Buchrezension: Michele Jaffe – Wer schön sein will, muss sterben

michele-jaffe-wer-schoen-sein-will-muss-sterbenInhalt:

Die sechszehnjährige Jane Freeman ist das beliebteste Mädchen ihrer Schule und mit David, dem coolsten Typen der ganzen Stadt zusammen. Gemeinsam mit ihm und ihren zwei besten Freundinnen Kate und Langley ist sie auf einer angesagten Party eingeladen, trägt ein heißes Outfit und tanzt ausgelassen auf der Tanzfläche.
Doch dann endet dieser Partyabend für Jane anders als erwartet – kurz vor Tagesanbruch wird sie von einer Passantin halbtot und schwerverletzt in einem Rosenstrauch gefunden. Es grenzt an ein Wunder, dass sie überhaupt noch am Leben ist, denn offenbar hat jemand versucht, sie zu töten. Oder war es nur ein schrecklicher Unfall?
Als Jane auf der Intensivstation des Krankenhauses aufwacht, fehlen ihr jegliche Erinnerungen an den genauen Verlauf des Abends. Jane ist sicher, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet, fühlt sich auch im Krankenhaus bedroht und ist davon überzeugt, dass der Täter ganz in ihrer Nähe ist und sie bald töten wird. Aber niemand will ihr Glauben schenken. Bildet sie sich das alles wirklich nur ein und hat aufgrund des traumatischen Erlebnisses und der vielen Medikamente Halluzinationen? Warum sollte jemand ein junges Mädchen, das bei allen so beliebt ist, töten wollen? Schließlich bekommt sie im Krankenhaus jeden Tag lieben Besuch von Freunden und ihrer Familie, erhält wunderschöne Geschenke und liebevolle Genesungswünsche. All das zeigt doch, dass die Leute sie wirklich lieben und froh sind, dass sie überlebt hat. Sie muss sich unbedingt daran erinnern, was in dieser Partynacht tatsächlich passiert ist, denn sie spürt, dass sie in großer Gefahr schwebt und ahnt allmählich, dass ihre Beliebtheit einen hohen Preis hat.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe Wer schön sein will, muss sterben vor einiger Zeit auf einem Bücherflohmarkt ergattert, mir gar nicht genau angesehen, worum es in dem Buch eigentlich geht, sondern einfach zugegriffen, weil „Psychothriller“ auf dem Cover stand. Zuhause habe ich dann darin geblättert und war aufgrund der Blümchenillustrationen, die zwar recht hübsch sind, aber nach meinem Empfinden nicht zu einem Psychothriller passen, etwas irritiert. Blümchen, insbesondere Rosen, assoziiere ich immer mit Büchern, in denen es um Liebe, Herzschmerz und romantischen Kitsch geht. Solche Kleinigkeiten reichen dann manchmal schon aus, um ein Buch im hintersten Winkel des Regals meiner ungelesenen Bücher verschwinden zu lassen, wo es dann meistens in Vergessenheit gerät. Da ich mir vorgenommen habe, nun regelmäßig in den Untiefen meiner Bücherregale nach solchen SuB-Leichen zu graben und dabei schon auf tolle Bücher gestoßen bin, fiel mir neulich auch Wer schön sein will, muss sterben wieder in die Hände. Auch wenn diese Röschen mich immer noch skeptisch machten, klang der Klappentext eigentlich recht spannend. Und so las ich die ersten Seiten und war von der Geschichte gleich so gefangen, dass ich einfach weiterlesen musste. Zweifellos handelt es sich bei Wer schön sein will, muss sterben um einen Jugendthriller, obwohl weder auf dem Cover noch im Klappentext darauf hingewiesen wird. Ich habe nun allerdings schon häufiger festgestellt, dass Jugendthriller durchaus spannend sein können, sodass ich mich davon nicht mehr irritieren lasse.
Nun, da ich das Buch gelesen habe, machen diese Rosenornamente, die bei mir Skepsis erweckten, auch durchaus Sinn. Meine Befürchtungen, dieser Psychothriller könnte kitschig sein, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Rosen spielen in Wer schön sein will, muss sterben zwar in mehrfacher Hinsicht eine Rolle, sind aber kein Symbol für Liebe, sondern vielmehr etwas Bedrohliches. Die Protagonistin Jane wurde leblos in einem Rosenstrauch gefunden, nachdem jemand versucht hatte, sie zu töten. Als sie dann im Krankenhaus aufwacht, ist ihr Zimmer voller Blumengeschenke, wobei ein riesiger Strauß roter Rosen ihr besonders Angst macht, zumal er nicht von ihrem Freund David ist. Sie erhält während ihres Krankenhausaufenthalts noch weitere Geschenke von einem unbekannten Verehrer, die auf den ersten Blick zwar wunderschön sind, sie aber immer wieder in Panik versetzen, denn sie ist sicher, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive der sechzehnjährigen Jane geschildert, die auf der Intensivstation gerade aus dem künstlichen Koma erwacht ist. Obwohl man all ihre Gefühle und Gedanken hautnah miterlebt, fiel es mir anfangs nicht gerade leicht, Jane zu mögen. Ich denke allerdings, dass dies durchaus gewollt ist, denn die Autorin hat mit Jane eine ebenso facettenreiche wie ambivalente Figur geschaffen. Jane ist davon überzeugt, dass in jener Partynacht jemand versucht hat, sie zu töten, kann sich aber nicht mehr erinnern, was an dem Abend vorgefallen war. Auch im Krankenhaus fühlt sie sich bedroht, hat Angst um ihr Leben und den Eindruck, dass sie ständig beobachtet wird. Die hilflose Situation, in der sie sich befindet, wird sehr eindrücklich geschildert und ist äußerst beklemmend, denn da sie sehr schwer verletzt ist und sich kaum bewegen kann, ist sie dem unbekannten Täter im Krankenhaus schutzlos ausgeliefert und könnte sich weder wehren noch fliehen, wenn sie angegriffen wird. Allerdings will ihr niemand glauben, dass sie wirklich in Gefahr ist, da nur sie diese Bedrohung wahrnimmt. Immer wieder versucht man ihr einzureden, dass sie nur Opfer eines schrecklichen Unfalls war. Sogar selbstmörderische Absichten werden ihr unterstellt. Da sie eine Weile im Koma lag und starke Medikamente nimmt, liegt auch der Verdacht nahe, dass sie einfach Halluzinationen hat. Auch der Leser bezweifelt mitunter, dass Janes Ängste tatsächlich begründet sind, da sie ihren eigenen Wahrnehmungen oft selbst nicht traut und sich kaum vorstellen kann, dass sich jemand wünschen könnte, sie sei tot. Sie ist schließlich das beliebteste Mädchen ihrer Schule, beliebt zu sein, ist für Jane auch das Wichtigste im Leben und sie hat sehr hart dafür gekämpft, in der Beliebtheitsskala ihrer Freunde ganz weit oben zu stehen.
Es war manchmal etwas anstrengend, dass sie immer wieder betont, wie wichtig es ihr ist, so beliebt zu sein. Das Milieu, aus dem Jane kommt und aus dem sie ihre Freunde rekrutiert, ist das der Schönen und Reichen. Um in ihrem Umfeld beliebt zu sein, muss man keine besonderen Fähigkeiten oder liebenswürdige Charaktereigenschaften besitzen, sondern in erster Linie reich, schön, attraktiv und modisch auf dem neuesten Stand sein. Jane lebt in einer Welt, in der es nur darum geht, dass der Lidstrich perfekt sitzt, immer genug Lipgloss aufgetragen wurde und die High Heels gut zu den Designerklamotten passen. Obwohl sie großes Glück hatte, diesen Unfall überhaupt überlebt zu haben, besteht ihre größte Sorge darin, dass ihr Gesicht verquollen ist und sie sich nicht schminken kann. Bevor sie Besuch empfängt, besteht sie deshalb darauf, dass man ihr wenigstens Mascara aufträgt, denn sonst will sie ihrem Publikum nicht gegenübertreten. Diese Oberflächigkeit, die übertriebene Fixiertheit auf ihr Äußeres und die ständige Betonung ihrer Beliebtheit gingen mir leider sehr auf die Nerven und machten mir dieses Mädchen zunächst nicht gerade sympathisch. Ambivalent ist ihr Charakter aber vor allem deshalb, weil sie eigentlich gar nicht so oberflächlich ist und schon schwere Schicksalsschläge bewältigen musste. Sie ist auch klug, hat Humor und interessiert sich leidenschaftlich für Fotografie. Allerdings verbirgt sie ihre Talente und Interessen vor ihren Freunden und redet auch nie über ihre traumatischen Erinnerungen, um nicht ausgelacht zu werden, keine Schwächen zu zeigen und weiterhin so beliebt zu sein. Ihr Zynismus, den sie vor allem gegenüber ihrer Mutter immer wieder unter Beweis stellt, hat mir sehr gut gefallen, zumal ihre Mutter eine entsetzliche Nervensäge ist, der nur an ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrem Ansehen gelegen ist. Ihren Freunden gegenüber ist Jane allerdings nicht so kritisch und übersieht dabei leider auch, dass beliebt zu sein, nicht bedeutet, dass man auch geliebt wird und gerade ihre Beliebtheit ihr auch zum Verhängnis werden könnte. Im Verlauf dieses Psychothrillers, in dem Jane Stück für Stück zu rekonstruieren versucht, was in der verhängnisvollen Partynacht passiert ist, macht sie eine erstaunliche Entwicklung durch und wird immer wieder mit der Frage konfrontiert, wem sie vertrauen kann und wer ihre wahren Freunde sind.
Michele Jaffe hat ihre Protagonistin sehr präzise gezeichnet. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, dass Jane so facettenreich gestaltet ist. Da man ihr durch die gewählte Ich-Perspektive sehr nahekommt, ihre Ängste hautnah miterlebt und an ihrer Seite versucht, die Erinnerungen an die Unfallnacht zu rekonstruieren, konnte ich mich, zumindest nachdem ich erkannt habe, dass dieses Mädchen gar nicht so oberflächig ist, sehr gut in Jane einfühlen und mit ihr mitfiebern. Doch auch alle anderen Charaktere sind sehr gut und glaubwürdig ausgearbeitet. Der Leser lernt im Verlauf von Janes Krankenhausaufenthalt auch ihre Freundinnen, ihren Freund und ihre Familie kennen. Die Menschen in ihrem Umfeld sind sehr undurchsichtig, rätselhaft und teilweise auch nicht besonders sympathisch. So wird der Verdacht immer wieder sehr geschickt auf eine andere Person gelenkt, die ein Interesse daran haben könnte, Jane aus dem Weg zu räumen. Man rätselt und fiebert mit ihr mit, verfolgt gespannt, wie ihre Erinnerungen scheibchenweise zurückkehren und sie der schockierenden Wahrheit allmählich näherbringen und spürt dabei auf jeder Seite auch ihre Hilflosigkeit.
Es hat mich allerdings ein wenig gestört, dass sich Jane zu nahezu jedem männlichen Wesen, das sie im Krankenhaus besucht oder dort arbeitet, hingezogen fühlt und kann mir kaum vorstellen, dass man sich, wenn man so schwer verletzt ist und solche Schmerzen hat, permanent neu verlieben kann. Ihr Gesundungsprozess war leider ohnehin alles andere als glaubwürdig. Es wird immer wieder betont, wie schwerwiegend und lebensbedrohlich ihre Verletzungen sind, sodass es mehr als unrealistisch ist, innerhalb von nur fünf Tagen von solchen Blessuren zu genesen. Das ist umso tragischer, weil dieser Psychothriller ansonsten sehr raffiniert konstruiert ist, mit einer logischen und völlig unvorhersehbaren Auflösung aufwartet und gut durchdacht ist.
Mir hat Wer schön sein will, muss sterben trotzdem überraschend gut gefallen, denn dieser Psychothriller war durchgehend spannend und überzeugte mich vor allem aufgrund der interessanten und vielschichtigen Charaktere sowie des beklemmenden Szenarios.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Michele Jaffe: Wer schön sein will, muss sterben
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 23. August 2011
448 Seiten
ISBN 978-3-596-18979-3

Cover: S. Fischer Verlag

Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im März 2017

Ich freue mich jeden Monat darauf, die Verlagsvorschauen nach spannenden Neuerscheinungen zu durchsuchen und aus der riesigen Fülle an neuen Büchern, die den Buchmarkt ja geradezu überschwemmen, die fünf herauszupicken, die mich besonders interessieren. Das gleicht natürlich ein wenig dem Blick in die berühmte Kristallkugel, denn ob es sich bei meiner kleinen Auswahl tatsächlich um die Perlen unter den Neuerscheinungen handelt, kann ich leider nicht immer zuverlässig erkennen. Obwohl ich meistens auch die ersten Seiten in der Leseprobe lese, lag ich mit meinen Buchtipps auch schon gründlich daneben. So manche vermeintliche Perle entpuppte sich leider doch als Flop, weshalb ich inzwischen noch genauer hinschaue und mich nicht an großen Autorennamen oder an großangelegten Werbemaßnahmen der Verlage orientiere, sondern nur an den Klappentexten und Leseproben – und natürlich an meinem derzeitigen Lesegeschmack, der noch immer sehr thrillerlastig ist.

Drei Meter unter Null von Marina HeibSie beobachtet ihre Opfer. Sie plant ihre Morde. Nichts will sie dem Zufall überlassen. Sie schlägt den Weg der Gewalt jedoch nicht ohne Grund ein. Ihr Leben lang bemühte sie sich um ein normales Leben. Doch die Hülle der Normalität umschloss eine tiefe Verzweiflung, die sie zu verbergen wusste. Bis zu einem nebligen Donnerstag im November. Dem Tag, an dem sie beschließt, eine Mörderin zu werden. Sie will die Dämonen vernichten. Sie will Rache. Sie empfindet kein Mitleid. Sie sollen leiden. Genau wie sie. (Klappentext: Heyne Encore)
Marina Heib – Drei Meter unter Null
Verlag: Heyne Encore
Ersterscheinungstermin: 06. März 2017
Hardcover – 256 Seiten – 19,99 €
ISBN 978-3-453-27111-1


Ich bin niemand von Patrick FlaneryEin spannender und elegant erzählter Roman über die Welt in Zeiten wachsender Überwachung.

Als der Geschichtsprofessor Jeremy O’Keefe nach zehn Jahren aus Oxford in seine Heimatstadt New York zurückkehrt, um dort an der New York University zu unterrichten, gerät er in einen Sog seltsamer Vorfälle: Eine Studentin kommt nicht zum verabredeten Treffen, später stellt er verdutzt fest, dass er selbst die Verabredung abgesagt haben soll; ein ihm unbekannter junger Mann behauptet, ihn zu kennen; eine Reihe Pakete erreichen ihn, mit den Ausdrucken seiner Telefonverbindungen und seines Mailverkehrs der letzten Monate; der mysteriöse junge Mann taucht immer wieder auf – O’Keefe fühlt sich verfolgt, kann die Geschehnisse nicht zuordnen. Ist jemand hinter ihm her? Spielt ihm jemand einen bösen Streich? Wird er überwacht? Oder wird er einfach verrückt? Nach und nach stellt sich heraus, dass der Ursprung dieses Rätsels in O’Keefes Zeit in Oxford begründet liegt.

Ein stilistisch herausragender, hochintelligenter Roman über Erinnerung, Verdrängung und das, was geschieht, wenn unsere Vergangenheit uns einholt. (Klappentext: Blessing Verlag)

Patrick Flanery – Ich bin niemand
Verlag: Blessing
Ersterscheinungsdatum: 06. März 2017
Hardcover – 400 Seiten – 22,99 €
ISBN 978-3-89667-578-1


Das Scherbenhaus von Susanne KliemSubtil und beklemmend: Ein genialer psychologischer Spannungsroman

Carla Brendel wird seit Monaten von einem Stalker verfolgt, der ihr Fotos mit bedrohlichen Motiven schickt: Menschliche Haut. Ein Messer. Wunden. Aus Angst vor dem Fremden flüchtet sie aus ihrer idyllischen Heimatstadt in Norddeutschland zu ihrer Halbschwester nach Berlin. In Ellens luxuriöser Wohnanlage „Safe Haven“, die mit neuesten Sicherheitssystemen ausgestattet ist, fühlt sie sich beschützt. Doch kurz nach ihrer Ankunft verschwindet Ellen spurlos, ihre Leiche wird wenige Tage später aus der Spree geborgen. Ein tragischer Unfall? Oder wissen die anderen Hausbewohner mehr, als sie sagen? Carlas Zweifel wachsen. Sie bleibt und sucht nach der Wahrheit. Dabei merkt sie schnell, dass im „Safe Haven“ ganz eigene Regeln und Gesetze herrschen. Und es tödlich enden kann, wenn man zu viele Fragen stellt … (Klappentext: carl’s books)

Susanne Kliem – Das Scherbenhaus
Verlag: carl’s books
Ersterscheinungstermin: 20. März 2017
Klappenbroschur – 336 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-570-58566-5


fiona-cummins-der-knochensammler-die-ernteEr sammelt aus Leidenschaft. Knochen. Menschliche Knochen.
Doch das Herzstück fehlt ihm noch in seiner Sammlung.
Die Knochen von Jakey. Einem sechsjährigen Jungen, der am Münchmeyer-Syndrom leidet, einer seltenen Knochenkrankheit, die Jakeys Körper langsam verknöchern lässt …

Den Knochensammler vergisst so schnell niemand mehr: Wie ein Schatten gleitet er durch Londons Straßen und verfolgt einen teuflischen Plan. Fiona Cummins‘ »Der Knochensammler – Die Ernte« ist ein schauderhaft genialer Thriller mit Bestseller-Format – so nervenzerfetzend wie Mo Hayders »Der Vogelmann«, so abgründig und faszinierend wie »Die Chemie des Todes«. (Klappentext: S. Fischer Verlage)

Fiona Cummins: Der Knochensammler – Die Ernte
Verlag: FISCHER Scherz
Ersterscheinungsdatum: 23. März 2017
Klappenbroschur – 480 Seiten – 14,99 €
ISBN 978-3-651-02499-1


Gestaendnisse von Kanae MinatoDie kleine Tochter der alleinerziehenden Lehrerin Moriguchi ist im Schulschwimmbad ertrunken; ein tragischer Unfall, wie es scheint. Wenige Wochen später kündigt Moriguchi ihre Stelle an der Schule, doch zuvor will sie ihrer Klasse noch eine letzte Lektion mit auf den Weg geben. Denn sie weiß, dass ihre Schüler Schuld am Tod ihrer Tochter haben. Mit einer erschütternden Offenbarung setzt sie unter ihnen ein tödliches Drama um Schuld und Rache, um Gewalt und Wahnsinn in Gang, an dessen Ende keiner – weder Kind noch Erwachsener – ungeschoren davonkommt.

Mit immenser Sogwirkung und einem unbestechlichen Blick auf die menschlichen Abgründe erzählt die ehemalige Lehrerin Kanae Minato eine faszinierend-verstörende Geschichte voller unerwarteter Wendungen. Ein packender Roman, dessen Stimmen den Leser noch lange begleiten. (Klappentext: C. Bertelsmann Verlag)

Kanae Minato – Geständnisse
Verlag: C. Bertelsmann
Ersterscheinungsdatum: 27. März 2017
Hardcover – 272 Seiten – 16,99 €
ISBN 978-3-570-10290-9

Buchrezension: Sabine Thiesler – Nachts in meinem Haus

Sabine Thiesler - Nachts in meinem HausInhalt:

Tom Simon ist ein renommierter und leidenschaftlicher Kunstmaler, sehr vermögend, glücklich verheiratet und lebt mit seiner zweiten Frau Charlotte in einem einsam gelegenen Haus im Norden von Hamburg. Charlotte ist eine erfolgreiche Film- und Fernsehproduzentin, beruflich viel unterwegs, und obwohl Tom sie über alles liebt, kann er den verführerischen Reizen von Leslie, der Ehefrau eines Freundes, nicht widerstehen und hat seit einiger Zeit ein Verhältnis mit ihr.
Wieder einmal wird Charlotte für mehrere Tage weg sein, Tom hat sie gerade erst zum Flughafen gebracht und freut sich auf eine gemeinsame Liebesnacht mit Leslie, die ihren Besuch bereits angekündigt hat. Doch dann werden er und seine Geliebte in dieser stürmischen Gewitternacht plötzlich von seltsamen Geräuschen überrascht. Tom ist sicher, dass Einbrecher im Haus sind, greift zu seiner Harpune, die er unter dem Bett versteckt hat, schleicht sich ins Erdgeschoss, sieht dort schemenhaft den Schatten einer menschlichen Gestalt und schießt. Ein schreckliches Versehen, wie sich sofort herausstellt, denn als er erkennt, wen er in seiner Panik erschossen hat, ist er schockiert und fassungslos – seine Ehefrau Charlotte.
Vollkommen verzweifelt bittet Tom seinen besten Freund René um Hilfe und hofft, dass der erfahrene Anwalt weiß, was in dieser Situation zu tun ist. René rät ihm, das Land zu verlassen und stellt ihm das kleine Haus seiner verstorbenen Schwester in der Toskana zur Verfügung. Alles Weitere werde er für ihn regeln und hat auch schon einen Plan, wie er Tom helfen kann.
Noch in derselben Nacht macht sich Tom auf den Weg nach Italien, hält sich genau an Renés Anweisungen und richtet sich in dem kleinen Häuschen am Ortsrand von Cimessa ein. Doch auch in dem Idyll des toskanischen Bergdorfs kann er keine Ruhe finden. Eine rätselhafte in Schleier verhüllte Frau scheint ihn zu beobachten, er fühlt sich ständig verfolgt, die Einsamkeit droht ihn zu erdrücken und das wenige Bargeld, das er nach Italien mitnehmen konnte, geht allmählich zur Neige. Immer wieder regen sich in ihm auch Zweifel, ob René ihm tatsächlich helfen wird und trifft eine folgenschwere Entscheidung, als er erkennt, dass er niemandem mehr vertrauen kann.

Meine persönliche Meinung:

Seit ich vor einigen Jahren Sabine Thieslers Romandebüt Der Kindersammler gelesen habe, freue ich mich auf jedes neue Buch der Autorin und habe inzwischen sechs Bücher von ihr gelesen. Bislang hat mich Sabine Thiesler noch nie enttäuscht, nur Und draußen stirbt ein Vogel war ein bisschen schwächer als seine Vorgänger, aber alle Bücher der Autorin waren gleichermaßen fesselnd und überzeugten mich vor allem deshalb, weil Sabine Thiesler es schafft, in jedem ihrer Romane eine subtile psychologische Spannung aufzubauen. Außerdem sind ihre Bücher für mich immer eine kleine Reise in die Toskana, deren unverwechselbaren Charme die Autorin ganz vortrefflich einfängt, ohne sich in ausufernden Landschaftsbeschreibungen zu verlieren. Ihre Charaktere waren mir häufig nicht gerade sympathisch, aber darüber kann ich entspannt hinwegsehen, wenn sie glaubwürdig gezeichnet sind und nachvollziehbar handeln. Gerade das ist Sabine Thiesler in ihrem aktuellen Roman Nachts in meinem Haus leider gründlich misslungen und hat mir den Spaß am Lesen nahezu vollständig geraubt.
Es fällt mir schwer, diesen Roman zu bewerten, ohne zu spoilern, aber dass der Kunstmaler Tom Simon aus Versehen seine Frau tötet, weil er sie in der Dunkelheit für einen Einbrecher hielt, ereignet sich bereits auf den ersten dreißig Seiten dieses mehr als fünfhundert Seiten dicken Spannungsromans. Dass er mit seiner Geliebten Leslie gerade im Schlafzimmer zugange ist, als er im Haus seltsame Geräusche hört, erfährt man ebenfalls schon auf den ersten Seiten, und dass Leslie die Ehefrau seines besten Freundes René ist, den er nach dem versehentlichen Mord an Charlotte dann um Hilfe bittet, weiß der Leser auch nach den ersten Kapiteln.
Dann springt die Handlung zurück ins Jahr 1998, als Tom seine erste Ehefrau Emilia von Orosz kennenlernte. Man erfährt sehr detailliert, warum er sich von ihr scheiden ließ und wie er nach der Scheidung zum ersten Mal seiner späteren Ehefrau Charlotte begegnete. Ich war sehr gespannt darauf, zu erfahren, was Toms Erlebnisse in der Vergangenheit mit den Geschehnissen der Gegenwart zu tun haben, wartete das ganze Buch hinweg auf eine Verbindung, aber es gab keine. Man erfährt zwar, wie er zu seinem beträchtlichen Vermögen gekommen war und lernt auch seinen Freundeskreis besser kennen, aber ansonsten ist die ausführliche Schilderung seiner Vergangenheit vollkommen unnötig. Trotzdem glaube ich kaum, dass diese Passagen lediglich reine Seitenfüller sind, sondern vielmehr dazu dienen sollten, aus Tom einen tragischen Helden zu machen, einen gebrochenen Mann, der zwar wohlhabend, aber immer auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ist, sich in Kreisen bewegt, in denen er eigentlich ein Fremdkörper ist, und nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden kann. Sabine Thiesler nimmt sich also sehr viel Zeit, ihren Protagonisten einzuführen, denn anders kann ich mir die detaillierte Ausarbeitung seiner Vorgeschichte nicht erklären. Tom ist durchaus als tragische Figur angelegt, aber eben nicht sehr überzeugend. Es war mir nicht möglich, mich in ihn einzufühlen, geschweige denn, mit ihm mitzufiebern. Seine grenzenlose Naivität und seine Unfähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen, sind schon recht anstrengend, aber seine gleichzeitige Abgebrühtheit und sein Egozentrismus machen es ziemlich schwer, mit ihm Mitleid zu empfinden. Am meisten störte mich jedoch, dass seine Handlungen häufig vollkommen unlogisch, unglaubwürdig und absolut nicht nachvollziehbar waren.
Schwer vorstellbar ist ja bereits, dass man eine Harpune unter dem Bett lagert und damit dann ohne Vorwarnung auf einen vermeintlichen Einbrecher schießt, aber wie man in einer solchen Situation auf die Idee kommen kann, sein Schicksal ausgerechnet in die Hand des Menschen zu legen, mit dessen Ehefrau man sich kurz zuvor noch vergnügt hat, ist nicht nur reichlich naiv und blauäugig, sondern vor allem auch ziemlich dreist und unverschämt. Ich bin keineswegs ein Hüter von Sitte und Moral, dass man sich zur Ehefrau des besten Freundes hingezogen fühlt, kann ja durchaus vorkommen, aber Tom betont irrsinnigerweise immer wieder, wie sehr er Charlotte liebt und wie glücklich seine Ehe ist, und es gehört ja auch ein ordentliches Stück Unverfrorenheit dazu, sich ausgerechnet dem Mann seiner Geliebten anzuvertrauen und ihn um Hilfe zu bitten.
Nun ja, René ahnt in diesem Moment nicht, dass seine Frau ihn mit Tom betrügt, ist offenbar ein erfahrener Anwalt und müsste also wissen, was nun zu tun ist, aber der Plan, den er sich ausdenkt, um Tom zu helfen, ist so unausgereift und unlogisch, dass kein halbwegs vernünftiger Mensch davon ausgehen würde, dass man sich auf diese Weise aus der Bredouille ziehen kann. Paradoxerweise ärgert sich Tom maßlos, als sich in ihm die ersten Zweifel regen, ob es vielleicht doch keine so grandiose Idee war, René blind zu vertrauen, kommt jedoch nie auf die Idee, sein eigenes Verhalten zu hinterfragen, sondern fühlt sich von seinem besten Freund verraten und lamentiert über den Verlust dieser Freundschaft. Vor diesem Hintergrund war sein weiteres Vorgehen in Italien leider noch absurder, sinnfreier und überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Sympathisch war mir Tom ohnehin nicht, aber man muss schon jegliche Vorstellungen von Logik und gesundem Menschenverstand außen vor lassen, um nicht auf jeder weiteren Seite in diesem Buch, genervt mit den Augen zu rollen. Spannung wollte bei mir jedenfalls nicht mehr aufkommen, eine tragische Figur, mit der man mitfiebern könnte, ist Tom eben auch nicht gerade, sodass ich mir nur noch gewünscht habe, ihn einfach kläglich scheitern zu sehen. Doch auch alle anderen Charaktere sind nicht gerade Sympathieträger, wobei man René immerhin zugutehalten muss, dass er sich zumindest zeitweise seines Verstandes bedient.
Hinzu kommen die dilettantischen Ermittlungen der deutschen und auch der italienischen Polizei, die mir wirklich die Sprache verschlugen. Wenn es in Italien tatsächlich so einfach ist, unliebsame Zeitgenossen aus dem Weg zu schaffen und Morde zu vertuschen, muss dieses Land ja ein wahres Eldorado für Serienmörder sein. Hier begegnet man auch wieder Donato Neri, der Lesern von Sabine Thieslers Romanen bereits bekannt ist. Bislang hat es mir immer sehr gut gefallen, dass diese Ermittlerfigur zwar in jedem ihrer Bücher in Erscheinung tritt, aber eben ein Nebencharakter ist, dessen persönliche Lebensgeschichte eigentlich keine Rolle spielt. Leider nehmen Neris Eheprobleme in Nachts in meinem Haus einen sehr breiten Raum ein, haben nicht das Geringste mit der Haupthandlung zu tun, unterbrechen diese jedoch immer wieder und sind extrem anstrengend und langweilig. Die Turbulenzen in seinem Privatleben führen jedoch auf geradezu aberwitzige Weise dazu, dass er dem deutschen Kunstmaler Tom Simon immer wieder zufällig begegnet. Eine dieser Zufallsbegegnungen ist jedoch so an den Haaren herbeigezogen und überkonstruiert, dass ich nur noch mit dem Kopf schütteln konnte. Zufälle werden in diesem Roman ohnehin sehr überstrapaziert und machen den Plot, in dem es vor Ungereimtheiten und Logikbrüchen nur so wimmelt, leider noch unglaubwürdiger.
Manchmal konnte ich fast nicht glauben, dass das Buch tatsächlich aus der Feder von Sabine Thiesler stammt. Allerdings ist der Schreibstil der Autorin unverkennbar und das Einzige, was mir an Nachts meinem Haus gut gefallen hat. Ansonsten fehlt es diesem Roman leider an allem, was ihre Bücher bislang besonders ausgezeichnet hat – psychologische Spannung, glaubwürdige Charaktere und einen logischen und schlüssigen Plot. Das ist sehr schade, denn die Idee, die der Geschichte zugrunde liegt, hätte durchaus Potenzial und das Setting hat mir auch sehr gut gefallen, sodass ich Nachts in meinem Haus trotzdem noch gut gemeinte zwei von fünf Sternchen gebe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Sabine Thiesler: Nachts in meinem Haus
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 09. Januar 2017
512 Seiten
ISBN 978-3-453-26969-9

Cover: Heyne Verlag

Buchrezension: Christina Stein – Wonderland

Christina Stein - WonderlandInhalt:

Die zwanzigjährige Liz und ihre beiden Freundinnen Nelli und Amelie wollen etwas von der Welt sehen und haben sich ein Around-the-world-Ticket gekauft. Auf ihrer Weltreise lernen sie Colin und Ben aus München kennen, die sich den drei Freundinnen anschließen. In einem Hostel in Thailand machen die fünf Studenten auch die Bekanntschaft mit Jacob, der ebenfalls aus Deutschland kommt und sie zu einer Party in die Villa seines Onkels einlädt. Diese Villa am Meer ist traumhaft schön, hat unzählige Zimmer, ist sehr luxuriös eingerichtet, von einem weitläufigen Park umgeben, hat mehrere Pools und sogar einen eigenen Strand. In der untergehenden Sonne entfachen die fünf Freunde und Jacob dort ein Lagerfeuer, essen, trinken und feiern zusammen, bis sie plötzlich alle gleichzeitig von einer unerklärlichen Müdigkeit übermannt werden und sofort in einen tiefen Schlaf fallen.
Als sie am nächsten Morgen wieder aufwachen, befinden sie sich mitten im Dschungel und sind in einem von einer hohen Betonmauer umgebenen Areal gefangen. Noch während sie ihr Gefängnis irritiert und ängstlich inspizieren, meldet sich eine künstlich verzerrte Stimme über Lautsprecher und heißt sie beim „Opferspiel“ willkommen. Die Spielregeln sind so perfide wie grausam, denn die sechs Studenten sollen sich nun jeden zweiten Tag entscheiden, wer von ihnen geopfert werden soll, bis nur noch einer von ihnen übrig bleibt. Falls sie keine Entscheidung treffen können, wird sie ihnen abgenommen. Sie müssen Trikots mit Nummern und der Aufschrift „Ein Opfer macht frei“ tragen und werden von Männern in weißen Kutten bewacht, die auch auf sie schießen, falls sie sich den Anweisungen widersetzen.
Vor allem die schwer herzkranke Liz ist panisch vor Angst, denn ohne ihre Medikamente hat sie keine Chance, diesen Albtraum zu überleben. Was haben diese Männer eigentlich mit ihnen vor? Nur Jacob, den sie eigentlich kaum kennen, scheint mehr über dieses Spiel zu wissen, als er zugeben will. Außerdem wären Liz und ihre Freunde nie in diesem Reality-Game gelandet, wenn Jacob sie nicht in diese Villa gelockt hätte. Können sie Jacob trauen, oder wird er der Erste sein, den sie opfern?

Meine persönliche Meinung:

Bei Wonderland handelt es sich bereits um das zweite Buch von Christina Stein. Ich bin froh, ganz zufällig auf anderen Blogs auf diesen Thriller gestoßen zu sein, denn auf meiner üblichen Suche nach spannendem Lesestoff hätte ich es vermutlich niemals entdeckt. Es ist im FISCHER Kinder- und Jugendbuch Verlag erschienen, dessen Verlagsprogramm ich mir nur selten anschaue, da ich mich eigentlich nicht mehr zur Zielgruppe zähle. Auch in Buchläden stöbere ich nie durch die Kinder- und Jugendbuchabteilung und würde dort ein Buch wie Wonderland weder suchen noch vermuten. Dieser Thriller wird vom Verlag für die Altersklasse ab 16 Jahren empfohlen, und jünger sollte man auch nicht sein, wenn man dieses Buch lesen möchte, schon gar nicht, wenn man etwas zartbesaitet ist und mit Brutalität und Grausamkeiten in Büchern nicht zurechtkommt. Ich lese durchaus hin und wieder gerne einen Jugendthriller, aber meistens sind sie mir eben ein bisschen zu harmlos, was man von Wonderland allerdings nicht behaupten kann, denn die Autorin beschreibt schonungslos alle Facetten des Bösen und entwirft ein wahrhaft grauenvolles Szenario.
Mich hat dieses Buch eine schlaflose Nacht gekostet, denn es war von der ersten bis zur letzten Seite so unglaublich fesselnd und spannend, dass ich mich nicht davon losreißen konnte. Der Schreibstil der Autorin ist großartig, für ein Jugendbuch allerdings außergewöhnlich anspruchsvoll, zumal die Sätze recht lang und mitunter auch etwas verschachtelt sind. Mir hat er jedoch gut gefallen, passt hervorragend zu diesem temporeichen Thriller und behindert keineswegs einen sehr fließenden und eingängigen Lesefluss.
Bereits das Setting dieses beklemmenden Thrillers ist hervorragend gewählt, denn das abgeschiedene Areal inmitten des thailändischen Dschungels, das von einer hohen Betonmauer umgeben und mit einigen beängstigenden Details ausgestattet ist, sorgt für eine äußerst klaustrophobische Grundstimmung.
Das Buch wird aus der Ich-Perspektive von Liz, Jacob und auch einem der Täter und Hauptdrahtzieher dieses brutalen Reality-Games erzählt. Da die Kapitel jedoch nur durchnummeriert und nicht mit dem Namen des jeweiligen Charakters betitelt sind, erschließt sich erst nach den ersten Sätzen eines Kapitels, aus wessen Sicht gerade erzählt wird, was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Obwohl man diesen drei Charakteren durch die gewählte Ich-Perspektive sehr nahekommt, ist Jacob zu Beginn der Geschichte noch äußerst geheimnisvoll und nur schwer durchschaubar, gewinnt erst im weiteren Handlungsverlauf mehr Kontur, offenbart Stück für Stück seine tragische Vergangenheit und wurde mir dann auch zunehmend sympathischer. Anfangs war mir dieser junge Mann sehr suspekt, denn er weiß mehr als er zugibt, und man ahnt auch recht schnell, dass er für dieses Spiel nicht zufällig ausgewählt wurde. Er ist ein äußerst interessanter und auch facettenreicher Charakter.
Die zwanzigjährige Liz hingegen, wuchs mir schon auf den ersten Seiten ans Herz. Sie zeigt sich von dieser luxuriösen Villa eher unbeeindruckt und spürt sofort, dass mit diesem Ort etwas nicht stimmt. Ihr Schicksal berührte mich auch am meisten, denn sie ist schwer herzkrank, träumte von einer Karriere als Ballerina, die sie aufgrund ihrer Krankheit jedoch aufgeben musste, und will nun eine Weltreise machen, um etwas von der Welt zu sehen. Die Angst vor dem Tod ist ohnehin ihr ständiger Begleiter, aber sie hätte nie damit gerechnet, nicht an ihrer Krankheit, sondern in einem perfiden Reality-Game perverser Männer sterben zu müssen. Ihre Verzweiflung, Panik und ihre Ängste sind auf jeder Seite spürbar, aber dennoch gibt sie niemals auf und beeindruckte mich vor allem durch ihren Mut und Kampfgeist. Auch wenn ihre sich anbahnende Liebe zu Jacob in dieser nicht gerade romantisch aufgeladenen Atmosphäre auf den ersten Blick etwas befremdlich scheint, hat mich diese zarte Liebesgeschichte nicht gestört und zeigte, welche ungeahnten Kräfte Liebe zu mobilisieren vermag. Doch Jacob ist eben auch sehr undurchsichtig und rätselhaft, sodass man nicht weiß, ob man ihm tatsächlich trauen kann.
Doch nicht nur Liz‘ aufkeimende Liebe zu Jacob, sondern auch ihre Beziehung zu ihren Freunden wird während dieses grausamen Opferspiels immer wieder auf eine harte Probe gestellt, zumal die sechs Studenten jeden zweiten Tag entscheiden müssen, wer von ihnen geopfert werden soll. Alle Charaktere sind überaus präzise und auch glaubwürdig ausgearbeitet, und Christina Stein ist es sehr gut gelungen, die Emotionen und Verhaltensweisen, die unter ständiger Todesangst, in Gefangenschaft und während des vollkommenen Ausgeliefertseins an einen bzw. mehrere unbekannte Gegner in Erscheinung treten, sehr authentisch, nachvollziehbar und eindrucksvoll zu beschreiben. Und so fiebert man mit diesen sechs jungen Menschen unaufhaltsam mit, schwankt mit ihnen zwischen Hoffnung und Verzweiflung und durchlebt und durchleidet an ihrer Seite all die abscheulichen Grausamkeiten, die ihre Peiniger ihnen zufügen.
Besonders verstörend sind vor allem die Passagen, die aus der Sicht des Initiators dieses barbarischen Spiels geschildert werden, denn seine Gedanken, seine Ansichten über Frauen und auch die Beweggründe, die ihn und auch die anderen Männer zu solchen Taten veranlassen und sich im weiteren Verlauf der Geschichte allmählich offenbaren, waren überaus pervers, abstoßend und schockierend.
Doch so alptraumhaft dieses Szenario auch ist, schien es mir durchaus nicht vollkommen abwegig, dass Menschen, die es sich leisten können, jeden Preis zu bezahlen, um ihre Perversionen ungehindert ausleben zu können, auf solche bizarren Ideen kommen. Christina Stein schafft es zumindest, ihre Geschichte durchaus authentisch, realistisch und vorstellbar zu erzählen. Gerade das macht diesen Thriller auf geradezu erschreckende Weise glaubwürdig und schockierend.
Vor allem gelingt es der Autorin aber, schon nach wenigen Seiten ein sehr hohes Spannungslevel zu erzeugen und es kontinuierlich zu steigern. Wonderland ist ein rasanter Thriller, der den Leser nicht nur in die dunkelsten menschlichen Abgründe und Perversionen reißt, sondern ihn auch die Angst, den Schrecken und das Gefühl ausgelieferter Ohnmacht hautnah miterleben lässt. Ein absoluter Pageturner – schonungslos, tempogeladen und fulminant erzählt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Christina Stein: Wonderland
Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 25. August 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-7335-0289-8

Cover: S. Fischer Verlage

Buchrezension: Tom Rob Smith – Ohne jeden Zweifel

Ohne jeden Zweifel von Tom Rob SmithInhalt:

Daniel war sicher, dass seine Eltern glücklich sind und ihren Ruhestand in vollen Zügen genießen, seit sie zu ihrem letzten großen Abenteuer aufgebrochen waren und das Großstadtleben gegen ein beschaulicheres Leben auf dem Land tauschten. Sie haben ihre Gärtnerei und ihr Haus in London verkauft und einen abgelegenen Hof in Schweden erworben, dem Heimatland seiner Mutter, das sie im Alter von sechzehn Jahren verlassen hatte. Daniel hat seine Eltern in Schweden zwar nie besucht, zweifelte allerdings bislang nie daran, dass sie im ländlichen Schweden ihr Glück und auch neue Freunde gefunden haben.
Umso schockierter ist er nun, als sein Vater ihn mit der Nachricht konfrontiert, dass seine Mutter unter einer Psychose leide und er sie in ein Krankenhaus einweisen lassen musste. Daniel beschließt, gleich am nächsten Tag nach Schweden zu reisen, doch noch bevor er sich auf den Weg machen kann, erreicht ihn ein Anruf seiner verzweifelten Mutter. Sie bittet Daniel, seinem Vater kein Wort zu glauben, denn sie sei nicht verrückt, brauche keinen Arzt, sondern die Polizei und sei schon auf dem Weg zu ihm nach London.
Daniel weiß nicht mehr, wem er glauben soll, als seine Mutter kurz darauf am Flughafen ankommt und ihm immer wieder versichert, dass sie keine Wahnvorstellungen habe, sondern man sie nur zum Schweigen bringen wolle und in großer Gefahr schwebe. Erst als sie in Daniels Wohnung ist und sich sicher und unbeobachtet fühlt, erzählt sie ihm, dass sie in Schweden einem furchtbaren Verbrechen an einem jungen Mädchen auf die Spur gekommen sei, das von der verschworenen Dorfgemeinschaft vertuscht werde. Sein Vater habe sich sehr verändert und sei ebenfalls an diesem Komplott gegen sie beteiligt. Sie beschwört ihren Sohn, ihr zu vertrauen, denn er ist ihre letzte Hoffnung. Daniel ist hin- und hergerissen zwischen seinen Eltern, weiß nicht, welcher Version er Glauben schenken kann und beschließt deshalb, die Wahrheit selbst herauszufinden.

Meine persönliche Meinung:

Ich bin in einer Mängelexemplar-Kiste ganz zufällig über Ohne jeden Zweifel von Tom Rob Smith gestolpert, fand den Klappentext sehr ansprechend und war gespannt auf den Psychothriller eines britischen Autors, der den Schauplatz seines Buches in Schweden angesiedelt hat. Ich habe allerdings noch nie etwas von Ohne jeden Zweifel gehört, habe, um ehrlich zu sein, nicht allzu viel erwartet und mich nun umso mehr gefreut, durch Zufall auf einen ebenso spannenden wie tiefgründigen Psychothriller gestoßen zu sein, der mich von der ersten Seite an begeistert hat.
Wenn es zwischen den Eltern zu Streitigkeiten kommt, geraten Kinder, egal welchen Alters, in einen schmerzhaften Loyalitätskonflikt, bei dem sie nicht mehr wissen, auf wessen Seite sie sich schlagen sollen. Man will nicht vor die Wahl gestellt werden, sich für ein Elternteil entscheiden zu müssen, sondern sich die Liebe und das Vertrauen beider bewahren. In einen solchen Konflikt gerät Daniel, als sein Vater ihm mitteilt, dass seine Mutter Wahnvorstellungen habe und sich Verbrechen und Verschwörungen einbilde, wo keine sind. Seine Mutter Tilda hingegen versucht alles, um Daniel davon zu überzeugen, dass sie die Wahrheit sagt, ihr Verstand vollkommen klar ist und sein Vater sogar in den Komplott verwickelt ist, den die eingeschworene Dorfgemeinschaft in Schweden gegen sie führt. Daniel weiß nicht mehr, wem er nun glauben soll. Die Worte seiner Mutter klingen logisch und einleuchtend, zumal sie auch Beweise in ihrer Handtasche hat, die ihre Behauptungen stützen, aber sein Vater hat die Saat des Zweifels bereits gesät, sodass Daniel die Glaubwürdigkeit seiner Mutter trotzdem immer wieder in Frage stellt. Er nimmt sich sehr viel Zeit, um ihr die Möglichkeit zu geben, ihm ihre Sicht der Dinge in Ruhe darzulegen.
Das Buch besteht überwiegend aus einem Dialog zwischen Mutter und Sohn, bei dem jedoch die Erzählungen der Mutter überwiegen und Daniel sie nur unterbricht, wenn er etwas nicht versteht oder sie ihn auffordert, ihre Vermutungen zu bestätigen.
Schon zu Beginn dieses Gesprächs mit seiner Mutter, bricht Daniels harmonisches Bild von der Ehe seiner Eltern vollkommen in sich zusammen. Er erfährt, dass es zwischen seinen Eltern schon früher häufig zu Streitigkeiten und Konflikten kam, die jedoch immer vor ihm verborgen wurden, um ihn zu schützen. Besonders irritiert ist er aber, weil er dachte, dass seine Eltern ihren Ruhestand bequem finanzieren können, sich ganz bewusst für ein einfaches Leben auf dem Land entschieden haben und nicht ahnte, dass sie die Entscheidung, sich einen heruntergekommenen Hof in Schweden zu kaufen und dort ihr Gemüse selbst anzubauen, aus reiner Not getroffen hatten, weil ihre finanziellen Mittel gar nicht reichten, um weiterhin in London leben zu können. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellt er sich immer wieder die Frage, ob er seine Eltern überhaupt kennt und macht sich auch große Vorwürfe, sich im Grunde nie für ihr Leben interessiert zu haben. Er ging einfach immer stillschweigend davon aus, dass sie glücklich sind, hat auch nie mitbekommen, dass sie Probleme haben und sie auch nie mit seinen eigenen konfrontiert. Auch er war nie ehrlich zu seinen Eltern, hat nicht nur seine Homosexualität, sondern auch seine berufliche Erfolglosigkeit vor ihnen verheimlicht und sich von ihnen distanziert, weil er das Bild, das sie von ihm hatten, nicht zerstören und sie nicht enttäuschen wollte. Trotz aller Heimlichkeiten merkt man jedoch, dass Daniel seine Eltern liebt, sie auch ihn lieben und stellt sich unwillkürlich die Frage, wie gut man die Menschen, die man liebt, eigentlich kennt. Gerade weil er seine Eltern liebt, fällt es ihm nun so schwer, sich entscheiden zu müssen, auf wessen Seite er nun steht. Ist sein Vater tatsächlich in kriminelle Machenschaften verstrickt und somit selbst ein Verbrecher? Schwebt seine Mutter tatsächlich in Gefahr oder ist sie eine geistesgestörte, paranoide Frau mit Wahnvorstellungen? Weder das eine noch das andere will Daniel akzeptieren, muss allerdings eine Entscheidung treffen.
Ich konnte mich sehr gut in die Gefühle und Gedanken, die Daniel während dieses Dilemmas hat, hineinversetzen, denn Tom Rob Smith hat seinen Hauptprotagonisten psychologisch sehr präzise und glaubwürdig ausgearbeitet. Im Nachwort seines Thrillers, das sehr berührend war, schildert der Autor die realen und autobiografischen Hintergründe seines Psychothrillers. Da er schon selbst in der Situation war, in der sich Daniel befindet, ist es nicht erstaunlich, dass er die zwiespältigen Emotionen seines Hauptprotagonisten so eindrucksvoll, authentisch und nachvollziehbar schildert.
Während Daniels Mutter streng chronologisch und bis ins kleinste Detail erzählt, was nun in Schweden genau vorgefallen ist, und genau erklärt, warum sie so sicher ist, dass sich die Leute im Dorf gegen sie verschworen haben, stellt sich nicht nur Daniel, sondern auch der Leser die Frage, ob man ihren Worten Glauben schenken kann. Häufig hört sich das, was sie sagt, durchaus glaubwürdig an, die Schlüsse, die sie zieht, scheinen mitunter auch logisch zu sein, aber dennoch gerät man hin und wieder ins Straucheln, weil gerade die Anschuldigungen gegen ihren Mann sehr absurd klingen. Sie macht es Daniel und damit auch dem Leser nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Als Daniel seine Entscheidung schließlich doch getroffen hat, fühlt er sich jedoch nicht so recht wohl dabei, beschließt deshalb, selbst nach Schweden zu fahren und der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Dabei kommt er einem schrecklichen Familiengeheimnis auf die Spur, das weit in die Vergangenheit seiner Mutter reicht und sehr erschütternd war.
Wer einen rasanten Thriller erwartet, wird von Ohne jeden Zweifel sicher enttäuscht sein. Die sehr ausführlichen Erzählungen von Tilda und der innere Konflikt des Hauptprotagonisten stehen zunächst vollkommen im Fokus dieses Psychothrillers, während das Verbrechen an dem jungen Mädchen, eher zweitrangig ist. Erst auf den letzten hundert Seiten, als sich Daniel in Schweden auf die Spurensuche begibt und selbst versucht, herauszufinden, was dem Mädchen, von dem ihm seine Mutter erzählt hat, zugestoßen ist und die Tragödie, die sich hinter der Geschichte seiner Mutter verbirgt, allmählich aufdeckt, nimmt das Tempo etwas zu. Trotz seiner ruhigeren Gangart hat mich dieser Psychothriller von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und vollkommen in seinen Bann gezogen, mich häufig tief bewegt und sehr nachdenklich, aber mit einem versöhnlichen Ende zurückgelassen. Ich bin froh, dieses Buch entdeckt zu haben und kann Ohne jeden Zweifel nur jedem empfehlen, der etwas gemächlichere, aber dafür umso tiefgründigere Thriller mag.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Tom Rob Smith: Ohne jeden Zweifel
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 20. Oktober 2014
400 Seiten
ISBN 978-3-442-47504-9

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Eric Berg – Kalt

eric-berg-kaltInhalt:

Acht Internatsschüler fahren im Rahmen einer Exkursion ihres Biologie-Leistungskurses nach Finnland in den Patvinsuo-Nationalpark, um dort bei einem Projekt zur Rettung der finnischen Moore mitzuhelfen. Sie werden von ihren beiden Lehrern Dr. Brecht und Mrs Greenwood begleitet und vor Ort von dem jungen, attraktiven Nooa betreut, der sich in dieser Moorlandschaft auskennt, den Schülern erklärt, was bei der Renaturierung eines Moores zu tun ist und sie auch über die Gefahren aufklärt, die im Moor lauern. Eindrücklich zeigt er ihnen, was passiert, wenn sie die Markierungen verlassen und in eines der tückischen Moorlöcher geraten, aus denen man sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien kann.
Kurz nachdem sich die Schüler in dem Biwak eingerichtet haben, in dem sie während ihrer Exkursion unterkommen, verschwindet ihr Biologielehrer Dr. Brecht plötzlich spurlos. Hatte er genug von den geschmacklosen Streichen, die ihm schon am ersten Tag gespielt wurden? Es sieht dem verantwortungsbewussten Lehrer allerdings gar nicht ähnlich, sich einfach stillschweigend aus dem Staub zu machen. Da sie keine Spur von ihm finden können und in diesem abgelegenen Teil Finnlands keinen Handyempfang haben, beschließt Mrs Greenwood, in die nächstgelegene Stadt zu fahren, ihren Kollegen bei der Polizei vermisst zu melden und die Schule zu informieren. Allerdings kehrt sie nicht mehr zurück, sodass die acht Teenager mit ihrem Betreuer Nooa, der kaum älter ist als sie, nun völlig auf sich allein gestellt sind. Sie stecken ohne ein Fahrzeug in diesem Lager inmitten des Moores fest, und da es inzwischen auch noch zu schneien beginnt, werden sie außerdem bald eingeschneit sein.
Einige Schüler genießen es, endlich ohne ihre Lehrer ausgiebig feiern zu können und kosten ihre Freiheit in vollen Zügen aus. Doch die Lage droht zu eskalieren, als einer von ihnen tot aufgefunden wird. War es nur ein tragischer Unfall oder etwa Mord? Und wer hat die Pflöcke mit den Markierungen versetzt? Ist vielleicht der unheimliche Nationalparkwächter, der ganz in der Nähe in einer einsamen Hütte lebt, für all diese rätselhaften Vorkommnisse verantwortlich? Oder ist einer von ihnen vielleicht ein Mörder?

Meine persönliche Meinung:

Ich habe vor ein paar Monaten Eric Bergs Kriminalroman Das Küstengrab gelesen, und da er mir sehr gut gefallen hat, wollte ich unbedingt mehr von diesem Autor lesen. Bei Eric Berg handelt es sich um das Pseudonym des Schriftstellers Eric Walz, der bereits zahlreiche historische Romane veröffentlicht hat und unter dem Namen Eric Berg Kriminalromane sowie Jugendthriller schreibt. Obwohl ich der Zielgruppe schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen und bei Jugendbüchern immer ein bisschen skeptisch bin, habe ich mich nun für Eric Bergs Jugendthriller Kalt entschieden, denn der Klappentext klang sehr vielversprechend und interessant. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn Kalt hat mich wirklich überzeugt und war spannender als ich dachte.
Besonders beeindruckt war ich von dem Schauplatz, an dem die Geschichte spielt. Moorlandschaften sind ja wunderschön, so gefährlich wie ihr Ruf sind Moore auch nicht, aber dennoch sind sie immer ein wenig unheimlich, geheimnisvoll und auch bedrohlich und bieten somit natürlich die perfekte Kulisse für einen gruseligen und packenden Thriller. Dem Autor ist es sehr gut gelungen, die finnische Moorlandschaft vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen und die Gefahren, die im Moor lauern können, sehr eindrücklich zu beschreiben. Besonders beklemmend ist jedoch die Abgeschiedenheit des Patvinsuo-Nationalparks. Als die beiden Lehrer plötzlich spurlos verschwinden und die Jugendlichen auf sich alleine gestellt sind, keine Möglichkeit haben, Hilfe zu holen oder diesen Ort zu verlassen und mitten im Mai dann auch noch starke Schneefälle einsetzen und sie bald eingeschneit sein werden, ist diese bedrohliche Situation, aus der es kein Entkommen zu geben scheint, sehr gut nachvollziehbar und äußerst beängstigend. Hinzu kommt, dass ganz in der Nähe der Wächter des Nationalparks lebt, der ein recht unangenehmer und unheimlicher Zeitgenosse ist und ihnen offenbar auch nicht helfen will. Doch die eigentliche Gefahr geht nicht von der Kälte, dem Schnee, dem schlammigen Untergrund des Moores und den kaum wahrnehmbaren tückischen Moorlöchern aus, sondern lauert innerhalb der Schülergruppe, die nun mit ihrem Betreuer Nooa, der kaum älter ist als sie, in diesem Biwak eingeschlossen sind.
Eric Berg hat sich sehr viel Mühe gegeben, seine Charaktere präzise und psychologisch ausgefeilt auszuarbeiten. So beginnt jedes Kapitel mit einer Art Zeugenaussage, in denen nicht nur Schüler zu Wort kommen, die an der Exkursion teilnahmen, sondern auch ihre Mitschüler, Freunde und Geschwister. In diesen Passagen erfährt man zunächst nur wenig über das, was im finnischen Moor tatsächlich vorgefallen ist, lernt die acht Schüler aber besonders gut kennen, erhält Einblicke in ihr Leben, ihre Gefühle und Gedanken und erfährt auch, warum sie im Internat sind. Die Schicksale und Lebensgeschichten der Jugendlichen waren teilweise sehr berührend und nehmen in diesem Jugendroman einen sehr breiten Raum ein. Auf den ersten Blick scheinen manche Details nichts mit den Geschehnissen in Finnland zu tun zu haben, liefern allerdings die Erklärung für das Verhalten der Schüler und für die Konflikte, die während dieser Exkursion zutage treten. Dass die Situation im Lager so eskaliert, liegt nicht nur an den äußeren Umständen und der Abgeschiedenheit im Moor, sondern auch daran, dass es zwischen den Schülern immer wieder zu Streitigkeiten, Machtkämpfen und Eifersuchtsszenen kommt. Besonders unter den Mädchen enfacht sich ein erbitterter Kampf um die Gunst des guttaussehenden Betreuers Nooa, von dessen Charme sie sofort hingerissen sind. Teilweise sind diese Zickenkriege unter den Schülerinnen schon ein wenig anstrengend, aber dennoch sehr authentisch und glaubwürdig. Der charismatische Nooa versteht es, jeden für sich einzunehmen und imponiert auch den Jungs. Doch ein paar weigern sich auch, sich von ihm etwas sagen zu lassen, genießen es, dass die Lehrer endlich weg sind und wollen sich den Spaß von Nooa nicht vermiesen lassen. Abgesehen von Franzi, einem Mädchen, das ebenfalls in Nooa verliebt ist, sich an den Zickereien jedoch nicht beteiligt, und Lasse, einem Jungen, der sich von Nooa verstanden fühlt und endlich den Mut findet, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, waren mir diese jungen Menschen allerdings nicht besonders sympathisch. Einige der Jugendlichen verhalten sich äußerst merkwürdig, scheinen auch zu abscheulichen Grausamkeiten fähig zu sein, sodass der Verdacht immer wieder geschickt auf eine andere Person gelenkt wird, als es den ersten Toten gibt.
Was tatsächlich während dieser Klassenfahrt passiert ist, erfährt man Stück für Stück in den Rückblenden einiger Exkursionsteilnehmer, vor allem von Franzi, die eine recht gute Beobachtungsgabe hat und erschreckende Details offenbart.
Es hat mir sehr gut gefallen, dass der Autor jeder seiner Figuren, auch den Freunden, Mitschülern und Geschwistern, die sich zu den Geschehnissen äußern, eine individuelle Sprache verliehen hat und sie somit zu unverwechselbaren Charakteren macht. Natürlich verwendet er dabei, je nachdem, wer sich zu Wort meldet, eine mitunter recht flapsige Jugendsprache, was die Authentizität jedoch unterstreicht und auf den ersten Seiten dieses Thrillers auch geradezu herzerfrischend amüsant war.
Obwohl Eric Berg den Verdacht immer wieder auf eine andere Person lenkt und einige falsche Fährten legt, war mir irgendwann klar, wer der Täter ist, sodass die Spannung ein wenig gelitten hat. Trotzdem war dieses Buch nie langweilig und hat mich bis zum Schluss gefesselt. Ein wenig schade fand ich auch, dass das Motiv des Mörders mir bis zuletzt nicht einleuchten wollte, obwohl er am Ende selbst zu Wort kommt und über seine Taten spricht. Die letzten Seiten, die aus der Sicht des Täters geschildert werden, waren jedoch äußerst verstörend. Vor allem der letzte Satz jagte mir noch einen gewaltigen Schauer über den Rücken.
Mir hat Kalt von Eric Berg sehr gut gefallen, für so manchen Gänsehautmoment gesorgt und ist auch für erwachsene Leser eine kurzweilige Lektüre und durchaus empfehlenswert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Bloomoon Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Eric Berg: Kalt
Verlag: Bloomoon Verlag
Ersterscheinungsdatum: 12. Februar 2016
192 Seiten
ISBN  978-3-8458-1231-1

Cover: Bloomoon Verlag