Buchrezension: Arno Strobel – Das Rachespiel

arno-strobel-das-rachespielInhalt:

Frank Geissler ist glücklich verheiratet, Vater einer Tochter und besitzt eine erfolgreiche Softwarefirma. Eines Tages erhält er mit der Post einen rätselhaften Umschlag ohne Absender, in dem sich ein Memorystick mit einer Textdatei befindet. Frank soll am nächsten Tag pünktlich um zwölf Uhr eine Website besuchen und wird darauf hingewiesen, dass es um ein Menschenleben ginge. Als er am nächsten Tag die Internetadresse aufruft, traut er seinen Augen kaum, denn er sieht auf seinem Bildschirm einen ausgemergelten Mann, der gefesselt am Boden liegt. Neben ihm steht ein Käfig voller Ratten, die vor Hunger wie von Sinnen zu sein scheinen. Am unteren Bildschirmrand erscheint ein Text, in dem Frank aufgefordert wird, eine Aufgabe zu erfüllen, um dem Mann das Leben zu retten.
Frank glaubt zunächst an einen schlechten Scherz, ein makabres Onlinespiel, kann den Anblick des Mannes aber nicht mehr ertragen, schließt die Website und ignoriert die Aufgabe, die ihm auferlegt wurde. Am nächsten Tag erhält er wieder einen Memorystick und sieht nun mit eigenen Augen, dass er unbekannte Absender seine Drohung tatsächlich wahrgemacht hat und der gefesselte Mann bei lebendigem Leib von den hungrigen Ratten bestialisch getötet wurde. Hätte Frank ihn tatsächlich retten können, wenn er die Aufgabe erfüllt hätte?
Doch dieser Mann war nur die erste Spielfigur in einem perfiden Spiel, das Frank und drei seiner Freunde aus Kindheitstagen nun gemeinsam spielen müssen. Frank war vor mehr als dreißig Jahren Anführer einer Jugendbande, und noch immer verbindet die vier Freunde von damals ein schreckliches Geheimnis, obwohl sie sich längst aus den Augen verloren haben. Nun scheint sie die Vergangenheit wieder einzuholen, denn offenbar sollen sie jetzt die Strafe für etwas bezahlen, das sie in ihrer Jugend angerichtet haben. In einem verlassenen Atombunker in der Eifel müssen sie sich dem perfiden Spiel ihres unbekannten Gegners stellen, wenn sie nicht alles verlieren wollen, was sie lieben.

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich vor ein paar Monaten Die Flut von Arno Strobel gelesen hatte, habe ich mir vorgenommen, unbedingt mehr von diesem Autor lesen zu wollen, denn das Buch gefiel mir sehr gut. Da abgesehen von seinem kürzlich erschienenen Thriller Im Kopf des Mörders – Tiefe Narbe, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, alle seine bisherigen Bücher Einzelbände sind, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, habe ich mich für Das Rachespiel entschieden, denn der Klappentext ließ auf eine sehr beklemmende Geschichte hoffen.
Schnell und ohne langes Vorgeplänkel geht es auch sofort auf den ersten Seiten äußerst spannend los, denn das Videomaterial, das Frank zugeschickt wird, ihn aus seinem recht biederen, aber glücklichen Alltag reißt und mit seiner Vergangenheit konfrontiert, ist bereits überaus schockierend. So richtig Fahrt nimmt dieser Thriller allerdings erst auf, als Frank und drei weitere Mitspieler, seine ehemaligen Freunde aus Kindertagen, in die verlassene Atombunkeranlage gelockt und dort eingeschlossen werden. Nun müssen sie sich dem Spiel des Unbekannten stellen, einem Spiel um Leben und Tod, bei dem sie nicht nur um ihr eigenes Leben spielen, sondern auch um das der Menschen, die sie lieben. Sie müssen eine Reihe von Aufgaben erfüllen, die ihnen über Lautsprecher mitgeteilt werden und erfahren auch, dass nur zwei von ihnen die Chance haben, diese Nacht im Bunker zu überleben. Und so beginnt ein erbitterter Kampf ums Überleben, den sich nicht gemeinsam gewinnen können, sondern nur, wenn sie gegeneinander antreten.
Arno Strobel hat für diesen Thriller einen Schauplatz gewählt, wie er beklemmender kaum sein könnte. Eine ehemalige Atombunkeranlage, voller dunkler, kalter und verwirrender Gänge und Räume, in denen der Unbekannte auch viele hungrige Ratten ausgesetzt hat. Der Autor spielt also sehr raffiniert mit den Ängsten seiner Leser. Vor Ratten habe ich zwar keine Angst, aber die Vorstellung, in einem stockdunklen und kalten Bunker eingesperrt zu sein, verursacht mir ausgesprochen klaustrophobische Gefühle. Hinzu kommt, dass der Unbekannte es sehr geschickt versteht, die vier Mitspieler gegeneinander aufzuhetzen, denn sie spielen nicht gemeinsam gegen ihren unbekannten Gegner, sondern wissen, dass nur zwei von ihnen diesen Albtraum überleben werden und versuchen deshalb, sich gegenseitig daran zu hindern, das Spiel zu gewinnen. Jeder kämpft im Grunde gegen jeden, sodass die Atmosphäre von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist und die Spannungen untereinander immer wieder zu eskalieren drohen.
Die Geschehnisse werden überwiegend aus Franks Perspektive geschildert, der sich in diesem Spiel auch häufig mit der Frage konfrontiert sieht, wie weit er gehen wird, um sich und seine Familie zu retten und ob er auch bereit wäre, einen seiner Mitspieler zu opfern, um selbst die Chance zu haben, zu überleben. Bedauerlicherweise war mir Frank nicht besonders sympathisch und auch alle anderen Figuren sind leider sehr klischeebehaftet und unsympathisch. Manuela, die einzige Frau im Bunde, ist vollkommen hysterisch, hat panische Angst vor Ratten, die nun wahrlich nicht ihr größtes Problem sind, und ging mir entsetzlich auf die Nerven. Jens ist ein entsetzlicher Feigling und Opportunist und Torsten ein rüpelhafter, aggressiver und unberechenbarer Widerling, der keine Skrupel kennt und dem man auch außerhalb dieses Bunkers nicht begegnen möchte.
Mit unsympathischen Charakteren kann ich gut leben, auch wenn es der Spannung zuträglicher wäre, wenn man wenigstens einen Sympathieträger finden würde, auf dessen Seite man sich schlagen und mit dem man mitfiebern könnte. Noch mehr gestört hat mich allerdings, dass alle vier Protagonisten häufig vollkommen irrational und auch unglaubwürdig handeln, was die Spannungskurve zwar immer wieder ansteigen lässt, aber leider etwas auf Kosten der Plausibilität der Geschichte geht.
Man weiß recht schnell, dass Frank, Manuela, Torsten und Jens in diesem Bunker für etwas büßen sollen, das sie in ihrer Kindheit angerichtet haben, denn schon von Beginn an macht der Unbekannte keinen Hehl daraus, dass er im Namen von Festus handelt. Wer Festus ist oder war, ob er überhaupt noch am Leben ist und was Franks Jugendbande ihm vor mehr als dreißig Jahren angetan hat, erfährt der Leser aber nur scheibchenweise. In den Dialogen und vor allem in zahlreichen mit „Damals…“ überschriebenen Kapiteln, in denen ein Blick in die Vergangenheit gewährt wird, offenbart sich ganz allmählich das grausame Geheimnis, das die vier Freunde noch immer verbindet und keinen von ihnen jemals losgelassen hat. Spannend war also nicht nur, ob sie diese Nacht im Bunker überleben werden, sondern auch, was in der Vergangenheit passiert ist und die Frage, wer sie nun für ihre Verfehlungen von damals büßen lassen möchte. Obwohl das Personal dieses Thrillers sehr überschaubar und der Plot nicht sehr verzwickt ist, hat mich das Ende von Das Rachespiel sehr überrascht und war für mich auch nicht vorhersehbar.
Strobels Sprache ist schlicht, klar und prägnant, sodass sich dieser Psychothriller sehr schnell und flüssig lesen lässt. Hin und wieder hätte ich mir gewünscht, sein Erzählstil wäre etwas eindringlicher und atmosphärischer, denn mir war er häufig etwas zu nüchtern und distanziert.
Schiebt man die Fragen nach der Plausibilität und Glaubwürdigkeit ein wenig zur Seite, ist Das Rachespiel ein überaus fesselnder und lesenswerter Psychothriller, der geschickt mit den Ängsten des Lesers spielt und vor allem aufgrund seines klaustrophobischen Schauplatzes für beklemmende Momente und ein durchgängig hohes Spannungslevel sorgt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Arno Strobel: Das Rachespiel
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 23. Januar 2014
352 Seiten
ISBN 978-3-596-19694-4

Cover: S. Fischer Verlag

4 Gedanken zu “Buchrezension: Arno Strobel – Das Rachespiel

  1. Liebe Claudia,
    „Das Rachespiel“ hatte ich seinerzeit auch mit 4 Sternen bewertet, weil mir das Ende ein wenig zu abrupt und kurz war. Allerdings konnte mich der neue Strobel nicht so richtig überzeugen, da gab es nur 3 Sterne. Sehr gut hat mir im Januar aber auch „Sie liebt dich nicht“ von Sharon Bolton gefallen. (Es gibt trotz Blogpause auch einen Lesemonat dazu, wo ich ein paar Worte zu den Büchern schreibe)
    Liebe Grüße, Kerstin

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Kerstin,
      ich habe mir eben Deinen Lesemonat angesehen. Du hast ja ordentlich was weggelesen und ein paar interessante Bücher waren auch dabei. Von Sharon Bolton habe ich vor einigen Jahren mal „Schlangenhaus“ gelesen, und da ich es nicht besonders toll fand, habe ich nie wieder ein Buch von ihr zur Hand genommen. Von „Sie liebt dich nicht“ habe ich schon viel gehört, aber die Meinungen gingen sehr auseinander. Vor allem hörte ich, es sei so unglaubwürdig und unlogisch, was mir bei Thrillern immer den Spaß ein wenig verdirbt. Aber es klingt so spannend – ich denke, ich werde es versuchen 😉
      Beim neuen Buch von Strobel ist es ähnlich – auch da gehen die Meinungen gehörig auseinander. Vor allem schreckt mich ab, dass der zweite Teil seiner Trilogie erst nächstes Jahr erscheinen soll. Bis dahin habe ich den ersten ja schon wieder halb vergessen. Deshalb mag ich Reihen und Trilogien auch nicht so besonders oder lese sie erst, wenn alle Bände erschienen sind. Das kann also noch dauern 😉
      Liebe Grüße
      Claudia

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s