯

Neugierig machte ich mich also weiter ans Auspacken und entdeckte schließlich, von wem das Paket war – von der Autorin Maria W. Peter. Ich habe mich riesig gefreut, war überrascht und auch ein wenig gerührt, denn in der letzten Zeit werde ich mit liebenswürdigen Gesten, freudigen Überraschungen und erquicklicher Post nicht gerade überschüttet.

Der Inhalt des Päckchens hat mich wirklich überwältigt, denn es enthielt nicht nur liebe Geburtstagsglückwünsche, sondern wirklich alles, was ich so brauche, wenn ich mich richtig entspannen und es mir mächtig gut gehen lassen will – süße Naschereien, Cappuccino, Tee, etwas für weiche, zarte Hände und natürlich ein Buch!!! Ein Buch!!! Und zwar Die Küste der Freiheit, den 2014 erschienenen historischen Roman von Maria W. Peter mit einer persönlichen Widmung. Ich bin sehr gespannt auf das Buch und kann es kaum abwarten, es möglichst bald zu lesen. Für den Fall, dass bei der Lektüre Tränchen fließen, was bei mir nicht allzu selten vorkommt, hat Maria noch Taschentücher dazugelegt 😉

Und nun schaut mal, was sich in meinem fliederfarbenen Überraschungspaket befand:

20160608_123336

Ist das nicht toll? Ich habe mich jedenfalls riesig gefreut.

Liebe Maria,
falls Du das hier liest – vielen lieben Dank! Die Überraschung ist Dir wirklich geglückt. Ich freue mich auf Dein Buch und schicke Dir ganz liebe Grüße!

Claudia

Merken

Buchrezension: Tess Gerritsen – Der Meister

Der Meister von Tess GerritsenInhalt:

Als Detective Jane Rizzoli zum Fundort einer Leiche ins noble Villenviertel von Newton gerufen wird, erwartet sie dort ein grausam groteskes Szenario. Der Chirurg Dr. Richard Yeager lehnt gefesselt und mit aufgeschlitzter Kehle an der Wand seines Wohnzimmers, das über und über mit Blut bespritzt ist. Seine Frau Gail wird vermisst, und alle Hinweise deuten darauf hin, dass sie entführt wurde. Die kriminaltechnischen Untersuchungen des Tatorts lassen darauf schließen, dass Richard Yeager vor seinem Tod gezwungen wurde, mit eigenen Augen mitanzusehen, wie seine Frau gefoltert und vergewaltigt wird. Offenbar sollte er in der Rolle des stillen Zuschauers, bei vollem Bewusstsein und mit dem Wissen, ihr nicht helfen zu können, genau sehen, was seiner Frau angetan wird, bevor der Täter ihm schließlich die Kehle durchschnitt.
Wenige Tage später wird Gail Yeagers Leiche in einem Waldgebiet gefunden. Die junge Frau wurde vor ihrem Tod offensichtlich auf brutalste Weise misshandelt. Da ganz in der Nähe der Toten die stark verweste Leiche einer weiteren Frau entdeckt wird, steht für Jane Rizzoli und ihre Kollegen schnell fest, dass ein gnadenloser Serienmörder sein Unwesen treibt und diese Waldidylle ihm offenbar als Abladeplatz für seine weiblichen Mordopfer dient.
Der Anblick der toten Frauen weckt bei Rizzoli quälende Erinnerungen an eine Mordserie im vergangenen Jahr, denn diese Morde tragen eindeutig die Handschrift des Chirurgen Warren Hoyt, dem sie beinahe selbst zum Opfer gefallen wäre. Noch immer zeugen die Narben in ihren Handflächen von ihrer letzten Begegnung mit dem Chirurgen, auch wenn die Narben auf ihrer Seele weitaus schmerzhafter sind. Doch Hoyt kann für die jüngsten Morde nicht verantwortlich sein, denn er sitzt seit einem Jahr im Hochsicherheitsgefängnis von Massachusetts. Offenbar handelt es sich bei dem Mörder also um einen Nachahmungstäter, der sich Hoyt zum Vorbild nimmt oder gar um dessen Schüler, den er sein makabres Handwerk lehrte.
Die Ermittlungen gestalten sich für Jane als sehr schwierig und belastend, denn auch wenn sie als einzige Frau in der Mordkommission des Boston Police Department ihren männlichen Kollegen stets demonstrieren möchte, wie stark und unerschütterlich sie ist, haben die traumatischen Erlebnisse, die nun ein Jahr zurückliegen, tiefe Wunden hinterlassen und raubten ihr nicht nur ihr Selbstvertrauen, sondern auch ihr Gefühl der Unbesiegbarkeit. Umso beängstigender und schrecklicher ist es für sie, als sie nun plötzlich feststellt, dass sie erneut ins Visier des Chirurgen geraten ist.

Meine persönliche Meinung:

Vor einigen Wochen haben ich bereits Die Chirurgin, den ersten Band der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe von Tess Gerritsen gelesen und fand ihn so unglaublich spannend, dass ich mir vorgenommen habe, nach und nach alle Bücher dieser Reihe zu lesen. Der Meister ist nun der zweite Band und knüpft inhaltlich an Die Chirurgin an. Auch wenn Der Meister ebenfalls ein eigenständiger und in sich abgeschlossener Thriller ist, halte ich es für sinnvoll, im Vorfeld Die Chirurgin zu lesen, da es sich dabei im Grunde um die Vorgeschichte handelt, auf die auch häufig Bezug genommen wird.
In Die Chirurgin kam es zum ersten Aufeinandertreffen von Detective Jane Rizzoli und dem psychopathischen Serienmörder Warren Hoyt, der aufgrund seiner medizinischen und anatomischen Kenntnisse nur der Chirurg genannt wurde. Doch nun wird Rizzoli erneut mit Hoyt konfrontiert, denn obwohl dieser inzwischen im Gefängnis sitzt, weist eine neue Mordserie erschreckende Ähnlichkeiten mit seinen Morden auf. Als Hoyt dann sogar aus dem Gefängnis entkommen kann und Jane Rizzoli unmissverständlich zu verstehen gibt, dass er sie nicht vergessen hat, spitzt sich die Lage dramatisch zu.
Zweifellos ist es Tess Gerritsen wieder gelungen einen spannenden und wirklich nervenzerreißenden Thriller zu schreiben, der mich in jeder Hinsicht überzeugen konnte und mir sogar noch ein wenig besser gefiel, als der vorhergehende Band. Ich fand es nur ein bisschen schade, dass Detective Thomas Moore von der Bildfläche verschwunden ist, da ich ihn sehr gerne mochte, aber dafür wurde der ehemalige Rechtmediziner Dr. Tierney in den Ruhestand geschickt und nun durch Dr. Maura Isles, die „Königin der Toten“ ersetzt.  Mit Maura Isles hat die Autorin nun eine Hauptfigur geschaffen, die wirklich Potential hat und auf die ich mich in den folgenden Bänden schon sehr freue. Jane Rizzoli dagegen will mir leider immer noch nicht so recht ans Herz wachsen, obwohl sie mir in Der Meister nun schon deutlich sympathischer war, als im ersten Band der Reihe. Auch wenn es eine Frau in einer Männerdomäne sicher nicht immer leicht hat und Jane schon häufig zur Zielscheibe von Sticheleien wurde, ist ihre ruppige, unnahbare Art, mit der sie ihre Ängste, Verletzungen und Schwächen zu verbergen versucht, hin und wieder wirklich unnötig und auch anstrengend, denn so schlimm sind ihre männlichen Kollegen gar nicht. Wenigstens ein paar der Herren verfügen durchaus über die nötige Empathie, um ihre Situation zu verstehen und nutzen ihre Schwächen auch nicht aus, sodass sie manchmal vielleicht ganz gut daran täte, Hilfe und Unterstützung anzunehmen, statt jeden männlichen Kollegen unentwegt vor den Kopf zu stoßen und hinter jedem einen potentiellen Feind zu vermuten, der ihre Autorität untergraben will. Sieht man davon ab, ist sie aber zweifellos eine sehr interessante und facettenreiche, wenn auch nicht unbedingt besonders liebenswerte Protagonistin.
Erneut konnte mich Tess Gerritsen jedoch mit ihrem profunden medizinischen Fachwissen überzeugen, das bei den detailliert beschriebenen Autopsien zum Tragen kommt. Manch einem empfindlichen Magen mag das vielleicht ein wenig zu viel sein, aber ich kann das, zumindest dann, wenn ich es nur lese und nicht persönlich anwesend sein muss, recht gut aushalten. Auch die Einblicke in die Perspektive des Täters, der in einem inneren Monolog immer wieder in Erscheinung tritt und seine perversen Phantasien und Gedanken äußert, verlangen dem Leser einiges ab und ziehen ihn in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit. Dass die Autorin auch mit Blut nicht gerade sparsam umgeht, ist hinreichend bekannt, sodass ich zarten Gemütern von der Lektüre ihrer Bücher eher abraten würde.
Alle anderen erwartet aber auch mit Der Meister wieder ein äußerst packender Thriller mit einem gut konstruierten Plot und einem durchgehenden Spannungsbogen. Lediglich das Ende schien mir ein wenig zu abrupt und nicht besonders originell. Ansonsten hat mir dieser Thriller jedoch wieder ausgezeichnet gefallen und mich auch sehr gut unterhalten. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf Todsünde, den dritten Teil der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Tess Gerritsen: Der Meister
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 08. August 2005
416 Seiten
ISBN 978-3-442-36284-4

Cover: Blanvalet Verlag

 

Mein Monatsrückblick Mai 2016

Gelesen:

Im vergangenen Monat war ich ordentlich im Lesefluss, denn obwohl ich im Mai zwei Bücher gelesen habe, für die ich mich leider nicht begeistern konnte, ließ ich mich davon nicht beirren oder gar in eine Leseflaute ziehen, sondern fieberte dem nächsten Buch, das hoffentlich besser werden würde, geradezu entgegen. Da ich die Autorin bislang nicht kannte, war ich von Lena Avanzinis Nie wieder sollst du lügen besonders positiv überrascht und kann das Buch nur jedem empfehlen, der gerne gute Krimis und Thriller liest. Auch Die Witwe, der Debütroman von Fiona Barton, konnte mich in jeder Hinsicht überzeugen.

Ja, ich weiß, dass ich immer ein bisschen länger brauche, aber ich habe im vergangenen Monat eine Buchreihe für mich entdeckt, die vermutlich schon jeder kennt, von der ich auch schon viel gehört hatte, allerdings nie geglaubt hätte, dass sie mir tatsächlich gefallen könnte. Zum einen habe ich bisher die Erfahrung gemacht, dass mir nur äußerst selten etwas gefällt, was die breite Masse begeistert, und zum anderen ist Fantasy auch nicht gerade mein bevorzugtes Genre. Doch dann habe ich zwei Interviews von Denis Scheck mit George R.R. Martin gesehen und war dann doch ein wenig neugierig auf diesen Autor und Game of Thrones (falls Euch die Interviews interessieren, dann klickt einfach hier und hier). Dennoch war meine Erwartungshaltung nicht allzu hoch, als ich den ersten Band von Das Lied von Eis und Feuer schließlich zur Hand nahm. Ich war aber von der ersten Seite an gefangen von der Welt, die der Autor schuf, von der stark an das europäische Mittelalter angelehnten Geschichte, die trotz fantastischer Elemente geradezu erschreckend real scheint, weil sie sie alles beinhaltet, was uns Menschen von jeher an- und umtreibt – Liebe, Hass, Freundschaft, Familie, Verrat, Rache, Sex und Macht. Dabei bricht Martin vollkommen mit bekannten Erzählmodellen, wie dem ewigen und ermüdenden Kampf zwischen Gut und Böse, bei dem das Gute letztendlich gewinnt und der Held überlebt, sondern hat so facettenreiche und ambivalente Figuren geschaffen, dass es unmöglich ist, überhaupt zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Und so müssen vermeintliche Helden eben auch nicht zwangsläufig überleben. Stattdessen sterben zentrale Charaktere wie die Fliegen, sodass man sich fragt, wie eine Geschichte, bei der die Hauptprotagonisten so schnell sterben, noch weitere neun Bücher überdauern kann. Die Wendungen sind so unvorhersehbar, dass man sich vor dem Umblättern jeder Seite fast fürchtet, weil man sich nie sicher sein kann, was im nächsten Satz passieren wird.
Meine Rezension kommt noch, aber soviel sei schon verraten – diese Bücher sind grandios! Ich bin nicht nur begeistert, sondern regelrecht süchtig nach dieser Reihe und muss mich ein wenig zügeln, um möglichst lange etwas davon zu haben. Jedem, der mich spoilert, werde ich unverzüglich die Freundschaft kündigen und jeglichen Kontakt abbrechen, denn ich will dieses phänomenale Epos Stück für Stück selbst entdecken, jede Seite genießen und freue mich, dass weitere neun Bände vor mir liegen und George R.R. Martin immer noch weiterschreibt. Dieser Autor ist ein Genie! Aber genug geschwärmt, denn ich werde die verehrte Leserschaft meines Blogs bestimmt nach und nach nicht nur mit meinen Rezensionen zu den Büchern von Das Lied von Eis und Feuer, sondern sicher recht häufig mit meinen diversen Ausflügen nach Westeros beglücken, vielleicht sogar irgendwann nerven 😉

Jedenfalls habe ich im Mai 7 Bücher gelesen – das waren 2888 Seiten, also durchschnittlich ca. 93 Seiten pro Tag. Mit einem Klick auf den Buchtitel gelangt ihr zu meinen Rezensionen.

  1. Harlan Coben – Ich schweige für dich (416 Seiten)
  2. Lena Avanzini – Nie wieder sollst du lügen (344 Seiten)
  3. Paula Daly – Herzgift (384 Seiten)
  4. Karen Winter – Wenn du mich tötest (320 Seiten)
  5. Fiona Barton – Die Witwe (432 Seiten)
  6. Tess Gerritsen – Der Meister (416 Seiten)
  7. ⭐ George R.R. Martin – Die Herren von Winterfell (Das Lied von Eis und Feuer 1) (576 Seiten) ⭐

Gehört:

Ich kann schlecht verbergen, dass ich musikalisch in den 80er- und 90er-Jahren hängengeblieben bin. Das war einfach die Musik, die mich prägte, weshalb ich in bestimmten Lebenssituationen und Stimmungen immer noch die Songs höre, die mich schon seit Jahrzehnten begleiten. In den letzten Wochen habe ich sehr häufig More von The Sisters of Mercy gehört, ein ungeheuer kraftvolles Lied, das allerdings nur dann die gewünschte Wirkung entfaltet, wenn man es so laut stellt, dass der Boden vibriert. Aus Rücksichtnahme auf meine Nachbarn verkneife ich mir das allerdings, obwohl es mit Kopfhörern bei weitem nicht denselben Effekt hat.

Gesehen:

Game of Thrones 1Meine Flimmerkiste hatte nun monatelang Urlaub, denn ich verbrachte meine Zeit lieber mit der Nase in einem Buch, statt mir irgendwelche todlangweiligen Filme anzusehen. Seit ich dem Game-of-Thrones-Fieber verfallen bin, habe ich meinen Fernseher jedoch wieder reanimiert. Nachdem ich den ersten Band von Das Lied von Eis und Feuer gelesen hatte, war ich doch ein wenig neugierig auf die HBO-Serie.
Ich bin Literaturverfilmungen gegenüber eigentlich recht skeptisch, denn eine wirklich gelungene habe ich bislang nur selten gesehen. Meistens war ich enttäuscht, denn wenn ich ein Buch gelesen habe, habe ich bestimmte Bilder und eine ungefähre Vorstellung von den Schauplätzen und Charakteren im Kopf und erwarte natürlich, diese im Film wiederzufinden. Bei einer so hohen Erwartungshaltung sind Enttäuschungen zwangsläufig vorprogrammiert, denn die Vorstellungen der Filmemacher müssen ja nicht mit meinen eigenen übereinstimmen. Schön wäre es allerdings, wenn sie ihnen wenigstens ein bisschen ähneln würden. Wie aber sollte man einen so komplexen Stoff wie George R.R. Martins Epos Das Lied von Eis und Feuer jemals filmisch umsetzen können? Das kann nur in die Hose gehen – da war ich mir sicher. Da ich ja grundsätzlich erst die Bücher lese und mich auch nicht selbst spoilern will, wagte ich mich zunächst auch nur an die erste Staffel. Und was soll ich sagen? Die Serie ist genial! Natürlich ist nicht alles so, wie in meinen Vorstellungen, die Buchvorlage ist auch definitiv besser, aber dennoch ist die Verfilmung absolut gelungen. Außerdem hat mir der Film auch geholfen, einen besseren Überblick zu bekommen, denn die vielen Charaktere und Handlungsorte lassen sich leichter zuordnen und einprägen, wenn man sich auch noch die Verfilmung angesehen hat, zumal die ersten Staffeln der Serie ja noch recht nah an der Buchvorlage sind. Besonders positiv überrascht war ich von meinem Lieblingscharakter – Tyrion Lannister, der von Peter Dinklage ganz ausgezeichnet dargestellt wird. George R.R. Martin ist ja bekannt dafür, sich nicht zu scheuen, auch seine Hauptprotagonisten plötzlich sterben zu lassen, und so hoffe ich natürlich, dass Tyrion noch lange, lange am Leben bleibt. Falls Ihr schon wisst, dass er in den folgenden Staffeln sterben wird – behaltet es bitte für Euch 😉

© Claudia Bett

Merken

Merken

Buchrezension: Fiona Barton – Die Witwe

Fiona Barton - Die WitweInhalt:

Als die zweijährige Bella Elliott eines Tages spurlos verschwindet, ist ganz England in heller Aufruhr. Das kleine Mädchen hatte nur wenige Minuten unbeaufsichtigt im Garten mit ihrer Katze gespielt; doch als ihre Mutter nach Bella sehen will, ist das Kind wie vom Erdboden verschluckt. Offenbar wurde Bella am helllichten Tag entführt. Der blaue Lieferwagen, der am Tattag ganz in der Nähe des Kindes gesehen worden war, lenkt den Verdacht recht schnell auf den Kurierfahrer Glen Taylor. Auf seinem Computer werden zwar kinderpornografische Bilder gefunden und er hält sich offenbar auch häufig in Pädophilen-Foren auf, aber er hat für die Tatzeit ein Alibi, das seine Frau Jean bestätigt. Sie hält unerschütterlich zu ihrem Mann und ist offensichtlich felsenfest von seiner Unschuld überzeugt.
Während sich die verzweifelte Mutter des Kindes nicht von der Hoffnung abbringen lässt, dass ihre kleine Bella noch am Leben ist, steht für die Presse jedoch fest, dass Glen Taylor ein pädophiles Monster ist, das das Kind entführt, missbraucht und getötet hat. Die Medien stürzen sich wie die Geier auf den Fall und belagern Tag und Nacht das Haus der Taylors. Auch die Journalistin Kate Waters wittert nun die Schlagzeile ihres Lebens.
Detective Inspector Bob Sparkes, der in diesem Fall ermittelt, ist es jedoch nicht möglich, Glen Taylor nachzuweisen, etwas mit dem Verschwinden der kleinen Bella zu tun zu haben, sodass Glen schließlich vor Gericht freigesprochen werden muss, obwohl er immer noch verdächtigt wird.

Vier Jahre später stirbt Glen Taylor bei einem Unfall. Nach wie vor fehlt jede Spur von Bella Elliott. Das ungewisse Schicksal des Kindes ließ weder ihre Mutter Dawn noch Detective Sparkes jemals zur Ruhe kommen. Auch die Journalistin Kate Waters hat immer noch Interesse an dem Fall. Sie nimmt schließlich mit der Witwe des Verdächtigen Kontakt auf und will wissen, wie eine Frau mit der Vorstellung zurechtkommt, ihr Ehemann könnte vielleicht ein perverser Pädophiler gewesen sein. Hatte Glen tatsächlich etwas mit dem Verschwinden der kleinen Bella zu tun? Und falls ja, wusste Jean Taylor, was ihr Mann getan hatte? War sie womöglich sogar seine Komplizin? Doch Jean hat ihrem Mann einst geschworen, immer zu ihm zu stehen – an guten und an schlechten Tagen. Gilt das auch noch nach seinem Tod?

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, war ich sofort neugierig auf dieses Buch, denn auch ich habe mich schon gefragt, wie sich wohl die Ehefrau eines Mannes fühlt, der einer so entsetzlichen Tat wie Kindesmissbrauch beschuldigt wird. Wissen diese Frauen überhaupt, welche perversen Gelüste und Gedanken ihre Männer insgeheim haben? Und falls sie es wissen – wie leben sie damit? Ist es tatsächlich möglich, mit so einem Menschen unter einem Dach zu leben, weiterhin zu ihm zu halten, sich alles schönzureden oder ihn sogar zu decken?
Mit all diesen Fragen beschäftigt sich Fiona Barton in ihrem Debütroman Die Witwe, der kürzlich im Wunderlich Verlag erschienen ist. Die Autorin war jahrelang als Gerichtsreporterin und Prozessbeobachterin tätig, hat während dieser Zeit häufig Frauen beobachtet, deren Ehemänner auf der Anklagebank saßen, und sich gefragt, wie diese Frauen mit der Vorstellung zurechtkommen, der eigene Ehemann könnte ein perverses Monster sein.
In ihrem Roman Die Witwe erzählt sie nun die Geschichte einer solchen Frau und wirft einen Blick hinter die Fassade einer vermeintlich glücklichen Ehe, die von einem Tag auf den anderen vor eine Zerreißprobe gestellt wird, als der geliebte Ehemann beschuldigt wird, ein Kind missbraucht und getötet zu haben. Dabei lässt uns die Autorin aber nicht nur an den Erlebnissen und Gedanken der Witwe des mutmaßlichen Täters teilhaben, sondern erzählt die Geschichte auch aus der Perspektive der Journalistin Kate, des ermittelnden Polizisten sowie der Mutter des verschwundenen Kindes. Zu Beginn des Romans befinden wir uns zunächst im Jahr 2010, kurz nach dem Tod des Tatverdächtigen, als seine Witwe Jean von der Journalistin Kate aufgesucht und um ein Exklusivinterview gebeten wird. Im weiteren Verlauf springt die Erzählung jedoch immer wieder in die Vergangenheit zurück. Die unterschiedlichen Zeitebenen und die verschiedenen Perspektiven werden dabei sehr geschickt miteinander verwoben, sodass sich die Details, die ein Licht auf das Schicksal der kleinen Bella werfen, erst ganz allmählich offenbaren. Dabei wird man jedoch auch immer wieder auf die falsche Fährte gelockt, was den Roman zu einem äußerst spannenden Leseerlebnis werden lässt.
Besonders tiefe Einblicke erhält man in die Gedanken und Erinnerungen der Witwe von Glen Taylor. Dennoch bleibt diese Protagonistin stets undurchsichtig und rätselhaft. Schon auf den ersten Seiten erfährt der Leser, wie froh und erleichtert Jean ist, dass ihr Mann Glen jetzt tot ist und sein „Unsinn“ nun endlich ein Ende hat. Doch worin dieser „Unsinn“ besteht und ob ihr Mann tatsächlich etwas mit dem Verschwinden der kleinen Bella zu tun hatte, klärt sich erst im Verlauf der Erzählung. Jean wirft den Blick immer wieder zurück in die Vergangenheit und offenbart dabei Details über ihre Ehe, die mich teilweise wirklich erschaudern ließen, aber gleichzeitig auch unglaublich wütend machten. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich unentwegt über Jean aufgeregt habe, denn ihre Naivität und Passivität scheinen wirklich keine Grenzen zu haben. Sie hat offenbar nie gelernt, selbstständig zu denken und zu handeln, wurde dominiert von einem Mann, der blinden Gehorsam und bedingungslosen Zusammenhalt forderte und ihr das Denken vollkommen abnahm. Sie wurde manipuliert und hat nie erfahren, wie es ist, eigene Entscheidungen zu treffen und eine eigene Meinung zu haben, nimmt alles, was ihr Mann sagt, als gegeben hin und wagt nie, sich seinen Wünschen zu widersetzen, um ihn nicht zu enttäuschen. Glen vermittelt ihr Geborgenheit, Sicherheit und auch das Gefühl, stets in seiner Schuld zu stehen, weshalb sie ihn nie verärgern möchte und stillschweigend alles erduldet, was er ihr zumutet. Hin und wieder hatte ich durchaus ein wenig Mitleid mit ihr, aber dann machte sie mich wieder rasend vor Wut. Zweifellos ist diese Protagonistin aber äußerst interessant und vielschichtig angelegt, denn obwohl sie eine dumme graue Maus zu sein scheint, die alles mit sich machen lässt, vermochte sie es am Ende, mich zu überraschen.
Auch die Journalistin Kate Waters ist eine äußerst ambivalente Figur, von der ich ständig hin- und hergerissen war, denn einerseits schien sie mir teilweise sehr einfühlsam und wirklich daran interessiert zu sein, die Wahrheit ans Licht zu bringen, während sie andererseits aber auch sehr skrupellos war und für eine gute Schlagzeile wohl auch über Leichen gehen würde. Offensichtlich ließ Fiona Barton bei dieser Protagonistin ihre Erfahrungen als Reporterin einfließen, denn in weiten Teilen ist dieser Roman auch eine Abrechnung mit der britischen Medienlandschaft. Den Journalisten ist offenbar mitnichten an der Wahrheit oder an menschlichen Schicksalen, sondern lediglich an der Befriedigung sensationsgieriger und voyeuristischer Bedürfnisse ihrer Leserschaft gelegen. Für eine gute Story ist Kate Waters jedenfalls bereit, all ihre moralischen Bedenken, die sie mitunter durchaus hat, über Bord zu werfen.
Detective Inspector Bob Sparkes hingegen war mir äußerst sympathisch und hat mich häufig auch sehr berührt. Er will den Fall um das vermisste Kind zu einem Abschluss bringen, den Täter hinter Gittern sehen und der verzweifelten Mutter endlich zur Gewissheit verhelfen, was ihrer kleinen Tochter zugestoßen ist. Dabei geht es ihm jedoch nicht um seine Karriere oder berufliche Anerkennung, sondern lediglich um Bellas Schicksal, die Wahrheit und um Gerechtigkeit.
Fiona Barton hat sich sehr viel Mühe gegeben, ihre Protagonisten sehr präzise auszuarbeiten, denn jeder Charakter ist dreidimensional, überzeugend und glaubwürdig und zeugt von einem guten Gespür für menschliche Schicksale und Abgründe.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm und lässt sich schnell und flüssig lesen. Die Sprache ist einfach, aber äußerst eindrücklich. Der Plot ist stimmig, glaubwürdig und durch die äußerst geschickte, aber nie verwirrende Verschachtelung verschiedener Figurenperspektiven und Zeitebenen unglaublich fesselnd. Wer hinter dem Titel einen temporeichen Thriller vermutet, wird möglicherweise enttäuscht sein. Auf dem Cover wird Die Witwe allerdings auch als Roman und nicht als Thriller bezeichnet, obwohl er durchaus Thriller- und Krimielemente hat und von der ersten bis zur letzten Seite durchgehend spannend ist. In erster Linie ist dieser Roman aber das Psychogramm einer Ehe, die zwar vordergründig glücklich und von bedingungsloser Liebe geprägt zu sein scheint, hinter deren Fassade sich aber dunkle Geheimnisse und tiefe Abgründe verbergen. Die Autorin erspart dem Leser brutale und grausame Details, bedient den sensationsgeilen Voyeurismus, den sie unterschwellig anprangert, somit keineswegs, aber man braucht solche Beschreibungen auch nicht, um von den Perversionen, die zwischen den Zeilen stehen oder auch nur angedeutet werden, vollkommen schockiert, angewidert und verstört zu sein.

Mich hat das Debüt von Fiona Barton jedenfalls sehr nachdenklich gestimmt und in jeder Hinsicht überzeugt. Ich würde mich freuen, bald noch mehr von dieser Autorin zu lesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an die Buchboutique und den Rowohlt Verlagsgruppe, die mir das Rezensionsexemplar schon vor dem Erscheinungstermin zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Fiona Barton – Die Witwe
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungsdatum: 21. Mai 2016
432 Seiten
ISBN 978-3-8052-5097-9

Cover: Wunderlich Verlag

Merken

Merken

Merken