Buchrezension: Michael Theißen – Leons Erbe

Michael Theißen - Leons ErbeInhalt:

Für Katja Helmke ist der wohl schlimmste Alptraum jeder Mutter Realität geworden, als ihr sechzehnjähriger Sohn Leon nachts auf einer Landstraße von einem Auto erfasst wird und stirbt. Der Unfallfahrer ließ Leon einfach auf der Straße liegen, beging Fahrerflucht und konnte bislang nicht ermittelt werden. Katja droht an ihrem Schmerz fast zu zerbrechen, zumal sie den letzten Schicksalsschlag noch nicht verwunden hat, denn sechs Monate vor dem Tod ihres Kindes verschwand ihre Schwester Nicci plötzlich spurlos, und die quälende Ungewissheit, ob Nicci überhaupt noch am Leben ist, nagt noch immer an Katja und ihrer Familie.
Am Tag nach Leons Trauerfeier erhält sie einen Anruf von einem Notar, der ihr Leben vollends aus der Bahn wirft. Sie erfährt, dass ihr Sohn Leon vor seinem Tod etwas für sie hinterlegt hat, das ihr ausgehändigt werden soll, falls ihm etwas zustößt. Katja ist verwirrt, denn warum sollte ein Sechzehnjähriger einen Notar aufsuchen? Als ihr der Notar eine kleine Holzkiste überreicht und sie darin das Armband ihrer Schwester findet, ist Katja schockiert. Wie kam Leon an das Armband ihrer vermissten Schwester? Was will ihr verstorbener Sohn ihr mit dieser Botschaft mitteilen? Lebt ihre Schwester Nicci noch? War Leons Tod womöglich gar kein Unfall? Auf der Suche nach Antworten auf all ihre Fragen kommt Katja allmählich einem Geheimnis auf die Spur, das erschütternder ist, als alles, was sie sich jemals vorgestellt hatte. Dabei ist sie vollkommen auf sich allein gestellt, denn sie spürt, dass sie niemandem mehr vertrauen kann – weder ihrem Mann noch ihren Eltern.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe mich sehr gefreut, als mich Michael Theißen anschrieb und anfragte, ob ich seinen Debütroman Leons Erbe lesen möchte, denn der Klappentext klang überaus spannend und ich entdecke gerne neue Thrillerautoren.
Schon auf den ersten Seiten war ich von der Geschichte gefangen, denn dem Autor gelingt es ausgezeichnet, sofort Spannung aufzubauen und sie auch kontinuierlich zu halten. Die flüssige Schreibweise und kurze Kapitel, die mit einem Cliffhanger enden, sorgen dafür, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann, weil man einfach wissen muss, wie es auf der nächsten Seite weitergeht.
Die Hauptprotagonistin Katja, aus deren Perspektive der Leser die Geschehnisse miterlebt, ist sehr fein gezeichnet. Ihr Schmerz um den Verlust ihres Kindes und die Sorgen und Ängste, die sie seit dem Verschwinden ihrer Schwester durchleidet, sind sehr eindrücklich geschildert und waren für mich auch nachvollziehbar – nur ihre Handlungen waren es leider nicht immer. Vollkommen schleierhaft war für mich zum Beispiel, warum sie nicht in Erwägung zieht, die Polizei zu informieren. Sie selbst lässt sich nie etwas zu Schulden kommen, und wenn mein Kind bei einem Unfall auf so rätselhafte Weise ums Leben käme, wäre das Wort, das ich einem äußerst dubiosen Notar gegeben hätte, so ziemlich das Letzte, woran ich mich halten würde. Sie bricht ihr Versprechen, mit niemandem über diese kleine Holzkiste zu reden, die Leon für sie hinterlegt hat, nicht einmal, als dieser Notar ermordet wird. Dass sie unter den gegebenen Umständen häufig verwirrt ist und nicht mehr weiß, wem sie noch Glauben schenken und vertrauen kann, ist zwar durchaus nachvollziehbar dargestellt, aber warum sie ausgerechnet die naheliegendsten Möglichkeiten, endlich Licht ins Dunkel zu bringen und sich Hilfe zu holen, vollkommen außer Acht lässt, war mir ein Rätsel. Allerdings trägt Katjas mitunter verwirrtes und nicht immer logisches Handeln enorm zum Spannungsaufbau bei, denn es führt dazu, dass der Leser an ihrer Seite ständig auf die falsche Fährte gelockt wird. Im Verlauf der Handlung tauchen immer wieder neue Verdächtige auf, und selbst Menschen, die Katja nahestehen, verhalten sich äußerst rätselhaft. Auch diese Nebencharaktere sind sehr interessant und vielschichtig gestaltet. Sobald ich dachte, dem Geheimnis nun auf die Spur gekommen zu sein, ergaben sich wieder neue Wendungen, die mich überraschten. Das Ende war jedenfalls vollkommen unvorhersehbar, aber leider auch viel zu konstruiert. Wenn eine Protagonistin in einer für mich nicht nachvollziehbaren Weise agiert, aber ansonsten sehr überzeugend und gut ausgearbeitet ist, ist dies für mich allerdings kein Kriterium, ein Buch schlechter zu bewerten – ich kann schließlich nicht erwarten, dass fiktive Charaktere so handeln, wie ich es tun würde. Der Plot dieses Thrillers, der kontinuierliche Spannungsverlauf, die überraschenden Wendungen und der flüssige Schreibstil des Autors haben mir jedenfalls sehr gut gefallen und sind für einen Debütroman dieses Genres recht außergewöhnlich. Wäre dieses völlig überkonstruierte Ende nicht gewesen, hätte er mich vollkommen überzeugt.

So war Leons Erbe für mich ein wirklich guter, solider und fesselnder Thriller, der mich gut unterhalten und mir spannende Lesestunden bereitet hat. Ich hoffe, dass man von diesem Autor noch mehr lesen wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an Michael Theißen für seine freundliche Anfrage und an den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Das Buch ist derzeit nur als eBook erhältlich, erscheint am 11. Juli 2016 jedoch auch als Taschenbuch bei Bastei Lübbe

Michael Theißen: Leons Erbe
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 02. Mai 2016
300 Seiten
ISBN 978-3-7325-2510-2

Cover: Bastei Lübbe

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Buchrezension: Harlan Coben – Ich schweige für dich

Harlan Coben - Ich schweige für dichInhalt:

Adam Price ist erfolgreicher Anwalt, glücklich verheiratet mit Corinne, die er über alles liebt, und hat zwei wundervolle Kinder, die ihn mit Stolz erfüllen. Doch von einer Sekunde auf die andere bricht Adams vormals heile Welt vollkommen in sich zusammen.

 Sie hätten nicht mit ihr zusammenbleiben müssen!

Nur diese eine Satz aus dem Mund eines Fremden und nichts ist mehr so, wie es war, denn nun ist der Keim des Zweifels gesät. Hat Corinne, die Frau, mit der er seit Jahren verheiratet ist und der er stets bedingungslos vertraute, ihn tatsächlich belogen? Wer ist dieser Fremde, der unaufgefordert in sein Leben eindringt und die verborgensten Geheimnisse seiner Ehefrau zu kennen scheint? Offensichtlich hat er sogar Beweise für seine Behauptungen. Soll Adam Corinne mit diesen Vorwürfen konfrontieren oder lieber schweigen und versuchen, einfach zu vergessen, was der Fremde ihm offenbarte? Adam kann nicht schweigen, denn das Misstrauen nagt viel zu sehr an ihm. Solange er keine Gewissheit hat, wird diese Stimme des Zweifels in seinem Hinterkopf niemals verstummen. Als Adam seine Frau zur Rede stellt, weicht sie ihm jedoch aus, will ein klärendes Gespräch lieber verschieben und verschwindet am nächsten Morgen spurlos, ohne dass es zu einer Aussprache gekommen wäre. Verzweifelt und wütend zugleich begibt sich Adam auf die Suche nach Corinne.
Währenddessen sucht der rätselhafte Fremde auch noch andere Menschen auf und enthüllt ihnen die Geheimnisse ihrer Liebsten. Sie sollen erfahren, was die Person, der sie blind vertrauen, die sie lieben und zu kennen glauben, vor ihnen verbirgt, auch wenn ihr Leben danach nie wieder so sein wird, wie bisher. Doch dann gibt es einen ersten Toten, denn jemand ist bereit zu töten, um sein dunkelstes Geheimnis vor der Aufdeckung zu bewahren.

Meine persönliche Meinung:

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel bezeichnete Geheimnisse einst als „eine der größten geistigen Errungenschaften der Menschheit“. Jeder von uns hat sie – Heimlichkeiten und kleine Leichen im Keller, die wir vor anderen zu verbergen versuchen. Geheimnisse ermöglichen es uns, uns abzugrenzen, Distanz zu wahren und auch zu bestimmen, wer oder was wir für andere sein wollen. Sie machen uns auch interessanter, da jede Banalität an Bedeutung gewinnt, sobald man sie mit einer Aura des Geheimnisvollen und Mysteriösen versieht. Außerdem haben wir ein Recht auf Geheimnisse, denn die Verfassung garantiert uns ein Brief-, Post-, Bank- und Arztgeheimnis. Geheimnisse sind ein Teil unserer Privatsphäre und markieren in erster Linie die Grenze von privat und öffentlich. Wir wollen einfach nicht, dass unsere intimsten Wünsche und Gedanken an die Öffentlichkeit gelangen, schämen uns, wären blamiert, vielleicht sogar gesellschaftlich ruiniert, wenn jeder alles von uns wüsste. Wenn unsere Geheimnisse an die Öffentlichkeit gelangen, ist uns das nicht nur peinlich, es macht uns auch erpressbar. Im Privaten hingegen sieht das ein wenig anders aus. Wenn wir einen Menschen lieben oder ihm besonders nahestehen, erwarten wir, dass er keine Geheimnisse vor uns hat, denn wir wollen keine Grenze, sondern Nähe und Vertrauen, die Basis jeder starken Bindung und Partnerschaft. Wenn wir merken, dass unser Partner Geheimnisse vor uns hat, sind wir verletzt, fühlen uns verraten und zweifeln an der Qualität der Beziehung.
Mit all diesen Themen beschäftigt sich auch Harlan Coben in seinem neusten Thriller Ich schweige für dich. Schon auf der ersten Seite erfährt der Hauptprotagonist Adam, dass seine Frau Corinne ein Geheimnis vor ihm hat. Das Wissen, dass sie ihm etwas verschwiegen hat, erschüttert ihn so sehr, dass er seine Ehe in Frage stellt und sein Leben vollkommen aus den Fugen gerät. Ich muss zugeben, dass mir Adam nicht besonders sympathisch war. Coben hat den Hauptprotagonisten zwar sehr präzise ausgearbeitet, lässt den Leser tief in die Gedanken- und Gefühlswelt von Adam eintauchen und gibt sich auch alle Mühe, dass man mit ihm mitfühlen und -leiden kann, aber Mitgefühl und Sympathie wollten sich bei mir leider trotzdem nicht einstellen. Für Adam wiegt das, was er nun über seine Frau erfährt, offenbar schwerer als der Vertrauensbruch an sich. Irgendwie habe ich den Eindruck gewonnen, dass er nicht erkennt, dass in seiner Ehe ganz grundsätzlich etwas im Argen lag und zwischen ihm und seiner Frau offenbar ein Kommunikationsproblem besteht. Das Geheimnis, das der Fremde Adam über Corinne offenbart, ist angesichts der Leichen, die in den Kellern so mancher Ehen schlummern, nicht besonders spektakulär oder niederschmetternd. Man muss auch nicht über weitreichende psychologische Kenntnisse verfügen, um zu erkennen, dass Corinnes Lüge kein perfider Verrat, sondern ein Hilfeschrei war, ein Schrei nach Liebe und Anerkennung, geboren aus der Angst, verlassen zu werden. Es dauert jedoch unendlich lange, bis in Adam die Erkenntnis reift, dass er nicht ganz unschuldig an Corinnes Verhalten ist, seinen Teil dazu beitrug und selbst ein kleines Geheimnis hat, das er seiner Frau verschwieg.
Der Protagonist, der mir hingegen fast schon ein wenig sympathisch war, war der rätselhafte Fremde, der Menschen erbarmungslos mit der Wahrheit über ihre Liebsten konfrontiert. Allerdings greift er dabei zu recht fragwürdigen Methoden. Jedenfalls geht er davon aus, dass jeder ein Recht auf Wahrheit hat und grundsätzlich würde ich mit ihm diesbezüglich sogar übereinstimmen. In Ehen, Partnerschaften und innerhalb der Familie sollte es tatsächlich keine Lügen und Geheimnisse geben, denn Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und bedingungsloses Vertrauen sind meiner Meinung nach die Voraussetzung für jede stabile Beziehung. Im öffentlichen Bereich hingegen hat jeder Mensch das Recht auf Geheimnisse und eine Privatsphäre. Anhand der Figur dieses rätselhaften Fremden zeigt Coben jedoch, wie gläsern wir Menschen geworden sind, dass es kaum noch etwas wie Privatheit gibt und was passieren kann, wenn unsere kleinen, intimen Geheimisse in die falschen Hände geraten. Der Fremde bezieht all die Informationen, die er über seine Opfer gesammelt hat, aus dem Internet. Jeder hinterlässt dort seine Spuren, jeder Klick ist nachvollziehbar und es wäre naiv zu glauben, dass man im Netz irgendetwas tun kann, das nicht von irgendjemandem eingesehen werden könnte. Jeder Suchbegriff, den wir eingeben, jeden Kauf, den wir tätigen, unsere Interessen, Hobbys, Kontakte und auch die Orte, an denen wir uns gerade befinden, sind im Grunde keine Geheimnisse mehr, sodass man über jeden Internet- und Smartphone – User Dinge in Erfahrung bringen könnte, die eigentlich niemanden etwas angehen. Harlan Coben wendet sich in seinem neusten Buch also einem sehr aktuellen Thema zu, und jeder Leser wird sich nach der Lektüre dieses Thrillers fragen, welche Spuren er tagtäglich im Internet hinterlässt und wie erpressbar er sich damit macht. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik fand ich jedenfalls ganz interessant, aber dennoch hat mich dieses Buch enttäuscht.
Ich habe schon einige Bücher von Coben gelesen und vielleicht war gerade das mein Problem, denn seine Werke folgen offenbar stets demselben Strickmuster, sodass überraschende Momente nahezu ausblieben. Cobens Schreibstil ist wie gewohnt flüssig, der Plot ist schlüssig und stimmig, aber in weiten Teilen leider auch ziemlich vorhersehbar. Auf dem Cover wird das Buch ja als Thriller bezeichnet, aber eben diesen Thrill habe ich nahezu gänzlich vermisst.
Die ersten 100 Seiten waren äußerst zäh und hätte man auf weniger als die Hälfte reduzieren können, denn es passiert eigentlich nicht sehr viel, außer dass Adams vormals perfektes Familienidyll detailliert beschrieben und vor allem ausgiebig Lacrosse gespielt wird. Ich hatte bisher keine Ahnung von dieser Sportart, habe allerdings auch nichts vermisst, aber nun hat sich das ja geändert, denn über gefühlte 500 Seiten hinweg habe ich Adam und seine Söhne auf diesen Sportplatz begleitet. Ich bin diesbezüglich vermutlich auch etwas empfindlich, weil ich Mannschaftssportarten generell nichts abgewinnen kann, aber diese Lacrosse-Spiele gingen mir ungeheuer auf die Nerven und führten dazu, dass sich das erste Drittel des Romans für mich endlos hinzog. Erst auf den letzten 100 Seiten nimmt der Thriller dann ein wenig an Fahrt auf, hat auch einen recht actionreichen Showdown, bis dann ganz am Ende – was wohl? – ja, wieder Lacrosse gespielt wird.
Auch wenn ich die eigentliche Thematik dieses Thrillers recht interessant fand, war ich von der Umsetzung enttäuscht. Wenn mir ein Hauptprotagonist so unsympathisch ist, fällt es mir einfach schwer, mich in ihn einzufühlen und mit ihm mitzufiebern. Am meisten habe ich allerdings das vermisst, was für mich einen Thriller letztendlich ausmacht – Spannung, Nervenkitzel und beklemmende Momente.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Harlan Coben: Ich schweige für dich
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 08. März 2016
416 Seiten
ISBN 978-3-442-20504-2

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Kate Morton – Das Seehaus

Kate Morton - Das SeehausInhalt:

Als die sechzehnjährige Alice Edevane im Juni 1933 aufgeregt dem alljährlichen Mittsommerfest auf Loeanneth, dem idyllisch gelegenen Landsitz ihrer Familie in Cornwall entgegenfiebert, ahnt sie noch nicht, dass sich ihr Leben und das ihrer Familie schon am nächsten Tag für immer verändern wird. Voller Vorfreude beobachtet das neugierige und aufgeweckte junge Mädchen, wie die letzten Vorbereitungen für das prunkvolle Fest getroffen werden und wirft dabei ihrer heimlichen Liebe Ben, der als Gärtner auf dem Anwesen ihrer Eltern arbeitet, immer wieder sehnsuchtsvolle Blicke zu. Doch am Morgen nach dem Mittsommerfest ist nichts mehr so wie es war, denn Alices kleiner, erst elf Monate alter Bruder Theo ist plötzlich spurlos verschwunden. Es gibt keine Lösegeldforderungen und die intensive Suche nach dem Kind bleibt erfolglos. Lebt Theo noch? Wurde er entführt und fiel einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer? Die Familie zerbricht fast an diesem schweren Verlust, ihren Schuldgefühlen und der zermürbenden Ungewissheit, nicht zu wissen, was dem Kind zugestoßen ist. Das einstige Paradies, das Loeanneth stets war, wurde zerstört; es scheint, als sei es mit dem kleinen Theo verschwunden. Und so beschließen die Edevanes, das Haus in Cornwall für immer zu verlassen, nach London zu ziehen und nie wieder zurückzukehren.
Siebzig Jahre später entdeckt Sadie Sparrow bei einem Spaziergang mit ihren Hunden zufällig ein von dichtem Dornengestrüpp umgebenes, verfallenes altes Herrenhaus im Wald. Sadie ist Polizeibeamtin in London, hat sich aber kürzlich eines Fehlverhaltens schuldig gemacht und wird von ihrem Vorgesetzten gebeten, sich eine Auszeit zu nehmen. Bis ein wenig Gras über diese Sache gewachsen ist und um ein wenig Abstand zu gewinnen, fährt Sadie für ein paar Wochen nach Cornwall zu ihrem Großvater Bertie. Als sie dort nun ganz in der Nähe auf das alte, verlassene und verwahrloste Landhaus an einem kleinen See stößt, das von einem Rankengeflecht überwuchert ist und den Anschein erweckt, als sei es überstürzt verlassen worden, ist ihre Neugierde sofort geweckt. Schon während sie durch die Fenster ins Innere des Hauses blickt, ahnt sie, dass hier etwas Furchtbares passiert sein muss. Wären die Einrichtungsgegenstände nicht von einer dicken Staubschicht bedeckt, könnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Bewohner nur kurz verreist und würden jeden Moment in ihr Haus zurückkehren. Sadie will unbedingt wissen, wem dieses Haus gehört und warum es offenbar bereits seit vielen Jahren unbewohnt ist. Im Dorf erfährt sie, dass es sich bei dem Haus um den Familiensitz der Edevanes handelt, einer sehr wohlhabenden Familie, die in den Dreißigerjahren weggezogen ist, nachdem ihr jüngstes Kind auf rätselhafte Weise verschwand. Das Anwesen gehört nun der inzwischen 86-jährigen Alice, der Tochter der Edevanes, die als erfolgreiche Kriminalschriftstellerin in London lebt. Sadie versucht, mit Alice in Kontakt zu treten, doch ihre Briefe bleiben zunächst unbeantwortet, denn Alice, so scheint es, will nicht an die Vergangenheit erinnert werden. Doch Sadie fühlt sich magisch angezogen von dem verfallenen Haus am See, will das Rätsel um das verschwundene Kind lösen und stößt dabei auf ein schreckliches Familiengeheimnis, das sich seit vielen Jahrzehnten hinter den dicken Mauern von Loeanneth verbirgt.

Meine persönliche Meinung:

Ich bin schon sehr lange neugierig auf die Bücher von Kate Morton, habe aber bisher noch keinen Roman von ihr gelesen, weil die Cover recht kitschig anmuten und die Klappentexte mich bisher nicht wirklich angesprochen haben. Nachdem ich in der letzten Zeit jedoch fast nur recht blutige und brutale Thriller gelesen habe, war mir nun nach etwas leiseren Tönen, weniger Blut und Action, aber dafür nach etwas mehr Drama und Tiefgang. Außerdem standen auf dem Klappentext von Das Seehaus zwei kleine Zauberwörtchen, mit denen man mich immer ködern kann, nämlich „verfallenes Haus“. Klingt albern – ist aber so. Ich liebe solche Häuser, sogenannte „Lost Places“, also Gebäude, die vor langer Zeit verlassen und dann vergessen wurden, in denen lange niemand mehr war, an denen weder Plünderer, Touristen noch Archäologen oder der Denkmalschutz ihr Unwesen trieben, die in einer Art Dornröschenschlaf dahindämmern und dem Verfall preisgegeben sind. Diese Orte faszinieren mich auf eine ganz besondere Weise, weil sie gespenstisch, geheimnisvoll, morbide und wunderschön zugleich sind.
Kate Morton gelingt es ganz wunderbar, die Atmosphäre, die von dem seit langem unbewohnten und inzwischen verfallenen Herrenhaus, das die Polizistin Sadie bei ihrem Spaziergang entdeckt, ausgeht, sehr anschaulich zu beschreiben. Der Leser entdeckt an Sadies Seite das verlassene Anwesen, durchschreitet mit ihr den verwilderten Garten und die Räume, in denen, von einer dicken Staubschicht bedeckt, noch das Geschirr auf dem Tisch steht, ein aufgeschlagenes Buch neben einem Tintenfässchen liegt und verblichene Bilder an der Wand hängen. Die präzise Beschreibung der Landschaft Cornwalls, dieses geheimnisvollen Gebäudes sowie die Faszination, die es auf Sadie ausübt, sodass sie sich von dem Haus und der Geschichte seiner ehemaligen Bewohner unwiderstehlich angezogen fühlt, zeugt von einem wirklich ausgezeichneten Talent der Autorin, mit Worten Stimmungen zu erzeugen und eindrucksvolle Bilder zu zeichnen.
Es ist nicht leicht, diesen Roman einem bestimmten Genre zuzuordnen, denn er ist Familienroman, historischer Roman und Kriminalroman zugleich. Sehr geschickt werden in Das Seehaus Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben. Bei dem ständigen Wechsel zwischen den verschiedenen Zeitebenen taucht der Leser nicht nur tief in die Vergangenheit der Familie Edevane ein, sondern begleitet die Polizistin Sadie auch bei ihren Ermittlungen in der Gegenwart und erfährt, an welchem Fall sie zuletzt gearbeitet und welches Vergehens sie sich dabei schuldig gemacht hat. Nach und nach werden immer mehr Details offenbart, die über das rätselhafte Verschwinden des kleinen Theo vor siebzig Jahren Auskunft geben. Doch je tiefer man in die Geschichte der Familie Edevane eindringt, umso verwirrter ist man, denn immer, wenn man glaubt, genau zu wissen, wer für das Schicksal des Kindes verantwortlich ist und was aus Theo geworden ist, tauchen weitere Verdächtige und Tatmotive auf, sodass man immer wieder auf falsche Fährten gelockt wird.
Besonders beeindruckend war hierbei, wie ausführlich, präzise und vielschichtig die Charaktere ausgearbeitet wurden. Die beiden Hauptprotagonistinnen Alice und Sadie sind jede auf ihre Weise sehr interessante und starke Frauenfiguren. Vor allem Alice, die sich von einem aufgeweckten und fröhlichen jungen Mädchen zu einer sehr eigensinnigen, verbitterten, ruppigen und unnahbaren, aber gleichzeitig auch starken und unabhängigen Frau entwickelt hat, Zeit ihres Lebens nie mit den Erlebnissen in der Vergangenheit abschließen konnte und mit schweren Schuldgefühlen kämpft, wird äußerst eindrücklich dargestellt. Aber auch die längst verstorbenen Mitglieder der Familie Edevane, deren Schicksal von zwei Weltkriegen geprägt wurde und von denen jedes seine eigenen Geheimnisse mit sich trägt, werden durch die detaillierten Charakterisierungen sehr lebendig. Dabei war Eleonore Edevane, die Mutter von Alice und dem kleinen Theo, für mich die Protagonistin, die mich am meisten beeindrucken konnte.
Auch wenn der Schreibstil der Autorin sich sehr flüssig lesen lässt, ist er teilweise so blumig und schwülstig, dass der Roman oft in Kitsch abzurutschen drohte. Die Detailverliebtheit, mit der Kate Morton Landschaften, Stimmungen und Personen beschreibt, ist an manchen Textstellen doch äußerst ausufernd, was den Lesefluss hin und wieder hemmte, da der Spannungsbogen durch allzu ausschweifende Beschreibungen oft nicht gehalten werden konnte. So war ich versucht, ganze Seiten einfach quer zu lesen, weil seitenlang recht wenig passiert, schon gar nichts, was die Handlung irgendwie vorantreiben würde. Das fand ich ein wenig schade, denn die Autorin hat zweifellos erzählerisches Talent, die Geschichte war auch sehr spannend und gut durchdacht, aber der Roman hatte leider häufig so viele Längen, dass man sich durch manche Passagen regelrecht quälen musste. Dies ließ das Lesen bedauerlicherweise mitunter zu einer recht zähen Angelegenheit werden.
Der Plot ist äußerst stimmig, am Schluss fügt sich alles zu einem runden Ganzen zusammen, aber das Ende des Romans war leider so konstruiert und so verkrampft auf ein Happyend hin angelegt, dass ich es nicht mehr berührend, sondern einfach nur noch kitschig fand. Generell habe ich ja nichts gegen versöhnliche Enden und ein bisschen heile Welt, aber das war mir dann doch ein wenig zu viel des Guten.
Dennoch hat mich der Roman sehr gut unterhalten und teilweise auch tief berührt. Ich fühlte mich sehr authentisch in die Vergangenheit und in dieses geheimnisvolle Herrenhaus nach Cornwall versetzt, da Kate Morton wirklich ganz wunderbar und bildhaft Stimmungen einfangen und beschreiben kann. Ich hätte mir lediglich ein bisschen mehr Spannung und etwas weniger Kitsch gewünscht.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an das Bloggerportal und den Diana Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Kate Morton: Das Seehaus
Verlag: Diana
Ersterscheinungsdatum: 29. Februar 2016
608 Seiten
ISBN 978-3-453-29137-9

Cover: Diana Verlag

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