Buchrezension: Christina Stein – Wonderland

Christina Stein - WonderlandInhalt:

Die zwanzigjährige Liz und ihre beiden Freundinnen Nelli und Amelie wollen etwas von der Welt sehen und haben sich ein Around-the-world-Ticket gekauft. Auf ihrer Weltreise lernen sie Colin und Ben aus München kennen, die sich den drei Freundinnen anschließen. In einem Hostel in Thailand machen die fünf Studenten auch die Bekanntschaft mit Jacob, der ebenfalls aus Deutschland kommt und sie zu einer Party in die Villa seines Onkels einlädt. Diese Villa am Meer ist traumhaft schön, hat unzählige Zimmer, ist sehr luxuriös eingerichtet, von einem weitläufigen Park umgeben, hat mehrere Pools und sogar einen eigenen Strand. In der untergehenden Sonne entfachen die fünf Freunde und Jacob dort ein Lagerfeuer, essen, trinken und feiern zusammen, bis sie plötzlich alle gleichzeitig von einer unerklärlichen Müdigkeit übermannt werden und sofort in einen tiefen Schlaf fallen.
Als sie am nächsten Morgen wieder aufwachen, befinden sie sich mitten im Dschungel und sind in einem von einer hohen Betonmauer umgebenen Areal gefangen. Noch während sie ihr Gefängnis irritiert und ängstlich inspizieren, meldet sich eine künstlich verzerrte Stimme über Lautsprecher und heißt sie beim „Opferspiel“ willkommen. Die Spielregeln sind so perfide wie grausam, denn die sechs Studenten sollen sich nun jeden zweiten Tag entscheiden, wer von ihnen geopfert werden soll, bis nur noch einer von ihnen übrig bleibt. Falls sie keine Entscheidung treffen können, wird sie ihnen abgenommen. Sie müssen Trikots mit Nummern und der Aufschrift „Ein Opfer macht frei“ tragen und werden von Männern in weißen Kutten bewacht, die auch auf sie schießen, falls sie sich den Anweisungen widersetzen.
Vor allem die schwer herzkranke Liz ist panisch vor Angst, denn ohne ihre Medikamente hat sie keine Chance, diesen Albtraum zu überleben. Was haben diese Männer eigentlich mit ihnen vor? Nur Jacob, den sie eigentlich kaum kennen, scheint mehr über dieses Spiel zu wissen, als er zugeben will. Außerdem wären Liz und ihre Freunde nie in diesem Reality-Game gelandet, wenn Jacob sie nicht in diese Villa gelockt hätte. Können sie Jacob trauen, oder wird er der Erste sein, den sie opfern?

Meine persönliche Meinung:

Bei Wonderland handelt es sich bereits um das zweite Buch von Christina Stein. Ich bin froh, ganz zufällig auf anderen Blogs auf diesen Thriller gestoßen zu sein, denn auf meiner üblichen Suche nach spannendem Lesestoff hätte ich es vermutlich niemals entdeckt. Es ist im FISCHER Kinder- und Jugendbuch Verlag erschienen, dessen Verlagsprogramm ich mir nur selten anschaue, da ich mich eigentlich nicht mehr zur Zielgruppe zähle. Auch in Buchläden stöbere ich nie durch die Kinder- und Jugendbuchabteilung und würde dort ein Buch wie Wonderland weder suchen noch vermuten. Dieser Thriller wird vom Verlag für die Altersklasse ab 16 Jahren empfohlen, und jünger sollte man auch nicht sein, wenn man dieses Buch lesen möchte, schon gar nicht, wenn man etwas zartbesaitet ist und mit Brutalität und Grausamkeiten in Büchern nicht zurechtkommt. Ich lese durchaus hin und wieder gerne einen Jugendthriller, aber meistens sind sie mir eben ein bisschen zu harmlos, was man von Wonderland allerdings nicht behaupten kann, denn die Autorin beschreibt schonungslos alle Facetten des Bösen und entwirft ein wahrhaft grauenvolles Szenario.
Mich hat dieses Buch eine schlaflose Nacht gekostet, denn es war von der ersten bis zur letzten Seite so unglaublich fesselnd und spannend, dass ich mich nicht davon losreißen konnte. Der Schreibstil der Autorin ist großartig, für ein Jugendbuch allerdings außergewöhnlich anspruchsvoll, zumal die Sätze recht lang und mitunter auch etwas verschachtelt sind. Mir hat er jedoch gut gefallen, passt hervorragend zu diesem temporeichen Thriller und behindert keineswegs einen sehr fließenden und eingängigen Lesefluss.
Bereits das Setting dieses beklemmenden Thrillers ist hervorragend gewählt, denn das abgeschiedene Areal inmitten des thailändischen Dschungels, das von einer hohen Betonmauer umgeben und mit einigen beängstigenden Details ausgestattet ist, sorgt für eine äußerst klaustrophobische Grundstimmung.
Das Buch wird aus der Ich-Perspektive von Liz, Jacob und auch einem der Täter und Hauptdrahtzieher dieses brutalen Reality-Games erzählt. Da die Kapitel jedoch nur durchnummeriert und nicht mit dem Namen des jeweiligen Charakters betitelt sind, erschließt sich erst nach den ersten Sätzen eines Kapitels, aus wessen Sicht gerade erzählt wird, was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Obwohl man diesen drei Charakteren durch die gewählte Ich-Perspektive sehr nahekommt, ist Jacob zu Beginn der Geschichte noch äußerst geheimnisvoll und nur schwer durchschaubar, gewinnt erst im weiteren Handlungsverlauf mehr Kontur, offenbart Stück für Stück seine tragische Vergangenheit und wurde mir dann auch zunehmend sympathischer. Anfangs war mir dieser junge Mann sehr suspekt, denn er weiß mehr als er zugibt, und man ahnt auch recht schnell, dass er für dieses Spiel nicht zufällig ausgewählt wurde. Er ist ein äußerst interessanter und auch facettenreicher Charakter.
Die zwanzigjährige Liz hingegen, wuchs mir schon auf den ersten Seiten ans Herz. Sie zeigt sich von dieser luxuriösen Villa eher unbeeindruckt und spürt sofort, dass mit diesem Ort etwas nicht stimmt. Ihr Schicksal berührte mich auch am meisten, denn sie ist schwer herzkrank, träumte von einer Karriere als Ballerina, die sie aufgrund ihrer Krankheit jedoch aufgeben musste, und will nun eine Weltreise machen, um etwas von der Welt zu sehen. Die Angst vor dem Tod ist ohnehin ihr ständiger Begleiter, aber sie hätte nie damit gerechnet, nicht an ihrer Krankheit, sondern in einem perfiden Reality-Game perverser Männer sterben zu müssen. Ihre Verzweiflung, Panik und ihre Ängste sind auf jeder Seite spürbar, aber dennoch gibt sie niemals auf und beeindruckte mich vor allem durch ihren Mut und Kampfgeist. Auch wenn ihre sich anbahnende Liebe zu Jacob in dieser nicht gerade romantisch aufgeladenen Atmosphäre auf den ersten Blick etwas befremdlich scheint, hat mich diese zarte Liebesgeschichte nicht gestört und zeigte, welche ungeahnten Kräfte Liebe zu mobilisieren vermag. Doch Jacob ist eben auch sehr undurchsichtig und rätselhaft, sodass man nicht weiß, ob man ihm tatsächlich trauen kann.
Doch nicht nur Liz‘ aufkeimende Liebe zu Jacob, sondern auch ihre Beziehung zu ihren Freunden wird während dieses grausamen Opferspiels immer wieder auf eine harte Probe gestellt, zumal die sechs Studenten jeden zweiten Tag entscheiden müssen, wer von ihnen geopfert werden soll. Alle Charaktere sind überaus präzise und auch glaubwürdig ausgearbeitet, und Christina Stein ist es sehr gut gelungen, die Emotionen und Verhaltensweisen, die unter ständiger Todesangst, in Gefangenschaft und während des vollkommenen Ausgeliefertseins an einen bzw. mehrere unbekannte Gegner in Erscheinung treten, sehr authentisch, nachvollziehbar und eindrucksvoll zu beschreiben. Und so fiebert man mit diesen sechs jungen Menschen unaufhaltsam mit, schwankt mit ihnen zwischen Hoffnung und Verzweiflung und durchlebt und durchleidet an ihrer Seite all die abscheulichen Grausamkeiten, die ihre Peiniger ihnen zufügen.
Besonders verstörend sind vor allem die Passagen, die aus der Sicht des Initiators dieses barbarischen Spiels geschildert werden, denn seine Gedanken, seine Ansichten über Frauen und auch die Beweggründe, die ihn und auch die anderen Männer zu solchen Taten veranlassen und sich im weiteren Verlauf der Geschichte allmählich offenbaren, waren überaus pervers, abstoßend und schockierend.
Doch so alptraumhaft dieses Szenario auch ist, schien es mir durchaus nicht vollkommen abwegig, dass Menschen, die es sich leisten können, jeden Preis zu bezahlen, um ihre Perversionen ungehindert ausleben zu können, auf solche bizarren Ideen kommen. Christina Stein schafft es zumindest, ihre Geschichte durchaus authentisch, realistisch und vorstellbar zu erzählen. Gerade das macht diesen Thriller auf geradezu erschreckende Weise glaubwürdig und schockierend.
Vor allem gelingt es der Autorin aber, schon nach wenigen Seiten ein sehr hohes Spannungslevel zu erzeugen und es kontinuierlich zu steigern. Wonderland ist ein rasanter Thriller, der den Leser nicht nur in die dunkelsten menschlichen Abgründe und Perversionen reißt, sondern ihn auch die Angst, den Schrecken und das Gefühl ausgelieferter Ohnmacht hautnah miterleben lässt. Ein absoluter Pageturner – schonungslos, tempogeladen und fulminant erzählt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Christina Stein: Wonderland
Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 25. August 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-7335-0289-8

Cover: S. Fischer Verlage

5 Gedanken zu “Buchrezension: Christina Stein – Wonderland

  1. Meine liebe Claudia,
    ich habe nur den ersten Satz gelesen und musste gleich den Kopf schütteln. Im Alter von 20 Jahren ein „Round the world Ticket“ kaufen — das hätte ich auch gerne gemacht… bisschen aus der Realität nicht?
    Weiter viel Spaß mit deinen Büchern…

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    • Ich würde nicht sagen, dass das heutzutage unrealistisch ist. Als ich in dem Alter war, wäre das undenkbar gewesen, nicht nur wegen der Kosten. Ich habe in den letzten Jahren an der Uni allerdings einige Studenten kennengelernt, die sich nach dem Abi oder während des Studiums einfach mal ein Jahr Pause gegönnt haben, um um die Welt zu reisen. Das Angebot dieser RTW-Tickets richtet sich sogar primär an Studenten, die als Backpacker oder Work and Travel-Reisende unterwegs sind. Wenn man sowas macht, dann vor allem in diesem Alter, denn nach dem Studium ist es ja mit solchen Freiheiten vorbei. Welcher normal arbeitende Mensch kann sich schon mal ein Jahr lang auf Reisen begeben? Für mich wäre das nichts gewesen, denn so reiselustig bin und war ich nie, und meine Flugangst könnte ich ohnehin nie überwinden 😉

      Gefällt 1 Person

      • ja, ein Jahr aussetzen, um Erfahrungen zu sammeln, das war immer schon ein Vorhaben, das auch einige wahrgemacht haben… Zu meiner Zeit hat man sich dafür einen „Job“ gesucht, z. auf einer Pferderanch in Arizona oder so… Damit hat man das Jahr finanziert – mit einem abschließenden mehr oder weniger großen Umweg nach Hause. Ich bin offensichtlich nicht mehr am Puls der Zeit, wenn es üblich ist, dass sich Abiturienten ein Round-the-World Ticket kaufen. Nicht, dass ich es ihnen nicht gönnen würde….
        Also, nix für ungut und ich hoffe, dass das Buch spannend war.
        Grüßle Irmgard

        Gefällt 1 Person

      • Ja, es war super spannend 😉 Aber für ein Jugendbuch auch äußerst brutal.
        Pferderanch in Arizona klingt toll, vor allem wegen der Pferde. Tröste Dich, ich kam mir unter den jungen Menschen auch manchmal wie eine Außerirdische von einem ganz fernen Planeten vor. Ich war nach dem Abi 5 Tage Zelten am 50 km entfernten Bodensee und habe danach erstmal sieben Monate als Briefträgerin gearbeitet, um mir was für mein anstehendes Studium zu verdienen. Mir hat es in meiner Jugend an nichts gefehlt, aber mal eben ein Jahr Urlaub auf Kosten meiner Eltern incl. Ticket wäre nicht drin gewesen, habe ich allerdings auch nicht vermisst. Ich hätte auch nicht gewusst, warum ich mich nach dem Abi so lange erholen muss. Wovon auch? Verglichen mit dem, was im Leben auf einen Menschen wartet, ist das Abi ja nun wirklich keine große Strapaze – es ist nur die erste. Aber ich gönne es ihnen auch…
        Liebe Grüße
        Claudia

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