Buchrezension: Clare Mackintosh – Alleine bist du nie

Clare Mackintosh - Alleine bist du nieInhalt:

Zoe Walker ist geschieden, lebt mit ihrem neuen Lebensgefährten Simon und ihren beiden fast erwachsenen Kindern in einem Reihenhaus in einem Londoner Vorort und hat einen recht langweiligen Bürojob in einem Immobilienunternehmen. Sie führt ein durchschnittliches und nicht besonders abwechslungsreiches Leben. Sie fährt täglich zur gleichen Zeit mit dem Zug zur Arbeit und wieder zurück, nimmt jeden Tag denselben Zug, setzt sich an denselben Platz, steigt an derselben Station um und ahnt nicht, dass ihr gerade diese Routine zum Verhängnis werden könnte. Doch als sie eines Morgens auf dem Weg ins Büro in der Bahn in der London Gazette blättert, entdeckt sie zwischen den Anzeigen für Sex-Hotlines und Begleitservices eine Anzeige für die Dating-Agentur findtheone.com mit einem Foto von sich und einer ihr unbekannten Telefonnummer. Sie ist zwar beunruhigt, denn sie hat nie eine solche Anzeige geschaltet und weiß auch nicht, wie ein Fremder zu diesem Foto kam, aber niemand scheint ihre Besorgnis ernst zu nehmen, und auch Simon ist sicher, dass die Frau auf dem Foto ihr nur ähnlich sieht. Noch ahnt Zoe nicht, in welcher Gefahr sie schwebt und dass sie ständig beobachtet wird, denn alleine ist sie nie…

Meine persönliche Meinung:

Ich bin in der Verlagsvorschau auf dieses Buch aufmerksam geworden und war erstaunt, dass ich von der Autorin bislang noch nichts gehört hatte, denn Clare Mackintosh feierte bereits mit ihrem Thrillerdebüt Meine Seele so kalt erste Erfolge. Umso neugieriger war ich also auf Alleine bist du nie und bin froh, diese Autorin nun entdeckt zu haben, denn ihr Buch hat mir ausgesprochen gut gefallen und war ungeheuer fesselnd und spannend.
Ich muss jedoch zugeben, dass ich anfangs etwas enttäuscht war, denn es dauert ziemlich lange, bis die Geschichte in Fahrt kommt. Die ersten Kapitel sind leider furchtbar zäh und langweilig. Ich war häufig versucht, das Buch abzubrechen, weil einfach nichts passierte, aber mein Durchhaltevermögen hat sich gelohnt, denn glücklicherweise entpuppte sich dieser Thriller nach dieser anfänglichen Durststrecke als hochspannender und nervenaufreibender Pageturner, den ich nicht mehr aus den Händen legen konnte.
Zunächst nimmt sich Clare Mackintosh allerdings sehr viel Zeit, ihre Charaktere einzuführen. Damit schafft sie zwar ein hohes Identifikationspotential mit der Hauptprotagonistin Zoe, allerdings ist es auch ein bisschen ermüdend, diese Frau über so viele Seiten hinweg einfach nur durch ihren Alltag zu begleiten.
Auch ich bin mehrere Jahre mit dem Zug gependelt und war täglich knapp drei Stunden mit Bus und Bahn unterwegs. Unwillkürlich stellen sich dabei gewisse Routinen ein – man geht jeden Morgen zur gleichen Zeit aus dem Haus, kauft sich beim selben Bäcker ein Brötchen, am gleichen Kiosk eine Zeitung, nimmt dieselbe Treppe zum Bahnsteig und versucht, im Zug immer den gleichen Sitzplatz zu ergattern. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, man denkt nicht über diese Angewohnheiten nach und rechnet auch nicht damit, bei diesen alltäglichen Ritualen beobachtet zu werden, denn wer interessiert sich schon für solche belanglosen Banalitäten?
Auch Zoe folgt jeden Tag einer Routine, die sich über Jahre hinweg eingeschlichen hat, und ahnt nicht, dass ihr diese jemals zum Verhängnis werden könnte und sie bei jedem Schritt beobachtet wird. Das ändert sich jedoch, als sie eines Morgens in der Tageszeitung eine Anzeige entdeckt, in der mit ihrem Foto für eine Dating-Agentur geworben wird. Fortan fühlt sie sich beobachtet und ahnt auch recht schnell, in welcher Gefahr sie schwebt, als sie herausfindet, was anderen Pendlerinnen zugestoßen ist, deren Foto ebenfalls in einer Anzeige dieser Agentur abgedruckt war. Während sie zunächst nur beunruhigt ist, steigert sich ihre Angst zunehmend und entwickelt sich schließlich zur Paranoia, die man jedoch sehr gut nachfühlen kann. Doch niemand scheint ihre panische Angst ernst zu nehmen, weder ihr Lebensgefährte noch ihre Kinder, und auch die Polizei schenkt ihr zunächst wenig Beachtung. Nur DC Kelly Swift nimmt Zoes Besorgnisse ernst und will alles daran setzen, den Betreiber der Website, für die in der Anzeige geworben wird, zu finden.
Kelly war jahrelang in der Abteilung für Sexualdelikte tätig, wurde allerdings suspendiert, nachdem sie während eines Verhörs die Kontrolle verloren hatte und auf einen Verdächtigen losgegangen war. Inzwischen arbeitet sie in der Londoner U-Bahn und kümmert sich um Diebstähle und kleine Ordnungswidrigkeiten. Sie ist davon überzeugt, dass mehrere bislang ungeklärte Straftaten an Frauen auf diese ominösen Anzeigen zurückzuführen sind, nimmt die Ermittlungen auf und hofft dabei auch, ihrer Karriere wieder auf die Sprünge zu helfen. Außerdem lässt der Fall sie nicht mehr los, da ihre Zwillingsschwester Lexi vor einigen Jahren vergewaltigt wurde und der Täter noch immer nicht gefasst werden konnte. Während ihre Schwester beschlossen hat, die traumatischen Erinnerungen endlich hinter sich zu lassen und kein Interesse an der Strafverfolgung des Täters hat, ist Kelly geradezu besessen von dem Gedanken, Lexis Vergewaltiger seiner gerechten Strafe zuzuführen. Allerdings stellt sie auch bei ihrem aktuellen Fall fest, dass jedes Opfer einer Gewalttat mit den traumatischen Erlebnissen anders umgeht und muss lernen, zu akzeptieren, dass manche Frauen die Tat einfach nur vergessen wollen und ihnen nicht an der gerechten Bestrafung des Täters gelegen ist.
Die Geschichte wird abwechselnd aus Kellys und Zoes Perspektive erzählt. Beide Protagonistinnen sind präzise ausgearbeitet, sehr glaubwürdig gezeichnet und waren mir von der ersten Seite an sympathisch. Man merkt, dass die Autorin selbst jahrelang bei der britischen Polizei gearbeitet hat, denn die Ermittlungsarbeit wird sehr authentisch geschildert.
In kursiv gedruckten und recht knapp gehaltenen Kapiteln lässt die Autorin den Leser aber auch in die Gedankenwelt des Täters eintauchen, ohne jedoch jemals entscheidende Hinweise auf seine Person zu liefern. Diese Passagen waren nicht nur überaus verstörend, sondern ließen die Spannungskurve auch kontinuierlich ansteigen. Clare Mackintosh versteht es ausgezeichnet, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken, denn ob es sich beim Betreiber der Website um einen Fremden oder um jemanden in Zoes persönlichen Umfeld handelt, ist bis zum Ende unklar. Zoe spürt jedoch, dass sie niemandem mehr trauen kann, denn nicht nur ihr Lebensgefährte Simon, sondern auch ihre Kinder, ihre Nachbarn und ihr Chef verhalten sich äußerst verdächtig und scheinen etwas vor ihr zu verbergen.
Ich hatte bis zum Schluss keine Ahnung, wer nun hinter diesen Anzeigen stecken könnte und war sehr überrascht als der Täter dann feststand. Doch selbst nach dem fulminanten Showdown und der schockierenden Auflösung des Falls, schafft es die Autorin auf den letzten Seiten noch einmal, eine Wendung einzubauen, die mir dann erneut einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte und mich vollkommen fassungslos zurückließ. Häufig wirken gerade solche Schockmomente ganz am Ende eines Buches zu gewollt und überkonstruiert, aber Clare Mackintosh gelingt es trotz zahlreicher Wendungen, die Logik des Plots nie aus den Augen zu verlieren. Das Buch ist bis zum Ende glaubwürdig, und die Geschichte ist bis ins kleinste Detail durchdacht.
Außerdem wendet sich die Autorin in ihrem Thriller auch sehr aktuellen Themen zu. So wird sich jeder Leser nach der Lektüre fragen, wer sich die Aufnahmen von Sicherheitskameras eigentlich anschaut, ob die Überwachung des öffentlichen Raums tatsächlich immer unserer Sicherheit dient und wie viele Fotos von uns im Internet umherschwirren, ohne dass wir etwas davon wissen.
Schade, dass Alleine bist du nie ein bisschen zu gemächlich beginnt, denn ansonsten hat dieses Buch alles, was einen guten Psychothriller ausmacht –  einen raffiniert komponierten und logischen Plot, überzeugende Charaktere, ein authentisches Szenario, atemlose Spannung ohne viel Blutvergießen und ein schlüssiges Ende, das den Leser bestürzt und schockiert zurücklässt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und dem Verlag Bastei Lübbe, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Clare Mackintosh: Alleine bist du nie
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 13. Januar 2017
447 Seiten
ISBN  978-3-404-17470-6

Cover: Bastei Lübbe

Merken

8 Gedanken zu “Buchrezension: Clare Mackintosh – Alleine bist du nie

  1. Servus Claudia,
    bin gerade über Deine Rezension gstolpert auf der Suche nach einem Thriller als Geburtstagsgeschenk und … bin wohl fündig geworden. Trotz den leicht zähen Starts, wie Du sagst, scheint es den Leser dann ja doch richtig mitzureißen … *klick-und-bestellt*

    Danke für den Tipp
    LG; Kati

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Claudia,
    auch wenn der Start zäh ist, habe ich mir das Buch auf deine Meinung hin gekauft, da es sich wirklich spannend anhört. Ich hoffe, ich komme auch bald dazu, es zu lesen. Vielen Dank wie immer für deine fundierte Meinung 🙂
    Viele Grüße, Kerstin

    Gefällt 1 Person

  3. Mich hat das (Hör)buch sehr gepackt, auch weil es von drei Sprechern fantastisch gelesen wird – man weiß also immer sofort, wer das grad „in action“ ist.
    Auch wenn der Schluss schockierend ist, wünschte ich mir als harmoniesüchtiger Mensch doch ein Happy-End – oder wird es (hoffentlich) eine Fortsetzungen geben?
    Grüße
    Gabi

    Gefällt 1 Person

    • Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch als Hörbuch sehr gut ist. Ich bin zwar auch sehr harmoniebedürftig, aber ich mag es trotzdem, wenn ein Thriller so verstörend endet. Eine Fortsetzung wäre nach diesem Ende ja durchaus denkbar. Falls es eine geben sollte, werde ich sie auf jeden Fall lesen 😉
      LG Claudia

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s