Buchrezension: Mats Strandberg – Die Überfahrt

Mats Strandberg - Die ÜberfahrtInhalt:

Die meisten Passagiere an Bord der schwedischen Ostsee-Fähre Baltic Charisma wollen sich einfach nur amüsieren. Das 170 Meter lange Fährschiff, das Tag für Tag dieselbe Route von Stockholm nach Finnland und wieder zurück fährt, ist zwar schon etwas in die Jahre gekommen und keineswegs luxuriös ausgestattet, aber die Gäste interessieren sich ohnehin vor allem für den billigen zollfreien Alkohol und die ausgelassene Partystimmung an Bord. Auch diesmal haben sich wieder 1200 Passagiere eingefunden, die einfach ihrem Alltag entfliehen, sich betrinken, feiern und Spaß haben wollen oder auf der Suche nach einem unverbindlichen erotischen Abenteuer sind. Die Besatzung hat alle Hände voll zu tun, nicht zuletzt das Wachpersonal, das in diesem Chaos für ein bisschen Ordnung sorgen soll, damit die Stimmung aufgrund des hohen Alkoholkonsums nicht eskaliert.
Niemand achtet auf die stark geschminkte, dunkelhaarige Frau und den kleinen blonden Jungen, die mit einem Wohnmobil an Bord gekommen waren. Niemand bemerkt die ängstlichen Blicke der Frau, die befürchtet, dass ihr Sohn kurz davor steht, eine Grenze zu überschreiten, und weiß, was passieren wird, wenn er es tut. Niemand ahnt, dass mit ihnen ein uraltes Grauen das Schiff betreten hat und die Baltic Charisma bald zur tödlichen Falle wird, aus der es kein Entkommen gibt.

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Die Überfahrt von Mats Strandberg und fieberte dem Ersterscheinungstag geradezu entgegen, denn ich liebe Thriller, die mich mit meinen eigenen Ängsten konfrontieren. Das klingt für jeden, der gerne Schiffsreisen unternimmt, sicher furchtbar albern, aber bereits der Schauplatz dieses Thrillers kommt für mich einem Albtraum gleich. Für mich gibt es kaum etwas Beklemmenderes als Schiffe, und schon allein die Vorstellung, an einem von Wasser umgebenen Ort sein zu müssen, den ich nicht jederzeit verlassen kann, treibt mir den puren Angstschweiß auf die Stirn. Ich war mir also ziemlich sicher, dass Die Überfahrt ein überaus spannendes und beklemmendes Leseerlebnis wird, zumal der Autor auf dem Cover als „der schwedische Stephen King“ bezeichnet und auch mit Justin Cronin verglichen wird. Dass man diesen Vergleichen nicht trauen kann, ist mir durchaus bewusst, aber trotzdem falle ich immer wieder auf solche werbewirksamen Aussagen herein. Man tut einem Autor aber sicher keinen Gefallen, wenn man die Messlatte derart hoch anlegt und eine Erwartungshaltung schürt, der der Roman dann nicht gerecht werden kann. Ich habe jedenfalls nicht einmal ansatzweise Gemeinsamkeiten mit King oder Cronin erkennen können, was jedoch keinesfalls der einzige Grund war, weshalb mich Die Überfahrt letztendlich doch sehr enttäuscht hat.
Dabei beginnt die Erzählung durchaus vielversprechend, wenn auch nicht gerade besonders spannend, denn auf den ersten hundert Seiten passiert eigentlich nichts. Allerdings gelingt es Mats Strandberg ausgezeichnet, die überaus klaustrophobische Atmosphäre und die Stimmung auf der Baltic Charisma perfekt einzufangen und dieses gewaltige und etwas heruntergekommene Schiff vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen.
Außerdem lernt man im ersten Teil dieses Thrillers die Passagiere und Besatzungsmitglieder näher kennen, aus deren Perspektive die Geschehnisse dann erzählt werden. Mit viel gutem Willen kann man hier eine kleine Gemeinsamkeit mit Stephen King erkennen, der ebenfalls sehr viel Zeit darauf verwendet, seine Charaktere einzuführen und eine Vorliebe für gebrochene Figuren und soziale Außenseiter hat. Allerdings schafft es King, seinen Figuren Kontur zu verleihen und lebendige und unverwechselbare Charaktere zu erschaffen, während ich manche Protagonisten in Strandbergs Thriller kaum voneinander unterscheiden konnte. Am Anfang fiel es mir besonders schwer, den Überblick über das Personal des Romans zu behalten, und manchen Figuren fehlte eben auch leider die nötige Tiefe, sodass sie etwas schablonenhaft wirkten. Einen Hauptprotagonisten auszumachen, ist unmöglich, denn die Geschichte wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt, von denen keine besonders heraussticht. Eines haben allerdings alle Charaktere gemeinsam – sie sind allesamt vom Schicksal gebeutelte und gebrochene Figuren, seien es nun die Besatzungsmitglieder oder die Passagiere.
Im Gedächtnis blieb mir vor allem ein abgehalfteter ehemaliger Schlagerstar, der in der Karaokebar des Schiffes arbeitet, das Ende seiner Karriere noch immer nicht verkraftet hat, äußerst verbittert ist und seinen Frust mit Sex, Alkohol und Kokain betäubt. Im Grunde verachtet er die Passagiere, die er nun unterhalten muss, um überhaupt noch seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, und verhöhnt die Frauen, die ihn noch immer hingebungsvoll anschmachten und zumindest seine sexuellen Bedürfnisse befriedigen. Er ist ein äußerst verabscheuungswürdiger Charakter und keineswegs ein Protagonist, mit dem man mitfiebern könnte. Albin, ein kleiner Junge, der mit seinen Adoptiveltern an Bord ist, ist mir allerdings sehr ans Herz gewachsen. Seine Adoptivmutter sitzt im Rollstuhl, der Vater ist ein depressiver Alkoholiker, der zu heftigen Wutausbrüchen neigt und im nächsten Moment wieder in weinerliche Depressionen verfällt. In der Familie wird jedoch nicht über diese Probleme gesprochen, und so freut sich Albin, dass er auf dieser Schiffsreise wenigstens seine Cousine Lo wiedersehen darf, die er lange nicht mehr gesehen hat. Doch Lo hat sich verändert, steckt mitten in der Pubertät, bunkert jetzt schon heimlich kleine Wodkafläschchen und ist Albin fremd geworden.
Auch wenn mir außer Albin und einem homosexuellen jungen Mann, der die Fahrt auf der Baltic Charisma nutzt, um seinem Lebensgefährten einen Heiratsantrag zu machen, niemand so recht sympathisch war, hat mir der Einstieg in die Geschichte sehr gut gefallen, obwohl lange nichts Spektakuläres passiert. Langweilig war es trotzdem nicht, die Personen kennenzulernen, die dazu verdammt sind, die kommenden vierundzwanzig Stunden miteinander auf dieser Fähre zu verbringen, die für alle bald zu einer tödlichen Falle werden soll.
Mit steigendem Alkoholpegel sinken die Schamgrenzen und Hemmschwellen immer mehr, aber aus diesem Grund waren ja die meisten Passagiere überhaupt an Bord gekommen –  um sich sinnlos zu betrinken und alle Hemmungen fallen zu lassen. Die Partystimmung hat ihren Höhepunkt fast erreicht, als das Grauen dann hereinbricht.
Schon auf den ersten Seiten spürt man, dass mit der stark geschminkten, dunkelhaarigen Frau mit dem zerfurchten Gesicht und ihrem kleinen, etwa fünf Jahre alten Sohn etwas nicht stimmt. Allerdings erfährt man nichts Näheres über die beiden, sodass der Horror, der nun ausbricht, doch etwas unvermittelt kommt. Auch wenn es zunächst noch äußerst schockierend und auch spannend war, dieses Horrorszenario aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten, wurde mir das Blut, das nun eimerweise aus den Seiten triefte, schnell zu viel. Ich kann wirklich viel aushalten, habe auch keinen empfindlichen Magen, aber effekthascherisches Gemetzel allein ist eben furchtbar nichtssagend und auf Dauer auch sehr ermüdend. Als der erste Schock überwunden war und sich nur noch ein unappetitliches Szenario an das nächste reihte, habe ich mich nämlich leider auch schrecklich gelangweilt, zumal schon absehbar war, wie die Geschichte endet. Ein paar gute Ansätze waren durchaus erkennbar, wurden dann allerdings in wenigen Sätzen abgehandelt und verliefen leider wieder im Sande. Jede Chance, der Geschichte noch ein bisschen Tiefgang zu verleihen, wurde ungenutzt fallengelassen, sodass außer billigem Splatter eigentlich nichts mehr übrigblieb.
Und gerade das ist es, was Strandbergs Roman von Werken von King und Cronin unterscheidet, denn diese beiden Autoren schaffen es, Horror auf hohem Niveau zu erzählen, nicht jedes blutige Detail in allen Einzelheiten zu beschreiben, sondern das wahre Grauen im Kopf des Lesers entstehen zu lassen und den ewigen Kampf von Gut gegen Böse in all seinen Facetten zu zeigen. Weniger ist eben tatsächlich häufig mehr, und etwas weniger Blut und Gedärme und dafür etwas mehr Tiefgang hätten diesem Roman sehr gut getan. Wer blutigen und brutalen Splatter mag, wird an Die Überfahrt spätestens nach hundert Seiten seine Freude haben, aber mein Geschmack ist das leider gar nicht, weshalb mich dieser Horrorthriller leider enttäuscht hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Mats Strandberg: Die Überfahrt
Verlag: Fischer TOR
Ersterscheinungsdatum: 24. Mai 2017
512 Seiten
ISBN 978-3-596-29599-9

9 Gedanken zu “Buchrezension: Mats Strandberg – Die Überfahrt

  1. Schade – klang eigentlich interessant. Ich bin auch nicht empfindlich aber nur Splatter mag ich auch nicht. Ich lasse mich aber auch immer wieder gerne von Werbungen verführen – entweder so tolle Aufkleber wie bei Deinem Cover, oder eine Empfehlung eines bekannten Autors – da greife ich auch eher mal zu..

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    • Mir geht es auch so. Immer wenn ich solche Aufkleber sehe, dann rolle ich mit den Augen und denke „was für eine billige Werbemasche“. Und trotzdem falle ich drauf rein, also ist sie gar nicht so billig 😉
      Nur Splatter ist es zum Glück nicht, denn im ersten Teil der Geschichte passiert eigentlich nichts, aber dann wird es doch übertrieben blutig und eklig, und eben auch so langweilig – echt schade!

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      • Ja – die wissen schon wie sie uns kriegen. ;-)…Ich bin ja auch Thriller und Horrorfan – aber auch bei Horror muss es nicht nur stures Abgeschlachte sein….da kann ruhig auch eine Story dahinter stecken.

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      • Mich haben diese Hinweise bislang nie abgeschreckt. Gerade die skandinavischen Thriller, sind häufig etwas morbide, düster und depressiv, also nichts für die gute Stimmung, und es schwingt häufig auch ein bisschen Gesellschaftskritik mit, aber von all dem war in „Die Überfahrt“ eben recht wenig zu spüren. Die Charaktere hätten durchaus Potenzial gehabt, aber gerade das wurde eben verschenkt. Von mir aus darf es auch ruhig abstoßend sein, wenn man in die Abgründe schaut und das Grauen authentisch zeigen will, aber mit reinen Blut- und Ekelszenen allein erreicht man das eben nicht.

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  2. Hallo Claudia,
    endlich einmal ein Buch bei dem wir uns nicht einigt sind *Augenzwinker*
    Ich fand es richtig genial – habe es aber nicht gelesen sondern gehört. Denke das macht auch etwas aus.
    Albin fand ich gut dargestellt mit seinen Nöten aber am besten fand ich einfach Kalle und Vincent und Marianne.
    Das nächste wird bestimmt besser für Dein Lesevergnügen.
    Wünsche Dir eine gute Zeit
    Liebe Grüße
    Kerstin
    Hatte ich bei Dir „Still“ von Zoran D. gesehen?
    Jedenfalls ist es jetzt da 🙂

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    • Ja, Albin, Kalle und Vincent mochte ich sehr, Marianne berührte mich auch hin und wieder, aber Madde, Filip, Pia, Marisol… waren für mich alles eins 😉 Vielleicht ist es als Hörbuch wirklich besser, selbst als Film könnte ich es mir spannend vorstellen, aber vom Buch war ich enttäuscht. Na ja, es sind immer mal wieder kleine Enttäuschungen dazwischen.
      Ja, „Still“ von Drvenkar habe ich auch rezensiert und es hat mir ausgezeichnet gefallen. Es ist schon ziemlich heftig, aber Drvenkar kann das Grauen eben mit sehr viel Tiefgang erzählen, sodass es einen berührt und wirklich an die Nieren geht. Und sein Erzählstil und seine Sprache sind eben ganz grandios. Ich wünsche Dir viel Spaß mit „Still“ und bin schon auf Dein Urteil gespannt.
      Hab‘ ein wunderbares Wochenende!
      Liebe Grüße
      Claudia 😉

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  3. Ich freue mich schon seit Monaten auf dieses Buch und meine Vorfreude hat jetzt wohl leider einen kleinen Dämpfer erhalten 😀

    Splatter an sich stößt mich aber grundsätzlich nicht ab, mich stört es nur, wenn das praktisch der einzige Bestandteil der Geschichte ist.

    Ich mag aber Thriller, die auf Kreuzfahrten spielen, vom Setting grundsätzlich her sehr gerne, eben weil es wie du selbst geschrieben hast kein Entkommen gibt und alle Beteiligten auf beschränktem Raum gefangen sind. Deshalb komme ich um das Buch einfach nicht herum 😀

    Außerdem habe ich mich für die Hörbuchversion entschieden – wenn die Geschichte dann den Erwartungen tatsächlich nicht standhalten sollte, habe ich immer noch David Nathan als Trost 😀

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    • Oh, ich wollte Deine Vorfreude keineswegs dämpfen. Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass es mir als Hörbuch vielleicht sogar ein bisschen besser gefallen hätte. Auch als Film würde es mir vermutlich gefallen.
      Für ein Buch hatte es mir einfach zu viele Splatterszenen, hinter denen die durchaus vorhandenen guten Ansätze leider zurücktraten. Den Ekelfaktor kann ich durchaus aushalten, aber es langweilt mich auf Dauer einfach furchtbar.
      Ich bin gespannt, wie Dir das Hörbuch gefällt und wünsche Dir viel Spaß beim Hören 😉
      Liebe Grüße
      Claudia

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