Buchrezension: Matt Dickinson – Die Macht des Schmetterlings

Matt Dickinson - Die Macht des SchmetterlingsInhalt:

In Großbritannien schlägt ein frisch geschlüpfter Schmetterling zum ersten Mal mit den Flügeln und versetzt damit ein kleines Kaninchen in so große Panik, dass es vollkommen orientierungslos flüchtet und dabei ein Pferd erschreckt, das daraufhin seinen Reiter abwirft, stürzt und sich verletzt. Aber wie hängen diese Ereignisse mit dem Schicksal einer japanischen Bergsteigerin auf dem Mount Everest, einer britischen Pilotin und einem kleinen Jungen in Afrika zusammen? Der Flügelschlag dieses Schmetterlings setzt eine ganze Kette von Ereignissen in Gang, die das Schicksal vieler Menschen auf vier verschiedenen Kontinenten miteinander verbindet und für immer verändern wird.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe dieses Jugendbuch im Rahmen einer Leserunde gelesen, die auf Facebook stattfand und von drei Booktubern ins Leben gerufen wurde. Das Lesen in der Gruppe hat sehr viel Spaß gemacht, denn es war interessant, sich mit anderen Lesern auszutauschen, mit ihnen zu diskutieren und zu sehen, wie unterschiedlich die Meinungen zu einem Buch ausfallen können.
Als ich den Klappentext gelesen hatte, beschloss ich, an dieser Leserunde teilzunehmen, denn obwohl es sich um ein Jugendbuch handelt, klang die Thematik von Die Macht des Schmetterlings äußerst interessant. Die Geschichte, die diesem Buch zugrunde liegt, baut auf der Chaostheorie auf. Diese besagt, dass eine winzig kleine Veränderung der Anfangsbedingungen zu völlig unvorhersehbaren Kettenreaktionen führen und somit weitreichende Auswirkungen auf das ganze System haben kann. Das Phänomen des Schmetterlingseffekts geht auf den Meteorologen und Chaosforscher Edward N. Lorenz zurück. Er versuchte die Theorie, dass kleinste Ursachen mitunter sehr große Wirkung haben können, anhand eines Wettermodells zu bekräftigen und vertrat die These, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Wirbelsturm in Texas hervorrufen könne.
Das Grundkonzept, auf dem Matt Dickinson seinen Roman aufbaut, nämlich anhand einer fiktionalen Geschichte zu zeigen, inwiefern eine minimale Veränderung der ursprünglichen Bedingungen an anderen Orten auf der Welt unvorhersehbare und dramatische Folgen haben kann, klang für mich äußert vielversprechend und spannend. Auch Dickinsons Geschichte beginnt mit dem Flügelschlag eines harmlosen Schmetterlings. Dieser löst jedoch eine Reihe von Kettenreaktionen aus, die das Schicksal vieler Menschen, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, miteinander verbindet und für einige von ihnen dramatische und fatale Folgen haben wird.
Gleich zu Beginn des Romans konfrontiert der Autor den Leser mit zahlreichen verschiedenen Handlungssträngen und einer Vielzahl an Protagonisten. Anfangs war dies für mich etwas verwirrend, da ich keinen Zusammenhang erkennen konnte und es nicht ganz einfach war, den Überblick zu behalten.
Die Kapitel sind auffallend kurz und umfassen maximal ein bis zwei Seiten. Dies führt zu einem sehr schnellen und rasanten Lesefluss, aber leider auch dazu, dass man sich in keinen der vielen Erzählstränge richtig einlesen und zu keinem der Protagonisten eine Verbindung aufbauen kann. Bedauerlicherweise bleiben alle Figuren recht konturlos und haben keine Tiefe. Für das Konzept des Romans ist dies allerdings auch nicht erforderlich, denn es geht weniger um die Figuren selbst als vielmehr um die Wechselbeziehungen, die zwischen ihnen bestehen. Mein Hauptproblem bestand also nicht darin, dass mir alle Protagonisten seltsam fremd blieben, sodass ich mit keinem von ihnen mitfiebern konnte, sondern dass ich noch nie ein Buch gelesen habe, in dem ausnahmslos alle Figuren so unglaublich einfältig und dumm waren wie in diesem Roman. Mit unsympathischen Charakteren kann ich ganz gut leben, denn auch absolute Scheusale haben häufig durchaus ihren Reiz; ich weiß auch, dass ich nicht erwarten kann, dass die Protagonisten eines Romans so agieren, wie ich es tun würde, aber eine solche Ansammlung von so unfassbar dämlichen Personen ist mir noch in keinem Buch begegnet. Kein annährend normaler Mensch würde sich so verhalten oder einen solchen Unsinn absondern. Manche Protagonisten scheinen auch über nahezu übernatürliche Kräfte zu verfügen, was ihre Glaubwürdigkeit nicht unbedingt fördert.
Sieht man von den völlig unrealistischen und nicht nachvollziehbaren Handlungen der Protagonisten ab, war dieses Buch aber leider auch völlig überkonstruiert. Das ist umso fataler, weil dadurch das Konzept, das dem Roman zugrunde liegt, einfach nicht mehr aufgeht. Dem Autor geht es ja eigentlich darum, zu zeigen, auf welche Weise die Lebenswege der verschiedenen Protagonisten miteinander verbunden sind. Idealer- und logischerweise müsste also jeder Handlungsstrang, wenn auch über Umwege, mit dem Flügelschlag des Schmetterlings in Verbindung gebracht werden können. Manche Erzählstränge sind aber gänzlich losgelöst von der ursprünglichen Ausgangssituation und werden erst im Nachhinein auf geradezu aberwitzige Weise mit ihr verflochten. Natürlich beruht das Konzept des Romans auf der Verkettung von Zufällen; dass Zufälle nicht zwingend einer bestimmten Logik folgen, ist mir vollkommen klar, aber sie müssten zumindest möglich sein. Leider hat der Autor aber auch die Gesetze von Raum und Zeit mitunter völlig außer Acht gelassen, sodass sein Konzept am Ende des Romans völlig aus dem Ruder läuft. Auf den letzten Seiten musste ich wirklich herzlich lachen, denn das Romanende ist vollkommen überkonstruiert und auf geradezu lächerliche Weise absurd.
Selten hat mich ein Buch so geärgert und enttäuscht wie dieses. Leider ist es auch sprachlich vollkommen unterkomplex und wirklich eine Zumutung. Unfassbar, welche Worte der Autor seinen Protagonisten in den Mund legt und welche strategischen Überlegungen er manche Tiere anstellen lässt. Hätte ich das Buch alleine gelesen, hätte ich es vermutlich nach den ersten 50 Seiten abgebrochen, aber das Lesen in der Gruppe und die lebendige Diskussion über die unterschiedlichsten Leseeindrücke ließen mich durchhalten und machten die Lektüre dennoch zu einem recht unterhaltsamen Erlebnis. Stellenweise war das Buch sogar recht spannend, selbst wenn ich häufig nur deshalb mitfieberte, weil ich hoffte, so manchen Protagonisten einfach kläglich scheitern zu sehen.
Wie man es schafft, eine wirklich gute Grundidee, die Potential für eine überaus spannende und verzwickte Geschichte haben könnte, so zu verhunzen, ist aber schon bedauerlich. Das war wohl nix – schade!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: (1 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Matt Dickinson: Die Macht des Schmetterlings
Verlag: Baumhaus Verlag
Ersterscheinungsdatum: 21. Juni 2013
351 Seiten
ISBN 978-3-8339-0169-0

Cover: Baumhaus Verlag

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Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im August 2016

Immer wenn ich von einer Leseflaute heimgesucht werde, blättere ich mich durch Verlagsvorschauen und hole mir Inspirationen für neuen Lesestoff, denn die Vorfreude auf neue Bücher weckt meistens wieder meine Lust am Lesen.
Im August erscheinen so viele tolle neue Bücher, dass es mir schwer fiel, mich auf eine kleine Auswahl zu beschränken.

Ich habe erst vor ein paar Monaten Melanie Raabes Debütroman Die Falle gelesen und war so restlos begeistert von diesem Buch, dass ich hoffte, bald noch mehr von dieser Autorin lesen zu dürfen. Im kommenden Monat ist es nun endlich so weit, denn am 29. August erscheint Melanie Raabes zweiter Thriller Die Wahrheit, auf den ich mich schon sehr freue.

DIE WAHRHEIT von Melanie RaabeVor sieben Jahren ist der reiche und zurückgezogen lebende Geschäftsmann Philipp Petersen während einer Südamerikareise spurlos verschwunden. Seither zieht seine Frau Sarah (37) den gemeinsamen Sohn alleine groß. Doch dann erhält Sarah wie aus heiterem Himmel die Nachricht, dass Philipp am Leben ist. Die Rückkehr des vermeintlichen Entführungsopfers löst ein gewaltiges Medieninteresse aus. Sarah hat zwiespältige Gefühle, nach all der Zeit verständlich. Sie hat eine harte Zeit hinter sich. Gerade war sie dabei, sich von der Vergangenheit zu lösen. Ihr Ehemann taucht, wenn man so will, zur Unzeit auf. Was wird werden? Gibt es eine gemeinsame Zukunft? Sie ist auf alles vorbereitet, nur auf das eine nicht: Der Mann, der aus dem Flugzeug steigt, ist nicht der, als der er sich ausgibt. Es ist nicht ihr Ehemann. Es ist ein Fremder – und er droht Sarah: Wenn sie ihn jetzt bloßstelle, werde sie alles verlieren: ihren Mann, ihr Kind, ihr ganzes scheinbar so perfektes Leben … (Klappentext btb)

Melanie Raabe – Die Wahrheit
Verlag: btb
Ersterscheinungstermin: 29. August 2016
Klappenbroschur – 448 Seiten – 16,00 €
ISBN 978-3-442-75492-2


Anders von Anita TerpstraWie gut kennen wir die, die uns am nächsten sind, wirklich?

Alma Meester, ihr Mann Linc und die beiden Kinder Iris und Sander sind eine ganz normale, glückliche Familie. Bis zu dem Tag, als der elfjährige Sander zusammen mit einem Freund während eines Ferienlagers spurlos verschwindet. Der andere Junge wird kurz darauf tot aufgefunden, doch Sander bleibt wie vom Erdboden verschluckt. Sechs Jahre später meldet sich ein junger Mann bei einer deutschen Polizeistation. Er sei der verschwundene Sander Meester. Die Familie ist überglücklich, doch nach und nach kommen der Mutter Zweifel. Ist der Junge wirklich ihr Sohn? Und was ist in der Nacht damals tatsächlich passiert? (Klappentext Blanvalet)

 

Anita Terpstra – Anders
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 15. August 2016
Taschenbuch – 384 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-7341-0257-8


Ich liebe skandinavische Thriller und bin deshalb sehr gespannt auf das Debüt dieser schwedischen Autorin

Die Vermissten von Caroline ErikssonDas grünschwarze Wasser leuchtet geheimnisvoll in der untergehenden Sommersonne. Der Abend könnte nicht schöner sein, als Greta, Alex und Tochter Smilla mit dem Boot zur kleinen Insel in der Mitte des Sees fahren. Greta bleibt am Ufer, während die anderen beiden neugierig auf Entdeckungstour gehen. Aber sie kommen nicht mehr zurück. Beunruhigt macht sich Greta auf die Suche – doch von Alex und Smilla fehlt jede Spur … In ihrer wachsenden Verzweiflung wendet sie sich an die Polizei. Schnell wird klar, dass Gretas eigene Geschichte ebenso große Rätsel aufwirft wie das Verschwinden ihrer Lieben. Und die Frage: Hat sie etwas damit zu tun? (Klappentext Penguin)

 

Caroline Eriksson – Die Vermissten
Verlag: Penguin Verlag
Ersterscheinungsdatum: 8. August 2016
Klappenbroschur – 272 Seiten – 13,00 €
ISBN 978-3-328-10038-6


Russell Wangersky - WaltHi, ich bin Walt. Ich sammle weggeworfene Einkaufslisten. Das klingt vielleicht ein bisschen schräg, aber Sie ahnen ja nicht, was man auf diese Weise alles über jemanden erfährt! Das ist fast, als wäre ich selbst Teil der Familie. Ich gebe zu, ich bin einsam, seit meine Frau Mary mich vor ein paar Jahren verlassen hat. Kaum jemand gönnt mir einen zweiten Blick – als wäre ich unsichtbar. Besonders gern sammle ich die Zettel von Alisha. Sie ist noch so jung, jemand sollte auf sie Acht geben, finde ich. Ich mache das gern, auch wenn sie nicht mal ahnt, dass ich existiere … (Klappentext Knaur)

 

 

Russell Wangersky – Walt
Verlag: Knaur TB
Ersterscheinungsdatum: 01. August 2016
Klappenbroschur – 304 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-426-51742-0


Bei Jugendbüchern bin ich immer ein wenig skeptisch, weil ich dem Alter der eigentlichen Zielgruppe schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen bin, aber Ursula Poznanskis Jugendthriller Erebos hat mir ausgesprochen gut gefallen und war so unglaublich spannend, dass ich mich schon sehr auf ihr neues Buch Elanus freue.

Ursula Poznanski - ElanusEs ist klein. Es ist leise. Es sieht alles.

Jona ist siebzehn und seinen Altersgenossen ein ganzes Stück voraus, was Intelligenz und Auffassungsgabe betrifft. Allerdings ist er auch sehr talentiert darin, sich bei anderen unbeliebt zu machen und anzuecken. Auf die hervorgerufene Ablehnung reagiert Jonas auf ganz eigene Weise: Er lässt sein privates Forschungsobjekt auf seine Neider los: eine Drohne. Klein, leise, mit einer hervorragenden Kamera ausgestattet und imstande, jede Person aufzuspüren, über deren Handynummer Jona verfügt. Mit dem, was er auf diese Weise zu sehen bekommt, kann er sich zur Wehr setzen gegen Spott und Häme.
Doch dann erfährt er etwas, das besser unentdeckt geblieben wäre, und plötzlich schwebt er in tödlicher Gefahr. (Klappentext Loewe Verlag)

Ursula Poznanski – Elanus
Verlag: Loewe
Ersterscheinungsdatum: 22. August 2016
Klappenbroschur – 416 Seiten – 14,95 €
ISBN 978-3-7855-8231-2


Neben Thrillern haben in der letzten Zeit auch Dystopien mein Interesse geweckt. Dieser postapokalyptische Roman klingt jedenfalls äußerst vielversprechend…

Adrian J Walker - Am Ende aller ZeitenWie weit würdest du gehen … für die, die du liebst?

Edgar Hill ist Mitte dreißig, und er hat sein Leben gründlich satt. Unzufrieden mit sich und seinem Alltag in Schottland als Angestellter, Familienvater und Eigenheimbesitzer, fragt er sich vor allem eins: Hat das alles irgendwann einmal ein Ende? Er ahnt nicht, dass sich die Katastrophe bereits anbahnt.
Als das Ende kommt, kommt es von oben: Ein dramatischer Asteroidenschauer verwüstet die Britischen Inseln. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Ganze Städte werden ausgelöscht. Straßen, das Internet, die Zivilisation selbst gehören plötzlich der Vergangenheit an. England liegt in Schutt und Asche. Ist dies der Weltuntergang?

Edgar und seine Familie werden während der Evakuierung voneinander getrennt, und ihm bleibt nur eine Wahl: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er 500 Meilen weit laufen, durch ein zerstörtes Land und über die verbrannte Erde, von Edinburgh nach Cornwall. Zusammen mit einigen wenigen Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Ultra-Marathon durch ein sterbendes Land. Doch sein Weg ist gefährlich: Im postapokalyptischen England kämpft jeder gegen jeden ums blanke Überleben. (Klappentext S. Fischer Verlage)

Adrian J Walker – Am Ende aller Zeiten
Verlag: FISCHER Tor
Ersterscheinungsdatum: 25. August 2016
Klappenbroschur – 432 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-596-03704-9

Buchrezension: Jamie Mason – In guten wie in bösen Tagen

Jamie Mason - In guten wie in bösen TagenInhalt:

Die Kindheit von Dee und ihrem Bruder Simon war in jeder Hinsicht unkonventionell. Ihre Mutter Annette war alleinerziehend, arbeitete als Geheimagentin, erzog ihre Kinder zu ständiger Wachsamkeit und schärfte ihnen ein, niemandem zu vertrauen und immer auf das Schlimmste gefasst sein zu müssen. Spielerisch brachte sie ihnen bei, wie man Menschen und Situationen genauestens beobachtet und richtig einschätzt, um Gefahren rechtzeitig erkennen zu können. Obwohl Dee mit viel Liebe und Fürsorge aufgewachsen ist und ihre Mutter sich stets bemühte, den Alltag ihrer Kinder so normal wie möglich zu gestalten, wünscht sich Dee nichts sehnlicher, als endlich ein ruhiges und beschauliches Leben führen zu können. Als sie während ihres Studiums Patrick kennenlernt, ist sie sicher, nun einen Mann gefunden zu haben, an dessen Seite sie in behaglicher Normalität leben kann, ohne jeden Tag mit bösen Überraschungen rechnen zu müssen.
Dee ist nun seit fast zehn Jahren glücklich mit Patrick verheiratet; ihre Mutter ist inzwischen verstorben und hat ihr ein beträchtliches Vermögen hinterlassen. Seit einiger Zeit verhält sich ihr Mann plötzlich recht eigenartig und hat offenbar Geheimnisse vor ihr. Außerdem spürt sie, dass sie ständig beobachtet und von jemandem verfolgt wird. Es scheint sich nun doch als recht nützlich zu erweisen, dass ihre Mutter ihr bereits in frühster Kindheit beigebracht hat, Warnsignale rechtzeitig zu erkennen, denn Dee ahnt, dass sie in Gefahr ist und ihr Mann ein neues Leben plant – ein Leben ohne sie…

Meine persönliche Meinung:

Es fällt mir nicht leicht, In guten wie in bösen Tagen von Jamie Mason zu rezensieren und diesem Buch mit wenigen pauschalisierenden Worten gerecht zu werden, denn es war gänzlich anders als ich es mir anhand des Klappentextes vorgestellt hatte. Teilweise war ich enttäuscht, weil meine Erwartungen nicht erfüllt wurden, aber manche Aspekte haben mich auch sehr positiv überrascht. Erwartet hatte ich einen fesselnden Psychothriller, der mich in die Abgründe menschlicher Seelen führen würde und bekommen habe ich das erschütternde Psychogramm einer Ehe und die Verarbeitung einer problematischen Kindheit.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive der Hauptprotagonistin Dee erzählt. Somit erhält der Leser natürlich sehr tiefe Einblicke in Dees Gedanken- und Gefühlwelt. Der Autorin ist es sehr gut gelungen, eine äußerst vielschichtige und dreidimensionale Protagonistin zu gestalten, in die ich mich sehr gut einfühlen konnte. Der Leser begleitet Dee während der Autofahrt zu einem Ort, an dem sie sich erhofft, endlich herauszufinden, warum und von wem sie seit Monaten verfolgt wird und weshalb ihr Leben vollkommen aus den Fugen zu geraten scheint. Während der Fahrt führt sie eine Art inneren Dialog mit ihrer verstorbenen Mutter, reflektiert über die Ereignisse der letzten Monate, ihre Vergangenheit und lässt ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal Revue passieren. Sie erinnert sich an ihre unkonventionelle Kindheit, ihren Wunsch, dieses gefahrenvolle Leben an der Seite ihrer Mutter endlich hinter sich zu lassen und ihre Hoffnung, in Patrick einen soliden Mann gefunden zu haben, mit dem sie ein ruhiges Leben führen kann, ohne ständig mit dem Schlimmsten rechnen zu müssen. Doch als sie über die Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit nachdenkt, erkennt sie, dass sich ihre Hoffnungen nicht erfüllt haben und erlangt auch die Gewissheit, dass sie es den ungewöhnlichen Erziehungsmaßnahmen ihrer Mutter und ihrer Kindheit in ständiger Alarmbereitschaft zu verdanken hat, dass sie Warnsignale und Gefahren frühzeitig erkennen kann. Dabei kommt sie auch zu der sehr schmerzhaften Überzeugung, dass ihr Ehemann Patrick nicht der ist, der er vorgab zu sein und gelangt auch zu der ernüchternden Erkenntnis, dass ihre Ehe ganz grundsätzlich auf falschen und vollkommen unterschiedlichen Erwartungen beruhte.

Ich hatte Patrick ausgewählt, weil er für etwas stand, nicht wegen dem, der er war.

So wie Dee ihren Mann beschreibt, würde ich ihn als furchtbaren Langweiler bezeichnen, aber Dee sehnte sich geradezu nach etwas Langeweile oder zumindest nach Beständigkeit, Sicherheit, Ruhe und vorhersehbaren und zuverlässigen Strukturen, denn all das kannte sie vor ihrer Begegnung mit Patrick nicht. Während dieser Autofahrt erkennt sie, dass die Wahl ihres Ehemannes im Grunde eine Art Rebellion gegen ihre Mutter war, muss aber auch zugeben, dass ihre Mutter ihr sehr wertvolle Ratschläge auf den Weg gab und die erlernten Fähigkeiten ihr nun geholfen haben, herauszufinden, was ihr Mann im Schilde führt. Und so verarbeitet sie bei dieser Fahrt auch ihre mitunter schwierige Kindheit, schließt Frieden mit ihrer verstorbenen Mutter und nimmt innerlich Abschied. Mich haben Dees Gedanken tief berührt, denn auch wenn ihre Kindheit nicht einfach war und die Geheimnisse, die ihre Mutter umgaben, Dee sehr belastet haben, klagt sie ihre Mutter nicht an, sondern ist erfüllt von Dankbarkeit und auch sehr schönen und liebevollen Kindheitserinnerungen.
Ich muss zugeben, dass es mir nicht leichtfiel, mich in dieses Buch einzufinden, denn es dauert recht lange, bis die Geschichte in Gang kommt. Allerdings hat mich das hohe sprachliche Niveau schon auf den ersten Seiten sehr beeindruckt. Der Schreibstil der Autorin ist für dieses Genre sehr außergewöhnlich, denn er ist teilweise fast poetisch. Allerdings hat mir die Spannung fast vollständig gefehlt. Der Leser begleitet Dee während dieser Autofahrt, erfährt, wie sich ihr Leben in den letzten Wochen verändert hat und wirft einen Blick zurück in ihre Vergangenheit, aber es passiert eben leider nichts. Ich würde dieses Buch keineswegs als Psychothriller, sondern einfach als Roman bezeichnen, denn er weist nahezu keine Thrillerelemente auf. Erst ganz am Ende des Buches, als Dee das Ziel ihrer Fahrt erreicht, kommt es zu einem überraschend actionreichen Showdown, aber ansonsten war dieses Buch leider sehr vorhersehbar und auch ziemlich langweilig.
Für mich war In guten wie in bösen Tagen ein überaus einfühlsames, psychologisch ausgefeiltes Buch, das mich zwar emotional sehr tief berührte, aber leider nicht fesseln konnte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jamie Mason: In guten wie in bösen Tagen
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 10. Juni 2016
318 Seiten
ISBN 978-3-404-17371-6

Cover: Bastei Lübbe

Buchrezension: A. J. Rich – Dein letzter Tag

Dein letzter Tag von A J RichInhalt:

Morgan Prager studiert forensische Psychologie am John Jay College of Criminal Justice in Manhattan, beschäftigt sich mit Opferforschung und arbeitet gerade an ihrer Doktorarbeit. Als sie eines Tages von der Uni nach Hause kommt, die Wohnungstür offen vorfindet und die blutigen Pfotenabdrücke ihrer Hunde im Flur bemerkt, ahnt sie sofort, dass etwas nicht stimmt. Im Schlafzimmer findet sie die grausam zugerichtete Leiche ihres Verlobten Bennett. Ihre drei Hunde sitzen neben dem Toten und sind über und über mit Blut beschmiert.
Als Morgan Bennetts Eltern von dem tragischen Tod ihres Sohnes unterrichten will, muss sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass nichts von dem, was ihr Verlobter ihr jemals über sein Leben, seine Herkunft und seinen Beruf erzählt hat, der Wahrheit entsprach. Außerdem findet sie heraus, dass Bennett nicht nur mit ihr, sondern mit auch mit zahlreichen anderen Frauen verlobt war. Sie muss das Geheimnis seiner wahren Identität lüften, denn seine anderen Verlobten kommen nach und nach auf rätselhafte Weise ums Leben, und Morgan muss befürchten, bald die Nächste zu sein.

Meine persönliche Meinung:

A. J. Rich ist das Pseudonym der beiden US-amerikanischen Autorinnen Amy Hempel und Jill Cement. Da es sich hierbei um zwei renommierte Schriftstellerinnen handelt und der Klappentext sehr spannend klang, habe ich mich sehr auf dieses Buch gefreut und hatte eine ziemlich hohe Erwartungshaltung, die leider in mehrfacher Hinsicht enttäuscht wurde.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive der Hauptprotagonistin Morgan berichtet. Diese Erzählsituation sollte eigentlich dazu führen, dass sich der Leser mit der erzählenden Person identifizieren kann – dies wollte mir bei Morgan leider nicht gelingen. Diese Frau ging mir bereits auf den ersten Seiten so ungeheuer auf die Nerven und handelt so vollkommen irrational, dass es mir gänzlich unmöglich war, mich auf ihre Seite zu schlagen. Spannend fand ich an dieser Figur lediglich, dass sie sich mit Viktimologie (Opferforschung) beschäftigt, Opfertypologien erstellt und der Frage nachgeht, welche Verhaltensweisen von Frauen dazu beitragen, Opfer männlicher Straftäter zu werden. Man merkt deutlich, dass die Autorinnen sehr präzise recherchiert und sich intensiv mit Opferkunde und Soziopathie auseinandergesetzt haben. Auch wenn diese Textstellen den Handlungsverlauf unterbrechen und drögen wissenschaftlichen Abhandlungen gleichen, haben sie mir recht gut gefallen, weil ich die Thematik äußerst interessant finde.
Obwohl die Hauptprotagonistin dieses Thrillers also über allerlei Fachwissen über charakterliche Eigenheiten weiblicher Opfer verfügt, scheint sie daraus recht wenig Lehren für ihr eigenes Leben zu ziehen. Diese Frau ist so gnadenlos einfältig und naiv, dass sie für jeden Verbrecher ein gefundenes Fressen ist. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man mit jemandem verlobt sein kann und nicht merkt, dass es noch andere Verlobte gibt. Morgan führt mit Bennett ja keineswegs nur eine oberflächliche Beziehung, bei der so etwas vielleicht noch unbemerkt bleiben könnte, sondern wohnt mit ihm unter einem Dach und will ihn heiraten. Ich finde es auch recht eigenartig, nicht zu merken, welchem Beruf der künftige Ehemann nachgeht und nie in seiner Wohnung gewesen zu sein, bevor man ihn bei sich einziehen lässt. Nun denn, Morgan kam all das offenbar nie merkwürdig vor und stößt erst auf diese Ungereimheiten als ihr Zukünftiger tot ist. Man könnte meinen, dass eine Frau, die sich mit Opferforschung beschäftigt und von ihrem Verlobten derartig hinters Licht geführt wurde, ihre generelle Gutgläubigkeit einfach mal überdenkt, aber leider macht sie im Verlauf der Geschichte keinerlei persönliche Entwicklung durch. Am Ende des Romans ist mir wirklich fast der Kragen geplatzt, denn sie scheint gar nichts dazugelernt zu haben. Sie hat sich in ihrer Opferrolle offenbar behaglich eingerichtet und sieht den Grund dafür nicht etwa in ihrer grenzenlosen Naivität, sondern in ihrer Gutmütigkeit und ihrem Altruismus. Worin dieser bestehen könnte, wollte sich mir jedoch nicht erschließen, denn ich hatte den Eindruck, diese Frau denkt ausschließlich an sich selbst. Ich habe wirklich nichts gegen facettenreiche und ambivalente Figuren, aber alles an dieser Hauptprotagonistin ist so widersprüchlich, dass ich einfach nur den Kopf schütteln konnte.
Hätte ich geahnt, dass es in diesem Thriller nicht nur um eine Frau geht, die den Mord an ihrem Verlobten aufklären und hinter die Geheimnisse seiner wahren Identität kommen will, sondern auch ihre Hunde und das Thema Tierschutz im Mittelpunkt der Geschichte stehen, hätte ich ihn vermutlich nicht gelesen. Da eine der beiden Autorinnen selbst im Tierschutz aktiv ist, fragte ich mich ernsthaft, wie sie die Protagonistin ihres Buches überhaupt selbst ertragen konnte. Morgan versteht sich als engagierte Tierschützerin, hat ihre drei Hunde aus der Tötung gerettet und bei sich aufgenommen. Einer von ihnen, ein Pyrenäenberghund, eine Hunderasse also, die für ihre Sanftmut geradezu berühmt ist, ist bereits als kleiner Welpe zu ihr gekommen. Sie erklärt ausschweifend, wie wichtig ihr der Tierschutz ist und wie sehr sie ihre Hunde liebt. Trotzdem hat sie sich aber mit einem Mann verlobt, der nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er Tiere im Allgemeinen und ihre Hunde im Besonderen nicht unbedingt mag. Als wäre das nicht schon abstrus genug, glaubt sie anfangs aber ernsthaft, dass ihre schwanzwedelnden Fiffis ihren Verlobten zerfleischt haben. Ihre Hunde werden dann als besonders gefährlich eingestuft und ins Tierheim verbracht. Während diese bemitleidenswerten Tiere dort im Todestrakt sitzen und darauf warten, aufgrund ihrer vermeintlichen Gefährlichkeit eingeschläfert zu werden, begibt sich Morgan auf die Suche nach den zahlreichen anderen Verlobten ihres verstorbenen Partners und hält bei dieser Gelegenheit auch gleich Ausschau nach einem adäquaten Nachfolger oder wenigstens nach einem kurzfristigen Sexualpartner. Wollten die beiden Autorinnen unbedingt eine erotische Komponente in ihren Roman einbauen?
Nun ja, immerhin regen sich in Morgan zwischendurch doch irgendwann Zweifel, dass ihre Hunde tatsächlich ihren Verlobten getötet haben. Und so engagiert sie einen Anwalt, der sich auf Tierrecht spezialisiert hat, um ihre Hunde vor der Einschläferung zu bewahren. Ich fand die Idee, einen Tierrechtsfall in die Geschichte einzubauen, wirklich sehr interessant und war äußerst gespannt, wie dieser Jurist nun vorgehen wird, um die Unschuld seiner vierbeinigen Mandanten zu beweisen. Als Mann scheint er durchaus seine Qualitäten zu haben, aber als Jurist hat er ganz offensichtlich überhaupt keine. Bis zum Schluss konnte ich jedenfalls nicht erkennen, worin seine eigentlichen Fähigkeiten liegen und inwiefern seine juristischen Kenntnisse jemals zum Einsatz kommen.
Nun, ich darf nicht davon ausgehen, dass die Protagonisten eines Thrillers so agieren, wie ich es von ihnen erwarten würde, aber eine verantwortungsbewusste Tierhalterin und beherzte Tierschützerin, die sich so dämlich verhält und ein Fachanwalt für Tierrecht, der im Grunde überhaupt nicht aktiv wird, sind geradezu absurd. Recht seltsam fand ich auch, dass die Polizei in diesem Fall nicht ermittelt, sondern Morgan bei ihren Recherchen vollkommen auf sich allein gestellt ist. Das ist umso abstruser, da die anderen Verlobten von Bennett der Reihe nach ums Leben kommen. Aber das ist nur einer von vielen Logikbrüchen, die dieses Buch durchziehen.
Trotzdem muss ich zugeben, dass dieser Thriller bis zur Mitte recht spannend war und sich der Schreibstil sehr flüssig lesen ließ. Ab einem gewissen Punkt war der Plot jedoch sehr vorhersehbar. Spannend war für mich eigentlich nur noch, wie die Geschichte für diese bemitleidenswerten Hunde enden wird, während mir Morgans Schicksal irgendwann wirklich gleichgültig war.
Interessant fand ich an diesem Buch lediglich die Themenbereiche Tierrecht und Opferforschung. Ein Tierrechtsfall ist mir im Thriller- und Krimigenre bislang nie begegnet und wäre einer ernsthaften Auseinandersetzung wirklich wert. Leider wurde das Potential, das diese Thematik hätte, von den Autorinnen vollkommen verschenkt.
Mich hat Dein letzter Tag leider sehr enttäuscht. Nicht nur die Protagonisten, sondern auch der Plot konnten mich nicht überzeugen. Für Leser, denen Tierschutz am Herzen liegt oder die Hundeliebhaber sind, ist dieses Buch eher nicht geeignet, falls sie ihre Nerven schonen wollen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: (1 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

A. J. Rich – Dein letzter Tag
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 20. Juni 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-7341-0267-7

Cover: Blanvalet Verlag

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Buchrezension: Jenny Milchman – Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken

Jenny Milchman - Night fallsInhalt:

Sandy Tremont ist überglücklich, denn sie hat alles, was sie sich jemals erträumt hatte. Gemeinsam mit ihrem Mann Ben, den sie über alles liebt, ihrer fünfzehnjährigen Tochter Ivy und Familienhund McLean lebt sie in einem abgelegenen Traumhaus inmitten der Natur und führt ein sorgenfreies und zufriedenes Leben. Doch dieses Glück wird jäh zerstört, als zwei entflohene Häftlinge in ihr Haus eindringen, ihren Mann brutal niederschlagen und sie und ihre Tochter Ivy als Geisel nehmen. Die idyllische Abgeschiedenheit wird der Familie nun zum Verhängnis, zumal draußen ein Schneesturm tobt und das Haus vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten ist. Die kleine Familie ist den beiden Männern, die offenbar vor nichts zurückschrecken, hilflos ausgeliefert. Sandy versucht alles, um ihren Mann und ihre Tochter vor dem Schlimmsten zu bewahren, denn sie kennt einen der Männer und hat schon erfahren, wozu er fähig ist. Sie hatte sich jahrelang der Illusion hingegeben, dass etwas, an das man lange nicht denkt, einfach verschwindet oder von der Zeit überlagert wird, muss nun aber erkennen, dass sich ihre düstere Vergangenheit nicht abstreifen und auch nicht länger verschweigen lässt.

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich den Klappentext und die Leseprobe gelesen hatte, war ich sehr neugierig auf Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken von Jenny Milchman, denn ich versprach mir von diesem Buch ein packendes und fesselndes Leseerlebnis. Und das bekam ich auch – allerdings mit ein paar Abstrichen.
Ein abgelegenes Haus in den Bergen, das während eines Schneesturms vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten wird, bietet natürlich den perfekten Schauplatz für einen beklemmenden Thriller. In diesem entlegenen Winkel der Erde von zwei entflohenen Häftlingen heimgesucht zu werden, die nicht davor zurückschrecken, ihren Willen auch mit brutalster Gewalt durchzusetzen, nicht fliehen, aber auch nicht auf Hilfe hoffen zu können, gleicht einem Alptraum. Jenny Milchman ist es ausgesprochen gut gelungen, diese klaustrophobische Stimmung perfekt einzufangen.
Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven und auf zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt. Der Leser begleitet nicht nur Sandy und ihre Familie, während sie sich in der Gewalt der beiden Kriminellen befinden, sondern wirft auch einen Blick in die Vergangenheit der Familie Muncey. Wie diese beiden Handlungsstränge zusammenhängen und in welcher Verbindung Barbara Muncey mit Sandy steht, war mir allerdings sehr schnell klar. Trotzdem verlor die Geschichte dadurch nicht an Spannung.
Die Charaktere sind sehr präzise ausgearbeitet, und durch den ständigen Perspektivwechsel erhält man tiefe Einblicke in die Gedankenwelt der verschiedenen Protagonisten. Leider sind diese mitunter etwas zu klischeebeladen und auch nicht immer besonders sympathisch. Sandy ging mir ungeheuer auf die Nerven mit ihrer Geheimniskrämerei, ihren Lügen und ihrer Unfähigkeit, sich endlich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wie man auf einem solchen Lügengerüst eine vernünftige und vertrauensvolle Ehe aufbauen kann, ist mir jedenfalls ein Rätsel. Selbst als sie erkennt, dass die beiden kriminellen Gewaltverbrecher sie und ihre Familie nicht zufällig aufgesucht haben, ist sie nicht in der Lage, ihrer Tochter und ihrem Mann endlich reinen Wein einzuschenken. Mit ihrer Weigerung, sich der Vergangenheit zu stellen, zieht sie nicht nur die Wut und Enttäuschung ihrer Tochter Ivy auf sich, sondern bringt sich und ihre Familie nur noch mehr in Gefahr. Es fiel mir schwer, mich auf Sandys Seite zu schlagen oder gar Empathie für sie zu empfinden. Mein Mitgefühl galt vielmehr ihrem Mann Ben und ihrer Tochter Ivy. Besonders Ben tat mir leid, denn er ist nicht gerade zum Helden geboren, versucht zwar, seine Familie zu beschützen und sich zu wehren, stellt sich aber ziemlich ungeschickt an und scheitert leider kläglich. Die Einzige, die dieser schier ausweglosen und gefährlichen Situation gewachsen zu sein scheint, ist Ivy. Auch wenn sie ein wenig rebellisch und ungestüm ist und es nicht gerade besonders schlau ist, ausgerechnet in diesem Moment an ihren durchaus lobenswerten Grundprinzipien festzuhalten und sich mit ihrer Mutter zu überwerfen, ist sie für ein fünfzehnjähriges Mädchen äußerst mutig und raffiniert. Besonders gut gefallen hat mir, wie sie versucht, die beiden Verbrecher gegeneinander auszuspielen und sich deren Unkenntnis der technischen Neuerungen der letzten Jahrzehnte zu Nutzen zu machen. Auch die beiden entflohenen Häftlinge hat die Autorin sehr interessant und facettenreich ausgearbeitet. Mit Harlan, dessen gewaltige Körpergröße zwar äußerst bedrohlich ist, der seine physische Kraft auch einsetzt, wenn Nick, sein ehemaliger Zellengenosse, es ihm befiehlt, in dessen Brust aber durchaus ein empfindsames Herz zu schlagen scheint, hatte ich sogar häufig Mitleid. Er ist nicht besonders schlau, geistig etwas zurückgeblieben, lässt sich sehr leicht manipulieren und wird von Nick für seine Zwecke missbraucht. Nick dagegen ist ein skrupelloser und gewalttätiger Psychopath, der vor nichts zurückschreckt und mit grausamer Brutalität vorgeht, um seinen Willen durchzusetzen. Wie er überhaupt zu einem solch gewissenlosen Monster mutieren konnte, erfährt man in den Rückblenden in die Vergangenheit. Dabei fiel mir besonders positiv auf, dass die Autorin Nicks Entwicklung zum Gewalttäter zwar mit seiner Kindheit und Erziehung zu erklären versucht, aber keineswegs entschuldigt. Die Passagen, die in der Vergangenheit spielen, bis ins Jahr 1975 zurückreichen und aus der Perspektive von Barbara Muncey geschildert werden, haben mir besonders gut gefallen. Allerdings hat mich Barbara wirklich zur Weißglut getrieben. Übermütter bringen mich generell etwas in Rage, aber wenn überschwängliche Mutterliebe das Gehirn und den Verstand einer Frau derartig vernebelt, dass sie jeden Fauxpas ihres Sprösslings gelassen hinnimmt, könnte ich platzen vor Wut. Dennoch oder gerade deshalb fand ich diese Textstellen aber am eindrücklichsten und interessantesten.
Etwas lächerlich waren jedoch die Kapitel, die aus der Sicht des Hundes geschildert wurden. Auch wenn dieser Hund zweifellos der liebenswürdigste und besonnenste Protagonist des ganzen Buches war, ich inständig hoffte, dass wenigstens für ihn alles ein gutes Ende nehmen wird und ich davon überzeugt bin, dass Tiere durchaus ein Bewusstsein und kluge Gedanken haben können, fand ich die Gedankengänge, die die Autorin McLean zuschreibt, für einen Hund reichlich absurd.
In weiten Teilen war die Geschichte leider auch sehr vorhersehbar. Woher sich Sandy und Nick kennen, konnte ich jedenfalls schon recht früh erahnen. Von einem raffinierten, gut komponierten und verzwickten Plot kann bei diesem Thriller wahrlich nicht die Rede sein. Obwohl die Charaktere sehr gut ausgearbeitet waren und Vergangenheitsbewältigung durchaus eine Thematik wäre, die Potential hätte, fehlte es diesem Buch leider auch an psychologischem Tiefgang. Dennoch konnte ich es kaum aus der Hand legen, weil es trotz so mancher Schwächen einfach durchgehend spannend war. Diese Spannung beruht jedoch lediglich darauf, dass man einfach wissen will, ob es Sandy und ihrer Familie gelingt, zu überleben und sich aus der Gewalt von Nick und Harlan zu befreien. Immer wieder versuchen Sandy, Ivy und Ben, ihren Peinigern zu entkommen, überlegen sich stets neue Strategien, um sie zu überwältigen, verwerfen diese wieder oder scheitern, sodass der Leser immer mitfiebert und zwischen Hoffnung, Angst, Verzweiflung und Resignation ständig hin- und hergerissen wird.
Der Schreibstil der Autorin ist sehr flüssig und die angenehm kurze Kapitellänge lässt den Lesefluss nicht abreißen. Obwohl Nick und Harlan mit ihren Geiseln nicht gerade zimperlich umgehen, verzichtet Jenny Milchman darauf, unappetitliche und brutale Details genaustens zu beschreiben, sodass dieses Buch auch für zartbesaitete Gemüter mit sensiblem Magen durchaus geeignet ist.
Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken von Jenny Milchman ist ein solider, beklemmender und durchgehend spannender Thriller, der mir trotz einiger Schwächen gut gefallen hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Ullstein Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jenny Milchman: Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken
Verlag: Ullstein
Ersterscheinungsdatum: 15. Juli 2016
480 Seiten
ISBN 978-3-5482-8755-3

Cover: Ullstein Buchverlage

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Montagsfrage: Rätselst Du bei Krimis/Thrillern mit?

Montagsfrage

Diese Woche stellt Buchfresserchen auf ihrem Blog eine Frage, die sich vor allem an die Krimi- und Thrillerleser richtet, und möchte wissen, ob man bei Krimis und Thrillern gerne miträtselt oder sich lieber überraschen lässt.
Ich weiß gar nicht, ob sich das überhaupt ausschalten lässt, denn bei Krimis und Thrillern, in denen ein Verbrechen im Zentrum der Geschichte steht, rätsle ich ganz automatisch mit und versuche zu ermitteln, wer die Tat begangen haben könnte. Wenn ich eine Vermutung habe und sich diese am Ende eines Buches als richtig herausstellt, bin ich manchmal fast schon ein wenig enttäuscht, denn es gibt eigentlich nichts Langweiligeres als vorhersehbare Plots. Mir ist es lieber, wenn ein Autor zahlreiche Wendungen in die Handlung einbaut, mich immer wieder in die Irre führt, falsche Fährten auslegt und mich am Ende mit einer vollkommen unvorhersehbaren Auflösung des Falls überrascht. Allerdings ärgere ich mich, wenn auf den letzten Seiten plötzlich ein Zeuge aus dem Ärmel gezogen wird, von dem vorher nie die Rede war, mit dessen Hilfe die Tat aber plötzlich ratzfatz aufgeklärt werden kann oder der Autor einfach einen an den Haaren herbeigezogenen Zufall aus dem Hut zaubert, um sein Buch zu einem Ende zu bringen. Gerade in diesen Genres ist es wichtig, eine raffinierte Geschichte zu komponieren, glaubwürdige Charaktere zu gestalten, den Plot logisch und stimmig aufzubauen und ihn auf ein schlüssiges Ende hin anzulegen. Das ist sicherlich nicht ganz einfach, weshalb ich davon überzeugt bin, dass es für einen Autor eigentlich keine schwierigere Aufgabe gibt, als einen guten Kriminalroman zu schreiben. Bei Büchern jedes anderen Genres verzeihe ich Logikbrüche, aber bei Krimis finde ich sie geradezu fatal.

© Claudia Bett

Buchrezension: Arno Strobel – Die Flut

Arno Strobel - Die FlutInhalt:

Julia freut sich sehr auf den bevorstehenden Urlaub mit ihrem Freund Michael. Das Paar möchte sich eine kleine Auszeit gönnen und gemeinsam mit Michaels Kollegen Andreas und dessen Ehefrau Martina ein paar Wochen auf der Nordseeinsel Amrum verbringen. Mit Julias anfänglicher Vorfreude ist es jedoch schnell vorbei, denn Andreas‘ anzügliche Blicke sowie Martinas ständiges Genörgel und ihre Sticheleien lassen den Urlaub zu einer nervlichen Zerreißprobe werden. Als dann schon kurz nach ihrer Ankunft ein grausamer Mord geschieht, ist das Urlaubsidyll vollends zerstört. Ganz in der Nähe ihres Feriendomizils wurde bei Ebbe eine Frau am Strand bis zum Hals im Sand eingegraben, und während die Flut unaufhaltsam stieg, musste ihr Mann, der unmittelbar daneben an einem Pfahl festgebunden wurde, hilflos mitansehen, wie seine Frau vor seinen Augen langsam und qualvoll ertrank.
Obwohl Julia, nachdem sie im Dorf von dem Mord erfährt, ein wenig mulmig zumute ist und sie die Insel am liebsten sofort wieder verlassen würde, beschließt sie, gemeinsam mit Michael, Andreas und Martina auf Amrum zu bleiben. Doch schon bald wird sich zeigen, dass es klüger gewesen wäre, den Urlaub sofort abzubrechen.
Es bleibt nämlich nicht bei diesem einen Mord, denn der hochintelligente Täter will seine Genialität beweisen, indem er auf der bislang friedlichen, beschaulichen Nordseeinsel eine perfekte Mordserie begeht, von der die ganze Welt erfahren soll. Als Beamte der Kripo Flensburg zu dem Fall hinzugezogen werden und auf der Insel ankommen, gewinnt der Mörder erst richtig Spaß an seinem perfiden Spiel. Er möchte den ermittelnden Beamten zeigen, dass er viel zu intelligent ist, um jemals gefasst zu werden und unbehelligt weitermorden kann, während sie im Dunkeln tappen. Das nächste Liebespaar hat er bereits im Visier und hofft, dass er dieses Mal nicht wieder enttäuscht wird.

Meine persönliche Meinung:

Obwohl ich auf die Thriller von Arno Strobel schon lange neugierig bin, habe ich bislang noch kein Buch dieses Autors gelesen. Dem wollte ich nun dringend Abhilfe schaffen, denn ich mag deutsche Thriller sehr und finde es auch äußerst sympathisch, dass alle bisher erschienenen Bücher von Arno Strobel Einzelbände sind und man nicht gezwungen ist, sie in einer bestimmten Reihenfolge zu lesen. Der Klappentext seines aktuellsten Psychothrillers Die Flut klang besonders spannend, denn ein Mörder, der Liebespaare entführt, die Frau am Strand bis zum Hals im Sand eingräbt und ihren Mann daneben an einen Pfahl bindet, sodass er hilflos mitansehen muss, wie seine Frau, sobald die Flut einsetzt, langsam ertrinkt, ist selbst wenn man schon viele Thriller gelesen hat und einiges gewohnt ist, ein außergewöhnlich grausames Szenario .
Bereits das Setting hat mir sehr gut gefallen, denn auch ohne jemals auf Amrum gewesen zu sein, stelle ich mir diese Insel im Spätherbst, also der Jahreszeit, in der dieser Thriller spielt, ziemlich unheimlich und gruselig vor. Ich finde kleine Inseln, die nicht auf dem Landweg zu erreichen sind, generell etwas beklemmend, da äußerlich begrenzte Orte, die man nicht jederzeit verlassen kann, sondern dabei auf Fähren oder Schiffe angewiesen ist, mir ziemliches Unbehagen bereiten. Wenn auf einer solchen Insel dann auch noch ein grausamer Mörder sein Unwesen treibt, man sie nicht verlassen darf, solange die Polizei den Fall nicht aufgeklärt hat, man also weiß, dass der Täter noch ganz in der Nähe ist und sich unter einem recht kleinen und überschaubaren Personenkreis befindet, wäre meine persönliche Grenze dessen, was ich gelassen ertragen kann, definitiv überschritten. Auch wenn einige der Protagonisten in Die Flut diese Tatsache erstaunlich entspannt hinnehmen, ist es Arno Strobel sehr gut gelungen, diese klaustrophobische, düstere und beängstigende Stimmung auf der Insel einzufangen. Mit der Wahl dieses Schauplatzes gibt der Autor dem Mörder außerdem ein äußerst bizarres Tatwerkzeug an die Hand – die Flut, denn sie lässt den Opfern nicht nur einen überaus qualvollen Tod zuteilwerden, sondern erschwert auch die Aufklärung der Morde, da sich der Tatort quasi von selbst reinigt und die Tat nahezu keine Spuren hinterlässt.
Die angenehm kurzen Kapitel, die nicht nur aus der Perspektive von Julia und eines der ermittelnden Kriminalbeamten, sondern auch aus der des Täters geschildert werden, lassen die Spannung dieses Psychothrillers nie abreißen. Die Passagen, in denen der Mörder selbst zu Wort kommt, fand ich dabei besonders beeindruckend und verstörend. Vor allem sein Motiv hat mein Interesse geweckt, denn er wählt seine Opfer ganz gezielt aus und ist nur auf der Suche nach Paaren, die er zuvor beobachtet und dabei den Eindruck gewonnen hat, dass sie sich besonders lieben. Indem er die Frauen vor den Augen ihrer Männer ertrinken lässt, möchte er sehen, was Liebende empfinden, wenn das Leben des geliebten Partners langsam entweicht. Somit gleichen die Morde psychologischen Versuchsreihen, mit denen er das Wesen der Liebe zu ergründen versucht, das ihm selbst gänzlich fremd und unbekannt zu sein scheint. Außerdem möchte er mit seinen Taten berühmt werden und entscheidet sich ganz bewusst für die kleine beschauliche Nordseeinsel Amrum, weil sich dort bislang noch nie solche brutalen Gewalttaten zugetragen haben und er sicher sein kann, mit seinen Morden für Schlagzeilen zu sorgen. Die tiefen Einsichten in die Psyche dieses psychopathischen, aber überaus intelligenten Mörders haben mir ausgesprochen gut gefallen, während mich die Passagen, die aus der Perspektive des Ermittlers geschildert werden, manchmal etwas geärgert haben. Das lag vor allem an den Ermittlerfiguren, denn diese haben mich leider etwas enttäuscht. Abgesehen von der Tatsache, dass sie alle recht unsympathisch waren, leisteten sie eben auch nahezu keine Ermittlungsarbeit. Kriminalhauptkommissar Harmsen ist ein so widerwärtiger Kotzbrocken und als solcher so maßlos überzeichnet, dass dieser Charakter für mich leider vollkommen unglaubwürdig und geradezu lächerlich war. Er besitzt nicht nur keinerlei Umgangsformen, sondern hat offenbar auch keine Ahnung, wie man Verhöre führt oder in einem Mordfall ermittelt. Für ihn steht ohnehin sofort fest, wer der Täter ist, sodass sämtliche Ermittlungsmaßnahmen vollkommen überflüssig sind. Sein Kollege Jochen Diedrichsen ging mir allerdings fast noch mehr auf die Nerven, denn es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis er sich traut, sich seinem ruppigen Vorgesetzten zu widersetzen. Er ist eigentlich ausschließlich damit beschäftigt, größeres Unheil zu verhindern, sich permanent für seinen Kollegen Harmsen zu entschuldigen und nach den Ursachen für dessen Charakterdefizite zu suchen, statt in diesen Mordfällen zu ermitteln. Auch wenn dadurch eine Erklärung für Harmsens soziale Inkompetenz geliefert wird, man dann zumindest ansatzweise nachempfinden kann, warum er so ein Ekelpaket geworden ist, war dieser Charakter viel zu überzeichnet, um noch authentisch zu sein.
Es wimmelt ohnehin nicht gerade von Sympathieträgern in Die Flut, aber alle anderen Protagonisten sind zumindest glaubwürdig angelegt. Zweifellos muss es die Höchststrafe sein, mit einer Nervensäge wie Martina, der Ehefrau von Michaels Kollegen Andreas, seinen Urlaub verbringen zu müssen. Dennoch musste ich über ihre zynischen, spöttischen und fiesen Bemerkungen mitunter auch lachen. Auch mit Julia konnte ich nicht so recht warmwerden, obwohl sie die einzige Figur ist, die positive Charakterzüge aufweist und die einem, wenn sie nicht häufig so grenzenlos naiv wäre, wirklich leidtun könnte.
Diese Masse an nicht gerade liebenswürdigen Protagonisten trägt allerdings enorm zur Spannung bei, denn im Verlauf der Geschichte, habe ich eigentlich nahezu jeden des Mordes verdächtigt. Dass es sich bei dem Täter nur um einen Mann handeln kann, weiß man bereits, wenn man den Prolog gelesen hat, aber fast jeder männliche Protagonist verhält sich eigenartig und käme für die Morde in Frage – selbst die Ermittler. Ständig wird der Leser auf die falsche Fährte gelockt und muss seine Theorie immer wieder neu überdenken. Der Plot dieses Thrillers ist jedenfalls überaus raffiniert gestrickt, und das Ende war für mich sehr überraschend.
Auch wenn ich mir etwas vielschichtigere und lebendigere Charaktere gewünscht hätte und die Ermittlerfiguren enttäuschend waren, hat mich Arno Strobels Psychothriller Die Flut absolut überzeugt. Der Schreibstil des Autors ist flüssig, prägnant und mitreißend. Das Buch hatte an keiner Stelle irgendwelche Längen oder Passagen, die mich gelangweilt hätten. Immer wieder wurde ich geschickt in die Irre geführt, und das bizarre Szenario sorgte für beklemmende Momente, die für mich bei einem Buch dieses Genres unverzichtbar sind.
Die Flut ist ein wirklich äußerst gelungener, wendungsreicher und spannungsgeladener Psychothriller, und ich freue mich nun darauf, nach und nach alle Bücher von Arno Strobel zu lesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Arno Strobel: Die Flut
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 21. Januar 2016
368 Seiten
ISBN 978-3-596-19835-1

Cover: S. Fischer Verlag

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Buchrezension: Michael Theißen – Leons Erbe

Michael Theißen - Leons ErbeInhalt:

Für Katja Helmke ist der wohl schlimmste Alptraum jeder Mutter Realität geworden, als ihr sechzehnjähriger Sohn Leon nachts auf einer Landstraße von einem Auto erfasst wird und stirbt. Der Unfallfahrer ließ Leon einfach auf der Straße liegen, beging Fahrerflucht und konnte bislang nicht ermittelt werden. Katja droht an ihrem Schmerz fast zu zerbrechen, zumal sie den letzten Schicksalsschlag noch nicht verwunden hat, denn sechs Monate vor dem Tod ihres Kindes verschwand ihre Schwester Nicci plötzlich spurlos, und die quälende Ungewissheit, ob Nicci überhaupt noch am Leben ist, nagt noch immer an Katja und ihrer Familie.
Am Tag nach Leons Trauerfeier erhält sie einen Anruf von einem Notar, der ihr Leben vollends aus der Bahn wirft. Sie erfährt, dass ihr Sohn Leon vor seinem Tod etwas für sie hinterlegt hat, das ihr ausgehändigt werden soll, falls ihm etwas zustößt. Katja ist verwirrt, denn warum sollte ein Sechzehnjähriger einen Notar aufsuchen? Als ihr der Notar eine kleine Holzkiste überreicht und sie darin das Armband ihrer Schwester findet, ist Katja schockiert. Wie kam Leon an das Armband ihrer vermissten Schwester? Was will ihr verstorbener Sohn ihr mit dieser Botschaft mitteilen? Lebt ihre Schwester Nicci noch? War Leons Tod womöglich gar kein Unfall? Auf der Suche nach Antworten auf all ihre Fragen kommt Katja allmählich einem Geheimnis auf die Spur, das erschütternder ist, als alles, was sie sich jemals vorgestellt hatte. Dabei ist sie vollkommen auf sich allein gestellt, denn sie spürt, dass sie niemandem mehr vertrauen kann – weder ihrem Mann noch ihren Eltern.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe mich sehr gefreut, als mich Michael Theißen anschrieb und anfragte, ob ich seinen Debütroman Leons Erbe lesen möchte, denn der Klappentext klang überaus spannend und ich entdecke gerne neue Thrillerautoren.
Schon auf den ersten Seiten war ich von der Geschichte gefangen, denn dem Autor gelingt es ausgezeichnet, sofort Spannung aufzubauen und sie auch kontinuierlich zu halten. Die flüssige Schreibweise und kurze Kapitel, die mit einem Cliffhanger enden, sorgen dafür, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann, weil man einfach wissen muss, wie es auf der nächsten Seite weitergeht.
Die Hauptprotagonistin Katja, aus deren Perspektive der Leser die Geschehnisse miterlebt, ist sehr fein gezeichnet. Ihr Schmerz um den Verlust ihres Kindes und die Sorgen und Ängste, die sie seit dem Verschwinden ihrer Schwester durchleidet, sind sehr eindrücklich geschildert und waren für mich auch nachvollziehbar – nur ihre Handlungen waren es leider nicht immer. Vollkommen schleierhaft war für mich zum Beispiel, warum sie nicht in Erwägung zieht, die Polizei zu informieren. Sie selbst lässt sich nie etwas zu Schulden kommen, und wenn mein Kind bei einem Unfall auf so rätselhafte Weise ums Leben käme, wäre das Wort, das ich einem äußerst dubiosen Notar gegeben hätte, so ziemlich das Letzte, woran ich mich halten würde. Sie bricht ihr Versprechen, mit niemandem über diese kleine Holzkiste zu reden, die Leon für sie hinterlegt hat, nicht einmal, als dieser Notar ermordet wird. Dass sie unter den gegebenen Umständen häufig verwirrt ist und nicht mehr weiß, wem sie noch Glauben schenken und vertrauen kann, ist zwar durchaus nachvollziehbar dargestellt, aber warum sie ausgerechnet die naheliegendsten Möglichkeiten, endlich Licht ins Dunkel zu bringen und sich Hilfe zu holen, vollkommen außer Acht lässt, war mir ein Rätsel. Allerdings trägt Katjas mitunter verwirrtes und nicht immer logisches Handeln enorm zum Spannungsaufbau bei, denn es führt dazu, dass der Leser an ihrer Seite ständig auf die falsche Fährte gelockt wird. Im Verlauf der Handlung tauchen immer wieder neue Verdächtige auf, und selbst Menschen, die Katja nahestehen, verhalten sich äußerst rätselhaft. Auch diese Nebencharaktere sind sehr interessant und vielschichtig gestaltet. Sobald ich dachte, dem Geheimnis nun auf die Spur gekommen zu sein, ergaben sich wieder neue Wendungen, die mich überraschten. Das Ende war jedenfalls vollkommen unvorhersehbar, aber leider auch viel zu konstruiert. Wenn eine Protagonistin in einer für mich nicht nachvollziehbaren Weise agiert, aber ansonsten sehr überzeugend und gut ausgearbeitet ist, ist dies für mich allerdings kein Kriterium, ein Buch schlechter zu bewerten – ich kann schließlich nicht erwarten, dass fiktive Charaktere so handeln, wie ich es tun würde. Der Plot dieses Thrillers, der kontinuierliche Spannungsverlauf, die überraschenden Wendungen und der flüssige Schreibstil des Autors haben mir jedenfalls sehr gut gefallen und sind für einen Debütroman dieses Genres recht außergewöhnlich. Wäre dieses völlig überkonstruierte Ende nicht gewesen, hätte er mich vollkommen überzeugt.

So war Leons Erbe für mich ein wirklich guter, solider und fesselnder Thriller, der mich gut unterhalten und mir spannende Lesestunden bereitet hat. Ich hoffe, dass man von diesem Autor noch mehr lesen wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an Michael Theißen für seine freundliche Anfrage und an den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Das Buch ist derzeit nur als eBook erhältlich, erscheint am 11. Juli 2016 jedoch auch als Taschenbuch bei Bastei Lübbe

Michael Theißen: Leons Erbe
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 02. Mai 2016
300 Seiten
ISBN 978-3-7325-2510-2

Cover: Bastei Lübbe

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Mein Monatsrückblick Juni 2016

Gelesen:

Der Juni begann für mich leider mit einer Leseflaute, denn das erste Buch, mit dem ich in den vergangenen Monat gestartet bin, Guillaume Mussos Vierundzwanzig Stunden, war leider ein ziemlicher Reinfall und hat mir die Freude am Lesen kurzfristig nahezu vollständig genommen. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich die Bücher Mussos getrost von meiner Wunschliste streichen kann, denn ich werde dem Autor definitiv keine zweite Chance mehr geben. Ich habe zwar mühsam bis zum Ende durchgehalten, hatte danach aber tagelang keine Lust mehr, ein Buch in die Hand zu nehmen.
Wenn man am bisherigen Lesetiefpunkt des Jahres angekommen ist, kann es eigentlich nur noch besser werden – wurde es glücklicherweise auch. Zunächst allerdings nur gemächlich, denn Tibor Rodes Das Mona-Lisa-Virus konnte mich leider auch nicht vollkommen überzeugen und aus meiner Leseflaute retten.
Meistens hilft es mir, wenn ich dann nach einem vollkommen anderen Genre greife und mir ein Buch eines Autors vornehme, der mich bislang noch nie enttäuscht hat. Amélie Nothomb ist meiner bisherigen Erfahrung nach eine Garantin für gute Bücher. Ihr Roman Der Professor war jedenfalls mein absolutes Lesehighlight des Monats und hat mir den Spaß am Lesen zurückgebracht.
Danach ging es dann auch wieder bergauf, denn Eric Bergs Kriminalroman Das Küstengrab hat mir ausgesprochen gut gefallen und auch wenn mich In guten wie in bösen Tagen von Jamie Mason nicht gerade vom Hocker gerissen hat, war es durchaus lesenswert. Wahnsinnig spannend endete der Monat Juni dann für mich mit Arno Strobels Psychothriller Die Flut. Es war das erste Buch, das ich von diesem Autor gelesen habe, aber ganz bestimmt nicht mein letztes.
Trotz anfänglicher Leseflaute, habe ich im Juni immerhin sechs Bücher gelesen – das waren 2172 Seiten, also ca. 72 Seiten pro Tag. Mit einem Klick auf den Buchtitel gelangt ihr zu meinen Rezensionen.

  1. Guillaume Musso – Vierundzwanzig Stunden (384 Seiten)
  2. Tibor Rode – Das Mona-Lisa-Virus (462 Seiten)
  3. ⭐ Amélie Nothomb – Der Professor (208 Seiten) ⭐
  4. Eric Berg – Das Küstengrab (432 Seiten)
  5. Jamie Mason – In guten wie in bösen Tagen (318 Seiten)
  6. Arno Strobel – Die Flut (368 Seiten)

Gehört:

Ich weiß nicht, ob ich es schon häufig genug erwähnt habe, aber ich bin vollkommen dem Game-of-Thrones-Fieber erlegen. Seien es nun die Bücher oder die Serie – ich kann gar nicht genug davon bekommen. Auch der Soundtrack zur Serie, den Ramin Djawadi komponiert hat, ist einfach unglaublich gut. So setzte das Finale der sechsten Staffel mit dem wunderbar melancholischen Klavierstück Light of the Seven ein, eine Art Requiem, das mir nicht nur wenn ich an die Filmszenen denke, die Tränen in die Augen treibt. Wunderschön!
Aber ich bekomme ja schon Gänsehaut, wenn ich nur die Titelmelodie zu Beginn jeder Folge höre. Mit den grandiosen Büchern von George R. R. Martin und dem Soundtrack zur Serie kann man sich ein wenig darüber hinwegtrösten, nun fast zehn Monate auf die nächste Staffel warten zu müssen.

Gesehen:

Habe ich schon erwähnt, dass ich Game of Thrones..? Ja, hab‘ ich 😉 Mein Vorhaben, erst die Bücher zu lesen und dann die Serie anzuschauen, hat sich inzwischen in Luft aufgelöst, denn ich musste einfach sofort wissen, wie es weitergeht. Außerdem sind die Bücher ja selbst dann noch unglaublich spannend, wenn man die Serie bereits kennt, denn ab der dritten Staffel weicht die Serie ohnehin von der Buchvorlage ab, und die Bücher sind natürlich auch viel detaillierter als die Verfilmung.
Da ich zu Beginn des Monats ja in einer Leseflaute steckte und mir außerdem vorgenommen habe, den Fernseher erst dann wieder einzuschalten, wenn endlich diese Fußball-Europameisterschaft vorbei ist, habe ich mir im vergangenen Monat die komplette Serie von Game of Thrones angeschaut. Na ja, im Grunde waren das ja nur 3213 Minuten, also etwas mehr als zwei Tage am Stück, und ich hätte problemlos noch länger in den Sieben Königslanden in Westeros verweilen können. Ich glaube, ich habe in den letzten fünf Jahren zusammen nicht so viel Zeit vor dem Fernsehbildschirm verbracht, wie in den vergangenen vier Wochen. Man kann dieses Verhalten getrost als „Sucht“ bezeichnen, aber diese Serie ist so unglaublich brillant und spannend, dass ich mich nicht mehr davon losreißen konnte.
Viele der Protagonisten sind mir so ans Herz gewachsen, dass ich einfach wissen musste, wie ihr Leben weitergeht und vor allem, ob es überhaupt weitergeht. Tyrion Lennister ist nach wie vor mein Lieblingscharakter der Serie und wird von Peter Dinklage wirklich grandios dargestellt. Ser Jorah Mormont lässt mein spätpubertäres Herzchen deutlich höherschlagen, und die Ungewissheit, schon seit ein paar Folgen nicht zu wissen, wie es ihm gerade ergeht, macht mich doch ein wenig unruhig. Jaime Lennister mag ich inzwischen auch immer mehr und hoffe, dass er zur Vernunft kommt und für ihn alles ein gutes Ende nehmen wird. Zu meinem eigenen Entsetzen bin ich aber auch dem Charme von Petyr Baelish erlegen, was mich allerdings ein wenig nachdenklich stimmt.
Es kommt bei mir nicht allzu oft vor, dass ich mit fiktiven Personen derartig mitfühle und mitleide, bei Filmen in Tränen ausbreche oder völlig unbeherrscht den Bildschirm anbrülle, weil ich vollkommen fassungslos und hilflos mitanschauen muss, was da eben passiert, ohne selbst ins Geschehen eingreifen zu können.
Jetzt muss ich fast zehn Monate auf die siebte Staffel warten, was recht grausam ist, denn Geduld ist nicht eine meiner Stärken, und ich kann es kaum abwarten, zu erfahren, wer den Eisernen Thron letztendlich erobern und welches Schicksal meine Lieblingscharaktere ereilen wird.

© Claudia Bett