Buchrezension: Amy Gentry – Good as Gone

Amy Gentry - Good as GoneInhalt:

Anna und Tom ist das Schlimmste widerfahren, was Eltern passieren kann – ihre dreizehnjährige Tochter Julie wurde vor acht Jahren entführt und gilt seitdem als vermisst. Julies kleine Schwester Jane hat damals von einem Versteck im Wandschrank aus gesehen, wie sich nachts ein fremder Mann in Julies Zimmer schlich und das Mädchen mit vorgehaltenem Messer aus dem Haus drängte. Seitdem fehlt jede Spur von Julie, der Entführer konnte nie ermittelt werden und alle Suchaktionen verliefen erfolglos. Jahrelang schwankten die Eltern zwischen Hoffnung und Verzweiflung und zerbrachen fast an der Ungewissheit, nicht zu wissen, was ihrem Kind zugestoßen ist. Inzwischen wurden die Plakatwände mit Julies Gesicht entfernt und die Suchmaßnahmen eingestellt. Anna hat die Hoffnung, ihre Tochter jemals wieder lebend zu sehen, aufgegeben, ist fast sicher, dass ihr Kind tot ist, wünscht sich aber, sie könnte es wenigstens bestatten.
Doch dann steht die inzwischen einundzwanzigjährige Julie eines Abends plötzlich vor der Tür. Sie ist völlig verwahrlost und abgemagert, aber ansonsten ist die junge Frau unversehrt. Die Familie ist überglücklich, dass das, was sie nicht mehr zu hoffen gewagt hatte, tatsächlich wahrgeworden und Julie acht Jahre nach ihrer rätselhaften Entführung wohlbehalten zurückgekehrt ist.
Allerdings verhält sie sich sehr eigenartig, geht nicht zu ihren Therapiesitzungen, hat offenbar Geheimnisse und verstrickt sich immer wieder in Lügen. Als ein ehemaliger Polizist mit Anna Kontakt aufnimmt und den Verdacht äußert, dass die junge Frau, die sich für Julie ausgibt, eine Betrügerin, aber keineswegs ihre Tochter sei, ist Anna vollkommen verunsichert. Einerseits will sie unbedingt glauben, dass ihr Kind noch lebt und zu ihr zurückgekehrt ist, aber andererseits ist ihr die junge Frau, die nun in ihrem Haus wohnt, vollkommen fremd.

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich Good as Gone in der Verlagsvorschau entdeckt hatte, konnte ich es kaum noch abwarten, bis das Buch endlich erscheint und fing sofort an zu lesen, als ich es dann endlich in den Händen hielt. Obwohl ich inzwischen einige Bücher über verschwundene Kinder, die mehrere Jahre später wieder zu ihrer Familie zurückkehren, gelesen habe, bin ich immer wieder gespannt, ob es Autoren gelingt, diese nicht besonders innovative Grundidee noch originell umzusetzen. Dass dies gelingen kann, hat Joy Fielding in ihrem aktuellen Roman Die Schwester eindrucksvoll bewiesen, und die Niederländerin Anita Terpstra, die sich ebenfalls dieser Thematik zuwandte, hat mich mit ihrem grandiosen Thrillerdebüt Anders vollkommen überrascht und überzeugt.
Da Good as Gone in der Verlagswerbung fulminant angepriesen wurde, war meine Erwartungshaltung entsprechend hoch. Irritierend ist ja bereits, dass das Buch auf dem Cover zwar als „Roman“ bezeichnet, aber als Thriller beworben wird. Obwohl Good as Gone durchaus Thrillerelemente aufweist und recht spannend beginnt, würde ich dieses Buch nicht als Thriller bezeichnen, da sich die anfängliche Spannung leider recht schnell verliert und bedauerlicherweise auch nicht mehr zurückkehrt.
Als Julie, die als dreizehnjähriges Mädchen vor den Augen ihrer kleinen Schwester entführt wurde, acht Jahre später wieder auftaucht, ist die Freude der Familie natürlich groß. Doch die Euphorie weicht recht schnell dem Zweifel, und vor allem Julies Mutter Anna hegt zunehmend den Verdacht, dass die junge Frau, die behauptet, ihre vermisste Tochter zu sein, gar nicht Julie ist.
Die Handlung folgt zwei Erzählsträngen. In dem hauptsächlichen Handlungsstrang begleitet man Anna auf ihrer verzweifelten Suche nach der Wahrheit um die Identität ihrer vermeintlichen Tochter, während man in dem Nebenstrang mit Erzählperspektiven unterschiedlicher Frauenfiguren konfrontiert wird. Die Textpassagen, in denen die vergangenen Lebensstationen dieser Frauen geschildert werden, waren zunächst überaus verwirrend, denn auf den ersten Blick scheinen sie mit der Haupthandlung nichts zu tun zu haben. Den Zusammenhang konnte ich zwar irgendwann erkennen, aber solange ich den Sinn dieser Nebenstränge nicht verstand, empfand ich sie einfach als lästige Unterbrechungen. Mag sein, dass diese Erzähltechnik originell ist, aber bei mir führte sie leider dazu, dass mich irgendwann gar nicht mehr interessierte, ob die zurückgekehrte junge Frau tatsächlich Julie ist. Spätestens nachdem dann auch noch eine religiöse Komponente immer stärker in den Fokus rückte, verlor ich gänzlich das Interesse an Julies Identität und Schicksal.
Die Haupthandlung, die aus der Ich-Perspektive von Anna erzählt wird, war hingegen sehr gelungen. Die Protagonistin ist sehr gut ausgearbeitet, und die Ich-Perspektive ermöglicht einen direkten Einblick in ihr Denken und Fühlen, das sehr authentisch und nachvollziehbar geschildert wird. Sie will unbedingt glauben, dass die junge Frau, die eines Abends vor der Tür steht, ihre vermisste Tochter ist. Der Gedanke, dass sie ihr eigenes Kind nicht erkennt, ist für sie sehr schmerzhaft, denn die zurückgekehrte Julie ist ihr vollkommen fremd. Als Anna von einem Privatdetektiv mit dem Verdacht konfrontiert wird, dass diese junge Frau nicht ihre Tochter ist, reagiert sie zunächst vollkommen ablehnend, denn sie möchte nicht, dass er recht hat. Sie will diejenige sein, die ihr Kind besser kennt als irgendein Fremder. Obwohl ich mich in Anna sehr gut einfühlen konnte, ergaben ihre Handlungen für mich häufig keinen Sinn. Mir war zum Beispiel nicht klar, warum sie manche Entdeckungen einfach für sich behält und ihren Mann Tom nie mit ihrem Verdacht konfrontiert. Das Familiengefüge gerät nicht durch Julie, sondern vielmehr durch Annas beharrliches Schweigen ins Wanken, und leider wurde nicht deutlich, warum sie sich ihrem Mann gegenüber nicht öffnet. Da man nur Annas Perspektive folgt, lernt man ihren Mann Tom und auch Julies jüngere Schwester Jane im Grunde kaum kennen, dabei birgt gerade die Familienkonstellation eigentlich enormes Potenzial. Die Reaktionen der einzelnen Familienmitglieder auf Julies Rückkehr und auch die Gründe für Janes rebellisches Verhalten werden allerdings nur angedeutet, weil der Fokus vollkommen auf Anna liegt. Sie ist ziemlich allein mit ihren Zweifeln, behält sie für sich und stellt alleine Nachforschungen an.
Obwohl der Verdacht eigentlich recht schnell in eine Richtung gelenkt wird, war auch ich häufig hin- und hergerissen, ob es sich bei der jungen Frau tatsächlich um das seit acht Jahren vermisste Mädchen handelt. Man muss diesem Roman lassen, dass er sehr raffiniert und überaus innovativ konstruiert ist. Es ist der Autorin durchaus gelungen, den Plot wendungsreich zu gestalten, aber das Potenzial, das sich hinter dieser Konstruktion und der eigentlich guten Grundidee verbirgt, entfaltet sich leider erst ganz am Schluss. Aufgrund der etwas verwirrenden Nebenstränge, war mein Interesse an der Auflösung jedoch inzwischen nahezu verpufft. Das Ende ist zwar wirklich überraschend, logisch und glaubwürdig ist es auch, aber die religiöse Komponente, die hier besonders in Erscheinung tritt, konnte mich leider nicht überzeugen.
Ich war ein wenig enttäuscht von Good as Gone, denn ich empfand diesen Roman weder als besonders spannend noch als tiefgründig, obwohl die psychologischen Momente mitunter durchaus interessant waren. Wirklich beeindruckt war ich hingegen vom Schreibstil der Autorin, der mir ausgesprochen gut gefallen hat und sich sehr angenehm und flüssig lesen lässt. Die Konstruktion von Good as Gone ist durchaus originell, doch leider ging gerade das auf Kosten der Spannung und der an sich guten Grundidee, die dem Roman zugrunde liegt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den C. Bertelsmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Amy Gentry: Good as Gone
Aus dem Amerikanischen von Astrid Arz
Verlag: C. Bertelsmann
Ersterscheinungsdatum: 27. Februar 2017
320 Seiten
ISBN 978-3-570-10323-4

Cover: C. Bertelsmann Verlag

Buchrezension: Alex Lake – Es beginnt am siebten Tag

alex-lake-es-beginnt-am-siebten-tagInhalt:

Die Ehe von Julia Crowne und ihrem Mann Brian ist schon seit langem zerrüttet. Die schleichende Trennung hatte im Grunde schon mit der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Anna begonnen, aber Julia hat sich erst vor ein paar Tagen entschlossen, Brian mitzuteilen, dass sie die Scheidung will. Noch bevor es zur endgültigen Trennung kommt, wird ihre Ehe vor eine Zerreißprobe gestellt, als die fünfjährige Anna entführt wird. Als Julia mit etwas Verspätung an der Schule eintrifft, um ihre Tochter abzuholen, ist das Mädchen spurlos verschwunden, und alles deutet auf eine Entführung hin. Nicht nur Brian, sondern auch ihre Schwiegermutter Edna geben Julia die Schuld an Annas Entführung, da sie es wieder einmal nicht geschafft hatte, pünktlich zu sein. Auch von der Presse und in den sozialen Medien wird ihr vorgeworfen, eine Rabenmutter zu sein, die ihr Kind vernachlässigt und ihre Aufsichtspflicht verletzt hatte. Dabei macht sich Julia ohnehin selbst genug Vorwürfe, weil es ihr oft nicht leichtfällt, ihrem Beruf als Anwältin und ihrer Rolle als Mutter gerecht zu werden und sie wieder einmal in einem Meeting feststeckte und deshalb zwanzig Minuten zu spät an der Schule eintraf. Julia weiß, dass mit jedem Tag, der verstreicht, die Chancen, Anna jemals lebend wiederzusehen, geringer werden und verliert nach sechs Tagen voller Sorge und Angst um ihr Kind fast den Verstand.
Doch sieben Tage nach ihrem Verschwinden taucht die kleine Anna plötzlich wieder auf. Sie ist unverletzt, und nichts deutet darauf hin, dass das Mädchen missbraucht oder misshandelt wurde. Allerdings kann sich Anna nicht erinnern, wo sie in den vergangenen Tagen war. Julia ist überglücklich, als sie ihre Tochter endlich wieder in die Arme schließen kann und das Kind auch nicht traumatisiert zu sein scheint. Aber wer entführt ein kleines Mädchen, stellt keine Lösegeldforderungen und bringt es dann wohlbehalten wieder zurück? Schnell wird Julia klar, dass der Entführer nicht Anna, sondern sie vernichten will und ihr der schlimmste Alptraum noch bevorsteht.

Meine persönliche Meinung:

Wenn es sich um ein Debüt handelt und man von einem Autor somit logischerweise noch nie etwas gehört hat, liest man natürlich den Klappentext, bevor man sich entschließt ein Buch zu lesen. Nur bei Büchern von mir bekannten Autoren verzichte ich darauf, den Klappentext zu lesen und lasse mich auf ein Buch ein, ohne im Vorfeld zu wissen, worum es geht. Bei diesem Buch wäre es vielleicht schlauer gewesen, den Klappentext nicht zu lesen, aber man will ja ungefähr wissen, was auf einen zukommt. Da der Klappentext von Es beginnt am siebten Tag äußerst vielversprechend klang und ich immer auf der Suche nach neuen Thrillerautoren bin, war ich also sehr gespannt auf das Debüt von Alex Lake.
Nach einem grandiosen Prolog, der auf einen äußerst fesselnden und beklemmenden Thriller hoffen ließ, wich meine anfängliche Begeisterung jedoch recht schnell, denn die Spannung war schon bald dahin, da der erste Teil des Buches bereits im Klappentext vorweggenommen wird. Auch ich habe in meiner Inhaltsangabe nicht darauf verzichtet, darauf hinzuweisen, dass das entführte Mädchen am siebten Tag seines Verschwindens wieder wohlbehalten auftaucht, weil es eben um nichts anderes als diese sehr verwunderliche Tatsache geht, aber die verzweifelte Suche nach dem vermissten Kind wird auf mehr als zweihundert Seiten geschildert und ist eben nicht mehr besonders spannend, wenn man ohnehin schon weiß, dass Anna wieder unbeschadet zurückkehrt. Allerdings stehen nicht nur die umfangreichen Suchmaßnahmen und die Sorgen der Eltern im Zentrum des ersten Teils, sondern vor allem die Ehe – und Familienprobleme der Crownes, und diese waren leider sehr ermüdend. Da die familiären Unstimmigkeiten so in den Fokus gerückt werden, würde ich das Buch auch nicht als Thriller bezeichnen, denn abgesehen von den letzten fünfzig Seiten ist es meiner Meinung nach einfach ein Familiendrama. Damit könnte ich durchaus leben, denn wenn eine Geschichte grandios geschrieben, gut erzählt und tiefgründig ist, habe ich kein Problem, wenn genretypische Thrillerelemente fehlen, aber diesem Buch fehlte es leider so ziemlich an allem, was für mich einen guten Roman ausmacht – Spannung, Tiefgang, einen gut durchdachten Plot, Logik und präzise ausgearbeitete Charaktere.
Auch Familienzwistigkeiten und Ehekrisen können in Büchern ja durchaus ihren Reiz haben, wenn die Charaktere fein gezeichnet sind und es wenigstens eine Figur gibt, mit der man mitfühlen kann. Julias ständige Selbstvorwürfe und ihr Gejammer, weil sie Beruf und Familie so gerne unter einen Hut bekommen würde, sich unbedingt selbstverwirklichen, aber gleichzeitig auch eine grandiose Mutter sein möchte und nun merkt, dass ihr das nicht so recht gelingen will, gingen mir mit der Zeit leider ziemlich auf die Nerven. Auch ihre Eheprobleme und die Gespräche mit ihrem Mann, die um die immergleichen Fragen kreisten, waren sehr ermüdend und anstrengend, denn die Diskussionen und die gegenseitigen Vorwürfe wiederholen sich unendlich.
Ihr Mann Brian ist nun wahrlich kein Unmensch, allerdings ein furchtbarer Langweiler, der noch immer unter der Fuchtel seiner dominanten Mutter steht. Julia hat ihr eintöniges Vorstadtleben gründlich satt, und obwohl Brian sehr verlässlich und ein ausgesprochen fürsorglicher und liebevoller Vater ist, der seine Tochter über alles liebt, wünscht sich Julia einen Mann an ihrer Seite, der etwas Farbe, Leidenschaft und Abwechslung in ihr Leben bringt, ausgelassen mit Anna spielt und ihr die Abenteuer des Lebens zeigt, statt sie nur zu vergöttern und zu behüten. Teilweise hat Julia also Luxusprobleme par excellence, denn auch wenn Brian als Ehemann nicht unbedingt besonders prickelnd ist, gibt es an seinen Qualitäten als Vater eigentlich nichts auszusetzen. Das einzig wirklich Nervtötende an diesem Mann ist seine geradezu krankhaft enge Bindung an seine Mutter, von der er sich nach wie vor manipulieren lässt. Die aufgeblasene, arrogante und intrigante Edna Crowne ist allerdings die einzig interessante Figur im ganzen Buch, auch wenn sie äußerst verabscheuungswürdig ist. Um diese Schwiegermutter ist Julia wahrlich nicht zu beneiden. Erschütternd fand ich auch, wie sich die Presse auf den Entführungsfall stürzt, jede Information erbarmungslos ausschlachtet und Tatsachen verdreht, die ohnehin verzweifelte Mutter als Rabenmutter darstellt und damit in den sozialen Medien eine vernichtende Hetzjagd entfesselt, gegen die sich Julia nicht zur Wehr setzen kann. Wäre mir diese Frau nur ein bisschen sympathisch gewesen, hätte mich ihr Schicksal allerdings auch mehr berührt.
Dieser Thriller wird überwiegend aus Julias Perspektive erzählt. Zu Beginn jedes Kapitels kommt jedoch der Entführer zu Wort und schildert in einer Art innerem Monolog seine Beweggründe für die Tat. Diese Passagen haben mir ausgesprochen gut gefallen, denn man erhält sehr tiefe Einblicke in die äußerst gestörte Gedankenwelt eines Menschen, der die Entführung eines Kindes und die schrittweise Vernichtung seiner Mutter für ehrenhafte Taten hält, die einem höheren Ziel dienen und deshalb notwendig und richtig sind. Dass sich der Hass dieser Person nicht gegen die kleine Anna, sondern nur gegen ihre Mutter Julia richtet, wird schon zu Beginn des Buches deutlich und fast ebenso schnell wird jedem thrillererfahrenen Leser auch klar, wer der Entführer ist. Wie ein Autor schon im Prolog, der eigentlich wirklich sehr gelungen ist, so deutliche Hinweise auf den Täter liefern kann, ist wirklich beachtlich. Sobald der aufmerksame Leser die leicht überschaubare Anzahl an Charakteren kennengelernt hat, wird er jedenfalls wissen, wer der Täter ist. Abgesehen von einer wirklich winzig kleinen falschen Fährte, die der Autor eingebaut hat, kam ich jedenfalls nie ins Straucheln und wusste recht schnell, wer das Mädchen entführt hat, was dann auch das letzte Fünkchen Spannung im Keim erstickte.
Besonders verheerend sind jedoch die Logikbrüche und die Unglaubwürdigkeiten im Plot. Ich will in meiner Rezension nicht spoilern, aber der Plot enthält meiner Meinung nach einen ganz eklatanten Denkfehler. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Polizei wirklich so lausig und dilettantisch ermittelt und weder die Eltern noch die Ermittler auf die Idee kommen, dem Mädchen nach ihrer Rückkehr nur ein einziges Mal die nächstliegende Frage zu stellen, statt sie ständig mit Fragen nach ihrem Aufenthaltsort zu traktieren. Allerdings wäre das Buch dann schon nach zweihundert Seiten vorbei.
Das hätte man jedoch durchaus verschmerzen können, weil dem Leser dann wenigstens die endlosen Ehestreitigkeiten der Crownes und das ewige Hin und Her, ob sie sich nun trennen oder nicht, erspart geblieben wären. Den fulminanten Showdown hätte man dann allerdings auch verpasst, und um den wäre es wirklich schade gewesen, denn das Ende hat mir ausgesprochen gut gefallen und mich, obwohl die Enthüllung des Täters keine Überraschung mehr war, wieder ein bisschen versöhnlich gestimmt. Hier zeigt der Autor erstmals, dass er durchaus in der Lage ist, Spannung zu erzeugen, wovon das ganze Buch hinweg leider nur recht wenig zu spüren war.

Mich hat Es beginnt am siebten Tag leider sehr enttäuscht, denn für einen Thriller war es nicht spannend genug und einfach schlecht konstruiert und für ein erschütterndes Familiendrama war es nicht tiefgründig genug und hatte zu flache Charaktere. Für den Prolog, die Textpassagen aus der Sicht des Entführers und das überraschend actiongeladene Ende vergebe ich aber noch gut gemeinte zwei von fünf Sternchen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Alex Lake: Es beginnt am siebten Tag
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 05. Dezember 2016
472 Seiten
ISBN  978-3-959-67055-5

Cover: Verlag HarperCollins

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Buchrezension: Anna Snoekstra – Ihr letzter Sommer

anna-snoekstra-ihr-letzter-sommerInhalt:

Im Sommer 2003 verschwand die damals sechzehnjährige Rebecca Winters und konnte trotz einer großangelegten Suchaktion nie gefunden werden. Elf Jahre später greift die Polizei bei einem Ladendiebstahl eine junge Rumtreiberin auf, die vorgibt, die verschwundene Rebecca zu sein. Da sie einer Bestrafung entgehen will und weiß, dass sie der Vermissten zum Verwechseln ähnlich sieht, erzählt sie den Beamten, sie sei damals entführt worden und wolle nun wieder nach Hause zu ihrer Familie. Ihr Plan scheint aufzugehen, denn Rebeccas Familie empfängt sie mit offenen Armen und ist froh, die verloren geglaubte Tochter endlich wiederzuhaben.
Die junge Frau schlüpft nun in die Rolle des vermissten Mädchens, trägt ihre Kleidung, trifft sich mit Rebeccas alten Freunden, lebt allerdings auch in der ständigen Angst, dass ihr falsches Spiel auffliegen könnte. Doch je länger sie im Haus der Familie lebt und je mehr sie sich mit der tatsächlich Vermissten zu identifizieren versucht, umso rätselhafter erscheint ihr das Verhalten der Familienmitglieder und Freunde. Sie versucht mehr über das Mädchen herauszufinden, dessen Leben sie jetzt lebt und kommt allmählich hinter das erschreckende Geheimnis um Rebeccas Verschwinden.

Meine persönliche Meinung:

Thriller über verschwundene Kinder gibt es wie Sand am Meer, und auch die Idee, dass sich Jahre nach dem Verschwinden, ein anderer für das vermisste Kind ausgibt, ist nicht gerade neu, sodass ich gespannt war, wie innovativ Anna Snoekstra diese Thematik in ihrem Thrillerdebüt Ihr letzter Sommer umsetzen wird. Neu war für mich nämlich, dass man als Leser schon von vornherein weiß, dass es sich bei der jungen Frau nicht um das seit elf Jahren vermisste Mädchen handelt. Und so war ich natürlich neugierig, ob es diese Rumtreiberin schaffen wird, die Polizei und vor allem die Familie der Vermissten davon zu überzeugen, wirklich Rebecca zu sein. Besonders spannend war jedoch die Frage, was der Sechzehnjährigen damals passiert ist, warum sie verschwand und ob sie überhaupt noch am Leben ist.
Der Thriller wird in zwei Handlungssträngen erzählt, denn man begleitet nicht nur diese namenlose junge Frau, die nun die Identität des vermissten Mädchens annimmt, sondern wirft auch einen Blick in die Vergangenheit und zu den Ereignissen, die sich elf Jahre zuvor kurz vor Rebeccas Verschwinden zugetragen haben. Während die aktuellen Geschehnisse aus der Ich-Perspektive der vermeintlich zurückgekehrten Vermissten geschildert werden, werden die zurückliegenden Ereignisse aus der personalen Perspektive von Rebecca erzählt. Trotz der Ich-Perspektive, die eigentlich eine besondere Nähe zur Hauptprotagonistin schaffen müsste, eignet sich diese junge Frau kaum als Identifikationsfigur. Da die Autorin ihr keinen Namen gegeben hat und auch ihre Herkunft nur sehr schwammig beschrieben wird, blieb sie mir über das ganze Buch hinweg fremd. Man lernt sie im Grunde nur in ihrer Rolle als Rebecca Winters kennen, die sie allerdings nicht gerade überzeugend spielt. Anfangs hatte ich noch ein wenig Verständnis für diese Frau, da sie sich offenbar nach der Liebe einer Mutter sehnt und nun bei Rebeccas Familie Geborgenheit zu finden glaubt, aber im weiteren Verlauf der Erzählung wurde sie mir zunehmend unsympathischer. Sie entpuppt sich nämlich nicht als eine liebesbedürftige junge Frau, sondern als äußerst oberflächliche, egozentrische und einfältige Person, die ihr bisheriges Leben offenbar nur mit Partys und diversen Männerbekanntschaften verbracht hat und sehr unbedarft durchs Leben ging. Schon kurz nachdem sie zu Rebeccas Familie gebracht wird, begibt sie sich auf die Suche nach einem adäquaten Liebhaber. Besonders wählerisch ist sie dabei nicht, denn eigentlich kommt für sie jedes männliche Wesen, dem sie in ihrer neuen Umgebung begegnet, hierfür in Betracht, selbst Rebeccas Brüder. Immerhin sieht sie ein, dass es eine schlechte Idee wäre, sich ausgerechnet mit einem ihrer vermeintlich leiblichen Brüdern einzulassen, aber ansonsten denkt sie recht wenig über ihre vorgetäuschte Identität nach. Sieht man davon ab, dass es äußerst geschmacklos ist, sich für ein seit Jahren vermisstes Mädchen auszugeben, stellt sie sich dabei auch unglaublich dämlich an. Auf die Idee, sich etwas eingehender mit dem Leben der Person zu befassen, in deren Rolle sie geschlüpft ist, kommt sie erst, als sie befürchtet, dass ihr falsches Spiel auffliegen könnte. Es dauert jedenfalls recht lange bis sich dann doch die ersten Skrupel regen und sie allmählich eine innere Wandlung vollzieht.
Doch auch die wahre Rebecca, die man während der Rückblenden in die Vergangenheit kennenlernt, wollte mir nicht so recht ans Herz wachsen. Ihr kann man immerhin zugutehalten, dass sie zum damaligen Zeitpunkt erst sechzehn Jahre alt war, aber besonders liebenswürdig ist sie nicht. Auch unter ihren Freunden und Familienmitgliedern konnte ich keinen einzigen Sympathieträger ausmachen. Ich finde es nicht tragisch, wenn Romanfiguren unsympathisch sind, denn wenn sie gut ausgearbeitet sind, sind gerade das häufig die interessantesten Charaktere. Allerdings nehme ich es einem Autor ein wenig übel, wenn seine Protagonisten unglaubwürdig sind, ihr Verhalten keinen Sinn macht und nicht nachvollziehbar ist. Wenn jemand verschwindet und elf Jahre später wieder auftaucht, würde vermutlich irgendjemand aus dem Familien- oder Freundeskreis irgendwann auf die Idee kommen, mal nachzufragen, wo diese Person in all den Jahren war und was ihr damals zugestoßen ist. Selbst wenn man das Ende dieses Thrillers kennt, macht das Verhalten einiger Protagonisten keinen Sinn und ist weder logisch noch nachvollziehbar, denn kein Mensch würde sich so verhalten. Dieser jungen Frau kommt es natürlich gelegen, dass sich niemand für ihre vermeintliche Entführung und ihren Aufenthaltsort der letzten Jahre interessiert, sondern man sie einfach in Ruhe lässt und zum Alltag übergeht, aber glaubwürdig ist das nicht. Außer dem Polizisten, der bereits elf Jahre zuvor in dem Vermisstenfall ermittelte, stellt jedenfalls niemand lästige Fragen und selbst er gibt entnervt auf, als sie einfach behauptet, sich an nichts mehr erinnern zu können, was für mich ebenfalls etwas unglaubwürdig war. Auch als sie sich weigert, sich wegen ihrer vorgetäuschten Amnesie in ärztliche Behandlung zu begeben oder einem DNA-Test zuzustimmen, wird niemand stutzig, obwohl sich ein Entführungsopfer diesbezüglich sicher kooperativer zeigen würde.
Allerdings trägt das rätselhafte, mitunter auch absurde Verhalten der Figuren enorm zum Spannungsaufbau bei, denn ich hätte wirklich jedem Protagonisten zugetraut, an Rebeccas Verschwinden schuld zu sein, sie entführt oder gar ermordet zu haben. Immer wieder wird der Verdacht also auf eine andere Person gelenkt, sodass ich bis zum Ende der Geschichte keine Ahnung hatte, was dem Mädchen zugestoßen sein könnte oder ob es womöglich gar nicht mehr am Leben ist. Eines muss man diesem Thriller nämlich lassen – die Spannungskurve steigt von Seite zu Seite kontinuierlich an und reißt bis zum Schluss nicht ab. Immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen, sodass ich jeden Verdacht erneut verwerfen musste und das Ende für mich wirklich vollkommen unvorhersehbar war. Leider war es auch sehr überkonstruiert, und wenn man den Ausgang der Geschichte dann kennt, offenbaren sich im Nachhinein bedauerlicherweise auch ein paar kleine Logikbrüche.
Anna Snoekstras Debüt ließ sich jedoch sehr schnell und flüssig lesen, denn der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm und es gelingt ihr auch, die Spannung stets aufrechtzuerhalten. Und so war Ihr letzter Sommer für mich ein fesselnder, durchaus solider und unterhaltsamer Thriller für Zwischendurch, dem es jedoch leider an psychologischer Tiefe und Glaubwürdigkeit fehlte.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Anna Snoekstra – Ihr letzter Sommer
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 15. August 2016
304 Seiten
ISBN 978-3-959-67035-7

Cover: Verlag HarperCollins

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Buchrezension: Anita Terpstra – Anders

Anders von Anita TerpstraInhalt:

Während einer Nachtwanderung im Ferienlager verschwinden der elfjährige Sander Meester und sein Freund Maarten plötzlich spurlos. Als sich die Betreuer auf die Suche nach den Kindern machen, finden sie die Leiche von Maarten, der vor seinem gewaltsamen Tod offensichtlich missbraucht wurde. Von Sander fehlt nach wie vor jede Spur. Seine Schwester Iris und ihr Freund Christiaan, die ebenfalls im Ferienlager waren und die beiden Jungs während dieser Nachtwanderung im Wald aus den Augen verloren hatten, sind seit jener Nacht, schwer traumatisiert. Iris hat nach dem Verschwinden ihres Bruders ein Jahr kein einziges Wort gesprochen, und Christiaan wurde für ein paar Monate in die Psychiatrie eingewiesen.
Sanders Eltern Alma und Linc zerbrechen fast am Verlust ihres Kindes. Linc verfällt zunehmend in Depressionen und die Ehe des vormals glücklichen Ehepaares hielt der Belastung nicht mehr stand. Alma hat die Hoffnung, dass ihr Sohn noch am Leben ist und eines Tages zu ihr zurückkehren wird, niemals aufgegeben. Sie glaubt zu spüren, dass ihr Kind noch lebt. Die quälende Ungewissheit, was Sander zugestoßen sein mag, zerfrisst die verzweifelte Mutter zwar fast, aber sie will durchhalten und stark bleiben, falls ihr Sohn doch irgendwann wieder auftaucht. Unermüdlich betreibt sie weiterhin ihre Nachforschungen und sorgt dafür, dass die Berichterstattung nicht abreißt.
Sechs Jahre nach Sanders Verschwinden taucht in einer deutschen Polizeiwache plötzlich ein junger Mann auf und behauptet, der verschwundene Sander Meester zu sein. Er erzählt den Beamten, dass er während jener Nachtwanderung im Ferienlager von einem fremden Mann entführt, nach Deutschland gebracht und jahrelang gefangen gehalten worden sei. Die Meesters reisen sofort nach Deutschland, um Sander abzuholen. Alma ist überglücklich, als sie ihren Sohn endlich wieder in die Arme schließen und mit nach Hause nehmen kann. Allerdings hat sich Sander sehr verändert. Liegt dies an der jahrelangen Gefangenschaft in den Händen seines unberechenbaren Entführers, oder handelt es sich bei dem Jungen womöglich gar nicht um Sander? Und was ist in jener Nacht vor sechs Jahren wirklich passiert?

Meine persönliche Meinung:

Ich muss zugeben, dass ich von Anita Terpstras Anders nicht allzu viel erwartet habe, denn es ist das erste Buch der Niederländerin, das auch in Deutschland erschien, sodass ich die Autorin bislang nicht kannte, und der Klappentext klingt nicht gerade nach einer besonders originellen oder neuen Idee. Ich weiß nicht, wie viele Thriller über verschwundene Kinder ich schon gelesen habe, aber das Thema ist inzwischen so ausgelutscht, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass mich dieses Buch noch überraschen könnte. Anita Terpstra hat es aber geschafft, mich wirklich vom Hocker zu reißen, denn es ist ihr gelungen, diese nicht gerade innovative Grundidee originell und überaus spannend umzusetzen und dem Thema die nötige Würze zu verleihen, sodass Anders im wahrsten Sinne des Wortes wirklich vollkommen anders war, als ich vermutet hätte.
Der Einstieg in die Geschichte fiel mir sehr leicht. Auf den ersten Seiten begleitet man zunächst Alma, die im Wald in der Nähe des Ferienlagers verzweifelt nach ihrem Kind sucht, taucht dabei in die Gedanken der besorgten Mutter ein und durchlebt auch ihre Ängste. Der Freund ihres Sohnes wurde bereits tot aufgefunden, aber von Sander fehlt noch immer jede Spur. Allerdings erblickt sie bei ihrer Suche zwischen den Bäumen einen rätselhaften Mann.
Dann springt die Handlung sechs Jahre nach vorn in die Gegenwart, als ein junger Mann die Leiche des Mannes begräbt, bei dem er in einer einsamen Hütte im Wald gelebt hatte. Danach meldet er sich bei einer deutschen Polizeiwache und behauptet, der verschwundene Sander Meester zu sein, nach dem seit sechs Jahren gesucht wird. Die Geschichte kommt also ohne großes Vorgeplänkel sofort in Fahrt und ist von der ersten Seite an überaus fesselnd und sehr mysteriös. Anita Terpstra versteht es, Spannung aufzubauen, diese kontinuierlich zu halten und den Leser so in ihren Bann zu ziehen, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Ihr Erzählstil ist flüssig, schnörkellos und prägnant, die Charaktere glaubwürdig und interessant ausgearbeitet.
Man lernt nicht nur Alma, die Mutter des verschwundenen Sander kennen, sondern auch ihren Exmann Linc und Sanders Schwester Iris. Jedes der Familienmitglieder hat das Verschwinden des Kindes anders verarbeitet. Während Alma unbeirrt an der Hoffnung festhielt, dass ihr Sohn noch lebt und die Suche nach ihm nie aufgegeben hat, verfiel ihr Mann zunehmend in Depressionen und wurde immer antriebsloser, sodass es schließlich zur Trennung des Ehepaares kam. Alma ging mir fürchterlich auf die Nerven, denn gluckende Übermütter finde ich generell sehr anstrengend. Bei Alma war ich vor allem deshalb so genervt, weil sich ihre Aufmerksamkeit nur auf eines ihrer Kinder richtet, denn während Sander stets verhätschelt wird, scheint sie ihre Tochter geradezu zu vernachlässigen. Iris war nach jener Nacht im Ferienlager lange traumatisiert, wollte ihr Elternhaus danach so schnell wie möglich verlassen und lebt inzwischen in Amsterdam. Verwunderlich ist das nicht, denn das Mädchen hatte unter ihrem Bruder sehr gelitten, erfuhr von ihrer Mutter, die immer wieder Entschuldigungen für die Schandtaten ihres Sohnes fand, jedoch keinerlei Unterstützung. Sander wurde seiner älteren Schwester immer vorgezogen und niemand in der Familie wollte sehen, dass der Junge keineswegs der Musterknabe war, für den Alma ihn hielt.
Der Leser erlebt die Rückkehr Sanders nun aus der Perspektive jedes Familienmitglieds mit und wirft mit jedem von ihnen auch einen Blick zurück in die Vergangenheit und in die Zeit vor Sanders Verschwinden. Dabei treten erschütternde Details an die Oberfläche, die ein recht verstörendes Licht auf die Familie, aber auch auf das verschwundene Kind werfen. Da nie aus Sanders Perspektive erzählt wird, bleibt der Junge stets undurchsichtig, rätselhaft und mysteriös, sodass er sehr bedrohlich wirkt. Er verhält sich nach seiner Rückkehr äußerst eigenartig, denn er will nicht über seine Erlebnisse der vergangenen Jahre reden, lehnt auch therapeutische Hilfe ab und scheint sich an sehr einschneidende Ereignisse seiner Kindheit nicht mehr zu erinnern.
Doch die Bedrohung geht keineswegs nur von Sander aus, denn auch Linc und Iris scheinen etwas zu verbergen. Mit der Rückkehr des inzwischen siebzehnjährigen jungen Mannes brechen wieder alte Wunden auf, denn von der glücklichen Bilderbuchfamilie, die im Klappentext erwähnt wird, kann weder vor noch nach Sanders Verschwinden die Rede sein. Stattdessen werden nun nach und nach lange gehütete und düstere Geheimnisse zutage gefördert, bis sich schließlich eine erschütternde und wirklich grauenhafte Wahrheit offenbart.
Das Ende dieses Thrillers war für mich sehr überraschend und ließ mich auch nachdenklich zurück. Anita Terpstra ist es gelungen, eine sehr bedrohliche Stimmung zu erzeugen und eine spannende Geschichte zu konstruieren, die vollkommen ohne Blutvergießen auskommt und mir immer wieder einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Selbst der letzte Satz erzeugte noch eine finale Gänsehaut.

Eine gelungene Mischung aus packendem Thriller und geheimnisvollem Familiendrama!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Anita Terpstra: Anders
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 15. August 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-7341-0257-8

Cover: Blanvalet Verlag

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Buchrezension: Joy Fielding – Die Schwester

Die Schwester von Joy FieldingInhalt:

Caroline Shipley ist voller Vorfreude auf den bevorstehenden Urlaub, den sie anlässlich ihres zehnten Hochzeitstages gemeinsam mit ihrem Mann Hunter und ihren beiden Töchtern Michelle und Samantha in Mexiko verbringen will. Hunter hat ein wunderschönes Luxushotel in Rosarito ausgewählt, und zu Carolines Überraschung, sind auch ihr Bruder, dessen Ehefrau und ein paar Freunde angereist, um gemeinsam mit ihnen zu feiern. Doch der Ferienaufenthalt wird zum Albtraum, als die zweijährige Samantha eines Abends aus der Hotelsuite entführt wird. Es gibt keine Lösegeldforderungen und die polizeilichen Ermittlungen sowie die Nachforschungen eines Privatdetektivs bleiben erfolglos – das kleine Mädchen bleibt spurlos verschwunden. Caroline zerbricht fast am Verlust ihres Kindes und auch ihre Ehe mit Hunter hält dieser Belastung und den gegenseitigen Schuldzuweisungen nicht stand. Als wäre die Sorge um das Schicksal ihrer kleinen Tochter nicht schon schlimm genug, stürzen sich auch noch die Medien auf den Fall, beschuldigen sie der Vernachlässigung ihres Kindes und überschütten die verzweifelte Mutter mit Vorwürfen und Verdächtigungen.

Inzwischen sind fünfzehn Jahre vergangen, und obwohl es nach wie vor keine neuen Spuren gibt, hat Caroline die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Samantha noch am Leben ist und sie ihre Tochter eines Tages wiedersehen wird.
Kurz vor dem fünfzehnten Jahrestag nach dem Verschwinden ihres Kindes, erhält sie einen mysteriösen Anruf von einem jungen Mädchen, das am Telefon behauptet, Samantha zu sein. Erlaubt sich wieder jemand einen bösen Scherz mit Caroline, oder handelt es sich bei der Anruferin tatsächlich um ihre vermisste Tochter? Danach überschlagen sich die Ereignisse und Stück für Stück offenbart sich Caroline allmählich die erschütternde Wahrheit, über das, was der kleinen Samantha in jener Sommernacht in Mexiko zugestoßen ist.

Meine persönliche Meinung:

Joy Fielding gehört zu den wohl produktivsten und erfolgreichsten Thrillerautorinnen und gilt als „Meisterin des Psychothrillers“. Ich habe die Autorin vor mehr als zwanzig Jahren für mich entdeckt und seitdem viele ihrer Bücher gelesen. Man kann sich recht zuverlässig darauf verlassen, dass jedes Jahr ein neues Buch von ihr erscheint, und auch wenn mich nicht jedes gleichermaßen begeistern konnte, haben sie mir alle gut gefallen. Allerdings brauche ich immer eine Pause zwischen ihren Büchern, denn da alle nach dem ähnlichen Strickmuster gestrickt sind, wird es sonst doch ein wenig ermüdend. Wenn man jedoch eine Zeit verstreichen lässt, dann kann man sich auf jedes neue Buch dieser Autorin freuen und darauf vertrauen, nicht enttäuscht zu werden. Fielding versteht ihr Handwerk, hat gute Geschichten und zweifellos Talent, sie überaus spannend und mitreißend zu erzählen. Ihr Erfolgsrezept hat sich jedenfalls bewährt, weshalb sie sich stets auf ähnliche Zutaten verlässt, um aus ihnen immer wieder ein neues alptraumhaftes Szenarium zu entwerfen, das den Leser, bzw. vor allem die Leserin, in seinen Bann zieht.
Da mein letztes Buch von Joy Fielding nun fast zwei Jahre zurückliegt, habe ich mich sehr auf ihren neusten Roman Die Schwester gefreut.
Offensichtlich wurde sie von dem realen Vermisstenfall der Maddie McCann zu dieser Geschichte inspiriert, denn die Parallelen zu dem damals dreijährigen kleinen Mädchen, das 2007 während eines Ferienaufenthalts in Portugal auf mysteriöse Weise aus der Ferienwohnung ihrer Eltern verschwunden ist und bis heute nicht gefunden werden konnte, sind unübersehbar. Auch die kleine Samantha Shipley in Die Schwester wurde aus einer Hotelsuite entführt, während ihre Eltern mit Freunden im Restaurant der Hotelanlage feierten und obwohl sie abwechselnd alle dreißig Minuten nach ihrer kleinen Tochter sahen. Die Medienhetze, mit der die Eltern nach der Entführung ihres Kindes zu kämpfen hatten und bei der sie sich immer wieder gegen Verleumdungen, Verdächtigungen und Schuldzuweisungen zur Wehr setzen mussten, erinnert ebenfalls an den Vermisstenfall der Madelaine McCann. Doch anders als bei diesem realen Fall, meldet sich in der fiktiven Erzählung von Joy Fielding eines Tages ein junges Mädchen und behauptet, das entführte Kind zu sein.
Man mag sich nicht vorstellen, was eine Mutter, die seit Jahren ihr Kind vermisst, nicht weiß, ob es tot oder vielleicht noch am Leben ist und die ständig hin- und hergerissen ist zwischen Hoffnung und Trauer, in einem solchen Moment empfindet. Joy Fielding ist es sehr gut gelungen, die Emotionen der Mutter, ihre Verzweiflung, die nagende Ungewissheit und die immer wieder aufkeimende Hoffnung sehr authentisch, eindrücklich und nachvollziehbar darzustellen. Natürlich denkt Caroline zunächst, dass sie jemand zum Narren hält, denn im Lauf der Jahre haben sich immer wieder wichtigtuerische Spinner bei ihr gemeldet und behauptet, die kleine Samantha gesehen zu haben oder genau zu wissen, wo sie sich befindet. Trotzdem lässt ihr dieser Anruf nun keine Ruhe, sodass sie beschließt, sich mit der jungen Frau zu treffen und dabei allmählich der schockierenden Wahrheit auf die Spur kommt.
Die Kapitel des Romans wechseln zwischen zwei Zeitsträngen – der Gegenwart und der Zeit vor fünfzehn Jahren, als die kleine Samantha verschwand. Diese beiden Zeitebenen nähern sich im Verlauf der Erzählung dann immer weiter an, sodass sie am Ende verschmelzen und das erschütternde Geheimnis um das rätselhafte Verschwinden des Kindes allmählich zutage tritt.
Die Autorin legt ihr besonderes Augenmerk auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und seziert sehr präzise eine ohnehin schwierige und zerstörerische Familienkonstellation, die vollends ins Wanken gerät, nachdem das rätselhafte Mädchen auftaucht und behauptet, die verschwundene Samantha zu sein. Insofern ist dieser Roman vor allem eine Mischung aus Familiendrama und Thriller.
Die Charaktere wirken sehr authentisch, sind aber, abgesehen von Caroline, alle recht unsympathisch. Die Männer kommen, wie so oft bei Joy Fielding, ohnehin sehr schlecht weg. Carolines Bruder Steve ist ein Muttersöhnchen und kompletter Versager, ihr Ehemann Hunter ein feiger und selbstverliebter Egoist. Statt zusammenzuhalten und die Situation gemeinsam zu meistern, zerbricht die Ehe unter dem Verlust des gemeinsamen Kindes, an dem sich Hunter und Caroline gegenseitig die Schuld zuschreiben. Hunter löst das Problem, indem er eine neue Familie gründet und die Vergangenheit weitgehend hinter sich lässt. Er schafft es allerdings, sich in der Öffentlichkeit sehr gut zu präsentieren, während Caroline auch Jahre später noch immer das Image einer Rabenmutter anhaftet. Es war wirklich schockierend, zu lesen, wie sich die Medien auf diesen Vermisstenfall stürzen und jedes kleine Detail aufgreifen, um es gegen Caroline zu verwenden. Dies ist für die ohnehin verzweifelte Mutter nicht nur privat sehr belastend, sondern hat auch negative Konsequenzen für ihre berufliche Karriere als Lehrerin. Hunter dagegen gelingt es, sein Saubermann-Image zu bewahren und seine Karriere als Anwalt sogar noch voranzutreiben.
Sehr verstörend ist auch Carolines Verhältnis zu ihrer Mutter Mary, die ihr wahrlich keine Hilfe ist. Joy Fielding schreibt im Nachwort, dass sie sich bei der Figur von Grandma Mary von ihrer eigenen Großmutter, die sie selbst als „die armseligste Frau, die es je gegeben hat“ bezeichnet, inspirieren ließ. Um diese Großmutter ist die Autorin wahrlich nicht zu beneiden. Die mit Abstand nervtötendste Protagonistin dieses Romans ist aber Carolines älteste Tochter Michelle. Dieses Mädchen ist bereits als Fünfjährige unerträglich, aber selbst fünfzehn Jahre später, in einem Alter, in dem man die Pubertät eigentlich hinter sich gelassen haben müsste, ist sie so rebellisch und anstrengend, dass ich es wirklich bedauert habe, dass nicht sie, sondern ihre jüngere Schwester entführt wurde. An einigen Stellen wirkte sie jedoch etwas zu überzeichnet und das beständige Hervorheben ihrer eigentümlichen Essgewohnheiten ging mir ein wenig auf die Nerven. Trotzdem hat mir sehr gut gefallen, wie präzise die Autorin die Abgründe der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb dieser Familie auslotet.
Joy Fieldings Erzählstil ist packend und mitreißend. Sie erzählt so routiniert und lebendig, dass man nur so durch die Seiten fliegt. Ich habe das Buch innerhalb eines Tages gelesen und gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verging, weil dieser Roman an keiner Stelle Längen aufweist und der Plot auch nie ins Stocken gerät. Ohne Action, Gewalt und Brutalität wird die Spannung sehr subtil aufgebaut und die Geschichte logisch und sehr glaubhaft inszeniert.
Dass Joy Fielding etwas von ihrem Handwerk versteht und sich ihr Erfolgsrezept wieder einmal bewährt hat, hat sie jedenfalls auch in Die Schwester wieder eindrucksvoll bewiesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Joy Fielding: Die Schwester
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 11. Juli 2016
448 Seiten
ISBN 978-3-442-31272-6

Cover: Goldmann Verlag