Buchrezension: Jonas Winner – Murder Park

Jonas Winner - Murder ParkInhalt:

Zodiac Island vor der Ostküste der USA war einst ein beliebter Vergnügungspark. Doch nun rosteten die alten Fahrgeschäfte, das Riesenrad und die Achterbahn zwanzig Jahre vor sich hin, denn nach einer brutalen Mordserie war der Freizeitpark 1997 geschlossen worden. Der Serienmörder Jeff Bohner, der auf Zodiac Island damals drei junge Frauen auf bestialische Weise ermordet hatte, konnte inzwischen überführt werden und wurde hingerichtet.
Jetzt soll die Insel jedoch wieder zum Leben erweckt werden. Der alte Park wurde aufwendig umgebaut und schon bald soll der neue Murder Park, ein Erlebnispark zum Thema Serienkiller, seine Tore öffnen. Die Faszination für Gewalt und Verbrechen sowie das Interesse an Serientätern wie Jack the Ripper oder Ted Bundy sind groß. Im Murder Park sollen die Besucher nun das Abenteuer, den Nervenkitzel und den Grusel hautnah miterleben dürfen und mit den eigenen Ängsten konfrontiert werden.
Wenige Wochen vor der Eröffnung soll jedoch zunächst eine Gruppe von Journalisten, Beratern und Experten dem Murder Park einen Besuch abstatten. Der Reporter Paul Greenblatt und elf weitere Personen wurden auf die Insel geladen, um sich von dem neuen Erlebnispark einen ersten Eindruck zu verschaffen. Bereits am Tag ihrer Ankunft ereignet sich der erste Mord. Keiner kann dem anderen trauen, denn nur einer aus der Gruppe kann der Mörder sein. Oder befindet sich außer ihnen doch noch jemand auf der Insel? Das Morden geht weiter, aber es gibt kein Entkommen, denn die nächste Fähre, die sie zurück ans Festland bringt, kommt erst in drei Tagen.

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich in der Verlagsvorschau Murder Park von Jonas Winner entdeckt hatte, konnte ich den Erscheinungstermin kaum noch abwarten, denn der Klappentext tönte sehr vielversprechend. Sobald es um Serienmörder geht, ist mein Interesse ohnehin geweckt, aber vor allem das Setting ließ auf einen außergewöhnlich beklemmenden Thriller hoffen.
Jonas Winner verwendet in Murder Park das klassische Muster der locked room mysteries und siedelt die Handlung seines Romans in einem hermetisch abgeschlossenen Raum an – in diesem Fall eben auf einer von der Außenwelt abgeschotteten Insel. Zwölf Personen wurden auf diese abgelegene Insel eingeladen, schon am ersten Tag wird einer von ihnen ermordet, und im weiteren Verlauf der Erzählung dezimiert sich die Gruppe weiter. Die Insel ist aber unbewohnt und nur mit einer Fähre zu erreichen; niemand kann sie unbemerkt betreten oder verlassen, sodass der Verdacht naheliegt, dass der Mörder unter den Anwesenden zu suchen ist und das Misstrauen untereinander mit jedem weiteren Mord kontinuierlich wächst. Das ist ein altbekanntes Schema, das an Agatha Christies Und dann gabs keines mehr erinnert, aber noch immer hervorragend funktioniert, zumal Jonas Winner den Schauplatz seines Thrillers ganz besonders gruselig gestaltet hat.
Dem Autor ist es sehr gut gelungen, diese Insel sehr bildgewaltig zu beschreiben und eine äußerst beklemmende Atmosphäre zu erzeugen. Besonders bedrohlich ist das Setting nämlich nicht nur, weil man dem Mörder auf der Insel hilflos ausgeliefert ist und weder fliehen noch auf Hilfe hoffen kann, sondern weil Winner den Handlungsort auch mit einer sehr schaurigen Geschichte versehen hat. Bis vor zwanzig Jahren befand sich ein Freizeitpark auf der Insel. Zodiac Island hätte eigentlich ein Ort sein sollen, an dem man sich amüsiert, Spaß hat und der von Kinderlachen erfüllt ist. Doch nachdem der Serienmörder Jeff Bohner dort drei alleinerziehende Mütter auf bestialische Weise ermordet hatte, musste der Vergnügungspark geschlossen werden.
Nun hat der Unternehmer Robert Levin den verfallenen Park gekauft und möchte sich gerade dessen schaurige Vorgeschichte zunutze machen, um auf der Insel einen neuen Erlebnispark zum Thema Serienkiller zu eröffnen. Er und sein Team haben ein Konzept erarbeitet, das sie nun im Vorfeld der Eröffnung einer auserwählten Gruppe von Presseleuten und Experten präsentieren wollen.
Ich muss ja zugeben, dass auch mir die Faszination am Makabren nicht ganz fremd ist und es durchaus interessant sein mag, sich mit Serienmördern zu beschäftigen und Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele zu bekommen, um zu erfahren, was Menschen überhaupt zu Mördern werden lässt und zu solch grausamen Taten veranlasst, aber von realen Morden zu profitieren, indem man sie zur Jahrmarktattraktion macht, finde ich doch äußerst abstoßend. Bereits das Museum, das auf der Insel eingerichtet wurde und in dem zahlreiche Murderabilia, also Gegenstände, die von berühmten Serienmördern stammen, ausgestellt werden, wirkte auf mich etwas befremdlich. Es soll ja tatsächlich Menschen geben, die solche Murderabilia sammeln, was allerdings der Stilisierung von Serienmördern zu Helden und Pop-Ikonen gleichkommt und meiner Meinung nach doch sehr fragwürdig ist, zumal es den Angehörigen der Verbrechensopfer wie blanker Hohn erscheinen muss. Noch geschmackloser ist allerdings das Grundkonzept des Murder Park, denn der Erlebnispark soll vor allem als eine Art Partnerbörse fungieren. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man sich in einer solch morbiden Atmosphäre und umgeben von Andenken an berühmte Serienmörder verlieben soll, halte es aber auch nicht für ausgeschlossen, dass es genug Menschen gibt, die an solchen makabren Unterhaltungsspektakeln Gefallen finden würden. Völlig abwegig erschien mir das Geschäftsmodell jedenfalls nicht.
Ich war jedoch sehr beruhigt, dass meine Bedenken auch im Buch thematisiert wurden und innerhalb der Gruppe schon die ersten kritischen Stimmen laut werden, als das Konzept präsentiert wird. Allerdings ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand, dass sich diese dreitägige Pressereise zu einem wahren Albtraum entwickeln wird.
Die Geschehnisse auf der Insel werden aus der Sicht des Reporters Paul Greenblatt erzählt, der von Mördern und Mordgeschichten geradezu besessen ist und auch eine ganz besondere und persönliche Verbindung zu Zodiac Island hat. Dieser gegenwärtige Handlungsstrang wird immer wieder durch Interviews unterbrochen, die der Psychiater Sheldon Lazarus im Vorfeld der Vorbesichtigung geführt hat, um die richtigen Kandidaten für dieses Wochenende zu finden. Eigentlich hat es mir ausgesprochen gut gefallen, die Teilnehmer dieser Pressereise in Form dieser Gesprächsaufzeichnungen kennenzulernen. Allerdings halte ich es für ziemlich unrealistisch, dass ein Unternehmer tatsächlich einen Psychiater beauftragt, um die Bewerber für eine solche Pressepräsentation zu durchleuchten und von jedem Einzelnen ein psychiatrisches Profil zu zeichnen. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass jemand bereitwillig sein Innerstes nach außen kehrt, nur weil er an einer Firmenpräsentation teilnehmen möchte. Lässt man die Glaubwürdigkeit außer Acht, waren diese Interviews allerdings eine sehr gute Möglichkeit, Einblicke in Persönlichkeit der Teilnehmer zu erhalten, denn diese wurden keinesfalls zufällig ausgewählt, sondern stehen alle in Verbindung mit Zodiac Island und den Morden, die sich dort vor zwanzig Jahren zugetragen hatten.
Paul Greenblatt ist der Erste, den man auf diese Weise kennenlernt. Er ist eben auch der Protagonist, dem man in der Haupthandlung folgt und aus dessen Perspektive erzählt wird. Obwohl mich das traumatische Erlebnis, das er in seiner Kindheit durchleiden musste, sehr berührt hat, fiel es mir manchmal schwer, mich in ihn hineinzuversetzen und seine Handlungen und Gedanken nachzuvollziehen. Er ist mit elf anderen Personen auf dieser Insel, einer nach dem anderen wird auf grausame Weise ermordet und er muss jeden Moment damit rechnen, der Nächste zu sein, aber auf seine Libido scheint sich das erstaunlicherweise nicht negativ auszuwirken. Auch sonst kann ich nicht gerade behaupten, dass ich ihn besonders mochte, aber vor allem hatte ich oft den Eindruck, dass man seinen Wahrnehmungen nicht ganz trauen kann.
Auch alle anderen Charaktere waren mir nicht gerade sympathisch und verhalten sich auch äußerst merkwürdig. Selbst die Interviewausschnitte vermochten es nicht, dass ich zu einer der Romanfiguren eine Verbindung aufbauen konnte. Das soll jedoch keineswegs ein Kritikpunkt sein, denn zum einen muss ich die Protagonisten eines Buches gar nicht mögen, und zum anderen führt dies eben auch dazu, dass ich jeden von ihnen im Verdacht hatte, der Mörder zu sein – selbst Paul Greenblatt. Jonas Winner versteht es äußerst geschickt, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken und einen sehr wendungsreichen Plot zu konstruieren. Sobald ich sicher war, den Mörder nun enttarnt zu haben, wurde diese Person entweder selbst ermordet oder der Verdacht wurde auf einen anderen aus der Gruppe gelenkt. Selbst als es kaum noch Überlebende gibt und der Kreis der Verdächtigen immer kleiner wird, hatte ich keine Ahnung, wer der Mörder sein könnte.
Was mich ein wenig gestört hat, war das Tempo des Romans, denn mir ging es häufig einfach ein bisschen zu schnell. Die Romanfiguren sterben wie die Fliegen, ein Mord jagt den nächsten, wird auf wenigen Zeilen abgehandelt, sodass es kaum noch schockierend war, wenn wieder jemand zu Tode kam.
Das Ende war dann sehr überraschend, allerdings auch ein bisschen enttäuschend.
Trotzdem hat mir dieser Thriller ausgesprochen gut gefallen, denn dem Autor ist es gelungen, das Spannungslevel kontinuierlich zu steigern und bis zum Schluss zu halten. Sein flüssiger Schreibstil und eine angenehme Kapitellänge lassen den Lesefluss nie ins Stocken geraten. Besonders beeindruckend waren aber vor allem das Setting und die außerordentlich bedrohliche Atmosphäre, die mich über kleine Unglaubwürdigkeiten gerne hinwegsehen ließen.

Ein rasanter und beklemmender Thriller voller überraschender Wendungen, der mich sehr gut und spannend unterhalten hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jonas Winner: Murder Park
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 13. Juni 2017
416 Seiten
ISBN: 978-3-453-42176-9

Cover: Heyne Verlag

4 Gedanken zu “Buchrezension: Jonas Winner – Murder Park

  1. Ich war dem Buch bisher skeptisch gegenüber, weil ich befürchtete beim Thema Serienmörder geht es bestimmt bestialisch zu. Dein Einwand „ein Mord jagt den nächsten, wird auf wenigen Zeilen abgehandelt, sodass es kaum noch schockierend war“, klingt in meinen Ohren richtig gut. Ich hab es ja nicht so mit vorgegebenem Kopfkino und langem Leiden. Vielleicht ist das Buch ja doch was für mich! Danke für die ausführliche Rezension.

    LG,
    Mona

    Gefällt 2 Personen

    • Die Morde sind teilweise schon recht grausam, aber sie werden eben nicht sehr detailliert beschrieben. Das ist recht angenehm, denn ich brauche auch keine blutigen Details. Da nie aus der Sicht des Täters erzählt wird, erfährt man nur, wie die Opfer aufgefunden werden, kann sich also denken, wie sie gestorben sind. An einer Stelle wird allerdings beschrieben, wie der Mörder, der 20 Jahre zuvor auf der Insel war, vorgegangen ist, was schon ziemlich grausam war, aber für mein Empfinden ist das gut zum Aushalten.
      LG Claudia

      Gefällt 1 Person

  2. Huhu (=
    Schön das dir der Thriller so zusagt, ich muss gestehen das das Buch bei mir zunächst weit hinten auf der WuLi gerutscht ist. So ganz ist es dort noch nicht verschwunden und wird auch dank deiner Rezi noch darauf stehen bleiben. Aber zu durchwachsen sind mir die Buchmeinungen und allzu sehr reizt es mich eben momentan auch nicht 😉

    Und hui, du schreibst immer so feinst ausführlich – ich würde aber den ein oder anderen Absatz hinein machen (Leerzeile) – hoffe so ein kleiner liebgemeinter Tipp kommt nicht falsch an :-*

    Liebe Grüße
    Janna

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