Buchrezension: Luca D’Andrea – Der Tod so kalt

Luca D'Andrea - Der Tod so kaltInhalt:

Der New Yorker Dokumentarfilmer Jeremiah Salinger fühlt sich nach seinem letzten erfolgreichen Filmprojekt vollkommen ausgebrannt und leer. Er beschließt, sich eine kleine Auszeit zu gönnen und mit seiner Frau Annelise und seiner kleinen Tochter Clara ein paar Monate in Siebenhoch zu verbringen, dem Heimatdorf seiner Frau in den Südtiroler Dolomiten. In dem abgelegenen, idyllischen Bergdorf glaubt er, etwas zur Ruhe zu kommen und viel Zeit mit seiner Familie verbringen zu können.
Während er eines Tages fasziniert den Hubschrauber der Bergrettung Dolomiten beobachtet, kommt ihm jedoch die Idee, einen Film über die Arbeit des Bergrettungsteams zu drehen. Als er die Crew bei einem Einsatz auf den Ortler begleitet, ereignet sich bei den Dreharbeiten ein schrecklicher Unfall, den Salinger als Einziger schwerverletzt in einer Gletscherspalte überlebt. Seitdem leidet er unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung, hat Panikattacken, Albträume und Wahnvorstellungen, in denen er immer wieder die Stimme der Bestie zu hören glaubt, die er zum ersten Mal in der Gletscherspalte am Ortler vernommen hatte. Er muss seiner Frau versprechen, sich nun zu schonen und mindestens ein Jahr nicht zu arbeiten.
Doch dann erfährt er zufällig, dass sich 1985 in der nahegelegenen Bletterbach-Schlucht ein furchtbares Verbrechen zugetragen hat, bei dem drei junge Einheimische bestialisch ermordet wurden. Salingers Schwiegervater und drei weitere Männer aus dem Dorf hatten die grausam zerstückelten Leichen gefunden, nachdem die drei jungen Leute nicht von einer Wanderung zurückgekehrt waren. Obwohl es zahlreiche Verdächtige gab, konnte der Mörder noch immer nicht gefasst werden. Salinger möchte unbedingt die Wahrheit über dieses dreißig Jahre zurückliegende Massaker herausfinden, aber als er beginnt, Fragen zu stellen, stößt er bei den Dorfbewohnern nur auf eine Mauer des Schweigens. Man gibt ihm unmissverständlich zu verstehen, dass es besser für ihn wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen, denn man will nicht, dass ein Fremder seine Nase in eine Angelegenheit steckt, die noch immer wie ein Fluch auf der Dorfgemeinschaft lastet. Aber Salinger schlägt alle Warnungen und Drohungen in den Wind. Er ist geradezu besessen davon, den Mörder zu finden und sicher, dass er die Stimme der Bestie nur zum Schweigen bringen kann, wenn es ihm gelingt, das Bletterbach-Massaker aufzuklären, selbst wenn er sich damit in große Gefahr begibt und riskiert, seine Familie zu verlieren.

Meine persönliche Meinung:

Wenn man an Südtirol denkt, kommen einem zunächst wunderschöne Landschaften, die schneebedeckten Gipfel der Alpen und Dolomiten, ein Meer von Weinbergen und Obstgärten sowie idyllisch gelegene Bergdörfer und blühende Almen in den Sinn. Ich bin eigentlich kein großer Fan von den Bergen, aber dennoch war ich gerade aufgrund des außergewöhnlichen Settings neugierig auf Der Tod so kalt von Luca D’Andrea, denn hinter dieser Postkartenidylle würde man eher einen beschaulichen Heimatroman als einen beklemmenden, zuweilen auch recht gruseligen Thriller vermuten. Die Gegend, in der Luca D’Andrea die Handlung seines Thrillers angesiedelt hat, kenne ich von diversen Urlauben recht gut, denn abgesehen von dem fiktiven Dörfchen Siebenhoch handelt es sich dabei um real existierende Orte. Die Landschaft Südtirols ist zweifellos wirklich traumhaft schön, aber auf mich wirkten die schroffen Berge auch immer ein wenig bedrohlich.
Und äußerst bedrohlich ist auch die Atmosphäre in Luca D’Andreas Thriller, nicht nur aufgrund der tückischen Gefahren, die in den Bergen lauern, sondern auch, weil der Autor die Dolomiten zum Schauplatz eines furchtbaren Verbrechens macht. Die Landschaft spielt in Der Tod so kalt eine sehr große Rolle. D’Andrea stammt selbst aus Bozen, kennt sich in der Gegend also bestens aus, ist auch mit den lokalen Brauchtümern, Legenden und Mythen vertraut und lässt diese immer wieder in die Handlung einfließen. Man merkt deutlich, dass der Autor vieles aus eigener Anschauung kennt, aber auch sehr akribisch recherchiert hat. Mir war die Legende vom Reich der Fanes bislang vollkommen unbekannt, und auch wenn ich ungefähr wusste, was ein Krampus ist, fand ich es sehr interessant, mehr über diese Schreckgestalt und das mit ihr verbundene Brauchtum zu erfahren. Auch die Auswirkungen des stetig zunehmenden Tourismus, der zur größten Einnahmequelle Südtirols geworden ist, sowie die Mentalität und die Eigenheiten der etwas verschrobenen Südtiroler beschreibt der Autor sehr authentisch und zeichnet ein überaus überzeugendes Porträt der verschworenen Dorfgemeinschaft des fiktiven Örtchens Siebenhochs.
Es ist für einen Fremden nicht ganz einfach, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen, was Salinger, der Protagonist in D’Andreas Thriller, immer wieder zu spüren bekommt. Obwohl seine Ehefrau eine Einheimische ist, begegnen ihm die Siebenhochler mit unverhohlenem Misstrauen, nicht nur, weil sie ihn als Eindringling empfinden, sondern weil sie ihm auch die Schuld an dem Unglück am Ortler geben, das Salinger als Einziger überlebt hat. Er selbst leidet seit dem Unfall unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung, Wahnvorstellungen und Panikattacken, die er zu überwinden versucht, indem er geradezu besessen alles daran setzt, das dreißig Jahre zurückliegende Bletterbach-Massaker aufzuklären, bei dem drei junge Einheimische auf bestialische Weise ermordet wurden. Doch die Dorfbewohner wollen nicht, dass sich ein Fremder in ihre Angelegenheiten einmischt. Sie versuchen mit allen Mitteln, Salinger einzuschüchtern und greifen ihn auch tätlich an, weil er sich von ihren Drohungen nicht beeindrucken lässt. Auch sein Schwiegervater bittet ihn inständig, seine Recherchen einzustellen, und seine Frau droht, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht schont. Doch Salinger lässt sich nicht beirren, denn er ist sicher, dass er die Stimme der Bestie, die er seit dem Unglück zu hören glaubt, nur zum Schweigen bringen kann, wenn es ihm gelingt, die Wahrheit über das Bletterbach-Massaker herauszufinden.
Der Autor hat seinen Protagonisten sehr fein gezeichnet und psychologisch glaubwürdig ausgearbeitet. Da das ganze Buch aus der Ich-Perspektive Salingers erzählt wird, man seine Gedanken, Ängste und Gefühlszustände also hautnah miterlebt, konnte ich mich sehr gut in ihn einfühlen. Er ist keineswegs ein mutiger Held, der ein dreißig Jahre zurückliegendes Verbrechen aufklären möchte, um sich zu profilieren, sondern ein gebrochener Charakter, der sich in eine Idee verrannt hat und dabei fast seinen Verstand verliert. Hin und wieder fiel es mir nicht leicht, Salingers Besessenheit für das Bletterbach-Massaker nachzuvollziehen, denn er begibt sich immer wieder in Gefahr, wird massiv bedroht und setzt außerdem auch seine Ehe aufs Spiel. Er liebt seine Familie über alles, und nur die Liebe zu seiner kleinen Tochter Clara bringt ihn hin und wieder zur Vernunft, denn er möchte sie auf keinen Fall verlieren. Doch dann gewinnt die Stimme der Bestie, die er seit dem Unglück am Ortler unaufhörlich zu hören glaubt, wieder die Oberhand. Er weiß, dass er sie nur zum Schweigen bringen kann und zur Ruhe kommen wird, wenn er den Mörder von damals entlarvt und ist ständig hin- und hergerissen zwischen seiner Familie und seiner Obsession. Die Momente mit seiner Tochter waren sehr berührend, denn das kleine Mädchen gibt ihrem Vater auf geradezu rührende Weise immer wieder Halt und Kraft. Nur das Buchstabenzählspiel, das die beiden ständig spielen und als eine Art Geheimsprache zwischen Vater und Tochter fungiert, ging mir irgendwann fürchterlich auf die Nerven, weil es doch sehr überstrapaziert wird.
Der Tod so kalt ist äußerst abwechslungsreich komponiert. Das ständige Wechselspiel zwischen sehr ruhigen, einfühlsamen Passagen und überaus rasanten, actionreichen Szenen hat mir ausgesprochen gut gefallen. Auch der Gruselfaktor kommt nicht zu kurz. Der Autor versteht es hervorragend, Spannung aufzubauen und sie das ganze Buch hinweg auf einem sehr hohen Level zu halten. Während man Salinger bei seiner gefährlichen Suche nach dem Mörder begleitet, wird man immer wieder mit neuen Verdächtigen konfrontiert und auf falsche Fährten gelockt. Zwischendurch hatte ich allerdings kurzfristig die Befürchtung, dass die Geschichte ins Phantastische abdriftet, als der Jaekelopterus rhenaniae, ein vor mehr als zweihundertfünfzig Millionen Jahren ausgestorbenes Riesenskorpion, des Mordes verdächtigt wird. Glücklicherweise waren meine Bedenken unbegründet, denn stattdessen gewährt der Autor hier sehr interessante Einblicke in die Geologie, Paläontologie sowie die ökologische Nischentheorie, jedoch ohne in einen wissenschaftlichen Ton zu verfallen. Der wendungsreiche Plot mündet nach einem fulminanten Showdown schließlich in ein durchaus realistisches, logisches und schlüssiges Ende, das mich sehr überrascht hat.
Mir hat Der Tod so kalt ausgesprochen gut gefallen und mich aufgrund der imposanten Kulisse, den überzeugenden Charakteren und der abwechslungsreichen und hochspannenden Erzählweise restlos begeistert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an die Deutsche Verlags-Anstalt, die mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Luca D’Andrea: Der Tod so kalt
Aus dem Italienischen von Verena v. Koskull
Verlag: DVA Belletristik
Ersterscheinungsdatum: 06. März 2017
480 Seiten
ISBN 978-3-421-04759-5

Cover: DVA

Buchrezension: Kanae Minato – Geständnisse

Kanae Minato - GeständnisseInhalt:

Manami, die vierjährige Tochter der alleinerziehenden Lehrerin Yūko Moriguchi, ist im Schwimmbecken der Schule, an der ihre Mutter unterrichtet, ertrunken. Die Polizei geht von einem tragischen Unfall aus, aber Moriguchi weiß, dass es Mord war und hat herausgefunden, dass zwei Schüler ihrer Klasse für den Tod ihrer kleinen Tochter verantwortlich sind. Am letzten Schultag vor den Ferien kündigt sie ihren Schülern an, dass sie die Schule nun für immer verlassen wird und sich aus dem Lehrerberuf zurückzieht. Doch bevor sie sich endgültig verabschiedet, hält sie vor ihrer Klasse noch eine Rede und konfrontiert ihre Schüler mit einem erschütternden Geständnis. Da Moriguchi der Justiz nicht zutraut, die Mörder ihrer Tochter angemessen zu bestrafen, hat sie die Polizei nicht verständigt und hält die Namen der beiden Täter ganz bewusst geheim. Stattdessen hat sie nun selbst dafür gesorgt, dass sie ihr Verbrechen bereuen werden, denn sie sollen am eigenen Leib die Konsequenz ihrer Tat spüren und den Wert des Lebens endlich begreifen. Mit ihrem ebenso kalkulierten wie erbarmungslosen Racheplan setzt sie ein tödliches Drama in Gang, das nicht nur die beiden jugendlichen Mörder zu vernichten droht.

Meine persönliche Meinung:

Als ich Geständnisse von Kanae Minato in der Verlagsvorschau entdeckte, wusste ich nicht, dass das Buch bereits 2010 verfilmt wurde und 2011 auch in den deutschen Kinos lief. An mir ist dieser Film jedenfalls vollkommen vorbeigegangen, aber da ich ohnehin immer erst das Buch lesen möchte, bevor ich mir die Verfilmung anschaue und die deutsche Übersetzung der Buchvorlage erst im März 2017 erschien, war ich ganz froh, diesen Roman nun völlig unvoreingenommen entdecken zu können.
Mich hat Geständnisse von Kanae Minato vollkommen überrascht, denn was auf dem Klappentext zunächst nach einem recht gewöhnlichen Roman mit Thrillerelementen und einer nicht gerade besonders neuen Grundidee klang, entpuppte sich als ein außergewöhnlich düsteres, tiefgründiges und verstörendes Psycho- und Sozialdrama und war in jeder Hinsicht nicht nur anders, sondern vor allem viel besser, als ich es erwartet hätte.
Die Erzählung beginnt mit der Rede, die Moriguchi am letzten Schultag vor den Ferien vor ihrer Klasse hält. In ihrer Abschiedsrede verkündet sie, dass sie nach dem Tod ihres Kindes nun beschlossen hat, die Schule zu verlassen und dem Lehrerberuf den Rücken zu kehren, erläutert aber auch, warum sie überhaupt Lehrerin geworden ist. Erst am Ende ihrer Ansprache beschuldigt sie zwei Schüler ihrer Klasse, ihre kleine Tochter ermordet zu haben. Obwohl sie keine Namen nennt, wissen die beiden Betroffenen und auch deren Mitschüler sofort, wen Moriguchi für den Tod ihres Kindes verantwortlich macht. Schockiert stellt sie fest, wie gelassen und ungerührt die beiden Täter ihren Worten folgen. Doch das ändert sich, als sie die Bombe platzen lässt und ganz sachlich und unverblümt ihren genauen Racheplan offenbart. Sie glaubt nicht an eine angemessene Bestrafung vonseiten der Justiz, aber es geht ihr ohnehin nicht um Gerechtigkeit, sondern um Rache, Vergeltung, echte Reue und Erkenntnis der Schuld. Bereits die ersten Seiten sind äußerst verstörend, denn Moriguchi ist bei ihrer Ansprache völlig emotionslos, kühl und nüchtern. Ihre Rache ist erbarmungslos, abgrundtief böse, aber auch eine Art Lehrstück, das jedoch nicht nur darauf abzielt, die Mörder ihrer Tochter zur Besinnung zu bringen und ihre Tat zu bereuen, sondern die beiden Jugendlichen systematisch zu zerstören und zu vernichten – psychisch und auch sozial. Trotz der Nüchternheit und Kälte, die in Moriguchis Worten mitschwingen und trotz der Gnadenlosigkeit, mit der sie ihren Rachefeldzug führt, hat mich ihre Ansprache tief berührt. Ich konnte erschreckend gut nachvollziehen, was sie empfindet und warum sie auf diese Weise Vergeltung üben will.
Somit werden also bereits im ersten Kapitel Tat, Täter und auch Moriguchis Rachepläne enthüllt. Man könnte also meinen, dass die Geschichte nun vollständig erzählt ist, da alles Wichtige schon erwähnt wurde, aber die Hintergründe der Tat, die Motivation der Mörder sowie die Folgen, die Moriguchis spezielle Rachepädagogik nach sich zieht, offenbaren sich erst im weiteren Verlauf der Erzählung und werden nun aus verschiedenen Perspektiven geschildert.
In den folgenden Kapiteln kommen weitere Beteiligte zu Wort – eine Mitschülerin, eine Mutter sowie die Schwester eines Täters und auch die beiden Mörder selbst. Mit jedem Perspektivwechsel kommen neue Details an die Oberfläche und ergeben sich neue Blickwinkel auf die Tat und auch auf die Auswirkungen von Moriguchis Rache. Dies führt natürlich zu Wiederholungen, denn dieselben Geschehnisse werden dabei immer wieder aufs Neue, aber eben aus einer anderen Perspektive erzählt. Dennoch ist der Roman niemals langweilig, denn gerade die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ereignisse und ihre Hintergründe machen den eigentlichen Reiz dieser Erzählung aus. Mit jeder weiteren Erzählperspektive und mit jeder neuen Version der Geschichte verschwimmen auch die Grenzen zwischen Täter und Opfer immer mehr, denn obwohl die Tat der beiden jugendlichen Mörder verabscheuungswürdig bleibt und durch nichts gerechtfertigt wird, sind auch sie Opfer. Sie sind nicht nur Opfer von Moriguchis Rache, die sie zunehmend vernichtet, sondern vor allem Opfer einer außerordentlich leistungsorientierten Gesellschaft. Dennoch war es mir nicht möglich, Mitleid für die beiden Jugendlichen zu empfinden, denn für ihr Verhalten und ihr abscheuliches Verbrechen gibt es keine Entschuldigung, höchstens eine Erklärung.
Die Autorin gewährt in Geständnisse sehr tiefe Einblicke in das japanische Schulsystem und die japanische Leistungsgesellschaft, in der das Streben nach Erfolg und ein geradezu übermächtiger Druck, stets der Beste sein zu müssen, recht bizarre Formen annehmen und zu Vereinsamung, Narzissmus, Aggressionen, psychischen Störungen und zerrütteten Familiengefügen führt. So beschreibt Kanae Minato in ihrem Roman auch sehr präzise das Phänomen des „Hikikomori“. Bei diesem Begriff handelt es sich um den japanischen Fachausdruck für eine besondere Form der Sozialphobie. Er bezieht sich auf Personen, überwiegend auf Jugendliche, die sich vollkommen von der Gesellschaft zurückziehen, das Haus ihrer Eltern nicht mehr verlassen und aus Angst, sich immer mit anderen messen zu müssen, dabei zu versagen und dem Druck nicht gewachsen zu sein, keine sozialen Kontakte pflegen und sich vollständig isolieren.
Die Einblicke in diese, für mich bislang vollkommen fremde Kultur haben mich überaus fasziniert und auch sehr nachdenklich gestimmt. Sicherlich ist vieles, was in diesem Roman thematisiert wird, dem japanischen Schulsystem und der extrem leistungs- und fortschrittsorientierten japanischen Gesellschaft geschuldet, aber ich würde trotzdem nicht so weit gehen, zu behaupten, dass die angesprochenen Probleme nur in Japan und nicht auch bei uns zu finden sind. Das Hauen und Stechen an Schulen, Hochschulen und auch im Beruf, Mobbingattacken, mit denen die Konkurrenz ausgeschaltet werden soll, der enorme Leistungsdruck angesichts stetig wachsender Anforderungen und die teilweise geradezu krankhafte Sucht nach Anerkennung und Erfolg sind auch in unserer Gesellschaft tagtäglich zu sehen und nehmen mitunter beängstigende Ausmaße an.
Mich hat dieser Roman sehr erschüttert und tief bewegt. Neben dem raffinierten Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven und den faszinierenden Einsichten in die japanische Gesellschaft, hat mich vor allem auch der nüchterne, lakonische Erzählstil der Autorin begeistert, denn gerade dadurch gewinnt das Erzählte eine ungeheure Intensität. Völlig frei von Sentimentalität und ohne effekthascherische und reißerische Töne, gewährt Kanae Minato Einblicke in die tiefsten und bösesten Abgründe der menschlichen Seele.
Geständnisse ist ein äußerst düsterer Roman, der wenig Optimistisches aufweist und auch mit keinem versöhnlichen Ende aufwarten kann. Auf die melancholisch-deprimierende Grundstimmung muss man sich ebenso einlassen können wie auf die fremde Kultur. Mich hat Geständnisse von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und vollkommen in seinen Bann gezogen. Zweifellos hat dieses großartige Buch jetzt schon die besten Aussichten, eines meiner Jahreshighlights zu werden. Ein grandioser Roman um Schuld und Sühne, Rache und Vergeltung von ungeheurer Sogkraft!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den C. Bertelsmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Kanae Minato: Geständnisse
Aus dem Japanischen von Sabine Lohmann
Verlag: C. Bertelsmann
Ersterscheinungsdatum: 27. März 2017
272 Seiten
ISBN 978-3-570-10290-9

Cover: C. Bertelsmann Verlag

Mein Monatsrückblick April 2017

Was das Lesen anbelangt, war der April für mich so wechselhaft wie das Wetter. Zum einen habe ich einen grandiosen Roman gelesen, der schon jetzt die besten Aussichten hat, eines meiner Jahreshighlights zu werden, und zum anderen habe ich nacheinander gleich zwei Bücher abgebrochen, die mich in eine so tiefe Leseflaute gerissen haben, dass ich mehr als eine Woche überhaupt nichts gelesen habe.

Da ich abgebrochene Bücher nicht mitzähle, fällt meine Lesestatistik für den April auch äußerst dürftig aus. Ich habe nur drei Bücher beendet, zähle deshalb auch nur 1104 Seiten, also ca. 36,8 Seiten pro Tag. Gelesen habe ich allerdings fast 700 Seiten mehr, denn ein Buch, das ich abgebrochen habe, habe ich immerhin fast 500 Seiten lang durchgehalten und ein weiteres habe ich auch bis zur Hälfte gelesen, bis ich schließlich aufgegeben habe.

Das Scherbenhaus von Susanne KliemIn den April gestartet bin ich mit Das Scherbenhaus von Susanne Kliem, einem wirklich spannenden und beklemmenden Psychothriller, der mir sehr gut gefallen und mich vor allem auch gefesselt hat. Leider war das Ende ein bisschen schwach, aber dennoch möchte ich für dieses Buch unbedingt eine Leseempfehlung aussprechen.

 

Kanae Minato - GeständnisseWeiter ging es dann mit Geständnisse von Kanae Minato, meinem absoluten Highlight des vergangenen Monats. Ein grandioser Roman um Rache, Schuld und Gerechtigkeit, der sehr verstörende Einblicke in die japanische Leistungsgesellschaft gewährt und mich sehr nachdenklich zurückließ. Absolut empfehlenswert!

 

Dan Simmons - Drood

Abgebrochen! Nach diesem Ausflug nach Japan wollte ich unbedingt ins England des 19. Jahrhunderts reisen. Es bot sich an, mich wieder einer Lesegruppe in Facebook anzuschließen, mit der ich zu Beginn des Jahres bereits Terror von Dan Simmons gelesen hatte und die sich nun gemeinsam Simmons Drood vornahm. Terror hatte mir sehr gut gefallen, vor allem, weil Dan Simmons ein wirklich grandioser Erzähler ist, für seine Romane sehr akribisch recherchiert und historische Fakten und Persönlichkeiten, sehr geschickt in eine fiktionale Geschichte einbettet. In Drood widmet sich Simmons nun dem Schriftsteller Charles Dickens und lässt aus der Perspektive seines Schriftstellerkollegen Wilkie Collins, der stets im Schatten seines besten Freundes stand, Dickens letzte Lebensjahre noch einmal Revue passieren. Ich weiß nicht, ob Dickens tatsächlich so selbstverliebt, egozentrisch und arrogant war, wie er von Simmons dargestellt wird, aber der Dickens in Drood, der stets nach Verehrung und Bewunderung lechzt, war mir von der ersten Seite an unsympathisch. Wilkie Collins hingegen mochte ich eigentlich, und der süffisante Unterton, mit dem er seinen Freund Dickens beschreibt, war mitunter auch sehr komisch, aber auf die Dauer doch recht anstrengend. Da Collins außerdem opiumabhängig ist, fiel es mir zunehmend schwer, ihn noch ernstzunehmen. Es ist Simmons wirklich ausgezeichnet gelungen, die schaurige Londoner Unterwelt sehr bildgewaltig und eindrücklich zu beschreiben, aber leider kam die Geschichte nicht voran. Simmons erzählt so detailliert und ausschweifend, dass ich mich nur noch durch die Seiten quälte. Man braucht schon ein ausgesprochen großes Interesse an Charles Dickens und seinen Werken, wenn man all diese Details wirklich wissen möchte – ich wollte sie jedenfalls nicht so genau wissen und kenne mich mit Dickens Büchern auch zu wenig aus, um an diesen Ausflügen in sein Werk Gefallen zu finden. Die eigentliche Handlung gerät durch diese seitenlangen Abschweifungen so ins Stocken, dass ich mich unendlich gelangweilt und nach der Hälfte dieses fast 1000 Seiten starken Romans entnervt aufgegeben habe.

Susanne Goga - Das Haus in der Nebelgasse

Abgebrochen! Allerdings stand mir der Sinn noch immer nach einem Roman, der im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Da ich, was die Zeit anbelangt, nicht ganz so kleinlich sein wollte, nahm ich mir den Roman Das Haus in Nebelgasse von Susanne Goga vor, der im Jahre 1900 in London spielt. Nach den ersten Seiten war ich sicher, dass dieser historische Roman genau das ist, wonach ich gesucht hatte, aber meine anfängliche Euphorie wandelte sich leider recht schnell in gähnende Langeweile. Die historischen Hintergründe waren durchaus gut recherchiert, aber ansonsten war mir das Buch einfach zu seicht. Auch die schaurige Atmosphäre, die mir bei Simmons immerhin recht gut gefallen hatte, hat mir hier leider vollständig gefehlt. Zu behaupten, dass die Handlung dahinplätschert, wäre fast noch übertrieben, aber spätestens nachdem sich dann auch noch die in historischen Romanen obligatorische Romanze ankündigte, war es mit meiner Geduld und meinem Interesse an dieser Geschichte endgültig vorbei. Ich stehe mit meiner Meinung zu diesem Buch ziemlich alleine da, denn bislang habe ich nur begeisterte Stimmen vernommen, aber mein Geschmack war es eben ganz und gar nicht.

Ich hasse es, Bücher abzubrechen, denn das hinterlässt so ein unbefriedigendes Gefühl. Außerdem lässt mich meistens der Verdacht nicht los, etwas verpasst zu haben, vor allem dann, wenn ich mit einem Buch schon so viel Zeit verbracht habe, wie mit Dan Simmons Drood, aber angesichts einer endlichen Lese- und Lebenszeit und einer Fülle von grandiosen Büchern, die noch darauf warten, entdeckt zu werden, sollte man sich auch nicht durch Geschichten quälen, die einen langweilen. Von historischen Romanen habe ich jedenfalls erstmal wieder genug, und die Lust auf England ist mir auch ein wenig vergangen. Dummerweise war mir aber auch ganz generell die Lust am Lesen abhandengekommen, sodass ich mehr als eine Woche zu gar keinem Buch mehr gegriffen habe.

Chevy Stevens - Blick in die AngstIm Fall einer so akuten Leseflaute hilft eigentlich nur noch ein spannender Thriller, der mich vollkommen in seinen Bann zieht. Ich entschied mich für Blick in die Angst von Chevy Stevens, da mich diese Autorin mit ihrem Debüt Still Missing vor ein paar Jahren restlos überzeugt hat. Leider war Blick in die Angst deutlich schwächer, als Stevens‘ Erstlingswerk, aber trotzdem überaus spannend. Auf jeden Fall hat mich dieser Thriller sehr gefesselt und mir auch den Spaß am Lesen wieder zurückgebracht.

© Claudia Bett