Buchrezension: Anita Terpstra – Anders

Anders von Anita TerpstraInhalt:

Während einer Nachtwanderung im Ferienlager verschwinden der elfjährige Sander Meester und sein Freund Maarten plötzlich spurlos. Als sich die Betreuer auf die Suche nach den Kindern machen, finden sie die Leiche von Maarten, der vor seinem gewaltsamen Tod offensichtlich missbraucht wurde. Von Sander fehlt nach wie vor jede Spur. Seine Schwester Iris und ihr Freund Christiaan, die ebenfalls im Ferienlager waren und die beiden Jungs während dieser Nachtwanderung im Wald aus den Augen verloren hatten, sind seit jener Nacht, schwer traumatisiert. Iris hat nach dem Verschwinden ihres Bruders ein Jahr kein einziges Wort gesprochen, und Christiaan wurde für ein paar Monate in die Psychiatrie eingewiesen.
Sanders Eltern Alma und Linc zerbrechen fast am Verlust ihres Kindes. Linc verfällt zunehmend in Depressionen und die Ehe des vormals glücklichen Ehepaares hielt der Belastung nicht mehr stand. Alma hat die Hoffnung, dass ihr Sohn noch am Leben ist und eines Tages zu ihr zurückkehren wird, niemals aufgegeben. Sie glaubt zu spüren, dass ihr Kind noch lebt. Die quälende Ungewissheit, was Sander zugestoßen sein mag, zerfrisst die verzweifelte Mutter zwar fast, aber sie will durchhalten und stark bleiben, falls ihr Sohn doch irgendwann wieder auftaucht. Unermüdlich betreibt sie weiterhin ihre Nachforschungen und sorgt dafür, dass die Berichterstattung nicht abreißt.
Sechs Jahre nach Sanders Verschwinden taucht in einer deutschen Polizeiwache plötzlich ein junger Mann auf und behauptet, der verschwundene Sander Meester zu sein. Er erzählt den Beamten, dass er während jener Nachtwanderung im Ferienlager von einem fremden Mann entführt, nach Deutschland gebracht und jahrelang gefangen gehalten worden sei. Die Meesters reisen sofort nach Deutschland, um Sander abzuholen. Alma ist überglücklich, als sie ihren Sohn endlich wieder in die Arme schließen und mit nach Hause nehmen kann. Allerdings hat sich Sander sehr verändert. Liegt dies an der jahrelangen Gefangenschaft in den Händen seines unberechenbaren Entführers, oder handelt es sich bei dem Jungen womöglich gar nicht um Sander? Und was ist in jener Nacht vor sechs Jahren wirklich passiert?

Meine persönliche Meinung:

Ich muss zugeben, dass ich von Anita Terpstras Anders nicht allzu viel erwartet habe, denn es ist das erste Buch der Niederländerin, das auch in Deutschland erschien, sodass ich die Autorin bislang nicht kannte, und der Klappentext klingt nicht gerade nach einer besonders originellen oder neuen Idee. Ich weiß nicht, wie viele Thriller über verschwundene Kinder ich schon gelesen habe, aber das Thema ist inzwischen so ausgelutscht, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass mich dieses Buch noch überraschen könnte. Anita Terpstra hat es aber geschafft, mich wirklich vom Hocker zu reißen, denn es ist ihr gelungen, diese nicht gerade innovative Grundidee originell und überaus spannend umzusetzen und dem Thema die nötige Würze zu verleihen, sodass Anders im wahrsten Sinne des Wortes wirklich vollkommen anders war, als ich vermutet hätte.
Der Einstieg in die Geschichte fiel mir sehr leicht. Auf den ersten Seiten begleitet man zunächst Alma, die im Wald in der Nähe des Ferienlagers verzweifelt nach ihrem Kind sucht, taucht dabei in die Gedanken der besorgten Mutter ein und durchlebt auch ihre Ängste. Der Freund ihres Sohnes wurde bereits tot aufgefunden, aber von Sander fehlt noch immer jede Spur. Allerdings erblickt sie bei ihrer Suche zwischen den Bäumen einen rätselhaften Mann.
Dann springt die Handlung sechs Jahre nach vorn in die Gegenwart, als ein junger Mann die Leiche des Mannes begräbt, bei dem er in einer einsamen Hütte im Wald gelebt hatte. Danach meldet er sich bei einer deutschen Polizeiwache und behauptet, der verschwundene Sander Meester zu sein, nach dem seit sechs Jahren gesucht wird. Die Geschichte kommt also ohne großes Vorgeplänkel sofort in Fahrt und ist von der ersten Seite an überaus fesselnd und sehr mysteriös. Anita Terpstra versteht es, Spannung aufzubauen, diese kontinuierlich zu halten und den Leser so in ihren Bann zu ziehen, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Ihr Erzählstil ist flüssig, schnörkellos und prägnant, die Charaktere glaubwürdig und interessant ausgearbeitet.
Man lernt nicht nur Alma, die Mutter des verschwundenen Sander kennen, sondern auch ihren Exmann Linc und Sanders Schwester Iris. Jedes der Familienmitglieder hat das Verschwinden des Kindes anders verarbeitet. Während Alma unbeirrt an der Hoffnung festhielt, dass ihr Sohn noch lebt und die Suche nach ihm nie aufgegeben hat, verfiel ihr Mann zunehmend in Depressionen und wurde immer antriebsloser, sodass es schließlich zur Trennung des Ehepaares kam. Alma ging mir fürchterlich auf die Nerven, denn gluckende Übermütter finde ich generell sehr anstrengend. Bei Alma war ich vor allem deshalb so genervt, weil sich ihre Aufmerksamkeit nur auf eines ihrer Kinder richtet, denn während Sander stets verhätschelt wird, scheint sie ihre Tochter geradezu zu vernachlässigen. Iris war nach jener Nacht im Ferienlager lange traumatisiert, wollte ihr Elternhaus danach so schnell wie möglich verlassen und lebt inzwischen in Amsterdam. Verwunderlich ist das nicht, denn das Mädchen hatte unter ihrem Bruder sehr gelitten, erfuhr von ihrer Mutter, die immer wieder Entschuldigungen für die Schandtaten ihres Sohnes fand, jedoch keinerlei Unterstützung. Sander wurde seiner älteren Schwester immer vorgezogen und niemand in der Familie wollte sehen, dass der Junge keineswegs der Musterknabe war, für den Alma ihn hielt.
Der Leser erlebt die Rückkehr Sanders nun aus der Perspektive jedes Familienmitglieds mit und wirft mit jedem von ihnen auch einen Blick zurück in die Vergangenheit und in die Zeit vor Sanders Verschwinden. Dabei treten erschütternde Details an die Oberfläche, die ein recht verstörendes Licht auf die Familie, aber auch auf das verschwundene Kind werfen. Da nie aus Sanders Perspektive erzählt wird, bleibt der Junge stets undurchsichtig, rätselhaft und mysteriös, sodass er sehr bedrohlich wirkt. Er verhält sich nach seiner Rückkehr äußerst eigenartig, denn er will nicht über seine Erlebnisse der vergangenen Jahre reden, lehnt auch therapeutische Hilfe ab und scheint sich an sehr einschneidende Ereignisse seiner Kindheit nicht mehr zu erinnern.
Doch die Bedrohung geht keineswegs nur von Sander aus, denn auch Linc und Iris scheinen etwas zu verbergen. Mit der Rückkehr des inzwischen siebzehnjährigen jungen Mannes brechen wieder alte Wunden auf, denn von der glücklichen Bilderbuchfamilie, die im Klappentext erwähnt wird, kann weder vor noch nach Sanders Verschwinden die Rede sein. Stattdessen werden nun nach und nach lange gehütete und düstere Geheimnisse zutage gefördert, bis sich schließlich eine erschütternde und wirklich grauenhafte Wahrheit offenbart.
Das Ende dieses Thrillers war für mich sehr überraschend und ließ mich auch nachdenklich zurück. Anita Terpstra ist es gelungen, eine sehr bedrohliche Stimmung zu erzeugen und eine spannende Geschichte zu konstruieren, die vollkommen ohne Blutvergießen auskommt und mir immer wieder einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Selbst der letzte Satz erzeugte noch eine finale Gänsehaut.

Eine gelungene Mischung aus packendem Thriller und geheimnisvollem Familiendrama!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Anita Terpstra: Anders
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 15. August 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-7341-0257-8

Cover: Blanvalet Verlag

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Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im Oktober 2016

Eigentlich hatte ich vermutet, dass im Oktober, wenn pünktlich zur Frankfurter Buchmesse zahlreiche Neuerscheinungen den Buchmarkt überfluten, meine Wunschliste überquellen wird. Obwohl ich eifrig in den Verlagsvorschauen geblättert habe, ist die Liste der Neuerscheinungen, auf die ich mich im kommenden Monat freue, erstaunlich übersichtlich. Das ist allerdings nicht besonders tragisch, denn mein Stapel ungelesener Bücher hat in den letzten Wochen beängstigende Ausmaße angenommen, sodass ich nicht befürchten muss, dass mir der Lesestoff ausgeht.

Ich habe ein neues Genre für mich entdeckt und möchte in der nächsten Zeit nicht nur Thriller und Krimis, sondern auch gute Dystopien lesen.
Momentan lese ich Der Übergang von Justin Cronin, ein mehr als tausend Seiten starker Roman, der mich schon seit einer Weile beschäftigt und mich so in seinen Bann gezogen hat, dass ich die Passage-Trilogie unbedingt noch in diesem Jahr komplett lesen möchte. Eigentlich ein Jammer, dass ich Der Übergang erst jetzt entdeckt habe, denn dieses Endzeit-Epos ist einfach grandios, aber andererseits gibt es kaum einen besseren Zeitpunkt dafür als jetzt, denn ich finde es ärgerlich, wenn ich den ersten Band einer Trilogie gelesen habe und ewig auf das Erscheinen der Folgebände warten muss. Da im Oktober mit Die Spiegelstadt der krönende Abschluss der Passage-Trilogie erscheint, habe ich also nichts zu befürchten und kann nach Die Zwölf gleich weiterlesen.

Die Spiegelstadt von Justin CroninDie Zwölf – Wesen der Dunkelheit, Todfeinde der Menschen – sind vernichtet, ihre hundertjährige Schreckensherrschaft über die Welt ist vorüber. Nach und nach wagen sich die Überlebenden aus ihrer eng ummauerten Zuflucht, Hoffnung keimt auf. Auf den Ruinen der einstigen Zivilisation wollen sie eine neue, eine bessere Gesellschaft aufbauen: der älteste Traum der Menschheit.
Doch in einer fernen, verlassenen Stadt lauert der Eine: Zero. Der Erste. Der Vater der Zwölf, der den Ursprung des Virus in sich trägt. Einst ein hochbegabter Wissenschaftler, der, seit er seine große Liebe verlor, nur noch von Rachedurst und Wut erfüllt ist. Sein Ziel ist es, die Menschheit endgültig auszulöschen. Seine Truppen sind bereit. Und der Zeitpunkt ist gekommen.
Nur Amy vermag ihn jetzt noch aufzuhalten, das Mädchen aus dem Nirgendwo, die einzige Hoffnung der Menschheit. Und so treten sie und ihre Freunde an zum letzten großen Kampf zwischen Licht und Dunkelheit … (Klappentext Goldmann Verlag)

Justin Cronin – Die Spiegelstadt
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 31. Oktober 2016
Hardcover – 992 Seiten – 24,99 €
ISBN 978-3-442-31180-4


Simon Beckett gehört zweifellos in die erste Liga der Thrillerautoren. Nicht nur seine David-Hunter-Reihe, sondern auch alle anderen Bücher dieses Autors habe ich regelrecht verschlungen und zählen zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Umso mehr freue ich mich jetzt natürlich auf den fünften Fall für David Hunter.

simon-beckett-totenfangHunter is back!
Sein fünfter Fall führt Dr. David Hunter in die Backwaters, ein unwirtliches Mündungsgebiet in Essex, wo die Grenzen zwischen Land und Wasser verschwimmen. Aber die wahren Gefahren lauern nicht in der Tiefe, sondern dort, wo er sie am wenigsten erwartet.
Seit über einem Monat ist der 31-jährige Leo Villiers spurlos verschwunden. Als an einer Flussmündung zwischen Seetang und Schlamm eine stark verweste Männerleiche gefunden wird, geht die Polizei davon aus, Leo gefunden zu haben. Der Spross der einflussreichsten Familie der Gegend soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, die ebenfalls als vermisst gilt: Leo steht im Verdacht, Emma Darby und schließlich sich selbst umgebracht zu haben. Doch David Hunter kommen Zweifel an der Identität des Toten. Denn tags darauf treibt ein einzelner Fuß im Wasser, und der gehört definitiv zu einer anderen Leiche.
Für die Zeit seines Aufenthalts kommt David Hunter in einem abgeschiedenen Bootshaus unter. Es gehört Andrew Trask, dessen Familie ihm mit unverholener Feindseligkeit begegnet. Aber sie scheinen nicht die einzigen im Ort zu sein, die etwas zu verbergen haben. Und noch ehe der forensische Anthropologe das Rätsel um den unbekannten Toten lösen kann, fordert die erbarmungslose Wasserlandschaft erneut ihren Tribut…
Mit der lang erwarteten Fortsetzung seiner David-Hunter-Serie legt Bestseller-Autor Simon Beckett erneut einen Thriller der Meisterklasse vor. Das Buch erscheint als Weltpremiere zuerst in deutscher Sprache. (Klappentext Wunderlich)

Simon Beckett – Totenfang
Verlag: Wunderlich
Ersterscheinungsdatum: 14. Oktober 2016
Hardcover – 560 Seiten – 22,95 €
ISBN 978-3-8052-5001-6


Sicher ist es den Thriller-Lesern unter Euch nicht entgangen, dass im Oktober auch ein neues Buch von Sebastian Fitzek erscheinen wird. Ich muss ja gestehen, dass ich den Hype um seine Bücher nicht ganz nachvollziehen kann, denn nicht jedes Buch, das ich bislang von ihm gelesen habe, konnte mich überzeugen. Der Klappentext von Das Paket tönt allerdings sehr vielversprechend, sodass es auf meiner Wunschliste ganz weit oben gelandet ist.

sebastian-fitzek-das-paketDer neue Psychothriller von Sebastian Fitzek!
Seit die junge Psychiaterin Emma Stein in einem Hotelzimmer vergewaltigt wurde, verlässt sie das Haus nicht mehr. Sie war das dritte Opfer eines Psychopathen, den die Presse den »Friseur« nennt – weil er den misshandelten Frauen die Haare vom Kopf schert, bevor er sie ermordet.
Emma, die als Einzige mit dem Leben davonkam, fürchtet, der »Friseur« könnte sie erneut heimsuchen, um seine grauenhafte Tat zu vollenden. In ihrer Paranoia glaubt sie in jedem Mann ihren Peiniger wiederzuerkennen, dabei hat sie den Täter nie zu Gesicht bekommen. Nur in ihrem kleinen Haus am Rande des Berliner Grunewalds fühlt sie sich noch sicher – bis der Postbote sie eines Tages bittet, ein Paket für ihren Nachbarn anzunehmen.
Einen Mann, dessen Namen sie nicht kennt und den sie noch nie gesehen hat, obwohl sie schon seit Jahren in ihrer Straße lebt … (Klappentext Droemer)

Sebastian Fitzek – Das Paket
Verlag: Droemer
Ersterscheinungstermin: 26. Oktober 2016
Hardcover – 368 Seiten – 19,99 €
ISBN 978-3-426-19920-6


Maedchentod von Julia HeaberlinKurz vor ihrem 17. Geburtstag wurde Tessa Cartwright halb begraben auf einem Feld in Texas gefunden – inmitten menschlicher Gebeine, kaum am Leben und ohne Erinnerung an ihre Entführung. Als einzige Überlebende eines Serienkillers gelangte sie zu zweifelhaftem Ruhm. Ihr Peiniger wurde schließlich gefasst. Knapp zwei Jahrzehnte sind seitdem vergangen – doch plötzlich erhält Tessa verstörende Nachrichten. Nachrichten, die nur vom Täter kommen können. Sitzt ein Unschuldiger in Haft? Will der Mörder sein Werk vollenden? Tessa muss die Wahrheit finden – und schneller sein als der Killer. (Klappentext Goldmann)

 

 

Julia Heaberlin – Mädchentod
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungstermin: 17. Oktober 2016
Klappenbroschur – 448 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-442-48398-3


Das Kind im Wald von Sarah GravesDie Versetzung in eine Kleinstadt ist für die Bostoner Mordkommissarin Lizzie Snow keine Beförderung. Doch sie hat private Gründe, den Job im einsamen Norden anzunehmen: Ihre Nichte, die vor Jahren spurlos verschwand, soll dort gesehen worden sein. Während der eisige Winter hereinbricht und Maine im Schnee versinkt, macht Lizzie sich auf die Suche – nicht ahnend, dass in den dunklen Wäldern Ungeheuerliches auf sie wartet. (Klappentext Diana Verlag)

Sarah Graves – Das Kind im Wald
Verlag: Diana
Ersterscheinungstermin: 11. Oktober 2016
Taschenbuch – 400 Seiten – 9,99 €
ISBN: 978-3-453-35872-0

Buchrezension: Melanie Raabe – Die Wahrheit

DIE WAHRHEIT von Melanie RaabeInhalt:

Der erfolgreiche und wohlhabende Geschäftsmann Philipp Petersen ist vor sieben Jahren während einer Geschäftsreise nach Kolumbien spurlos verschwunden. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ihn seine Ehefrau Sarah nicht schmerzlich vermisst hätte. Sie hat nie die Hoffnung aufgegeben, dass ihr geliebter Ehemann vielleicht doch noch am Leben ist und weigerte sich bisher beharrlich, ihn für tot erklären zu lassen. Den gemeinsamen Sohn Leo, der noch kein Jahr alt war, als sein Vater verschwand, zieht sie alleine groß und arbeitet als Lehrerin.
Gerade als sie beschließt, die Vergangenheit loszulassen und endlich wieder nach vorne zu schauen, erhält sie einen Anruf vom Auswärtigen Amt. Sieben Jahre hatte sie auf eine Nachricht gewartet, gehofft und gebangt, sich auf das Schlimmste vorbereitet, und nun teilt man ihr am Telefon mit, dass Philipp tatsächlich noch am Leben ist und in wenigen Tagen am Flughafen erwartet wird. Bei den Medien stößt die Rückkehr des bekannten Geschäftsmannes auf reges Interesse. Als Sarah am Flughafen auf die Ankunft ihres Mannes wartet, sind alle Kameras auf sie gerichtet. Doch der Mann, der aus dem Flugzeug aussteigt, ist nicht Philipp. Er macht ihr aber unmissverständlich klar, dass sie alles verlieren wird, wenn sie der Polizei mitteilt, dass er nicht ihr verschollener Ehemann sei – ihr Kind, ihren Job, ihr Haus und ihr ganzes scheinbar schöne Leben.
Aber wer ist der Fremde, der nun in ihrem Haus wohnt und sich für ihren Mann ausgibt? Und vor allem – was will er?

Meine persönliche Meinung:

Ich habe erst vor ein paar Monaten Melanie Raabes Roman Die Falle (hier meine Rezension zu Die Falle) gelesen und war restlos begeistert. Es war zweifellos eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, weshalb ich dem Erscheinungstermin von Die Wahrheit, dem zweiten Thriller der Erfolgsautorin, nun schon seit einigen Wochen sehnsüchtig entgegenfiebere. Wenn eine Autorin bereits ein so brillantes Buch vorgelegt hat, ist die Erwartungshaltung der Leserschaft natürlich entsprechend hoch und unweigerlich vergleicht man die beiden Bücher. Hätte ich Die Falle nicht gelesen und die Messlatte nicht derart hoch angesetzt, wäre ich nun sicherlich begeistert von Die Wahrheit, aber verglichen mit Die Falle, ist ihr zweites Buch leider ein wenig schwächer.
Zweifellos ist Die Wahrheit ein wirklich guter Thriller, der sprachlich und stilistisch wieder weit aus der Masse anderer Bücher dieses Genres herausragt und diesbezüglich sogar fast noch ausgereifter scheint als sein Vorgänger. Melanie Raabes Schreibstil ist innovativ, ihre Sprache eindringlich, metaphernreich, geradezu poetisch und entwickelt einen ungeheuren Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Außerdem stellt die Autorin auch in Die Wahrheit wieder ihr sensibles Einfühlungsvermögen in ihre Figuren unter Beweis. Sie nimmt sich sehr viel Zeit, ihre Hauptprotagonistin einzuführen und den Leser tief in Sarahs Gedanken- und Gefühlwelt eintauchen zu lassen. So lernt man Sarah zunächst als eine Frau kennen, die nach dem rätselhaften Verschwinden ihres Mannes jahrelang zwischen Hoffen und Bangen schwankte, immer wieder an die glücklichen Tage ihrer Ehe zurückdenkt und sich fragt, ob ihr Mann doch noch am Leben ist. Doch nun ist sie an einem Punkt angelangt, an dem sie endlich wieder nach vorne blicken will und sich von der Vergangenheit zu befreien versucht. Ich konnte mich sehr gut in Sarah einfühlen, denn Melanie Raabe versteht es, Emotionen sehr anschaulich, authentisch und nachfühlbar zu schildern. Auch wenn in den ersten Kapiteln nicht viel passiert, war ich sofort von der Geschichte und dem Schicksal der Hauptprotagonistin gefangen.
Als Sarah mitgeteilt wird, dass ihr Mann noch am Leben ist, sie ihn vom Flughafen abholen will und zu ihrem Entsetzen feststellt, dass der Mann, der vorgibt, ihr verschollener Ehemann zu sein, gar nicht Philipp ist, nimmt die Erzählung rasant an Fahrt auf, denn nun beginnt ein verwirrendes und auch sehr beklemmendes Katz- und Mausspiel. Von nun an werden die Kapitel abwechselnd aus der Sicht von Sarah und dem Fremden erzählt. Da die Gedanken beider Protagonisten aus der Ich-Perspektive geschildert werden, man also beiden Charakteren gleichermaßen nahekommt, fiel es mir von Kapitel zu Kapitel schwerer, mich weiterhin mit Sarah zu identifizieren, denn je tiefer ich nun auch in die Sichtweise des Fremden vordrang, umso verwirrter war ich. Auch wenn die Kapitel, die aus der Perspektive des Fremden geschildert werden, voller kryptischer Anspielungen sind und keine Auskünfte über seine Identität oder seine Motive geben, wurde mir Sarah im weiteren Verlauf der Erzählung zunehmend suspekter, zumal ihr Handeln zuweilen recht wenig Sinn machte. Einerseits waren die Ängste, die sie durchlitt und die latente Gefahr, in der sie schwebt, seit der Fremde in ihrem Haus wohnt, deutlich spürbar und auch nachvollziehbar, aber andererseits hatte ich auch häufig den Eindruck, dass sie allmählich hysterisch wird, nicht das Unschuldslamm ist, das sie vorgibt zu sein, und nicht sie, sondern vielmehr der Fremde in Gefahr schwebt. Durch den ständigen Wechsel der Perspektive und geheimnisvolle Andeutungen wird die Spannung stets aufrechterhalten und der Leser immer tiefer in dieses Verwirrspiel hineingezogen, in dem er irgendwann nicht mehr weiß, wem er noch trauen kann. Durch die unzuverlässige Erzählweise werden die Geschehnisse, aber auch die Protagonisten immer wieder in ein anderes Licht gerückt, wodurch die Spannung kontinuierlich gesteigert wird. Man weiß eben nicht, wer der Fremde ist, was er im Schilde führt, aber man ahnt irgendwann auch, dass Sarah ein düsteres Geheimnis hütet und keineswegs nur Opfer ist.
Somit wird eine subtile psychologische Spannung aufgebaut, die sich über das ganze Buch hinweg hält, obwohl im Grunde eigentlich recht wenig passiert. Wer einen blutigen, brutalen oder temporeichen Thriller erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein, denn Melanie Raabe verzichtet auf brutale, actionreiche Szenen und blutige Details, sondern setzt vielmehr auf die pointierte Betrachtung menschlicher Abgründe und atmosphärische Dichte.
Bereits in Die Falle inszenierte die Autorin ein beklemmendes Verwirrspiel, das mit einem fulminanten Plot-Twist endete, aber gerade dies wollte Melanie Raabe in Die Wahrheit nun leider nicht gelingen. Ich kann das Ende hier natürlich nicht verraten, es ist durchaus schlüssig und überraschend, aber es ist vor allem deshalb so überraschend, weil es vollkommen banal ist. Ich mag es ja, wenn ich in einem Thriller immer wieder auf die falsche Fährte gelockt werde, aber ich habe mich am Ende dieses Buches regelrecht veräppelt gefühlt. Warum muss eine Geschichte, die so viel Potenzial hat und über mehr als 400 Seiten spannend und grandios erzählt wurde, am Ende so verpuffen?
Und so bleibt von einem wirklich packenden und großartig erzählten Thriller um Schuld und Verdrängung leider ein etwas fader Nachgeschmack.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den btb Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Melanie Raabe: Die Wahrheit
Verlag: btb
Ersterscheinungsdatum: 29. August 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-75492-2

Cover: btb Verlag

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Buchrezension: Adrian J Walker – Am Ende aller Zeiten

Adrian J Walker - Am Ende aller ZeitenInhalt:

Edgar Hill ist Mitte dreißig, verheiratet, Vater zweier Kinder, Angestellter, lebt in Edinburgh und hat sein eintöniges Leben gründlich satt. Er liebt seine Kinder zwar, aber sie sind ihm einfach zu anstrengend, sodass er seine spärliche Freizeit lieber vor dem Fernseher oder in einem Pub verbringt, statt sich um seine Familie zu kümmern. Die Erziehung seiner Kinder und den Haushalt überlässt er lieber seiner Frau Beth. Die Tatsache, dass er übergewichtig, träge und unbeweglich ist und viel zu viel trinkt, versucht er einfach zu ignorieren. Diese eingefahrenen Strukturen öden ihn zwar an, aber er ist in ihnen gefangen und hat sich inzwischen damit arrangiert, dass das Leben ihm nicht allzu viel zu bieten hat.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich das alles satt. Es ödete mich an, dieses ganze Gezeter, der Mordskrach einer Welt, die von Tag zu Tag immer weniger Sinn ergab, und dieses Leben, das mich im Schwitzkasten hatte. Wenn ich ehrlich bin, war der Untergang – für mich zumindest – eine Erleichterung.

Zunächst ahnt er jedoch nicht, dass der Untergang tatsächlich naht. Als im Fernsehen vor bevorstehenden Asteroideneinschlägen gewarnt und der Notstand ausgerufen wird, ist Ed viel zu betrunken, um diese Nachricht richtig wahrzunehmen, seine Familie rechtzeitig zu warnen und die nötigen Vorkehrungen zu treffen. In letzter Sekunde kann er sich mit seiner Frau und seinen Kindern in den Keller seines Hauses flüchten, bevor Edinburgh von den ersten Asteroiden getroffen wird. Allerdings gehen die wenigen Nahrungsmittel, die Ed in der Eile noch zusammenpacken konnte, schnell zur Neige und auch das Wasser wird allmählich knapp.
Zwei Wochen verharren sie in ihrem Keller, und nachdem auch die letzten Vorräte fast aufgebraucht sind, wird die Familie glücklicherweise vom Militär gerettet und in einer Kaserne untergebracht, wo sich noch andere Überlebende eingefunden haben.
Erst jetzt wird Ed das Ausmaß der Zerstörung allmählich bewusst. Die Britischen Inseln wurden von den Asteroideneinschlägen fast vollständig zerstört, die Städte liegen in Schutt und Asche und nur wenige haben die Katastrophe überlebt. Auch von Edinburgh ist nur ein mit Leichen übersätes Trümmerfeld geblieben. Als Ed die Kaserne eines Tages verlässt, um in den Trümmern der Stadt nach Nahrungsmitteln zu suchen und von seinem Beutezug zurückkehrt, ist seine Familie verschwunden. Sie wurde in seiner Abwesenheit von einem Hubschrauber abgeholt und nach Cornwall gebracht, denn von dort soll in wenigen Wochen ganz Großbritannien mit Schiffen evakuiert werden. Ed weiß, dass der Hubschrauber nicht zurückkehren wird, um auch ihn zu retten. Wenn er seine Familie jemals wiedersehen will, muss er rechtzeitig nach Cornwall gelangen. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Überlebenden macht er sich zu Fuß auf den Weg von Edinburgh nach Falmouth. Mehr als 500 Meilen durch ein zerstörtes Land liegen vor ihm und seinen Begleitern, und nicht jeder, der ihnen unterwegs begegnet, ist ihnen wohlgesonnen, denn die Katastrophe und der Kampf ums Überleben hat die Menschen verändert. Wird Ed es schaffen, rechtzeitig nach Cornwall zu seiner Familie zu gelangen?

Meine persönliche Meinung:

Mit Am Ende aller Zeiten von Adrian J Walker startete Fischer TOR, das neue Science-Fiction- und Fantasy-Imprint der S. Fischer Verlage, nun kürzlich sein Programm. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich dieses Buch im Rahmen einer Leserunde bei LovelyBooks gewonnen habe und lesen durfte. Momentan habe richtig Lust auf gute Dystopien und war deshalb sehr neugierig auf Am Ende aller Zeiten. Es fällt mir nun allerdings nicht leicht, diesen Roman zu rezensieren, weil er mich mit etwas gemischten Gefühlen zurückließ.
Adrian J Walker hat im Grunde ein für das Genre typisches endzeitliches Szenario entworfen und dystopische Elemente einfließen lassen, die man auch von anderen Büchern dieses Genres kennt. Die Welt, wie man sie bisher kannte, existiert nicht mehr, wurde durch eine Naturkatastrophe vollkommen zerstört, und nun müssen sich die wenigen Menschen, die die Apokalypse überlebt haben, in dieser Welt zurechtfinden.
Der Leser lernt den Hauptprotagonisten Ed vor der Katastrophe kennen, erlebt an seiner Seite das Asteroideninferno mit und begleitet ihn dann auf seinem Weg durch diese zerstörte Welt. Im Zentrum des Romans steht vor allem die Entwicklung dieses Protagonisten, denn die Katastrophe verändert die Menschen, die sie überlebt haben. Allerdings nicht unbedingt zum Guten, denn Ed muss feststellen, dass sich die Menschen bereits verändern, als sich die Katastrophe ankündigt und ist auch von seinen eigenen Verhalten irritiert.

Wollt ihr wissen, wie lange das soziale Gefüge einer Gesellschaft hält? Ich kann es euch sagen. So lange, wie es dauert, eine Tür einzutreten […] Ist es unser erster Impuls, anderen aufzuhelfen oder über sie hinwegzutrampeln? Das Tier in dir, von dem du glaubst, du hättest es fest an den Pfosten gebunden und es mit Kultur, mit Liebe, Gebeten und Meditation bezähmt – das leckt sich schon die Lefzen. Der Knoten ist lose, der Pfosten morsch.

Dem Autor ist es sehr gut gelungen, die Situation während der herannahenden Gefahr sehr eindrücklich zu schildern, sodass man sich als Leser unwillkürlich fragt, wie man sich selbst verhalten würde, wenn man wüsste, dass sich eine Naturkatastrophe dieses Ausmaßes anbahnt. Würde man anderen helfen und dafür sein eigenes Leben riskieren? Oder denkt man in solchen Momenten nur an sich selbst und würde alles versuchen, nur sein eigenes Leben und das seiner Liebsten zu retten? Als die ersten Asteroiden einschlagen, muss Ed diese Entscheidung treffen, denn er ist einer der wenigen in seiner Nachbarschaft, der einen Keller hat.
Während das Inferno über Edinburgh hinwegfegt und Ed mit seiner Familie im Keller seines Hauses gefangen ist, wird ihm zum ersten Mal bewusst, dass er in jeglicher Hinsicht versagt hat und kaum in der Lage ist, seine Kinder zu beschützen. Er hat weder genügend Nahrungsmittel mit in den Keller genommen noch für ausreichend Wasservorräte gesorgt. Doch erst als er nach der Evakuierung von seiner Familie getrennt wird, erkennt er, dass er seine Frau und seine Kinder wirklich liebt. Er reflektiert sein bisheriges Leben und erkennt, dass er ein miserabler Vater und Ehemann war.
Schon nach den ersten Kapiteln ahnt man also, worauf das Buch eigentlich hinausläuft – auf die Läuterung des Helden, der sich erst angesichts der Katastrophe bewusst wird, dass sein bisheriges Leben, das ihn entsetzlich anödete, eigentlich gar nicht so schlecht war und erst merkt, wie sehr er seine Familie liebt, als er befürchten muss, sie für immer verloren zu haben.
Zwischen ihm und seiner Familie liegen nun mehr als 500 Meilen, alle Straßen sind weitgehend zerstört und ein intaktes Fahrzeug zu finden, ist ohnehin nahezu unmöglich. Problematisch ist allerdings, dass Ed vor der Katastrophe nicht nur ein schlechter Familienvater, sondern ein übergewichtiger, phlegmatischer und vollkommen unsportlicher Couch-Potato war und nun zu Fuß diese Strecke von mehr als 800 Kilometern bewältigen muss. Wenn er seine Familie jemals wiedersehen will, muss es ihm gelingen, in knapp drei Wochen Cornwall zu erreichen, denn sonst sind die Schiffe, mit denen ganz Großbritannien evakuiert werden soll, weg und seine Familie für immer verschwunden. Und so macht er sich mit einer kleinen Gruppe von Überlebenden auf den Weg. Schon nach kurzer Zeit stößt sein untrainierter Körper natürlich an seine Grenzen, aber sein Wille und die Liebe zu seiner Familie lässt ihn dennoch Tag für Tag durchhalten.
Auf dem Weg nach Cornwall trifft die Gruppe immer wieder auf andere Überlebende, aber die Menschen haben sich verändert, sich auf unterschiedliche Weise mit dem Leben in einem zerstörten Land arrangiert oder sich in recht bizarren Gruppen zusammengefunden. Da eine staatliche und gesellschaftliche Ordnung vollkommen fehlt, herrscht im Grunde völliges Chaos, Anarchie und das Recht des Stärkeren. Während manche Überlebende einfach nur ihren Verstand verloren zu haben scheinen, haben die meisten inzwischen jegliche Form von Zivilisiertheit und Moral abgelegt und machen es Ed und seinen Begleitern schwer, ihren Weg fortzusetzen. Nur selten können sie auf Hilfe hoffen und geraten häufig in gefährliche Situationen. Ich war immer wieder gespannt, wessen Weg die kleine Gruppe noch kreuzen wird, denn diese Begegnungen mit anderen Überlebenden waren überaus verstörend. Für mich waren dies die spannendsten Passagen des Romans, denn der Autor zeigt hier sehr gute Ansätze, vergaloppiert sich aber immer wieder und spinnt die Fäden, die er aufgenommen hat, leider nie zu Ende.
Stattdessen gibt es zwischen diesen Begegnungen endlos lange Textpassagen, in denen nur das Laufen im Mittelpunkt steht. Man merkt deutlich, dass Adrian J Walker eine besondere Affinität zum Laufsport hat, denn der zuvor vollkommen untrainierte Ed entwickelt sich im Laufe des Romans zu einer wahren Sportskanone und findet so großen Gefallen am Laufen, dass er sogar fast schon traurig ist, als die Gruppe kurzfristig ein paar Meilen mit einem Fahrzeug zurücklegen kann. Laufen ist für Ed nicht einfach nur die einzige Möglichkeit, so schnell wie möglich zu seiner Familie zu gelangen, sondern wird für ihn zu einer Form der Meditation. Und so ist das Buch in weiten Teilen eine Hommage an den Laufsport und trägt im Englischen deshalb auch den durchaus passenderen Titel The End of the World Running Club. Inwiefern es realistisch ist, dass ein übergewichtiger Mann, der noch nie im Leben Sport getrieben hat, innerhalb von wenigen Tagen solche sportlichen Höchstleistungen vollbringen kann, sei mal dahingestellt. In Notsituationen und aus Liebe kann man sicherlich ungeahnte Kräfte mobilisieren, inwiefern dies jedoch auch unter Nahrungsmittelentzug und ohne die nötige Zufuhr von Flüssigkeit möglich ist, wage ich zu bezweifeln. Mag sein, dass Laufen für viele Menschen ein durchaus spirituelles Erlebnis sein kann, aber angesichts dieses endzeitlichen Szenarios wirkt Eds plötzliche Begeisterung für den Laufsport leider vollkommen deplatziert. Mir gingen diese endlosen Passagen, in denen Ed einfach nur läuft, übers Laufen reflektiert und es quasi zur Religion erhebt, furchtbar auf die Nerven, denn sie sind leider auch ziemlich langweilig und lassen den Spannungsbogen immer wieder abreißen.
Adrian J Walker hat Ed sehr präzise und fein gezeichnet und legt sein Augenmerk vollkommen auf die Entwicklung seines Hauptprotagonisten, der nicht nur erkennt, dass er ein lausiger Vater und Ehemann war und seine Familie, die ihn vor der Katastrophe nur genervt hat, eigentlich unendlich liebt, sondern im Verlauf der Geschichte auch vom Phlegmatiker zum begeisterten Marathonläufer wird. Während ich Ersteres noch durchaus nachvollziehbar fand, hat mir Letzteres den Spaß am Lesen doch ein bisschen genommen. Die Katastrophe macht Ed in jeglicher Hinsicht zu einem besseren Menschen, lässt ihn über sich hinauswachsen, verleiht seiner vormals sinnentleerten Existenz endlich einen Sinn und ist somit ja fast schon ein Segen, was ich schon ein wenig befremdlich fand. Auch wenn mir Ed vor dem Inferno nicht gerade sympathisch war, war er zumindest authentisch angelegt, büßt seine Glaubwürdigkeit jedoch im weiteren Verlauf der Handlung immer mehr ein.
Alle anderen Protagonisten können der Katastrophe jedenfalls nicht so viel Positives abgewinnen und außer Ed scheint auch keiner von ihnen geläutert zu sein. Leider hat der Autor den Menschen, die Ed auf seinem Weg durch Großbritannien begleiten, nur wenig Kontur verliehen. Lediglich Bryce, ein etwas ungehobelter Biker, der jedoch sein Herz am rechten Fleck hat, vermochte es, mir ans Herz zu wachsen, während alle anderen recht blass und fremd blieben.
Walkers Erzählstil hat mir jedoch sehr gut gefallen, denn er ist sehr eindringlich und lässt sich flüssig lesen. Bis zur Mitte war der Roman auch überaus spannend und hat mich wirklich gefesselt. Die Beschreibung der zerstörten Landschaft und die Begegnungen mit anderen Überlebenden waren sehr eindrücklich, verstörend und gelungen. Einige wirklich hervorragenden Ansätze konnten mich ebenfalls überzeugen, wären sie nicht ebenso im Sande verlaufen, wie die spannende Handlung dieser Dystopie, die gegen Ende manchmal geradezu ins Absurde abrutscht. Das Ende hat mich dennoch ein wenig versöhnlich gestimmt, hatte durchaus Tiefe und überraschte mit einer unvorhersehbaren Wendung, aber leider hat mich zu vieles an diesem Roman gestört, um Am Ende aller Zeiten uneingeschränkt weiterempfehlen zu können.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an LovelyBooks und die S. Fischer Verlage für das Rezensionsexemplar!

Buchdetails:

Adrian J Walker: Am Ende aller Zeiten
Verlag: Fischer TOR
Ersterscheinungsdatum: 25. August 2016
432 Seiten
ISBN 978-3-596-03704-9

Cover: S. Fischer Verlage

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Buchrezension: Astrid Plötner – Todesgruß

Astrid Plötner - TodesgrußInhalt:

Maike Graf, Hauptkommissarin bei der Kriminalpolizei Unna, erhält eines Tages einen mysteriösen Anruf von einem Mann, der anonym bleiben möchte und ihr erzählt, er habe in einem Café zufällig ein Gespräch belauscht, in dem der Mord an einer Frau geplant wurde und der Name Schönfeld gefallen sei. In Unna gibt es zwar eine Zahnärztin namens Heinemann-Schönfeld, aber Maike ist dennoch skeptisch, ob sie dem anonymen Anrufer Glauben schenken kann, denn wer würde in einem gut besuchten Café die Ermordung eines Menschen planen? Trotzdem schickt sie eine Streife in die Zahnarztpraxis von Judith Heinemann-Schönfeld; doch auch die Zahnärztin nimmt die Warnung nicht allzu ernst.
Am nächsten Morgen wird im Stadtpark von Unna die Leiche von Dr. Judith Heinemann-Schönfeld gefunden. Die Tote war vor dem Kriegerdenkmal regelrecht in Szene gesetzt worden. Die Zahnärztin wurde offensichtlich erdrosselt, hat kleine Schnitte an der Innenseite der Handgelenke und trägt ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Ein letzter Gruß, G.“ um ihren Hals.
Die Kriminalhauptstelle Dortmund bildet sofort eine Mordkommission, die gemeinsam mit Maike Graf und ihren Kollegen in Unna die Ermittlungen aufnimmt. Der Ehemann der Toten und ein dubioser Immobilienmakler, der den Verkauf der Villa der Schönfelds plante, verhalten sich äußerst verdächtig, und auch Judiths beste Freundin hätte durchaus ein Motiv gehabt, die Zahnärztin zu ermorden. Doch obwohl es zahlreiche Verdächtige gibt und die Tote offenbar nicht nur Freunde hatte, fehlt es an Beweisen, sodass die Ermittler vollkommen im Dunkeln tappen.
Doch dann wird vor dem Amtsgericht in Unna wieder eine Leiche gefunden. Auch sie trägt ein Lebkuchenherz mit dem Schriftzug „Ein letzter Gruß, G.“ um den Hals. Offenbar treibt ein grausamer Serientäter sein Unwesen in dem beschaulichen westfälischen Städtchen Unna. Aber welche Verbindung bestand zwischen den Opfern? Gelingt es den Ermittlern, den „Kirmesmörder“ zu stoppen, bevor dieser erneut zuschlägt?

Meine persönliche Meinung:

Bei Todesgruß handelt es sich um den ersten Kriminalroman von Astrid Plötner im Gmeiner-Verlag und um den Auftakt einer neuen Krimireihe um Kommissarin Maike Graf und ihren Kollegen Max Teubner von der Kriminalpolizei Unna. Ich habe mich sehr gefreut, als mich die Autorin anschrieb und anfragte, ob ich ihren Kriminalroman Todesgruß lesen und rezensieren möchte, denn der Klappentext klang äußerst spannend. Dennoch war ich ein wenig skeptisch, da in manchen Rezensionen von einem „Regionalkrimi“ die Rede ist und der Gmeiner-Verlag für dieses Subgenre des deutschen Kriminalromans auch bekannt ist. Erstaunlicherweise erfreuen sich Regionalkrimis ja großer Beliebtheit, aber für mich gibt es kaum etwas Langweiligeres als Kriminalromane, bei denen man den Eindruck gewinnt, man läse eigentlich einen Reiseführer. Selbst wenn ich die Region kenne, in der der Schauplatz angesiedelt ist, reagiere ich auf Regionalkrimis ein wenig allergisch, weil die örtlichen Eigenheiten häufig viel zu sehr ins Zentrum gerückt werden und die eigentliche Krimihandlung dabei fast in Vergessenheit gerät. Gut recherchierte und authentische Schauplätze sind durchaus wichtig und machen auch Sinn, wenn sie für die erzählte Geschichte notwendig sind oder das Setting eine bestimmte Stimmung erzeugen soll, aber häufig zielt der Lokalkolorit nur darauf ab, dass der Leser – sei er nun Einheimischer oder Tourist – die ihm bekannten Örtlichkeiten wiedererkennt und sich Klischees über die schrulligen Eigenheiten der Bewohner einer bestimmten Region in den Köpfen festfressen. Mir gehen Krimis, in denen die eigentliche Handlung vor den örtlichen Gegebenheiten vollkommen in den Hintergrund rückt allerdings ziemlich auf die Nerven, weshalb ich um Bücher, die als Bodensee-, Eifel- oder Alpenkrimi beworben werden, einen großen Bogen mache. Sie sind schon ermüdend, falls man sich in der Region auskennt, aber wenn man noch nie an diesen Orten war, sind solche Krimis geradezu unlesbar. Da ich noch nie in Unna war, war ich also doch ein bisschen skeptisch. Glücklicherweise waren meine Bedenken bei Astrid Plötners Kriminalroman Todesgruß völlig unberechtigt. Auch wenn Einheimische und Kenner der Stadt Unna die Schauplätze, von denen im Buch die Rede ist, sicherlich wiedererkennen, muss man kein Insider sein, um sich die Örtlichkeiten vorzustellen. Diese liefern auch lediglich die Kulisse für die Romanhandlung. Die Geschichte würde auch in jeder anderen Kleinstadt funktionieren, denn im Zentrum des Romans stehen nicht die regionalen Gegebenheiten oder Eigentümlichkeiten der Stadtbewohner, sondern ein überaus spannender Kriminalfall, der sich überall zugetragen haben könnte.
Schon allein die Idee des Mörders, bei den Leichen einen letzten Gruß in Form eines Lebkuchenherzes zu hinterlassen, ist ja recht skurril und hat mir sehr gut gefallen. Warum tut ein Mörder so etwas? Wohl kaum, um seinen Opfern eine letzte Ehre zu erweisen. Die Lebkuchenherzen tragen die Aufschrift „Ein letzter Gruß, G.“, und so stellt sich natürlich die Frage, ob der Vor- oder Nachname des Täters wirklich mit G beginnt oder ob der Mörder die Ermittler damit auf eine falsche Spur lenken will? Vermutlich wird sich das jeder Leser fragen, weshalb Astrid Plötner eine ganze Reihe ihrer Romanfiguren mit Namen ausgestattet hat, die mit G beginnen – Guido, Gero, Grabowski, Gröning, Gieske… Sobald ein Protagonist mit dem verräterischen Buchstaben im Namen auftauchte, habe ich überlegt, ob er vielleicht für die Morde verantwortlich sein könnte.
Da es in diesem Kriminalroman von unsympathischen Protagonisten, denen man eine solche Tat durchaus zutrauen würde, ohnehin nur so wimmelt, hatte ich im Verlauf der Handlung aber nahezu jeden einmal im Verdacht, hinter den Morden zu stecken, denn auch Charaktere ohne ein verräterisches G im Namen, verhalten sich häufig verdächtig oder hätten ein plausibles Motiv. Somit wurde ich immer wieder auf die falsche Fährte gelockt, rätselte natürlich immer mit und war sehr gefesselt von diesem Buch, da ich ja wissen wollte, ob ich mit einer meiner Theorien vielleicht richtig liege.
Die Autorin hat alle Figuren ihres Romans, auch die Nebenfiguren, sehr präzise, authentisch und glaubwürdig ausgearbeitet. Der Leser begleitet nicht nur Maike Graf und ihre Kollegen bei den Ermittlungen, sondern wird in einem weiteren Handlungsstrang auch mit einem der Hauptverdächtigen, dem äußerst dubiosen Immobilienmakler Gero Krüger konfrontiert. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesen Mann mochte, aber er ist zweifellos der interessanteste Charakter dieses Romans. Er ist dem Alkohol sehr zugetan und hoch verschuldet, würde über Leichen gehen, um an Geld zu kommen und greift auch zu ungesetzlichen Methoden und verabscheuungswürdigen Druckmitteln, um seine Immobiliengeschäfte voranzutreiben. Besonders erfolgreich ist er dabei allerdings nicht und im Grunde ein bedauernswerter Versager. Wäre er nicht so skrupellos, könnte man fast ein wenig Mitleid mit dieser in jeder Hinsicht gescheiterten Existenz haben.
Die männlichen Kollegen von Hauptkommissarin Maike Graf, Max Teubner und Sören Reinders, waren mir sehr sympathisch. Ein kleiner Nebenstrang, in dem Kommissar Max Teubner von einem Jugendlichen verfolgt wird, war leider nicht besonders spannend, da mir sehr schnell klar war, warum es der junge Mann auf Teubner abgesehen hat, und ich war doch ein wenig erstaunt, dass er selbst so lange nicht dahinterkam. Nur mit Maike Graf wollte ich nicht so recht warm werden. Es ist zwar ganz erfrischend in einer Krimireihe eine Ermittlerfigur anzutreffen, die nicht latent depressiv, vollkommen verschroben oder schrullig ist, aber mir war sie fast ein wenig zu glatt und leblos. Ich fand es allerdings sehr rührend, wie sie ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellt, um sich um ihre pflegebedürftige Nachbarin zu kümmern, deren Sohn mit der Betreuung seiner Mutter vollkommen überfordert ist. Maike Graf hat im Grunde sehr positive und löbliche Charaktereigenschaften, ist selbstlos, arbeitet professionell, ist klug und besonnen, aber ein paar Ecken und Kanten, etwas mehr Temperament und Emotionalität hätten dieser Figur sicher gutgetan.
Doch auch wenn mir diese Hauptprotagonistin nicht so recht ans Herz wachsen wollte, hat mir Astrid Plötners Kriminalroman überaus gut gefallen. Überzeugt hat mich vor allem ihr Geschick, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken und einen gut durchdachten Plot zu konstruieren. Das Ende hat mich vollkommen überrascht, denn mit dieser Auflösung des Falls hätte ich niemals gerechnet. Sehr schön war, dass das Ende trotz aller Unvorhersehbarkeit, schlüssig, logisch und nicht überkonstruiert war.

Todesgruß ist ein spannender, intelligenter und wendungsreicher Kriminalroman, der zum Miträtseln einlädt und mich aufgrund seiner glaubwürdigen Figuren und eines raffinierten Plots überzeugen konnte. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf den nächsten Fall für Kommissarin Maike Graf und ihren Kollegen Max Teubner.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Ich danke Astrid Plötner herzlich für das Rezensionsexemplar sowie den freundlichen Email-Kontakt und freue mich, dass ich ihren Kriminalroman Todesgruß lesen durfte!

Buchdetails:

Astrid Plötner: Todesgruß
Verlag: Gmeiner
Ersterscheinungsdatum: 06. Juli 2016
407 Seiten
ISBN 978-3-8392-1949-2

Cover: Gmeiner Verlag

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Frisch eingetroffen

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In den letzten Tagen sind diese drei Thriller-Schätzchen bei mir eingezogen. Ich bin zwar ein Parallel-Leser, aber ich weiß trotzdem nicht, mit welchem Buch in nun zuerst anfangen soll. Schon lange fiebere ich dem zweiten Thriller von Melanie Raabe Die Wahrheit entgegen, aber gleichzeitig würde ich auch zu gerne ins isländische Hochland reisen, das für vier Freunde aus der Großstadt zu einem Ort des Grauens wird. Oder soll ich vielleicht doch lieber Im dunklen, dunklen Wald einen Junggesellinnenabschied mitfeiern, der sich zu einem mörderischen Alptraum entwickelt? Keine Sorge, ich habe durchaus auch andere Probleme, aber ich freue mich so auf diese drei Bücher.;-)

Herzlichen Dank an die Verlagsgruppe Random House und die dtv Verlagsgesellschaft für die Zusendung der Rezensionsexemplare!

Buchrezension: Tim Erzberg – Hell-Go-Land

tim-erzberg-hell-go-landInhalt:

Eigentlich wollte die Polizistin Anna Krüger nie mehr in ihre Heimat Helgoland zurückkehren. Sie ist auf der Nordseeinsel aufgewachsen, aber nachdem ihre Jugend von einem schrecklichen Ereignis überschattet wurde, hat sie Helgoland den Rücken gekehrt, alle Kontakte abgebrochen, sich in Hamburg ein neues Leben aufgebaut und wollte ihre traumatischen Erinnerungen für immer hinter sich lassen. Doch dann wird ihr die stellvertretende Leitung der Polizeidienststelle Helgoland angeboten – ein verlockendes Angebot, das eine so junge Polizistin mit wenig Berufserfahrung kaum ablehnen kann. Sie beschließt, die Stelle anzunehmen, sich den Dämonen ihrer Vergangenheit zu stellen und kehrt trotz aller Bedenken nach Helgoland zurück.
Bereits an ihrem ersten Arbeitstag erhält Anna ein rätselhaftes Päckchen mit makabrem Inhalt – ein menschlicher Daumen. Doch dabei lässt es der anonyme Absender nicht bewenden, denn schon kurz darauf erreichen sie mysteriöse Nachrichten und ein weiteres Paket mit einer blutigen Botschaft. Der Inhalt der Päckchen legt die Vermutung nahe, dass sich auf der Insel ein Mensch in akuter Lebensgefahr befindet oder vielleicht schon nicht mehr am Leben ist. Die Ermittlungsarbeit gestaltet sich allerdings sehr schwierig, denn die Insel ist aufgrund eines Sturms vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten, sodass Anna und ihre Kollegen nicht mit der Unterstützung vom Festland rechnen können. Da es auf dem kleinen, beschaulichen Eiland nur selten zu Gewaltdelikten kommt, verfügt der Polizeiposten auf Helgoland auch nicht über die notwendige kriminaltechnische Ausrüstung, um die Untersuchungen der Beweismittel durchzuführen.
Wer schickt Anna all diese blutigen Botschaften? Haben sie etwas mit den Geschehnissen in ihrer Vergangenheit zu tun? Es scheint, als ob sich jemand mit Anna ein grausames Spiel erlaubt und dafür sorgen will, dass ihre alten Wunden wieder aufreißen und sie ihren Erinnerungen niemals entfliehen kann.
Der Wettlauf mit der Zeit hat begonnen, denn wenn Anna und ihr Team den Täter nicht finden, wird bald ein Mensch sterben.

Meine persönliche Meinung:

Bei Tim Erzberg handelt es sich um das Pseudonym des Literaturagenten Thomas Montasser, der mit seinem Thriller Hell-Go-Land nun sein Debüt vorlegte. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, denn Thriller, die auf abgelegenen Inseln spielen, faszinieren mich ganz besonders, da es für mich kaum etwas Beklemmenderes gibt, als kleine, äußerlich begrenzte Orte, die ich nicht jederzeit verlassen kann. Allein das Setting dieses Thrillers löst bei mir also schon äußerst klaustrophobische Gefühle aus. Dabei bin ich mir sicher, dass die Insel Helgoland, die 70 Kilometer vom Festland entfernt in der Deutschen Bucht liegt und nur wenig mehr als tausend Einwohner zählt, landschaftlich wunderschön ist. Zu gerne würde ich die Strände, Felsenklippen, die Seehunde, Kegelrobben und Wasservögel einmal mit eigenen Augen sehen, aber man müsste mich schon narkotisieren, um mich auf Deutschlands einzige Hochseeinsel zu befördern, denn bereits die Anreisebedingungen, ob nun mit dem Schiff oder dem Flugzeug, treiben mir den Angstschweiß auf die Stirn und lösen in der Magengegend ein mulmiges Gefühl aus.
Die Geschichte Helgolands ist äußerst bewegt, wechselhaft und dramatisch. Der Titel des Buches Hell-Go-Land von Tim Erzberg geht im Übrigen auf die Engländer zurück, die die Insel so nannten, als sie am 18. April 1947 versuchten, Helgoland für immer von der Landkarte zu tilgen. Die Hochseeinsel war zum damaligen Zeitpunkt ohnehin schon weitgehend von Bombenangriffen zerstört worden und wurde bereits 1945 evakuiert. Zwei Jahre später sollten nun auch die militärischen Anlagen und das verbliebene unterirdische Bunkersystem gesprengt werden. Wider Erwarten hat Helgoland die bis dahin größte nichtatomare Sprengung überstanden, war aber jahrelang unbewohnbar. 1952 gaben die Engländer die Insel wieder an Deutschland zurück und Helgoland konnte wieder besiedelt werden. Die Südspitze der Insel wurde bei der Explosion allerdings zerstört, und noch heute zeugen unzählige Krater, die Mondlandschaften gleichen, von den Bombenabwürfen und der Sprengung. An jenem Tag im April 1947, der als Operation Big Bang in die Geschichte einging, bezeichneten die britischen Soldaten die Insel zynisch als Hell-Go-Land, als das Land, das zur Hölle fahren soll.
Auch die Polizistin Anna Krüger, die Hauptprotagonistin in Tim Erzbergs Thriller, verwendet diesen Begriff, denn sie gibt dem ersten Fall, in dem sie nach ihrer Rückkehr nach Helgoland ermittelt und der offensichtlich mit den traumatischen Erlebnissen in ihrer Jugend in Verbindung steht, den Namen Hell-Go-Land.
Inzwischen ist Helgoland ja ein beliebtes und sicherlich idyllisches Urlaubs- und Ausflugsziel. Nur ein kleiner, noch verbliebener Teil des unterirdischen Tunnelsystems, das auch in diesem Thriller eine Rolle spielt, erinnert an die dunklen Kapitel der Inselgeschichte. Dennoch hat sich der Autor alle Mühe gegeben, dem Schauplatz seines Buches eine möglichst unheilvolle Atmosphäre einzuhauchen. Als wäre die Enge dieser abgelegenen Hochseeinsel inmitten der Nordsee nicht schon beängstigend genug, tun die dunkle Jahreszeit und das stürmische, kalte Wetter noch ihr Übriges dazu, um eine äußerst düstere und beklemmende Stimmung zu erzeugen. Ein heftiger Orkan fegt über das Eiland, sodass keine Schiffe mehr fahren und auch der Flugverkehr eingestellt wurde. Die Polizei sieht sich zum Schutz der Bevölkerung sogar gezwungen, zeitweise eine Ausgangssperre zu verhängen, damit niemand von Sturmböen erfasst und in den Abgrund gerissen werden kann. Und während die Insel nahezu zwei Wochen vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten ist, es keine Möglichkeit zur Flucht und keine Aussicht auf Hilfe vom Festland gibt, treibt auf Helgoland ein brutaler Psychopath sein Unwesen, der einen Menschen gefangenhält, ihn grausam foltert und Anna immer wieder blutige Botschaften zukommen lässt.
Vor jedem Kapitel befinden sich kurze Ausschnitte aus den Gesprächen zwischen dem unbekannten Täter und der Person, die er gefangenhält. In diesen Passagen erhält der Leser sehr verstörende Einblicke in die ausweglose Lage des Opfers, das nicht weiß, warum es gefangengehalten und gequält wird. Und man ahnt, dass die Zeit drängt, denn wenn es Anna und ihrem Team nicht gelingt, den Täter ausfindig zu machen, wird seine Geisel diese Folterungen nicht überleben.
Schon zu Beginn des Buches liegt die Verdacht nahe, dass all diese Geschehnisse nicht nur mit Annas Rückkehr nach Helgoland, sondern auch mit den Ereignissen in ihrer Vergangenheit zusammenhängen. Allerdings weiß man zunächst nicht, was in Annas Jugend vorgefallen ist. Der Leser begleitet die Hauptprotagonistin nun bei ihren recht mühsamen Ermittlungen, die durch das Wetter, die Abgeschnittenheit von der Außenwelt und auch durch Annas quälende Migräne erschwert werden, während die Zeit unaufhaltsam verrinnt und die Chancen, das Opfer lebend zu finden, immer geringer werden.
Im Mittelpunkt eines zweiten Handlungsstrangs steht Katarina Loos, die als Putzfrau bei Dr. Strecker, dem ortsansässigen Arzt, arbeitet. Eigentlich lebt sie auf dem Festland, aber da die Fährverbindung aufgrund des stürmischen Wetters eingestellt wurde, ist sie gezwungen, auf der Insel und im Haus ihres Chefs zu bleiben. Es war ihr schon immer eigenartig vorgekommen, dass die Frau ihres Arbeitgebers vor einigen Jahren plötzlich verschwunden ist, aber als sie nun in der Wäsche eine blutverschmierte Socke findet und im Keller eine sehr verstörende Entdeckung macht, ist sie sicher, dass Dr. Strecker ein dunkles Geheimnis hütet.
Am Ende dieses Thrillers laufen beide Handlungsstränge schlüssig zusammen. Zugegebenermaßen hatte ich irgendwann eine Ahnung, was Anna in ihrer Jugend zugestoßen sein mag, obwohl die Ereignisse ihrer Vergangenheit erst am Ende enthüllt werden. Die Auflösung des Falls und die Identität des Täters haben mich dann aber doch noch sehr überrascht. Der Täter befindet sich logischerweise in einem recht überschaubaren Personenkreis auf der Insel. Der Verdacht wird auf verschiedene Protagonisten gelenkt und der Leser immer wieder auf die falsche Fährte gelockt. Der Plot ist stimmig, schlüssig und fesselnd, allerdings nicht besonders originell, aber die Spannung dieses Thrillers beruht auch weniger auf der Geschichte, sondern vielmehr auf der beklemmenden und düsteren Atmosphäre und dem nervenaufreibenden Wettlauf mit der Zeit.
Es fiel mir leider ein wenig schwer, mit Anna mitzufiebern, denn sie ist etwas unnahbar und wollte mir deshalb nicht so recht ans Herz wachsen. Als ich am Ende erfuhr, was sie in ihrer Jugend erlebt hatte und mit welchen Erinnerungen sie zu kämpfen hat, war ich erschüttert, aber häufig wirkte sie etwas kühl, handelte ziemlich unvernünftig und auch im Nachhinein nicht gerade nachvollziehbar. Katarina Loos hingegen ging mir fast schon auf die Nerven. Die Neugierde, mit der sie das Privatleben ihres Arbeitgebers durchschnüffelt und die Methoden, die sie anwendet um seine Geheimnisse aufzudecken, sind schon ein wenig fragwürdig. Alle anderen Protagonisten blieben mir seltsam fremd, was aber durchaus Sinn macht, denn dadurch gelingt es dem Autor, den Verdacht immer wieder auf eine andere Person zu lenken.
Mir hat Tim Erzbergs Debüt Hell-Go-Land wirklich sehr gut gefallen und eine schlaflose Nacht mit spannenden Lesestunden bereitet, denn ich konnte diesen temporeichen Thriller kaum aus der Hand legen. Der Schreibstil des Autors ließ sich sehr flüssig und angenehm lesen. Besonders fasziniert hat mich vor allem das beklemmende Setting und die düstere, bedrückende und wirklich klaustrophobische Stimmung, die der Autor ganz hervorragend vermittelt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Tim Erzberg: Hell-Go-Land
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 22. August 2016
400 Seiten
ISBN 978-3-959-67046-3

Cover: Verlag HarperCollins

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Mein Monatsrückblick August 2016

Gelesen:

Im Juli hatte ich ja kein besonders glückliches Händchen bei meiner Buchauswahl, konnte gleich zwei totale Leseflops verbuchen und nur mit viel Mühe überhaupt eines meiner gelesenen Bücher zum Lesehighlight des Monats küren.
Es konnte im August also nur besser werden, was es glücklicherweise auch wurde. Wenn man zu Büchern von Joy Fielding, Stephen King und Zoran Drvenkar greift, kann natürlich nicht allzu viel schiefgehen, aber ich habe im August auch zwei Debütromane sowie ein Buch einer mir bislang unbekannten Autorin gelesen, und da kann man ja nie wissen, was auf einen zukommt, auch wenn die Klappentexte vielversprechend klingen.

Ich habe im vergangenen Monat sechs Bücher gelesen – das waren 2383 Seiten, also ca. 77 Seiten pro Tag (mit einem Klick auf das Cover oder den Buchtitel gelangt Ihr zu meinen Rezensionen; die noch ausstehenden Rezensionen folgen in den nächsten Tagen)

Ausnahmslos alle Bücher, die ich im August gelesen habe, waren so unglaublich gut, dass ich kaum etwas zu meckern hatte und es mir nun recht schwerfiel, mich auf nur ein einziges Lesehighlight des Monats festzulegen.

Wendy Walker - Nichts ist je vergessenIch habe mich letztendlich für Dark Memories – Nichts ist je vergessen von Wendy Walker entschieden, denn bei diesem Buch hat für mich einfach alles gestimmt – die Spannung, die Erzählweise, die Protagonisten und vor allem die interessante Thematik. Die Autorin hat sich in ihrem Debütroman sehr intensiv mit Gedächtnisfoschung und Traumatherapien auseinandergesetzt, diese Themen in eine raffinierte und spannende Romanhandlung eingebettet und mich deshalb in jeglicher Hinsicht überzeugt.

Zoran Drvenkar - SorryWürde sich meine Bewertung vor allem nach sprachlichen und stilistischen Kriterien richten, wäre jedoch Zoran Drvenkars Sorry mein Lesehighlight des Monats geworden. Drvenkars Sprache ist einfach wunderbar – knapp, aber sehr eindringlich, manchmal geradezu poetisch und entwickelt einen ungeheueren Sog. Sein Erzählstil ist sehr außergewöhnlich, sein raffiniertes Spiel mit verschiedenen Erzählperspektiven geradezu verstörend. Thematisch verlangt Drvenkar seinen Lesern allerdings einiges ab, auch Sorry ist nichts für zartbesaitete Gemüter, aber ein sehr kunstvoller und innovativer Thriller, der unter die Haut geht.

Dass Stephen King ein grandioser Erzähler ist, ist nichts Neues, aber in Joyland zeigt er sich von seiner ruhiger und feinfühligen Seite und beweist, dass er eben nicht nur der „Meister des Grauens“ ist, sondern auch sehr tiefgründige und berührende Romane schreiben kann, die ohne gruselige Schreckensmomente auskommen.

 

tim-erzberg-hell-go-landTim Erzbergs Debüt Hell-Go-Land hat mich eine schlaflose Nacht gekostet, weil ich es einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte und unbedingt wissen musste, wie dieser spannungsgeladene Thriller endet. Dieses Buch hat mich überaus positiv überrascht. Müsste ich den Thriller mit dem klaustrophobischsten Schauplatz und der beklemmendsten Atmosphäre nennen, fiele meine Wahl wohl auf Hell-Go-Land.

 

Die Schwester von Joy FieldingJoy Fielding hat mit Die Schwester wieder einmal bewiesen, dass sie ihr Handwerk versteht, denn sie liefert eigentlich recht zuverlässig immer sehr solide Thriller ab, die sich flüssig und leicht weglesen lassen und einfach spannend sind.

 

 

Mary Kubica - Pretty BabyBei meiner Bewertung von Mary Kubicas Pretty Baby musste ich allerdings ein Sternchen abziehen, weil der Einstieg in dieses Buch doch etwas langatmig war, aber ansonsten hat es mir sehr gut gefallen und lieferte sehr verstörende Einblicke in menschliche Abgründe und Schicksale.

 

 

Alle, die in meinem Monatsrückblick nun die Rubriken Gehört und Gesehen vermissen, muss ich leider enttäuschen, denn ich habe im August selten Musik gehört und bin immer noch beleidigt und sauer, dass es mit Game of Thrones erst im kommenden Jahr und mit Downton Abbey gar nicht mehr weitergeht. Alle Versuche, in eine neue Serie einzusteigen, sind gescheitert, weil mir keine so recht gefallen wollte und mir in den Sommermonaten ohnehin selten der Sinn nach der Flimmerkiste steht. Das wird sich vermutlich wieder ändern, wenn die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, aber momentan verbringe ich meine Zeit lieber mit Lesen und Schreiben.

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Buchrezension: Stephen King – Joyland

Inhalt:

Um sein Studium zu finanzieren, beschließt der einundzwanzigjährige Devin Jones, während der Semesterferien in dem etwas heruntergekommenen Vergnügungspark Joyland an der Küste von North Carolina zu arbeiten. Als ihm seine große Liebe Wendy kurz darauf in einem Brief mitteilt, dass sie sich von ihm trennen möchte, weil sie einen anderen Mann kennengelernt hat, ist Devin am Boden zerstört. Es kommt ihm sehr gelegen, dass er in Joyland sehr hart arbeiten muss und nur wenig Zeit zum Nachdenken hat, denn sonst könnte er diese schmerzvolle Trennung kaum verkraften. Von früh bis spät verkauft er Eintrittskarten, Popcorn und Hotdogs, reinigt und repariert die Fahrgeschäfte oder schlüpft in ein schweißtreibendes Hundekostüm und zaubert als Howie the Happy Hound, das Maskottchen von Joyland, den kleinen Besuchern ein begeistertes Lächeln auf die Lippen.
Auf dem Weg zur Arbeit kommt Devin jeden Tag an einer Villa am Strand vorbei und macht dort die Bekanntschaft mit Annie und ihrem behinderten Sohn Mike. Die hübsche junge Frau verhält sich sehr abweisend, aber mit dem todkranken Mike schließt er schnell Freundschaft.
Devin fühlt sich wohl in Joyland, findet Gefallen am Schaustellergewerbe, hat neue Freunde gefunden und beschließt deshalb, sein Studium für ein Semester auf Eis zu legen und länger als ursprünglich geplant in Joyland zu bleiben.
Allerdings liegt ein dunkler Schatten auf dem Vergnügungspark, denn vier Jahre zuvor hatte sich dort ein grausamer Mord zugetragen. Der unbekannte Mörder, der bislang nicht gefasst werden konnte, hatte einer jungen Frau während der Fahrt mit der Geisterbahn die Kehle durchgeschnitten und sie dann achtlos neben das Gleis geworfen – erst Stunden später wurde ihre Leiche gefunden. Seitdem soll es in der Geisterbahn spuken, denn einige Zeugen wollen das Mädchen nach ihrem Tod dort gesehen haben – in dem Kleid, das sie am Tag ihrer Ermordung trug, und mit einem blauen Haarreif. Es scheint, als habe der Geist der toten Linda Gray keine Ruhe gefunden. Obwohl Devin eigentlich nicht an solche Geistergeschichten glaubt, interessiert er sich für den ungeklärten Mordfall und stellt eigene Nachforschungen an – nichtsahnend, dass er sich damit in große Gefahr begibt.

Meine persönliche Meinung:

Mein erstes Buch von Stephen King habe ich vor mehr als fünfundzwanzig Jahren gelesen – Friedhof der Kuscheltiere, ein großartiger Roman, der auch recht gut verfilmt wurde. Danach hatte ich eine sehr lange und äußerst intensive Phase, in der ich die Romane des Autors nacheinander verschlungen habe, auch wenn mich zugegebenermaßen nicht alle überzeugen konnten. Irgendwann habe ich King allerdings etwas aus den Augen verloren, nur noch selten zu seinen Büchern gegriffen, aber dennoch kann ich behaupten, dass er meine Lesekarriere entscheidend geprägt hat. Damals, vor fünfundzwanzig Jahren, hätte ich allerdings niemals zugegeben, dass ich Stephen Kings Bücher liebe, denn sie galten als Schundromane, standen eher hinten im Bücherregal, und dass sie millionenfach verkauft und erfolgreich verfilmt wurden, änderte nichts daran, dass der Autor ziemlich verpönt war. Inzwischen hat sich das geändert, auch das Feuilleton nimmt Stephen Kings literarisches Schaffen allmählich ernst und hat erkannt, dass dieser Autor weitaus mehr kann, als nur spannende Romane zu schreiben, die sich gut verkaufen lassen. Dass King so lange unterschätzt wurde, liegt vermutlich an dem Genre, in dem er sich überwiegend bewegt, denn Horrorromane gelten nach wie vor als trivial, obwohl sie sich überwiegend mit geradezu philosophischen und sehr tiefgründigen Themen beschäftigen, denn den Tod, die Angst, das Böse oder endzeitliche Szenarien würde ich keineswegs als trivial bezeichnen. Dass diesem Genre ein so negativer Ruf anhaftet, liegt sicher vor allem daran, dass diese Themen von einigen Horrorautoren furchtbar schlecht und platt umgesetzt werden, denn blankes Gemetzel und blutgierige Monster allein machen eben noch lange keinen guten Roman und sind einfach nur nichtssagend. Stephen King dagegen versteht es, das Grauen in all seinen Facetten perfekt zu inszenieren, Figuren zu erschaffen, die im Gedächtnis bleiben und auch literarisch durchaus zu überzeugen. Ich würde ihn jedenfalls als einen der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller bezeichnen, nicht nur, weil er einer der produktivsten und erfolgreichsten ist, sondern weil er in erster Linie ein brillanter Erzähler ist.
Doch nicht überall, wo „King“ draufsteht, ist auch Horror drin, denn dass der „Meister des Grauens“ sich auch durchaus auch auf die leisen Töne versteht und sehr gefühlvolle und tiefgründige Geschichten erzählen kann, hat er bereits in Dolores eindrucksvoll gezeigt und stellt er nun auch in Joyland wieder unter Beweis.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive des inzwischen über sechzig Jahre alten Hauptprotagonisten Devin erzählt. Rückblickend erinnert er sich an das Jahr 1973, als seine große Liebe Wendy ihm das Herz gebrochen hatte und er im Vergnügungspark Joyland arbeitet, um über den Trennungsschmerz hinwegzukommen. Stephen King hat seinen Hauptprotagonisten sehr fein und einfühlsam gezeichnet und nimmt sich Zeit, diese Figur präzise zu entwickeln. Ich mochte Devin von der ersten Seite an, nicht nur den jungen Devin, der an seinem ersten Liebeskummer fast zerbricht, sondern auch den Devin, der nun im Rentenalter einen nostalgischen Blick in die Vergangenheit wirft – mit ein bisschen Wehmut, aber auch mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen. Devin ist mir sofort ans Herz gewachsen, denn er ist ein sehr feinfühliger und gutherziger junger Mann. Seine Freundschaft mit Mike, einem todkranken Kind, das weiß, dass es nicht mehr lange zu leben hat, hat mich wirklich zu Tränen gerührt, und auch die zarte neue Liebe, die sich im Verlauf dieses Sommers bei ihm anbahnt, wird überaus sensibel, aber keineswegs kitschig dargestellt.
Anders als erwartet, handelt es sich bei Joyland nicht um einen Horrorroman, sondern in erster Linie um einen sehr emotionalen Roman vom Erwachsenwerden. Sehr einfühlsam erzählt King wie der junge Student Devin in jenem Sommer des Jahres 1973 seine Kindheit allmählich hinter sich lässt, seine Unschuld verliert, seine erste und sehr bewegende Erfahrung mit dem Tod macht und zum Mann wird.
Außerdem ist Joyland eine raffiniert gestrickte Kriminalgeschichte mit Thrillerelementen. Devins Suche nach dem Mörder der vier Jahre zuvor ermordeten Linda Gray ist überaus spannend, wendungsreich und endet plausibel mit einem überraschenden Showdown.
Die Gruselatmosphäre, die man sonst von Kings Romanen kennt, kommt hingegen ein wenig zu kurz, denn die spärlichen Horrorelemente werden viel zu selten eingesetzt, um dem Leser einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Ich-Erzähler nie selbst mit diesen übersinnlichen Phänomenen in Berührung kommt, ihm der Geist des ermordeten Mädchens in der Geisterbahn nie begegnet, sondern ihm nur davon berichtet wird. Das Böse tritt auch nicht in Form eines blutrünstigen Monsters, sondern in realer Menschengestalt in Erscheinung, was die Geschichte trotz der phantastischen Elemente realistisch und bodenständig erscheinen lässt.
Der Schauplatz der Handlung hat mir sehr gut gefallen, denn dem Autor ist es gelungen, die Rummelplatzatmosphäre und den Charme dieses etwas heruntergekommenen Vergnügungsparks perfekt einzufangen.
Leser, die vom „Meister des Grauens“ die gewohnten schaurigen Momente und Horrorszenen erwarten, werden von Joyland vermutlich enttäuscht sein. Mich hingegen hat es fasziniert, Stephen King von seiner eher leisen und tiefgründigen Seite kennenzulernen. Der Autor hat in diesem Roman jedenfalls bewiesen, dass er den Leser auch mit ruhigen Erzählungen und ohne Schreckensmomente fesseln kann, wobei die eigentlichen Stärken dieses Romans nicht im Spannungsaufbau, sondern vor allem in der Figurenzeichnung liegen.
Joyland ist kein Horrorroman, aber eine überaus gelungene Mischung aus Coming-of-Age-Roman und Thriller. Ein großartiges Buch eines brillanten Erzählers!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Stephen King: Joyland
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 17. Juni 2013
368 Seiten
ISBN 978-3-453-43795-1

Cover: Heyne Verlag

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Liebster Blog-Award

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Und nun zu den Fragen, die mir Luna gestellt hat:

1. Was hat dich am Bloggen am meisten interessiert?

Zwei Hobbys und Leidenschaften begleiten mich bereits durch mein ganzes Leben – Lesen und Schreiben. In den letzten Jahren habe ich beides vollkommen vernachlässigt, weil mir einfach die Zeit und Muße fehlten und ich meine eigenen Ziele und Bedürfnisse weitgehend aus den Augen verloren habe. Seit November letzten Jahres habe ich nun Zeit im Überfluss und einen unstillbaren Nachholbedarf. Meine beiden Hobbys sind ja recht einsame Angelegenheiten, aber das kommt meinem derzeitigen Wunsch nach Rückzug und dem Bedürfnis, alleine sein zu wollen, sehr entgegen. Trotzdem fehlte mir der Austausch, und so beschloss ich im Dezember letzten Jahres, diesen Blog ins Leben zu rufen. Ehrlich gesagt, habe ich nicht damit gerechnet, dass sich jemand für meine Meinung und meine Gedanken interessiert, aber schon nach kurzer Zeit bekam ich viel positives Feedback. Nach wie vor freue ich mich über jeden Kommentar unter meinen Beiträgen, über jeden neuen Abonnenten meines Blogs und über jede Email, die mich erreicht. Dieser Austausch ist mir sehr wichtig und nur so macht das Bloggen auch Spaß. Obwohl mein Blog bislang ein reiner Bücherblog ist, wollte ich eigentlich auch meine eigenen literarischen Ergüsse hier zum Besten geben, um herauszufinden, wie meine Texte beim Leser ankommen. Im Moment scheue ich mich allerdings noch ein wenig davor, finde mein eigenes Schreiben noch zu unausgereift und meine Geschichten zu persönlich, um die ganze Welt daran teilhaben zu lassen. Vielleicht ändert sich das bald, denn ich habe fest vor, diesbezüglich mutiger zu werden, aber im Moment beschränke mich erstmal darauf, meine Meinung zu den Büchern anderer abzugeben, bevor ich mich selbst der Kritik stelle 😉

2. Welche Lebenslage/Situation magst du überhaupt nicht?

Warten ist etwas, was mir furchtbar auf die Nerven geht. Ob ich nun im Supermarkt an der Kasse anstehen muss oder in einem Stau feststecke – Warten macht mich wahnsinnig! Es wird ja immer über Rentner gelästert, weil sie generell etwas zur Ungeduld neigen und nicht gerne warten, aber ich kann das voll und ganz verstehen, denn je älter ich werde, umso ungeduldiger werde ich. In meiner Jugend war ich die Geduld in Person, aber wenn man sich der Endlichkeit seines Lebens erstmal bewusst wird – und je älter man wird, desto deutlicher tritt sie vor Augen – ist sinnloses Rumstehen oder Rumsitzen einfach eine Qual und nicht anderes als das Vergeuden wertvoller und vor allem endlicher Lebenszeit.

3. Wenn du ein Tier wärst, welches würdest du gar nicht sein wollen und warum?

Katzen sind meine absoluten Lieblingstiere, aber obwohl ich Katzen liebe, möchte ich selbst keine sein. Ich denke, wenn ich die Wahl hätte, wäre ich lieber ein Vogel, am liebsten eine Krähe. Krähen sind klug und weise, schön sind sie auch, aber vor allem können sie sich recht gut durchsetzen, sind frei und können fliegen.

4. Was war die lustigste/merkwürdigste Situation, die du in Bezug auf das Bloggen erlebt hast?

Ich möchte jetzt niemanden beleidigen, aber die wirklich abgefahrenste Email bekam ich von einer mir unbekannten Dame, die mehrfach versucht hatte, sich auf meinem Blog einzuloggen, um einen eigenen Beitrag zu schreiben. Sie war etwas erbost, weil sie zig Benutzernamen und Passwörter ausprobiert hatte und dieses böse WordPress keines davon akzeptieren wollte (dem Himmel sei Dank!). Ich dachte, ich hätte sie falsch verstanden und erklärte ihr, wie sie die Kommentarfunktion nutzen kann. Ihre zweite Email war dann immerhin freundlicher, aber sie meinte, sie will meine Beiträge nicht kommentieren, sondern eigene schreiben – auf meinem Blog! 😯 Nun ja, nichts gegen Gastbeiträge, aber es wäre schon nett, wenn ich die Person kennen würde, man mich vorher nett fragt und verwies sie deshalb lieber an diverse Bücher-Foren, in denen sie sich austoben kann. Sachen gibt’s…!

5. Wenn du irgendwohin reisen könntest, was wäre dein erstes Ziel?

Ich würde sehr gerne an die schottische Atlantikküste reisen. Ich war noch nie dort, würde das alles aber sehr gerne einmal sehen – die raue Landschaft, die schroffen Berge, die steilen Felsenküsten und all die geheimnisvollen Burgen.

6. Welche Geschmacksrichtung ist dir die liebste?

Süß, definitiv süß, was man mir leider auch übergebührlich ansieht. Ich mache mir zwar nichts aus Schokolade, Gummibärchen oder Schokoriegeln, aber ich liebe süße Getränke, bin süchtig nach Cola und mache jeden Tee oder Kaffee zu einem sirupähnlichen Gebräu.

7. Was magst du an anderen Menschen besonders?

Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Authentizität und Toleranz

8. Und gleich zum Gegenteil, was kannst du an anderen gar nicht ausstehen?

Ich hasse es, angelogen zu werden und verabscheue nichts mehr als Heuchelei, Falschheit und Scheinheiligkeit. Man darf mir immer gerne sagen, was man von mir hält, aber ich hasse es, wenn man mich zusäuselt und umgarnt, weil man irgendetwas von mir will, mich aber fallenlässt, sobald man es hat oder hinter meinem Rücken schlecht über mich redet. Außerdem mag ich es nicht, wenn Menschen ihre Versprechen nicht halten. Mir gehen Versprechen nur äußerst schwer über die Lippen, aber wenn ich mich überwinde, etwas zu versprechen, dann halte ich es auch. Es wäre jedenfalls schön, wenn jeder erstmal sein Hirn einschalten würde und sich Gedanken macht, ob er das, was er verspricht, überhaupt halten kann und will.

9. Wie hältst du Erinnerungen am liebsten fest?

Obwohl Fotografieren eine sehr schöne Sache ist, halte ich Erinnerungen und Eindrücke lieber schriftlich fest und schreibe alles auf, was ich erlebt und gesehen habe. Nicht unbedingt in Form eines klassischen Tagebuchs, denn es passiert nicht jeden Tag etwas, an das man sich erinnern will und muss, aber was mir wichtig erscheint, halte ich gerne schriftlich fest.

10. Wie sieht dein perfekter Abend aus?

Mein letzter perfekter Abend liegt nun fast auf den Tag genau ein Jahr zurück. Im Nachhinein betrachtet, wünschte ich, es hätte diesen Abend nie gegeben und habe deshalb inzwischen keine Vorstellung mehr von einem perfekten Abend. Im Moment ist ein Abend für mich perfekt, wenn ich alleine auf meinem Sofa sitze, ein spannendes Buch lese, ein gutes Gläschen Wein trinke und meine Ruhe habe.

11. Hast du Ziele für die Zukunft?

In meiner jetzigen Situation ist das eine sehr schwierige Frage, da sich meine bisherigen Ziele in Luft aufgelöst haben und ich noch immer Mühe habe, neue Ziele festzulegen. Dennoch habe ich natürlich Ziele, denn ohne ein Ziel macht das Leben recht wenig Sinn. Mein oberstes Ziel ist es, das zu tun, was ich eigentlich schon immer wollte und für ziemlich utopisch hielt – ein Buch schreiben. Ich arbeite auch schon daran, schreibe schon seit einigen Monaten fleißig und hoffe, dass ich den Mut finde, es irgendwann zu veröffentlichen.


Ich möchte gerne drei ziemlich neue Blogs nominieren, die ich erst kürzlich entdeckt habe und die Ihr Euch unbedingt anschauen solltet, wenn Ihr Euch für Bücher interessiert:

Nessis Bücherblog

Bookish Beauties

umgeBUCHt

Hier meine Fragen an die drei Nominierten:

  1. Wenn es eine Zeitmaschine gäbe, mit der Du für ein paar Tage in die Zukunft oder die Vergangenheit reisen könntest – in welche Zeit würdest Du gerne reisen und warum?
  2. Wobei kannst Du am besten entspannen und den Stress des Alltags vergessen?
  3. Welches Buch oder welcher Film hat Dich zuletzt zum Weinen gebracht?
  4. Welcher Buch oder welcher Film hat Dich zuletzt zum Lachen gebracht?
  5. Ist es Dir wichtig, den Hauptprotagonisten eines Buches sympathisch zu finden?
  6. Über welches Talent würdest Du gerne verfügen?
  7. Welchen lebenden oder bereits verstorbenen Prominenten würdest Du gerne interviewen und welche Frage würdest Du ihm am liebsten stellen?
  8. Gibt es ein Buch, auf das Du Dich ganz besonders gefreut hast und von dem Du dann sehr enttäuscht warst? Wenn ja, welches?
  9. Welchen Traum möchtest Du Dir unbedingt erfüllen?
  10. Was bringt Dich richtig zum Lachen?
  11. Über welches Thema könntest Du stundenlang reden oder auch bloggen?

Ich wünsche den Nominierten viel Spaß bei der Beantwortung meiner Fragen! Fühlt Euch zu nichts verpflichtet 😉