Buchrezension: Marina Heib – Drei Meter unter Null

Marina Heib - Drei Meter unter NullInhalt:

Als sie ein Kind war, wollte sie Pipi Langstrumpf werden, das stärkste Mädchen der Welt, das frei und selbstbestimmt lebt, später dann Winnetou oder vielleicht auch Tarzan. Sie war schon immer anders als andere Kinder, wurde ausgegrenzt, weil man sie sonderbar fand, aber das kümmerte sie nicht besonders. Trotzdem entschloss sie sich irgendwann, normal zu werden, nicht zuletzt ihren Eltern zuliebe, die sie liebten und behüteten, aber sich gewünscht hätten, ihr Kind sei ein wenig angepasster. Sie hat lange versucht, normal zu sein, wurde endlich akzeptiert, doch nun ist sie vierunddreißig Jahre alt und spürt, dass die Spuren des Sonderbaren noch immer an ihr haften. An einem nebligen Tag im November muss sie sich eingestehen, dass all ihre Bemühungen um Normalität gescheitert sind und sie ihrer Berufung folgen muss. An diesem Tag beschließt sie: „ich werde Mörderin“.
Doch zunächst muss sie ihr Menschsein ablegen und zu einer Wölfin werden. Dann macht sie einen Plan, beobachtet ihre arglosen Opfer ganz genau, bevor sie zuschlägt. Sie sollen leiden, wie sie gelitten hat, und mit ihrem Leben dafür bezahlen, dass sie ihr ihr Leben genommen haben.

Meine persönliche Meinung:

Marina Heib ist im Krimi- und Thrillergenre zwar keine Unbekannte, aber bislang habe ich noch keines ihrer Bücher gelesen. Als ich jedoch Drei Meter unter Null in der Verlagsvorschau entdeckt hatte, konnte ich den Erscheinungstermin kaum abwarten, denn dieses Buch versprach ein Thriller ganz nach meinem Geschmack zu sein. Ich fing auch sofort an zu lesen, als es dann endlich bei mir ankam und war ein bisschen enttäuscht, dass es nur so wenige Seiten hat und so schnell gelesen war, denn es war einfach großartig. Obwohl es so ein dünnes Büchlein ist, ist Drei Meter unter Null einer der gewaltigsten, erschütterndsten und düstersten Thriller, die ich jemals gelesen habe und ging mir so unter die Haut, dass ich diese Geschichte nicht so schnell vergessen werde.
Schon nach wenigen Seiten habe ich gemerkt, dass Drei Meter unter Null ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher und herausragender Thriller ist, der sich schon sprachlich und stilistisch weit von der Masse anderer Bücher dieses Genres abhebt. Der Schreibstil der Autorin ist einfach brillant, ihre Sprache fast poetisch, vor allem aber so eindringlich und ausdrucksstark und gleichzeitig so klar und prägnant, dass es wirklich ein Genuss ist, solche Sätze zu lesen, denn da sitzt jedes Wort. Besonders beeindruckt war ich jedoch, mit welcher Präzision und mit welchem Gespür für menschliche Emotionen und Abgründe Marina Heib ihre Protagonistin ausgearbeitet hat.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive einer Frau geschildert, die im Alter von vierunddreißig Jahren beschließt, Mörderin zu werden. Ihren Namen erfährt man nicht und auch das Motiv für ihre Taten bleibt zunächst im Dunkeln, aber man erhält sehr tiefe Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Leiden. Während sie sich auf ihrem blutigen Rachefeldzug befindet, wirft sie immer wieder einen Blick zurück in ihre Vergangenheit und lässt ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal Revue passieren.
Schon als Kind war sie anders als andere, sehnte sich nach Abenteuern, wollte nicht Ärztin oder Ingenieurin werden, sondern Pippi Langstrumpf, Tarzan oder Winnetou. Sie wuchs sehr behütet auf, ihre Eltern unterstützten ihre Träume, liebten sie und taten alles, um sie glücklich zu machen, sorgten sich allerdings auch um ihr einziges Kind, denn es ist leichter, in dieser Welt zu bestehen, wenn man sich ein wenig anpasst. Sie drängen ihre Tochter zu nichts, sind aber erleichtert, als sie irgendwann selbst beschließt, sich anzupassen und normal zu werden. Sie studiert Informatik, ist beruflich erfolgreich und inzwischen zu einer hübschen, unabhängigen und selbstbewussten jungen Frau geworden. Doch an einem nebligen Novembertag gerät ihr Leben vollkommen aus den Fugen, sodass sie beschließt, Mörderin zu werden. Doch was genau veranlasst eine junge Frau, die so behütet aufgewachsen ist, plötzlich dazu, ihr Menschsein abzulegen und zu einer Wölfin zu werden, die auf die Jagd geht, um erbarmungslos zu töten? Diese Frage steht im Zentrum der Geschichte.
Der Leser begleitet diese Frau nun während sie ihre Opfer beobachtet, ihnen auflauert und sie brutal tötet. Sie hat einen genauen Plan ausgetüftelt, will nichts dem Zufall überlassen und hat eine Liste von Opfern angelegt. Die Männer auf ihrer Liste leben verstreut in ganz Deutschland. Für jeden von ihnen hat sie sich eine ganz individuelle Tötungsart überlegt, denn sie sollen leiden, bevor sie sterben – jeder auf eine ganz spezielle Art und Weise. Sie geht ohne Mitleid und ohne Skrupel vor. Ihre Opfer sind erfolgreiche Unternehmer, aber auch Obdachlose; ein Muster oder eine Verbindung zwischen diesen Männern ist nicht erkennbar, sodass man sich als Leser ständig fragt, warum sie das tut und was diese Männer getan haben.
Das besonders Verstörende und gleichzeitig auch Faszinierende an diesem Buch war für mich, dass ich diese Frau mochte und große Sympathien für sie hegte, was angesichts der abscheulichen Gräueltaten, zu denen sie fähig ist, sehr befremdlich und irritierend ist. Als Leser gerät man also in einen Zwiespalt, denn einerseits kann und darf man keineswegs gutheißen, was sie tut, aber andererseits möchte man sie auch unbedingt verstehen und nachvollziehen können, warum sie so barbarisch mordet. Die Autorin versteht es äußerst geschickt, den Leser auf die Seite dieser Mörderin zu ziehen, obwohl ihre Taten zunächst nicht nachvollziehbar sind und sie mit äußerster Brutalität vorgeht.
Die Spannung dieses Thrillers beruht nicht auf blutigen oder actiongeladenen Szenen, sondern in erster Linie darauf, dass man die Protagonistin unbedingt verstehen will und ihre Beweggründe erfahren möchte. Es ist zwar schockierend, sie bei ihrer grausamen Mission zu begleiten und mitzuerleben, wie skrupellos sie dabei vorgeht, aber dennoch kann man sie nie dafür verurteilen, sondern möchte nur begreifen. Denn soviel ist klar: Sie ist keine geistesgestörte Psychopathin, die aus purer Lust am Töten mordet, sondern eine gequälte Seele, die nicht grundlos tötet. Der Leser erfährt den Grund jedoch erst, als sich diese junge Frau ihrem letzten Opfer zuwendet. Wieder gerät man in ein Dilemma, als man ihr Motiv dann kennt, denn man kann sie erschreckend gut verstehen. Ich war erschüttert, schockiert und tief bewegt, als ich erkannte, warum sie zur Mörderin wurde, und ich war auch erschüttert über mich selbst, weil ich mir tatsächlich wünschte, dass es ihr gelingt, ihre blutige Mission zu vollenden. Auf den letzten Seiten, wenn man schon denkt, man wisse nun alles, hätte nun begriffen, welches bewegende Schicksal sich hinter ihren Taten verbirgt, kommt es dann noch einmal zu einer überraschenden Wendung, mit der weder der Leser noch die Protagonistin gerechnet hätten und die mich vollkommen fassungslos zurückließ.
Ich kann Drei Meter unter Null nur wärmstens weiterempfehlen, denn dieser Thriller hat mich von der ersten bis zur letzten Seite vollkommen gefangen genommen und lässt mich auch jetzt noch immer nicht los.

Ein erschütterndes und düsteres Psychogramm einer Mörderin – sprachgewaltig, psychologisch ausgefeilt und intelligent erzählt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Marina Heib: Drei Meter unter Null
Verlag: Heyne Encore
Ersterscheinungsdatum: 06. März 2017
256 Seiten
ISBN 978-3-453-27111-1

Cover: Heyne Encore

12 Gedanken zu “Buchrezension: Marina Heib – Drei Meter unter Null

  1. Ich bin mir immer noch unsicher, ob ich das Buch lesen soll. Seit der Vorschau und den ersten Vorfreuden anderer Blogger, lies ich mich einlullen und packte es auf meine „want“ Liste. Aber irgendwie ist es seitdem nicht bei mir angekommen 😛

    Vielleicht klappt es nächsten Monat, wenn ich wieder neue Bücher order 😀
    Bei deiner ausführlichen Kritik hier, kommt ja fast nicht drumherum!

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    • Ich fand es einfach großartig, habe allerdings auch schon kritische Stimmen vernommen, denen gerade das, was ich so überragend fand, gar nicht gefallen hat, nämlich der für dieses Genre außergewöhnlich literarische Schreibstil. Zoran Drvenkar kann das auch, aber ansonsten findet man das im Thrillergenre selten. Das ist aber eben reine Geschmacksache.
      LG Claudia

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      • Uh, der Vergleich war nicht gut, denn mit den Stil von Drvenkar kam ich mal so gar nicht zurecht und ich habs an zwei Büchern bei ihm versucht, weil ich ihn lesen wollte. Nun muss ich doch mal in die Leseprobe reinschauen 😀

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  2. Wow, das klingt ja echt faszinierend ♥
    Ich glaube, das Buch könnte etwas für mich sein, ich mag etwas außergewöhnlichere Thriller. „Normale“ langweilen mich meist, weil sie so vorhersehbar oder einfach nicht richtig fesselnd sind. Aber der hier klingt irgendwie nicht danach.

    Danke für den Tipp!

    Liebe Grüße
    Sas

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  3. Hallo Claudia,
    Deine Rezension ist großartig genau wie das Buch.
    Habe es als Hörbuch gehört und bin hin und weg. Was ein ausdrucksstarkes Werk. Die Stimme von Anna Thalbach hat auch viel dazu beigetragen.
    Anfänglich hatte ich gesagt das ich versucht bin mich auf die Seite dieser Frau zu schlagen – letztendlich habe ich es auch getan.
    Dieses langsame Aufbauen der Spannung und dem Wissen wollen warum sie all das tut was sie tut hat mich über einige Stunden an den Kopfhörer ‚gefesselt‘.
    Definitiv ein Highlight in diesem Jaht.
    Liebe Grüße und eine gute Zeit für Dich
    Kerstin
    #litnetzwerk

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    • Wie schön, dass dieses Buch auch andere so begeistert. Es freut mich, dass es Dir auch so gut gefallen hat wie mir. Wenn es gut gelesen wird, ist es sicher auch als Hörbuch großartig, denn das Buch lebt letztendlich von seiner besonderen Sprache.
      Liebe Grüße
      Claudia

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  4. Liebe Claudia
    Ich bin auf der Suche nach neuer Lektüre auf deinen Blog gekommen und habe dieses Buch gekauft und nahezu in einem Zug gelesen.
    Danke für den Hinweis, ich werde deinen Blog gern weiter besuchen.
    Ulla

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