Buchrezension: S. K. Tremayne – Stiefkind

S. K. Tremayne - StiefkindInhalt:

Als die dreißigjährige Rachel den attraktiven und wohlhabenden Rechtsanwalt David Kerthen kennenlernt und schon kurz darauf heiratet, wähnt sie sich am Ziel ihrer Träume. Sie möchte endlich die Schatten ihrer Vergangenheit hinter sich lassen, den ärmlichen Verhältnissen entkommen und ist überglücklich, zu David und seinem achtjährigen Sohn Jamie in das wunderbare Herrenhaus Carnhallow House an der Küste Cornwalls zu ziehen. Seit Davids erste Ehefrau Nina vor fast zwei Jahren in einer der verlassenen Bergwerkminen in der Nähe des Hauses auf rätselhafte Weise ums Leben kam, lebt David mit seinem Sohn Jamie, seiner Mutter und einer Haushälterin allein auf dem prächtigen Familienanwesen, das seit über tausend Jahren im Besitz der Kerthens ist.
Rachel ist überglücklich in Carnhallow, hat auch Jamie sofort in ihr Herz geschlossen und möchte dem liebenswerten, aber überaus traurigen Jungen die beste Stiefmutter der Welt sein. Doch ihr Glück bekommt erste Risse, als sie an Jamie die ersten Veränderungen wahrnimmt. Der Junge wird plötzlich von schrecklichen Zukunftsvisionen heimgesucht und behauptet, seine verstorbene Mutter habe sie ihm eingeflüstert. Nina Kerthen scheint ohnehin noch überall im Haus präsent zu sein, und ihr mysteriöser Tod lastet noch immer schwer auf der Familie. Vermutlich ist Jamie traumatisierter als sein Vater dachte, aber David will mit Rachel weder über die Probleme seines Sohnes noch über die genauen Umstände des Todes seiner ersten Frau reden. Rachels Angst, dass sich die Prophezeiungen ihres Stiefsohnes vielleicht doch bewahrheiten könnten, wird immer größer, als sich der Sommer seinem Ende neigt und in Carnhallow House immer merkwürdigere Dinge passieren, denn Jamies Worte gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn: „An Weihnachten bist du tot“.

Meine persönliche Meinung:

Bei S. K. Tremayne handelt es sich um ein Pseudonym des britischen Bestsellerautors und Journalisten Sean Thomas, der unter dem Pseudonym Tom Knox bereits mehrere Thriller veröffentlicht hat und 2015 unter dem Namen S. K. Tremayne mit Eisige Schwestern seinen ersten Psychothriller vorlegte. Nachdem ich die Leseprobe von seinem neusten Psychothriller Stiefkind gelesen hatte, war ich so begeistert, dass ich am liebsten sofort weitergelesen hätte und mich gefreut habe, als ich das Buch endlich in den Händen hielt.
Der Autor schafft es schon auf den ersten Seiten, eine enorme Spannung aufzubauen und eine sehr unheimliche und beklemmende Atmosphäre zu erzeugen, die jedoch vor allem dem Setting geschuldet ist. Tremayne versteht es ausgezeichnet, den Schauplatz seines Psychothrillers sehr eindrücklich zu beschreiben, sodass die schroffe Küste Cornwalls und das herrschaftliche Anwesen der Kerthens vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen. Außerdem hat er das alte Gebäude mit einer so bedrückenden Vergangenheit versehen, dass man das Unheil, das an diesem Ort lauert, auf jeder Seite spüren kann. Auf den ersten Blick mögen die atemberaubende Landschaft Cornwalls und das prachtvolle alte Herrenhaus wie ein romantisches Paradies anmuten, doch bergen die nahegelegenen steilen Klippen, die Abgeschiedenheit, die unterirdischen Stollen der verlassenen Bergwerke und die Ruinen der Minengebäude auch allerlei Gefahren.
Die frisch vermählte Rachel wähnt sich in Carnhallow House zunächst am Ziel ihrer Träume, spürt jedoch recht schnell, wie schwer die Vergangenheit auf dem Anwesen lastet, das seit mehr als tausend Jahren im Besitz der Familie ihres Mannes ist. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, wie der Autor die Geschichte des kornischen Bergbaus in seinen Psychothriller eingeflochten hat. Die Kerthens hatten ihr Vermögen vor allem den ertragreichen Zinn- und Kupferlagerstätten Cornwalls zu verdanken. Viele Bergleute, die in den Bergwerken von Davids Vorfahren unter schrecklichen Bedingungen und für wenig Geld arbeiten mussten, haben in den Stollen unter Carnhallow House ihr Leben verloren, sind ertrunken, abgestürzt, litten unter schweren Lungenerkrankungen oder trugen Verstümmelungen davon. Selbst Kinder wurden in die Gruben geschickt und haben sich in den arsenverseuchten Minen Vergiftungen zugezogen. Im Vorwort von Stiefkind berichtet der Autor von seiner Großmutter, die bereits als Zehnjährige in einem der Bergwerke arbeiten musste und eines der „Grubenmädchen“ war, von denen auch in seinem Buch die Rede ist. Während zahlreiche Bergarbeiter bis Mitte des 20. Jahrhunderts in den Stollen, die unter Carnhallow liegen und bis ins Meer ragen, hart schufteten und ihr Leben riskierten, saßen die Kerthens in ihrem Haus am üppig gedeckten Tisch, haben fürstlich gespeist und ein beachtliches Vermögen angehäuft.
Doch nicht nur die nicht gerade ruhmreiche Vergangenheit des Anwesens, sondern auch die jüngsten Ereignisse, die sich dort zugetragen haben, machen Carnhallow zu einem sehr beklemmenden und tristen Ort, denn auch Davids erste Ehefrau verlor in einem der Minengebäude ihr Leben. Sie fiel in einen tiefen Schacht, aber ihre Leiche wurde nie gefunden und treibt noch immer in einer der Minen unter Carnhallow. Allerdings weigert sich David standhaft, Rachel zu erzählen, wie es zu diesem tragischen Unglück kam.
Der Leser erkundet nun an Rachels Seite das Haus und kann dabei auf jeder Seite spüren, wie bedrückend und düster dieses alte Gebäude ist. Es trägt nicht nur die Spuren seiner traurigen Geschichte, sondern auch die von Davids verstorbenen Ehefrau Nina, die bis kurz vor ihrem Tod damit beschäftigt war, das Haus aufwendig zu restaurieren. Es scheint fast so, als ob Nina nach wie vor in diesen Räumen lebt. Der Gedanke, dass sich die Leiche ihrer Vorgängerin noch immer in einem Stollen unter dem Haus befindet, ist für Rachel unerträglich, zumal Davids Sohn Jamie von düsteren Visionen heimgesucht wird und felsenfest davon überzeugt ist, seine verstorbene Mutter habe sie ihm eingeflüstert. Rachel bemüht sich, Jamie eine gute Stiefmutter zu sein, ist sicher, dass diese Visionen nur zeigen, wie traumatisiert das Kind ist, bekommt aber Angst, als sich die seltsamen Vorkommnisse im Haus häufen und ihr Stiefsohn ihr eines Tages verkündet, dass sie an Weihnachten sterben wird. Da Nina Kerthens Leiche nie gefunden wurde und Weihnachten unaufhaltsam näher rückt, stellt sich die Frage, ob Davids erste Frau nicht vielleicht doch noch am Leben ist und was vor zwei Jahren wirklich in Carnhallow House vorgefallen ist.
Die Geschichte wird fast ausschließlich aus der Ich-Perspektive von Rachel erzählt, sodass der Leser ihr besonders nahekommt und ihre Ängste hautnah miterleben kann. Trotz dieser Nähe und obwohl man all ihre Gedanken und Gefühle kennt, fiel es mir manchmal schwer, mich in diese Frau einzufühlen, denn häufig schien sie mir etwas überspannt und unglaubwürdig. Da auch sie ein Geheimnis zu verbergen scheint und oft selbst an ihrem Verstand zweifelt, ist es für den Leser nicht immer leicht, ihren Wahrnehmungen Glauben zu schenken. Dennoch fieberte und litt ich mit Rachel mit, denn ihre Einsamkeit, ihre Ängste und ihre Verzweiflung sind sehr gut nachvollziehbar, da der Autor seine Hauptprotagonistin sehr präzise ausgearbeitet hat.
Hin und wieder wechselt die Perspektive auch zu David. Dennoch blieb mir dieser Mann bis zum Schluss sehr fremd und war mir äußerst suspekt. Er ist ein sehr ambivalenter und undurchsichtiger Charakter. Man ahnt jedenfalls recht schnell, dass David etwas zu verbergen hat, da er beharrlich über den Tod seiner Frau schweigt und sich nicht einmal mit den Problemen seines Kindes beschäftigen will, was die Kluft zwischen ihm und Rachel immer mehr vertieft. Doch auch Jamie ist eine sehr rätselhafte Figur, denn einerseits ist er ein liebenswürdiger und kluger Junge, der seine neue Stiefmutter auch zu mögen scheint, aber andererseits war er mir manchmal auch ein wenig unheimlich. Oft fragte ich mich, ob sein seltsames Verhalten nur auf seine Trauer zurückzuführen ist oder ob er nicht einfach alles versucht, um seine Stiefmutter wieder loszuwerden. Auch Rachels Schwiegermutter ist ein wenig dubios, sodass ich sehr gut nachfühlen konnte, wie einsam sich Rachel in dieser Gesellschaft und in diesem abgelegenen und trauerbeladenen Haus fühlen muss.
Das Spannungslevel, das bereits auf den ersten Seiten aufbaut wird und über den ganzen Roman hinweg gehalten werden kann, sowie die bedrückende und unheimliche Atmosphäre, die in Carnhallow House herrscht und mir häufig einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte, haben mich vollkommen überzeugt und bis zum Schluss gefesselt. Die Sprache des Autors ist sehr bildgewaltig, eindringlich und lässt sich gut und flüssig lesen. Seine ruhige und atmosphärische Erzählweise hat mir ausgesprochen gut gefallen, sodass ich mir bis kurz vor dem Ende sicher war, dass dieses Buch die besten Chancen hat, eines meiner Thriller-Highlights zu werden –  aber dann kam eben das Ende. Das war nun leider alles andere als überzeugend und hat mich so enttäuscht, dass ich das Buch mit einem genervten Augenrollen zuschlug und mich fragte, wie man einen so grandiosen Psychothriller mit einer so haarsträubenden Auflösung auf den letzten zwanzig Seiten noch so derartig verhunzen kann. Das ist wirklich bedauerlich bei einem Buch, das ansonsten so atmosphärisch dicht, packend und erzählerisch versiert geschrieben ist.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Ich bedanke mich recht herzlich bei vorablesen.de  und dem Knaur Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Buchdetails:

S. K. Tremayne: Stiefkind
Verlag: Knaur
Ersterscheinungsdatum: 01. Dezember 2016
400 Seiten
ISBN 978-3-426-51662-1

Cover: Droemer Knaur

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6 Gedanken zu “Buchrezension: S. K. Tremayne – Stiefkind

    • Ich habe „Eisige Schwestern“ leider noch nicht gelesen, habe es mir aber in meiner Euphorie schon zugelegt und freue mich darauf, es zu lesen, da mir „Stiefkind“, abgesehen von dem Ende, sehr gut gefallen hat. Wenn ich Deine Rezension so lese, war das eine gute Entscheidung 😉

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  1. Endlich mal wieder eine positive Bewertung des Buches. Ich lese in letzter Zeit oft Rezensionen, bei denen der Leser von den Beschreibungen der Minen gelangweilt war. Ich fand gerade diesen Schauplatz so atmosphärisch. Rachels Gedankengängen zu folgen, fand ich insbesondere zum Ende hin etwas anstrengend. Spannend fand ich es trotzdem nahezu durchgängig.
    Die „Eisigen Schwestern“ haben mir auch gut gefallen, jedenfalls was die Spannung betrifft. 😃

    LG
    Mona

    Gefällt 1 Person

    • Ja, ich habe nun schon von vielen gehört, dass sie die Geschichte der Bergwerke und die Beschreibungen des Anwesens extrem langweilig fanden. Für mich war es gerade das, was das Buch so besonders machte, denn die Atmosphäre ist einfach unglaublich düster und bedrohlich. Da sieht man über die etwas enttäuschende Auflösung eben ein bisschen hinweg 😉
      „Eisige Schwestern“ habe ich mir schon besorgt und freue mich darauf, es zu lesen, denn der Erzählstil des Autors hat mich absolut überzeugt.
      Liebe Grüße
      Claudia 🙂

      Gefällt 1 Person

    • Ja, aber ich muss gestehen, ich war auch nicht begeistert von dem Buch. gar nicht aufgrund der Beschreibungen, vielmehr, weil sich die Spannung viel zu spät aufbaute!
      Ebenso auch das von Claudia benannte bedrohliche ~ am Ende bzw. kurz zuvor, diese Atmosphäre im Haus die greifbar ist war super. Für mich jedoch der Aufbau dahin, sowie die Aufklärung, konnten mich nicht abholen.

      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

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