Buchrezension: George R. R. Martin – Die Herren von Winterfell (Das Lied von Eis und Feuer 1)

Das Lied von Eis und Feuer 01 von George RR MartinInhalt:

Eddard Stark, Lord von Winterfell und Wächter des Nordens, erhält eines Tages die traurige Nachricht, dass sein Ziehvater Lord Jon Arryn, der das Amt der Rechten Hand innehatte und damit wichtigster Berater und engster Vertrauter des Königs war, verstorben ist. Robert Baratheon, König der Sieben Königslande von Westeros, reist kurz darauf mit seinem Gefolge nach Winterfell und bittet nun seinen Jugendfreund Eddard Stark, der von Freunden nur Ned genannt wird, ihm fortan als Rechte Hand zu dienen. Obwohl ihm der König wie ein Bruder ist und ihm auch zu verstehen gibt, dass er dringend seine Unterstützung braucht, würde Ned dieses Amt am liebsten ablehnen, gibt dem Drängen des Königs aber schließlich aus Pflichtgefühl nach, zumal dieser ihm das Angebot unterbreitet, die Häuser Baratheon und Stark durch eine Eheschließung zwischen seinem Sohn und Thronfolger Joffrey und Neds Tochter Sansa zu verbinden. Gemeinsam mit seinen Töchtern Sansa und Arya zieht Ned schließlich gen Königsmund an den Hof des Königs.
Zu seinem Entsetzen stellt er fest, dass sich sein Freund aus Jugendtagen, dem er einst geholfen hatte, den Thron zu erobern, sehr verändert hat. Robert ist ein äußerst schwacher König, der sich lieber der Völlerei, den Huren und der Jagd hingibt, statt sich um die Reichsgeschäfte zu kümmern. Das Reich ist hoch verschuldet, und Robert ist kaum noch in der Lage, sich gegen die zahlreichen Intriganten und machthungrigen Adeligen, die sich um den Eisernen Thron scharen, zur Wehr zu setzen.
Außerdem erlangt Ned Stark allmählich die Gewissheit, dass sein Amtsvorgänger Jon Arryn keineswegs einem rätselhaften Fieber erlag, sondern ermordet wurde und nicht zuletzt Cersei, die Ehefrau des Königs, sowie ihr Zwillingsbruder Jaime Lennister hinter den düsteren Machenschaften am Hof stecken.
Doch die eigentlichen Gefahren lauern außerhalb des Reichs. In Essos, einem Kontinent östlich von Westeros, verbünden sich die letzten Erben des ehemaligen Königshauses Targaryen mit einem kriegerischen Reitervolk, um die Sieben Königslande und den Eisernen Thron zurückzuerobern. Und auch an der Mauer, einem zweihundert Meter hohen Eiswall, der die nördliche Grenze des Reichs bildet, kündigt sich eine unheimliche Bedrohung an.
„Der Winter naht“ ist der Sinnspruch der Starks, und niemand weiß besser als Eddard Stark, dass der nächste Winter unmittelbar bevorsteht – ein Winter, der mehrere Jahrzehnte dauern kann und seine ersten unheilvollen Vorboten bereits ausgesandt hat.

Meine persönliche Meinung:

Es ist nicht ganz einfach, Die Herren von Winterfell, den ersten Band der Reihe von Das Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin zu rezensieren, denn dieses Buch wurde schon so häufig besprochen, dass dem bereits Gesagten kaum noch etwas hinzuzufügen ist und ich im Grunde nur wiederholen kann, was vor mir schon Tausende von Lesern geschrieben oder gesagt haben. Außerdem ist dieses Buch lediglich der Auftakt einer Reihe, die so komplex, vielschichtig und facettenreich ist, dass man ihr kaum gerecht werden kann, wenn man nur einen einzelnen Teilband betrachtet.
Bei Die Herren von Winterfell handelt es sich strenggenommen sogar nur um die erste Hälfte des ersten Bandes, denn die englischsprachige Originalfassung umfasst bislang fünf Bände, die in der deutschen Übersetzung im Blanvalet Verlag jedoch in jeweils zwei Bände aufgeteilt wurden, also derzeit zehn Teilbände umfasst. Inzwischen gibt Penhaligon diese deutsche Übersetzung jedoch auch als ungeteilte Sonderausgabe im Hardcover heraus.
Obwohl das bei mir recht selten der Fall ist, fehlen mir nun einfach die Worte und vor allem die Adjektive, um zu beschreiben, wie grandios ich bereits den ersten Band dieses gewaltigen Epos fand. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gelesen, bin vollkommen sprachlos und einfach nur begeistert.
Dabei war ich zunächst ganz furchtbar skeptisch, denn bislang habe ich die Erfahrung gemacht, dass mich Bücher, die von der breiten Masse geradezu enthusiastisch gefeiert werden, recht selten überzeugen konnten. Außerdem gehört Fantasy ohnehin nicht unbedingt zu meinen bevorzugten Genres. Ich habe mich noch bei keinem Buch so unendlich gelangweilt wie bei Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien, und da George R. R. Martin häufig mit Tolkien verglichen wird, hat mich dieser Vergleich nicht gerade beflügelt, seine Bücher lesen zu wollen. Sobald ein Buch vollkommen ins Fantastische abdriftet und es um Elfen, Vampire, Trolle oder andere seltsame Wesen geht, die mir im realen Leben noch nie begegnet sind und es vermutlich auch nie werden, verliere ich in der Regel recht schnell das Interesse. Wenn Fantasy-Elemente aber recht sparsam zum Einsatz kommen, als Metapher oder Symbol verwendet werden und die Hauptprotagonisten menschliche Wesen sind und wie solche denken, fühlen und agieren, dann kann ich auch mit Fantasy-Literatur etwas anfangen. Obwohl man bereits im Prolog mit Weißen Wanderern und Wiedergängern konfrontiert wird, spielen fantastische Wesen in Die Herren von Winterfell eine eher untergeordnete Rolle. Auch Schattenwölfe, die bereits zu Beginn des Buches in Erscheinung treten, sind mir in der freien Wildbahn freilich noch nie begegnet, aber sie verfügen (zumindest in diesem Band) über keine erkennbaren magischen Fähigkeiten, sind einfach nur besonders große und intelligente Wölfe und haben vor allem Symbolcharakter, zumal ein Schattenwolf das Wappen des Hauses Stark ziert. Ich fand es fast schon ein wenig enttäuschend, dass diese Wölfe im Grunde nicht viel mehr können als jeder herkömmliche Hund. Die primär handelnden Protagonisten in diesem Band sind jedenfalls allesamt Menschen und so interessant, vielschichtig und präzise ausgearbeitet, wie man es nur selten in Büchern findet.
Häufig wird George R. R. Martin für seine detaillierten Charakterzeichnungen und recht ausführlichen Erklärungen und Beschreibungen kritisiert, aber gerade das macht dieses Buch eben aus. Schließlich bildet Die Herren von Winterfell den Auftakt zu einer Buchreihe, an der der Autor seit mehr als zwanzig Jahren schreibt, die immer noch nicht abgeschlossen ist und in der er eine völlig neue Welt erschaffen hat. Um sie zu verstehen, sich in ihr zurechtzufinden und vollkommen in sie eintauchen zu können, muss der Leser zunächst in diese Welt eingeführt werden, die Protagonisten, die Ausgangssituation und auch die Schauplätze kennenlernen.
Martin ist ein so brillanter Erzähler, dass selbst ausschweifende Landschaftsbeschreibungen spannend zu lesen sind. Seine Sprache ist nüchtern, einfach und schnörkellos, aber gleichzeitig unglaublich bildgewaltig und prägnant. Er kann mit Worten Bilder zeichnen, die vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen und ihn somit zu einem Teil dieser fiktiven Welt werden lassen. Der Literaturkritiker Denis Scheck hat das erzählerische Talent des Autors jedenfalls sehr treffend beschrieben, als er meinte, George R. R. Martins Erzählweise sei „so realistisch, dass man die Drachenscheiße buchstäblich zu riechen meint“.
Jedes gute Buch steht und fällt allerdings mit seinen Protagonisten. Derer gibt es reichlich in Das Lied von Eis und Feuer, und es ist mitunter recht schwierig, den Überblick über alle Figuren, ihre Herkunft und ihre Beziehungen untereinander zu behalten. Praktischerweise befindet sich im Anhang des Buches aber ein detailliertes Glossar, das diesbezüglich sehr hilfreich ist. Martin nimmt sich sehr viel Zeit, seine Figuren zu entwickeln und lebendig werden zu lassen. Keiner seiner Protagonisten entspricht den gängigen Klischees eines klassischen Helden oder typischen Bösewichts. Alle Charaktere sind so dreidimensional, facettenreich und ambivalent angelegt, sodass es recht schwierig ist, einen wahren Sympathieträger oder ein wirkliches Scheusal auszumachen. Die einzige Figur, bei der ich bislang nicht einen einzigen liebenswerten Charakterzug entdecken konnte, ist Joffrey Lennister, der Sohn und Thronfolger von König Robert Baratheon. Dass aber ausgerechnet ein äußerlich engelsgleiches Kind mit so negativen Eigenschaften ausgestattet wurde, widerspricht schon allen üblichen Klischees und macht diesen Knaben zu einer recht interessanten, wenn auch verabscheuungswürdigen Figur. Ansonsten ist es aber nahezu unmöglich, klar zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, weil selbst die Antagonisten durchaus positive Charaktereigenschaften haben können und auch die vermeintlichen Helden zu mitunter abscheulichen Taten fähig sind. Dennoch gibt es Charaktere, die ich sofort ins Herz schloss (allen voran Tyrion Lennister) und solche, die mich eher langweilten (vor allem Bran Stark).
Jedes Kapitel wird aus der Perspektive eines anderen Hauptprotagonisten erzählt, sodass der Leser die Möglichkeit erhält, diese Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennenzulernen. Die Kapitel haben eine angenehme Länge und enden natürlich dann, wenn es am spannendsten wird, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen kann, weil man ja wissen will, wie das Leben der einzelnen Figuren weitergeht. Und so viel sei gesagt: niemand ist in diesem Buch sicher, denn George R. R. Martin scheut sich nicht, auch seine Hauptprotagonisten erbarmungslos sterben zu lassen. Überall lauern Gefahren, ständig müssen Konflikte ausgetragen werden und die Bedrohung ist stets spürbar, allgegenwärtig und geradezu beklemmend. Manchmal hatte ich vor dem Umblättern einer Seite fast Angst, weil ständig etwas Unvorhersehbares und Erschütterndes passiert. Häufig ist man ja schon froh, wenn es in einem Buch zu einer einzigen überraschenden Wendung kommt, aber in Die Herren von Winterfell wendet sich das Blatt in nahezu jedem Kapitel. Es kommt bei mir recht selten vor, dass ich beim Lesen ungläubig innehalte und manche Stellen zweimal lesen muss, weil ich einfach nicht fassen kann, dass das, was ich eben gelesen habe, tatsächlich passiert ist. Nüchtern, fast beiläufig lässt George R. R. Martin seine Helden scheitern oder siegen und den Leser häufig vollkommen fassungslos zurück.
Die Welt, die der Autor in diesem Buch entwirft, ist stark an das europäische Mittelalter angelehnt. Dennoch handelt es sich freilich nicht um einen historischen Roman. Martin hat sich von realen historischen Begebenheiten, wie etwa den Rosenkriegen oder dem Hundertjährigen Krieg, lediglich Inspirationen geholt und ließ diese in sein Werk einfließen.
Trotz fantastischer Elemente und einer mittelalterlich anmutenden Kulisse wirkt das Erzählte geradezu erschreckend real und nachvollziehbar. Vermutlich wird sich jeder Leser in der ein oder anderen Person wiederfinden und sich mit Themen konfrontiert sehen, die ihn auch selbst betreffen, denn im Zentrum der Handlung steht all das, was uns Menschen von jeher an- und umtreibt – Hass, Liebe, Macht, Geld, Familie, Freundschaft, Verrat, Rache und der ständige innere Konflikt mit uns selbst.
Somit hat George R. R. Martin ein zeitloses Werk geschaffen, das in jeder Hinsicht als epochal angesehen werden kann. Ich kann es kaum abwarten, nun bald die folgenden Bände zu lesen und bin nach diesem fulminanten Reihenauftakt sicher, dass dieses gewaltige Epos mir noch viele wunderbare und spannende Lesestunden bereiten wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

George R. R. Martin: Die Herren von Winterfell (Das Lied von Eis und Feuer 1)
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 14. Dezember 2010
576 Seiten
ISBN 978-3-442-26774-3

Cover: Blanvalet

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6 Gedanken zu “Buchrezension: George R. R. Martin – Die Herren von Winterfell (Das Lied von Eis und Feuer 1)

  1. Ehrlich gesagt ist deine Rezension die erste, die ich zu diesem Buch gelesen habe. Der Hype hat mich sogar eher angezogen als abgeschreckt, aber dadurch dass ich vermutet habe, dass die Bücher und die Serie Suchtpotenzial haben und ich noch so viel anderes zum Lesen und Schauen habe, habe ich mich bisher bewusst zurückgehalten. Nach deiner Rezi habe ich aber wieder total Lust darauf! Mal sehen wann ich in diese Welt eintauchen werde. 🙂

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    • Manchmal machen mich Hypes auch neugierig, aber wenn sie allzu enthusiastisch sind, schreckt mich das manchmal auch ab, und hin und wieder kann ich den Hype auch nicht nachvollziehen. Aber bei dieser Reihe kann ich es durchaus nachvollziehen. Die Bücher und auch die Serie haben absolut Suchtpotential. Auch das kommt bei mir nicht allzu oft vor. Ich wollte mich, zumindest was die Serie anbelangt, auch zurückhalten, aber ich konnte nicht und habe inzwischen alle Staffeln innerhalb von zwei Wochen durchgesuchtet. Man sollte sich defintiv nichts anderes vornehmen, wenn man damit angefangen hat. Falls Du in diese Welt eintauchen möchtest, wünsche ich Dir jedenfalls ganz viel Spaß! 😉

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  2. Vielen Dank auch von mir. Ich hatte diesen ersten (Halb-)Band mal vor Urzeiten gelesen, fand ihn gut aber sprachlich zwar passend und prägnant, aber mitnichten bildgewaltig oder besonders literarisch. Das einzige Buch in dieser Hinsicht im Fantasy-Bereich war für mich Rothfuss‘ grandioses „Der Name des Windes“. Leider krankt auch das am selben Problem wie Game of Throne: Es ist noch nicht fertig. Und wie schrecklich ist das denn, wenn die Autoren sich fürs nächste Buch mehrere Jahre Zeit lassen? Jedenfalls werde ich mir Martins Epos erst zur Gemüte führen, wenn’s fertig ist (falls es fertig wird). Bis dahin bleibe ich gespannt, wie Dir die Folgebände gefallen!!

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  3. Ziemlich gute Rezi….ich hatte schon öfter gelesen, dass Leute nach dem sie endlich angefangen haben zu lesen, sich ärgerten, dass sie nicht schon längst damit angefangen haben…ich habe es schon ewig auf dem SuB…und traue mich kaum weil es so dick ist…aber so wie Du es beschreibst scheint wenigstens Band 1 der Serie zu entsprechen…Ich werde es mal in Griffnähe legen…vielleicht wenn die Tage wieder düster und kalt werden…da passt es..;-)

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    • Jup, die erste Staffel der Serie gleicht der Buchvorlage, bis auf ein paar kleine Details, noch nahezu exakt. Ab der dritten Staffel soll die Serie jedoch deutlich von der Buchvorlage abweichen. Die Bücher sind also selbst dann spannend, wenn man die Serie kennt. Außerdem ist das Buch eben auch viel detaillierter. Ich war erstaunt, wie schnell und flüssig sich die knapp 600 Seiten weglesen ließen. Stimmt, im Winter passt es in der Tat besser, aber der nächste Winter kommt bestimmt 😉

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