Buchrezension: Carla Berling – Mordkapelle

Carla Berling - MordkapelleInhalt:

Ira Wittekind ist Mitte fünfzig und Lokalreporterin bei Tag 7. Eigentlich wollte sie mit ihrem Lebensgefährten auf den Rehmer Markt, die Kirmes in Bad Oeynhausen, und dort einen entspannten Sommerabend verbringen. Doch dann erfährt sie von ihrer Freundin Coco, dass die Friedhofskapelle gebrannt hat und man vor dem Altar einen noch brennenden Toten fand. Als Ira kurz darauf am Tatort eintrifft, bietet sich ihr ein schockierender Anblick: In der abgebrannten Ruine der Friedhofskapelle steht ein Rollstuhl, in dem eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche sitzt. Bei dem Toten handelt es sich offenbar um den angesehenen Apotheker Ludwig Hahnwald, der trotz seines betagten Alters nur der „schöne Ludwig“ genannt wurde. Aber wer hatte einen Grund, den alten Mann zu töten, von dem alle nur voller Hochachtung reden und der für seine Großzügigkeit bekannt war? Ira Wittekind beginnt zu recherchieren und stößt dabei auf ein düsteres Geheimnis, finstere Intrigen, eine verratene Liebe und ein lange zurückliegendes Unrecht, das nie gesühnt wurde.

Meine persönliche Meinung:

Ich hatte mal wieder richtig Lust auf einen spannenden Krimi zum Miträtseln und bin bei meiner Suche nach neuem Lesestoff auf Mordkapelle von Carla Berling gestoßen. Bei deutschen Kriminalromanen bin ich inzwischen immer ein wenig skeptisch, denn entweder stecken sie so voller Lokalkolorit, dass man auch gleich einen Reiseführer lesen könnte, oder sie sind so gewollt komisch, dass sie eher einer albernen Slapstickkomödie gleichen. Beides geht leider meistens auf Kosten eines intelligenten Plots und vor allem der Spannung. Der Klappentext von Carla Berlings Kriminalroman klang allerdings äußerst vielversprechend, und so war ich sehr gespannt auf Mordkapelle, den vierten Band der Reihe um die Lokalreporterin Ira Wittekind. Die ersten drei Bände dieser Krimireihe wurden allerdings im Selbstverlag veröffentlicht, während Mordkapelle nun der erste Band ist, der kürzlich bei Heyne erschien, aber man muss die vorhergehenden Bände nicht zwingend kennen, um der Handlung folgen zu können. Ich hatte jedenfalls nie den Eindruck, dass mir entscheidende Vorkenntnisse fehlen, um Ira Wittekind bei ihrem vierten Fall zu begleiten, denn man lernt die Protagonistin und das Umfeld, in dem sie lebt und arbeitet, sehr gut kennen, und der Kriminalfall ist in sich abgeschlossen. Erfreulicherweise hielt sich das Lokalkolorit in Grenzen, sodass man Bad Oeynhausen nicht kennen muss, um seine Freude an diesem Krimi zu haben.
Man merkt, dass Carla Berling selbst jahrelang als Lokalreporterin tätig war, und es hat mir sehr gut gefallen, dass sie in ihrem Kriminalroman keinen klassischen Ermittler, sondern eine Journalistin ins Rennen schickt. Besonders sympathisch war mir, dass Ira Wittekind nicht mehr ganz jung, sondern bereits Mitte fünfzig ist, eigentlich ein recht intaktes Privatleben hat und weder unter Depressionen noch unter Psychosen leidet. Ein bisschen neurotisch ist sie freilich, aber weit entfernt von den vielen gebrochenen Ermittlerfiguren, die ansonsten in der Krimilandschaft zu finden sind und mir allmählich etwas auf die Nerven gehen. Die Protagonistin ist sehr glaubwürdig angelegt und hat durchaus die nötigen Ecken und Kanten. Sympathisch war sie mir trotzdem nicht, denn für mein Empfinden war sie einfach eine Spur zu kühl und tough, aber ich muss Charaktere auch nicht zwingend mögen, wenn mich ein Buch ansonsten begeistert und die Geschichte spannend erzählt und raffiniert gestrickt ist.
Das Privatleben der Ermittler interessiert mich allerdings meistens nicht besonders, weshalb ich die Passagen, in denen Ira Wittekinds Beziehung zu ihrem Freund Andy und ihr familiäres Umfeld im Vordergrund stehen, etwas langweilig fand. Besonders genervt war ich von zwei alten Tanten, die gemeinsam mit Ira und ihrem Lebensgefährten auf dem Hof von Andys Familie leben und sich – streng nach dem Motto „Nich‘ lang schnacken, Kopp in’n Nacken“ – bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit einen hinter die Binde gießen. Selbst wenn das am Anfang noch recht komisch war, wurde es mir irgendwann zu viel und einfach eine Spur zu albern. Die Darstellung der beiden alten Damen war leider sehr überzeichnet, sodass sie auf mich eher wie Karikaturen wirkten. Ich bin zwar nicht vollkommen humorbefreit, aber solche gewollt komischen Momente stören mich in Kriminalromanen doch sehr und treffen auch nicht unbedingt mein Komikzentrum. Iras Lebensgefährte Andy, der ein sehr liebenswürdiger, verlässlicher und überaus geduldiger Partner an ihrer Seite ist, und auch ihre beste Freundin Coco mochte ich hingegen sehr gerne.
Ira Wittekinds Privatleben und ihre Bedenken, mit ihrem Freund eine Ehe einzugehen, haben mich ein bisschen gestört und auch sehr gelangweilt, aber der spektakuläre Mordfall, in dem sie ermittelt, nimmt in der Erzählung glücklicherweise einen breiteren Raum ein und konnte mich auch weitaus mehr begeistern. Bereits die Tötungsart und der Tatort sind schon überaus bizarr, aber besonders rätselhaft ist das Motiv, denn Ludwig Hahnwald, das Mordopfer, war äußerst beliebt, hatte für jeden ein freundliches Wort übrig, war großzügig, hilfsbereit, ein kompetenter Apotheker und angesehener Geschäftsmann, der von jedem geachtet und von den Frauen noch immer umschwärmt wurde. Wer sollte also einen Grund haben, den betagten Mann zu töten? Bei ihren Recherchen findet Ira Wittekind jedoch sehr schnell heraus, dass das Mordopfer ein hartherziger Patriarch war. Obwohl das Bild des vermeintlich perfekten und allseits beliebten Apothekers allmählich bröckelt, scheint auf den ersten Blick niemand ein Motiv gehabt zu haben, ihn zu ermorden. Während Ira immer tiefer in die Abgründe einer furchtbaren Familientragödie vordringt, muss sie allerdings feststellen, dass ihr ein Newsblogger mit reißerischen Schlagzeilen stets einen Schritt voraus ist. Außerdem wird sie von einem anonymen Anrufer tyrannisiert und fühlt sich zunehmend bedroht. Offenbar möchte jemand unbedingt verhindern, dass sie der Wahrheit auf die Spur kommt.
Ich fand es nicht gerade glaubwürdig, wie mühelos Ira Wittekind bei ihren Recherchen an die nötigen Informationen kommt. Es war jedenfalls erstaunlich, wie bereitwillig die meisten Befragten aus dem privaten Umfeld des Opfers die Lokalreporterin mit recht delikaten Familieninterna versorgen, die man am nächsten Tag nicht unbedingt in der Zeitung lesen möchte und – abgesehen von der Polizei – auch keinem Außenstehenden anvertrauen würde. Eine besonders ausgeklügelte Taktik, mit der es ihr gelingt, das Vertrauen der Befragten zu gewinnen, konnte ich jedenfalls nicht erkennen. Auch die Ermittlungsarbeit der Polizei war mir ein vollkommenes Rätsel. Ira Wittekind ist bei ihren Recherchen jedenfalls weitaus erfolgreicher, stößt dabei auf ein erschütterndes Familiengeheimnis und zahlreiche Verdächtige.
Es war sehr interessant, an Iras Seite immer tiefer in die düstere Vergangenheit des Mordopfers einzutauchen, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen und fleißig mitzurätseln, wer den Mord begangen haben könnte. Auch wenn ich den Kriminalfall und seine Hintergründe sehr spannend fand und die Abgründe, die sich hinter der Fassade des vermeintlich ehrenhaften und allseits beliebten Mordopfers auftaten, äußerst erschreckend waren, war mir die Erzählweise der Autorin häufig ein wenig zu gemächlich. Carla Berlings Sprache ist einfach, lässt sich angenehm und flüssig lesen, aber nervenzerreißende Hochspannung oder das Gefühl, das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu wollen, konnte bei mir leider nicht aufkommen. Der Kriminalfall war allerdings gut durchdacht, durchaus glaubwürdig und logisch konstruiert. Das Ende war ebenfalls schlüssig, wenn auch nicht besonders überraschend. Die etwas zähe Ermittlungsarbeit, Ira Wittekinds recht unspektakuläres Privatleben und die klischeehaften Figuren, die für mein Empfinden zu wenig Tiefe hatten, konnten mich allerdings nicht so recht überzeugen.
Für mich war Mordkapelle ein solider und zuweilen recht unterhaltsamer Kriminalroman zum Miträtseln, dem es jedoch leider etwas an Spannung und dem nötigen Tiefgang fehlte. Ein netter Krimi für Zwischendurch, aber nichts, was im Gedächtnis bliebe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐  (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Carla Berling: Mordkapelle
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 10. April 2017
400 Seiten
ISBN 978-3-453-41996-4

Cover: Heyne Verlag

8 Gedanken zu “Buchrezension: Carla Berling – Mordkapelle

  1. Das klingt eigentlich gar nicht schlecht! Besonders die nicht depressive und/oder desilluisionierte Protagonistin ist mir wichtig, auf diese stereotypen Hauptfiguten reagiere ich nämlich auch langsam allergisch!

    Darüber hinaus, hey, Bad Oeynhausen! Von mir nur schlappe 30 Km weg. 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • Ich mag eigentlich zerstörte Persönlichkeiten, aber eben eher als Opfer oder Täter, während mir depressive Ermittler inzwischen ziemlich auf die Nerven gehen. Es war ganz erfrischend, mal eine ziemlich bodenständige Ermittlerfigur zu haben.
      Ich war leider noch nicht einmal in der Nähe von Bad Oeynhausen und fand es ganz schön, dass ich keine lokalen Kenntnisse brauchte, um mir alles vorzustellen und zu verstehen, aber wenn man die Örtlichkeiten und auch den Dialekt kennt, sieht man vieles in diesem Krimi sicher noch mit anderen Augen.

      Gefällt 1 Person

  2. Dass der Krimi gut durchdacht, glaubwürdig und logisch konstruiert war, finde ich eine sehr wichtige Einschätzung in deiner Rezension. Fehlen diese Elemente, würde so manch ein Leser das Buch sicher schon vorzeitig zur Seite legen. VG Nele

    Gefällt 1 Person

    • Ja, gerade bei Krimis finde ich einen schlüssigen und stimmigen Plot besonders wichtig. Die Ermittlungsarbeit fand ich nicht besonders glaubwürdig, aber der Kriminalfall war es durchaus, was ich weitaus wichtiger fand. Logikbrüche finde ich in diesem Genre besonders fatal.
      LG Claudia

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    • Ja, etwas Besonderes konnte ich leider nicht entdecken. Ich habe ehrlich gesagt auch wenig Lust, die ersten Bände zu lesen, denn die Ermittlerfigur war mich auch einfach nicht interessant genug. Ganz nett für Zwischendurch, aber mehr leider nicht.
      LG Claudia

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