Buchrezension: Jutta Maria Herrmann – Schuld bist du

Jutta Maria Herrmann - Schuld bist duInhalt:

Als der Journalist Jakob Auerbach von einer Dienstreise wieder nach Berlin zurückkehrt, findet er nur eine leergeräumte Wohnung vor. Auch seine Frau Anne und seine kleine Tochter Mia sind spurlos verschwunden. Eigentlich sollte der Umzug aufs Land doch erst am nächsten Tag stattfinden, aber offenbar hatte Anne in seiner Abwesenheit umdisponiert. Sie war ohnehin sauer, dass er mitten im Umzugsstress für ein paar Tage nach Vietnam reisen musste und sie mit den Umzugsvorbereitungen alleine ließ. Vermutlich hat sie den Umzug einfach vorverlegt, ohne ihm Bescheid zu geben, um sich an ihm zu rächen. Noch während sich Jakob in der leeren Wohnung darüber ärgert, dass seine Frau einfach über seinen Kopf hinweg den Umzugstermin vorgezogen hat, fällt sein Blick auf eine Fensterscheibe, auf die, offenbar mit Blut, eine Botschaft geschmiert wurde – Schuld bist du. Auch solche makabren Scherze sehen Anne durchaus ähnlich.
Doch dann erhält er einen besorgniserregenden Anruf von seiner kleinen Tochter. Offenbar ist Mia alleine, hat sich verlaufen, friert, hat Hunger und weiß nicht, wo sie ist – dann reißt die Verbindung unvermittelt ab. Verzweifelt begibt sich Jakob auf die Suche nach seiner Frau und seinem Kind und stößt bei seiner albtraumhaften Irrfahrt durch Berlin immer wieder auf die Botschaft – Schuld bist du.

Meine persönliche Meinung:

Vor ein paar Monaten habe ich bei einem Gewinnspiel Jutta Maria Herrmanns Debüt Hotline gewonnen und war von diesem Psychothriller so angetan, dass ich unbedingt mehr von dieser Autorin lesen wollte (hier geht es zu meiner Rezension von Hotlineklick). Erst kürzlich erschien bereits ihr dritter Roman Amnesia, aber obwohl es sich bei ihren Büchern um Einzelbände handelt, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, wollte ich nun trotzdem erst Schuld bist du lesen.
Selbst wenn man es nicht will, neigt man ja dazu, die Werke eines Autors miteinander zu vergleichen. Schon nach wenigen Kapiteln habe ich jedoch gemerkt, dass Schuld bist du vollkommen anders ist als Jutta Maria Herrmanns Debüt, in dem sich die Autorin zwar auch im weitesten Sinne mit dem Thema Schuld beschäftigt, das aber sehr viel ruhiger erzählt ist. Jakob Auerbachs verzweifelte Suche nach seiner Frau und seiner kleinen Tochter ist jedenfalls ungleich rasanter und actionreicher als die eher gemächliche, aber etwas tiefgründigere Erzählung in Herrmanns Debüt.
In einem zweiten Erzählstrang begleitet der Leser eine Frau, die im Krankenhaus am Bett eines Mannes sitzt, der an Maschinen angeschlossen ist und offenbar nur noch geringe Überlebenschancen hat. In welcher Verbindung die unbekannte Ich-Erzählerin zu dem Mann steht, der neben ihr mit dem Tod ringt, und was ihm zugestoßen ist, erfährt man jedoch zunächst nicht. Sie sitzt an seinem Sterbebett und erzählt ihm die Geschichte einer Frau namens Grit, die ihr offenbar sehr nahesteht. Obwohl dieser Handlungsstrang in der Ich-Perspektive erzählt wird, der Leser die Gedanken und Gefühle dieser Frau also hautnah miterlebt und auch erfährt, welches traumatische Ereignis in ihrer Jugend noch immer ihr Leben überschattet, bleibt sie äußerst rätselhaft und mysteriös. Auch die Geschichte, die sie erzählt ist äußerst erschütternd, allerdings ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, inwiefern dieser zweite Erzählstrang mit Jakob Auerbach und dessen Familie zusammenhängt.
Jakobs Suche nach seinem Kind und seiner Frau entwickelt sich im weiteren Handlungsverlauf zu einem absoluten Albtraum, dem ich mit angehaltenem Atem folgte. Was Jakob während seiner Suche widerfährt und welche unheimlichen Begegnungen und Entdeckungen er macht, gleicht einer einzigen Horror-Odyssee. Während ich zu Beginn noch alles recht nachvollziehbar und realistisch fand, war ich irgendwann vollkommen verwirrt, denn das, was Jakob erlebt, wird immer surrealer, unglaubwürdiger und absurder. Ich reagiere ja immer ein wenig allergisch auf abwegige Zufälle und vollkommen unlogische Wendungen. Da sich solche an den Haaren herbeigezogenen Zufälle häuften, die Geschichte immer unlogischer und abstruser wurde und die Zusammenhänge immer weniger Sinn ergaben, war ich manchmal fast schon ein wenig ungehalten. Jakobs Suche nach seiner Familie war aber trotzdem so spannend und mitreißend, dass ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen konnte und einfach hoffte, dass es für dieses surreale Szenario eine halbwegs schlüssige Erklärung gibt. Allerdings habe ich Jakobs Wahrnehmungen nicht mehr getraut, nicht zuletzt, weil auch er selbst immer wieder befürchtet, den Verstand zu verlieren. Doch gerade diese unzuverlässige Erzählweise trägt letztendlich enorm zur Spannung dieses Psychothrillers bei.
Ich war jedoch sehr gespannt, wie die Autorin es schaffen will, den Plot noch irgendwie logisch und stimmig aufzulösen, vor allem, weil ich auch kurz vor dem Ende noch immer nicht erkennen konnte, welche Verbindung nun zwischen Jakob und der Frau, die im Krankenhaus am Sterbebett dieses Mannes sitzt, besteht. Jutta Maria Herrmann hat mich allerdings nicht enttäuscht, denn sie führt nicht nur beide Erzählstränge gekonnt zusammen, sondern überraschte mich auch mit einem schlüssigen und realistischen Ende. Auch wenn die Autorin nicht für alle Ungereimtheiten eine Erklärung liefert, ergibt im Nachhinein betrachtet nun alles einen Sinn.
In Hotline hatte mich ein bisschen gestört, dass die Geschichte etwas vorhersehbar war, was man von Schuld bist du jedoch nicht behaupten kann. Sprachlich und erzähltechnisch hat mir Herrmanns Debüt allerdings ein wenig besser gefallen, während mich Schuld bist du nun vor allem aufgrund des deutlich rasanteren Erzählstils und des raffinierten und ausgefallenen Plots überzeugen konnte.
Das Thema Schuld und Verdrängung zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Erzählung und gibt dem Leser nach der Lektüre auch Anlass, über den eigenen Umgang mit Schuld nachzudenken.
Ein sehr außergewöhnlich konstruierter Psychothriller, der mich trotz zeitweiliger Irritationen vollkommen begeistern konnte und von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und die Verlagsgruppe Droemer Knaur, die mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jutta Maria Herrmann: Schuld bist du
Verlag: Knaur TB
Ersterscheinungsdatum: 01. Juni 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-426-51851-9

Cover: Droemer Knaur

2 Gedanken zu “Buchrezension: Jutta Maria Herrmann – Schuld bist du

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