Auf diese Neuerscheinungen freue ich mich im September 2017

Obwohl momentan noch hochsommerliche Temperaturen herrschen, neigt sich der Sommer schon bald seinem Ende, und wenn die Temperaturen sinken und die Blätter sich zu färben beginnen, bekommt man wieder richtig Lust, es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen und ein spannendes Buch zu lesen. Da der Herbst nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt, wurde es also Zeit, mich in den Verlagsvorschauen nach der geeigneten Lektüre umzuschauen, und natürlich bin ich wieder fündig geworden.

Ganz besonders freue ich mich auf den neuen Thriller von Wulf Dorn, dessen Bücher mich noch nie enttäuscht haben und der für mich einer der besten deutschen Thriller-Autoren ist.

Die Kinder von Wulf DornAuf einer abgelegenen Bergstraße wird die völlig verstörte Laura Schrader aus den Trümmern eines Wagens geborgen. Im Kofferraum entdecken die Retter eine grausam entstellte Leiche. Als die Polizei den Psychologen Robert Winter hinzuzieht, wird dieser mit dem rätselhaftesten Fall seiner Karriere konfrontiert: Die Geschichte, die Laura Schrader ihm erzählt, klingt unglaublich. Doch irgendwo innerhalb dieses Wahnkonstrukts muss die Wahrheit verborgen sein. Je weiter Robert vordringt, desto mehr muss er erkennen, dass die Gefahr, vor der Laura Schrader warnt, weitaus erschreckender ist als jeder Wahn (Klappentext: Heyne)

Wulf Dorn: Die Kinder
Verlag: Heyne
Ersterscheinungstermin: 04. September 2017
Klappenbroschur – 320 Seiten – 16,99 €
ISBN: 978-3-453-27094-7


Wendy Walkers Debüt Dark Memories – Nichts ist je vergessen gehörte für mich zu den Lesehighlights des vergangenen Jahres (hier geht es zu meiner Rezension → klick), und ich kann es kaum abwarten, nun bald ihr neustes Buch zu lesen.

Wendy Walker - Kalte Seele, dunkles Herz»Ich stand frierend im Wald, von Furcht erfüllt zu scheitern. Es stand so viel auf dem Spiel. Sie mussten mir meine Geschichte glauben. Sie mussten Emma finden. Und um Emma zu finden, mussten sie nach ihr suchen. Es hing allein von mir ab, ob meine Schwester gefunden wurde.«
Früh an einem Sonntagmorgen im Juli ist Cassandra – Cass – Tanner plötzlich wieder da. Sie steht auf der Türschwelle ihres Elternhauses und sagt immer wieder „Findet Emma!“

Drei Jahre zuvor waren die 15-jährige Cass und ihre zwei Jahre ältere Schwester Emma spurlos aus der Kleinstadt in Connecticut verschwunden. Niemand konnte sich erklären, was passiert war. Es gab keine Hinweise, keine Zeugen, nur Emmas Auto am Strand, daneben ihre Schuhe, die Autoschlüssel und ihr Portemonnaie auf dem Sitz. Die Ermittlungen liefen ins Leere, Emma und Cass blieben vermisst.

Nur die forensische FBI-Psychologin Dr. Abby Winter hatte schnell eine Theorie zu diesem ungewöhnlichen Fall, eine Theorie, die nur zu schmerzlich mit ihrer eigenen Kindheit und Jugend in Verbindung steht. Aber niemand glaubte an ihre Sicht der Dinge.

Jetzt erzählt Cassandra, was Emma und ihr widerfahren ist. Je mehr sie preisgibt, desto klarer erkennt Abby, dass etwas an Cass‘ Geschichte nicht stimmen kann. Und dass sie selbst die ganze Zeit über recht hatte: Cassandra und Emma sind in keiner „normalen“ Familie groß geworden. Ihr Leben schien nach außen unbeschwert, war aber im Inneren eine psychische Hölle. Perfekte Täuschung, unbarmherzige Manipulation.

Die Dämonen der Kindheit lauern noch immer im Elternhaus der Tanner-Schwestern. Abby wird diese Dämonen ans Licht zerren müssen, um eines zu verstehen: Warum ist Cass zurückgekehrt? Und wo werden sie Emma finden? (Klappentext: FISCHER Scherz)

Wendy Walker: Kalte Seele, dunkles Herz
Verlag: FISCHER Scherz
Ersterscheinungstermin: 07. September 2017
Klappenbroschur – 384 Seiten – 14,99 €
ISBN: 978-3-651-02557-8


Elizabeth Day - Die PartyMartin Gilmour ist ein Einzelgänger. Aufgewachsen in trostlosen Verhältnissen, seinen Vater hat er nie kennengelernt. Seine Mutter hasst er bis zum heutigen Tag und meidet den Kontakt mit ihr, wo es nur geht. Es gibt nur einen Menschen, der ihm wirklich etwas bedeutet: Ben. »Mein bester Freund Ben«, sagt Martin. Wenn er es sich auch nicht eingesteht, so dreht sich in seinem Leben doch alles darum, Ben zu gefallen und ähnlich zu sein. Ben ist das genaue Gegenteil von Martin: attraktiv, beliebt, reich. Durch seinen Freund lernt er eine andere Welt kennen: die Welt der Oberschicht, der Privilegierten. Martin genießt es, dazuzugehören. Und so tut er alles für Ben – wirklich alles. Nach Jahren des Selbstbetrugs hat auch Lucy das begriffen. Ihr Ehemann Martin mag sie und braucht sie, aber Liebe? Liebe empfindet er nur für den Freund. Längst hat Martin, in scheinbarer Selbstlosigkeit, dafür gesorgt, dass dieser sich nie von ihm lösen kann. »Bens kleiner Schatten«, nennt ihn Bens Ehefrau Serena. Doch grenzenlose Hingabe kann lästig werden – so wie eine gemeinsame dunkle Vergangenheit. (Klappentext: DuMont Buchverlag)

Elizabeth Day: Die Party
Verlag: DuMont
Ersterscheinungstermin: 19. September 2017
Hardcover – 400 Seiten – 20,00 €
ISBN: 978-3-8321-9867-1


Sarah J. Naughton - Ich soll nicht lügenEs wäre so einfach, alles zu glauben. Doch sie kann es nicht.

Zwei Frauen umkreisen einander in einem Netz aus Lügen. Wer ist Täter, wer ist Opfer? »Er war die Liebe meines Lebens.« »Warum wusste ich nicht, dass mein Bruder verlobt ist?« »Er war depressiv und wollte sich umbringen.« »Mein Bruder hatte keine Depressionen.« »Er ist einfach gesprungen.« »Und wenn ihn jemand gestoßen hat?« »Ich bin die Liebe seines Lebens.« »Bist du seine Mörderin?«

Mags‘ Bruder Abe liegt im Koma. Er ist von einer Treppe zwölf Meter in die Tiefe gestürzt. Die Polizei glaubt seiner Verlobten Jody, dass es ein Selbstmordversuch war. Mags glaubt ihr nicht. Sie ist sicher, dass Jody lügt. Aber warum? Psychologisch raffinierte Spannung für die Fans von „Girl on the Train“ und „Die Witwe“. (Klappentext: Ullstein Buchverlage)

Sarah J. Naughton: Ich soll nicht lügen
Verlag: Ullstein
Ersterscheinungstermin: 08. September 2017
Klappenbroschur – 384 Seiten – 12,99 €
ISBN: 978-3-5482-8918-2


Das Maedchen im Eis von Robert BryndzaEin bitterkalter Wintertag hüllt London in Schnee und Schweigen. Das Klingeln eines Handys durchbricht die gespenstische Stille eines zugefrorenen Sees. Doch niemand antwortet. Nur wenige Zentimeter daneben ragen Finger aus dem Eis …

Acht Monate sind vergangen seit Detective Erika Fosters letztem Einsatz, der in einer Katastrophe endete und ihrem Mann das Leben kostete. Doch es ist an der Zeit, nach vorn zu blicken. Die Tochter einer der mächtigsten Familien Londons wurde ermordet, und Erika setzt alles daran, den Schuldigen zu finden. Während sie noch gegen die Dämonen der Vergangenheit kämpft, rückt sie ins Visier eines gnadenlosen Killers. (Klappentext: Penguin)

Robert Bryndza: Das Mädchen im Eis
Verlag: Penguin
Ersterscheinungstermin: 11. September 2017
Taschenbuch – 432 Seiten – 10,00 €
ISBN: 978-3-328-10097-3

 

Buchrezension: Anna George – Was ich getan habe

Anna George - Was ich getan habeInhalt:

Mein Name ist David James Forrester. Ich bin Anwalt. Heute Abend um 18 Uhr 10 habe ich meine Frau getötet. Dies ist meine Aussage.

Der erfolgreiche Anwalt David Forrester hat gerade seine Frau Elle getötet. Sie liegt tot in der Waschküche ihres gemeinsamen Hauses. Mit dem Diktiergerät in der Hand irrt David nun verzweifelt durch Melbourne, nimmt seine Aussage auf und überlegt sich eine Verteidigungsstrategie. Dabei lässt er die vergangenen zwei Jahre noch einmal Revue passieren. Er konnte sein Glück kaum fassen, als er Elle damals kennenlernte und nach seiner gescheiterten Ehe mit zweiundvierzig Jahren noch einmal eine neue Liebe fand. Ihre Beziehung war leidenschaftlich, geradezu obsessiv, und David war hingerissen von der Schönheit, Intelligenz und Stärke seiner Frau. Er hatte sie geliebt, also wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Meine persönliche Meinung:

Ich weiß nicht, wie viele Bücher inzwischen mit einem Verweis auf Gone Girl von Gillian Flynn beworben werden, um die Verkaufszahlen anzukurbeln – Anna Georges Debüt Was ich getan habe ist jedenfalls wieder einmal eines davon. Es war allerdings nicht dieser Hinweis, sondern eher der Klappentext, der mich auf diesen Thriller neugierig machte, denn obwohl mir Gone Girl ganz gut gefallen hat, fand ich den Roman nicht so herausragend, dass ich nun zwingend nach einer vergleichbaren Lektüre Ausschau halten müsste. Trotzdem schürt ein solcher Vergleich mit einem bekannten Bestseller natürlich eine gewisse Erwartungshaltung, der das Buch dann auch gerecht werden sollte. Sieht man davon ab, dass auch Gone Girl in weiten Teilen eher ein Ehedrama als ein Thriller ist, konnte ich allerdings keinerlei Gemeinsamkeiten feststellen. Immerhin konnte Gone Girl ja mit ein paar Thriller-Elementen, präzise ausgearbeiteten Charakteren und vor allem einem fulminanten Plottwist aufwarten, aber all das hat Anna Georges Debüt nun leider gefehlt. Warum Was ich getan habe überhaupt als Thriller bezeichnet wird, ist mir vollkommen schleierhaft, denn ich konnte nicht einmal im Ansatz irgendwelche Thriller-Elemente feststellen und auch an Spannung mangelt es diesem Buch leider gewaltig.
Es ist natürlich nicht ganz einfach, einen Spannungsbogen aufzubauen, wenn schon im ersten Satz enthüllt wird, wer der Mörder ist. Zahlreiche Thriller und Kriminalromane, in denen der Täter von Anfang an bekannt ist, beweisen allerdings, dass dies trotzdem gelingen kann, denn viel spannender und interessanter als die Identität des Mörders ist häufig eben sein Motiv und die Frage, was ihn überhaupt zum Mörder werden ließ. Gerade das hätte mich auch in diesem Thriller besonders interessiert, zumal betont wird, dass David Forrester seine Frau geliebt hat. Trotzdem hat er sie getötet, sodass die Frage nach dem Warum der eigentliche Kern der Erzählung ist.
Die Geschichte wird abwechselnd aus drei Perspektiven erzählt. Zum einen begleitet man David, der nach dem Mord an seiner Frau durch Melbourne irrt und dabei seine Aussage auf ein Diktiergerät spricht; zum anderen kommt aber auch seine Frau Elle zu Wort, die quasi aus ihrem Körper herausgetreten ist, nun in der Waschküche ihres Hauses auf ihren leblosen Körper und ihre verrenkten Gliedmaßen herabblickt und sich dabei ebenfalls an die Geschehnisse der vergangenen zwei Jahre erinnert. Das ist leider nur sehr schwer nachvollziehbar, aber dennoch liefert Elles Perspektive sehr erschütternde Einblicke in ihre Beziehung zu David und die tatsächliche Beschaffenheit ihrer Ehe. Aber auch Elles beste Freundin Mira kommt zu Wort, denn sie versucht verzweifelt, Elle zu erreichen, macht sich große Sorgen um sie und ahnt, dass David ihr etwas angetan hat, denn Mira hat dem Mann ihrer Freundin noch nie getraut.
Der Aufbau der Erzählung, der geschickte Perspektivwechsel und auch der etwas außergewöhnliche Schreibstil der Autorin haben mir ausgesprochen gut gefallen, aber leider ist es Anna George nicht gelungen, Spannung aufzubauen und ihren Protagonisten Tiefe zu verleihen. Vor allem das Verhalten von Elle war für mich leider absolut nicht nachvollziehbar. Dies lag nicht nur an ihrer etwas unrealistischen Perspektive außerhalb ihres Körpers, sondern vor allem auch daran, dass mir vollkommen schleierhaft war, was sie an David liebte und auf welcher Basis diese Ehe überhaupt geschlossen wurde. Ich konnte nicht ansatzweise etwas erkennen, was ich unter den Begriff Liebe fassen würde. Mir ist durchaus klar, dass sich manche Frauen auch zu Männern hingezogen fühlen können, die sie schlecht behandeln, aber selbst das wurde nicht deutlich genug herausgearbeitet. Auch die sexuelle Komponente dieser Beziehung, die zumindest zu Beginn noch klar im Vordergrund steht und in einer Detailliertheit geschildert wird, die ich eher abstoßend als erotisch fand, verpuffte rasend schnell wieder, sodass auch eine wie auch immer geartete Hörigkeit, Obsession oder besonders erotische Leidenschaft für mich nicht ersichtlich war. Obwohl Elles Schicksal wirklich erschütternd ist, gelang es mir nicht, mit ihr mitzufühlen oder mich in sie einzudenken, weil sie mir einfach fremd blieb.
Aber auch David war leider nicht besonders vielschichtig gezeichnet, was sehr bedauerlich ist, denn eigentlich ist der Täter die interessanteste Figur in einem Thriller. Auch wenn man seine Tat nicht gutheißen kann, möchte man seine Motivation verstehen, will wissen, warum er zum Mörder geworden ist, denn obwohl dies nichts entschuldigt, erhofft man sich doch wenigstens eine Erklärung. Es kommt in Thrillern ja sehr häufig vor, dass sich ein vermeintlicher Traumprinz plötzlich als gefährlicher Psychopath entpuppt oder man den Mörder, den man eigentlich verabscheuen müsste, auf geradezu erschreckende Weise sogar verstehen kann. Solche verstörenden Momente machen letztendlich den Reiz eines psychologisch ausgefeilten Thrillers aus und sorgen für die nötige Spannung. Was ich getan habe wäre durchaus so angelegt und die Geschichte hätte auch das Potenzial für solche Schockmomente, scheitert letztendlich aber an ihren eindimensionalen und flachen Figuren, denn nicht nur Elle, sondern auch David sind einfach nicht komplex und präzise genug ausgearbeitet, um ihre Gefühle, Gedanken und Handlungsmotive nachvollziehen zu können. Nach den ersten Kapiteln stellte ich mir jedenfalls nicht mehr die Frage, warum David seine Frau getötet hat und diese Beziehung so fatal enden musste, sondern nur noch warum sie überhaupt eingegangen wurde. Hierfür liefert die Erzählung allerdings keine Erklärung, weder aus Davids noch aus Elles Perspektive.
Die einzige Protagonistin, deren Sichtweise mir einleuchtete, war die von Mira, Elles bester Freundin, denn sie ist die Einzige, die einen klaren Blick auf die Dinge hat.
Der Plot war so vorhersehbar, dass einfach keine Spannung aufkommen wollte, Überraschungsmomente blieben weitgehend aus und auch auf einen Plottwist wartete ich vergeblich. Sieht man von einer einzigen Wendung am Ende der Geschichte ab, die allerdings wenig überraschend war, aber immerhin eine logische Erklärung für so manche Ungereimtheit lieferte, hatte Was ich getan habe leider überhaupt nichts mit einem Thriller gemeinsam. Darüber könnte man hinwegsehen, wenn dieses Ehedrama wenigstens etwas tiefgründig und einfühlsam erzählt worden wäre, aber den Protagonisten fehlte es leider an der notwendigen psychologischen Tiefe, und so war mir leider nicht ersichtlich, welche Motivation hinter ihren Handlungen und Emotionen steckt. Das ist wirklich bedauerlich, denn die Geschichte hätte durchaus Potenzial und der Schreibstil der Autorin wirkte ansonsten sehr ausgereift und ließ sich ausgesprochen angenehm lesen. Trotzdem war ihr Debüt für mich leider eine ziemliche Enttäuschung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den btb Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Anna George: Was ich getan habe
Aus dem Englischen von Henriette Zeltner
Verlag: btb
Ersterscheinungsdatum: 10. Juli 2017
320 Seiten
ISBN 978-3-442-71512-1

Cover: btb Verlag

Buchrezension: Lena Andersson – Unvollkommene Verbindlichkeiten

Lena Andersson - Unvollkommene VerbindlichkeitenInhalt:

Menschen fürchteten die Liebe, hatte sie bei den großen Dichtern gelesen, da sie den Samen zum höchsten Glück in sich trage, aber auch zum größten Schmerz.

Die erfolgreiche Schriftstellerin und Essayistin Ester Nilsson kennt die Qualen der Liebe, denn sie hatte bislang nur wenig Glück mit den Männern. Vor fünf Jahren hatte sie sich Hals über Kopf in den narzisstischen Künstler Hugo Rask verliebt, der ihre völlige Hingabe schamlos ausnutzte, sie aber stets im Ungewissen ließ und schließlich erbarmungslos von sich stieß, als sie ihm zunehmend lästig wurde. Ester wäre an dieser Liebe fast zerbrochen und hat sich fest vorgenommen, nie wieder in eine solche emotionale Abhängigkeit zu geraten.
Doch als sie nun bei der Leseprobe ihres Theaterstücks den Schauspieler Olof Sten kennenlernt, wirft sie alle guten Vorsätze über Bord, verliebt sich erneut und ist diesem Mann schnell hoffnungslos verfallen. Allerdings ist Olof verheiratet und macht ihr unmissverständlich klar, dass er seine Ehefrau niemals verlassen würde. Er spricht also Klartext, aber seine Worte und seine Taten widersprechen sich, denn er trifft sich trotzdem regelmäßig mit Ester und geht auch eine Beziehung mit ihr ein, behauptet allerdings, es sei keine. Verzweifelt klammert sich Ester an jeden Strohhalm, der sie hoffen lässt, dass Olof sich eines Tages doch zu ihr bekennt, denn sie ist sicher, dass sie füreinander geschaffen sind und er nur noch etwas Zeit braucht, um sich endgültig von seiner Frau zu trennen. Olof zerstört ihre Illusionen immer wieder, demütigt und verletzt sie, lässt sie aber auch nicht gehen. Sobald Ester im Begriff ist, sich von ihm zu lösen, ergreift er die Initiative und gibt ihrer Hoffnung wieder neue Nahrung. Und so befindet sie sich erneut in einer endlosen Spirale aus Hoffnung und Verzweiflung, aus der es kein Entkommen zu geben scheint.

Meine persönliche Meinung:

Im vergangenen Jahr habe ich Widerrechtliche Inbesitznahme von Lena Andersson gelesen und war vollkommen überwältigt (hier geht es zu meiner Rezension → klick). Auch nach der Lektüre hat mich dieser kluge philosophische Roman über das Unglück der Liebe noch lange beschäftigt und auch sehr nachdenklich und traurig gestimmt, denn es ist mitunter schmerzhaft, wenn eine Autorin einem den Spiegel vorhält und man sich in einer Romanfigur wie Ester Nilsson wiederzuerkennen glaubt, die gegen alle Regeln des gesunden Menschenverstandes verstößt und die man, wäre sie eine gute Freundin, am liebsten schütteln und zur Vernunft bringen würde. Gleichzeitig hat es aber auch etwas Tröstliches, sich in einem Roman wiederzufinden und kann durchaus dabei helfen, sich selbst ein bisschen besser zu verstehen, zumindest dann, wenn man schon einmal in einer ähnlichen Situation war wie Ester Nilsson. Ich konnte es jedenfalls kaum erwarten, zu erfahren, wie es Ester inzwischen ergangen ist und freute mich darauf, ihr in Lena Anderssons neustem Werk Unvollkommene Verbindlichkeiten nun wieder zu begegnen. Obwohl häufig auf Widerrechtliche Inbesitznahme Bezug genommen wird, muss man den Vorgänger im Vorfeld nicht gelesen haben, um der Handlung folgen zu können, aber man sollte diesen wunderbaren, klugen und poetischen Roman gelesen haben, weil er einfach brillant ist und auch, weil man die Protagonistin dann vielleicht ein bisschen besser verstehen kann.
In Widerrechtliche Inbesitznahme hatte sich Ester Nilsson in den narzisstischen Künstler Hugo Rask verliebt, war diesem Mann hoffnungslos verfallen, gab sich zwar stets selbstbewusst und souverän, hatte ihre Autonomie allerdings längst eingebüßt und lebte nur noch für ihn und die Momente, die sie mit ihm verbringen konnte. Hugo genoss ihre Bewunderung, war allerdings nicht in der Lage so viel Intimität und Nähe zuzulassen oder überhaupt über Gefühle zu reden. Trotzdem nutzte er ihre Liebe schamlos aus, versprach ihr zwar nie etwas, verstand es allerdings geschickt, Esters Hoffnung immer wieder neue Nahrung zu geben, indem er ihr gerade so viel Aufmerksamkeit schenkte, wie notwendig war, um ihre bedingungslose Liebe am Leben zu erhalten. Er ließ sie stets im Ungewissen und stieß sie, als sie zunehmend fordernder wurde, erbarmungslos und ohne ein Wort der Erklärung von sich. Obwohl sie an dieser Liebe fast zerbrochen wäre und sich geschworen hatte, nie wieder in eine solche emotionale Abhängigkeit zu geraten, verliebt sie sich nun, fünf Jahre später, erneut – diesmal in Olof Sten, einen verheirateten Mann, der ihr unverblümt klarmacht, dass er sich niemals von seiner Frau trennen wird. Nach ihrer schmerzhaften Erfahrung mit Hugo Rask hätte ich ihr natürlich gewünscht, dass sie nun endlich ihr Glück findet und einem Mann begegnet, der ihre Liebe erwidert. Allerdings ahnte ich schon, dass sie wieder auf einen Mann treffen würde, der sich nicht festlegen will, und sie sich erneut Hoffnungen hingibt, die sich niemals erfüllen werden.
Aber was bringt eine gebildete Frau Ende dreißig dazu, sich schon wieder so zu verrennen? Es ist mitunter kaum zu ertragen, mitanzusehen, wie sie sich von Olof demütigen und verletzen lässt, sich immer wieder erniedrigt und trotzdem nicht loslassen kann. Wieder verliert sie sich selbst vollkommen aus den Augen und richtet ihr ganzes Leben so ein, dass sie Olof immer, wenn es seine begrenzte Zeit zulässt, zur Verfügung stehen kann.

Es war etwas daran, wie er sprach und sie ansah, das sie dazu brachte, alles für ihn tun zu wollen, in dem Glauben, für ihn etwas Besonderes zu sein.

Esters Absolutheitsanspruch an die Liebe ist ungebrochen und verleitet sie eben auch dazu, wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Und wieder ist es diese trügerische und alles verzehrende Hoffnung, die sie erneut in eine emotionale Abhängigkeit zu einem Mann geraten lässt, der sich nicht eindeutig verhält, sie zwar nicht will, aber eben auch nicht gehen lässt.
Man könnte sich also fragen, ob sie aus ihrer Erfahrung mit Hugo Rask nichts gelernt hat. Vermutlich kann man Ester nur verstehen, wenn man schon einmal in einer ähnlichen Situation war. Dass Liebe nicht erwidert wird, ist wahrscheinlich jedem schon einmal passiert. Wenn Liebe ins Leere fällt, ist das zwar schmerzhaft, kann man aber niemandem verübeln, denn Liebe kann nicht erzwungen werden. Niemand hat ein Recht darauf, geliebt zu werden, das weiß auch Ester Nilsson, aber jeder hat ein Recht auf Klarheit, denn nichts ist quälender als Ungewissheit und Hoffnung, die sich niemals erfüllen wird.

Gierig nutzte er seine Liebesüberlegenheit und bot ihr als Antwort Unklarheit.

Man kann Ester kaum vorwerfen, dass sie sich wieder Hals über Kopf verliebt, zumal wir uns nicht immer aussuchen, wen wir lieben, denn sich zu verlieben ist keine Entscheidung, die man bewusst trifft. Es soll ja sehr reflektierte Kopfmenschen geben, die auch bei der Partnerwahl sehr systematisch und überlegt vorgehen und sich dabei nur von ihrem Verstand leiten lassen, aber in aller Regel ist Liebe eben ein Gefühl, das sich rational nicht erklären lässt und dem mit Vernunft auch kaum beizukommen ist. Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass der Freundinnenchor, der Ester bereits in Widerrechtliche Inbesitznahme unablässig zur Vernunft mahnte, auch jetzt nicht zu ihr durchdringen kann. Doch während der Freundinnenchor damals noch anonym war, haben die Freundinnen nun Namen bekommen, was allerdings nichts daran ändert, dass ihre gutgemeinten Ratschläge ungehört verhallen.

Nimm die Menschen beim Wort, das ist das Praktischste und Einfachste. Nicht deuten, sondern davon ausgehen, dass sie meinen, was sie sagen.

Nun, hätte sich Ester diesen Rat ihrer Freundin Lotta zu Herzen genommen, wäre ihr viel erspart geblieben, denn man muss Olof immerhin zugutehalten, dass er – im Gegensatz zu Hugo Rask – von Anfang an Klartext spricht und ihr deutlich sagt, dass er seine Ehefrau niemals verlassen wird. Trotzdem lässt er sich auf eine Beziehung mit ihr ein, die er zwar „Freundschaft“ nennt, aber weit über ein freundschaftliches Verhältnis hinausgeht. Da sich Esters unbedingter Absolutheitsanspruch an die Liebe aber niemals mit einer Rolle als Geliebte in Einklang bringen lässt, ist es nur logisch ist, dass sie wieder unglücklich sein wird.
Olofs klare Worte stehen im Widerspruch zu seinem Verhalten, womit er Ester immer wieder Anlass zur Hoffnung gibt. Und Ester ist eben auch eine Meisterin der Selbsttäuschung, will nicht wahrhaben, dass er sich niemals von seiner Frau trennen wird und neigt dazu, sich verzweifelt an jedem kleinen Strohhalm festzuhalten. Sie seziert und analysiert jedes Wort und jede SMS von Olof und kommt dabei immer wieder zu der Überzeugung, dass sich seine Ehe in der Auflösung befindet und er nur noch etwas Zeit braucht, um seine Ehefrau endgültig zu verlassen.

Alle Daten, die einliefen, wurden angewandt, um die Theorie zu bestätigen, dass er Ester Nilsson auf die gleiche Weise liebte wie sie ihn und dass nur äußere und innere Hindernisse ihn zurückhielten. Hindernisse, die die Zeit und Esters guter Einfluss bezwingen würden.

Ester ist zweifellos in mehrfacher Hinsicht eine „Wiederholungstäterin“, aber dennoch kann man nicht behaupten, dass sie aus ihrer Beziehung zu Hugo Rask nichts gelernt hat. Damals gab sie sich zunächst noch souverän und selbstbewusst, wollte Hugo nicht unter Druck setzen und niemals fordernd erscheinen. Bei Olof will sie diesen Fehler nicht noch einmal machen, sondern von Anfang an deutlich sein und sagt ihm deshalb auch sofort, dass sie ihr Leben mit ihm teilen will. Durch ihre bisherigen Erfahrungen hat sie inzwischen offenbar auch einen Teil ihrer Leidensfähigkeit eingebüßt, denn während sie bei Hugo Rask noch dachte, das Leiden an der Liebe sei eine noble Sache und sie müsse nur genug leiden, um sich seine Liebe zu verdienen, kommt sie bei Olof nun doch häufig zu der Überzeugung, dass sie sich ihr Leben nicht von ihm stehlen und sich auch nicht länger demütigen lassen will. Und so fasst sie überraschenderweise tatsächlich wiederholt den Entschluss, sich von ihm abzuwenden.
Doch sobald sie im Begriff ist, sich von ihm zu lösen, ergreift er die Initiative und nimmt wieder Kontakt zu ihr auf, denn:

Wie so viele andere konnte er es nicht ertragen, das zu verlieren, was er gar nicht haben wollte.

Obwohl er sich nicht auf sie festlegen möchte, ist er nicht bereit, sie gehen zu lassen. Und obwohl sie wiederholt versucht, sich aus seinen Fängen zu befreien, hat sie nicht die Kraft, ihm zu widerstehen, wenn er wieder vor ihr steht oder sich bei ihr meldet.

Er wurde interessiert, wenn sie resignierte. Sie resignierte, wenn er uninteressiert war. Dann trat er einen Schritt näher, was sie dann auch tat, worauf er sie wegschob, worauf sie kühl und abweisend wurde, und das schärfte seine Aufmerksamkeit. Ein Kreislauf, dem man nicht entkam.

Letztendlich befindet sich Ester mit Olof in einer jahrelangen On-Off-Beziehung, durchlebt ein dauerndes Wechselbad der Gefühle und schwankt ständig zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Glück und Leid, Intimität und Distanz, völliger Hingabe, aber auch Wut auf den Mann, der ihr das alles zumutet. Der Leser durchlebt und durchleidet all diese Hoch und Tiefs an ihrer Seite mit, ahnt, dass es keine Erlösung geben wird, sondern wünscht sich einfach nur, dass es ihr gelingt, endlich aus ihrer passiven Rolle herauszutreten und sich aus dieser zerstörerischen Liebe zu befreien. Am Ende hat mich Ester aber doch sehr überrascht, denn sie holt zu einem Befreiungsschlag aus, den ich ihr niemals zugetraut hätte.

Zweifellos ist Lena Andersson mit Unvollkommene Verbindlichkeiten wieder ein Meisterwerk gelungen, das seinem Vorgänger literarisch in nichts nachsteht. In einer sehr schlichten, lakonischen aber gleichzeitig auch sehr poetischen Sprache erzählt die Autorin eine äußerst desillusionierende Liebesgeschichte. Schonungslos und vollkommen ohne Kitsch, Sentimentalität, Romantik oder Pathos dokumentiert sie die Gefühlwelt einer Frau, die sich zum wiederholten Male in einen Mann verliebt, der ihre Liebe nicht erwidert, aber die ihm entgegengebrachten Gefühle ausnutzt und sich nicht eindeutig verhält. Trotz des mitunter ironischen Untertons und einer gewissen Süffisanz ist dies manchmal nur sehr schwer zu ertragen, aber trotzdem grandios, denn kaum ein Schriftsteller vermag es, die Liebe so gekonnt und intelligent ihres Zaubers zu berauben und romantische Liebeskonzepte so analytisch zu zerpflücken wie Lena Andersson. Das hat mich bereits bei Widerrechtliche Inbesitznahme beeindruckt und zeigt sich nun auch wieder in Anderssons neustem Werk.
Wer den Vorgänger gelesen hat, könnte von Unvollkommene Verbindlichkeiten allerdings ein wenig enttäuscht sein, denn sieht man von dem verblüffenden Ende ab, hat dieser Roman leider wenig Neues oder Überraschendes zu bieten. Ich würde die Erzählung zwar nicht gerade als Wiederholung, aber in weiten Teilen eben nur als Abwandlung dessen bezeichnen, was der Leser bereits aus Widerrechtliche Inbesitznahme kennt. Der überragenden Qualität dieses Romans tut dies jedoch keinen Abbruch. Ein grandioses Meisterwerk!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Luchterhand Literaturverlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Lena Andersson: Unvollkommene Verbindlichkeiten
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Ersterscheinungsdatum: 10. April 2017
384 Seiten
ISBN 978-3-630-87524-8

Cover: Luchterhand Literaturverlag

Mein Monatsrückblick Juli 2017

Gelesen und gesehen:

In den letzten Wochen habe ich das Lesen und auch meinen Blog ein bisschen vernachlässigt. Ich bin ohnehin kein besonders großer Fan des Sommers, aber der Juli war mir definitiv zu heiß. Dass die Tage im Sommer länger sind, finde ich großartig, aber Temperaturen über 25 Grad kann ich leider gar nichts abgewinnen. Wenn es so heiß ist wie in den vergangenen Wochen, kann ich mich auf nichts konzentrieren, habe zu nichts Lust, fühle mich wie gelähmt und habe zu allem Überfluss dann auch noch schlechte Laune – denkbar schlechte Voraussetzungen fürs Lesen und Bloggen.

Meistens bin ich erst abends aus meiner Lethargie erwacht und habe dann noch ein bisschen gelesen. Allerdings nie besonders lange, denn ich musste ja auch noch unbedingt Game of Thrones schauen. Mitte Juli startete ja endlich die heiß ersehnte siebte Staffel dieser grandiosen Serie, aber ich wollte mein Gedächtnis ein wenig auffrischen und alle bisherigen Staffeln nochmal anschauen. Das waren immerhin stolze 53 Stunden, die ich im vergangenen Monat in Westeros und Essos verbracht habe, und ich habe wieder jede Minute genossen. Obwohl ich erst vor einem Jahr alle sechs Staffeln gesehen habe, habe ich mich nicht eine Sekunde gelangweilt, denn die Story ist so komplex und man entdeckt noch so viele Kleinigkeiten, auf die man beim ersten Mal nicht geachtet hat, stößt auf so viele Anspielungen, die erst im Nachhinein betrachtet von Bedeutung sind, dass man die Serie getrost mehrfach anschauen kann und sogar sollte. Ich liebe diese Welt, die George R. R. Martin da geschaffen hat, und obwohl ich natürlich gespannt bin, wie alles endet, würde ich mir wünschen, es wäre nie zu Ende!

Trotzdem habe ich es geschafft, im vergangenen Monat immerhin vier Bücher zu lesen. Das waren insgesamt 1552 Seiten, also durchschnittlich ca. 50 Seiten pro Tag.

Für Into the Water von Paula Hawkins, das erste Buch, mit dem ich in den Juli gestartet bin, habe ich ziemlich lange gebraucht, denn der Einstieg in die Geschichte ist leider ziemlich zäh und langweilig. Man braucht sehr viel Geduld für diesen Roman, aber das Durchhalten lohnt sich auf jeden Fall, denn wenn man die anfängliche Durststrecke überwunden hat, wird man mit einer sehr tiefgründigen, komplexen und grandios konstruierten Geschichte belohnt, die auf jeden Fall lesenswert ist. (Hier geht es zu meiner ausführlichen Rezension → klick)
Danach habe ich mich einem Krimi zugewandt, der seit Jahren ungelesen in meinem Regal schlummerte. Aber besser spät als nie! Ich bin jedenfalls froh, dass ich OstfriesenKiller von Klaus-Peter Wolf nun endlich gelesen habe, denn dieser Krimi hat mich sehr gut und spannend unterhalten, und ich werde die Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen auf jeden Fall auch weiterhin bei ihren Ermittlungen begleiten. (Hier geht es zu meiner ausführlichen Rezension → klick)
Mein absolutes Lesehighlight im Juli war allerdings Heimweh von Marc Raabe, ein hochspannender, gut durchdachter Thriller, der teilweise auch sehr berührend war und Raabes fulminantem Debüt Schnitt in nichts nachsteht.
Etwas enttäuscht war ich hingegen von Was ich getan habe von Anna George. Der Schreibstil hat mir zwar sehr gut gefallen, aber warum das Buch als Thriller bezeichnet wird, ist mir vollkommen schleierhaft. Es ist vielmehr ein Ehedrama um häusliche Gewalt, aber bedauerlicherweise sehr langatmig. (Hier geht es zu meiner ausführlichen Rezension → klick)

© Claudia Bett