Ein Blick zurück – Meine Gedanken zum Jahr 2016

Zunächst einmal möchte ich es nicht versäumen, Euch allen ein frohes, gesundes und in jeder Hinsicht erquickliches neues Jahr zu wünschen!

kleeDas Jahr 2016 liegt nun hinter uns, und ich habe mich gerne von ihm verabschiedet, denn es war kein sehr gutes Jahr – weder für die Welt noch für mich persönlich.
Jedes Jahr hat seine Hoch- und Tiefpunkte, Tage des Glücks, solche, an denen man zumindest zufrieden sein kann, aber auch Tage voller Trauer, Wut und Verzweiflung. Immer nur glücklich zu sein, ist – so seltsam das auch klingen mag – kein erstrebenswerter Zustand, denn um überhaupt Glück empfinden zu können, brauchen wir das Unglück. Wir wüssten das Glück ja nicht zu schätzen, wenn jede Minute unseres Lebens ganz nach unseren Vorstellungen verliefe und Wohlbefinden der Normalzustand wäre. Wir hätten keine Ziele und Wünsche mehr, keinen Ansporn, tätig zu werden oder etwas zu verändern, wenn unser ganzes Dasein von einem wohligen Gefühl vollkommener Zufriedenheit erfüllt wäre. Wir brauchen Momente, in denen wir traurig, wütend und vielleicht auch verzweifelt sind, um überhaupt zu merken, was es heißt, glücklich zu sein. Und was ist Glück überhaupt? Nicht einmal dafür gibt es eine allgemeingültige Formel. Was den einen glücklich macht, ist für den anderen vielleicht vollkommen bedeutungslos. Für mich ist Glück das Fernbleiben von Schmerz und Leid, wobei selbst das sehr abstrakte Begriffe sind, unter denen sich jeder etwas anderes vorstellt. Ich gehe jedenfalls nicht davon aus, dass ich immer glücklich sein kann, habe mich damit abgefunden, dass das Leben kein Wunschkonzert ist, das immer meinen Vorstellungen entspricht, aber schön wäre es, wenn sich glückliche und leidvolle Momente wenigstens die Waage hielten. Und so ziehe ich am Ende jedes Jahres Bilanz, werfe einen Blick auf die Soll- und Habenseite meines persönlichen Glückskontos und muss dieses Jahr leider feststellen, dass es mitnichten ausgeglichen ist.
Jeden Tag erreichten uns Schreckensmeldungen aus aller Welt, Nachrichten von Krieg, Terror, Gewalt und unsagbarem Leid. In den sozialen Medien treten Hass, Aggressionen und Frustrationen zutage, die mich fassungslos machen. Ich frage mich, ob manche Menschen überhaupt eine Sekunde nachdenken, bevor sie ihre Meinung öffentlich kundtun, und ob das Internet, das jedem die Möglichkeit bietet, seinem Hass, seiner Intoleranz und Unzufriedenheit freien Lauf zu lassen, tatsächlich eine so grandiose Erfindung war. Es macht mir Angst, dass moralische Wertvorstellungen, wie Respekt, Toleranz, Solidarität, Mitgefühl und Empathie offenbar für viele vollkommen bedeutungslos geworden sind. Das zeigt sich nicht nur im Umgang mit Schwachen, Hilfsbedürftigen und Menschen, die vor Krieg und Terror Schutz suchen, sondern auch im täglichen Miteinander auf der Straße, in den Schulen, beim Studium und im Beruf sowie im Umgang mit unseren tierischen Mitgeschöpfen, der von einer unfassbaren Verachtung für das Leben zeugt. Ich habe im vergangenen Jahr manchmal ganz bewusst darauf verzichtet, schon morgens die Zeitung zu lesen oder einen Blick in die sozialen Medien zu werfen, weil ich weiß, dass es Tage gibt, an denen ich das alles nicht ertragen kann. Aber es nützt nichts, wegzuschauen, sich blind zu stellen und nicht sehen zu wollen, was in der Welt passiert, denn dass sie gründlich aus den Fugen zu geraten droht, spürt, sieht und hört man trotzdem jeden Tag.

bruckeAls ich meinen Blog im Dezember 2015 ins Leben gerufen habe, war auch mein Leben gründlich aus den Fugen geraten, auch wenn es im Vergleich zum Leid auf der Welt, noch recht heil geblieben war. Ich brauchte dringend eine Abwechslung, etwas Zerstreuung und wieder Zeit für die schönen Dinge des Lebens. Dass ich diese wieder für mich entdecken durfte, habe ich Büchern, diesem Blog und natürlich meinen Lesern zu verdanken. Ich hatte mich mehr als zwei Jahre mit Dingen beschäftigt, die mich nicht besonders interessierten, Ziele verfolgt, die nicht meine eigenen waren, aber sich trotzdem gut und richtig anfühlten. Sie waren es zwar nicht, aber mein eigenes Ziel hatte ich längst aus den Augen verloren und war zu einer Marionette geworden, die an fremden Fäden hing. Es fiel mir schwer, mir einzugestehen, dass ich nur Mittel zum Zweck war, all die Zeit, Kraft, Liebe und Energie, die ich investiert hatte, umsonst waren und ich nur ein Werkzeug war, das benutzt und weggeschmissen wurde, als es nicht mehr von Nutzen war. All die rührselig vergossenen Tränchen, die schönen Worte und die pathetisch vorgetragenen Versprechungen, denen ich Glauben schenken wollte und die mir vermittelten, dass alles, was ich da mache, zwar nicht meins war, aber immerhin einen Sinn zu machen schien, waren nichts als leere Worthülsen. Ich trauere diesen Dingen nicht nach, aber dennoch fiel ich in ein tiefes, schwarzes Loch, als sie mir genommen wurden, da mir der Sinn abhanden gekommen war und ich mich erst wieder darauf besinnen musste, was ich eigentlich wollte und was von alldem überhaupt noch meinen Zielen entsprach. Ich musste mir eingestehen, dass nichts davon noch etwas mit dem zu tun hatte, was ich urspünglich wollte. Das, wofür ich brannte, was ich erreichen wollte, meine eigenen Interessen und Träume hatte ich in diesen nahezu drei Jahren vollkommen vernachlässigt.
Was mir am meisten fehlte, war die Literatur, das Lesen und das Schreiben, denn dazu hatte ich keine Zeit mehr. Ich habe mehr als zwei Jahre keinen einzigen Roman, keinen Thriller und keinen Krimi gelesen, mir keinen Film angesehen oder eine spannende Serie verfolgt. Als diese Farce ein Ende hatte, habe ich diesen Blog ins Leben gerufen, um mich abzulenken, mich endlich wieder den schönen Dingen des Lebens und Lesens zu widmen und mit Menschen in Kontakt zu treten, die meine Leidenschaft fürs Lesen teilen. Ich bin froh, dass ich mich dazu entschieden habe, denn das Bloggen bereitet mir sehr viel Spaß und ich bin glücklich, meiner Freude am Lesen wieder nachgehen zu können und sie mit anderen zu teilen.
Zu Beginn des Jahres 2016 hatte ich mir vorgenommen, die Trümmerchen, die von mir und meinen Zielen noch geblieben waren, wieder aufzusammeln, die mir verbliebenen Kräfte zu nutzen, um aus ihnen etwas Neues zu basteln und ein paar Fäden, die mir abgeschnitten wurden, wieder zusammenzuknüpfen. Ich wollte mir nur eine kleine Auszeit gönnen, wieder zu Kräften und zur Ruhe kommen, den Schmerz, die Enttäuschungen und Demütigungen, die mir zugefügt wurden, hinter mir lassen und wieder durchstarten. Um es kurz zu machen – ich habe es nicht geschafft. Ich musste einsehen, dass es keinen Sinn mehr macht, ein Ziel zu verfolgen, das ich schon mehr als zwei Jahre zuvor aufgegeben hatte und ohnehin längst den Anschluss verpasst hatte. Ich hatte keine Kraft mehr und wollte nur noch weg von all dem, was mir wehgetan hatte, weg aus diesem Umfeld und weg von schmerzhaften Erinnerungen. Ich habe aufgegeben, obwohl ich keinen Plan B hatte. Ich kehrte die Trümmerchen zusammen, warf sie weg und bin geflüchtet. Bis April des vergangenen Jahres war ich damit beschäftigt, wieder in meine alte Heimat zurückzukehren, mich in der Wohnung, die ich dort glücklicherweise noch hatte, wieder häuslich einzurichten, den Umzug zu organisieren und alle Brücken vollständig und radikal abzubrechen.
Ich habe mich in meiner Heimatstadt, in der ich zwar geboren wurde, aufgewachsen bin und mehr als 40 Jahre gelebt habe, nie wohlgefühlt. Die Rückkehr in die alte Heimat fiel mir deshalb nicht gerade leicht, denn als ich vor vier Jahren weggezogen bin, war ich voller Tatendrang und sicher, an einem anderen Ort mein Glück zu finden. Ich habe es nicht gefunden und mich inzwischen damit arrangiert, wieder hier zu sein, auch wenn sich das Heimatgefühl noch immer nicht einstellen will. Aber ich muss auch das Gute sehen, denn ich freue mich jeden Tag, dass ich endlich wieder alleine lebe und eine große, lichtdurchflutete Wohnung habe, in der ich mich wohl und sicher fühle, nur noch meinen eigenen Dreck wegwischen und keine lästigen Diskussionen über die Müllentsorgung und den Abwasch führen muss. Ich habe endlich wieder Platz für mich und meine Bücher, und vor allem lässt man mich hier vollkommen in Ruhe. Ich lebe seit meiner Rückkehr sehr zurückgezogen und habe bewusst die Einsamkeit gewählt, um wieder zu mir selbst zu finden, mich nicht mehr irritieren und manipulieren zu lassen und mich vor weiteren Verletzungen zu schützen. Ob es klug ist, soziale Kontakte weitgehend zu vermeiden, weiß ich nicht, manchmal macht es mich traurig, nicht mehr vertrauen zu können und keine Nähe mehr zuzulassen, aber es bewahrt mich vor Enttäuschungen und es tut mir gut, endlich wieder Zeit für mich und die Dinge zu haben, die mir wichtig sind.
Ich verbringe sehr viel Zeit damit, zu schreiben. Ich hatte schon immer den Wunsch, eines Tages ein Buch zu schreiben und es zu veröffentlichen, hatte viele Geschichten im Kopf, die ich zu einem Roman verarbeiten wollte. Ich habe im vergangenen Jahr mehr geschrieben als je zuvor in meinem Leben, aber die Geschichten sind nicht gut, viel zu autobiografisch und persönlich, weil mir meine Phantasie abhandengekommen ist und von der Realität überlagert wurde. Zweifellos haben Facetten meines Lebens Potenzial für eine gute und spannende Geschichte, aber eine reine Autobiografie wird sicher niemand lesen wollen und geht ja auch niemanden etwas an. Aber es hat sehr gut getan, mir alles von der Seele zu schreiben und mir dabei geholfen, manche Etappen meines Lebens zu verarbeiten und auch ein bisschen zu verstehen. Ich bin froh und dankbar, die Zeit und Muße gefunden zu haben, alles niederzuschreiben und habe mir vorgenommen, manche Aspekte aufzugreifen und daraus eine fiktive Geschichte mit einem spannenden Plot zu basteln. Ich bin gespannt, ob ich das hinbekomme, denn hier auf meinem Blog über die Bücher anderer zu meckern, ist keine große Kunst. Es selbst besser zu machen, ist durchaus eine riesige Herausforderung, denn eine gute Geschichte allein, macht noch lange kein gutes Buch, sondern bedarf auch erzählerischem Talent. Ob ich darüber verfüge, weiß ich nicht, aber ich habe mir vorgenommen, es herauszufinden. Immerhin bin ich ja jetzt im Schreibfluss, und seit ich wieder mehr lese, achte ich auch ganz bewusst auf Erzähltechniken, Erzählperspektiven und die Ausarbeitung von Charakteren. Seit ich blogge, lese ich viel bewusster, habe wieder sehr viel Freude am Lesen und schätze den Austausch mit anderen buchbegeisterten Menschen.
dankeDeshalb ist es mir ein großes Anliegen, nun allen Lesern meines Blogs recht herzlich zu danken, denn ohne Euer Feedback würde das Bloggen wenig Spaß machen. Ich danke Euch für all die freundlichen Kommentare, die Emails und Nachrichten, die mich erreichen, die vielen tollen Lesetipps, die ich schon von Euch bekommen habe und auch für jeden „Gefällt-mir“-Klick. Außerdem danke ich allen Verlagen für die freundliche Unterstützung meines Blogs und einer Reihe von Autoren für ihre Rezensionsanfragen, das in mich gesetzte Vertrauen und den netten Kontakt.

Ich sehe dem neuen Jahr durchaus ein wenig hoffnungsvoll entgegen und freue mich auf viele tolle Bücher, spannende Lesestunden und den regen Austausch mit Euch!

Eure Claudia

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Frohe Weihnachten!

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Ich wünsche Euch allen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und viele schöne und spannende Buchgeschenke unterm Weihnachtsbaum. Aber vergesst nicht, dass die wertvollsten und wichtigsten Geschenke von Herzen kommen und nichts kosten. Also schenkt einfach mal ein Lächeln, eine Umarmung oder ein gutes Gespräch, nehmt Euch Zeit für andere, hört ihnen zu und schenkt kleine Momente des Glücks – und das nicht nur an Weihnachten.

 Herzliche Weihnachtsgrüße

Eure Claudia 

Als kleines Schmankerl möchte ich noch meine liebste Weihnachtsgeschichte und einen absoluten Klassiker der Weihnachtsliteratur mit Euch teilen – Erna, der Baum nadelt. Ein botanisches Drama am Heiligabend von dem unvergesslichen Robert Gernhardt. Gelesen von dem ebenso unvergesslichen und wunderbaren Harry Rowohlt, der den hessischen Originaltext ins Hamburgerische übersetzt hat und ein grandioser Vorlesekünstler war, ist diese herrliche Geschichte einfach ein Genuss. Hört sie Euch an – es lohnt sich!

Ein Abend mit Angelo Branduardi

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Angelo Branduardi bei einem Konzert im März 2012 in Trient (Foto: Niccolò Caranti) (1)

Heute soll es auf meinem Blog mal nicht um Bücher, sondern um Musik gehen. Keine Sorge, es wird eine Ausnahme bleiben, aber ich war gestern wieder einmal auf einem Konzert von „meinem“ Barden Angelo Branduardi und muss nun meine Begeisterung einfach teilen. Aber Vorsicht – es wird sehr pathetisch und auch ein wenig emotional! Wer seine Musik liebt und diesen grandiosen Künstler schon live gesehen, gehört und erlebt hat, wird mich sicher verstehen.
Meine erste Schallplatte des italienischen Ausnahmemusikers habe ich Anfang der 1980er-Jahre gekauft, weil mir sein Hit La pulce d’acqua, mit dem ihm auch außerhalb Italiens der Durchbruch gelang, ausgesprochen gut gefallen hat. Europaweite Bekanntheit erlangte er 1986 auch durch seine Komposition der Filmmusik zu Momo, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Michael Ende.
Branduardi spielt seit seinem fünften Lebensjahr Geige, hat in Genua sein Violindiplom erworben und versteht sich noch heute in erster Linie als Geiger und nicht als Sänger. Auf der Bühne überzeugt der Vollblutmusiker jedoch neben seinem virtuosen Geigenspiel vor allem mit seiner unverwechselbaren und warmen Stimme, mitunter aber auch auf der Gitarre, Laute oder Flöte. Seine Liedtexte schreibt er manchmal selbst, die meisten verfasst jedoch seine Ehefrau Luisa Zappa. Ein paar stammen auch aus der Feder seines inzwischen verstorbenen Freundes, dem Komponisten und Autor Giorgio Faletti.
Ich bin nun seit mehr als drei Jahrzehnten ein großer Fan von Angelo Branduardi, denn seine Musik inspiriert mich und spendet mir häufig sehr viel Kraft und Trost. Seine Lieder sind voller Poesie, Melancholie und auch Lebensfreude; seine Musik und das Repertoire, aus dem er schöpft, sind so vielfältig und originell, dass er sich in keine Schublade pressen lässt. So adaptiert er in seinen Liedern nicht nur Gedichte des mittelalterlichen Minnesangs, sondern auch diverse Sagen und Märchen sowie Texte der jüdischen und christlichen Tradition. In seinem Album L’infinitamente piccolo, das auf franziskanischen Quellen basiert, widmet er sich den wichtigsten Lebensstationen des Franz von Assisi und vertonte auch dessen Sonnengesang. Branduardis Musik ist einzigartig, unkonventionell und jenseits musikalischer Modetrends, denn in ihr verschmelzen die unterschiedlichsten musikalischen Einflüsse verschiedener Epochen und Musikrichtungen. Sie beinhaltet Elemente der Musik des Mittelalters und der italienischen Renaissance, der irischen Folklore, des amerikanischen Folks, des französischen Chansons oder auch des modernen Jazz und Pop. Diese Melange von klassischen, sakralen, traditionellen und modernen Elementen macht seinen Stil unverwechselbar und sein musikalisches Programm ungeheuer vielseitig und außergewöhnlich. Er selbst vergleicht seine Musik mit Knoblauch, dessen markanter Geschmack ebenfalls sehr eigentümlich ist und den man entweder liebt oder verabscheut. Angelo Branduardi weiß, dass er polarisiert, aber ihm ist nicht daran gelegen, den Mainstream zu bedienen, sondern ist der Ansicht, wer allen gefiele, sei ohnehin kein wahrer Künstler.
Meine italienischen Sprachkenntnisse sind äußerst rudimentär, reichen allenfalls aus, um in Italien nicht zu verhungern und nach dem Weg zu fragen, aber ich kann alle Lieder Branduardis auswendig mitträllern und habe mir alle Übersetzungen durchgelesen. Viele seiner Hits hat er selbst ins Englische und Französische übersetzt und auch in diesen Sprachen gesungen. Das erleichtert mir zwar das Verständnis, aber der unverwechselbare Klang seiner Lieder kommt nur in seiner Muttersprache richtig zur Geltung. Er ist ohnehin in der Lage, Sprachbarrieren zu überwinden, denn die Botschaft seiner Lieder, die wunderbare Symbiose aus Poesie und Musik wird überall verstanden. Man versteht sie mit dem Herzen – oder man versteht sie eben gar nicht.
Mich begleitet Branduardis Musik nun also schon seit mehr als dreißig Jahren, aber erst 2011 hatte ich das Glück, diesen grandiosen Musiker auch live auf der Bühne erleben zu dürfen. Er ist ein moderner Minnesänger, bezeichnet sich auch selbst als Troubadour, der durch die Welt zieht, um die Menschen mit seiner Musik zu erfreuen, was ihm auch immer wieder gelingt. Es ist eigentlich unmöglich, die richtigen Worte zu finden, um die Emotionen zu beschreiben, die ich bei seinen Konzerten habe. Live-Konzerte sind ja generell ein ganz besonderes Erlebnis, aber bei Angelo Branduardi ist es vollkommen anders als bei jedem anderen Künstler, den ich bislang live gesehen habe. Bei meinem ersten Konzertbesuch war ich so hingerissen, dass ich selbst ein wenig erschrocken bin, denn ich hatte Tränen in den Augen und durchgehend Gänsehaut. Es hat mich im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen. Das passiert mir selten, eigentlich nie, und außerdem bin ich kein Teenager mehr. Aber meine Begeisterung hat auch nichts mit pubertären Schwärmereien zu tun. Abgesehen von seinem virtuosen Geigenspiel und dem unverwechselbaren Klang seiner warmen Stimme, die es vermag, meine Seele zu berühren und mein Herz zu erwärmen, ist es bei seinen Konzerten eben auch seine Ausstrahlung, die mich geradezu verzaubert. Angelo Branduardi hat nichts vom Gehabe eines Stars. Es scheint fast so, als sei es ihm unangenehm, einer zu sein. Bescheiden wirkt er, fast ein wenig demütig und voller aufrichtiger Herzlichkeit und Güte. Auf der Bühne sind seine Augen meistens geschlossen. Er ist eins mit seiner Musik und seiner Geige, ganz bei sich und den Klängen, die tief aus seiner Seele zu kommen scheinen. Das zu erleben ist sehr berührend und auch inspirierend.

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Momentan ist Branduardi in Deutschland auf seiner Greatest Hits Tour und gastierte dieses Mal sogar in meiner Heimatstadt Tuttlingen. Ich hatte das Glück, eine Karte in der ersten Reihe zu ergattern und habe mich seit Monaten auf den gestrigen Abend gefreut. Das klingt jetzt furchtbar pathetisch – ist es auch – aber dieses wunderbare Konzert war für mich wieder voller magischer und emotionaler Momente.
Angelo begrüßte sein Publikum mit der deutschen Übersetzung von Der Geiger von Dooney von William Butler Yeats: „Wie die Wellen auf dem Meer tanzen die Leute, wenn ich auf meiner Geige spiele…“, einem Gedicht, das ihm aus der Seele zu sprechen scheint. Diese Liebe zur Musik, die Wärme und Leidenschaft, die er mit ihr zum Ausdruck bringt, überträgt sich auch auf das Publikum – zumindest auf die, die in der Lage sind, nicht nur mit den Ohren zu hören.
Branduardi ist älter geworden, seine markante Lockenmähne ergraut und sein schelmischer Humor, der mir bei seinem letzten Konzert auffiel, habe ich nun ein wenig vermisst. Bei seinem gestrigen Konzert schien er mir melancholischer, nachdenklicher und etwas gebrechlich, aber als er die Geige in der Hand hielt, spielte und sang, spürte man die Energie, die auf das Publikum übergeht und es verzaubert. Seine einfühlsamen Balladen stimmen nachdenklich, seine temperamentvollen Stücke stecken voller Kraft und Lebensfreude. Und so war ich auch gestern wieder hin- und hergerissen zwischen bewegenden Momenten, in denen mir vor Rührung die Tränen in den Augen standen, wie etwa bei seiner Interpretation des Sonnengesangs des Franz von Assisi, musste mich aber auch beherrschen, ruhig sitzen zu bleiben bei seinen lebendigen und fröhlichen Titeln. Ich fand es fast ein bisschen schade, dass er nur seine größten Hits gespielt hat, denn ich hätte auch gerne ein paar seiner neueren und eher unbekannten Stücke gehört. Aber meine Lieblingslieder Gulliver und Ballo in Fa diesis minore waren dabei, und es gibt ohnehin kein einziges Lied von ihm, das mir nicht gefällt.

Überaus grandios waren wieder einmal die brillanten Musiker, die ihn auf seiner Tour begleiten, allen voran Davide Ragazzoni am Schlagzeug.
Schade nur, dass der Veranstaltungsort den eher nüchternen Charme einer Lagerhalle hat und nicht gerade das passende Ambiente für ein so wunderbares Konzert liefert, aber die Akustik war gut. Ich würde Angelo Branduardi ohnehin überall zuhören und kann das ganze Drumherum ausblenden, sobald die ersten Töne erklingen. Zu gerne hätte ich 2014 ein Konzert seiner Kirchentour besucht, denn es muss großartig sein, ihn in einer Kirche zu hören.
Das Konzert ging gestern viel zu schnell vorüber und ich verließ nach zwei Stunden ganz beseelt den Konzertsaal. Ein kleiner Wermutstropfen wartete dann im Parkhaus des Veranstaltungsorts, denn wenn mehr als 200 Fahrzeuge nahezu gleichzeitig aus einer einzigen Ausfahrt wollen, kommt es logischerweise zum Stau. Ich vermute, dass niemand auf der Flucht war und man am Samstagabend auch nicht zum nächsten Termin hetzen muss, aber selbst wenn, beschleunigt aggressives Hupen das Ganze wohl kaum und trägt auch nicht wesentlich zur guten Stimmung aller Anwesenden bei. Ich hatte noch immer Angelos Stimme und die wunderbaren Klänge seiner Musik im Ohr, die jedoch durch das dröhnende Gehupe (ja, im Parkhaus ist das noch lauter) jäh übertönt wurden, und fragte mich, ob diese Menschen, die da hupen, tatsächlich auch auf diesem Konzert waren und von der fast meditativen Stimmung überhaupt irgendetwas mitgenommen haben. Aber auch das konnte mir den Abend nicht langfristig vermiesen, denn das Konzert war viel zu schön und ließ auf meiner Seele und in meinem Herzen ein warmes Gefühl zurück, das noch lange anhalten wird. Ich bin sehr dankbar für diesen Abend und übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es der schönste seit mehr als einem Jahr war, denn ich wurde diesbezüglich in der letzten Zeit nicht gerade verwöhnt. Ich schöpfe viel Kraft, Trost und Inspiration aus Angelo Branduardis Musik – live noch viel mehr als nur aus dem Kopfhörer.

Mille grazie für diesen wunderbaren Abend und die vielen schönen Momente und Eindrücke, die noch lange nachhallen werden!  ❤

20161105_203731-1Ich habe nur ein paar Fotos gemacht, denn ich kann ein Konzert nicht genießen, wenn ich dabei fotografiere. Und die, die ich gemacht habe, sind, wie man deutlich sieht, natürlich nichts geworden, weil meine Handykamera nicht unbedingt geeignet ist für Konzertfotos.

© Claudia Bett

(1) Titelbild: von Niccolò Caranti (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

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Meditatives Ausmisten – Oder: Darf man Bücher wegschmeißen?

books-1052091_960_720Ich bin gerade damit beschäftigt, in meiner Wohnung etwas Platz zu schaffen und sie ein wenig umzugestalten. Wie bei so vielen bibliophilen Zeitgenossen, sind bei mir nahezu alle Wände in jedem Raum mit überquellenden Bücherregalen bedeckt, was mein Unterfangen zu einer recht kräftezehrenden Angelegenheit werden ließ. Regale mussten ausgeräumt, verrückt und wieder eingeräumt werden. Zwangsläufig nimmt man dabei jedes Buch in die Hand, und obwohl ich sehr viele Bücher besitze, kann ich zu jedem Buch eine kleine Geschichte erzählen, mich daran erinnern, wo, wann und warum ich es gekauft habe, wer es mir geschenkt hat und in welcher Phase meines Lebens ich es gelesen habe. Es gibt Bücher, die mich seit vielen Jahren begleiten, die ich immer wieder zur Hand nehme, sie erneut lese oder einfach nur darin blättere. Sie sind für mich fast so etwas wie Freunde geworden, denn manche Bücher konnten mir Trost spenden und haben mich teilweise so berührt, dass ich mich niemals von ihnen trennen könnte. Ich liebe aber auch Krimis und spannende Thriller, werde vermutlich die wenigsten davon ein zweites Mal lesen, aber wenn sie mir gut gefallen haben, möchte ich sie in meinen Regalen nicht missen. Bücherregale und Wohnungen haben allerdings ihre räumlichen Grenzen und bei jedem Besuch im Buchladen kommen neue Bücher hinzu, sodass meine Wohnung allmählich etwas zu eng wird.
Nun ist aber nicht alles, was zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurde, eine Offenbarung oder etwas, das man unter den Begriff „Kulturgut“ fassen könnte. Viele Bücher finde ich eben einfach nur schlecht, langweilig und nichtssagend, breche sie irgendwann ab und ärgere mich, dass sie so viel wertvollen Stauraum verstopfen. Erst vor ein paar Jahren konnte ich mich überwinden und sah die Notwendigkeit, mich von diesen Buchleichen, die halb- oder ungelesen in meinen Regalen ihr Dasein fristeten, zu trennen. Ein Buch wegzuschmeißen kam für mich aber stets einer Todsünde gleich, sodass ich diese Bücher entweder verschenkte, für einen guten Zweck spendete, in einen öffentlichen Bücherschrank stellte oder sie verkaufte. Ich konnte sie aber nicht einfach wegwerfen, denn nur weil mir etwas nicht gefällt, muss es ja nicht generell schlecht sein und kann vielleicht einen anderen begeistern. Auch wenn Bücher im Grunde nichts anderes sind als ein Stapel Papier mit Buchstaben, weckt das Wegschmeißen und Vernichten von Büchern stets unangenehme Assoziationen und erinnert an nicht sehr ruhmreiche Zeiten in der Geschichte.
Inzwischen betrachte ich das jedoch nüchterner und bin ich etwas gnadenloser geworden, denn es gibt Bücher, die mich einfach nur ärgern und bei denen jede gelesene Zeile nichts anderes als die sinnlose Verschwendung wertvoller und vor allem endlicher Lebenszeit ist. Verbrennen ist ein absolutes Tabu, aber in den letzten Wochen habe ich das Wegwerfen von Büchern geradezu zur Perfektion gebracht. Ganze Regalmeter voller Bücher und damit verbundene Erinnerungen sind erbarmungslos in den Schlunden großer Altpapiercontainer verschwunden. Bücher zu Themen, mit denen ich mich nie mehr beschäftigen werde und Buchgeschenke von Menschen, an die ich nicht mehr erinnert werden möchte, mussten ebenso verschwinden wie Bücher, die mich jahrelang begleitet, mir teilweise sogar viel bedeutet haben, aber in eine Lebensphase gehören, an die ich einfach nicht zurückdenken will. Natürlich hätte ich sie verschenken oder verkaufen können, aber da es sich teilweise um Bücher handelte, die weitaus mehr als nur bedrucktes Papier waren, sondern voller Erinnerungen an Zeiten und Menschen steckten, an die ich nie wieder erinnert werden möchte, reichte es nicht, sie einfach wegzugeben – sie mussten vernichtet werden. Mag sein, dass das infantil ist, aber es war das Entledigen von einer Last und das Ritual, das bedruckte Papier dem Recycling zu übergeben, war ein Akt der Befreiung. Die neu geschaffene Ordnung in meinen Regalen hat auch etwas Ordnung in das in meinem Kopf herrschende Chaos gebracht. Und nun erfreue ich mich an den leeren Regalböden, die mich erwartungsvoll anschauen und neuer Bücher harren. Ich stöbere voller Begeisterung in Verlagsvorschauen, auf Blogs und Literaturforen und freue mich, dass ich momentan viel Zeit zum Lesen habe und gerade nicht lesen muss, sondern darf. Ich fürchte, meine Bücherregale werden nicht allzu lange leer bleiben, denn ich habe schon einige interessante Neuerscheinungen entdeckt, von denen die ein oder andere sicher bald bei mir einziehen wird.

© Claudia Bett

Ein neues Jahr – Rückblick und Ausblick

sky-933634_960_720Hallo meine Lieben,

zunächst möchte ich es natürlich nicht versäumen, Euch allen ein frohes und glückliches neues Jahr zu wünschen und hoffe, es hat für Euch bereits vielversprechend angefangen.

Das Jahr 2015 verlief für mich in vielfacher Hinsicht leider nicht sehr erfreulich. Viele schmerzhafte Erfahrungen, Begegnungen und Erlebnisse würde ich gerne abstreifen und vergessen, aber ich muss akzeptieren, dass auch sie nun ein Teil meines Lebens geworden sind und versuchen, wenigstens daraus zu lernen. Vieles von dem, was ich erreicht und wofür ich gekämpft habe, liegt nun in Trümmern vor mir, die es mühsam aufzusammeln gilt, um sie zu etwas Neuem zusammenzubauen. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht, aber ich werde die mir verbliebenen Kräfte bündeln und es wenigstens versuchen – zumindest das habe ich mir für das kommende Jahr vorgenommen.
Ansonsten bin ich vorsätzlich vorsatzlos in das neue Jahr gestartet, denn ich gehöre nicht zu den Menschen, die pünktlich zum Jahreswechsel plötzlich in zwanghafte Verbesserungswut verfallen und sich vornehmen, schlagartig bestimmte Verhaltensweisen und Unsitten abzulegen, um ein gesünderer, attraktiverer und generell besserer Mensch zu werden. Ich bin nicht perfekt, muss und will es aber auch nicht sein, und falls ich den Wunsch verspüren oder die Notwendigkeit sehen sollte, mich zu verändern, dann kann ich das an jedem beliebigen Tag des Jahres tun.
Ich habe den Jahreswechsel vielmehr dazu genutzt, innezuhalten, über Vergangenes nachzudenken und Bilanz zu ziehen. Das war leider nicht besonders lustig, aber es gibt dennoch Dinge, über die ich mich gefreut habe – zum Beispiel auch über meine neuen Erfahrungen als Blogger. Ich bin ja ein recht neues Mitglied in der Blogger-Gemeinschaft, erst seit ein paar Wochen dabei, musste mich mit vielem erst vertraut machen, aber nun ist mein Blog eingerichtet, die ersten Beiträge sind geschrieben und ich habe große Freude daran, mit Euch meine Leseeindrücke und Gedanken zu teilen. Ganz besonders freut es mich, dass bereits viele von Euch meinen Beiträgen folgen und ich schon positives Feedback bekommen habe. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken und hoffe auf viel Inspiration, regen Erfahrungsaustausch und nette Bekanntschaften im kommenden Jahr!

© Claudia Bett

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