Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im September 2016

Ich habe wieder fleißig die Verlagsvorschauen durchstöbert und bin dabei auf so viele interessante und spannende Bücher gestoßen, die im kommenden Monat erscheinen werden, dass meine Wunschliste bald aus allen Nähten platzt und ich gar nicht weiß, welches ich mir zuerst vornehmen soll.

Ich bin sicher nicht die Einzige, die es kaum erwarten kann, dass im September nun endlich der langersehnte fünfte Band der Smoky-Barrett-Reihe von Cody McFadyen erscheint. Offenbar war der Autor schwer erkrankt, weshalb der Erscheinungstermin immer wieder verschoben werden musste. Schön, dass es Cody McFadyen wieder besser geht, denn ich liebe seine Bücher und freue mich, dass Smoky Barrett nun zurückkehrt. Diese Thriller-Reihe ist nichts für Zartbesaitete, und wenn man den Klappentext von Die Stille vor dem Tod liest, kann man sicher sein, dass es auch in diesem Buch wieder richtig heftig zur Sache geht.

Cody McFadyen - Die Stille vor dem TodSmoky Barrett ist zurück
An einem kalten Oktobertag werden Smoky Barrett und ihr Team nach Denver, Colorado, gerufen. Im Haus der Familie Wilton ist Schreckliches geschehen: Die gesamte fünfköpfige Familie wurde ermordet, und der Täter hat durch eine mit Blut geschriebene Botschaft Smoky mit der Lösung des Falles beauftragt. Doch das Unheil ist weit größer, denn die Wiltons sind nicht die einzigen Opfer. Insgesamt drei Familien wurden in der gleichen Nacht und in unmittelbarer Nähe voneinander getötet. „Komm und lerne“, lautet die Botschaft an Smoky. Es wird ein grausamer Lernprozess, das Böse in seiner reinsten Form, in seiner tiefsten Abgründigkeit  zu spüren. Smoky gelangt an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Und weit darüber hinaus. (Klappentext Bastei Lübbe)



Cody McFadyen – Die Stille vor dem Tod
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungstermin: 26. September 2016
Hardcover – 477 Seiten – 22,90 €
ISBN 978-3-7857-2566-5


Weniger blutig und grausam, aber nicht minder spannend sind die Bücher von Charlotte Link. Ich habe jeden Roman der Autorin gelesen, fand alle unglaublich fesselnd, halte sie für eine großartige Erzählerin und fiebere jedem neuen Buch von ihr entgegen.

Die Entscheidung von Charlotte LinkWas, wenn du im falschen Moment die falsche Entscheidung triffst?

Eigentlich will Simon mit seinen beiden Kindern in Südfrankreich ein ruhiges Weihnachtsfest feiern. Doch dann kommt alles ganz anders: Die Kinder sagen ihm kurzfristig ab, seine Freundin gibt ihm den Laufpass, und auf einem Strandspaziergang begegnet er einer jungen, völlig verwahrlosten Frau: Nathalie, die weder Geld, Papiere noch eine Unterkunft hat, die fürchterlich abgemagert und hochgradig verängstigt ist. Sie tut ihm leid, und er bietet ihr seine Hilfe an. Nicht ahnend, dass er durch diese Entscheidung in eine mörderische Geschichte hineingezogen wird, deren Spuren bis nach Bulgarien führen. Und zu Selina, einem jungen Mädchen, das ein besseres Leben suchte und in die Hände skrupelloser Verbrecher geriet. Ihr gelingt die Flucht, doch damit löst sie eine Kette von Verwicklungen aus, die Simon und Nathalie, tausende Kilometer entfernt, in der Provence zum Verhängnis werden … (Klappentext Blanvalet)

Charlotte Link – Die Entscheidung
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungstermin: 05. September 2016
Hardcover – 576 Seiten – 22,99 €
ISBN 978-3-7645-0441-0


Als ich den Klappentext von Hochland von Steinar Bragi gelesen hatte, wusste ich – dieses Buch MUSS ich einfach lesen. Die Leseprobe habe ich mir auch schon zu Gemüte geführt und bin sicher, dass dies ein Buch ganz nach meinem Geschmack sein wird.

Hochland von Steinar Bragi

Sie hatten das Gefühl, dass jemand draußen auf sie wartete, in der Dunkelheit ihre Namen flüsterte …

Zwei junge Paare aus Reykjavík machen mit ihrem Jeep einen Ausflug in die raue, menschenfeindliche Bergwelt des isländischen Hochlands. Dichter Nebel zieht auf, sie kommen vom Weg ab und rammen ein Haus, das in der Einöde plötzlich wie aus dem Nichts vor ihnen aufragt. Notgedrungen müssen sie die Nacht dort verbringen. Ihr Amüsement über das ungeplante Abenteuer verwandelt sich schon bald in Unbehagen, denn ihre Gastgeber, ein verschrobenes altes Paar, benehmen sich sehr merkwürdig: Warum verbarrikadieren sie das Haus bei Einbruch der Dunkelheit wie eine Festung? Was lauert dort draußen in der Sandwüste? Und wieso haben sie so wenig Interesse daran, ihren Gästen zu helfen? Zunehmend panisch geraten die Städter miteinander in Streit, und ihre Versuche, den Weg zurück in die Zivilisation zu finden, werden immer verzweifelter. Gibt es ein Entrinnen? (Klappentext DVA)

Steinar Bragi – Hochland
Verlag: DVA
Ersterscheinungstermin: 12. September 2016
Klappenbroschur – 304 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-421-04697-0


Strobel und Poznanski - anonymDu verabscheust deinen Nachbarn? Du hast eine offene Rechnung mit deiner Ex-Frau? Du wünschst deinem Chef den Tod? Dann setze ihn auf unsere Liste und warte, ob die anderen User für ihn voten. Aber überlege es dir gut, denn manchmal werden Wünsche wahr…

Es ist der erste gemeinsame Fall von Kommissar Daniel Buchholz und seiner Kollegin Nina Salomon, und er führt sie auf die Spur des geheimnisvollen Internetforums „Morituri“. Dort können die Mitglieder Kandidaten aufstellen und dann für sie abstimmen. Dem Gewinner winkt der Tod. Aber das Internet ist unendlich, die Nutzer schwer zu fassen. Nur der Tod ist ausgesprochen real, und er ist näher, als Buchholz und Salomon glauben… (Klappentext Wunderlich)

Ursula Poznanski; Arno Strobel – Anonym
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungstermin: 21. September 2016
Hardcover – 384 Seiten – 19,95 €
ISBN 978-3-8052-5085-6


Christine Eichel - Der Rache süßer AtemAbgründig, weiblich – tödlich

Immer wieder hat Maria auf die große Liebe gehofft, auf den Mann fürs Leben und das lang ersehnte Kind. Stattdessen erlebte sie Rücksichtslosigkeit, Lüge, Betrug. Als auch Tom sie hintergeht, ihre letzte Hoffnung auf glückliche Zweisamkeit, bricht Maria aus der Opferrolle aus. Schluss mit der Demut! Erbittert rechnet sie ab und nimmt blutige Rache. Ganz oben auf ihrer Liste steht Johannes, der ihre intimsten Geheimnisse preisgegeben hat. Ihm folgen sechs weitere Kandidaten, denen sie Verletzung und Verrat heimzahlen will. Doch dann heftet sich Hauptkommissar Tesoro an ihre Fersen, und ein gefährliches Spiel beginnt.

Ein hochspannender Roman über eine Frau, die die Männer das Fürchten lehrt. (Klappentext Rütten & Loening)

Verlag: Rütten & Loening
Ersterscheinungstermin: 19. September 2016
Hardcover – 304 Seiten – 16,99 €

ISBN 978-3-352-00667-8


Ruth Ware - Im dunklen dunklen WaldEine bizarre Junggesellinnenparty. Ein Spiel, das aus dem Ruder läuft.

Manche Partys sind gut, manche sind schlecht. Diese hier ist tödlich.

Als Nora, 26, eine Einladung zum Junggesellinnenabschied ihrer ehemals besten Freundin Clare bekommt, ist sie mehr als überrascht. Sie hat Clare seit zehn Jahren nicht gesehen. Seit dem Vorfall damals, den Nora nie ganz überwunden hat… Und jetzt aus heiterem Himmel diese Einladung. Ein idyllisches Wochenende in einem Haus tief in den winterlichen Wäldern Nordenglands ist geplant. Was kann es schon schaden? Nora gibt sich einen Ruck und fährt hin. Doch etwas geht schief. Grauenvoll schief. (Klappentext dtv)

 

Ruth Ware – Im dunklen, dunklen Wald
Verlag: dtv
Ersterscheinungstermin: 23. September 2016
Klappenbroschur – 384 Seiten – 15,90 €
ISBN 978-3-423-26123-4


Nebelschrei von Sam BakerNach außen ist Helen eine starke Frau. Niemand ahnt, dass ihr die Erinnerungen an die Hölle, die sie erlebt hat, täglich den Atem rauben. Und dass sie nur knapp dem Tod entkommen ist. Das fast verfallene Anwesen in einer abgelegenen Gegend in Nordengland scheint das perfekte Versteck zu sein. Doch die Dorfbewohner kommen ihr näher, als ihr lieb ist. Denn niemand darf wissen, wo sie ist – vor allem nicht der Mensch, dem sie am meisten vertraut hat … (Klappentext Diana)

Verlag: Diana
Ersterscheinungstermin: 12. September 2016
Taschenbuch – 448 Seiten – 9,99 €

ISBN 978-3-453-35888-1

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Buchrezension: Joy Fielding – Die Schwester

Die Schwester von Joy FieldingInhalt:

Caroline Shipley ist voller Vorfreude auf den bevorstehenden Urlaub, den sie anlässlich ihres zehnten Hochzeitstages gemeinsam mit ihrem Mann Hunter und ihren beiden Töchtern Michelle und Samantha in Mexiko verbringen will. Hunter hat ein wunderschönes Luxushotel in Rosarito ausgewählt, und zu Carolines Überraschung, sind auch ihr Bruder, dessen Ehefrau und ein paar Freunde angereist, um gemeinsam mit ihnen zu feiern. Doch der Ferienaufenthalt wird zum Albtraum, als die zweijährige Samantha eines Abends aus der Hotelsuite entführt wird. Es gibt keine Lösegeldforderungen und die polizeilichen Ermittlungen sowie die Nachforschungen eines Privatdetektivs bleiben erfolglos – das kleine Mädchen bleibt spurlos verschwunden. Caroline zerbricht fast am Verlust ihres Kindes und auch ihre Ehe mit Hunter hält dieser Belastung und den gegenseitigen Schuldzuweisungen nicht stand. Als wäre die Sorge um das Schicksal ihrer kleinen Tochter nicht schon schlimm genug, stürzen sich auch noch die Medien auf den Fall, beschuldigen sie der Vernachlässigung ihres Kindes und überschütten die verzweifelte Mutter mit Vorwürfen und Verdächtigungen.

Inzwischen sind fünfzehn Jahre vergangen, und obwohl es nach wie vor keine neuen Spuren gibt, hat Caroline die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Samantha noch am Leben ist und sie ihre Tochter eines Tages wiedersehen wird.
Kurz vor dem fünfzehnten Jahrestag nach dem Verschwinden ihres Kindes, erhält sie einen mysteriösen Anruf von einem jungen Mädchen, das am Telefon behauptet, Samantha zu sein. Erlaubt sich wieder jemand einen bösen Scherz mit Caroline, oder handelt es sich bei der Anruferin tatsächlich um ihre vermisste Tochter? Danach überschlagen sich die Ereignisse und Stück für Stück offenbart sich Caroline allmählich die erschütternde Wahrheit, über das, was der kleinen Samantha in jener Sommernacht in Mexiko zugestoßen ist.

Meine persönliche Meinung:

Joy Fielding gehört zu den wohl produktivsten und erfolgreichsten Thrillerautorinnen und gilt als „Meisterin des Psychothrillers“. Ich habe die Autorin vor mehr als zwanzig Jahren für mich entdeckt und seitdem viele ihrer Bücher gelesen. Man kann sich recht zuverlässig darauf verlassen, dass jedes Jahr ein neues Buch von ihr erscheint, und auch wenn mich nicht jedes gleichermaßen begeistern konnte, haben sie mir alle gut gefallen. Allerdings brauche ich immer eine Pause zwischen ihren Büchern, denn da alle nach dem ähnlichen Strickmuster gestrickt sind, wird es sonst doch ein wenig ermüdend. Wenn man jedoch eine Zeit verstreichen lässt, dann kann man sich auf jedes neue Buch dieser Autorin freuen und darauf vertrauen, nicht enttäuscht zu werden. Fielding versteht ihr Handwerk, hat gute Geschichten und zweifellos Talent, sie überaus spannend und mitreißend zu erzählen. Ihr Erfolgsrezept hat sich jedenfalls bewährt, weshalb sie sich stets auf ähnliche Zutaten verlässt, um aus ihnen immer wieder ein neues alptraumhaftes Szenarium zu entwerfen, das den Leser, bzw. vor allem die Leserin, in seinen Bann zieht.
Da mein letztes Buch von Joy Fielding nun fast zwei Jahre zurückliegt, habe ich mich sehr auf ihren neusten Roman Die Schwester gefreut.
Offensichtlich wurde sie von dem realen Vermisstenfall der Maddie McCann zu dieser Geschichte inspiriert, denn die Parallelen zu dem damals dreijährigen kleinen Mädchen, das 2007 während eines Ferienaufenthalts in Portugal auf mysteriöse Weise aus der Ferienwohnung ihrer Eltern verschwunden ist und bis heute nicht gefunden werden konnte, sind unübersehbar. Auch die kleine Samantha Shipley in Die Schwester wurde aus einer Hotelsuite entführt, während ihre Eltern mit Freunden im Restaurant der Hotelanlage feierten und obwohl sie abwechselnd alle dreißig Minuten nach ihrer kleinen Tochter sahen. Die Medienhetze, mit der die Eltern nach der Entführung ihres Kindes zu kämpfen hatten und bei der sie sich immer wieder gegen Verleumdungen, Verdächtigungen und Schuldzuweisungen zur Wehr setzen mussten, erinnert ebenfalls an den Vermisstenfall der Madelaine McCann. Doch anders als bei diesem realen Fall, meldet sich in der fiktiven Erzählung von Joy Fielding eines Tages ein junges Mädchen und behauptet, das entführte Kind zu sein.
Man mag sich nicht vorstellen, was eine Mutter, die seit Jahren ihr Kind vermisst, nicht weiß, ob es tot oder vielleicht noch am Leben ist und die ständig hin- und hergerissen ist zwischen Hoffnung und Trauer, in einem solchen Moment empfindet. Joy Fielding ist es sehr gut gelungen, die Emotionen der Mutter, ihre Verzweiflung, die nagende Ungewissheit und die immer wieder aufkeimende Hoffnung sehr authentisch, eindrücklich und nachvollziehbar darzustellen. Natürlich denkt Caroline zunächst, dass sie jemand zum Narren hält, denn im Lauf der Jahre haben sich immer wieder wichtigtuerische Spinner bei ihr gemeldet und behauptet, die kleine Samantha gesehen zu haben oder genau zu wissen, wo sie sich befindet. Trotzdem lässt ihr dieser Anruf nun keine Ruhe, sodass sie beschließt, sich mit der jungen Frau zu treffen und dabei allmählich der schockierenden Wahrheit auf die Spur kommt.
Die Kapitel des Romans wechseln zwischen zwei Zeitsträngen – der Gegenwart und der Zeit vor fünfzehn Jahren, als die kleine Samantha verschwand. Diese beiden Zeitebenen nähern sich im Verlauf der Erzählung dann immer weiter an, sodass sie am Ende verschmelzen und das erschütternde Geheimnis um das rätselhafte Verschwinden des Kindes allmählich zutage tritt.
Die Autorin legt ihr besonderes Augenmerk auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und seziert sehr präzise eine ohnehin schwierige und zerstörerische Familienkonstellation, die vollends ins Wanken gerät, nachdem das rätselhafte Mädchen auftaucht und behauptet, die verschwundene Samantha zu sein. Insofern ist dieser Roman vor allem eine Mischung aus Familiendrama und Thriller.
Die Charaktere wirken sehr authentisch, sind aber, abgesehen von Caroline, alle recht unsympathisch. Die Männer kommen, wie so oft bei Joy Fielding, ohnehin sehr schlecht weg. Carolines Bruder Steve ist ein Muttersöhnchen und kompletter Versager, ihr Ehemann Hunter ein feiger und selbstverliebter Egoist. Statt zusammenzuhalten und die Situation gemeinsam zu meistern, zerbricht die Ehe unter dem Verlust des gemeinsamen Kindes, an dem sich Hunter und Caroline gegenseitig die Schuld zuschreiben. Hunter löst das Problem, indem er eine neue Familie gründet und die Vergangenheit weitgehend hinter sich lässt. Er schafft es allerdings, sich in der Öffentlichkeit sehr gut zu präsentieren, während Caroline auch Jahre später noch immer das Image einer Rabenmutter anhaftet. Es war wirklich schockierend, zu lesen, wie sich die Medien auf diesen Vermisstenfall stürzen und jedes kleine Detail aufgreifen, um es gegen Caroline zu verwenden. Dies ist für die ohnehin verzweifelte Mutter nicht nur privat sehr belastend, sondern hat auch negative Konsequenzen für ihre berufliche Karriere als Lehrerin. Hunter dagegen gelingt es, sein Saubermann-Image zu bewahren und seine Karriere als Anwalt sogar noch voranzutreiben.
Sehr verstörend ist auch Carolines Verhältnis zu ihrer Mutter Mary, die ihr wahrlich keine Hilfe ist. Joy Fielding schreibt im Nachwort, dass sie sich bei der Figur von Grandma Mary von ihrer eigenen Großmutter, die sie selbst als „die armseligste Frau, die es je gegeben hat“ bezeichnet, inspirieren ließ. Um diese Großmutter ist die Autorin wahrlich nicht zu beneiden. Die mit Abstand nervtötendste Protagonistin dieses Romans ist aber Carolines älteste Tochter Michelle. Dieses Mädchen ist bereits als Fünfjährige unerträglich, aber selbst fünfzehn Jahre später, in einem Alter, in dem man die Pubertät eigentlich hinter sich gelassen haben müsste, ist sie so rebellisch und anstrengend, dass ich es wirklich bedauert habe, dass nicht sie, sondern ihre jüngere Schwester entführt wurde. An einigen Stellen wirkte sie jedoch etwas zu überzeichnet und das beständige Hervorheben ihrer eigentümlichen Essgewohnheiten ging mir ein wenig auf die Nerven. Trotzdem hat mir sehr gut gefallen, wie präzise die Autorin die Abgründe der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb dieser Familie auslotet.
Joy Fieldings Erzählstil ist packend und mitreißend. Sie erzählt so routiniert und lebendig, dass man nur so durch die Seiten fliegt. Ich habe das Buch innerhalb eines Tages gelesen und gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verging, weil dieser Roman an keiner Stelle Längen aufweist und der Plot auch nie ins Stocken gerät. Ohne Action, Gewalt und Brutalität wird die Spannung sehr subtil aufgebaut und die Geschichte logisch und sehr glaubhaft inszeniert.
Dass Joy Fielding etwas von ihrem Handwerk versteht und sich ihr Erfolgsrezept wieder einmal bewährt hat, hat sie jedenfalls auch in Die Schwester wieder eindrucksvoll bewiesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Joy Fielding: Die Schwester
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 11. Juli 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-31272-6

Cover: Goldmann Verlag

Buchrezension: Wendy Walker – Dark Memories. Nichts ist je vergessen

Wendy Walker - Nichts ist je vergessenInhalt:

Die sechzehnjährige Jenny Kramer hat das Schlimmste erlebt, was einer Frau widerfahren kann. Während einer Partynacht wurde sie in unmittelbarer Nähe des Hauses, in dem sie mit ihren Freunden ausgelassen feiern wollte, von einem Unbekannten brutal vergewaltigt und misshandelt. Fast eine Stunde dauerte ihr Martyrium, und als ihr Peiniger mit ihr fertig war, ließ er das schwerverletzte Mädchen einfach liegen und verschwand in die Dunkelheit. Nachdem sie gefunden und ins Krankenhaus eingeliefert wird, treffen ihre Eltern eine folgenschwere Entscheidung – sie lassen Jenny ein Medikament verabreichen, das ihre Erinnerungen an die Vergewaltigung aus ihrem Gedächtnis löscht. Ihr Vater bereut diesen Entschluss, denn ohne Jennys Erinnerungsvermögen kann der Täter nicht gefunden und bestraft werden, aber ihre Mutter ist sicher, das Richtige getan zu haben, denn sie glaubt, ihre Tochter könne über dieses traumatische Erlebnis nur hinwegkommen, wenn sie keine Erinnerungen mehr daran hat.
Doch für Jenny wird dadurch alles nur noch schlimmer, denn selbst nachdem ihre äußerlichen Verletzungen verheilt sind, erinnert sich ihr Körper noch an alles, was ihm angetan wurde. Die körperlichen und auch die emotionalen Reaktionen haben sich in sie eingebrannt – allerdings hat sie keine Bilder dafür, weil der kontextuelle Rahmen fehlt. Obwohl die faktischen Erinnerungen an die brutale Vergewaltigung aus ihrem Gedächtnis gelöscht wurden, lebt der Schrecken jener Nacht noch immer in Jennys Körper und auch in ihrer Seele fort und lässt sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Doch Jenny will endlich zur Ruhe kommen und beschließt, ihre Erinnerungen an die Ereignisse zurückzuerlangen, um das Trauma wirklich zu verarbeiten. Gemeinsam mit ihrem Psychiater Alan Forrester will sie das Erlebte in ihr Gedächtnis zurückzuholen. Wird sie sich wieder an das erinnern, was ihr zugestoßen ist? Können verlorengegangene Erinnerungen überhaupt wieder reaktiviert werden? Wie manipulierbar sind Erinnerungen? Ist das, woran sie sich nun Stück für Stück erinnert, damals wirklich passiert? Und kann sie denen, die vorgeben, ihr helfen zu wollen, wirklich vertrauen?

Meine persönliche Meinung:

Obwohl ich eigentlich kein Werbungsopfer bin, muss ich zugeben, dass mich die breit angelegte Werbekampagne des Verlags auf Dark Memories. Nichts ist je vergessen sehr neugierig machte. Gegen Werbeslogans wie „Thriller des Jahres“ bin auch ich nicht immun, sodass ich es kaum erwarten konnte, Wendy Walkers Debütroman endlich in Händen zu halten und lesen zu dürfen. Wenn man allerdings die Rezensionen liest, könnte man doch ein wenig skeptisch werden, denn das Buch wird häufig recht heftig kritisiert. Von negativen Rezensionen lasse ich mich jedoch nicht beirren, denn ich bilde mir lieber meine eigene Meinung. Inzwischen kann ich mir die kritischen Stimmen auch erklären, denn besagter Werbeslogan schürt eine gewisse Erwartungshaltung, die dieses Buch eben nicht erfüllt. Auch ich hatte etwas gänzlich anderes erwartet, war allerdings nicht enttäuscht, sondern vielmehr überaus positiv überrascht. Dark Memories ist gewiss nicht der „Thriller des Jahres“, aber zweifellos trotzdem eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Auf dem Cover wird dieses Buch als „Roman“ bezeichnet, und ein Roman ist es eben auch – ein ganz grandioser sogar. Thriller-Elemente konnte ich hingegen nahezu keine entdecken, habe sie allerdings auch nicht vermisst, denn Dark Memories hat alles, was ein guter Roman braucht – gut ausgearbeitete und vielschichtige Charaktere, einen außergewöhnlichen Erzählstil und eine äußerst interessante Thematik, über die es sich nachzudenken lohnt und zu der die Autorin offensichtlich sehr akribisch recherchiert hat.

Viele Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, die Schrecken eines Krieges erfahren haben, schwere Unfälle erlitten oder andere schmerzvolle Erfahrungen machen mussten, leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, die sie häufig ein ganzes Leben lang begleiten. Erinnerungen an diese Erlebnisse sind belastend, verursachen Albträume, Depressionen, führen zu Beziehungsproblemen und können zur lebenslangen Qual werden. Man wünscht sich, das Erlebte wäre nie passiert oder man könnte es wenigstens vergessen, um unbeschwert weiterleben zu können. Die Gedächtnisforschung arbeitet seit geraumer Zeit an medikamentösen Verfahren bei der Traumabewältigung, und die im Roman von Wendy Walker beschriebenen Behandlungsmethoden, mithilfe eines Medikaments gezielt eine retrograde Amnesie hervorzurufen, entspringen nicht etwa der blühenden Phantasie der Autorin, sondern sind durchaus möglich, auch wenn sie bislang nicht in vollem Umfang zur Anwendung kommen und äußerst umstritten sind. Ursprüngliches Ziel solcher medikamentösen Therapien ist es, die emotionalen Spätfolgen und traumatisierenden Erinnerungen von Soldaten nach dem Kriegseinsatz abzuschwächen. Die Frage ist allerdings, ob es ethisch überhaupt vertretbar ist, das Gedächtnis gezielt zu manipulieren und faktische sowie emotionale Erinnerungen zu verändern oder gar auszulöschen.
Erinnerungen, so schmerzhaft sie auch sein mögen, erfüllen nämlich durchaus ihren Zweck. Jede Erfahrung, die wir machen, macht uns zu dem, was wir sind, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Persönlichkeit und verleiht uns unsere eigene Identität und Individualität. Würde unser Gedächtnis diese Erfahrungen nicht speichern, hätten wir keine Geschichte und könnten uns nicht bewusstwerden, wer wir eigentlich sind. Außerdem sind Erinnerungen wichtig für Lernprozesse, dienen der Abschreckung und sind notwendig, um ähnlichen Situationen und Gefahren künftig aus dem Weg gehen zu können. Hätten wir keine schmerzhaften Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse, würden wir dieselben Fehler immer wieder machen, uns z. Bsp. immer wieder an einer heißen Herdplatte verbrennen oder uns an scharfen Klingen schneiden, um nur harmlose Beispiele zu nennen. Erinnerungen sind aber nicht nur für jedes Individuum selbst, sondern auch für die gesamte Gesellschaft von großer Bedeutung. Könnten sich Opfer oder Zeugen eines Gewaltverbrechens an nichts mehr erinnern, könnten die Täter nie gefasst und weitere Gewalttaten somit auch nicht verhindert werden. Das Bewahren und vor allem das Weitergeben von Erinnerungen an die nächsten Generationen erfüllen auch sehr wichtige gesellschaftliche Aufgaben, damit sich Greueltaten wie der Holocaust nicht wiederholen und Kriegserlebnisse nicht in Vergessenheit geraten, denn nur was nicht vergessen wird, kann auch verhindert werden. Nicht auszudenken wären außerdem die Folgen, wenn solche Medikamente in die falschen Hände geraten. Fraglich ist auch nach wie vor, wie gezielt diese Medikamente eingesetzt werden können und ob nicht auch positive Erinnerungen verloren gehen. Sinnvoller und zielführender sind sicherlich Therapiemethoden, bei denen traumatisierte Patienten sich ihren Erfahrungen stellen und ihre Erinnerungen verarbeiten.

Und genau hier setzt Wendy Walkers Roman an, denn Jenny wurde ein Medikament verabreicht, das ihre faktischen Erinnerungen an die grausame Vergewaltigung ausgelöscht hat. Dennoch leben die Schrecken an dieses traumatische Erlebnis in ihrem Körper und auch ihrer Seele weiter und lassen sie nicht zur Ruhe kommen, weil sie keine Bilder dafür hat. Sie beschließt, die Erinnerungen in ihr Gedächtnis zurückzuholen und sie zu verarbeiten, denn sie ist sicher, dass sie nur so endlich Ruhe finden kann. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Psychiater Alan Forrester, der die medikamentösen Methoden aufs Schärfste kritisiert, sich auf Traumapatienten, die auf diese Weise behandelt wurden, spezialisiert hat und ihnen ihre Erinnerungen zurückgeben möchte. Er plädiert für eine Traumatherapie ohne Pillen, bei der die Erinnerungen an schmerzhafte Erlebnisse immer wieder reaktiviert, aber dabei gewissermaßen neu im Gedächtnis gespeichert werden und somit nicht mehr mit negativen Gefühlen einhergehen. Dieser Vorgang nennt sich Rekonsolidierung. Erinnerungen werden dabei immer wieder abgerufen und so manipuliert und verändert, dass sie weniger schmerzhaft sind. Diese Behandlungsmethode möchte Alan Forrester nun auch bei Jenny zum Einsatz bringen und ihr helfen, das Erlebte endlich zu verarbeiten.
Anders als der Klappentext vermuten lässt, ist nicht Jenny, sondern vielmehr ihr Psychiater der Hauptprotagonist von Dark Memories. Das ganze Buch wird ausschließlich aus seiner Perspektive erzählt. Alle anderen Protagonisten lernt man nur aus Alans Sicht kennen, in dessen Erzählung jedoch immer wieder kursiv gedruckte Passagen aus den Therapiegesprächen mit Jenny, ihren Eltern und anderen Traumapatienten eingefügt sind. Ich fand diesen außergewöhnlichen Erzählstil und die gewählte Perspektive äußerst interessant. Der Leser erhält somit nämlich sehr tiefe Einblicke in die Arbeit eines Psychiaters und in die Behandlungsmethoden bei der Traumatherapie. Bisweilen gleichen manche Textpassagen zwar nüchternen wissenschaftlichen Abhandlungen, aber sie sind dennoch überaus spannend, wenn man sich für diese Thematik interessiert. Ich war jedenfalls sehr beeindruckt, wie gründlich sich Wendy Walker in ihrem Roman mit Gedächtnisforschung und den verschiedenen Therapiemethoden bei posttraumatischen Belastungsstörungen auseinandersetzt und wie sorgfältig sie offenbar recherchiert hat.
Außerdem hat sie mit Alan Forrester einen sehr vielschichtigen, ambivalenten und außergewöhnlichen Protagonisten geschaffen. Man lernt ihn nicht nur als Psychiater, sondern auch als Ehemann und Familienvater kennen. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesen Mann besonders mochte und war ständig hin- und hergerissen zwischen Sympathie und Abscheu. Ich war einerseits beeindruckt von seiner Kompetenz und seinem Fachwissen, hin und wieder angetan, weil er doch recht verständnisvoll erscheint, andererseits aber auch häufig angewidert von seiner Arroganz und Eitelkeit. Dieser Mann ist vollkommen undurchschaubar, aber gerade das macht ihn zu einem äußerst interessanten Charakter und trägt auch enorm zur Spannung dieses Romans bei. Im Verlauf der Erzählung zeigt sich, dass auch der stets souverän wirkende Psychiater seine Schwächen und Ängste hat und während Jennys Therapie in einen inneren Konflikt gerät, der verheerende Konsequenzen hat.
Alle anderen Protagonisten lernt man aus Alans Perspektive kennen, bzw. kommen sie in den kursiv gedruckten Therapiegesprächen zu Wort, die in wörtlicher Rede widergegeben werden. Jenny Kramers Schicksal und ihr Umgang mit der brutalen Vergewaltigung war sehr berührend und erschütternd, steht aber, anders als der Klappentext vermuten lässt, nicht im Zentrum der Handlung. Es geht vielmehr um die Abgründe, die sich hinter der Fassade der scheinbar intakten Familienidylle der Kramers auftun. Die Ehe von Jennys Eltern droht aufgrund der Belastung und dem unterschiedlichen Umgang mit dem traumatischen Erlebnis ihrer Tochter zu zerbrechen. Jennys Vater will unbedingt, dass sich seine Tochter wieder an die Details der Vergewaltigung erinnert, damit der Täter gefasst werden kann. Ihm geht es dabei in erster Linie um Rache und Gerechtigkeit, während ihre Mutter Bedenken hat, dass die reaktivierten Erinnerungen, Jenny nur noch mehr schaden könnten. Sie wünscht sich nur, dass ihre Tochter endlich wieder ein normales Leben führen kann. Während den Einzelsitzungen mit Jennys Eltern stellt Allan jedoch fest, dass die Wurzeln ihrer Eheprobleme weit in der Vergangenheit liegen und das vermeintliche Familienglück von dunklen Geheimnissen überschattet wird. Der Leser erhält sehr tiefe Einblicke in die Psyche von Jenny, den Menschen in ihrem Umfeld und auch dem behandelnden Psychiater. Dabei tritt die Tätersuche, die die eigentliche Thrillerhandlung ausmacht, immer mehr in den Hintergrund. Mich hat dies nicht gestört, denn die Blicke in die Abgründe menschlicher Seelen und die Therapiemethoden des Psychiaters fand ich überaus spannend. Erst gegen Ende des Romans gewinnt die Suche nach dem Täter wieder an Bedeutung. Hierbei kommt es zu einigen überraschenden Wendungen, und die Auflösung des Falls war schockierend und für mich vollkommen unvorhersehbar.
Mich konnte Dark Memories. Nichts ist je vergessen in jeder Hinsicht überzeugen, und obwohl es meiner Meinung nach kein Thriller ist, hat mich dieses Buch von der ersten Seite an gefesselt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Besonders fasziniert hat mich, wie gekonnt die Autorin fachliches Wissen in eine spannende Handlung einbettet und wie fundiert und gleichzeitig eindrücklich sie sich mit einer Thematik beschäftigt, über die es sich nachzudenken lohnt und die bereits heftig diskutiert wird. Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, der Interesse an der Psyche des Menschen hat. Ein großartiges Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich bald noch mehr lesen darf!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an wasliestdu.de und den S. FISCHER Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Wendy Walker: Dark Memories – Nichts ist je vergessen
Verlag: FISCHER Scherz
Ersterscheinungsdatum: 23. Juni 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-651-02542-4

Cover: S. FISCHER Verlag

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Buchrezension: Mary Kubica – Pretty Baby. Das unbekannte Mädchen

Mary Kubica - Pretty BabyInhalt:

Heidi Wood war es schon immer wichtig, anderen zu helfen. Sie arbeitet für eine gemeinnützige Organisation und kümmert sich aufopferungsvoll um jeden, der Hilfe und Fürsorge benötigt. Ihr Mann Chris und ihre pubertierende Tochter Zoe tolerieren zwar ihr Helfersyndrom, aber als Heidi eines Tages das junge obdachlose Mädchen Willow und ihr Baby auf der Straße kennenlernt, mit nach Hause bringt und für unbestimmte Zeit beherbergen will, geht das ihrer Familie eindeutig zu weit. Schon nach kurzer Zeit dreht sich Heidis Leben nur noch um das unbekannte Mädchen und ihren Säugling. Zoe fühlt sich von ihrer Mutter vernachlässigt, und Chris macht sich Sorgen um die Sicherheit seiner Familie, denn er misstraut der verstockten jungen Frau, die sich recht mysteriös verhält. Er stellt mit Entsetzen fest, dass sich seine Ehefrau immer mehr verändert, zunehmend in den Bann der rätselhaften Fremden zu geraten scheint und sich von ihm und Zoe allmählich entfremdet. Ihm ist nicht wohl bei dem Gedanken, zu einer Geschäftsreise aufbrechen zu müssen und seine Familie mit Willow alleine zu lassen. Er stellt heimlich Nachforschungen zur Identität des Mädchens an und kommt dabei zu der erschreckenden Erkenntnis, dass sein Misstrauen und seine Angst nicht unbegründet sind, denn die fremde junge Frau verbirgt ein schreckliches Geheimnis. Er setzt alles daran, seine Frau und seine Tochter zu beschützen, aber dafür ist vielleicht schon zu spät.

Meine persönliche Meinung:

Wenn ein Buch den Titel Pretty Baby trägt, schreckt mich das zunächst ab, denn das Letzte, was ich hinter einem solchen Buchtitel vermuten würde, wäre ein ernstzunehmender und tiefgründiger Psychothriller. Der Untertitel, die Covergestaltung und vor allem der Klappentext waren aber sehr ansprechend, denn sonst wäre ich auf dieses Buch niemals aufmerksam geworden und hätte wirklich etwas verpasst.
Leider war der Einstieg in diesen Thriller ein bisschen zäh, denn auf den ersten 70 Seiten passiert recht wenig. Ich war fast versucht, Pretty Baby abzubrechen, denn Geduld gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen, und wenn eine Geschichte so lange braucht, um endlich in Fahrt zu kommen, verliere ich recht schnell die Lust. Mein Durchhaltevermögen hat sich aber durchaus gelohnt, denn alles, was nach dem recht langatmigen Kennenlernen von Heidi Wood und dem obdachlosen Mädchen Willow passiert, war überaus spannend und hat mich bis zum Ende gefesselt.
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Heidi, ihrem Mann Chris und Willow erzählt. Da alle drei Personen ihre Erlebnisse und Gedanken aus der Ich-Perspektive schildern, kommt der Leser jedem der drei Hauptprotagonisten gleichermaßen nahe. Diese Erzählperspektive ist sehr geschickt gewählt, denn sie erlaubt es dem Leser, dasselbe Szenario und auch die jeweils anderen Personen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, macht es aber gleichzeitig auch schwer, eine eindeutige Identifikationsfigur auszumachen. Da man abwechselnd die Innenperspektive aller Hauptprotagonisten einnimmt und die Charaktere sehr vielschichtig und vor allem ambivalent angelegt sind, ist es für den Leser nahezu unmöglich, die Protagonisten richtig einzuschätzen oder für einen von ihnen Stellung zu beziehen.
Besonders interessant und auch berührend war für mich Willow, das obdachlose Mädchen, das Heidi Wood auf der Straße aufgabelt und mit nach Hause nimmt. Wenn man diese junge Frau aus Chris‘ Perspektive betrachtet, erscheint sie äußerst mysteriös und wenig vertrauenserweckend. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, warum ihm die Anwesenheit dieses rätselhaften Mädchens Angst macht und er sich um die Sicherheit seiner Familie sorgt. Sein Misstrauen rührt nicht von der Tatsache, dass Willow obdachlos und sehr verwahrlost ist, sondern vielmehr von ihrem verstockten, aber gleichzeitig auch aggressiven und rebellischen Verhalten her. Chris spürt, dass mit diesem Mädchen etwas nicht stimmt und stellt Nachforschungen zu ihrer Identität an. Was hinter Willows seltsamen Verhalten steckt, warum sie ihre Herkunft verschweigt und welcher Weg sie in die Obdachlosigkeit führte, erfährt der Leser jedoch nicht durch Chris, sondern aus Willows Perspektive. Nach und nach offenbart sich so das furchtbare Schicksal, das dieses junge Mädchen erleiden musste. Die Rückblenden in ihre Vergangenheit waren sehr erschütternd und stimmten mich überaus nachdenklich und traurig, denn was dieses Mädchen in ihrer Kindheit erfahren musste, ließ mich wirklich erschaudern. Auch wenn sie sich nach außen mitunter aggressiv verhält, verbirgt sich hinter dieser störrischen jungen Frau ein äußerst zerbrechliches und schwerst traumatisiertes Kind.
Das Letzte, was ein Mädchen in ihrer Situation braucht, ist jemand wie Heidi. Zu Beginn des Buches war ich wirklich beeindruckt von dieser engagierten Frau, die sich aufopferungsvoll um andere kümmert und auch gegen den Willen ihres Mannes alles tut, um Willow zu helfen. Aber je weiter ich in die Gedankenwelt von Heidi vordrang, umso mehr ging sie mir auf die Nerven. Allerdings wurde auch sie in der Vergangenheit von einem schweren Schicksalsschlag getroffen, sodass ich hin und wieder geneigt war, ein wenig Mitgefühl zu empfinden. Das Zusammentreffen mit Willow löst in Heidi jedenfalls etwas aus, dem sie sich nicht mehr entziehen kann. Die Veränderung, die nun mit ihr vorgeht und die vollkommen andere Ursachen hat, als man zunächst vermutet, nimmt jedoch irgendwann Formen an, für die ich kaum mehr Verständnis aufbringen konnte.
Und so rast die Begegnung dieser beiden traumatisierten Frauen unaufhaltsam auf einen Abgrund zu, der sich zwar recht früh ankündigt, dessen Ausmaß jedoch nicht abzusehen ist. Leider sieht auch Heidis Ehemann Chris recht spät, wo die eigentlichen Gefahren lauern, scheint sich der Probleme, mit denen seine Frau seit Jahren kämpft, gar nicht bewusst zu sein und zieht deshalb zunächst vollkommen falsche Schlüsse, denen man als Leser zunächst Glauben schenkt, da sich die Wahrheit erst ganz allmählich offenbart.
Durch die gewählte Ich-Perspektive erhält der Leser sehr tiefe und detaillierte Einblicke in die Gedankenwelt jedes einzelnen Protagonisten und damit in die Abgründe menschlicher Seelen, sodass ich Pretty Baby nicht als Thriller, sondern vielmehr als Psychothriller, in weiten Teilen sogar eher als Psychodrama bezeichnen würde. Liebhaber des Thriller-Genres, die einen rasanten Plot erwarten, werden vermutlich enttäuscht sein, denn die Handlung plätschert recht gemächlich vor sich hin. Dennoch hat mich dieses Buch unglaublich gefesselt. Ich mag solche leisen Thriller, bei denen die psychologischen Hintergründe der Protagonisten genauestens beleuchtet werden und die Spannung eher subtil aufgebaut wird. Mary Kubica verzichtet vollkommen auf brutale und blutige Details, aber die Brutalität und Grausamkeit, die bei Willows Rückblicken in ihre Kindheit und Jugend zutage tritt, manchmal sogar nur angedeutet wird, war für mich äußerst schockierend und verstörend und ließ mich, selbst nachdem ich das Buch am Ende zugeklappt hatte, nachdenklich, traurig und betroffen zurück.

Abgesehen von der bedauerlichen und überflüssigen Durststrecke, die man zu Beginn überwinden muss, ist Pretty Baby von Mary Kubica ein überaus lohnenswerter und fesselnder Psychothriller, der unter die Haut geht und im Gedächtnis bleibt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Mary Kubica: Pretty Baby – Das unbekannte Mädchen
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 18. Juli 2016
383 Seiten
ISBN 978-3-959-67970-1

Cover: Verlag HarperCollins

Buchrezension: Wulf Dorn – Trigger

Trigger von Wulf DornInhalt:

Dr. Ellen Roth ist Psychiaterin an einer Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Ihr Lebensgefährte und Kollege Chris ist gerade zu einer Reise nach Australien aufgebrochen und hatte sie vor seiner Abreise gebeten, sich um den Fall einer Patientin zu kümmern, der für ihn oberste Priorität hatte. Ihm war es in der Kürze der Zeit nicht gelungen, Zugang zu einer traumatisierten Frau zu finden, die Spuren schwerster Misshandlungen aufweist und kurz vor seinem Urlaubsantritt in die Klinik eingewiesen wurde. Auch Ellen gelingt es kaum, zu der zutiefst verstörten und verängstigten Frau durchzudringen. Diese erzählt ihr völlig verworren und unverständlich etwas von einem „Schwarzen Mann“, der sie offensichtlich brutal misshandelt hat.
Ellen ist vollkommen überfordert mit diesem Fall und bittet deshalb ihren Kollegen Mark um Rat und Hilfe. Als der die Patientin in ihrem Zimmer aufsuchen will, um sich selbst ein Bild von ihrem Zustand zu machen, ist die mysteriöse Frau jedoch wie vom Erdboden verschwunden. Auch von dem Anmeldeformular, das Ellen noch am Tag zuvor in den Händen hielt, fehlt jede Spur, und niemand vom Klinikpersonal kann sich erinnern, die Patientin jemals gesehen zu haben. Ellen weigert sich aber, zu glauben, dass sie sich aufgrund von Überarbeitung und Stress alles nur eingebildet hat.
Und so beschließt sie, selbst Nachforschungen anzustellen und gerät dabei ins Visier des „Schwarzen Mannes“, der mit ihr Kontakt aufnimmt und sie vor ein bizarres Ultimatum stellt. Ellen spürt, dass sie ständig verfolgt und beobachtet wird und bemerkt auch, dass jemand in ihrer Wohnung war. Aber niemand scheint ihr zu glauben, und allmählich keimt in ihr der Verdacht, dass eine Person aus ihrem näheren Umfeld hinter all den seltsamen Vorkommnissen stecken muss. Sie ist völlig auf sich allein gestellt, kann niemandem vertrauen und gerät immer tiefer in einen Sumpf aus Angst, Gewalt und Wahnsinn, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe bereits vor ein paar Jahren Dunkler Wahn und Kalte Stille von Wulf Dorn gelesen, fand beide Thriller wirklich herausragend und wollte nun auch endlich seinen Debütroman Trigger lesen, mit dem sich der Autor in die Liga der besten deutschen Thriller-Autoren geschrieben hat.
Wenn der Schauplatz eines Psychothrillers in einer Psychiatrie angesiedelt ist, finde ich das ohnehin besonders interessant – wenn das Buch dann noch gut recherchiert und raffiniert gestrickt ist, kann eigentlich fast nichts mehr schiefgehen. In Wulf Dorns Trigger ist jedenfalls nichts schiefgegangen, denn dieser Thriller hat mir wieder sehr gut gefallen.
Man merkt, dass der Autor selbst viele Jahre in einer Psychiatrie tätig war, seine Erfahrungen in seine Bücher einfließen lässt und ein Gespür für Schicksale, Ängste und die Abgründe menschlicher Seelen hat.
Zu Beginn des Buches erfährt man zunächst einiges über den Klinikalltag und die Arbeit der Psychiaterin Ellen Roth. Es dauert ein Weilchen, bis die eigentliche Thrillerhandlung wirklich in Gang kommt, aber ich fand die Schilderung des Alltags in einer Psychiatrie äußerst interessant und sie ist meiner Meinung nach auch wichtig und notwendig, um die Hauptprotagonistin Ellen besser kennenzulernen. Man kann nicht behaupten, dass mir diese Frau besonders sympathisch war, aber darum geht es ja auch nicht. Wichtiger für die Geschichte und den Plot ist vielmehr ihre Glaubwürdigkeit und die Zuverlässigkeit ihrer Beobachtungen und Einschätzungen. Wulf Dorn hat sich sehr viel Mühe gegeben, diese Protagonistin sehr präzise und facettenreich auszuarbeiten. Hierfür ist eine sorgfältige Einführung dieser Figur zu Beginn dieses Thrillers unabdingbar, denn der Leser lernt Ellen zunächst als äußerst gewissenhafte und kompetente Psychiaterin kennen, die sich um jeden Patienten bemüht, aber häufig auch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stößt. Als die mysteriöse Patientin, die niemand außer Ellen jemals zu Gesicht bekam, plötzlich verschwindet, der „Schwarze Mann“, von dem die Frau sprach, auch Kontakt zu Ellen aufnimmt und sie sich ständig verfolgt und beobachtet fühlt, will ihr aber niemand Glauben schenken, denn außer ihr nimmt niemand diese Bedrohung wahr. Ich war häufig hin- und hergerissen, denn einerseits war ich mir sicher, dass Ellens Ängste berechtigt sind, wütend, weil niemand sie ernstzunehmen schien, dann allerdings auch ein wenig skeptisch, ob sie sich vielleicht nicht doch alles nur einbildet. Alle anderen Figuren dieses Thrillers bleiben recht flach und konturlos, aber das macht auch durchaus Sinn, denn im Verlauf der Handlung habe ich nahezu jeden in Ellens Umfeld verdächtigt. Die Figuren sind so angelegt, dass der Leser im Grunde nur Ellen wirklich nahekommt, mit ihr mitfiebert und an ihrer Seite diese Ängste, Bedrohung und Beklemmung durchlebt. Alle anderen Protagonisten bleiben fremd, sind nur schwer einzuschätzen und somit irgendwann verdächtig. Doch sobald ich mir sicher war, nun genau zu wissen, wer der Täter ist, wurde der Verdacht wieder auf eine andere Person gelenkt. Hin und wieder zweifelte ich aber auch an Ellen und hatte den Verdacht, dass ihr Verstand ihr wirklich lediglich einen Streich spielt. Die Verwirrtheit der Hauptprotagonistin und die vage Figurengestaltung der anderen Charaktere tragen jedenfalls enorm zum Spannungsbogen dieses fesselnden Thrillers bei.
Wulf Dorn legt immer wieder neue Fährten und führt den Leser stets aufs Neue in die Irre. Hinzu kommt, dass die Schauplätze sehr gut ausgewählt sind und für eine beklemmende Atmosphäre sorgen.
Dorns Schreibstil ist sehr flüssig und die Geschichte so raffiniert komponiert und wendungsreich, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte, sondern es nahezu an einem Stück durchgelesen habe, weil ich einfach wissen musste, wie es weitergeht. Der Plot ist äußerst verzwickt und war für mich, selbst wenn ich häufig dachte, nun zu wissen, wie alles enden wird, vollkommen unvorhersehbar. Am Ende dieses packenden Thrillers war ich überrascht und erschüttert zugleich.
Wulf Dorn versteht es hervorragend mit den Ängsten des Lesers zu spielen, denn die permanente Bedrohung, die Ellen fast um den Verstand bringt, war auch für mich spürbar. Das Buch ließ mich häufig den Atem anhalten, obwohl der Autor vollkommen auf die Schilderung von Brutalität oder blutigen Details verzichtet. Ich empfand diesen psychologischen Thriller auf eine sehr leise, subtile, aber eindrückliche Weise sehr beklemmend und verstörend. Und das macht einen fesselnden Thriller für mich auch aus – der Blick in die Abgründe menschlicher Seelen und atemlose Spannung ohne Effekthascherei.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Wulf Dorn: Trigger
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 05. Oktober 2009
432 Seiten
ISBN 978-3-453-43402-8

Cover: Heyne Verlag

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Buchrezension: Ursula Poznanski – Erebos

Ursula Poznanski - ErebosInhalt:

Nick merkt schon seit geraumer Zeit, dass an seiner Schule etwas Seltsames vorgeht. Sein Freund Colin zieht sich immer mehr von ihm zurück, geht nicht an Telefon, antwortet nicht auf Nachrichten und kommt nicht mehr zum Basketballtraining. Auch Nicks Mitschüler verhalten sich recht eigenartig, tuscheln verschwörerisch in den Pausen, wirken abwesend und übermüdet und fehlen häufig im Unterricht. Offenbar hängen diese Veränderungen mit diesen seltsamen Päckchen zusammen, die seine Schulfreunde heimlich untereinander austauschen. Nick erfährt zwar, dass sich in diesen Päckchen eine DVD befinden soll, aber niemand will ihm sagen, was es damit auf sich hat.
Doch eines Tages bekommt Nick von einer Mitschülerin auch endlich ein solches Päckchen zugesteckt, muss ihr allerdings versprechen, die DVD niemandem zu zeigen und niemandem zu erzählen, wer sie ihm gegeben hat. Nick kann es kaum erwarten, hinter das Geheimnis dieser DVD zu kommen, die lediglich mit dem Wörtchen „Erebos“ beschriftet ist. Zuhause legt er den Datenträger in seinen Computer ein und wird sofort in den Bann gezogen von Erebos, einem Computerspiel, das gänzlich anders ist, als man es sonst von diesen Spielen kennt. Dieses Rollencomputerspiel kann reden, reagieren und gibt dem Spieler auf jede Frage eine sinnvolle Antwort. Es scheint fast so, als ob das Spiel lebt. Doch bevor Nick richtig in diese Spielewelt eintreten kann, wird er gewarnt und zunächst mit den strengen Regeln vertraut gemacht. Er darf das Spiel nur alleine spielen, mit niemandem darüber reden und seinen Spielernamen niemals verraten. Falls er gegen eine Regel verstößt oder eine der Aufgaben, die das Spiel ihm auferlegt, nicht erfüllt, stirbt seine Spielfigur und das Spiel ist endgültig vorbei – eine zweite Chance gibt es nicht. Nick erklärt sich mit den Regeln einverstanden, erstellt seinen Spielecharakter, besteht die ersten Aufgaben und ist geradezu süchtig nach neuen Herausforderungen, die Erebos bereithält und ihn ins nächste Level bringen. Das Unheimliche, aber gleichzeitig auch besonders Faszinierende ist, dass ihm das Spiel hin und wieder auch Aufträge erteilt, die er in der realen Welt ausführen muss. Zunächst sind es nur kleine Aufgaben, die er zu erledigen hat, aber dann erhält Nick von dem Spiel einen ganz besonderen Befehl – er soll einen Menschen töten.

Meine persönliche Meinung:

Zunächst war ich ja ein wenig skeptisch, denn da Erebos ein Jugendthriller ist und ich der eigentlichen Zielgruppe schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen bin, hatte ich die Befürchtung, dass dieses Buch vielleicht nichts für mich sein könnte. Außerdem geht es um die Faszination von Computerspielen, also um ein Thema, das in meinem Leben eigentlich keine Rolle spielt. Da das Buch aber nicht nur von Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen in den höchsten Tönen gelobt wurde und mir Ursula Poznanskis Thriller Fünf außergewöhnlich gut gefallen hat, war ich doch ein wenig neugierig auf Erebos, zumal ich den Eindruck habe, dass ich so ziemlich der letzte Mensch auf diesem Planeten war, der das Buch noch nicht gelesen hat. Ursula Poznanski wurde für diesen Jugendthriller mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Das Buch wird offenbar auch in Schulen gelesen, was mich ein wenig neidisch macht, denn ich kann mich nicht erinnern, dass wir im Schulunterricht jemals ein so spannendes Buch besprochen hätten.
Meine anfänglichen Bedenken, dass ich vielleicht nichts mit diesem Buch anfangen könnte, weil es sich um einen Jugendthriller handelt, haben sich nicht bestätigt, denn ich war von der ersten Seite an vollkommen gefangen von der Geschichte. Auch wenn die Protagonisten fast ausschließlich Jugendliche sind und es nicht nur um die Faszinationskraft dieses Computerspiels, sondern auch um den Schulalltag, Freundschaften und eine zarte Liebesgeschichte geht, war ich von dem Buch ebenso schnell gefesselt wie Nick von diesem Spiel.
Gemeinsam mit Nick bzw. seiner Spielfigur, dem Dunkelelfen Sarius, entdeckt der Leser die virtuelle Spielewelt von Erebos. Zu meinem Erstaunen konnte ich sehr gut nachvollziehen, wie schnell Nick in den Bann des Spiels gerät, denn dieses Rollencomputerspiel besitzt eine ungeheure Sogkraft – nicht nur für den Hauptprotagonisten, sondern auch für den Leser. Furchtbar lästig und fast endlos erschien mir die Zeit, die Nick mit ganz alltäglichen Dingen wie Schule, Hausaufgaben oder mit seinen Eltern verbringen musste. Auch ich konnte es kaum abwarten, an Nicks Seite mit Sarius allerlei spannende Abenteuer zu bestehen und zu erfahren, welche Überraschungen Erebos bereithält, damit Sarius das nächste Level erreicht und vielleicht irgendwann in den Inneren Kreis der fünf besten Spieler aufgenommen wird. Der Alltag verliert allmählich seine Bedeutung, Schule und Freunde werden immer mehr vernachlässigt, denn das Spiel entwickelt ein ungeheures Suchtpotenzial, dem sich Nick nicht mehr entziehen kann.
Ursula Poznanski ist es gelungen, eine sehr phantasievolle, faszinierende und gleichzeitig auch beängstigende Spielewelt zu konzipieren. Das Beeindruckende und gleichzeitig auch sehr Unheimliche an diesem Computerspiel ist, dass es alles über den Spieler weiß und auch seine Wünsche und Gedanken zu kennen scheint. Und so weiß Erebos natürlich auch ganz genau, wo es ansetzen muss, um Nick immer mehr in seinen Bann zu ziehen und zu manipulieren. Als Sarius aufgefordert wird, auch Aufgaben in der realen Welt zu erledigen, verwischen die Grenzen zwischen der virtuellen Spielewelt und der Wirklichkeit immer mehr. Bald kann man zwischen dem Schüler Nick und dem Dunkelelfen Sarius kaum noch unterscheiden, denn der Spielecharakter und die reale Person vermischen sich zunehmend. Anfangs muss Nick in der realen Welt nur kleine, recht harmlose Aufträge erledigen, aber dann wird Erebos immer fordernder und erwartet, dass der Spieler all seine Skrupel über Bord wirft, nur um weiterspielen zu können. Als Leser fragt man sich irgendwann, wie weit Nick noch gehen wird, um nicht von Erebos ausgeschlossen zu werden. Und ich fragte mich auch selbst, wie weit ich in Nicks Alter gegangen wäre, denn ich konnte die verführerische Anziehungskraft dieses Spiels erschreckend gut nachempfinden.
Bis auf ein paar sehr verstörende Passagen, in denen Erebos bzw. der Spieleentwickler selbst zu Wort kommt und die aus der Ich-Perspektive verfasst sind, wird das Buch fast ausschließlich aus der Perspektive des Hauptprotagonisten Nick erzählt. Nick ist ein ganz gewöhnlicher sechzehnjähriger Junge, sehr neugierig, aufgeschlossen und zunächst etwas naiv und arglos. Im Laufe der Erzählung macht er aber eine erstaunliche Entwicklung durch, denn als das Spiel ihm befiehlt, einen Mord zu begehen, ringt er zwar zunächst noch mit sich, aber dann regen sich in ihm doch Skrupel. Er widersteht den Verlockungen und ahnt allmählich, dass er sich auf etwas sehr Gefährliches eingelassen hat. Gemeinsam mit seiner Mitschülerin Emily, in die er heimlich verliebt ist, und ein paar Freunden, die sich dem Spiel verweigert haben, beschließt Nick hinter das Geheimnis von Erebos zu kommen und ihm den Kampf anzusagen.
Nicht nur Nick, sondern auch die Nebencharaktere hat Ursula Poznanski sehr interessant ausgearbeitet. Während Nicks Freund Colin und auch ein paar andere Mitschüler dem Spiel hoffnungslos verfallen sind und ohne zu reflektieren und völlig skrupellos alles tun, was Erebos von ihnen verlangt, widerstehen Emily und Jamie der Versuchung. Und so geht es in Erebos nicht nur um die Faszination von Computerspielen, sondern auch um Freundschaft und Zusammenhalt, denn während im Spiel jeder gegen jeden kämpft, versuchen die Gegner des Spiels gemeinsam gegen Erebos zu kämpfen und ihre Mitschüler vor weiteren Gefahren zu beschützen.
Ich fand das Buch von der ersten Seite an unheimlich spannend und mitreißend. Natürlich merkt man, dass es ein Jugendbuch ist, denn der Schreibstil ist recht einfach gehalten und der Plot ist nicht besonders verzwickt und kompliziert, aber dennoch sehr wendungsreich und nicht vorhersehbar. Das Ende hat mich jedenfalls sehr überrascht und war auch äußerst actiongeladen.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Ursula Poznanski in Erebos zwar sehr eindrücklich die verführerische Faszination, die Gefahr und das Suchtpotenzial von Computerspielen und virtuellen Welten zeigt, aber diese Spiele nicht generell verteufelt. Der pädagogisch erhobene Zeigefinger, der mich bei Jugendbüchern meistens ziemlich nervt und bei der Zielgruppe sicherlich auch eher am Ziel vorbeischießt, fehlt jedenfalls glücklicherweise vollkommen.

Und so war Erebos für mich ein überaus fesselnder Jugendthriller, der mich teilweise auch sehr nachdenklich stimmte und meiner Meinung nach für Leser jeden Alters sehr spannende und unterhaltsame Lesestunden bietet.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Ursula Poznanski – Erebos
Verlag: Loewe
Ersterscheinungsdatum: 06. Juni 2011
488 Seiten
ISBN 978-3-7855-7361-7

Cover: Loewe

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Montagsfrage: Ein Blick zurück – wie bist du zum Bücherwurm geworden?

Montagsfrage

Nachdem ich in den letzten Wochen die Montagsfrage schmählich vernachlässigt habe, möchte ich die Frage, die Buchfresserchen diese Woche stellt, heute gerne beantworten.

MaxMoritzIch weiß gar nicht mehr genau, wie ich zum Bücherwurm geworden bin – ich weiß nur, dass ich es eigentlich schon immer war. Bücher fand ich bereits interessant und spannend, als ich noch gar nicht lesen konnte.
Meine Mutter hat mir abends vor dem Einschlafen oft etwas vorgelesen. Meistens waren es Märchen oder aber Geschichten von Wilhelm Busch – die liebte ich ganz besonders. Ich erinnere mich auch gerne an die Nachmittage, die ich bei meinen Großeltern verbrachte und an denen ich mit meinem Opa stundenlang in seinen Büchern blätterte. Bilderbücher für Kinder fand ich nicht besonders prickelnd, aber die Bücher meines Opas waren toll, denn es waren wunderschöne Fotografien von Tieren und Pflanzen darin abgebildet. Ich weiß noch, dass ich ein bisschen traurig war, weil ich nicht selbst lesen konnte, was unter all den bunten Bildern stand und immer darauf angewiesen war, dass es mir jemand vorliest oder erklärt, aber als ich in die Schule kam, lernte ich recht schnell lesen. Wenn ich etwas wirklich können will, dann klappt das auch recht mühelos – das ist übrigens bis heute so. Lesen war jedenfalls etwas, das ich unbedingt können wollte, und kaum hatte ich die Fähigkeit des Lesens erlernt, war ich nicht mehr zu bremsen und hatte eigentlich immer meine Nase in einem Buch. Meine Eltern wussten genau, dass man mir kein Spielzeug, sondern besser ein Buch schenken muss, wenn man mich richtig glücklich machen will. Puppen fand ich furchtbar doof, mein Bewegungsdrang ging schon damals gegen Null und da ich außerdem ein recht menschenscheues Kind war und nie das Bedürfnis hatte, mit anderen Kindern zu spielen, war Lesen meine liebste Freizeitbeschäftigung. Außerdem malte ich sehr gerne, verfügte allerdings über ein recht bescheidenes künstlerisches Talent und konzentrierte mich dann doch überwiegend aufs Lesen.
Das kleine GespenstIch fühle mich ein wenig wie Methusalem, während ich diese Zeilen schreibe, aber als ich in den 70ern aufgewachsen bin, hatte niemand einen Computer zuhause, geschweige denn einen Gameboy, eine Playstation oder gar Internet. Wir hatten einen uralten Schwarz-Weiß-Fernseher, mit dem man exakt drei Sender empfangen konnte, auf denen jedoch vor 16 Uhr ohnehin nichts gesendet wurde. Gefehlt hat mir aber nichts, denn ich hatte meinen Hund, drei Katzen, viele Buntstifte und natürlich jede Menge Bücher – mehr brauchte ich nicht, um mich zu beschäftigen. Ahhh, doch – irgendwann brauchte ich auch einen Leseausweis für die Stadtbibliothek und verbrachte dort dann häufig meine Nachmittage. Diese vielen Regale voller Bücher faszinierten mich sehr, stundenlang stöberte ich nach neuem Lesestoff und schleppte bergeweise Bücher nach Hause. Ich las eigentlich alles, was mir zwischen die Finger kam. Besonders mochte ich die Bücher von Michael Ende und Otfried Preußler. Nach der Fünf-Freunde-Reihe von Enid Blyton war ich regelrecht süchtig und habe jeden Band gleich mehrfach gelesen. Die Burg-Schreckenstein-Reihe von Oliver Hassencamp, die Drei-Fragezeichen-Reihe von Robert Arthur sowie die Trixie-Belden-Reihe von Julie Campbell liebte ich auch heiß und innig. Irgendwann entdeckte ich die Romantik-Thriller von Ursula Isbel. Die waren unheimlich spannend und gruselig, also ganz nach meinem Geschmack. Eigentlich konnte es mir gar nie gruselig genug sein, und bis heute liebe ich es, wenn mir beim Lesen ein eisiger Schauer über den Rücken läuft. Auch wenn es immer wieder Phasen in meinem Leben gab, in denen ich nicht so viel gelesen habe, hat mich die Liebe zu Büchern eigentlich mein ganzes Leben hinweg begleitet.

© Claudia Bett

Mein Monatsrückblick Juli 2016

Gelesen:

Ach herrje, der Juli war ein recht durchwachsener Lesemonat. Ich habe sechs Bücher gelesen und gleich zwei davon haben mich maßlos enttäuscht und geärgert. Die Hauptprotagonistin in Dein letzter Tag von A. J. Rich brachte mich wirklich auf die Palme, die Tierrechtsproblematik trieb meinen Blutdruck in ungeahnte Höhen und als ob der Tierfreund in mir nicht schon genug gelitten hätte, war der Plot auch noch so vorhersehbar, dass nur leidlich Spannung aufkommen wollte. Als wäre es nicht schon schlimm genug, wertvolle Lese- und Lebenszeit an ein so ärgerliches Buch verschwendet zu haben, endete der Monat dann mit dem absoluten Flop meiner bisherigen Lesekarriere – Die Macht des Schmetterlings von Matt Dickinson. Unfassbar! Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas vergleichbar Dämliches gelesen zu haben, aber mein Ärger hielt sich dennoch in Grenzen, weil ich immerhin nicht alleine war in meinem Leid. Ich habe das Buch nämlich in einer Leserunde gelesen und konnte mich gemeinsam mit anderen darüber austauschen, ärgern und lustig machen. Außerdem ließ es sich so unglaublich schnell nebenbei lesen, dass sich die vergeudete Lesezeit wenigstens in Grenzen hielt. Erträglicher war es auch, weil ich parallel dazu Erebos von Ursula Poznanski gelesen habe, einen Jugendthriller, von dem ich eigentlich gar nicht viel erwartet hatte, der mich aber in jeder Hinsicht begeistern und überzeugen konnte und deshalb eindeutig mein Lesehighlight des vergangenen Monats war. Auch von Michael Theißens Debüt Leons Erbe war ich sehr positiv überrascht und Wulf Dorns wendungsreicher Thriller Trigger bereitete mir ebenfalls überaus spannende Lesestunden. Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken von Jenny Milchman hatte zwar ein paar Schwächen, war aber dennoch spannend und durchaus lesenswert.

Insgesamt habe ich im Juli also sechs Bücher gelesen – das waren 2403 Seiten und somit ca. 77,5 Seiten pro Tag.

  1. Michael Theißen – Leons Erbe (300 Seiten)
  2. Wulf Dorn – Trigger (432 Seiten)
  3. Jenny Milchman – Night Falls. Du kannst dich nicht verstecken (480 Seiten)
  4. A. J. Rich – Dein letzter Tag (352 Seiten)
  5. ⭐ Ursula Poznanski – Erebos (488 Seiten)⭐
  6. Matt Dickinson – Die Macht des Schmetterlings (351 Seiten)

Gehört:

Ich hatte im vergangenen Monat keine musikalischen Höhepunkte und habe nur selten ganz bewusst Musik gehört. Allerdings wurde ich wochenlang dauerbeschallt, weil ein paar hundert Meter entfernt, allabendlich ein Festival stattfand. Je nach Wetterlage war die Musik häufig so laut und deutlich zu hören, dass ich fast den Eindruck hatte, die Band spielt direkt auf meinem Balkon. Bis auf ein Konzert von Dieter Thomas Kuhn, das mich wirklich an die Grenzen meiner Belastbarkeit brachte, weil mich Schlagermusik einfach unglaublich nervt, hat mich dieses Festival allerdings nicht gestört. Im Gegensatz zu so manchen geräuschempfindlichen Nachbarn, fand ich es sogar meistens wirklich angenehm, abends auf meinem Balkon ein wenig musikalische Untermalung zu haben – sogar live und ohne Eintritt bezahlen zu müssen. Wer hat das schon? Besonders gut gefallen hat mir übrigens Philipp Dittberner, den ich bislang gar nicht kannte.

Gesehen:

Downtown AbbeyIch bin ja ein wenig frustriert, weil ich noch ein paar Monate auf die siebte Staffel von Game of Thrones warten muss. Also begab ich mich auf die Suche nach einer weiteren guten Serie, um mir die Wartezeit ein wenig zu versüßen. Ich stieß bei meiner Suche auf Downton Abbey. Natürlich ist diese Serie nicht vergleichbar mit Game of Thrones, aber dennoch ist sie unglaublich gut und hat absolutes Suchtpotential. Es ist überaus spannend, diese britische Adelsfamilie und ihre Dienerschaft durch die Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu begleiten. Schon nach der ersten Folge fühlte ich mich fast heimisch auf diesem herrschaftlichen Anwesen. Der Zuschauer durchlebt und durchleidet mit dieser Familie und ihren Bediensteten die Wirren des Ersten Weltkrieges, den Ausbruch der Spanische Grippe, den irischen Unabhängigkeitskampf, das Ende des Zarenreichs, den Kampf um das Frauenwahlrecht und den allmählichen Niedergang des britischen Adels. Und natürlich geht es neben all den historischen Ereignissen vor allem um Liebe, Intrigen, Macht und Etikette. Die schauspielerische Besetzung ist großartig. Die besonderen Highlights dieser Serie sind für mich vor allem die brillant bissigen Dialoge von Violet Crawley, die von Maggie Smith einfach wunderbar gespielt wird.
Hach, ich liebe diese Serie, habe selten so viele Tränchen vergossen und mit fiktiven Charakteren so mitgelitten. Grandios! Wirklich schade, dass ich nur noch eine Staffel vor mir habe…

© Claudia Bett

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