Buchrezension: Louise Millar – Allein die Angst

Louise Millar - Allein die AngstInhalt:

Callie ist geschieden und zieht ihre herzkranke Tochter Rae seit fünf Jahren alleine groß. Sie fühlt sich sehr einsam, ausgeschlossen und isoliert, denn außer ihrer Nachbarin Suzy hat sie keine sozialen Kontakte. Suzy ist verheiratet, Mutter von drei Kindern, geht ganz in ihrer Mutterrolle auf und muss sich um Geld keine Sorgen machen, während Callie zu gerne wieder als Sounddesignerin arbeiten würde, um eine Aufgabe zu haben, Kontakte zu knüpfen und von ihrem Exmann finanziell unabhängig zu sein.
Nun hat Callie jedoch wieder die Möglichkeit bekommen, in ihrem alten Job zu arbeiten. Sie ist überglücklich, macht sich aber auch Sorgen um ihre Tochter Rae, die unter einem angeborenen Herzfehler leidet. Rae wird zwar in einem Hort betreut, möchte auch langsam selbständiger werden, aber Callie hat immer Angst, dass ihr Kind stürzt oder sich überanstrengt, denn das könnte fatale Folgen haben. Sie ist sehr erleichtert, dass Suzy sie unterstützen möchte und sich bereiterklärt, Rae vom Hort abzuholen, falls Callie länger arbeiten muss. Außerdem ist da noch Debs, die neue Nachbarin, die zwar ein wenig merkwürdig und überspannt zu sein scheint, aber Lehrerin ist, als Kinderbetreuerin in Raes Hort arbeitet und denselben Heimweg hat.
Doch dann stürzt das kleine Mädchen auf dem Nachhauseweg und muss sofort ins Krankenhaus. Callie macht sich schwere Vorwürfe, glaubt aber zunächst noch an ein Missgeschick. Als sich die seltsamen Vorkommnisse jedoch häufen, keimt in ihr allmählich der schreckliche Verdacht, dass ihr Kind in großer Gefahr schwebt und sie vielleicht den falschen Personen vertraut.

Meine persönliche Meinung:

Louise Millars Debüt Allein die Angst lag schon ziemlich lange ungelesen in meinem Regal. Die ersten Seiten habe ich zwar schon vor einiger Zeit gelesen, das Buch dann aber wieder zur Seite gelegt, weil mich die ersten Kapitel nicht gerade umgehauen haben. Beim Ausmisten meiner Bücherregale ist mir Allein die Angst nun kürzlich wieder in die Hände gefallen. Ich spielte schon mit dem Gedanken, es auszusortieren, was ich gerade bei ungelesenen Büchern jedoch äußerst ungern tue, und beschloss deshalb, diesem Psychothriller doch noch eine zweite Chance zu geben. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn entgegen meinen Erwartungen hat mir Allein die Angst dann doch sehr gut gefallen, auch wenn, was Spannung und Logik anbelangt, noch etwas Luft nach oben gewesen wäre.
Der Einstieg in die Geschichte ist ein wenig zäh und gleicht eher einem Psychodrama als einem Thriller. Allerdings lernt man Callie, Suzy und Debs, die drei Hauptcharaktere, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden, in den ersten Kapiteln sehr gut kennen und erhält tiefe Einblicke in ihren Alltag und ihr Innenleben. Besonders auffallend war, dass Callie aus der Ich-Perspektive berichtet, während die Autorin für die Kapitel, die aus Suzys und Debs‘ Sicht erzählt werden, die personale Erzählperspektive gewählt hat. Der Leser wird also sehr geschickt in eine bestimmte Richtung gelenkt, denn während man Suzy und Debs zwar bei allem begleitet, was sie erleben, fühlen und beobachten, baut man nur zu Callie eine ganz besondere Nähe auf, da man quasi in ihre Rolle schlüpft. Callie steht nicht nur im Fokus der Erzählung, sondern wird durch die gewählte Ich-Perspektive auch zur Identifikationsfigur für den Leser, was im weiteren Handlungsverlauf jedoch für etwas Verwirrung sorgt. Da die Autorin ihre Figuren sehr fein, glaubwürdig und psychologisch ausgefeilt gezeichnet hat, konnte ich mich aber zunächst sehr gut in Callie einfühlen und nachempfinden, wie einsam und verzweifelt sie ist. Die letzten fünf Jahre wurde ihr Leben von der Sorge um ihre herzkranke Tochter bestimmt. Callie ist vollkommen isoliert, hat keine sozialen Kontakte, niemanden, der sie unterstützt und trägt die Verantwortung für ihr krankes Kind alleine. Ihr Exmann hat eine neue Beziehung, arbeitet im Ausland, unterstützt sie zwar finanziell, aber dennoch ist das Geld meistens knapp. Callie freut sich, als sie die Chance bekommt, wieder in ihrem alten Job zu arbeiten, ihrer Isolation zu entkommen und ihrem Kind auch finanziell wieder mehr bieten zu können. Doch als die kleine Rae auf dem Nachhauseweg stürzt und ins Krankenhaus eingeliefert werden muss, macht sie sich große Vorwürfe. War ihr Wunsch, wieder arbeiten zu gehen, vielleicht zu egoistisch? Wie konnte es überhaupt zu diesem schweren Sturz kommen? Wer sorgt dafür, dass die kleine Rae keine Freunde findet und überall ausgegrenzt wird? Und wer sollte einen Grund haben, das kleine Mädchen absichtlich zu verletzen? Debs, die merkwürdige neue Nachbarin? Man könnte doch meinen, dass das Kind in der Obhut einer Lehrerin, die in der Kinderbetreuung arbeitet, gut aufgehoben ist. Oder steckt Callies Freundin Suzy hinter den seltsamen Vorkommnissen? Aber Suzy ist selbst Mutter, liebt Kinder über alles und weiß auch, dass Rae aufgrund ihres Herzfehlers besondere Fürsorge braucht. Außerdem ist Suzy Callies Freundin und hat ihr versprochen, sie zu unterstützen.
Diese beiden Frauen in Callies Umfeld sind äußerst dubiose und sehr ambivalente Figuren. Vor allem Debs verhält sich überaus merkwürdig. Sie ist Lehrerin und mit ihrem Mann erst kürzlich in Callies Nachbarschaft gezogen, ist vollkommen überspannt, hypernervös, geradezu paranoid und fühlt sich ständig verfolgt und bedroht. Sie stört sich an jedem noch so harmlosen Geräusch, verliert vollkommen die Kontrolle, wenn sie einen Staubsauger, das Rauschen einer Toilettenspülung oder das Sirren eines vorbeifahrenden Skateboards hört und wittert hinter jeder Banalität einen persönlichen Affront. Sie ist furchtbar anstrengend, ging mir auch ziemlich auf die Nerven, tat mir aber häufig auch leid. Man ahnt recht schnell, dass der Auslöser ihrer Psychose in ihrer Vergangenheit zu finden ist und irgendetwas Schreckliches vorgefallen sein muss. Offenbar fürchtet sie sich vor allem vor den Angehörigen eines Mädchens namens Daisy, fühlt sich von ihnen verfolgt und schikaniert. Aber was hat sie diesem Mädchen angetan? Hat Debs schon einmal ein Kind verletzt und ist nun auch für Raes Unfall verantwortlich?
Aber auch Suzy verhält sich äußerst verdächtig. Man möchte diese Frau weder zur Nachbarin noch zur Freundin haben. Sie ist krankhaft eifersüchtig, besitzergreifend, aufdringlich und geradezu übertrieben fürsorglich. Suzy versteht es recht gut, ihre Ängste und Schwächen geschickt zu verbergen, gibt sich nach außen selbstbewusst, souverän und humorvoll, versucht sich selbst und anderen einzureden, dass sie glücklich und zufrieden ist und eine harmonische Ehe führt, während sie tief in ihrem Inneren von Verlustängsten geplagt wird und ständig befürchtet, dass ihr Mann sie betrügen oder sich Callie von ihr abwenden könnte. Callie würde sich auch gerne ein wenig von ihrer Freundin distanzieren, denn außer den Kindern verbindet sie eigentlich nichts mit Suzy. Diese recht fragwürdige Frauenfreundschaft beruht nicht auf Gemeinsamkeiten oder gar auf Sympathie, sondern nur auf der Angst vor dem Alleinsein und ist im Grunde eine reine Zweck- und Nutzengemeinschaft. Callie braucht Suzys Unterstützung, wenn sie wieder arbeiten möchte und Rae nicht rechtzeitig vom Hort abholen kann. Suzy drängt sich ihr auch regelrecht auf, ist geradezu versessen darauf, sich nützlich und unabkömmlich zu machen, aber dennoch hatte ich ständig den Verdacht, dass sie Callie ihren beruflichen Wiedereinstieg nicht gönnt, sondern ihn torpedieren will. Aber würde sie soweit gehen und deshalb der kleinen Rae etwas antun? Schließlich liebt sie Kinder über alles und ist eine geradezu überfürsorgliche Mutter.
Nach dem etwas zähen Einstieg ist die bedrohliche Situation, in der sich Callie und ihre kleine Tochter befinden, auf jeder Seite spürbar und sorgt durchgehend für subtile Spannung. Der Kreis der Verdächtigen ist sehr klein, aber dennoch war ich mir lange nicht sicher, wer nun hinter all den rätselhaften Vorkommnissen steckt. Es ist nicht ganz einfach, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, weil die drei Hauptcharaktere sehr ambivalent angelegt sind – nicht nur Debs und Suzy, sondern auch Callie. Auch Callie hat ein dunkles Geheimnis, das jedoch sehr spät enthüllt wird. Das ist umso schockierender, weil Callie die einzige Identifikationsfigur ist, man sich ihr besonders nahe fühlt und bislang den Eindruck hatte, alles über diese Frau zu wissen. Vor dem Hintergrund dieser neuen Information erscheint nun plötzlich alles in einem vollkommen anderen Licht, bleibt aber nicht minder spannend. Nach dieser Wendung machte, rückwirkend betrachtet, leider vieles, was zuvor passiert ist, überhaupt keinen Sinn mehr, worunter die Logik dann doch sehr gelitten hat. Das ist überaus bedauerlich bei einem Psychothriller, der ansonsten glaubwürdig und psychologisch spannend erzählt wurde und in einem mitreißenden Showdown endet.
Trotzdem hat mir Allein die Angst sehr gut gefallen, zumal sich der Schreibstil der Autorin sehr angenehm lesen lässt und die Dramaturgie des Buches sehr gelungen ist. Ein fesselnder Psychothriller um Freundschaft, Vertrauen und Verrat, der ohne Brutalität auskommt und trotzdem für Gänsehaut sorgt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Louise Millar: Allein die Angst
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 05. April 2012
384 Seiten
ISBN: 978-3-596-19376-9

Cover: S. Fischer Verlag

11 Gedanken zu “Buchrezension: Louise Millar – Allein die Angst

  1. Hallo Claudia,

    das ist eine interessante Buchvorstellung! Von dem Buch habe ich noch nichts gehört, mag es aber sehr, wenn Psychothriller so gut ausgearbeitet sind, dass man bis zum Ende hin zweifelt. Schade die Sache mit der Logik. Aber wenn du 4 Sterne vergibst, hat es dich nur ein bisschen gezwickt und nicht zu sehr gestört! Ich merke mir mal das Buch. Vielleicht gibt´s es das auch als Hörbuch. Ich werde mal nachschauen.

    GlG vom monerl

    Gefällt mir

  2. Hallo Claudia,
    Das klingt ja nach einem spannenden Buch. Und auf einen guten Psychothriller habe ich gerade eh mal wieder Lust. Da werde ich mir diesen Titel gleich mal merken, denn mit deiner schönen Rezension hast du mich echt neugierig auf das Buch gemacht. Danke für den Tipp.
    Liebe Grüße, Julia

    Gefällt 1 Person

  3. Das klingt jetzt aber schon ganz schön spannend. Ich weiß nur nicht, wie es sich liest, wenn dem Kind was passiert. Da bin ich immer etwas zart besaitet. Aber erst mal schreib ich mir das Buch auf.
    Auf deine Bewertung zu „Into the Water“ bin ich auch schon gespannt. Das Buch ist ja gerade in aller Munde.

    Liebe Grüße
    Mona

    Gefällt 1 Person

    • Ich denke, das Buch ist auch geeignet, wenn man etwas zart besaitet ist, da die Autorin auf Brutalität und Blutvergießen vollkommen verzichtet.
      Mit „Into the Water“ habe ich erst gestern begonnen und bislang gefällt es mir sehr, sehr gut. Aber ich war bereits von „Girl on the Train“ von Paula Hawkins total begeistert. Ich glaube, das neue Buch der Autorin steht ihrem Debüt in nichts nach, auch wenn ich erst die ersten 50 Seiten gelesen habe. Ich bin sehr gespannt, wie sich die Geschichte noch entwickelt.
      Liebe Grüße
      Claudia

      Gefällt 1 Person

  4. Hi Claudia,
    ich mag diese Rezension wirklich sehr gerne. Das Buch wirkte schon vom Titel und Cover interessant auf mich, allerdings hat mich diese Rezi ziemlich angefixt es selbst du lesen :-)!
    Ich finde, du hast so eine besonders schöne Art, Rezensionen zu verfassen! Das ist wirklich wirklich toll!! Vor allem deine Ausführlichkeit ist unglaublich! Davon sollte man sich dringend mal eine Scheide von Abschneiden 😉 !
    Alles Liebe,
    Felia ❤

    Gefällt 1 Person

    • Oh, ganz vielen lieben Dank für Dein positives Feedback. Das freut mich sehr und macht mich auch ein bisschen stolz. Ich weiß nämlich auch, dass viele ausführliche Rezensionen nicht sehr gerne lesen. Ich mag sie jedoch und lese sie auch auf anderen Blogs sehr gerne. Das ist natürlich Geschmacksache. Wichtig ist, dass nicht gespoilert wird, aber ich denke, man kann in wenigen Worten nicht sehr aussagekräftig argumentieren – also ich kann es zumindest nicht 😉 Kurzfassen gehört ohnehin nicht zu meinen Stärken 😉
      Liebe Grüße
      Claudia

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s