Buchrezension: S. L. Grey – Under Ground

Under Ground von SL GreyInhalt:

Ein tödliches Grippevirus breitet sich rasend schnell in Amerika aus und versetzt das ganze Land in große Panik. Doch ein paar betuchte Familien haben bereits für diesen Ernstfall vorgesorgt und sich ein Appartement im Sanctum gekauft – einem unterirdischen Luxusbunker, in dem sie im Fall einer Apokalypse Zuflucht finden können. Sie haben viel Geld in diese Sicherheitsanlage investiert, um sich zu schützen und Katastrophen jeder Art zu überleben. Fünf Familien gelingt es, rechtzeitig im Sanctum anzukommen und sich einzurichten, bevor die Luke geschlossen wird und sie von der Außenwelt abgeschottet sind. Nun wähnen sie sich in Sicherheit vor dem Virus, das bereits die ersten Todesopfer gefordert hat.
Doch schon bald kommt es in der Gruppe zu ersten Spannungen. Durch die Enge und die vollkommene Abgeschnittenheit treten immer wieder Konflikte und Aggressionen zutage. Die Situation eskaliert vollends, als Greg Fuller, der Sicherheitsexperte, der die Luxusbunkeranlage geplant und erbaut hat, tot aufgefunden wird. Unter den Bewohnern des Sanctums bricht Panik aus, denn Greg war der Einzige, der den Code zum Öffnen der Luke kannte. Einen anderen Weg zurück an die Erdoberfläche gibt es nicht. Allmählich gehen nicht nur die Nahrungsmittelvorräte, sondern auch die Wasserreserven zur Neige und der Sauerstoff wird knapp. Außerdem stellt sich die Frage, wie Fuller ums Leben kam, und der Verdacht liegt nahe, dass einer aus der Gruppe ein grausamer Mörder ist. Es beginnt ein unerbittlicher Kampf ums Überleben, bei dem den Bewohnern des Sanctums allmählich bewusst wird, dass ihr größter Feind nicht das Virus ist, sondern mit ihnen unter der Erde lauert.

Meine persönliche Meinung:

Hinter dem Pseudonym S. L. Grey verbergen sich die beiden Autoren Louis Greenburg und Sarah Lotz. Sarah Lotz ist für viele Thrillerleser keine Unbekannte, denn aus ihrer Feder stammen die beiden Thriller Die Drei und Tag Vier. Mit Das Labyrinth der Puppen legte das Autorenduo bereits 2011 sein Debüt vor und schrieb seitdem noch weitere erfolgreiche Horrorthriller, die jedoch bislang nicht alle ins Deutsche übersetzt wurden. In Under Ground, ihrem neusten Thriller, beschäftigen sie sich nun mit der Frage, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten. Da auch ich mir diese Frage schon häufig gestellt habe, war ich sehr gespannt auf dieses Buch.
Die Ausgangssituation ist durchaus realistisch und nicht gerade unwahrscheinlich – ein Grippevirus, das zahlreiche Todesopfer fordert und sich rasend schnell ausbreitet. Ob es Sinn macht, sich aus Angst vor einem Virus in einen unterirdischen Bunker zu flüchten, wage ich zu bezweifeln, da es eigentlich auch vollkommen ausreichen würde, sich mit genügend Vorräten in seinen eigenen vier Wänden zu verbarrikadieren und den Kontakt zu Menschen möglichst zu vermeiden. Nun denn, die Protagonisten in Under Ground sind wahre Weltuntergangsfanatiker, teilweise sehr paranoid und auch wohlhabend genug, um sich auf jede Art von Katastrophe perfekt vorbereiten zu können. Sie haben sich eine Wohnung in der luxuriösen unterirdischen Bunkeranlage Sanctum gekauft, um Schutz zu finden, falls die Apokalypse hereinbricht. Damit die Bewohner des Bunkers auch unter der Erde auf keine Annehmlichkeiten verzichten müssen, hat Greg Fuller, der das Sanctum geplant und erbaut hat, scheinbar an alles gedacht. Die Wohnungen sind exquisit ausgestattet, die Sicherheitsanlage verfügt über einen Swimming-Pool sowie einen Fitnessraum, und da das Leben unter der Erde und ohne Tageslicht recht trist ist, wurden Bildschirme an die Wände montiert, auf denen Videoaufnahmen von Wasserfällen, schneebedeckten Bergen und tropischen Stränden zu sehen sind. Damit die Nahrungsmittelvorräte nicht knapp werden, verfügt der Bunker auch über riesige Vorratskammern und Kühlräume, einen Hühnerstall und Hydrokulturen. Für ihre Survival-Luxuswohnungen haben diese reichen Paranoiker ein halbes Vermögen bezahlt, um jede Apokalypse entspannt überleben zu können. Damit man sich diese Bunkeranlage ungefähr vorstellen kann und den Überblick über die Bewohner nicht verliert, befindet sich auf der ersten Seite des Buches eine Skizze des Sanctums, die diesbezüglich sehr hilfreich ist.
Fünf Familien gelingt es, das Sanctum rechtzeitig zu erreichen, bevor Greg Fuller die Luke schließt. Was auf den ersten Blick noch äußerst luxuriös schien, entpuppt sich allerdings schnell als reine Fassade. Offenbar hat Fuller beim Bau der Anlage an allen Ecken und Enden gespart – der Aufzug funktioniert nicht, trotz seiner Zusicherung gibt es keine ärztliche Versorgung und die Bunkeranlage ist nicht annährend so betriebsbereit, wie sie im Ernstfall sein sollte.
Sechszehn Menschen und ein Hund leben nun zusammen in diesem unterirdischen Bunker, zwar in getrennten Wohnungen, aber dennoch auf engstem Raum. Die Kapitel werden abwechselnd aus der Perspektive von sechs Bewohnern des Sanctums geschildert. Da der Leser nur diese Personen näher kennenlernt, bleiben alle anderen Figuren recht konturlos und sind teilweise auch so klischeeüberladen, dass man sie eher als Typen und nicht als Individuen wahrnimmt. Doch selbst die Protagonisten, aus deren Perspektive berichtet wird, blieben mir bis zum Schluss seltsam fremd, obwohl es sich dabei um die einzigen Sympathieträger in diesem Thriller handelt. Für besonderen Zündstoff sorgt ein reaktionärer Waffennarr nebst seinem rassistischen, sexistischen Sohn und seiner Frau, die einem religiösen Wahn verfallen ist. Allein die Tatsache, dass sie nun mit einem koreanischen Einwanderer und dessen Familie zusammenleben müssen, lässt die Emotionen dieses ausgesprochen widerlichen Mannes, seinem nicht minder ekelhaften Sohn und dieser schizophrenen Religionsfanatikerin ziemlich hochkochen. Lediglich die sehr eingeschüchterte und verängstigte Tochter vermochte es, noch ein paar Sympathiepunkte einzuheimsen. Doch auch die meisten anderen Protagonisten sind recht gestörte Persönlichkeiten oder schlicht unangenehme Zeitgenossen und teilweise leider auch etwas überzeichnet.
Schon am ersten Tag kommt es aufgrund der Enge und auch der recht ungünstigen Personenkonstellation zu ersten Spannungen zwischen den Bewohnern, die jedoch erst dann vollkommen eskalieren, als Greg Fuller tot aufgefunden wird. Mit ihm stirbt auch jede Hoffnung, jemals wieder an die Erdoberfläche zurückkehren zu können, denn nur er kannte den Code, um die Luke zur Außenwelt wieder zu öffnen. Nicht nur die Tatsache, dass unter ihnen offenbar ein Mörder ist, sondern auch die recht knappen Nahrungsmittelvorräte lassen diese ohnehin paranoiden Menschen nun in Panik ausbrechen. Nun offenbaren sich auch all die Mängel des Sanctums, die Fuller ihnen verschwiegen hat. Die Lage des Bunkers ist geheim, die Internetverbindung ist abgerissen und auch mit dem Handy kann keine Hilfe geholt werden. Nur die Fernsehgeräte funktionieren noch. Schnell stellt sich heraus, dass das Grippevirus, vor dem sie sich eigentlich in Sicherheit bringen wollten, zwar Todesopfer forderte, aber keineswegs zu der befürchteten Pandemie führte. Es ist also geradezu grotesk, dass sich nun ausgerechnet der Ort als tödliche Falle entpuppt, an dem sich diese Paranoiker sicher wähnten. Da mir viele Protagonisten sehr unsympathisch waren und ihre Überheblichkeit teilweise ekelerregend und mehr als anstrengend war, konnte ich mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen. Lediglich mit einem kleinen Mädchen sowie dessen Aupairmädchen, das keineswegs freiwillig im Sanctum eingezogen ist, konnte ich mitfiebern und hoffte, dass sie wohlbehalten an die Erdoberfläche zurückkehren können.
Den beiden Autoren ist es ausgesprochen gut gelungen, die überaus klaustrophobische Atmosphäre in diesem Bunker sehr nachvollziehbar und eindrücklich zu schildern, sodass ich die Beklemmung geradezu körperlich spüren konnte. Gekonnt spielen sie mit den Ängsten des Lesers, denn die Vorstellung, mit einer Gruppe von fremden und überwiegend recht absonderlichen Menschen unter der Erde gefangen zu sein, ist ja schon mehr als beängstigend. Der Gedanke, dass Lebensmittel- und Wasservorräte zur Neige gehen, man um die letzten Reserven kämpfen muss, einer aus der Gruppe ein Mörder ist und man weder fliehen noch auf Hilfe hoffen kann, ist eine geradezu alptraumhafte Vorstellung. Aber wie verhalten sich Menschen in solchen Extremsituationen? Im Grunde wäre es sinnvoll, zusammenzuhalten, gemeinsam zu überlegen, wie man sich aus dieser Lage befreien kann und die Vorräte gerecht aufzuteilen. Doch das Wissen, dass sich innerhalb der Gruppe ein Mörder befindet, lässt das Zusammenleben von Misstrauen, Argwohn und Angst beherrschen, denn jeder verdächtigt jeden. Selbst innerhalb der Familien und Paarbeziehungen eskalieren Konflikte, die schon lange unter der Oberfläche brodelten. Schnell ist ein Hauptverdächtiger ausgemacht, gegen den sich nun der Hass aller richtet, den man aus der Gruppe ausschließt und isolieren will. Aber ist der Verdächtige wirklich für den Tod Fullers verantwortlich? Manche Protagonisten haben da ihre Zweifel, versuchen dem Ausgestoßenen zu helfen und ziehen damit wiederrum den Hass der anderen auf sich. Auch ohne zu viel verraten zu wollen, aber es wird nicht bei einem Toten bleiben und die Lage spitzt sich immer mehr zu.
Leider haben die Autoren sehr viel Potenzial verschenkt, denn gerade diese zwischenmenschlichen Konflikte, die angesichts dieser Extremsituation zutage treten, und die Abgründe, die sich in diesem erbitterten Kampf ums Überleben auftun, wären viel erschreckender und vor allem nachvollziehbarer, wenn die Charaktere differenzierter gezeichnet worden wären und etwas mehr Tiefe hätten. Das ist sehr bedauerlich, denn gerade die psychologischen Komponenten, die zu Beginn dieses Thrillers noch in Erscheinung treten, verlieren sich im Verlauf der Erzählung und geraten mit der zunehmenden Anzahl an Leichen immer mehr in den Hintergrund. Viele Protagonisten blieben mir einfach bis zum Schluss vollkommen fremd, sodass mir ihr Verhalten häufig nicht plausibel schien. Die Eskalation der Konflikte mutete zunächst noch durchaus realistisch an, denn dass Menschen in solchen Ausnahmesituationen die Kontrolle verlieren und auf geradezu erschreckende Weise alle moralischen Hemmschwellen über Bord werfen, scheint mir keineswegs abwegig zu sein. Die Glaubwürdigkeit ging jedoch im weiteren Handlungsverlauf immer mehr verloren.
Trotzdem war Under Ground überaus spannend, erschreckend und vor allem äußerst beklemmend. Der Schreibstil lässt sich sehr flüssig und schnell lesen und dieser Thriller weist keine Längen auf. Immer wieder hatte ich einen anderen Bewohner des Sanctums im Verdacht, der Mörder zu sein und fieberte mit den wenigen Sympathieträgern mit, diesem Alptraum doch noch entkommen und aus diesem unterirdischen Gefängnis fliehen zu können. Da es vor unberechenbaren und schwer durchschaubaren Protagonisten nur so wimmelt, ist die Anzahl der Verdächtigen entsprechend hoch. Umso schockierter war ich, als der Mörder dann feststand, denn mit dieser Auflösung hätte ich niemals gerechnet. Leider blieben die genauen Beweggründe des Täters im Dunkeln, sodass das Ende trotzdem nicht zufriedenstellend war und gerade an der recht schwammigen Ausarbeitung der Protagonisten scheiterte. Das ist wirklich bedauerlich, denn dieser Thriller war geradezu atemlos spannend und hätte mich durch tiefere Einblicke in die Psyche der Figuren vollkommen überzeugen können.
Dennoch kann ich Under Ground jedem empfehlen, der spannende Thriller zu schätzen weiß, sich auch vor blutigen und unappetitlichen Szenen nicht abschrecken lässt und sich schon die Frage gestellt hat, wie Menschen in Extremsituationen und unter Todesangst reagieren können.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

S. L. Grey: Under Ground
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 14. November 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-453-43810-1

Cover: Heyne Verlag

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2 Gedanken zu “Buchrezension: S. L. Grey – Under Ground

  1. Halloechen Claudia,
    ich habe es auch seit heute Nachmittag bei mir liegen und frei mich darauf, es vielleicht morgen schon beginnen zu können. Je nachdem, wie schnell ich mit meiner derzeitigen Lektuere voran komme. 🙌😄
    Liebe Gruesse

    Gefällt 1 Person

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