Buchrezension: Adrian J Walker – Am Ende aller Zeiten

Adrian J Walker - Am Ende aller ZeitenInhalt:

Edgar Hill ist Mitte dreißig, verheiratet, Vater zweier Kinder, Angestellter, lebt in Edinburgh und hat sein eintöniges Leben gründlich satt. Er liebt seine Kinder zwar, aber sie sind ihm einfach zu anstrengend, sodass er seine spärliche Freizeit lieber vor dem Fernseher oder in einem Pub verbringt, statt sich um seine Familie zu kümmern. Die Erziehung seiner Kinder und den Haushalt überlässt er lieber seiner Frau Beth. Die Tatsache, dass er übergewichtig, träge und unbeweglich ist und viel zu viel trinkt, versucht er einfach zu ignorieren. Diese eingefahrenen Strukturen öden ihn zwar an, aber er ist in ihnen gefangen und hat sich inzwischen damit arrangiert, dass das Leben ihm nicht allzu viel zu bieten hat.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich das alles satt. Es ödete mich an, dieses ganze Gezeter, der Mordskrach einer Welt, die von Tag zu Tag immer weniger Sinn ergab, und dieses Leben, das mich im Schwitzkasten hatte. Wenn ich ehrlich bin, war der Untergang – für mich zumindest – eine Erleichterung.

Zunächst ahnt er jedoch nicht, dass der Untergang tatsächlich naht. Als im Fernsehen vor bevorstehenden Asteroideneinschlägen gewarnt und der Notstand ausgerufen wird, ist Ed viel zu betrunken, um diese Nachricht richtig wahrzunehmen, seine Familie rechtzeitig zu warnen und die nötigen Vorkehrungen zu treffen. In letzter Sekunde kann er sich mit seiner Frau und seinen Kindern in den Keller seines Hauses flüchten, bevor Edinburgh von den ersten Asteroiden getroffen wird. Allerdings gehen die wenigen Nahrungsmittel, die Ed in der Eile noch zusammenpacken konnte, schnell zur Neige und auch das Wasser wird allmählich knapp.
Zwei Wochen verharren sie in ihrem Keller, und nachdem auch die letzten Vorräte fast aufgebraucht sind, wird die Familie glücklicherweise vom Militär gerettet und in einer Kaserne untergebracht, wo sich noch andere Überlebende eingefunden haben.
Erst jetzt wird Ed das Ausmaß der Zerstörung allmählich bewusst. Die Britischen Inseln wurden von den Asteroideneinschlägen fast vollständig zerstört, die Städte liegen in Schutt und Asche und nur wenige haben die Katastrophe überlebt. Auch von Edinburgh ist nur ein mit Leichen übersätes Trümmerfeld geblieben. Als Ed die Kaserne eines Tages verlässt, um in den Trümmern der Stadt nach Nahrungsmitteln zu suchen und von seinem Beutezug zurückkehrt, ist seine Familie verschwunden. Sie wurde in seiner Abwesenheit von einem Hubschrauber abgeholt und nach Cornwall gebracht, denn von dort soll in wenigen Wochen ganz Großbritannien mit Schiffen evakuiert werden. Ed weiß, dass der Hubschrauber nicht zurückkehren wird, um auch ihn zu retten. Wenn er seine Familie jemals wiedersehen will, muss er rechtzeitig nach Cornwall gelangen. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Überlebenden macht er sich zu Fuß auf den Weg von Edinburgh nach Falmouth. Mehr als 500 Meilen durch ein zerstörtes Land liegen vor ihm und seinen Begleitern, und nicht jeder, der ihnen unterwegs begegnet, ist ihnen wohlgesonnen, denn die Katastrophe und der Kampf ums Überleben hat die Menschen verändert. Wird Ed es schaffen, rechtzeitig nach Cornwall zu seiner Familie zu gelangen?

Meine persönliche Meinung:

Mit Am Ende aller Zeiten von Adrian J Walker startete Fischer TOR, das neue Science-Fiction- und Fantasy-Imprint der S. Fischer Verlage, nun kürzlich sein Programm. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich dieses Buch im Rahmen einer Leserunde bei LovelyBooks gewonnen habe und lesen durfte. Momentan habe richtig Lust auf gute Dystopien und war deshalb sehr neugierig auf Am Ende aller Zeiten. Es fällt mir nun allerdings nicht leicht, diesen Roman zu rezensieren, weil er mich mit etwas gemischten Gefühlen zurückließ.
Adrian J Walker hat im Grunde ein für das Genre typisches endzeitliches Szenario entworfen und dystopische Elemente einfließen lassen, die man auch von anderen Büchern dieses Genres kennt. Die Welt, wie man sie bisher kannte, existiert nicht mehr, wurde durch eine Naturkatastrophe vollkommen zerstört, und nun müssen sich die wenigen Menschen, die die Apokalypse überlebt haben, in dieser Welt zurechtfinden.
Der Leser lernt den Hauptprotagonisten Ed vor der Katastrophe kennen, erlebt an seiner Seite das Asteroideninferno mit und begleitet ihn dann auf seinem Weg durch diese zerstörte Welt. Im Zentrum des Romans steht vor allem die Entwicklung dieses Protagonisten, denn die Katastrophe verändert die Menschen, die sie überlebt haben. Allerdings nicht unbedingt zum Guten, denn Ed muss feststellen, dass sich die Menschen bereits verändern, als sich die Katastrophe ankündigt und ist auch von seinen eigenen Verhalten irritiert.

Wollt ihr wissen, wie lange das soziale Gefüge einer Gesellschaft hält? Ich kann es euch sagen. So lange, wie es dauert, eine Tür einzutreten […] Ist es unser erster Impuls, anderen aufzuhelfen oder über sie hinwegzutrampeln? Das Tier in dir, von dem du glaubst, du hättest es fest an den Pfosten gebunden und es mit Kultur, mit Liebe, Gebeten und Meditation bezähmt – das leckt sich schon die Lefzen. Der Knoten ist lose, der Pfosten morsch.

Dem Autor ist es sehr gut gelungen, die Situation während der herannahenden Gefahr sehr eindrücklich zu schildern, sodass man sich als Leser unwillkürlich fragt, wie man sich selbst verhalten würde, wenn man wüsste, dass sich eine Naturkatastrophe dieses Ausmaßes anbahnt. Würde man anderen helfen und dafür sein eigenes Leben riskieren? Oder denkt man in solchen Momenten nur an sich selbst und würde alles versuchen, nur sein eigenes Leben und das seiner Liebsten zu retten? Als die ersten Asteroiden einschlagen, muss Ed diese Entscheidung treffen, denn er ist einer der wenigen in seiner Nachbarschaft, der einen Keller hat.
Während das Inferno über Edinburgh hinwegfegt und Ed mit seiner Familie im Keller seines Hauses gefangen ist, wird ihm zum ersten Mal bewusst, dass er in jeglicher Hinsicht versagt hat und kaum in der Lage ist, seine Kinder zu beschützen. Er hat weder genügend Nahrungsmittel mit in den Keller genommen noch für ausreichend Wasservorräte gesorgt. Doch erst als er nach der Evakuierung von seiner Familie getrennt wird, erkennt er, dass er seine Frau und seine Kinder wirklich liebt. Er reflektiert sein bisheriges Leben und erkennt, dass er ein miserabler Vater und Ehemann war.
Schon nach den ersten Kapiteln ahnt man also, worauf das Buch eigentlich hinausläuft – auf die Läuterung des Helden, der sich erst angesichts der Katastrophe bewusst wird, dass sein bisheriges Leben, das ihn entsetzlich anödete, eigentlich gar nicht so schlecht war und erst merkt, wie sehr er seine Familie liebt, als er befürchten muss, sie für immer verloren zu haben.
Zwischen ihm und seiner Familie liegen nun mehr als 500 Meilen, alle Straßen sind weitgehend zerstört und ein intaktes Fahrzeug zu finden, ist ohnehin nahezu unmöglich. Problematisch ist allerdings, dass Ed vor der Katastrophe nicht nur ein schlechter Familienvater, sondern ein übergewichtiger, phlegmatischer und vollkommen unsportlicher Couch-Potato war und nun zu Fuß diese Strecke von mehr als 800 Kilometern bewältigen muss. Wenn er seine Familie jemals wiedersehen will, muss es ihm gelingen, in knapp drei Wochen Cornwall zu erreichen, denn sonst sind die Schiffe, mit denen ganz Großbritannien evakuiert werden soll, weg und seine Familie für immer verschwunden. Und so macht er sich mit einer kleinen Gruppe von Überlebenden auf den Weg. Schon nach kurzer Zeit stößt sein untrainierter Körper natürlich an seine Grenzen, aber sein Wille und die Liebe zu seiner Familie lässt ihn dennoch Tag für Tag durchhalten.
Auf dem Weg nach Cornwall trifft die Gruppe immer wieder auf andere Überlebende, aber die Menschen haben sich verändert, sich auf unterschiedliche Weise mit dem Leben in einem zerstörten Land arrangiert oder sich in recht bizarren Gruppen zusammengefunden. Da eine staatliche und gesellschaftliche Ordnung vollkommen fehlt, herrscht im Grunde völliges Chaos, Anarchie und das Recht des Stärkeren. Während manche Überlebende einfach nur ihren Verstand verloren zu haben scheinen, haben die meisten inzwischen jegliche Form von Zivilisiertheit und Moral abgelegt und machen es Ed und seinen Begleitern schwer, ihren Weg fortzusetzen. Nur selten können sie auf Hilfe hoffen und geraten häufig in gefährliche Situationen. Ich war immer wieder gespannt, wessen Weg die kleine Gruppe noch kreuzen wird, denn diese Begegnungen mit anderen Überlebenden waren überaus verstörend. Für mich waren dies die spannendsten Passagen des Romans, denn der Autor zeigt hier sehr gute Ansätze, vergaloppiert sich aber immer wieder und spinnt die Fäden, die er aufgenommen hat, leider nie zu Ende.
Stattdessen gibt es zwischen diesen Begegnungen endlos lange Textpassagen, in denen nur das Laufen im Mittelpunkt steht. Man merkt deutlich, dass Adrian J Walker eine besondere Affinität zum Laufsport hat, denn der zuvor vollkommen untrainierte Ed entwickelt sich im Laufe des Romans zu einer wahren Sportskanone und findet so großen Gefallen am Laufen, dass er sogar fast schon traurig ist, als die Gruppe kurzfristig ein paar Meilen mit einem Fahrzeug zurücklegen kann. Laufen ist für Ed nicht einfach nur die einzige Möglichkeit, so schnell wie möglich zu seiner Familie zu gelangen, sondern wird für ihn zu einer Form der Meditation. Und so ist das Buch in weiten Teilen eine Hommage an den Laufsport und trägt im Englischen deshalb auch den durchaus passenderen Titel The End of the World Running Club. Inwiefern es realistisch ist, dass ein übergewichtiger Mann, der noch nie im Leben Sport getrieben hat, innerhalb von wenigen Tagen solche sportlichen Höchstleistungen vollbringen kann, sei mal dahingestellt. In Notsituationen und aus Liebe kann man sicherlich ungeahnte Kräfte mobilisieren, inwiefern dies jedoch auch unter Nahrungsmittelentzug und ohne die nötige Zufuhr von Flüssigkeit möglich ist, wage ich zu bezweifeln. Mag sein, dass Laufen für viele Menschen ein durchaus spirituelles Erlebnis sein kann, aber angesichts dieses endzeitlichen Szenarios wirkt Eds plötzliche Begeisterung für den Laufsport leider vollkommen deplatziert. Mir gingen diese endlosen Passagen, in denen Ed einfach nur läuft, übers Laufen reflektiert und es quasi zur Religion erhebt, furchtbar auf die Nerven, denn sie sind leider auch ziemlich langweilig und lassen den Spannungsbogen immer wieder abreißen.
Adrian J Walker hat Ed sehr präzise und fein gezeichnet und legt sein Augenmerk vollkommen auf die Entwicklung seines Hauptprotagonisten, der nicht nur erkennt, dass er ein lausiger Vater und Ehemann war und seine Familie, die ihn vor der Katastrophe nur genervt hat, eigentlich unendlich liebt, sondern im Verlauf der Geschichte auch vom Phlegmatiker zum begeisterten Marathonläufer wird. Während ich Ersteres noch durchaus nachvollziehbar fand, hat mir Letzteres den Spaß am Lesen doch ein bisschen genommen. Die Katastrophe macht Ed in jeglicher Hinsicht zu einem besseren Menschen, lässt ihn über sich hinauswachsen, verleiht seiner vormals sinnentleerten Existenz endlich einen Sinn und ist somit ja fast schon ein Segen, was ich schon ein wenig befremdlich fand. Auch wenn mir Ed vor dem Inferno nicht gerade sympathisch war, war er zumindest authentisch angelegt, büßt seine Glaubwürdigkeit jedoch im weiteren Verlauf der Handlung immer mehr ein.
Alle anderen Protagonisten können der Katastrophe jedenfalls nicht so viel Positives abgewinnen und außer Ed scheint auch keiner von ihnen geläutert zu sein. Leider hat der Autor den Menschen, die Ed auf seinem Weg durch Großbritannien begleiten, nur wenig Kontur verliehen. Lediglich Bryce, ein etwas ungehobelter Biker, der jedoch sein Herz am rechten Fleck hat, vermochte es, mir ans Herz zu wachsen, während alle anderen recht blass und fremd blieben.
Walkers Erzählstil hat mir jedoch sehr gut gefallen, denn er ist sehr eindringlich und lässt sich flüssig lesen. Bis zur Mitte war der Roman auch überaus spannend und hat mich wirklich gefesselt. Die Beschreibung der zerstörten Landschaft und die Begegnungen mit anderen Überlebenden waren sehr eindrücklich, verstörend und gelungen. Einige wirklich hervorragenden Ansätze konnten mich ebenfalls überzeugen, wären sie nicht ebenso im Sande verlaufen, wie die spannende Handlung dieser Dystopie, die gegen Ende manchmal geradezu ins Absurde abrutscht. Das Ende hat mich dennoch ein wenig versöhnlich gestimmt, hatte durchaus Tiefe und überraschte mit einer unvorhersehbaren Wendung, aber leider hat mich zu vieles an diesem Roman gestört, um Am Ende aller Zeiten uneingeschränkt weiterempfehlen zu können.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an LovelyBooks und die S. Fischer Verlage für das Rezensionsexemplar!

Buchdetails:

Adrian J Walker: Am Ende aller Zeiten
Verlag: Fischer TOR
Ersterscheinungsdatum: 25. August 2016
432 Seiten
ISBN 978-3-596-03704-9

Cover: S. Fischer Verlage

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Buchrezension: Josh Malerman – Bird Box. Schließe deine Augen

Bird BoxSchliesse deine Augen von Josh MalermanInhalt:

Kurz bevor Malorie erfährt, dass sie schwanger ist, tauchen die ersten Nachrichten über etwas Unheimliches auf, bei dessen Anblick Menschen in eine Art rasenden Wahnsinn verfallen und sie dazu veranlasst, andere zu verletzen, bestialisch zu töten und sich schließlich selbst umzubringen. Zunächst verbreiten sich nur Berichte aus Russland, doch dann scheint dieses unheimliche Etwas immer näher zu kommen und erreicht schließlich Amerika. Malorie nimmt den Medienwirbel anfangs nicht allzu ernst, hält das Ganze für eine Massenhysterie, aber als immer mehr Menschen ihre Augen bedecken, sobald sie nach draußen gehen, ihre Fenster mit dicken Decken verhängen und in den Medien nahezu stündlich Geschichten über neue Todesopfer kursieren, ist sie doch beunruhigt. Es dauert nicht lange, bis immer mehr Menschen diesem unerklärlichen Wahnsinn zum Opfer fallen, auf den Straßen eine gespenstische Stille herrscht und das Leben draußen nahezu lahmgelegt ist. Die wenigen Überlebenden verbarrikadieren sich in ihren Häusern, verdunkeln ihre Fenster und wagen keinen Blick mehr nach draußen. Um sich zu schützen und ihr ungeborenes Baby in Sicherheit zur Welt bringen zu können, sucht Malorie Zuflucht bei einer Gruppe von Überlebenden, die sich in einem Haus zusammengefunden und dort verschanzt hat.
Fünf Jahre später, ihre Kinder sind inzwischen vier Jahre alt, geboren und aufgewachsen in vollkommener Dunkelheit, sieht sich Malorie erneut gezwungen, zu flüchten, um einen besseren und sichereren Ort für sich und ihre Kinder zu finden. Mit Augenbinden verlassen sie das Haus, das ihnen in den letzten Jahren Schutz und Kerker zugleich war. Doch um zu dem verheißungsvollen Zufluchtsort zu gelangen, müssen sie in einem Boot zwanzig Meilen auf einem Fluss zurücklegen – blind und nur von ihrem Gehör geleitet. Und draußen am Fluss wartet bereits etwas auf sie…

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Josh Malermans Debüt Bird Box. Schließe deine Augen, obwohl ich auch ein wenig skeptisch war, denn bislang konnten mich Horrorromane nur selten begeistern. Ein paar Werken von Stephen King kann ich zwar durchaus etwas abgewinnen, weil King einfach ein grandioser Erzähler ist, aber häufig findet man in diesem Genre eben auch reinsten Splatter, also nichts als handlungsarmes, blutiges, unappetitliches und vollkommen sinnloses Gemetzel. Bird Box wurde allerdings in vielen Rezensionen über den grünen Klee gelobt, der Autor mit King und sogar Hitchcock verglichen, sodass ich doch neugierig wurde und dem Buch eine Chance geben wollte. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn dieser Roman hat mich so in seinen Bann gezogen, dass ich die ganze Nacht nicht geschlafen habe und ihn in einem Rutsch gelesen musste. Ich war so gefangen von diesem psychedelischen Szenario, dass ich mich einfach nicht mehr davon losreißen konnte.
Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt. Der Leser begleitet Malorie und die beiden Kinder auf ihrem Weg zu einem zu einem Ort, an dem sie sich eine bessere und sicherere Zukunft verspricht. Während die drei in einem Boot den Fluss hinabfahren, wird in Rückblenden geschildert, was Malorie in den letzten Jahren erlebt hat, nachdem dieses unheimliche Etwas zum ersten Mal auftauchte. Man erfährt, wie sie sich damals hochschwanger in das fremde Haus flüchtete, in dem sich bereits eine Gruppe von Überlebenden verbarrikadiert hatte. Die klaustrophobische Stimmung in diesem Haus wird dabei so eindrücklich beschrieben, dass die Beklemmung für mich geradezu körperlich spürbar war. Jeder Blick nach draußen, kann tödlich sein, sodass die Menschen, die in diesem Haus wohnen, nicht nur eingesperrt sind, sondern auch in ständiger Dunkelheit leben müssen. Allein diese Vorstellung verursachte mir schon Alpträume. Malerman hat die einzelnen Charaktere, die nun gezwungen sind, auf engstem Raum zusammenzuleben, sehr präzise ausgearbeitet und die Beziehungen dieser Personen untereinander psychologisch ausgefeilt dargestellt. Auch wenn ich es für sehr unwahrscheinlich halte, dass die Welt jemals von einem unheimlichen Etwas heimgesucht werden wird, dessen Anblick einen tödlichen Wahnsinn auslöst, wurde das Zusammenleben der Menschen in diesem Haus sehr authentisch und nachvollziehbar geschildert. Die Nahrungsvorräte gehen allmählich zur Neige, die Trinkwasserbeschaffung ist mit großen Gefahren verbunden und je mehr Mäuler zu stopfen sind, umso schwieriger wird es für den Einzelnen zu überleben. Sich die Frage zu stellen, wie sich Menschen in Extremsituationen und angesichts einer gemeinsamen Gefahr verhalten, ist jedenfalls, trotz des recht unrealistischen Szenarios, keineswegs abwegig. Schweißt eine gemeinsame Notlage zusammen? Halten Menschen solidarisch zusammen, um der Gefahr zu trotzen? Oder siegt der Egoismus? Bilden sich Feindschaften, weil jeder nur darauf bedacht ist, sein eigenes Leben zu retten? All diese Fragen schossen mir beim Lesen jedenfalls unwillkürlich durch den Kopf und wurden auch auf eine geradezu erschreckende Weise beantwortet.
Nicht weniger beklemmend wird Malories waghalsige Flucht auf dem Boot beschrieben, nicht zuletzt weil sie und ihre Kinder ihre Augen bedecken müssen und nichts sehen. Die Welt draußen ist nahezu unbevölkert, die Gefahr, die dort lauert, ist stets spürbar, aber eben nicht sichtbar, auch für den Leser nicht, denn der erlebt alles aus der Perspektive von Malorie und sieht dabei eben auch nur das, was sie sieht – nämlich nichts. Man ahnt nur, dass gerade wieder etwas Furchtbares passiert, glaubt das Reißen von Sehnen, das Brechen von Knochen zu hören, aber man sieht dies alles nur mit den Augen eines Blinden, der zwar sehen kann, aber nicht darf. Und gerade darin liegt das Besondere in diesem Buch – es gibt keine blutigen Szenarien und kein Gemetzel. Auf brutale Gewaltdarstellungen wird nahezu vollkommen verzichtet, aber dennoch gab es Passagen, die mich wirklich an die Grenzen dessen brachten, was ich ertragen kann, vor allem, wenn es dabei um Tiere ging. Aber all das bleibt schemenhaft, denn dieses unheimliche Etwas tritt nie wirklich in Erscheinung, ist vollkommen lautlos und agiert auch nicht. Bis zum Schluss des Romans erfährt man nicht, wer oder was in dieser dystopischen Welt sein Unwesen treibt. Das mag den ein oder anderen Leser, der für alles eine Erklärung will, enttäuschen, führt aber dazu, dass einen dieses Buch auch nach der Lektüre nicht mehr loslässt. Man weiß zwar, dass der Anblick dieser nebulösen, unheimlichen Erscheinung verheerende Folgen hat, aber die genaue Ursache, die Menschen dazu treibt, andere zu verletzen und sich dann selbst auf bestialische Weise auszulöschen, bleibt letztendlich vollkommen im Dunkeln. Das Gefühl, zwar sehen zu können, aber nicht zu dürfen, dieses Leben in Dunkelheit und in einer nahezu menschenleeren Welt, die ständige Furcht, von etwas umgeben zu sein, das man zwar spürt, aber nicht sieht und diese Ohnmacht, sich nicht dagegen wehren und nur davor schützen zu können, indem man seine Augen verschließt, werden so eindrücklich geschildert, dass man all diese Emotionen und Ängste auf jeder Seite spüren kann. Trotz oder gerade weil so vieles im Unklaren bleibt, besitzt das Erzählte eine ungeheure Intensität, die nicht zuletzt auch durch die nüchterne und minimalistische Sprache des Autors erreicht wird.
Etwas irritierend fand ich lediglich die Hauptprotagonistin Malorie, denn sie war mir häufig geradezu unsympathisch. Sie erzieht diese Kinder mit einer Härte und Strenge, die mich teilweise schockierte und auch wütend machte. Jahrelang bereitet sich Malorie auf diese wagemutige Flucht vor. In dem Wissen, dass diese Flucht nur mit verbundenen Augen gelingen kann, trainiert sie das Gehör der Kinder tagtäglich. Allerdings ist es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, Geräusche zuzuordnen, die man nicht kennt, kein Bild dafür hat und sie auch noch nie vernommen hat. Wie kann man das Knurren eines Wolfes erkennen, wenn man nie einen Wolf gesehen oder gehört hat? Wie kann man die Entfernung eines Geräusches einschätzen, wenn man sein ganzes Leben bislang nur in geschlossenen Räumen verbrachte? Trotzdem gelingt es Malorie, das Gehör der Kinder zu schärfen, und vermutlich gelingt es gerade aufgrund ihrer Strenge und Unnachgiebigkeit. In dieser dystopischen Welt ist kein Platz mehr für überschwängliche Mutterliebe, Emotionalität, Gefühlsduselei und Wehleidigkeit, ja nicht einmal mehr für Namen – diese Kinder haben keine Namen! Sie werden nicht nur nicht genannt, sondern sie haben schlicht keine und werden auch von Malorie nur „Junge“ und „Mädchen“ genannt. Doch obwohl ich Malorie oft nicht besonders mochte und mich ihr Verhalten schockiert hat, wurde mir am Ende des Romans bewusst, dass sie diese Kinder unglaublich und bedingungslos liebt, denn Nüchternheit und Härte sind offenbar die einzige Möglichkeit, um in dieser Welt zu überleben.
Auch ich war ein wenig enttäuscht, weil das Buch ein offenes Ende hatte und viele Fragen, auf die man so gerne eine Erklärung gehabt hätte, nicht beantwortet wurden. Ich würde zwar nicht unbedingt von einem Cliffhanger sprechen, aber ich hoffe und wünsche mir, dass Malerman das offene Ende und auch das Potential dieses endzeitlichen Szenarios für eine Fortsetzung des Romans nutzt. Ich würde jedenfalls gerne mehr von diesem Autor lesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Josh Malerman: Bird Box. Schließe deine Augen
Verlag: Penhaligon
Ersterscheinungsdatum: 16. März 2015
320 Seiten
ISBN 978-3-7645-3121-8

Cover: Penhaligon

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