Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im Dezember 2016

Das erste Adventswochenende ist nun vorüber und Weihnachten nähert sich mit großen Schritten. Es wird also höchste Zeit einen Blick in die Verlagsvorschauen zu werfen, um nach der richtigen Lektüre für lange Winterabende zu suchen oder den Weihnachtswunschzettel mit Büchern zu füllen. Ich bin ehrlich gesagt ein ziemlicher Weihnachtsmuffel und kann mit all dem Kitsch, den Glöckchen, Sternchen und der aufgesetzten Harmonie, von der man das ganze Jahr über leider recht wenig spürt, nicht viel anfangen. Deshalb steht mir auch in dieser Jahreszeit der Sinn nach spannenden und verstörenden Thrillern. Ich habe wieder fünf interessante Neuerscheinungen gefunden, die im Dezember erscheinen werden und ich gerne lesen möchte.

c-l-taylor-detoxJane Hughes ist eine ganz normale Frau. Sie lebt in einem kleinen Haus, arbeitet in einem Tierheim und ist in einen netten Mann verliebt. Doch ihr Leben ist eine Lüge. Jane Hughes gibt es nicht. Ihre wahre Identität hat sie begraben, zusammen mit der Schuld und den Erinnerungen daran, was vor fünf Jahren in dem Wellness-Resort in Nepal geschah. Mit ihren drei besten Freundinnen wollte sie die Reise ihres Lebens machen – doch nur zwei von ihnen kamen lebend zurück. Jetzt will jemand Rache. Und wird nicht ruhen, bis er Janes Leben und alles, was sie liebt, zerstört hat. (Klappentext: Piper Verlag)

 

 

C. L. Taylor – Detox
Verlag: Piper
Ersterscheinungstermin: 01. Dezember 2016
Taschenbuch – 464 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-492-30381-1


sophie-kendrick-das-gesicht-meines-mordersSie muss sich erinnern, um zu überleben.
Als Clara aus dem Koma erwacht, ist ihr bisheriges Leben wie ausgelöscht. Sie erinnert sich weder ihren eigenen Namen noch an ihren Ehemann, den Schriftsteller Roland Winter. Auch nicht an den Einbrecher, der sie niedergeschlagen haben soll. Freunde scheint sie keine zu haben – Roland ist ihre einzige Verbindung zur Vergangenheit. Mit seiner Hilfe wagt Clara einen Neuanfang. Bis jemand versucht, sie umzubringen. Und die junge Frau begreift, dass sie sich erinnern muss, um zu überleben. Schritt für Schritt rekonstruiert Clara ihr Leben und stößt auf eine geheimnisvolle Frau, mit der sie am Tag des Unglücks verabredet war. Und die seither spurlos verschwunden ist. (Klappentext: Rowohlt Verlag)

 

Sophie Kendrick – Das Gesicht meines Mörders
Verlag: rororo
Ersterscheinungstermin: 16. Dezember 2016
Taschenbuch – 320 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-499-27273-8


Ich vergebe nicht von Mark HillEin Killer mit einer Botschaft aus der Vergangenheit. Und ein Ermittler, der alles zu verlieren hat.

Detective Ray Drake hat alles dafür getan, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und ein normales Leben zu führen. Niemand weiß von seiner Kindheit in einem Londoner Waisenhaus und von den schrecklichen Geschehnissen, die dreißig Jahre zurückliegen. Doch dann wird eine Familie brutal ermordet, und Hinweise tauchen auf, die in Drakes Richtung deuten. Er weiß, dass er sie vertuschen muss, um sein Geheimnis weiterhin zu schützen. Der Täter jedoch scheint fest entschlossen, die Wahrheit ans Licht zu bringen – und sein Rachefeldzug hat gerade erst begonnen … (Klappentext: Blanvalet)

 

Mark Hill – Ich vergebe nicht
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 19. Dezember 2016
Taschenbuch – 480 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-7341-0329-2


Fuerchte den Schlaf von Stevan MenaEin Arztbesuch bringt traurige Gewissheit: Detective Jack Ridge hat nicht mehr lange zu leben. In der kurzen Zeit, die ihm noch bleibt, will er den Fall lösen, der ihn schon seit Jahren verfolgt: Drei junge Frauen wurden grausam ermordet, der Täter nie gefasst. Dann wird die 18-jährige Angelina vermisst, und alles deutet auf Jacks Serienmörder hin. Erst der Anruf eines befreundeten Psychologen bringt Jack auf eine ungewöhnliche Spur: Die neunjährige Rebecca hat schreckliche Albträume und sieht Details zu Jacks Fall, die sie unmöglich wissen kann. Da Jack nichts mehr zu verlieren hat, geht er ihren Hinweisen nach – und bringt damit schließlich auch das kleine Mädchen in größte Gefahr … (Klappentext: Goldmann)

 

Stevan Mena – Fürchte den Schlaf
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 19. Dezember 2016
Taschenbuch – 384 Seiten – 9,99 €
ISBN 978-3-442-48489-8


alex-lake-es-beginnt-am-siebten-tagDer Albtraum einer jeden Mutter: Die fünfjährige Anna ist verschwunden, als Rechtsanwältin Julia sie von der Schule abholen will. Wurde sie entführt? Ist sie tot? Sechs Tage und Nächte voller Angst, sechs Tage voller Selbstvorwürfe. Am siebten Tag taucht das Mädchen wieder auf. Es scheint unverletzt und hat keine Erinnerung an das, was geschah. Julia und ihr Mann Brian sind unendlich erleichtert. Bis Julia merkt, dass das Schlimmste für sie nun erst beginnt. Denn wer auch immer ihre Tochter in der Gewalt hatte und wiedergebracht hat, will nicht das Kind vernichten … Ein Mädchen verschwindet. Doch der wahre Albtraum beginnt, als sie wieder auftaucht – am siebten Tag. (Klappentext: HarperCollins)

 

Alex Lake – Es beginnt am siebten Tag
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 05. Dezember 2016
Klappenbroschur – 472 Seiten – 15,00 €
ISBN 978-3-959-67055-5

Buchrezension: S. L. Grey – Under Ground

Under Ground von SL GreyInhalt:

Ein tödliches Grippevirus breitet sich rasend schnell in Amerika aus und versetzt das ganze Land in große Panik. Doch ein paar betuchte Familien haben bereits für diesen Ernstfall vorgesorgt und sich ein Appartement im Sanctum gekauft – einem unterirdischen Luxusbunker, in dem sie im Fall einer Apokalypse Zuflucht finden können. Sie haben viel Geld in diese Sicherheitsanlage investiert, um sich zu schützen und Katastrophen jeder Art zu überleben. Fünf Familien gelingt es, rechtzeitig im Sanctum anzukommen und sich einzurichten, bevor die Luke geschlossen wird und sie von der Außenwelt abgeschottet sind. Nun wähnen sie sich in Sicherheit vor dem Virus, das bereits die ersten Todesopfer gefordert hat.
Doch schon bald kommt es in der Gruppe zu ersten Spannungen. Durch die Enge und die vollkommene Abgeschnittenheit treten immer wieder Konflikte und Aggressionen zutage. Die Situation eskaliert vollends, als Greg Fuller, der Sicherheitsexperte, der die Luxusbunkeranlage geplant und erbaut hat, tot aufgefunden wird. Unter den Bewohnern des Sanctums bricht Panik aus, denn Greg war der Einzige, der den Code zum Öffnen der Luke kannte. Einen anderen Weg zurück an die Erdoberfläche gibt es nicht. Allmählich gehen nicht nur die Nahrungsmittelvorräte, sondern auch die Wasserreserven zur Neige und der Sauerstoff wird knapp. Außerdem stellt sich die Frage, wie Fuller ums Leben kam, und der Verdacht liegt nahe, dass einer aus der Gruppe ein grausamer Mörder ist. Es beginnt ein unerbittlicher Kampf ums Überleben, bei dem den Bewohnern des Sanctums allmählich bewusst wird, dass ihr größter Feind nicht das Virus ist, sondern mit ihnen unter der Erde lauert.

Meine persönliche Meinung:

Hinter dem Pseudonym S. L. Grey verbergen sich die beiden Autoren Louis Greenburg und Sarah Lotz. Sarah Lotz ist für viele Thrillerleser keine Unbekannte, denn aus ihrer Feder stammen die beiden Thriller Die Drei und Tag Vier. Mit Das Labyrinth der Puppen legte das Autorenduo bereits 2011 sein Debüt vor und schrieb seitdem noch weitere erfolgreiche Horrorthriller, die jedoch bislang nicht alle ins Deutsche übersetzt wurden. In Under Ground, ihrem neusten Thriller, beschäftigen sie sich nun mit der Frage, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten. Da auch ich mir diese Frage schon häufig gestellt habe, war ich sehr gespannt auf dieses Buch.
Die Ausgangssituation ist durchaus realistisch und nicht gerade unwahrscheinlich – ein Grippevirus, das zahlreiche Todesopfer fordert und sich rasend schnell ausbreitet. Ob es Sinn macht, sich aus Angst vor einem Virus in einen unterirdischen Bunker zu flüchten, wage ich zu bezweifeln, da es eigentlich auch vollkommen ausreichen würde, sich mit genügend Vorräten in seinen eigenen vier Wänden zu verbarrikadieren und den Kontakt zu Menschen möglichst zu vermeiden. Nun denn, die Protagonisten in Under Ground sind wahre Weltuntergangsfanatiker, teilweise sehr paranoid und auch wohlhabend genug, um sich auf jede Art von Katastrophe perfekt vorbereiten zu können. Sie haben sich eine Wohnung in der luxuriösen unterirdischen Bunkeranlage Sanctum gekauft, um Schutz zu finden, falls die Apokalypse hereinbricht. Damit die Bewohner des Bunkers auch unter der Erde auf keine Annehmlichkeiten verzichten müssen, hat Greg Fuller, der das Sanctum geplant und erbaut hat, scheinbar an alles gedacht. Die Wohnungen sind exquisit ausgestattet, die Sicherheitsanlage verfügt über einen Swimming-Pool sowie einen Fitnessraum, und da das Leben unter der Erde und ohne Tageslicht recht trist ist, wurden Bildschirme an die Wände montiert, auf denen Videoaufnahmen von Wasserfällen, schneebedeckten Bergen und tropischen Stränden zu sehen sind. Damit die Nahrungsmittelvorräte nicht knapp werden, verfügt der Bunker auch über riesige Vorratskammern und Kühlräume, einen Hühnerstall und Hydrokulturen. Für ihre Survival-Luxuswohnungen haben diese reichen Paranoiker ein halbes Vermögen bezahlt, um jede Apokalypse entspannt überleben zu können. Damit man sich diese Bunkeranlage ungefähr vorstellen kann und den Überblick über die Bewohner nicht verliert, befindet sich auf der ersten Seite des Buches eine Skizze des Sanctums, die diesbezüglich sehr hilfreich ist.
Fünf Familien gelingt es, das Sanctum rechtzeitig zu erreichen, bevor Greg Fuller die Luke schließt. Was auf den ersten Blick noch äußerst luxuriös schien, entpuppt sich allerdings schnell als reine Fassade. Offenbar hat Fuller beim Bau der Anlage an allen Ecken und Enden gespart – der Aufzug funktioniert nicht, trotz seiner Zusicherung gibt es keine ärztliche Versorgung und die Bunkeranlage ist nicht annährend so betriebsbereit, wie sie im Ernstfall sein sollte.
Sechszehn Menschen und ein Hund leben nun zusammen in diesem unterirdischen Bunker, zwar in getrennten Wohnungen, aber dennoch auf engstem Raum. Die Kapitel werden abwechselnd aus der Perspektive von sechs Bewohnern des Sanctums geschildert. Da der Leser nur diese Personen näher kennenlernt, bleiben alle anderen Figuren recht konturlos und sind teilweise auch so klischeeüberladen, dass man sie eher als Typen und nicht als Individuen wahrnimmt. Doch selbst die Protagonisten, aus deren Perspektive berichtet wird, blieben mir bis zum Schluss seltsam fremd, obwohl es sich dabei um die einzigen Sympathieträger in diesem Thriller handelt. Für besonderen Zündstoff sorgt ein reaktionärer Waffennarr nebst seinem rassistischen, sexistischen Sohn und seiner Frau, die einem religiösen Wahn verfallen ist. Allein die Tatsache, dass sie nun mit einem koreanischen Einwanderer und dessen Familie zusammenleben müssen, lässt die Emotionen dieses ausgesprochen widerlichen Mannes, seinem nicht minder ekelhaften Sohn und dieser schizophrenen Religionsfanatikerin ziemlich hochkochen. Lediglich die sehr eingeschüchterte und verängstigte Tochter vermochte es, noch ein paar Sympathiepunkte einzuheimsen. Doch auch die meisten anderen Protagonisten sind recht gestörte Persönlichkeiten oder schlicht unangenehme Zeitgenossen und teilweise leider auch etwas überzeichnet.
Schon am ersten Tag kommt es aufgrund der Enge und auch der recht ungünstigen Personenkonstellation zu ersten Spannungen zwischen den Bewohnern, die jedoch erst dann vollkommen eskalieren, als Greg Fuller tot aufgefunden wird. Mit ihm stirbt auch jede Hoffnung, jemals wieder an die Erdoberfläche zurückkehren zu können, denn nur er kannte den Code, um die Luke zur Außenwelt wieder zu öffnen. Nicht nur die Tatsache, dass unter ihnen offenbar ein Mörder ist, sondern auch die recht knappen Nahrungsmittelvorräte lassen diese ohnehin paranoiden Menschen nun in Panik ausbrechen. Nun offenbaren sich auch all die Mängel des Sanctums, die Fuller ihnen verschwiegen hat. Die Lage des Bunkers ist geheim, die Internetverbindung ist abgerissen und auch mit dem Handy kann keine Hilfe geholt werden. Nur die Fernsehgeräte funktionieren noch. Schnell stellt sich heraus, dass das Grippevirus, vor dem sie sich eigentlich in Sicherheit bringen wollten, zwar Todesopfer forderte, aber keineswegs zu der befürchteten Pandemie führte. Es ist also geradezu grotesk, dass sich nun ausgerechnet der Ort als tödliche Falle entpuppt, an dem sich diese Paranoiker sicher wähnten. Da mir viele Protagonisten sehr unsympathisch waren und ihre Überheblichkeit teilweise ekelerregend und mehr als anstrengend war, konnte ich mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen. Lediglich mit einem kleinen Mädchen sowie dessen Aupairmädchen, das keineswegs freiwillig im Sanctum eingezogen ist, konnte ich mitfiebern und hoffte, dass sie wohlbehalten an die Erdoberfläche zurückkehren können.
Den beiden Autoren ist es ausgesprochen gut gelungen, die überaus klaustrophobische Atmosphäre in diesem Bunker sehr nachvollziehbar und eindrücklich zu schildern, sodass ich die Beklemmung geradezu körperlich spüren konnte. Gekonnt spielen sie mit den Ängsten des Lesers, denn die Vorstellung, mit einer Gruppe von fremden und überwiegend recht absonderlichen Menschen unter der Erde gefangen zu sein, ist ja schon mehr als beängstigend. Der Gedanke, dass Lebensmittel- und Wasservorräte zur Neige gehen, man um die letzten Reserven kämpfen muss, einer aus der Gruppe ein Mörder ist und man weder fliehen noch auf Hilfe hoffen kann, ist eine geradezu alptraumhafte Vorstellung. Aber wie verhalten sich Menschen in solchen Extremsituationen? Im Grunde wäre es sinnvoll, zusammenzuhalten, gemeinsam zu überlegen, wie man sich aus dieser Lage befreien kann und die Vorräte gerecht aufzuteilen. Doch das Wissen, dass sich innerhalb der Gruppe ein Mörder befindet, lässt das Zusammenleben von Misstrauen, Argwohn und Angst beherrschen, denn jeder verdächtigt jeden. Selbst innerhalb der Familien und Paarbeziehungen eskalieren Konflikte, die schon lange unter der Oberfläche brodelten. Schnell ist ein Hauptverdächtiger ausgemacht, gegen den sich nun der Hass aller richtet, den man aus der Gruppe ausschließt und isolieren will. Aber ist der Verdächtige wirklich für den Tod Fullers verantwortlich? Manche Protagonisten haben da ihre Zweifel, versuchen dem Ausgestoßenen zu helfen und ziehen damit wiederrum den Hass der anderen auf sich. Auch ohne zu viel verraten zu wollen, aber es wird nicht bei einem Toten bleiben und die Lage spitzt sich immer mehr zu.
Leider haben die Autoren sehr viel Potenzial verschenkt, denn gerade diese zwischenmenschlichen Konflikte, die angesichts dieser Extremsituation zutage treten, und die Abgründe, die sich in diesem erbitterten Kampf ums Überleben auftun, wären viel erschreckender und vor allem nachvollziehbarer, wenn die Charaktere differenzierter gezeichnet worden wären und etwas mehr Tiefe hätten. Das ist sehr bedauerlich, denn gerade die psychologischen Komponenten, die zu Beginn dieses Thrillers noch in Erscheinung treten, verlieren sich im Verlauf der Erzählung und geraten mit der zunehmenden Anzahl an Leichen immer mehr in den Hintergrund. Viele Protagonisten blieben mir einfach bis zum Schluss vollkommen fremd, sodass mir ihr Verhalten häufig nicht plausibel schien. Die Eskalation der Konflikte mutete zunächst noch durchaus realistisch an, denn dass Menschen in solchen Ausnahmesituationen die Kontrolle verlieren und auf geradezu erschreckende Weise alle moralischen Hemmschwellen über Bord werfen, scheint mir keineswegs abwegig zu sein. Die Glaubwürdigkeit ging jedoch im weiteren Handlungsverlauf immer mehr verloren.
Trotzdem war Under Ground überaus spannend, erschreckend und vor allem äußerst beklemmend. Der Schreibstil lässt sich sehr flüssig und schnell lesen und dieser Thriller weist keine Längen auf. Immer wieder hatte ich einen anderen Bewohner des Sanctums im Verdacht, der Mörder zu sein und fieberte mit den wenigen Sympathieträgern mit, diesem Alptraum doch noch entkommen und aus diesem unterirdischen Gefängnis fliehen zu können. Da es vor unberechenbaren und schwer durchschaubaren Protagonisten nur so wimmelt, ist die Anzahl der Verdächtigen entsprechend hoch. Umso schockierter war ich, als der Mörder dann feststand, denn mit dieser Auflösung hätte ich niemals gerechnet. Leider blieben die genauen Beweggründe des Täters im Dunkeln, sodass das Ende trotzdem nicht zufriedenstellend war und gerade an der recht schwammigen Ausarbeitung der Protagonisten scheiterte. Das ist wirklich bedauerlich, denn dieser Thriller war geradezu atemlos spannend und hätte mich durch tiefere Einblicke in die Psyche der Figuren vollkommen überzeugen können.
Dennoch kann ich Under Ground jedem empfehlen, der spannende Thriller zu schätzen weiß, sich auch vor blutigen und unappetitlichen Szenen nicht abschrecken lässt und sich schon die Frage gestellt hat, wie Menschen in Extremsituationen und unter Todesangst reagieren können.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

S. L. Grey: Under Ground
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 14. November 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-453-43810-1

Cover: Heyne Verlag

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Buchrezension: Paula Hawkins – Girl on the Train

Girl on the TrainDu kennst sie nicht aber sie kennt dich von Paula HawkinsInhalt:

Obwohl die 34-jährige Rachel wegen ihrer Alkoholsucht längst ihren Job verloren hat, pendelt sie jeden Morgen mit dem Zug nach London und abends wieder zurück. Sie will den Schein wahren, dass sie ihr Leben noch immer im Griff hat, obwohl es ihr längst aus den Händen geglitten ist. Der Zug hält jeden Tag für mehrere Minuten an der gleichen Stelle an. Rachel nutzt diese Zeit, um aus dem Zugfenster heraus die Bewohner eines Hauses zu beobachten und sich in deren Leben zu träumen. In dem Haus an der Bahnstrecke wohnt ein kinderloses Paar, das ein perfektes und glückliches Leben zu führen scheint – ein Leben, das Rachel schmerzlich vermisst, denn ihres liegt längst in Trümmern. Sie kennt dieses Paar nicht, nennt sie in ihren Gedanken Jason und Jess und fantasiert sich täglich in deren scheinbar harmonisches Idyll. Auch Rachel war einst glücklich und lebte bis vor ein paar Jahren mit ihrem Mann Tom ganz in der Nähe dieses Hauses, dessen Bewohner sie nun beobachtet.

Die beiden sind wirklich füreinander geschaffen, sie sind ein gutes Gespann. Sie sind glücklich, das sehe ich ihnen an. Sie sind das, was ich früher war. Sie sind Tom und ich vor fünf Jahren. Sie sind, was ich verloren habe; alles, was ich gerne wäre.

Zu ihrem Entsetzen sieht sie jedoch eines Tages, wie ihre vermeintlich perfekte „Jess“ im Garten einen fremden Mann küsst. Rachel ist schockiert, nimmt diesen Betrug, der ihren Traum jäh zerstört, so persönlich, dass sie sich wieder einmal betrinkt. Wenn sie betrunken ist, tut sie häufig Dinge, die ihr hinterher peinlich sind, kann sich jedoch oft gar nicht mehr an die Details erinnern. Ständig traktiert sie ihren Exmann und dessen neue Ehefrau Anna mit Anrufen oder taucht vor ihrem ehemaligen Zuhause auf, um das Gespräch mit Tom zu suchen.
Ein Tag, nachdem sie ihre „Jess“ mit dem fremden Mann beobachtet hatte, verschwindet diese Frau plötzlich spurlos. Aus der Zeitung erfährt Rachel, dass die Frau Megan heißt und vermisst wird. Just am Abend ihres Verschwindens hatte sich Rachel wieder einmal vollkommen betrunken in der Gegend aufgehalten, erwachte am nächsten Tag verkatert und mit einer Platzwunde über dem Auge, hat aber einen Filmriss und kann sich nicht mehr erinnern, was in der Nacht zuvor passiert war. Da sie von Anna in der Nähe von Megans Zuhause gesehen wurde, steht bald die Polizei vor ihrer Tür. Rachel wird zwar nicht verdächtigt, aber als sie den Beamten erzählt, am Tag zuvor gesehen zu haben, dass Megan einen fremden Mann geküsst hat, will man den Beobachtungen der offenbar schwer alkoholkranken und psychisch instabilen Frau keinen Glauben schenken. Doch Rachel lässt Megans Verschwinden keine Ruhe, sie will wissen, was in jener Nacht vorgefallen ist und versucht, aus ihren vagen und alkoholumnebelten Erinnerungen Stück für Stück die Wahrheit zu rekonstruieren…

Meine persönliche Meinung:

Seit mehr als einem Jahr liegt Girl on the Train nun schon auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Inzwischen wurde der Roman verfilmt und der Film startete am 27. Oktober 2016 in den deutschen Kinos. An diesem Buch scheinen sich die Geister wahrlich zu scheiden – die einen finden es todlangweilig, die anderen mitreißend und ergreifend und während die einen von der Hauptprotagonistin genervt, teilweise sogar angeekelt waren, fanden die anderen ihr Schicksal erschütternd. Es war also an der Zeit, mir nun endlich ein eigenes Urteil zu bilden, denn je kontroverser ein Buch diskutiert wird, umso gespannter bin ich darauf.
Paula Hawkins macht es dem Leser wirklich nicht gerade sehr leicht, ihre Hauptprotagonistin Rachel zu mögen. Sie ist schon etwas anstrengend und man möchte sie manchmal einfach schütteln, ihr die Flasche wegnehmen und sie bitten, endlich mit der Sauferei aufzuhören. Ihre Alkoholexzesse werden häufig sehr drastisch geschildert, und es ist wirklich erschütternd, wie ihr Umfeld darauf reagiert. Niemand scheint Rachel noch ernst zu nehmen, niemand glaubt ihr, als sie ihre Beobachtungen schildert, teilweise sind die Menschen regelrecht angewidert von ihr, aber das Schlimmste ist, dass sie auch ihre Selbstachtung und den Respekt vor sich selbst verloren hat. Da sie ihre Erlebnisse aus der Ich-Perspektive schildert, kommt ihr der Leser sehr nahe und kennt all ihre Gedanken und Emotionen. Sie hat die Trennung von ihrem Mann nie überwunden und liebt ihn immer noch, obwohl er sie betrogen hat. Sie kann und will nicht akzeptieren, dass Tom nun mit seiner neuen Frau und seinem Kind in dem Haus lebt, in dem sie einst mit ihm glücklich war. Getrunken hat sie jedoch schon während ihrer Ehe, da ihr geradezu zwanghafter Kinderwunsch unerfüllt blieb und sie in die Depression trieb. Einerseits war ich sehr ergriffen und hatte Mitleid mit Rachel, konnte ihr Verzweiflung und Einsamkeit sehr gut nachfühlen, aber andererseits war ihr selbstzerstörerisches Verhalten manchmal nur schwer zu ertragen.
All ihre eigenen Sehnsüchte und Träume von Glück und Harmonie überträgt sie nun auf das Paar, das sie jeden Morgen vom Zug aus beobachtet und ist natürlich umso schockierter, als sie feststellen muss, dass diese Frau, die sie „Jess“ nennt und in der sie sich selbst wiederzuerkennen glaubte, ihren Mann ganz offensichtlich betrügt. Als diese Frau plötzlich verschwindet, will Rachel herausfinden, was in der Nacht ihres Verschwindens passiert ist und verstrickt sich dabei in geradezu hanebüchene Lügen. Da sie eigentlich nur selten nüchtern ist, sind ihre Handlungen häufig sehr schwer nachvollziehbar, auch wenn sie in ihrem Kopf durchaus Sinn zu machen scheinen. Ihre Gedankengänge wirken oft sehr abstrus, und manchmal hätte ich sie am liebsten aufgehalten und gebeten, sich einfach aus den Angelegenheiten dieser ihr vollkommen fremden Menschen herauszuhalten. Trotzdem war ich natürlich gespannt darauf, zu erfahren, welches Geheimnis hinter Megans Verschwinden steckt.
Die Spannung dieses Romans beruht nicht zuletzt auf der unzuverlässigen Erzählweise, bei der das, was Rachel denkt und zu wissen glaubt, immer wieder in Frage gestellt werden muss. Allerdings werden die Geschehnisse nicht nur aus Rachels, sondern auch aus der Ich-Perspektive von Megan und Anna, Toms neuer Ehefrau, geschildert. Dabei wird der Handlungsverlauf nicht chronologisch-linear erzählt, denn während man die Ereignisse der Gegenwart aus der Perspektive von Rachel und Anna erfährt, wirft man mit Megan einen Blick in die Vergangenheit und in die Wochen vor ihrem Verschwinden. Jedes Kapitel beginnt mit einer Datumsangabe, die man im Auge behalten sollte, denn sonst ist es kaum möglich, den Überblick zu behalten. Diese Erzählweise ist sehr raffiniert und gut durchdacht, denn auch Megan und Anna haben keineswegs einen unvoreingenommenen Blick auf die Ereignisse, sodass der Leser an der Glaubwürdigkeit aller drei Protagonistinnen zweifeln muss und aufgrund ihrer unterschiedlichen Beurteilungen immer wieder neue Vermutungen anstellt. Die männlichen Protagonisten bleiben allerdings recht konturlos und auch rätselhaft, da man sie nur aus der Perspektive der drei Frauen kennenlernt und jede von ihnen eben einen anderen Eindruck vermittelt. Obwohl das Personal in diesem Roman und damit der Kreis der Verdächtigen recht überschaubar ist, wusste ich bis zum Schluss nicht, wer hinter Megans Verschwinden steckt, wie die Ereignisse nun zusammenhängen und musste alle Mutmaßungen, die ich anhand der widersprüchlichen Wahrnehmungen der Protagonistinnen angestellt hatte, wieder verwerfen. Von der Auflösung war ich mehr als überrascht, aber am Schluss ergibt sich trotz aller Verwirrspiele ein logisches und schlüssiges Ganzes.
Ich kann verstehen, dass all jene, die einen temporeichen Thriller erwartet haben, etwas enttäuscht sind, denn Paula Hawkins Erzählstil ist eher gemächlich. Auf dem Cover wird Girl on the Train jedoch auch nicht als Thriller, sondern als Roman bezeichnet, und gemächlich bedeutet nicht, dass das Buch jemals langweilig geworden wäre. Auch die düstere und triste Grundstimmung dieses Romans ist sicher Geschmacksache, hat mir allerdings ausgesprochen gut gefallen. Paula Hawkins beweist in diesem Roman, ein enormes Einfühlungsvermögen in ihre wirklich brillant ausgearbeiteten Figuren und schafft es, eine subtile, psychologische Spannung aufzubauen, die mich bis zum Schluss fesseln konnte. Für mich war Girl on the Train ein anspruchsvolles, tiefgründiges und dennoch packendes Leseerlebnis. Da ich von Romanverfilmungen meistens enttäuscht bin, weiß ich allerdings noch nicht, ob ich mir nun auch den Film anschauen werde.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Paula Hawkins: Girl on the Train. Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 15. Juni 2015
448 Seiten
ISBN 978-3-7645-0522-6

Cover: Blanvalet Verlag

Buchrezension: Patricia Walter – Kalte Erinnerung

patricia-walter-kalte-erinnerungInhalt:

Als Zoe eines Morgens schweißgebadet aus einem schrecklichen Albtraum erwacht und ihr ein stechender Schmerz durch alle Glieder fährt, stellt sie zu ihrem Erstaunen fest, dass ihr ganzer Körper mit frischen Wunden, blauen Flecken und Schnitten übersät ist. Allerdings kann sie sich nicht erklären, woher diese Verletzungen stammen, denn ihr fehlt jegliche Erinnerung an die vergangenen zwei Tage. Auch ihr Mann David ist spurlos verschwunden, und obwohl sein Handy sonst immer angeschaltet ist, kann sie ihn telefonisch nicht erreichen. Sie hinterlässt ihm eine Nachricht, aber er ruft sie nicht zurück und scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein.
Noch während die sich fragt, woher sie diese Verletzungen hat und wo ihr Mann David ist, klingelt ihr Telefon. Doch statt der vertrauten Stimme ihres Mannes, meldet sich eine verzerrte, metallisch klingende Stimme und bedroht sie. Der unbekannte Anrufer scheint Zoe gut zu kennen, will die Wahrheit über die Geschehnisse der vergangenen Nacht wissen und droht, sie und ihren geliebten Kater Plinky zu töten, falls sie ihm nicht erzählt, was sie weiß oder mit irgendjemand anderem darüber redet. Doch so sehr sich Zoe auch bemüht – ihre Erinnerungen kehren nicht zurück. Aber sie muss sich erinnern, falls sie überleben will. Bei der Suche nach ihrer Erinnerung ist sie vollkommen auf sich allein gestellt, denn sie weiß nicht mehr, wer überhaupt noch auf ihrer Seite steht und erlangt zunehmend die Gewissheit, dass sie niemandem vertrauen kann. Stück für Stück kommt sie der Wahrheit allmählich näher, doch das, was sie herausfindet, ist schlimmer als alles, was sie sich jemals vorgestellt hatte.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe mich sehr gefreut, als mich Patricia Walter anschrieb und anfragte, ob ich ihr Thrillerdebüt Kalte Erinnerung lesen möchte, da die Inhaltsbeschreibung überaus spannend klang. Zugegebenermaßen scheint die Grundidee des Buches auf den ersten Blick nicht besonders originell zu sein, ist aber durchaus solide und hat Potenzial für einen packenden Thriller, sodass ich sehr gespannt war, ob es der Autorin gelingt, diese Idee innovativ und fesselnd umzusetzen. Soviel sei vorneweg gesagt – es ist ihr ausgesprochen gut gelungen. Ich habe diesen Thriller innerhalb weniger Stunden in einem Rutsch durchgelesen, regelrecht verschlungen und erst wieder aus der Hand gelegt, als ich wusste, wie diese packende und beklemmende Geschichte endet. Die Autorin versteht es, von der ersten Seite an eine enorme Spannung aufzubauen, diese durchgängig auf einem hohen Level zu halten und am Ende sogar noch zu steigern. Durch die kurzen Kapitel und den flüssigen Schreibstil, der sich angenehm und zügig lesen lässt, fliegt man förmlich durch die Seiten, und da jedes Kapitel mit einem Cliffhanger endet, konnte ich gar nicht aufhören zu lesen.
Patricia Walter hat die Protagonisten ihres Psychothrillers sehr gut ausgearbeitet und präzise gezeichnet. Das ganze Buch ist aus der Perspektive der Hauptprotagonistin Zoe erzählt, sodass man ihr natürlich besonders nahekommt und ihre Ängste hautnah miterlebt. Diese sind so authentisch und nachvollziehbar geschildert, dass ich mich sehr gut in diese Frau hineinversetzen konnte und natürlich auch mit ihr mitfieberte. Die bedrohliche Situation, in der sie sich befindet, war auf jeder Seite spürbar und sorgte für beklemmende Momente und eine nicht nachlassende Spannung.
Alle anderen Figuren lernt man nur aus Zoes Perspektive kennen und bleiben bis zum Schluss äußerst rätselhaft und mysteriös. Man weiß, dass der unbekannte Anrufer, der Zoe mit verzerrter Stimme bedroht, jemand sein muss, der sie offenbar gut kennt und aus ihrem beruflichen oder privaten Umfeld stammen muss. Der Verdacht wird sehr geschickt immer wieder auf eine andere Person gelenkt, sodass ich bis zum Schluss keine Ahnung hatte, wer dahinterstecken könnte. Da ein klassischer Bösewicht oder ein Protagonist, der gänzlich unsympathisch wäre, vollkommen fehlt, war ich, ebenso wie Zoe, immer wieder hin- und hergerissen und fragte mich, ob sie manchen Personen nicht vielleicht doch vertrauen könnte, denn viele Verdächtige hatten auch sehr liebenswürdige Charakterzüge, sodass ich geneigt war, jeden Verdacht wieder zu verwerfen. Nur eine Figur war mir nahezu durchgängig suspekt, aber ich konnte beim besten Willen kein Motiv erkennen. Anhand dieses Charakters wird auch sehr gut deutlich, dass man sich häufig zu vorschnell eine Meinung von einem Menschen bildet, ohne die Hintergründe seines Verhaltens zu kennen.
Die Autorin hat es äußerst geschickt verstanden, mich stets aufs Neue in die Irre zu führen und auf falsche Fährten zu locken. Allerdings hatte ich gegen Ende des Buches die Befürchtung, dass der ganze Plot nun so verzwickt ist, dass er sich gar nicht mehr logisch und nachvollziehbar auflösen lässt, ohne dass ein an den Haaren herbeigezogener Zufall oder eine bisher gar nicht in Erscheinung getretene Figur aus dem Ärmel gezaubert wird. Sowas macht mich immer ziemlich wütend, denn dann fühle ich mich von einem Autor hinters Licht geführt, und auch Logikbrüche verzeihe ich im Krimi- und Thrillergenre nicht. Aber all meine Befürchtungen haben sich glücklicherweise als unbegründet herausgestellt. Als ich dann wusste, wer der Täter ist, war ich sehr überrascht, denn mit dieser Auflösung hätte ich niemals gerechnet. Trotzdem hatte ich noch viele offene Fragen, da vieles für mich noch immer keinen Sinn ergab. Aber auch hier hat mich die Autorin nicht enttäuscht, denn am Schluss wurden all meine Fragen logisch und schlüssig beantwortet. Ich habe im Thrillergenre wirklich selten eine so gut durchdachte und bis ins kleinste Detail ausgefeilte Geschichte gelesen, die gleichzeitig auch durchgehend spannend war und keine Längen aufwies. Patricia Walter verzichtet vollkommen auf blutige und brutale Szenen, sondern setzt vielmehr auf psychologische Spannung, sodass auch zartbesaitete Gemüter ihre Freude an diesem Buch haben werden.
Ich kann Kalte Erinnerung von Patricia Walter jedem ans Herz legen, der gut durchdachte und raffiniert komponierte Psychothriller mag und spannend und intelligent unterhalten werden möchte und würde mich nach diesem großartigen Debüt freuen, bald noch mehr von dieser Autorin lesen zu dürfen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an Patricia Walter für ihre freundliche Anfrage und an den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zusandte!

Buchdetails:

Das Buch ist derzeit nur als E-Book erhältlich, erscheint am 01. März 2017 jedoch auch als Taschenbuch bei Bastei Lübbe

Patricia Walter: Kalte Erinnerung
Verlag: Bastei Entertainment
Ersterscheinungsdatum: 31. Oktober 2016
260 Seiten
ISBN 978-3-7325-3150-9

Cover: Bastei Lübbe

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Buchrezension: Julia Heaberlin – Mädchentod

Maedchentod von Julia HeaberlinInhalt:

Tessa Cartwright wurde kurz vor ihrem 17. Geburtstag entführt und auf einem Feld inmitten von Knochen und neben der Leiche eines anderen Mädchens lebendig begraben. Sie ist kaum noch am Leben als sie wie durch ein Wunder in letzter Minute gefunden wird. An die Geschehnisse der letzten zweiunddreißig Stunden hat sie keine Erinnerungen mehr und würde selbst das Wenige, an das sie sich noch erinnern kann, am liebsten aus ihrem Gedächtnis verbannen. Den Anblick der erwürgten Collegestudentin und der Knochen der anderen unbekannten Mädchen, mit denen sie begraben wurde, sowie die Blumen, die Schwarzäugigen Susannen, die an ihrem Grab lagen und den namenlosen Opfern ihren Namen gaben, konnte sie allerdings nie vergessen. Tessa ist die einzige Überlebende des Serienmörders, die einzige Schwarzäugige Susanne, die gerettet werden konnte, und erlangte damit traurige Berühmtheit.
Auch siebzehn Jahre später wird sie aufgrund einer halbmondförmigen Narbe, die der Ring eines der anderen Opfer unter ihrem Auge hinterlassen hat, noch immer erkannt. Trotz diverser Therapien sind Tessas Erinnerungen nie zurückgekehrt, aber sie hört noch immer die Stimmen der anderen Schwarzäugigen Susannen, mit denen sie gemeinsam im Grab gelegen hatte. Der Täter konnte allerdings inzwischen gefasst werden und wartet nun im Todestrakt auf seine bevorstehende Hinrichtung. Jedoch hat jemand Schwarze Susannen vor Tessas Fenster gepflanzt und sie erhält außerdem immer wieder rätselhafte Nachrichten, die eigentlich nur vom Täter stammen können. Der vermeintliche Serienmörder soll in wenigen Wochen hingerichtet werden, aber Tessa beschleicht immer mehr der Verdacht, dass ein Unschuldiger verhaftet wurde, der wahre Täter noch immer auf freiem Fuß ist und sein Werk vollenden will. Gemeinsam mit einer Therapeutin, dem Anwalt Bill, der das Wiederaufnahmeverfahren des zum Tode Verurteilten betreibt, und einer Forensikerin begibt sie sich wieder auf die Spurensuche in ihre Vergangenheit, denn sie spürt, dass der wahre Mörder ganz in ihrer Nähe ist.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe dieses Buch schon vor ein paar Monaten beim Stöbern in der Verlagsvorschau entdeckt und war so gespannt darauf, dass ich den Erscheinungstermin kaum abwarten konnte. Und so habe ich mich natürlich gefreut, dass ich Mädchentod gleich am Ersterscheinungstag in den Händen hielt und mit dem Lesen beginnen konnte. Nun ja, ein Buch dieses Umfangs lese ich in der Regel sehr schnell, aber der Einstieg in die Geschichte fiel mir recht schwer und war leider auch so langatmig, dass ich nicht so recht in Lesefluss kam, das Buch immer wieder zur Seite legte, mich zwischendurch anderen Büchern zuwandte und mehrere Wochen brauchte, um es zu beenden. Dies lag allerdings vor allem am Schreibstil bzw. an der Übersetzung des Textes, denn die Sprache ist so holprig und sperrig, dass das Lesen für mich recht anstrengend war und ich einige Kapitel brauchte, um mich daran zu gewöhnen. Außerdem passiert zu Beginn dieses Psychothrillers einfach recht wenig, sodass es ziemlich lange dauert, bis die Geschichte in Fahrt kommt.
Mädchentod wird abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt und die Kapitel wechseln zwischen den Geschehnissen der Gegenwart, kurz vor der Hinrichtung des vermeintlichen Täters, und den Ereignissen des Jahres 1995, kurz nachdem Tessie gerettet wurde. Beide Zeitebenen werden aus der Ich-Perspektive des Opfers geschildert, sodass man nicht nur der damals siebzehnjährigen Tessie, sondern auch der heutigen Tessa sehr nahekommt. Dennoch fiel es mir mitunter recht schwer, mich in die Hauptprotagonistin einzufühlen und ihre Gedankengänge und Handlungen nachzuvollziehen. Dabei ist es der Autorin zunächst wirklich sehr gut gelungen, die traumatischen Erinnerungen, die Tessa an die Stunden kurz vor ihrer Rettung hat, sehr eindrücklich zu beschreiben. Sie erinnert sich nicht an ihre Entführung, sondern nur daran, auf dem Feld inmitten von Knochen und neben der Leiche eines anderen Mädchens begraben worden zu sein, an die Insekten, Ratten und Krähen sowie an die Schwarzäugigen Susannen, also die Blumen, die an ihrem gemeinsamen Grab verstreut wurden. Diese Erinnerungen verfolgen Tessa noch heute, und noch immer träumt sie von den anderen Opfern des Serienmörders, ihren Schwarzäugigen Susannen, und hört ihre Stimmen. Es war für mich durchaus nachvollziehbar, dass sie diese traumatischen Erlebnisse niemals vergessen konnte, denn Julia Heaberlin hat Tessa sehr fein gezeichnet und gewährt durch die gewählte Ich-Perspektive tiefe Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt.
In den Kapiteln, die im Jahre 1995 spielen, begleitet man Tessa während der Therapiestunden mit ihrem Psychologen und erfährt auch, dass sie bereits mehrere Therapeuten hatte, diese jedoch bisher alle ablehnte. Sie leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, was angesichts ihres Schicksals nicht verwunderlich ist, und einige Zeit auch an einer hysterischen Blindheit, also einer dissoziativen Sehstörung, bei der sich das Unterbewusstsein weigert, etwas zu sehen, obwohl die Augen gesund sind. Schwer nachvollziehbar war für mich, dass das Mädchen während dieser Therapiesitzungen so flapsig und aggressiv ist und wirklich nichts auslässt, um ihren Therapeuten zu provozieren. Für ein schwer traumatisiertes Mädchen fand ich ihr Verhalten nicht nur unangebracht, sondern auch nicht besonders glaubwürdig. Ich konnte zwar noch nachvollziehen, dass sie sich einerseits erinnern und ihre Erlebnisse verarbeiten will, andererseits lieber alles verdrängen und vergessen möchte, aber ihre Aggressionen und Provokationen waren für mich unverständlich.
Noch unverständlicher war für mich jedoch ihr Verhalten in der Gegenwart. Der vermeintliche Täter wurde bereits kurz nach ihrer Entführung verhaftet und zum Tode verurteilt. Schon wenige Wochen nach dem Prozess erhält Tessa zum ersten Mal Schwarzäugige Susannen, aber erst siebzehn Jahre später, kurz bevor der Mann, der seit Jahren unschuldig im Todestrakt sitzt, hingerichtet werden soll, kommt sie auf die Idee, dass diese Blumenbotschaften vom wahren Täter stammen könnten. Und nicht nur das, denn selbst nachdem sie endlich beschlossen hat, mit dem Anwalt des offenbar unschuldig Verurteilten den wahren Mörder zu finden, spricht sie mit niemandem über diese Schwarzäugigen Susannen, die über mehrere Jahre hinweg, wo immer sie auch gewohnt hat, vor ihrem Fenster gepflanzt wurden. Das mag verstehen, wer will, aber einleuchtend war dies für mich nicht, zumal sie immer wieder betont, dass sie sehen will, dass ihr „Monster“ stirbt und für seine grauenhaften Taten bestraft wird. Der Spannung des Plots ist dieses fragwürdige Verhalten der Protagonistin natürlich zuträglich, denn die Tage bis zur Hinrichtung sind inzwischen gezählt und so ist der Leser logischerweise sehr gespannt, wie und ob es überhaupt noch gelingen kann, das Leben des unschuldig Inhaftierten rechtzeitig zu retten. Dass er unschuldig ist, steht jedenfalls von Anfang an außer Frage. Obwohl man über diesen Mann, der seit mehr als einem Jahrzehnt unschuldig im Gefängnis sitzt, nur sehr wenig erfährt, war es sein Schicksal, das mich irgendwann am meisten berührte, während Tessa mir häufig ziemlich auf die Nerven ging. Julia Heaberlin erwähnt im Nachwort ihres Thrillers, dass sie sich bei ihren Recherchen nicht nur mit Psychologen und Anwälten, sondern auch mit einem ehemals zu Unrecht inhaftierten Strafgefangenen in Verbindung gesetzt hat, was man in einigen Passagen deutlich merkt und mich sehr beeindruckt und bewegt hat.
Nun, immerhin konnte ich mit der erwachsenen Tessa doch deutlich mehr anfangen, als mit der siebzehnjährigen Tessie. Die Kapitel, bei denen man einen Blick in das Jahr 1995 zurückwirft waren leider auch furchtbar langweilig, haben den Spannungsbogen immer wieder unterbrochen, denn außer den recht sinnlosen und wenig fruchtbaren Gesprächen mit ihrem Therapeuten passiert in diesen Passagen leider absolut nichts. Im Nachhinein betrachtet machen diese Kapitel zwar durchaus Sinn, aber da sich in ihnen dasselbe Szenario unendlich wiederholt, hätten sie nicht in dieser Ausführlichkeit und Regelmäßigkeit den gegenwärtigen Handlungsverlauf unterbrechen müssen.
Die Kapitel, die in der Gegenwart spielen waren nämlich durchaus spannend, da man die bedrohliche Situation, in der sich Tessa und ihre Tochter befinden, spürbar war und man eben auch hofft, dass der unschuldig zum Tode Verurteilte noch rechtzeitig gerettet werden kann.
Sehr interessant war hierbei auch, wie die Arbeit der Forensikerin geschildert wurde, die die sterblichen Überreste der anderen Opfer untersucht und versucht, den Schwarzäugigen Susannen, die bereits vor siebzehn Jahren ermordet wurden, eine Identität und einen Namen zu geben. Man merkt deutlich, dass die Autorin für diesen Thriller sehr akribisch recherchiert und sich umfassend über Methoden der Identifizierung von Leichen- und Knochenfunden informiert hat. Ich bin immer sehr beeindruckt, wenn sich Autoren die Mühe machen, für ihre Bücher gut zu recherchieren, denn das macht einen Thriller einfach glaubwürdiger.
Trotzdem war Mädchentod nur leidlich spannend und nahm erst gegen Ende richtig Fahrt auf. Die Auflösung des Falls war durchaus überraschend und nicht vorhersehbar, da die Autorin immer wieder falsche Fährten streut und der Leser eben nur die Perspektive der Hauptprotagonistin kennt, die ebenfalls im Dunkeln tappt und keine Erinnerungen mehr an die Geschehnisse hat. Leider bleiben auch am Ende noch zu viele Fragen offen, sodass mich dieses Buch mit einem ziemlich unbefriedigenden Gefühl zurückließ.
Die gute Recherchearbeit und die Einblicke in die Forensik sowie die teilweise sehr tiefgründigen Gedanken zur Rechtspraxis der Todesstrafe haben mich wirklich überzeugt. Auch die bedrohliche Situation, in der sich Tessa befindet, wurde sehr eindrücklich und nachvollziehbar geschildert. Die Idee, die diesem Psychothriller zugrunde liegt, hatte durchaus Potenzial, aber leider konnte mich die Umsetzung nicht so recht überzeugen und in weiten Teilen hat mir leider auch die Spannung gefehlt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Mein herzlichster Dank geht an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise kostenlos zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Julia Heaberlin: Mädchentod
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 17. Oktober 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-48398-3

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Zoran Drvenkar – Sorry

Zoran Drvenkar - SorryInhalt:

Bislang waren Kris, sein Bruder Wolf, Frauke und Tamara in ihrem Leben nicht sehr erfolgreich, hangelten sich von Job zu Job, sind immer wieder gescheitert und haben es nie geschafft, beruflich richtig Fuß zu fassen. Doch als sie eines Abends zusammensitzen und über den Sinn des Lebens philosophieren, hat Kris eine neue Geschäftsidee. Tagtäglich wird gelogen und betrogen, Menschen werden erniedrigt, verletzt und beleidigt, aber kaum jemand ist in der Lage, sich zu entschuldigen. Selbst wenn man sich seines Fehlverhaltens bewusst wird und einsieht, dass man sich falsch verhalten hat, schafft man es nicht, um Verzeihung zu bitten, sodass die Schuld für immer am Gewissen nagt. Und so beschließen die vier Freunde, eine Agentur für Entschuldigungen zu gründen und sich im Namen ihrer Klienten zu entschuldigen. Sie schalten eine Anzeige und schon kurz darauf melden sich die ersten Interessenten.

SORRY

WIR SORGEN DAFÜR,
DASS IHNEN NICHTS MEHR PEINLICH IST.
FEHLTRITTE, MISSVERSTÄNDNISSE,
KÜNDIGUNGEN; STREIT & FEHLER.

WIR WISSEN, WAS SIE SAGEN SOLLTEN.
WIR SAGEN, WAS SIE HÖREN WOLLEN.
PROFFESSIONELL & DISKRET

Die vier Freunde haben mit ihrer Geschäftsidee erstaunlich schnell Erfolg, denn offenbar haben viele Menschen das Bedürfnis, auf diese Weise ihr Gewissen zu erleichtern. Schon bald können sie eine alte Villa am Kleinen Wannsee kaufen, gemeinsam dort einziehen und ihre florierende Agentur betreiben. Doch ihre Glückssträhne reißt ab, als sie eines Tages von einem Klienten gebeten werden, sich in seinem Namen bei einer Toten zu entschuldigen, der unsägliche Qualen zugefügt wurden, bevor sie starb. Er geht mit seiner Forderung noch weiter, denn er beauftragt die Agentur „Sorry“ auch, die Leiche zu entsorgen. Kris, Wolf, Frauke und Tamara bleibt nichts anderes übrig, als sich seinem Willen zu beugen, denn ihr Kunde lässt sie wissen, dass er alles von ihnen weiß und nicht davor zurückschrecken wird, ihre Familien zu besuchen. Sie müssen sich auf sein perfides Spiel einlassen, wenn sie ihre Liebsten beschützen wollen – und dieses grausame Spiel ist noch lange nicht vorbei.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe erst vor ein paar Monaten Zoran Drvenkars Thriller Still gelesen, ein Buch, das mich zwar häufig an die Grenzen dessen brachte, was ich ertragen kann, aber mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird und in jeder Hinsicht grandios, originell und innovativ war. Da Still vor allem sprachlich und stilistisch wirklich herausragend war und man im Thriller-Genre nur sehr selten Bücher findet, die literarisch so hochwertig sind, war ich nun auch sehr gespannt auf Sorry, das Buch, für das Drvenkar 2010 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Roman ausgezeichnet wurde.
Ich habe bereits auf den ersten Seiten gemerkt, dass es sich auch bei Sorry um einen Thriller handelt, der sich deutlich von anderen Büchern dieses Genres abhebt. Außergewöhnlich ist nicht nur das hohe sprachliche Niveau, sondern auch die formale und stilistische Originalität. Das mag zunächst etwas verwirren, weil man es eben nicht gewohnt ist, aber dennoch war ich sofort von diesem Buch gefangen, was nicht zuletzt an Drvenkars Sprachstil liegt, der zwar äußerst poetisch, aber auch so knapp, eindringlich und ungemein intensiv ist, dass man sich seinem Sog kaum entziehen kann und in die Abgründigkeit der Geschichte förmlich hineingezogen wird. Ich bin nach wie vor ein großer Anhänger der alten deutschen Rechtschreibung, fand es sehr sympathisch, dass Drvenkars 2014 erschienenes Buch Still auf ausdrücklichen Wunsch des Autors in der alten deutschen Rechtschreibung gesetzt wurde und er bereits 2009 in Sorry an dieser Schreibweise festhielt. Eine weitere Eigenheit des Autors besteht darin, wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen zu setzen, sondern sie mit Spiegelstrichen kenntlich zu machen, was zunächst allerdings etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Ungewöhnlich ist aber vor allem die formale Struktur des Textes, denn die Kapitel sind mit „Dazwischen“, „Davor“, „Danach“, „Du“, „Kris“, „Tamara“, „Frauke“, „Wolf“ und „Der Mann, der nicht da war“ überschrieben, wechseln also zwischen mehreren Zeitebenen und werden abwechselnd aus der Sicht der vier Freunde, des Mörders und einer weiteren unbekannten Person geschildert. Bis zum Schluss weiß man nicht, wer sich hinter „Du“ und dem „Mann, der nicht da war“ verbirgt. Allerdings weiß man, dass es sich bei den Du-Kapiteln nur um die Perspektive des Mörders handeln kann. Besonders verstörend an diesen Kapiteln ist, dass sie in der zweiten Person Singular geschrieben sind, der Mörder den Leser also direkt anspricht. Damit wird eine äußerst unbehagliche Nähe und Vertrautheit zu dem unbekannten und brutalen Mörder erzeugt, was überaus irritierend und befremdlich ist.
Da ich ja bereits Still gelesen hatte, wusste ich ungefähr, worauf ich mich einlasse, und da der Autor zugibt, beim Schreiben selbst Angst vor seinem Buch gehabt zu haben, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich bereits auf den ersten Seiten von Sorry schockiert war. Drvenkars Thriller sind wirklich nur für äußerst nervenstarke Leser geeignet, denn im weiteren Verlauf der Erzählung sollte es noch weitaus schlimmer kommen als bei dem Mord, der zu Beginn des Buches geschildert wird. Zweifellos ist Kindesmissbrauch eine der schlimmsten Perversionen, zu der Menschen fähig sind. Es ist ein Thema, das nur schwer zu ertragen ist, über das aber eben auch so eindrücklich geschrieben werden muss, dass es unerträglich ist. Es muss geradezu wehtun und aufs Äußerste erschüttern, wenn man sich mit dieser Thematik literarisch auseinandersetzt, denn nur so kann das unsägliche Leid, das diesen Kindern angetan wurde, deutlich werden. Drvenkar verzichtet darauf, Gewalt und Missbrauch detailliert zu beschreiben, setzt nicht auf effekthascherische Brutalität, die allenfalls platt, aber keineswegs erschütternd wäre. Stattdessen schafft er es mit seiner intensiven Sprache, mit der er fast beiläufig Einblicke in die schlimmsten Abgründe der menschlichen Seele gewährt, dass das Erzählte umso verstörender und schockierender wirkt. Das Grauen, das häufig nur angedeutet wird und zwischen den Zeilen steht, sich wie ein Film im Kopf des Lesers abspielt, ist viel ergreifender und wirkungsvoller als es detaillierte Gewaltbeschreibungen jemals sein könnten. Das muss man aushalten können, weshalb ich zartbesaiteten Gemütern eher abraten würde, Drvenkars Bücher zu lesen.
Da die Perspektive des Mörders in der zweiten Person erzählt wird und er dem Leser damit unangenehm nahekommt, begleitet man ihn nicht nur bei der Durchführung seiner Morde, sondern assistiert ihm geradezu, was auch mehr als verstörend ist. Besonders irritierend ist jedoch, dass die Grenzen zwischen Opfern und Tätern, zwischen Gut und Böse immer wieder verschwimmen und man die abscheulichen Taten des Mörders am Ende des Buches auf erschreckende Weise verstehen und nachvollziehen kann.
Während der Täter mit der Agentur „Sorry“ sein perfides Spiel spielt, wird jeder der vier Freunde auch mit seinen eigenen Abgründen und auch immer wieder mit dem Thema Schuld konfrontiert. Wirklich sympathisch war mir leider keiner dieser vier Hauptprotagonisten. Bereits ihre hirnrissige Geschäftsidee fand ich schon von Anfang an sehr fragwürdig, da Vergebung meiner Meinung nach nur persönlich und niemals über Dritte erfolgen kann und wahre Reue auch auf innerer Einsicht und aufrichtigem Eingeständnis der Schuld beruht und deshalb keine Dienstleistung sein kann, für die man einen Außenstehenden bezahlt. Ich fand es äußerst anmaßend, dass sich die vier Freunde als Vermittler zwischen Schuld und Reue verstehen und aus dem schlechten Gewissen anderer ihren Profit ziehen wollen. Manchmal war ich mir auch nicht sicher, ob nicht einer von ihnen der Täter sein könnte. Der Autor hat jeden der vier Freunde zwar sehr präzise gezeichnet, aber dennoch blieben sie bis zum Schluss undurchschaubar und waren mir stets ein wenig suspekt. Leider waren auch ihre Handlungen manchmal weder logisch noch nachvollziehbar. Der ständige Zeit- und Perspektivwechsel führt auch dazu, dass der Plot häufig etwas konfus wirkt. Doch am Ende fügen sich alle Puzzleteile zu einem schlüssigen Ganzen zusammen.
Im Zentrum der Handlung steht immer wieder die Frage um Schuld, Strafe, Reue und Vergebung, und am Ende stand für mich die Erkenntnis, dass es Taten gibt, für die es keine Entschuldigungen geben kann und die niemals vergeben werden können.
Für mich war Sorry ein in jeder Hinsicht herausragender und innovativer Thriller von hoher literarischer Qualität, den man nicht mehr vergessen wird, auch wenn oder gerade weil er dem Leser einiges abverlangt und ihn aufs Äußerste erschüttert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Zoran Drvenkar – Sorry
Verlag: Ullstein
Ersterscheinungsdatum: 11. Februar 2009
400 Seiten
ISBN 978-3-548-28183-4

Cover: Ullstein Buchverlage

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Ein Abend mit Angelo Branduardi

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Angelo Branduardi bei einem Konzert im März 2012 in Trient (Foto: Niccolò Caranti) (1)

Heute soll es auf meinem Blog mal nicht um Bücher, sondern um Musik gehen. Keine Sorge, es wird eine Ausnahme bleiben, aber ich war gestern wieder einmal auf einem Konzert von „meinem“ Barden Angelo Branduardi und muss nun meine Begeisterung einfach teilen. Aber Vorsicht – es wird sehr pathetisch und auch ein wenig emotional! Wer seine Musik liebt und diesen grandiosen Künstler schon live gesehen, gehört und erlebt hat, wird mich sicher verstehen.
Meine erste Schallplatte des italienischen Ausnahmemusikers habe ich Anfang der 1980er-Jahre gekauft, weil mir sein Hit La pulce d’acqua, mit dem ihm auch außerhalb Italiens der Durchbruch gelang, ausgesprochen gut gefallen hat. Europaweite Bekanntheit erlangte er 1986 auch durch seine Komposition der Filmmusik zu Momo, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Michael Ende.
Branduardi spielt seit seinem fünften Lebensjahr Geige, hat in Genua sein Violindiplom erworben und versteht sich noch heute in erster Linie als Geiger und nicht als Sänger. Auf der Bühne überzeugt der Vollblutmusiker jedoch neben seinem virtuosen Geigenspiel vor allem mit seiner unverwechselbaren und warmen Stimme, mitunter aber auch auf der Gitarre, Laute oder Flöte. Seine Liedtexte schreibt er manchmal selbst, die meisten verfasst jedoch seine Ehefrau Luisa Zappa. Ein paar stammen auch aus der Feder seines inzwischen verstorbenen Freundes, dem Komponisten und Autor Giorgio Faletti.
Ich bin nun seit mehr als drei Jahrzehnten ein großer Fan von Angelo Branduardi, denn seine Musik inspiriert mich und spendet mir häufig sehr viel Kraft und Trost. Seine Lieder sind voller Poesie, Melancholie und auch Lebensfreude; seine Musik und das Repertoire, aus dem er schöpft, sind so vielfältig und originell, dass er sich in keine Schublade pressen lässt. So adaptiert er in seinen Liedern nicht nur Gedichte des mittelalterlichen Minnesangs, sondern auch diverse Sagen und Märchen sowie Texte der jüdischen und christlichen Tradition. In seinem Album L’infinitamente piccolo, das auf franziskanischen Quellen basiert, widmet er sich den wichtigsten Lebensstationen des Franz von Assisi und vertonte auch dessen Sonnengesang. Branduardis Musik ist einzigartig, unkonventionell und jenseits musikalischer Modetrends, denn in ihr verschmelzen die unterschiedlichsten musikalischen Einflüsse verschiedener Epochen und Musikrichtungen. Sie beinhaltet Elemente der Musik des Mittelalters und der italienischen Renaissance, der irischen Folklore, des amerikanischen Folks, des französischen Chansons oder auch des modernen Jazz und Pop. Diese Melange von klassischen, sakralen, traditionellen und modernen Elementen macht seinen Stil unverwechselbar und sein musikalisches Programm ungeheuer vielseitig und außergewöhnlich. Er selbst vergleicht seine Musik mit Knoblauch, dessen markanter Geschmack ebenfalls sehr eigentümlich ist und den man entweder liebt oder verabscheut. Angelo Branduardi weiß, dass er polarisiert, aber ihm ist nicht daran gelegen, den Mainstream zu bedienen, sondern ist der Ansicht, wer allen gefiele, sei ohnehin kein wahrer Künstler.
Meine italienischen Sprachkenntnisse sind äußerst rudimentär, reichen allenfalls aus, um in Italien nicht zu verhungern und nach dem Weg zu fragen, aber ich kann alle Lieder Branduardis auswendig mitträllern und habe mir alle Übersetzungen durchgelesen. Viele seiner Hits hat er selbst ins Englische und Französische übersetzt und auch in diesen Sprachen gesungen. Das erleichtert mir zwar das Verständnis, aber der unverwechselbare Klang seiner Lieder kommt nur in seiner Muttersprache richtig zur Geltung. Er ist ohnehin in der Lage, Sprachbarrieren zu überwinden, denn die Botschaft seiner Lieder, die wunderbare Symbiose aus Poesie und Musik wird überall verstanden. Man versteht sie mit dem Herzen – oder man versteht sie eben gar nicht.
Mich begleitet Branduardis Musik nun also schon seit mehr als dreißig Jahren, aber erst 2011 hatte ich das Glück, diesen grandiosen Musiker auch live auf der Bühne erleben zu dürfen. Er ist ein moderner Minnesänger, bezeichnet sich auch selbst als Troubadour, der durch die Welt zieht, um die Menschen mit seiner Musik zu erfreuen, was ihm auch immer wieder gelingt. Es ist eigentlich unmöglich, die richtigen Worte zu finden, um die Emotionen zu beschreiben, die ich bei seinen Konzerten habe. Live-Konzerte sind ja generell ein ganz besonderes Erlebnis, aber bei Angelo Branduardi ist es vollkommen anders als bei jedem anderen Künstler, den ich bislang live gesehen habe. Bei meinem ersten Konzertbesuch war ich so hingerissen, dass ich selbst ein wenig erschrocken bin, denn ich hatte Tränen in den Augen und durchgehend Gänsehaut. Es hat mich im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen. Das passiert mir selten, eigentlich nie, und außerdem bin ich kein Teenager mehr. Aber meine Begeisterung hat auch nichts mit pubertären Schwärmereien zu tun. Abgesehen von seinem virtuosen Geigenspiel und dem unverwechselbaren Klang seiner warmen Stimme, die es vermag, meine Seele zu berühren und mein Herz zu erwärmen, ist es bei seinen Konzerten eben auch seine Ausstrahlung, die mich geradezu verzaubert. Angelo Branduardi hat nichts vom Gehabe eines Stars. Es scheint fast so, als sei es ihm unangenehm, einer zu sein. Bescheiden wirkt er, fast ein wenig demütig und voller aufrichtiger Herzlichkeit und Güte. Auf der Bühne sind seine Augen meistens geschlossen. Er ist eins mit seiner Musik und seiner Geige, ganz bei sich und den Klängen, die tief aus seiner Seele zu kommen scheinen. Das zu erleben ist sehr berührend und auch inspirierend.

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Momentan ist Branduardi in Deutschland auf seiner Greatest Hits Tour und gastierte dieses Mal sogar in meiner Heimatstadt Tuttlingen. Ich hatte das Glück, eine Karte in der ersten Reihe zu ergattern und habe mich seit Monaten auf den gestrigen Abend gefreut. Das klingt jetzt furchtbar pathetisch – ist es auch – aber dieses wunderbare Konzert war für mich wieder voller magischer und emotionaler Momente.
Angelo begrüßte sein Publikum mit der deutschen Übersetzung von Der Geiger von Dooney von William Butler Yeats: „Wie die Wellen auf dem Meer tanzen die Leute, wenn ich auf meiner Geige spiele…“, einem Gedicht, das ihm aus der Seele zu sprechen scheint. Diese Liebe zur Musik, die Wärme und Leidenschaft, die er mit ihr zum Ausdruck bringt, überträgt sich auch auf das Publikum – zumindest auf die, die in der Lage sind, nicht nur mit den Ohren zu hören.
Branduardi ist älter geworden, seine markante Lockenmähne ergraut und sein schelmischer Humor, der mir bei seinem letzten Konzert auffiel, habe ich nun ein wenig vermisst. Bei seinem gestrigen Konzert schien er mir melancholischer, nachdenklicher und etwas gebrechlich, aber als er die Geige in der Hand hielt, spielte und sang, spürte man die Energie, die auf das Publikum übergeht und es verzaubert. Seine einfühlsamen Balladen stimmen nachdenklich, seine temperamentvollen Stücke stecken voller Kraft und Lebensfreude. Und so war ich auch gestern wieder hin- und hergerissen zwischen bewegenden Momenten, in denen mir vor Rührung die Tränen in den Augen standen, wie etwa bei seiner Interpretation des Sonnengesangs des Franz von Assisi, musste mich aber auch beherrschen, ruhig sitzen zu bleiben bei seinen lebendigen und fröhlichen Titeln. Ich fand es fast ein bisschen schade, dass er nur seine größten Hits gespielt hat, denn ich hätte auch gerne ein paar seiner neueren und eher unbekannten Stücke gehört. Aber meine Lieblingslieder Gulliver und Ballo in Fa diesis minore waren dabei, und es gibt ohnehin kein einziges Lied von ihm, das mir nicht gefällt.

Überaus grandios waren wieder einmal die brillanten Musiker, die ihn auf seiner Tour begleiten, allen voran Davide Ragazzoni am Schlagzeug.
Schade nur, dass der Veranstaltungsort den eher nüchternen Charme einer Lagerhalle hat und nicht gerade das passende Ambiente für ein so wunderbares Konzert liefert, aber die Akustik war gut. Ich würde Angelo Branduardi ohnehin überall zuhören und kann das ganze Drumherum ausblenden, sobald die ersten Töne erklingen. Zu gerne hätte ich 2014 ein Konzert seiner Kirchentour besucht, denn es muss großartig sein, ihn in einer Kirche zu hören.
Das Konzert ging gestern viel zu schnell vorüber und ich verließ nach zwei Stunden ganz beseelt den Konzertsaal. Ein kleiner Wermutstropfen wartete dann im Parkhaus des Veranstaltungsorts, denn wenn mehr als 200 Fahrzeuge nahezu gleichzeitig aus einer einzigen Ausfahrt wollen, kommt es logischerweise zum Stau. Ich vermute, dass niemand auf der Flucht war und man am Samstagabend auch nicht zum nächsten Termin hetzen muss, aber selbst wenn, beschleunigt aggressives Hupen das Ganze wohl kaum und trägt auch nicht wesentlich zur guten Stimmung aller Anwesenden bei. Ich hatte noch immer Angelos Stimme und die wunderbaren Klänge seiner Musik im Ohr, die jedoch durch das dröhnende Gehupe (ja, im Parkhaus ist das noch lauter) jäh übertönt wurden, und fragte mich, ob diese Menschen, die da hupen, tatsächlich auch auf diesem Konzert waren und von der fast meditativen Stimmung überhaupt irgendetwas mitgenommen haben. Aber auch das konnte mir den Abend nicht langfristig vermiesen, denn das Konzert war viel zu schön und ließ auf meiner Seele und in meinem Herzen ein warmes Gefühl zurück, das noch lange anhalten wird. Ich bin sehr dankbar für diesen Abend und übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es der schönste seit mehr als einem Jahr war, denn ich wurde diesbezüglich in der letzten Zeit nicht gerade verwöhnt. Ich schöpfe viel Kraft, Trost und Inspiration aus Angelo Branduardis Musik – live noch viel mehr als nur aus dem Kopfhörer.

Mille grazie für diesen wunderbaren Abend und die vielen schönen Momente und Eindrücke, die noch lange nachhallen werden!  ❤

20161105_203731-1Ich habe nur ein paar Fotos gemacht, denn ich kann ein Konzert nicht genießen, wenn ich dabei fotografiere. Und die, die ich gemacht habe, sind, wie man deutlich sieht, natürlich nichts geworden, weil meine Handykamera nicht unbedingt geeignet ist für Konzertfotos.

© Claudia Bett

 

 

(1) Titelbild: Niccolò Caranti, Angelo Branduardi-Trento-2, CC BY-SA 3.0

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Buchrezension: Anna Snoekstra – Ihr letzter Sommer

anna-snoekstra-ihr-letzter-sommerInhalt:

Im Sommer 2003 verschwand die damals sechzehnjährige Rebecca Winters und konnte trotz einer großangelegten Suchaktion nie gefunden werden. Elf Jahre später greift die Polizei bei einem Ladendiebstahl eine junge Rumtreiberin auf, die vorgibt, die verschwundene Rebecca zu sein. Da sie einer Bestrafung entgehen will und weiß, dass sie der Vermissten zum Verwechseln ähnlich sieht, erzählt sie den Beamten, sie sei damals entführt worden und wolle nun wieder nach Hause zu ihrer Familie. Ihr Plan scheint aufzugehen, denn Rebeccas Familie empfängt sie mit offenen Armen und ist froh, die verloren geglaubte Tochter endlich wiederzuhaben.
Die junge Frau schlüpft nun in die Rolle des vermissten Mädchens, trägt ihre Kleidung, trifft sich mit Rebeccas alten Freunden, lebt allerdings auch in der ständigen Angst, dass ihr falsches Spiel auffliegen könnte. Doch je länger sie im Haus der Familie lebt und je mehr sie sich mit der tatsächlich Vermissten zu identifizieren versucht, umso rätselhafter erscheint ihr das Verhalten der Familienmitglieder und Freunde. Sie versucht mehr über das Mädchen herauszufinden, dessen Leben sie jetzt lebt und kommt allmählich hinter das erschreckende Geheimnis um Rebeccas Verschwinden.

Meine persönliche Meinung:

Thriller über verschwundene Kinder gibt es wie Sand am Meer, und auch die Idee, dass sich Jahre nach dem Verschwinden, ein anderer für das vermisste Kind ausgibt, ist nicht gerade neu, sodass ich gespannt war, wie innovativ Anna Snoekstra diese Thematik in ihrem Thrillerdebüt Ihr letzter Sommer umsetzen wird. Neu war für mich nämlich, dass man als Leser schon von vornherein weiß, dass es sich bei der jungen Frau nicht um das seit elf Jahren vermisste Mädchen handelt. Und so war ich natürlich neugierig, ob es diese Rumtreiberin schaffen wird, die Polizei und vor allem die Familie der Vermissten davon zu überzeugen, wirklich Rebecca zu sein. Besonders spannend war jedoch die Frage, was der Sechzehnjährigen damals passiert ist, warum sie verschwand und ob sie überhaupt noch am Leben ist.
Der Thriller wird in zwei Handlungssträngen erzählt, denn man begleitet nicht nur diese namenlose junge Frau, die nun die Identität des vermissten Mädchens annimmt, sondern wirft auch einen Blick in die Vergangenheit und zu den Ereignissen, die sich elf Jahre zuvor kurz vor Rebeccas Verschwinden zugetragen haben. Während die aktuellen Geschehnisse aus der Ich-Perspektive der vermeintlich zurückgekehrten Vermissten geschildert werden, werden die zurückliegenden Ereignisse aus der personalen Perspektive von Rebecca erzählt. Trotz der Ich-Perspektive, die eigentlich eine besondere Nähe zur Hauptprotagonistin schaffen müsste, eignet sich diese junge Frau kaum als Identifikationsfigur. Da die Autorin ihr keinen Namen gegeben hat und auch ihre Herkunft nur sehr schwammig beschrieben wird, blieb sie mir über das ganze Buch hinweg fremd. Man lernt sie im Grunde nur in ihrer Rolle als Rebecca Winters kennen, die sie allerdings nicht gerade überzeugend spielt. Anfangs hatte ich noch ein wenig Verständnis für diese Frau, da sie sich offenbar nach der Liebe einer Mutter sehnt und nun bei Rebeccas Familie Geborgenheit zu finden glaubt, aber im weiteren Verlauf der Erzählung wurde sie mir zunehmend unsympathischer. Sie entpuppt sich nämlich nicht als eine liebesbedürftige junge Frau, sondern als äußerst oberflächliche, egozentrische und einfältige Person, die ihr bisheriges Leben offenbar nur mit Partys und diversen Männerbekanntschaften verbracht hat und sehr unbedarft durchs Leben ging. Schon kurz nachdem sie zu Rebeccas Familie gebracht wird, begibt sie sich auf die Suche nach einem adäquaten Liebhaber. Besonders wählerisch ist sie dabei nicht, denn eigentlich kommt für sie jedes männliche Wesen, dem sie in ihrer neuen Umgebung begegnet, hierfür in Betracht, selbst Rebeccas Brüder. Immerhin sieht sie ein, dass es eine schlechte Idee wäre, sich ausgerechnet mit einem ihrer vermeintlich leiblichen Brüdern einzulassen, aber ansonsten denkt sie recht wenig über ihre vorgetäuschte Identität nach. Sieht man davon ab, dass es äußerst geschmacklos ist, sich für ein seit Jahren vermisstes Mädchen auszugeben, stellt sie sich dabei auch unglaublich dämlich an. Auf die Idee, sich etwas eingehender mit dem Leben der Person zu befassen, in deren Rolle sie geschlüpft ist, kommt sie erst, als sie befürchtet, dass ihr falsches Spiel auffliegen könnte. Es dauert jedenfalls recht lange bis sich dann doch die ersten Skrupel regen und sie allmählich eine innere Wandlung vollzieht.
Doch auch die wahre Rebecca, die man während der Rückblenden in die Vergangenheit kennenlernt, wollte mir nicht so recht ans Herz wachsen. Ihr kann man immerhin zugutehalten, dass sie zum damaligen Zeitpunkt erst sechzehn Jahre alt war, aber besonders liebenswürdig ist sie nicht. Auch unter ihren Freunden und Familienmitgliedern konnte ich keinen einzigen Sympathieträger ausmachen. Ich finde es nicht tragisch, wenn Romanfiguren unsympathisch sind, denn wenn sie gut ausgearbeitet sind, sind gerade das häufig die interessantesten Charaktere. Allerdings nehme ich es einem Autor ein wenig übel, wenn seine Protagonisten unglaubwürdig sind, ihr Verhalten keinen Sinn macht und nicht nachvollziehbar ist. Wenn jemand verschwindet und elf Jahre später wieder auftaucht, würde vermutlich irgendjemand aus dem Familien- oder Freundeskreis irgendwann auf die Idee kommen, mal nachzufragen, wo diese Person in all den Jahren war und was ihr damals zugestoßen ist. Selbst wenn man das Ende dieses Thrillers kennt, macht das Verhalten einiger Protagonisten keinen Sinn und ist weder logisch noch nachvollziehbar, denn kein Mensch würde sich so verhalten. Dieser jungen Frau kommt es natürlich gelegen, dass sich niemand für ihre vermeintliche Entführung und ihren Aufenthaltsort der letzten Jahre interessiert, sondern man sie einfach in Ruhe lässt und zum Alltag übergeht, aber glaubwürdig ist das nicht. Außer dem Polizisten, der bereits elf Jahre zuvor in dem Vermisstenfall ermittelte, stellt jedenfalls niemand lästige Fragen und selbst er gibt entnervt auf, als sie einfach behauptet, sich an nichts mehr erinnern zu können, was für mich ebenfalls etwas unglaubwürdig war. Auch als sie sich weigert, sich wegen ihrer vorgetäuschten Amnesie in ärztliche Behandlung zu begeben oder einem DNA-Test zuzustimmen, wird niemand stutzig, obwohl sich ein Entführungsopfer diesbezüglich sicher kooperativer zeigen würde.
Allerdings trägt das rätselhafte, mitunter auch absurde Verhalten der Figuren enorm zum Spannungsaufbau bei, denn ich hätte wirklich jedem Protagonisten zugetraut, an Rebeccas Verschwinden schuld zu sein, sie entführt oder gar ermordet zu haben. Immer wieder wird der Verdacht also auf eine andere Person gelenkt, sodass ich bis zum Ende der Geschichte keine Ahnung hatte, was dem Mädchen zugestoßen sein könnte oder ob es womöglich gar nicht mehr am Leben ist. Eines muss man diesem Thriller nämlich lassen – die Spannungskurve steigt von Seite zu Seite kontinuierlich an und reißt bis zum Schluss nicht ab. Immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen, sodass ich jeden Verdacht erneut verwerfen musste und das Ende für mich wirklich vollkommen unvorhersehbar war. Leider war es auch sehr überkonstruiert, und wenn man den Ausgang der Geschichte dann kennt, offenbaren sich im Nachhinein bedauerlicherweise auch ein paar kleine Logikbrüche.
Anna Snoekstras Debüt ließ sich jedoch sehr schnell und flüssig lesen, denn der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm und es gelingt ihr auch, die Spannung stets aufrechtzuerhalten. Und so war Ihr letzter Sommer für mich ein fesselnder, durchaus solider und unterhaltsamer Thriller für Zwischendurch, dem es jedoch leider an psychologischer Tiefe und Glaubwürdigkeit fehlte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Anna Snoekstra – Ihr letzter Sommer
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 15. August 2016
304 Seiten
ISBN 978-3-959-67035-7

Cover: Verlag HarperCollins

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Mein Monatsrückblick Oktober 2016

Gelesen:

Der Monat Oktober stand bei mir anlässlich der #Halloweenwochen ganz im Zeichen besonders gruseliger Bücher. Beklemmende Psychothriller lese ich ohnehin das ganze Jahr über gerne, aber im Herbst darf es durchaus noch etwas schauriger und düsterer sein. Der Gruselfaktor eines Buches hängt für mich ganz entscheidend vom Schauplatz der Geschichte ab. Damit mir ein eisiger Schauer über den Rücken läuft, sollte die Handlung an einem Ort angesiedelt sein, der mir von vornherein ein wenig Angst macht und Beklemmungen hervorruft. Diesbezüglich hatte ich bei einigen Büchern, die ich mir im Oktober vorgenommen hatte, ein wirklich glückliches Händchen.

Insgesamt blicke ich – bis auf eine kleine Ausnahme – auf einen sehr spannenden, durchaus gruseligen und zufriedenstellenden Lesemonat zurück. Ich habe im Oktober sieben Bücher gelesen – das waren 3276 Seiten, also ca. 106 Seiten pro Tag (mit einem Klick auf das Cover oder den Buchtitel gelangt Ihr zu meinen Rezensionen; die noch ausstehenden Rezensionen folgen in den nächsten Tagen)

Ruth Ware - Im dunklen dunklen WaldDichte, dunkle Wälder sind wunderschön und geheimnisvoll zugleich. Obwohl ich den Wald eigentlich mag, ist mir dort immer ein wenig unbehaglich zumute. Wie der Titel schon sagt, spielte der erste Thriller, den ich im vergangenen Monat gelesen habe, Im dunklen, dunklen Wald von Ruth Ware in einem abgelegenen Haus inmitten eines dunklen Waldes. Mir hat dieses Buch ausgesprochen gut gefallen, denn es war durchgehend spannend und sorgte auch für den ein oder anderen schaurigen Moment.

david-morrell-creepersRichtig gruselig ging es dann mit David Morrells Creepers weiter, denn es gibt eigentlich kaum etwas Gruseligeres als verlassene Gebäude, die seit Jahrzehnten leerstehen und noch immer die Spuren des Lebens tragen, das einst in ihnen herrschte. Der morbide Charme dieser sogenannten „Lost Places“ fasziniert mich sehr, ist allerdings auch ziemlich schaurig. David Morrell ist es wirklich überaus gut gelungen, die düstere und geheimnissvolle Atmosphäre, die dem Schauplatz seines Thrillers innewohnt, sehr bildgewaltig zu beschreiben. Leider treten die Gruselelemente nach einer Wendung vollkommen in den Hintergrund und werden durch einen rasanten und actiongeladenen Plot ersetzt, der Actionfans sicher begeistern wird, mir allerdings nicht mehr gefallen wollte.

stephen-king-das-madchenWas wäre ein gruseliger Lesemonat ohne ein Buch von Stephen King, dem „Meister des Grauens“? Nahezu undenkbar! Noch einmal ließ ich mich im vergangenen Monat von einem Buch in einen dunklen Wald entführen und irrte dieses Mal mit einem kleinen Mädchen, das bei einer Wanderung vom Weg abkam, durch einen einsamen Wald. Atmosphärisch dicht und unglaublich fesselnd erzählt Stephen King in Das Mädchen den Überlebenskampf der neunjährigen Trisha, die sich nicht nur gegen wilde Tiere und Schwärme blutsaugender Insekten zur Wehr setzen muss, sondern auch mit erdrückender Einsamkeit und quälendem Hunger und Durst zu kämpfen hat. Ein großartiger und überaus eindrücklicher Roman, der wieder einmal von Kings erstaunlichem erzählerischen Talent zeugt und auch zeigt, wie gut er sich darauf versteht, mit den Urängsten seiner Leser zu spielen.

Der Uebergang von Justin Cronin

Ich war schon lange gespannt auf Der Übergang von Justin Cronin, aber auch ein wenig skeptisch, nachdem mir jemand (der das Buch offensichtlich nicht gelesen oder nicht verstanden hat) erzählte, es handle sich dabei um eine „Vampirgeschichte“. Es ist mitnichten eine „Vampirgeschichte“, sondern ein dramatisches, düsteres, überaus vielschichtiges und komplexes Endzeit-Epos, das sich nur schwer mit wenigen Worten beschreiben lässt. Um es kurz zu machen – es ist grandios und mein absolutes Lesehighlight des Monats. Ich habe jede Seite des mehr als 1000 Seiten umfassenden Auftakts der Passage-Trilogie genossen, inzwischen schon mit dem zweiten Band begonnen und freue mich, dass mit Die Spiegelstadt kürzlich auch der dritte Band erschienen ist und ich somit alle drei Bücher nacheinander lesen kann, ohne auf das Erscheinen des Folgebands warten zu müssen.

Chris-carter-der-kruzifix-killerWeiter ging es mit Der Kruzifix-Killer von Chris Carter, einem Buch, von dem ich mir sehr viel versprochen hatte, weil es mir von allen Seiten empfohlen wurde und der Autor zweifellos zu den wohl beliebtesten und erfolgreichsten Thriller-Autoren gehört. Erwartet hatte ich einen spannenden und psychologischen Thriller eines Bestseller-Autors, der selbst jahrelang als Kriminalpsychologe gearbeitet hat, und bekommen habe ich das, was Denis Scheck vermutlich als „Leichenporno“ bezeichnen würde – eine sehr detaillierte Aneinanderreihung brutalster Folter- und Mordmethoden, ohne Tiefgang und leider auch nahezu vollkommen ohne Spannung. Auch die beiden sympathischen Ermittlerfiguren konnten diesen Thriller nicht mehr retten.

jutta-maria-herrmann-hotlineIch bin nicht gerade ein Glückspilz, wenn es um Gewinnspiele geht, aber ich habe im vergangenen Monat tatsächlich ein Buch gewonnen. Katja vom Blog WortGestalt hat gemeinsam mit der Thriller-Autorin Jutta Maria Herrmann drei signierte Taschenbücher verlost, und ich hatte das Glück, unter den Gewinnern zu sein. Da ich mir ein Buch aussuchen durfte, fiel meine Wahl auf Jutta Maria Herrmanns Thrillerdebüt Hotline, das auch schon nach ein paar Tagen mit einer persönlichen Signierung in meinem Briefkasten lag. Ich habe mich sehr über meinen Gewinn gefreut und der Klappentext von Hotline klang so spannend, dass ich sofort mit dem Lesen beginnen musste und das Buch dann nicht mehr aus der Hand legen konnte, bis ich wusste, wie die diese packende Geschichte endet. Bei einigen Passagen dieses psychologisch ausgefeilten und hervorragend erzählten Psychothrillers lief mir ein eisiger Schauer über den Rücken, aber er hat mich häufig auch sehr berührt und nachdenklich gestimmt.

anna-snoekstra-ihr-letzter-sommerGeendet hat der Lesemonat für mich mit Ihr letzter Sommer, dem Debüt von Anna Snoekstra. Auch dieser Thriller war durchgehend spannend, allerdings häufig zu überkonstruiert. Auch die Protagonisten konnten mich nicht überzeugen, denn sie waren allesamt unsympathisch und ihre Handlungen leider auch oft nicht nachvollziehbar. Dennoch war Ihr letzter Sommer ein durchaus solider und lesenswerter Thriller für Zwischendurch.

 

Gesehen:

Weil mir so nach Gruseln zumute war, wollte ich im Oktober auch mal wieder einen richtig gruseligen Film schauen und bin auf der Suche nach einem düsteren Thriller auf The Others gestoßen, einen Film, der bereits 2002 in die deutschen Kinos kam, den ich allerdings zu meiner Schande noch nicht kannte. Zweifellos handelt es sich bei diesem Mysterythriller des spanischen Regisseurs Alejandro Amenábar inzwischen um einen Genreklassiker.
Ich fand diesen Film großartig, denn ich liebe solche ruhigen Filme, in denen vollkommen auf Monster und blutige Gewaltszenen verzichtet wird und in denen auch ohne Spezialeffekte eine so gewaltige Spannung erzeugt wird, dass mir förmlich das Blut in den Adern gefriert.
Bereits das Setting, ein einsam gelegenes herrschaftliches Landhaus auf der britischen Insel Jersey, ist grandios gewählt. Hier lebt die etwas neurotische Grace, die von Nicole Kidman hervorragend dargestellt wird, gemeinsam mit ihren beiden Kindern und drei neuen Dienstboten. Da ihre Kinder unter einer tödlichen Sonnenlichtallergie leiden, müssen die Vorhänge im Haus immer zugezogen sein. Dunkel ist es also ohnehin ständig in diesem Gebäude, und so reichen ein bisschen Nebel, knarrende Dielen und drei geheimnisvolle Gräber im Garten schon vollkommen, um eine gruselige Atmosphäre zu erzeugen. Nur die von Alejandro Amenábar komponierte Filmmusik vermag es, den Gruselfaktor in manchen Szenen noch zu steigern. Nur selten hatte ich bei einem Film eine solche Gänsehaut.

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