Buchrezension: Steinar Bragi – Hochland

Hochland von Steinar BragiInhalt:

Zwei befreundete junge Paare aus Reykjavík unternehmen mit ihrem Jeep einen Kurztrip in die abgeschiedene Einöde des isländischen Hochlands. Als dichter Nebel aufzieht, kommen sie von der Piste ab und rammen mit ihrem Wagen ein Haus, das plötzlich in der sandigen Geröllwüste vor ihnen aufragt. Das entlegene Haus wird von einem seltsamen älteren Paar bewohnt, und da ihr Jeep nicht mehr fahrtauglich ist, bleibt den vier Freunden nichts anderes übrig, als die Nacht im Haus dieses verschrobenen Paares zu verbringen. Obwohl sie spüren, dass sie nicht willkommen sind, werden sie von ihren wortkargen Gastgebern eingeschlossen und können das Haus, das einer Festung gleicht, erst am nächsten Morgen wieder verlassen. Das Paar stellt ihnen sogar ihren alten Jeep zur Verfügung, damit sie wieder in die Stadt zurückkehren können. Allerdings kommen sie nicht weit, denn auf der Piste gerät der Wagen in ein so tiefes Schlagloch, dass die Achse bricht und sie zum Haus des Paares zurückkehren müssen. Ihre seltsamen Gastgeber werden ihnen immer unheimlicher, denn sie verhalten sich sehr eigenartig. Die vier Freunde machen in dem Haus, das ihnen immer mehr zum Gefängnis wird, auch einige verstörende Entdeckungen. Warum dürfen sie nicht mehr vor die Tür, sobald es dunkel wird? Wieso brennt nachts eine Laterne vor dem Haus? Wer lebt in dem kleinen abgedunkelten Raum, den sie hinter einer Bücherwand im Arbeitszimmer entdecken? Warum stapeln sich in der Scheune so viele Heuballen, obwohl kein einziges Tier in dem angrenzenden Stall lebt? Welche seltsamen Wesen schleichen nachts um das Gebäude und lauern in dieser kargen Sandwüste? Obwohl die beiden Bewohner des Hauses deutlich zeigen, dass sie den vier Freunden nur unfreiwillig Zuflucht gewähren und sehr abweisend sind, helfen sie ihnen nicht, dieser Einöde zu entkommen. Es scheint, als wolle sie irgendeine unsichtbare Macht davon abhalten, diese menschenfeindliche Gegend jemals wieder zu verlassen, denn jeder Versuch, zurück in die Zivilisation zu gelangen, scheitert kläglich. Können die vier Freunde jemals wieder in ihr altes Leben zurückkehren?

Meine persönliche Meinung:

Schon beim Stöbern in der Verlagsvorschau bin ich auf Hochland von Steinar Bragi aufmerksam geworden und konnte es kaum erwarten, dass dieses Buch endlich erscheint. Ich liebe Bücher, die in Island spielen und das isländische Hochland eignet sich ja hervorragend als Kulisse für einen düsteren und beklemmenden Thriller. Ich habe bislang noch kein Buch von Steinar Bragi gelesen, aber da der Autor mit Stephen King verglichen wird, war ich sicher, dass mir Hochland gefallen wird. Außerdem klingt der Klappentext mehr als spannend, der Schauplatz ist faszinierend und wenn über einen Autor gesagt wird „dieser Mann beherrscht alle Schattierungen des Horrors“ (Zitat Gomorron Sverige) kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen. Bedauerlicherweise ist es aber gründlich schiefgegangen, denn mich hat Hochland leider sehr enttäuscht.
Doch kommen wir zunächst zu den positiven Aspekten des Buches, denn die ersten Kapitel haben mir durchaus gefallen und waren auch sehr spannend. Steinar Bragi hat das bedrohliche Setting wirklich hervorragend beschrieben. Die beklemmende Stimmung, die dieser menschenfeindlichen Landschaft des isländischen Hochlands innewohnt, hat der Autor grandios eingefangen, sodass man diese karge Sand- und Geröllwüste geradezu bildlich vor Augen sieht und während der Sandstürme den feinen Sand in jeder Pore zu spüren glaubt. Und inmitten dieser abgelegenen Einöde steht nun ein einsames Haus, das einer Festung gleicht und dessen Bewohner mehr als eigentümlich sind. Auch die Beschreibung dieses Hauses ist Bragi wirklich sehr gut gelungen, denn es ist kein sehr einladender Zufluchtsort, an dem man sich sicher fühlen könnte, sondern sehr düster und beklemmend. Das Gebäude ist sehr herunterkommen und verwittert, die Fenster im Erdgeschoss wurden zugemauert und die Entdeckungen, die die vier Freunde im Haus machen, sind mehr als verstörend und gruselig. Dem Autor ist es gelungen, diesen Schauplatz anschaulich und sehr bildgewaltig zu beschreiben und eine klaustrophobische Atmosphäre zu erzeugen, die mir zu Beginn des Buches das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich war nach den ersten Seiten wirklich beeindruckt und sicher, dass mir dieser Thriller gefallen wird, denn inmitten dieser abgeschiedenen Landschaft gefangen zu sein und keine Möglichkeit zu haben, wieder in die Zivilisation zurückzukehren, ist wirklich mehr als beklemmend. Das verschrobene ältere Paar, das dieses Haus bewohnt, macht die bedrohliche Situation noch perfekt, denn die beiden sind nicht nur äußerlich abstoßend, sondern verhalten sich auch sehr eigenartig. Während die Frau wenigstens hin und wieder spricht, aber ansonsten sehr abweisend ist, sagt der Mann kein einziges Wort, sondern lächelt nur dumpf vor sich hin. In welcher Verbindung die beiden zueinander stehen, ob sie verheiratet oder Geschwister sind, bleibt unklar, interessiert allerdings auch die vier Freunde brennend, weshalb sie im Haus immer wieder nach Hinweisen über das Leben ihrer Gastgeber suchen. Diese Entdeckungstouren durch das Haus und die umliegende Landschaft, fand ich anfangs wirklich sehr spannend, auch wenn ich nicht ganz verstand, warum sie so viel Energie darauf verwenden, denn sinnvoller wäre es sicher, sich zu überlegen, wie man diesen unwirtlichen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen kann.
Und gerade das hat mich dann das ganze Buch hinweg gestört – das Verhalten der vier Hauptprotagonisten macht überhaupt keinen Sinn. Sie versuchen zwar hin und wieder, zu entkommen, aber sie scheitern nicht zuletzt häufig daran, dass sie sich immer wieder von ihrem Vorhaben abbringen lassen, indem sie eigentlich primär damit beschäftigt sind, über ihre Vergangenheit und ihr recht verkorkstes Leben nachzudenken und Konflikte untereinander auszutragen. Grundsätzlich finde ich es ja gut, wenn ein Autor seine Protagonisten präzise ausarbeitet, aber die Einblicke in die problematische Jugend und das Leben jedes Einzelnen sowie die zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen innerhalb dieser Gruppe nehmen einen so breiten Raum ein, dass die bedrohliche Situation, in der sie sich gerade befinden, fast in Vergessenheit gerät und der Spannungsbogen immer wieder abreißt. Diese Charakterstudien sind weder tiefgründig noch berührend, sondern einfach nur ermüdend. Ich mag es, wenn ein Autor Einblicke in die Abgründe menschlicher Seelen gewährt, aber diese vier Menschen sind einfach nur komplett zerstörte und fehlgeleitete Persönlichkeiten und leider auch so unsympathisch, dass mir ihr Schicksal wirklich gleichgültig war. Jeder von ihnen hat mit seinen eigenen Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen, und während sie nun in dieser Einöde gefangen sind, brechen die alten Wunden wieder auf. Die beiden Männer sind im Grunde schon seit ihrer Jugend Rivalen, und die beiden Frauen kennen sich zwar kaum, mögen sich aber auch nicht unbedingt. Wie man unter solchen Voraussetzungen überhaupt auf die Idee kommen kann, gemeinsam einen Kurztrip zu unternehmen, ist mir vollkommen schleierhaft. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Emotionen hochkochen und die unterschwellige Feindseligkeit immer wieder zutage tritt. Die Idee, wie sich Menschen in einer solchen Extremsituation verhalten, bietet ja ausreichend Stoff für eine psychologisch ausgefeilte Studie, aber leider hat der Autor dieses Potenzial vollkommen verschenkt.
Besonders gestört hat mich der übermäßige Alkohol- und Drogenkonsum der Protagonisten, der eine sinnvolle Planung ihrer Rückkehr in die Zivilisation ohnehin nicht gerade vereinfacht. Häufig fragte ich mich, ob sich das, was sie im isländischen Hochland erleben, nicht einfach nur in ihren drogenumnebelten Köpfen abspielt. Erstaunlicherweise wirkt sich die ausweglose Situation, in der sie sich befinden, auch nicht negativ auf ihre Libido aus, denn vor allem die Frauen scheinen in dieser nicht gerade erotisch aufgeladenen Atmosphäre ein unstillbares Verlangen nach Sexualität zu verspüren. Aber auch die Männer denken bei jeder unpassenden Gelegenheit an Sex. Bei ihren diversen Ausbruchsversuchen und Erkundungstouren machen sie einige verstörende und wirklich ekelerregende Entdeckungen, denn an Blut, Knochen und halbverwesten Kadavern hat der Autor nicht gerade gespart, aber selbst in solchen Momenten denken die Protagonisten an ihre sexuellen Erfahrungen in der Vergangenheit zurück oder machen sich zum Beispiel Gedanken, wie und ob es zur weiblichen Ejakulation kommen kann.
Der Autor bedient sich billigster und teilweise abstoßendster Horrorelemente, reiht ein absurdes Szenario an das andere, nimmt viele Handlungsfäden auf, führt aber keinen einzigen zu Ende, sodass das Buch leider nichts anderes ist, als die Aneinanderreihung von ekelerregenden Entdeckungen und den vollkommen verwirrten Gedanken der Protagonisten. Irgendwann hat mich auch der Schauplatz nicht mehr fasziniert, denn nichts von dem, was sie während ihres Aufenthalts im isländischen Hochland und im Haus ihrer unheimlichen Gastgeber entdecken, wird aufgelöst oder ergibt einen Sinn. Falls es sich dabei um Metaphern handeln sollte, die für etwas besonders Gehaltvolles stehen, hat sich mir ihre Bedeutung leider nicht erschlossen.
Warum dieses Buch als Thriller bezeichnet wird, ist mir auch vollkommen schleierhaft, denn nach den ersten Kapiteln ist von Spannung nichts mehr zu spüren, und die endlosen Charakterstudien der vier Hauptprotagonisten und ihre Konflikte untereinander sind nicht berührend oder psychologisch tiefgründig, sondern einfach nur langweilig.
Hätte mir der Verlag das Buch nicht als Rezensionsexemplar zugeschickt, hätte ich es nach 100 Seiten abgebrochen, aber um es zu rezensieren, musste ich bis zum Ende durchhalten. Gerne hätte ich noch irgendetwas gefunden, das mir gefallen hätte, aber ich habe mich auf jeder weiteren Seite nur geärgert, denn dieses groteske Horrorszenario ergab für mich bis zum Schluss keinen Sinn. Eigentlich mag ich Horrorthriller, bin auch nicht zartbesaitet und kann abstoßende Passagen durchaus ertragen, wenn mich die Geschichte fesselt, aber selbst die beklemmenden Momente blieben irgendwann aus, weil ohnehin kein roter Faden mehr erkennbar war und die Geschichte immer absurder wurde. Leider war das Buch auch sprachlich und stilistisch nicht besonders eindrucksvoll, sodass ich mich wirklich nur noch durch die Seiten gequält habe und am Ende froh war, dass es einfach nur vorbei ist.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: (1 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den DVA Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Steinar Bragi: Hochland
Verlag: DVA
Ersterscheinungsdatum: 12. September 2016
304 Seiten
ISBN 978-3-421-04697-0

Cover: DVA

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14 Gedanken zu “Buchrezension: Steinar Bragi – Hochland

      • Aber Bragi wird vom Feuilleton ziemlich gelobt. Sein erstes Buch und alle, die noch folgen werde ich mir schenken. „Hochland“ hat mir wirklich gereicht. Ich mag Autoren, die bewusst provozieren und groteske und sogar abstoßende Szenarien entwickeln, Michel Houellebecq macht das z. Bsp. ganz grandios, aber bei Bragi ist das nur Effekthascherei ohne Sinn oder Tiefgang. Grauenhaft!

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      • *Aber Bragi wird vom Feuilleton ziemlich gelobt. *

        Das ist das sicherste Anzeichen, dass ein Belletristik-Buch mir nicht gefallen wird. Mir ist es jedenfalls noch nicht passiert, dass ich ein Buch gut fand, welches die Kulturteile gelobt haben. Hier sind mir Blogs und Amazon-Rezis wichtiger, wobei mich bei letzteren mehr die kritischen Rezis interessieren. Bei den guten habe ich immer mehr das Gefühl, dass es sich um *Gefallens-Rezis* handelt. Ich stelle bei Rezi-Exemplaren ja auch nur die positiven Rezis ein und nicht die kritischen.

        Bei Sachbüchern ist es anderes, die finde ich oft über den Kultur- und Wissenschaftsteil (und natürlich über die Verlagsprogramme, was jetzt aber nicht das Thema ist.) Bei denen ist es mir wichtig, dass sie von Fachleuten beurteilt werden, bevor ich glaube, was dort drin steht. Wobei ich vertrauensvoll davon ausgehe, dass gerade Theiss, C.H. Beck oder Klett-Cotta keinen Mist veröffentlichen. Aber bei Verlagen, die den Schwerpunkt nicht auf Sachbüchern legen, finde eine fachliche Beurteilung nicht verkehrt.

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    • Vielleicht habe ich es auch einfach nicht verstanden und diesem Werk liegt irgendeine tiefgründige Botschaft zugrunde, die ich einfach nicht erkennen konnte. Wenn ich allerdings die anderen Rezensionen so lese, ging es nicht nur mir so. Mich hat es einfach nur geärgert, und ich wüsste zu gerne, was das alles soll. Insofern finde ich es schade, dass es kaum jemand lesen will, denn vielleicht könnte mir dann ja jemand den Sinn dieses Buches erklären 😉

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