Buchrezension: Tim Erzberg – Hell-Go-Land

tim-erzberg-hell-go-landInhalt:

Eigentlich wollte die Polizistin Anna Krüger nie mehr in ihre Heimat Helgoland zurückkehren. Sie ist auf der Nordseeinsel aufgewachsen, aber nachdem ihre Jugend von einem schrecklichen Ereignis überschattet wurde, hat sie Helgoland den Rücken gekehrt, alle Kontakte abgebrochen, sich in Hamburg ein neues Leben aufgebaut und wollte ihre traumatischen Erinnerungen für immer hinter sich lassen. Doch dann wird ihr die stellvertretende Leitung der Polizeidienststelle Helgoland angeboten – ein verlockendes Angebot, das eine so junge Polizistin mit wenig Berufserfahrung kaum ablehnen kann. Sie beschließt, die Stelle anzunehmen, sich den Dämonen ihrer Vergangenheit zu stellen und kehrt trotz aller Bedenken nach Helgoland zurück.
Bereits an ihrem ersten Arbeitstag erhält Anna ein rätselhaftes Päckchen mit makabrem Inhalt – ein menschlicher Daumen. Doch dabei lässt es der anonyme Absender nicht bewenden, denn schon kurz darauf erreichen sie mysteriöse Nachrichten und ein weiteres Paket mit einer blutigen Botschaft. Der Inhalt der Päckchen legt die Vermutung nahe, dass sich auf der Insel ein Mensch in akuter Lebensgefahr befindet oder vielleicht schon nicht mehr am Leben ist. Die Ermittlungsarbeit gestaltet sich allerdings sehr schwierig, denn die Insel ist aufgrund eines Sturms vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten, sodass Anna und ihre Kollegen nicht mit der Unterstützung vom Festland rechnen können. Da es auf dem kleinen, beschaulichen Eiland nur selten zu Gewaltdelikten kommt, verfügt der Polizeiposten auf Helgoland auch nicht über die notwendige kriminaltechnische Ausrüstung, um die Untersuchungen der Beweismittel durchzuführen.
Wer schickt Anna all diese blutigen Botschaften? Haben sie etwas mit den Geschehnissen in ihrer Vergangenheit zu tun? Es scheint, als ob sich jemand mit Anna ein grausames Spiel erlaubt und dafür sorgen will, dass ihre alten Wunden wieder aufreißen und sie ihren Erinnerungen niemals entfliehen kann.
Der Wettlauf mit der Zeit hat begonnen, denn wenn Anna und ihr Team den Täter nicht finden, wird bald ein Mensch sterben.

Meine persönliche Meinung:

Bei Tim Erzberg handelt es sich um das Pseudonym des Literaturagenten Thomas Montasser, der mit seinem Thriller Hell-Go-Land nun sein Debüt vorlegte. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, denn Thriller, die auf abgelegenen Inseln spielen, faszinieren mich ganz besonders, da es für mich kaum etwas Beklemmenderes gibt, als kleine, äußerlich begrenzte Orte, die ich nicht jederzeit verlassen kann. Allein das Setting dieses Thrillers löst bei mir also schon äußerst klaustrophobische Gefühle aus. Dabei bin ich mir sicher, dass die Insel Helgoland, die 70 Kilometer vom Festland entfernt in der Deutschen Bucht liegt und nur wenig mehr als tausend Einwohner zählt, landschaftlich wunderschön ist. Zu gerne würde ich die Strände, Felsenklippen, die Seehunde, Kegelrobben und Wasservögel einmal mit eigenen Augen sehen, aber man müsste mich schon narkotisieren, um mich auf Deutschlands einzige Hochseeinsel zu befördern, denn bereits die Anreisebedingungen, ob nun mit dem Schiff oder dem Flugzeug, treiben mir den Angstschweiß auf die Stirn und lösen in der Magengegend ein mulmiges Gefühl aus.
Die Geschichte Helgolands ist äußerst bewegt, wechselhaft und dramatisch. Der Titel des Buches Hell-Go-Land von Tim Erzberg geht im Übrigen auf die Engländer zurück, die die Insel so nannten, als sie am 18. April 1947 versuchten, Helgoland für immer von der Landkarte zu tilgen. Die Hochseeinsel war zum damaligen Zeitpunkt ohnehin schon weitgehend von Bombenangriffen zerstört worden und wurde bereits 1945 evakuiert. Zwei Jahre später sollten nun auch die militärischen Anlagen und das verbliebene unterirdische Bunkersystem gesprengt werden. Wider Erwarten hat Helgoland die bis dahin größte nichtatomare Sprengung überstanden, war aber jahrelang unbewohnbar. 1952 gaben die Engländer die Insel wieder an Deutschland zurück und Helgoland konnte wieder besiedelt werden. Die Südspitze der Insel wurde bei der Explosion allerdings zerstört, und noch heute zeugen unzählige Krater, die Mondlandschaften gleichen, von den Bombenabwürfen und der Sprengung. An jenem Tag im April 1947, der als Operation Big Bang in die Geschichte einging, bezeichneten die britischen Soldaten die Insel zynisch als Hell-Go-Land, als das Land, das zur Hölle fahren soll.
Auch die Polizistin Anna Krüger, die Hauptprotagonistin in Tim Erzbergs Thriller, verwendet diesen Begriff, denn sie gibt dem ersten Fall, in dem sie nach ihrer Rückkehr nach Helgoland ermittelt und der offensichtlich mit den traumatischen Erlebnissen in ihrer Jugend in Verbindung steht, den Namen Hell-Go-Land.
Inzwischen ist Helgoland ja ein beliebtes und sicherlich idyllisches Urlaubs- und Ausflugsziel. Nur ein kleiner, noch verbliebener Teil des unterirdischen Tunnelsystems, das auch in diesem Thriller eine Rolle spielt, erinnert an die dunklen Kapitel der Inselgeschichte. Dennoch hat sich der Autor alle Mühe gegeben, dem Schauplatz seines Buches eine möglichst unheilvolle Atmosphäre einzuhauchen. Als wäre die Enge dieser abgelegenen Hochseeinsel inmitten der Nordsee nicht schon beängstigend genug, tun die dunkle Jahreszeit und das stürmische, kalte Wetter noch ihr Übriges dazu, um eine äußerst düstere und beklemmende Stimmung zu erzeugen. Ein heftiger Orkan fegt über das Eiland, sodass keine Schiffe mehr fahren und auch der Flugverkehr eingestellt wurde. Die Polizei sieht sich zum Schutz der Bevölkerung sogar gezwungen, zeitweise eine Ausgangssperre zu verhängen, damit niemand von Sturmböen erfasst und in den Abgrund gerissen werden kann. Und während die Insel nahezu zwei Wochen vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten ist, es keine Möglichkeit zur Flucht und keine Aussicht auf Hilfe vom Festland gibt, treibt auf Helgoland ein brutaler Psychopath sein Unwesen, der einen Menschen gefangenhält, ihn grausam foltert und Anna immer wieder blutige Botschaften zukommen lässt.
Vor jedem Kapitel befinden sich kurze Ausschnitte aus den Gesprächen zwischen dem unbekannten Täter und der Person, die er gefangenhält. In diesen Passagen erhält der Leser sehr verstörende Einblicke in die ausweglose Lage des Opfers, das nicht weiß, warum es gefangengehalten und gequält wird. Und man ahnt, dass die Zeit drängt, denn wenn es Anna und ihrem Team nicht gelingt, den Täter ausfindig zu machen, wird seine Geisel diese Folterungen nicht überleben.
Schon zu Beginn des Buches liegt die Verdacht nahe, dass all diese Geschehnisse nicht nur mit Annas Rückkehr nach Helgoland, sondern auch mit den Ereignissen in ihrer Vergangenheit zusammenhängen. Allerdings weiß man zunächst nicht, was in Annas Jugend vorgefallen ist. Der Leser begleitet die Hauptprotagonistin nun bei ihren recht mühsamen Ermittlungen, die durch das Wetter, die Abgeschnittenheit von der Außenwelt und auch durch Annas quälende Migräne erschwert werden, während die Zeit unaufhaltsam verrinnt und die Chancen, das Opfer lebend zu finden, immer geringer werden.
Im Mittelpunkt eines zweiten Handlungsstrangs steht Katarina Loos, die als Putzfrau bei Dr. Strecker, dem ortsansässigen Arzt, arbeitet. Eigentlich lebt sie auf dem Festland, aber da die Fährverbindung aufgrund des stürmischen Wetters eingestellt wurde, ist sie gezwungen, auf der Insel und im Haus ihres Chefs zu bleiben. Es war ihr schon immer eigenartig vorgekommen, dass die Frau ihres Arbeitgebers vor einigen Jahren plötzlich verschwunden ist, aber als sie nun in der Wäsche eine blutverschmierte Socke findet und im Keller eine sehr verstörende Entdeckung macht, ist sie sicher, dass Dr. Strecker ein dunkles Geheimnis hütet.
Am Ende dieses Thrillers laufen beide Handlungsstränge schlüssig zusammen. Zugegebenermaßen hatte ich irgendwann eine Ahnung, was Anna in ihrer Jugend zugestoßen sein mag, obwohl die Ereignisse ihrer Vergangenheit erst am Ende enthüllt werden. Die Auflösung des Falls und die Identität des Täters haben mich dann aber doch noch sehr überrascht. Der Täter befindet sich logischerweise in einem recht überschaubaren Personenkreis auf der Insel. Der Verdacht wird auf verschiedene Protagonisten gelenkt und der Leser immer wieder auf die falsche Fährte gelockt. Der Plot ist stimmig, schlüssig und fesselnd, allerdings nicht besonders originell, aber die Spannung dieses Thrillers beruht auch weniger auf der Geschichte, sondern vielmehr auf der beklemmenden und düsteren Atmosphäre und dem nervenaufreibenden Wettlauf mit der Zeit.
Es fiel mir leider ein wenig schwer, mit Anna mitzufiebern, denn sie ist etwas unnahbar und wollte mir deshalb nicht so recht ans Herz wachsen. Als ich am Ende erfuhr, was sie in ihrer Jugend erlebt hatte und mit welchen Erinnerungen sie zu kämpfen hat, war ich erschüttert, aber häufig wirkte sie etwas kühl, handelte ziemlich unvernünftig und auch im Nachhinein nicht gerade nachvollziehbar. Katarina Loos hingegen ging mir fast schon auf die Nerven. Die Neugierde, mit der sie das Privatleben ihres Arbeitgebers durchschnüffelt und die Methoden, die sie anwendet um seine Geheimnisse aufzudecken, sind schon ein wenig fragwürdig. Alle anderen Protagonisten blieben mir seltsam fremd, was aber durchaus Sinn macht, denn dadurch gelingt es dem Autor, den Verdacht immer wieder auf eine andere Person zu lenken.
Mir hat Tim Erzbergs Debüt Hell-Go-Land wirklich sehr gut gefallen und eine schlaflose Nacht mit spannenden Lesestunden bereitet, denn ich konnte diesen temporeichen Thriller kaum aus der Hand legen. Der Schreibstil des Autors ließ sich sehr flüssig und angenehm lesen. Besonders fasziniert hat mich vor allem das beklemmende Setting und die düstere, bedrückende und wirklich klaustrophobische Stimmung, die der Autor ganz hervorragend vermittelt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Tim Erzberg: Hell-Go-Land
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 22. August 2016
400 Seiten
ISBN 978-3-959-67046-3

Cover: Verlag HarperCollins

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2 Gedanken zu “Buchrezension: Tim Erzberg – Hell-Go-Land

    • Dankeschön! Dass der Titel des Buches auf die britischen Soldaten zurückgeht, wird im Buch mal erwähnt, aber ich wollte das dann noch genauer wissen, weil ich keine Ahnung von der Geschichte Helgolands hatte.
      Falls Du es liest, wünsche ich Dir jedenfalls viel Spaß.
      Liebe Grüße
      Claudia

      Gefällt 1 Person

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