Buchrezension: Melanie Raabe – Die Wahrheit

DIE WAHRHEIT von Melanie RaabeInhalt:

Der erfolgreiche und wohlhabende Geschäftsmann Philipp Petersen ist vor sieben Jahren während einer Geschäftsreise nach Kolumbien spurlos verschwunden. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ihn seine Ehefrau Sarah nicht schmerzlich vermisst hätte. Sie hat nie die Hoffnung aufgegeben, dass ihr geliebter Ehemann vielleicht doch noch am Leben ist und weigerte sich bisher beharrlich, ihn für tot erklären zu lassen. Den gemeinsamen Sohn Leo, der noch kein Jahr alt war, als sein Vater verschwand, zieht sie alleine groß und arbeitet als Lehrerin.
Gerade als sie beschließt, die Vergangenheit loszulassen und endlich wieder nach vorne zu schauen, erhält sie einen Anruf vom Auswärtigen Amt. Sieben Jahre hatte sie auf eine Nachricht gewartet, gehofft und gebangt, sich auf das Schlimmste vorbereitet, und nun teilt man ihr am Telefon mit, dass Philipp tatsächlich noch am Leben ist und in wenigen Tagen am Flughafen erwartet wird. Bei den Medien stößt die Rückkehr des bekannten Geschäftsmannes auf reges Interesse. Als Sarah am Flughafen auf die Ankunft ihres Mannes wartet, sind alle Kameras auf sie gerichtet. Doch der Mann, der aus dem Flugzeug aussteigt, ist nicht Philipp. Er macht ihr aber unmissverständlich klar, dass sie alles verlieren wird, wenn sie der Polizei mitteilt, dass er nicht ihr verschollener Ehemann sei – ihr Kind, ihren Job, ihr Haus und ihr ganzes scheinbar schöne Leben.
Aber wer ist der Fremde, der nun in ihrem Haus wohnt und sich für ihren Mann ausgibt? Und vor allem – was will er?

Meine persönliche Meinung:

Ich habe erst vor ein paar Monaten Melanie Raabes Roman Die Falle (hier meine Rezension zu Die Falle) gelesen und war restlos begeistert. Es war zweifellos eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, weshalb ich dem Erscheinungstermin von Die Wahrheit, dem zweiten Thriller der Erfolgsautorin, nun schon seit einigen Wochen sehnsüchtig entgegenfiebere. Wenn eine Autorin bereits ein so brillantes Buch vorgelegt hat, ist die Erwartungshaltung der Leserschaft natürlich entsprechend hoch und unweigerlich vergleicht man die beiden Bücher. Hätte ich Die Falle nicht gelesen und die Messlatte nicht derart hoch angesetzt, wäre ich nun sicherlich begeistert von Die Wahrheit, aber verglichen mit Die Falle, ist ihr zweites Buch leider ein wenig schwächer.
Zweifellos ist Die Wahrheit ein wirklich guter Thriller, der sprachlich und stilistisch wieder weit aus der Masse anderer Bücher dieses Genres herausragt und diesbezüglich sogar fast noch ausgereifter scheint als sein Vorgänger. Melanie Raabes Schreibstil ist innovativ, ihre Sprache eindringlich, metaphernreich, geradezu poetisch und entwickelt einen ungeheuren Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Außerdem stellt die Autorin auch in Die Wahrheit wieder ihr sensibles Einfühlungsvermögen in ihre Figuren unter Beweis. Sie nimmt sich sehr viel Zeit, ihre Hauptprotagonistin einzuführen und den Leser tief in Sarahs Gedanken- und Gefühlwelt eintauchen zu lassen. So lernt man Sarah zunächst als eine Frau kennen, die nach dem rätselhaften Verschwinden ihres Mannes jahrelang zwischen Hoffen und Bangen schwankte, immer wieder an die glücklichen Tage ihrer Ehe zurückdenkt und sich fragt, ob ihr Mann doch noch am Leben ist. Doch nun ist sie an einem Punkt angelangt, an dem sie endlich wieder nach vorne blicken will und sich von der Vergangenheit zu befreien versucht. Ich konnte mich sehr gut in Sarah einfühlen, denn Melanie Raabe versteht es, Emotionen sehr anschaulich, authentisch und nachfühlbar zu schildern. Auch wenn in den ersten Kapiteln nicht viel passiert, war ich sofort von der Geschichte und dem Schicksal der Hauptprotagonistin gefangen.
Als Sarah mitgeteilt wird, dass ihr Mann noch am Leben ist, sie ihn vom Flughafen abholen will und zu ihrem Entsetzen feststellt, dass der Mann, der vorgibt, ihr verschollener Ehemann zu sein, gar nicht Philipp ist, nimmt die Erzählung rasant an Fahrt auf, denn nun beginnt ein verwirrendes und auch sehr beklemmendes Katz- und Mausspiel. Von nun an werden die Kapitel abwechselnd aus der Sicht von Sarah und dem Fremden erzählt. Da die Gedanken beider Protagonisten aus der Ich-Perspektive geschildert werden, man also beiden Charakteren gleichermaßen nahekommt, fiel es mir von Kapitel zu Kapitel schwerer, mich weiterhin mit Sarah zu identifizieren, denn je tiefer ich nun auch in die Sichtweise des Fremden vordrang, umso verwirrter war ich. Auch wenn die Kapitel, die aus der Perspektive des Fremden geschildert werden, voller kryptischer Anspielungen sind und keine Auskünfte über seine Identität oder seine Motive geben, wurde mir Sarah im weiteren Verlauf der Erzählung zunehmend suspekter, zumal ihr Handeln zuweilen recht wenig Sinn machte. Einerseits waren die Ängste, die sie durchlitt und die latente Gefahr, in der sie schwebt, seit der Fremde in ihrem Haus wohnt, deutlich spürbar und auch nachvollziehbar, aber andererseits hatte ich auch häufig den Eindruck, dass sie allmählich hysterisch wird, nicht das Unschuldslamm ist, das sie vorgibt zu sein, und nicht sie, sondern vielmehr der Fremde in Gefahr schwebt. Durch den ständigen Wechsel der Perspektive und geheimnisvolle Andeutungen wird die Spannung stets aufrechterhalten und der Leser immer tiefer in dieses Verwirrspiel hineingezogen, in dem er irgendwann nicht mehr weiß, wem er noch trauen kann. Durch die unzuverlässige Erzählweise werden die Geschehnisse, aber auch die Protagonisten immer wieder in ein anderes Licht gerückt, wodurch die Spannung kontinuierlich gesteigert wird. Man weiß eben nicht, wer der Fremde ist, was er im Schilde führt, aber man ahnt irgendwann auch, dass Sarah ein düsteres Geheimnis hütet und keineswegs nur Opfer ist.
Somit wird eine subtile psychologische Spannung aufgebaut, die sich über das ganze Buch hinweg hält, obwohl im Grunde eigentlich recht wenig passiert. Wer einen blutigen, brutalen oder temporeichen Thriller erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein, denn Melanie Raabe verzichtet auf brutale, actionreiche Szenen und blutige Details, sondern setzt vielmehr auf die pointierte Betrachtung menschlicher Abgründe und atmosphärische Dichte.
Bereits in Die Falle inszenierte die Autorin ein beklemmendes Verwirrspiel, das mit einem fulminanten Plot-Twist endete, aber gerade dies wollte Melanie Raabe in Die Wahrheit nun leider nicht gelingen. Ich kann das Ende hier natürlich nicht verraten, es ist durchaus schlüssig und überraschend, aber es ist vor allem deshalb so überraschend, weil es vollkommen banal ist. Ich mag es ja, wenn ich in einem Thriller immer wieder auf die falsche Fährte gelockt werde, aber ich habe mich am Ende dieses Buches regelrecht veräppelt gefühlt. Warum muss eine Geschichte, die so viel Potenzial hat und über mehr als 400 Seiten spannend und grandios erzählt wurde, am Ende so verpuffen?
Und so bleibt von einem wirklich packenden und großartig erzählten Thriller um Schuld und Verdrängung leider ein etwas fader Nachgeschmack.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den btb Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Melanie Raabe: Die Wahrheit
Verlag: btb
Ersterscheinungsdatum: 29. August 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-75492-2

Cover: btb Verlag

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9 Gedanken zu “Buchrezension: Melanie Raabe – Die Wahrheit

    • Das geht mir auch häufig so, aber das wusste ich noch nicht, als ich das Buch bekommen habe. Warte mal ab, wenn nächste Woche das neue Buch von Cody McFadyen rauskommt, denn das wird in den nächsten Wochen sicher überall besprochen. Eigentlich wollte ich es auch gleich lesen, aber ich warte lieber noch ein wenig ab, bis sich der Hype gelegt hat.

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      • Wenn man sich nicht gleich bewirbt, dann sind nur oft keine Rezi-Exemplare mehr da. Bei Blogger trage ich mich deswegen immer ein, sobald das Buch anfragbar ist. Dieses hat mich zwar interessiert, aber da es für mich absehbar war, dass es überall besprochen wird, habe ich es gleich gelassen.

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  1. Ich war vom Ende auch enttäuscht. Ich will nicht zu viel verraten, aber vielleicht kann ich es so formulieren, dass die Autorin mit Tricks gearbeitet hat, um diesen Schluss überhaupt zu ermöglichen, über die ich mich geärgert habe. Ich fand mich als Leser ausgetricks.
    Aber alles, was Du über den Schreibstil sagst, kann ich voll und ganz unterschreiben. Ihre Bücher lesen sich flott und unterhaltsam, aber heben sich sprachlich auch deutlich von der Masse ab, was mir sehr gut gefällt.

    LG Gabi

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    • Dann ging es ja nicht nur mir so. Wirklich schade, denn die Autorin kann so wunderbar schreiben und die Story ist im Grunde so gut. Bei „Die Falle“ hat einfach alles gestimmt – Stil, Sprache und eben auch der Plot. Es ist sicher auch nicht einfach, dieses Niveau zu halten.
      LG Claudia

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  2. Liebe Claudia,
    ich habe mir nach längerer Zeit nun Melanie Raabes „Wahrheit“ über die Leihbücherei auf mein ebook geladen und sogar mindestens 100 Seiten gelesen. Die haben sich gut und interessant gelesen, aber dann hat mich irgendetwas gestört, was kann ich gar nicht sagen, so bin ich zum Schluss gesprungen und habe gedacht: „Gut, dass ich abgebrochen habe… Zeitvergeudung!“
    Danke nochmals für deine Rezension., sonst hätte ich mir das Buch gekauft, was Geldverschwendung gewesen wäre. Für mich war noch nie interessant, was andere über ein Buch sagen. Nur in “ die Falle“ hat alles gestimmt und ich habe die Nacht atemlos durchgelesen…

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    • Schade, dass es Dich auch enttäuscht hat. Ja, das Ende war wirklich eine Enttäuschung und hat mich auch sehr geärgert. Ich mag einfach Melanie Raabes Schreibstil und ihre Sprache, denn sonst wäre „Die Wahrheit“ bei mir noch schlechter weggekommen. Sie schreibt wirklich großartig, was mich ein wenig besänfigt und über die Story hinweggetröstet hat, denn die war in diesem Buch meiner Meinung nach wirklich schwach. Das ist wirklich schade, denn sie kann großartig erzählen und in „Die Falle“ hat einfach alles gestimmt, auch der Plot und das Ende.
      Liebe Grüße
      Claudia

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      • na, das macht nichts. Es ist nur ein Buch. Nur schade wenn man denkt, endlich hat man eine Schriftstellerin… Hast du „Meine geniale Freundin“ +++ gelesen? Ich habe nie in Neapel gelebt, aber lange in Florenz und ich fand es ganz gut. Bisschen unverständlich das Tamtam, das um die Schriftstellerin gemacht wird, aber auf jeden Fall gut genug, um das zweite zu kaufen…
        Liebe Grüße
        Irmgard

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      • Nein, „Meine geniale Freundin“ habe ich nicht gelesen und spricht mich ehrlich gesagt auch nicht besonders an. Ich habe schon viel davon gehört, überwiegend Positives, aber mir klingt es einfach nicht spannend genug. Ich glaube, der Tamtam um die Schriftstellerin liegt nur darin begründet, dass sie ihre Identität nicht preisgibt und man einfach nicht weiß, wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt. „Die große Unbekannte“ zu sein, macht es eben besonders interessant.
        Liebe Grüße
        Claudia

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