Buchrezension: Tess Gerritsen – Der Meister

Der Meister von Tess GerritsenInhalt:

Als Detective Jane Rizzoli zum Fundort einer Leiche ins noble Villenviertel von Newton gerufen wird, erwartet sie dort ein grausam groteskes Szenario. Der Chirurg Dr. Richard Yeager lehnt gefesselt und mit aufgeschlitzter Kehle an der Wand seines Wohnzimmers, das über und über mit Blut bespritzt ist. Seine Frau Gail wird vermisst, und alle Hinweise deuten darauf hin, dass sie entführt wurde. Die kriminaltechnischen Untersuchungen des Tatorts lassen darauf schließen, dass Richard Yeager vor seinem Tod gezwungen wurde, mit eigenen Augen mitanzusehen, wie seine Frau gefoltert und vergewaltigt wird. Offenbar sollte er in der Rolle des stillen Zuschauers, bei vollem Bewusstsein und mit dem Wissen, ihr nicht helfen zu können, genau sehen, was seiner Frau angetan wird, bevor der Täter ihm schließlich die Kehle durchschnitt.
Wenige Tage später wird Gail Yeagers Leiche in einem Waldgebiet gefunden. Die junge Frau wurde vor ihrem Tod offensichtlich auf brutalste Weise misshandelt. Da ganz in der Nähe der Toten die stark verweste Leiche einer weiteren Frau entdeckt wird, steht für Jane Rizzoli und ihre Kollegen schnell fest, dass ein gnadenloser Serienmörder sein Unwesen treibt und diese Waldidylle ihm offenbar als Abladeplatz für seine weiblichen Mordopfer dient.
Der Anblick der toten Frauen weckt bei Rizzoli quälende Erinnerungen an eine Mordserie im vergangenen Jahr, denn diese Morde tragen eindeutig die Handschrift des Chirurgen Warren Hoyt, dem sie beinahe selbst zum Opfer gefallen wäre. Noch immer zeugen die Narben in ihren Handflächen von ihrer letzten Begegnung mit dem Chirurgen, auch wenn die Narben auf ihrer Seele weitaus schmerzhafter sind. Doch Hoyt kann für die jüngsten Morde nicht verantwortlich sein, denn er sitzt seit einem Jahr im Hochsicherheitsgefängnis von Massachusetts. Offenbar handelt es sich bei dem Mörder also um einen Nachahmungstäter, der sich Hoyt zum Vorbild nimmt oder gar um dessen Schüler, den er sein makabres Handwerk lehrte.
Die Ermittlungen gestalten sich für Jane als sehr schwierig und belastend, denn auch wenn sie als einzige Frau in der Mordkommission des Boston Police Department ihren männlichen Kollegen stets demonstrieren möchte, wie stark und unerschütterlich sie ist, haben die traumatischen Erlebnisse, die nun ein Jahr zurückliegen, tiefe Wunden hinterlassen und raubten ihr nicht nur ihr Selbstvertrauen, sondern auch ihr Gefühl der Unbesiegbarkeit. Umso beängstigender und schrecklicher ist es für sie, als sie nun plötzlich feststellt, dass sie erneut ins Visier des Chirurgen geraten ist.

Meine persönliche Meinung:

Vor einigen Wochen haben ich bereits Die Chirurgin, den ersten Band der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe von Tess Gerritsen gelesen und fand ihn so unglaublich spannend, dass ich mir vorgenommen habe, nach und nach alle Bücher dieser Reihe zu lesen. Der Meister ist nun der zweite Band und knüpft inhaltlich an Die Chirurgin an. Auch wenn Der Meister ebenfalls ein eigenständiger und in sich abgeschlossener Thriller ist, halte ich es für sinnvoll, im Vorfeld Die Chirurgin zu lesen, da es sich dabei im Grunde um die Vorgeschichte handelt, auf die auch häufig Bezug genommen wird.
In Die Chirurgin kam es zum ersten Aufeinandertreffen von Detective Jane Rizzoli und dem psychopathischen Serienmörder Warren Hoyt, der aufgrund seiner medizinischen und anatomischen Kenntnisse nur der Chirurg genannt wurde. Doch nun wird Rizzoli erneut mit Hoyt konfrontiert, denn obwohl dieser inzwischen im Gefängnis sitzt, weist eine neue Mordserie erschreckende Ähnlichkeiten mit seinen Morden auf. Als Hoyt dann sogar aus dem Gefängnis entkommen kann und Jane Rizzoli unmissverständlich zu verstehen gibt, dass er sie nicht vergessen hat, spitzt sich die Lage dramatisch zu.
Zweifellos ist es Tess Gerritsen wieder gelungen einen spannenden und wirklich nervenzerreißenden Thriller zu schreiben, der mich in jeder Hinsicht überzeugen konnte und mir sogar noch ein wenig besser gefiel, als der vorhergehende Band. Ich fand es nur ein bisschen schade, dass Detective Thomas Moore von der Bildfläche verschwunden ist, da ich ihn sehr gerne mochte, aber dafür wurde der ehemalige Rechtmediziner Dr. Tierney in den Ruhestand geschickt und nun durch Dr. Maura Isles, die „Königin der Toten“ ersetzt.  Mit Maura Isles hat die Autorin nun eine Hauptfigur geschaffen, die wirklich Potential hat und auf die ich mich in den folgenden Bänden schon sehr freue. Jane Rizzoli dagegen will mir leider immer noch nicht so recht ans Herz wachsen, obwohl sie mir in Der Meister nun schon deutlich sympathischer war, als im ersten Band der Reihe. Auch wenn es eine Frau in einer Männerdomäne sicher nicht immer leicht hat und Jane schon häufig zur Zielscheibe von Sticheleien wurde, ist ihre ruppige, unnahbare Art, mit der sie ihre Ängste, Verletzungen und Schwächen zu verbergen versucht, hin und wieder wirklich unnötig und auch anstrengend, denn so schlimm sind ihre männlichen Kollegen gar nicht. Wenigstens ein paar der Herren verfügen durchaus über die nötige Empathie, um ihre Situation zu verstehen und nutzen ihre Schwächen auch nicht aus, sodass sie manchmal vielleicht ganz gut daran täte, Hilfe und Unterstützung anzunehmen, statt jeden männlichen Kollegen unentwegt vor den Kopf zu stoßen und hinter jedem einen potentiellen Feind zu vermuten, der ihre Autorität untergraben will. Sieht man davon ab, ist sie aber zweifellos eine sehr interessante und facettenreiche, wenn auch nicht unbedingt besonders liebenswerte Protagonistin.
Erneut konnte mich Tess Gerritsen jedoch mit ihrem profunden medizinischen Fachwissen überzeugen, das bei den detailliert beschriebenen Autopsien zum Tragen kommt. Manch einem empfindlichen Magen mag das vielleicht ein wenig zu viel sein, aber ich kann das, zumindest dann, wenn ich es nur lese und nicht persönlich anwesend sein muss, recht gut aushalten. Auch die Einblicke in die Perspektive des Täters, der in einem inneren Monolog immer wieder in Erscheinung tritt und seine perversen Phantasien und Gedanken äußert, verlangen dem Leser einiges ab und ziehen ihn in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit. Dass die Autorin auch mit Blut nicht gerade sparsam umgeht, ist hinreichend bekannt, sodass ich zarten Gemütern von der Lektüre ihrer Bücher eher abraten würde.
Alle anderen erwartet aber auch mit Der Meister wieder ein äußerst packender Thriller mit einem gut konstruierten Plot und einem durchgehenden Spannungsbogen. Lediglich das Ende schien mir ein wenig zu abrupt und nicht besonders originell. Ansonsten hat mir dieser Thriller jedoch wieder ausgezeichnet gefallen und mich auch sehr gut unterhalten. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf Todsünde, den dritten Teil der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Tess Gerritsen: Der Meister
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 08. August 2005
416 Seiten
ISBN 978-3-442-36284-4

Cover: Blanvalet Verlag

 

Buchrezension: Minette Walters – Der Keller

Minette Walter - Der KellerInhalt:

Im Alter von acht Jahren wurde die kleine Muna von den Songolis mit gefälschten Papieren aus einem afrikanischen Waisenhaus geholt und nach England verschleppt. Seitdem muss die inzwischen vierzehnjährige Muna der Familie Tag für Tag zu Diensten sein und bis zur Erschöpfung arbeiten. Sie wird geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt, gequält und nachts in einen dunklen, fensterlosen Keller gesperrt. Selbst dort ist sie nicht sicher vor den ständigen Misshandlungen durch die Familienmitglieder. Muna hat das Haus der Songolis noch nie verlassen, darf nicht einmal in den Garten, aber die Welt da draußen ist ihr ohnehin fremd und macht ihr große Angst. Deshalb fällt es auch niemandem auf, dass Muna im Keller der Songolis lebt und von ihnen wie eine Sklavin gehalten wird.
Als eines Tages der jüngste Sohn der Familie auf rätselhafte Weise spurlos verschwindet, ändert sich Munas Leben von einem Tag auf den anderen. Plötzlich sind ständig Polizisten im Haus, die nach dem vermissten Kind suchen, und damit diese nicht bemerken, unter welchen Bedingungen Muna leben muss, darf sie den Keller nun verlassen, in einem Bett schlafen und hübsche bunte Kleider tragen. Die Songolis geben Muna als ihre geistig zurückgebliebene Tochter aus, die der englischen Sprache nicht mächtig ist. Sie ahnen nicht, dass Muna jedes Wort versteht, viel klüger, scharfsinniger und vor allem gnadenloser ist, als sie glauben und nur auf eine Chance gewartet hat, um einen erbarmungslosen Racheplan in die Tat umzusetzen und ihr jahrelanges Martyrium endlich zu beenden.

Meine persönliche Meinung:

Ich warte schon seit Jahren auf ein neues Buch von Minette Walters, denn ihr Debüt Im Eishaus war vor etwas mehr als 20 Jahren der erste Kriminalroman, den ich gelesen habe und hat mich so restlos begeistert, dass ich dem Genre seitdem treu geblieben bin und jedem Buch der Autorin gespannt entgegenfiebere. Diesbezüglich musste man in den letzten Jahren allerdings sehr geduldig sein, denn auf dem deutschen Buchmarkt ist seit 2008 kein neuer Roman der Autorin erschienen. Umso mehr habe ich mich jetzt natürlich auf Der Keller gefreut, bei dem es sich jedoch diesmal nicht um einen Kriminalroman, sondern um einen Psychothriller handelt – und wenn ein Buch die Bezeichnung „Psychothriller“ verdient, dann dieses. Innerhalb weniger Stunden hatte ich das schmale Büchlein in nur einer Nacht gelesen und war sehr enttäuscht, dass es nur 224 Seiten umfasst. Allerdings beruht die ungeheure Intensität des Textes nicht zuletzt gerade auf seiner Knappheit und Kürze. Minette Walters beschränkt sich auf das Wesentliche, verliert sich nicht in Ausschweifungen, sodass das Erzählte einen enormen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Der Schreibstil der Autorin ist wie gewohnt eindringlich, fesselnd und flüssig.
Schon auf der ersten Seite ist man sofort von der Geschichte gefangen und erfährt nach und nach immer mehr über das Schicksal, die Herkunft und das bisherige Leben der kleinen Muna. Ich war entsetzt und regelrecht angewidert von dem, was die Familie Songoli diesem Kind über Jahre hinweg angetan hat.
Trotz der Kürze des Buches, hat Minette Walters alle Charaktere sehr präzise skizziert und lässt damit nicht nur Muna, sondern auch die Songolis auf geradezu erschreckende Weise lebendig werden und authentisch erscheinen. Schonungslos konfrontiert die Autorin den Leser mit all den schrecklichen Grausamkeiten, die Muna angetan wurden, denn jedes Familienmitglied hat das kleine Mädchen auf seine Art über Jahre hinweg missbraucht und gequält. Dabei empfand ich nicht nur die physische Gewalt sowie die sexuellen Übergriffe als besonders schockierend, sondern vor allem die psychische Gewalt, die ständigen Demütigungen und Erniedrigungen, mit denen man Munas Willen brechen und ihr immer wieder demonstrieren wollte, dass sie wertlos und der Familie vollkommen ausgeliefert ist. Allerdings ahnen die Songolis nicht, wie klug das vermeintlich zurückgebliebene Mädchen ist, wie schnell sie lernt und dass sie all die Jahre genutzt hat, um die Familie genau zu studieren. Muna erinnert sich kaum an ihre frühe Kindheit und die Zeit im Waisenhaus, kennt nur die Songolis, deren Wünsche, Gepflogenheiten, aber auch deren Ängste, Schwächen sowie die Konflikte und Feindseligkeiten innerhalb der Familie. Als nun ihr jüngster Sohn verschwindet und die Songolis sich gezwungen sehen, Muna vor der Polizei als ihre Tochter auszugeben, wendet sich das Blatt. Muna nutzt diese Chance, ihren scharfen Verstand und ihre gute Beobachtungsgabe, um die Songolis zu manipulieren, sich an ihnen zu rächen und mutiert von der machtlosen Sklavin zu einem erbarmungslosen Racheengel. Dabei geht sie nicht weniger grausam und barbarisch vor als ihre Peiniger, aber deutlich geschickter, klüger und raffinierter. Einerseits war ich schockiert von ihrer gnadenlosen Brutalität und vollkommenen Skrupellosigkeit, andererseits hatte ich aber auch Verständnis und Empathie, war fasziniert von ihrem neu gewonnenen Selbstbewusstsein, ihrer Intelligenz und starken Persönlichkeit. Mitleid mit der Familie konnte ich jedenfalls nicht empfinden, weder mit dem ältesten Sohn, der Epileptiker ist, noch mit dem Vater, der nach einem Sturz an den Rollstuhl gefesselt ist und von seiner Frau deshalb nur noch verachtet wird.
Es ist den Songolis nicht gelungen, Munas Willen zu brechen, stattdessen haben sie sie gelehrt, genau wie sie zu sein, merken jedoch nicht, dass sie das Mädchen letztendlich zu ihrem eigenen Spiegelbild geformt haben.
So ist Der Keller von Minette Walters das erschütternde Psychogramm eines Menschen, der nie Liebe und Fürsorge kennenlernen durfte, sondern nur Gewalt, Missbrauch und Unterdrückung erfahren hat und gleichzeitig ein äußerst verstörender, schockierender und fesselnder Psychothriller, den ich jedem, der dieses Genre liebt, nur empfehlen kann.

© Claudia Bett

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Minette Walters: Der Keller
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 18. April 2016
224 Seiten
ISBN 978-3-442-48432-4

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Karin Slaughter – Dreh dich nicht um

Karin Slaughter - Dreh dich nicht umInhalt:

Als die Gerichtsmedizinerin Sara Linton von ihrem Exmann, Polizeichef Jeffrey Tolliver, zum Fundort einer Leiche gerufen wird, deutet zunächst alles darauf hin, dass sich der Student Andy Rosen auf dem Gelände des Grant College von einer Brücke gestürzt und Selbstmord begangen hat. Während Sara den Toten in Augenschein nimmt, wartet ihre hochschwangere Schwester Tessa im Auto, doch als Sara zu ihrem Wagen zurückkehrt, ist ihre Schwester verschwunden. Sie findet sie schließlich blutüberströmt und ohne Bewusstsein im nahegelegenen Wald. Offenbar wurde sie von einem unbekannten Täter niedergestochen und sehr schwer verletzt. Sara wird von sehr großen Schuldgefühlen geplagt, da sie Tessa unüberlegt zu einem Tatort mitgenommen und damit in Gefahr gebracht hat und fühlt sich nun dafür verantwortlich, dass Tessa in der Klinik um ihr Leben kämpft und aufgrund ihrer schweren Verletzungen auch ihr Kind verloren hat.
Noch während ihre Schwester in Lebensgefahr schwebt, ereignet sich bereits der nächste rätselhafte Todesfall, denn die Studentin, die die Leiche von Andy Rosen gefunden hatte, hat sich offenbar erschossen. Sara und Jeffrey zweifeln jedoch allmählich an der Selbstmordtheorie und vermuten, dass zwischen dem Tod der beiden Studenten und dem Angriff auf Tessa ein Zusammenhang besteht.
Wurden die beiden Studenten ermordet? Hat Tessa in der Nähe des Tatorts zufällig etwas entdeckt, was der Täter unbedingt verhindern wollte? Da Andy Rosen jüdischer Herkunft war und der Vater von Tessas ungeborenem Kind Afroamerikaner ist, stellt sich auch die Frage, ob den Gewalttaten rassistische Motive zugrunde liegen könnten. Oder warum verhält sich die Ex-Polizistin Lena Adams sonst plötzlich so eigenartig? Die ehemalige Mitarbeiterin von Jeffrey Tolliver, die noch immer unter den Folgen ihrer Entführung und Vergewaltigung leidet, aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist und derzeit für die zivile Campus-Polizei arbeitet, bekämpft ihre traumatischen Erlebnisse mit Alkohol und ist nun mit einem gewaltbereiten Rassisten liiert. Deckt Lena ihren neuen Freund, hat etwas mit den seltsamen Vorfällen auf dem Campus zu tun oder befindet sie sich selbst in großer Gefahr?

Meine persönliche Meinung:

Vor einigen Jahren habe ich bereits Belladonna und Vergiss mein nicht, die beiden ersten Bände der Grant-County-Serie von Karin Slaughter gelesen, fand sie unglaublich spannend und habe mir nun vorgenommen, nach und nach alle Bände der Reihe zu lesen. Da Lena Adams in Dreh dich nicht um eine bedeutende Rolle zukommt und es zum besseren Verständnis des Buches von Vorteil wäre, ihre Vorgeschichte zu kennen, sollte man die beiden ersten Bände gelesen haben, bevor man diesen dritten Band der Reihe liest. Wer jedoch mit Dreh dich nicht um begonnen hat, um in die Serie einzusteigen, kann sich die Lektüre von Belladonna getrost schenken. Ich halte es jedenfalls für empfehlenswert, die chronologische Reihenfolge der Grant-County-Serie einzuhalten:

  1. Belladonna
  2. Vergiss mein nicht
  3. Dreh dich nicht um
  4. Schattenblume
  5. Gottlos
  6. Zerstört

Wenn man schon Bücher von Karin Slaughter gelesen hat, ist man nicht überrascht, dass es auch in Dreh dich nicht um wieder recht brutal und blutig zur Sache geht, denn auch in diesem Thriller macht die Autorin ihrem Nachnamen Slaughter, der übrigens kein Pseudonym ist, wieder alle Ehre. Für zart besaitete Gemüter oder Leser mit einem empfindlichen Magen ist das Buch nicht geeignet, denn Karin Slaughter scheut sich nicht, Leichenfunde und Obduktionen detailliert zu beschreiben, was mitunter etwas unappetitlich werden kann. Da ich Krimis, in denen Gerichtsmediziner ermitteln, sehr gerne lese, kann mich das nicht erschüttern und verursacht bei mir auch keine Alpträume – zumindest solange ich nur in der fiktiven Welt damit konfrontiert werde. Wenn ein Thriller spannend ist und diese blutigen Details nicht nur pure Effekthascherei sind, sondern zur Aufklärung des Falles beitragen, kann ich auch entspannt darüber hinwegsehen. In den Büchern von Karin Slaughter bleibt der Ekelfaktor für mich jedenfalls in einem erträglichen Rahmen.
Während ich von den beiden ersten Bänden der Reihe sehr begeistert war, konnte mich Dreh dich nicht um leider nicht so recht überzeugen. Das Buch war durchgehend spannend, der Schreibstil ist einfach und anspruchslos, sodass es sich angenehm flüssig und schnell lesen lässt, aber eine Reihe von Ungereimheiten und an den Haaren herbeigezogenen Zufällen haben mich dann doch enttäuscht. Da wurde ganz tief in die Trickkiste gegriffen, um möglichst alle Formen von Gewalt und Kriminalität, also nahezu alles, was das Thrillergenre hergibt, in ein Buch zu packen – Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Rassismus, Selbstjustiz, Rache, Drogenkriminalität, sexuelle Perversionen und erbitterte Machtkämpfe zwischen Akademikern – alles drin. Manchmal wäre etwas weniger durchaus mehr, wenn ein Buch noch ein bisschen glaubwürdig sein soll.
Und so erging es mir leider auch mit den Protagonisten, besonders mit Lena Adams, die Leser der Reihe bereits aus Belladonna und Vergiss mein nicht kennen. Seit ihre Zwillingsschwester grausam ermordet und sie selbst entführt, vergewaltigt und gefoltert wurde, ist die ehemalige Polizistin schwer traumatisiert. Dass sie ihre schmerzhaften Erinnerungen an diese Erlebnisse mit Alkohol zu betäuben versucht und selbstzerstörerische Tendenzen entwickelt, ist für mich noch durchaus nachvollziehbar. So war ich zu Beginn des Buches auch empathisch und hatte Verständnis für ihr Verhalten, das jedoch im weiteren Verlauf der Handlung immer abstruser und unverständlicher wird. Warum sie ausgerechnet die wenigen Menschen, die es gut mit ihr meinen und ihr helfen wollen, ständig vor den Kopf stößt und sich stattdessen mit einem gewalttätigen Rassisten einlässt, der nicht gerade zimperlich mit ihr umgeht, war mir dann doch ein wenig schleierhaft.
Die Gerichtsmedizinerin und Kinderärztin Sara Linton, die man auch schon aus den beiden vorhergehenden Bänden kennt, kommt in Dreh dich nicht um leider etwas zu kurz, was ich sehr schade finde, da sie die Protagonistin der Reihe ist, die mir am sympathischsten ist. Sie ist klug, scharfsinnig und willensstark, wirkt nach außen recht kühl und unnahbar, ist aber eine sehr emotionale, einfühlsame und empfindsame Frau. Nachdem Jeffrey Tolliver sie in der Ehe betrogen hat, ließ sie sich von ihm scheiden, aber allmählich nähert sich das Paar, das immer noch gemeinsam ermittelt, nun auch privat wieder an. Glücklicherweise steht das Privat- und Liebesleben dieser beiden Charaktere jedoch nicht im Mittelpunkt der Erzählung, denn obwohl man natürlich wissen will, wie das Leben der Hauptprotagonisten einer Reihe weitergeht, gibt es für mich in Thrillern und Krimis eigentlich nichts Nervtötenderes als die ausführlichste Darstellung der Privatangelegenheiten der ermittelnden Protagonisten.
Bedauerlicherweise waren es gerade die gemeinsamen Ermittlungen von Sara und Jeffrey, die mich in diesem Band der Serie etwas ratlos machten, denn die Tätersuche verläuft so unstrukturiert und chaotisch, dass am Ende nur eine Reihe von teilweise hanebüchenen Zufällen zur Lösung des Falls führen. Das war dann doch etwas enttäuschend und zeugt von einem schlecht durchdachten Plot, dem etwas mehr Struktur und Logik ganz gut getan hätten. Auf der letzten Seite kommt es jedoch noch zu einer sehr verblüffenden Wendung, die mich dann wieder ein wenig versöhnlich stimmte.
Ein erzählerisches und sprachliches Meisterwerk ist Dreh dich nicht um freilich nicht, kann dem Vergleich mit den beiden ersten Bänden der Reihe auch nicht standhalten, aber es ist ein durchaus spannender und kurzweiliger Thriller für Zwischendurch. Ich bin jedenfalls nach wie vor gespannt, wie es mit der Serie weitergeht und freue mich auf Schattenblume, den nächsten Fall für Gerichtsmedizinerin Sara Linton und Chief Jeffrey Tolliver.

© Claudia Bett

 Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Karin Slaughter: Dreh dich nicht um
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 01. Januar 2005 (bei Wunderlich)
480 Seiten
ISBN  978-3-442-38268-2

Cover: Blanvalet Verlag

Montagsfrage: Wie kommst du mit Gewalt in Büchern zurecht? Magst du blutige Szenen oder lehnst du sie ab?

Montagsfrage

Eine Aktion von Buchfresserchen

Ich lese überwiegend Krimis und Thriller, zwei Genres also, bei denen meist ein Verbrechen im Zentrum der Handlung steht, Gewalt eine große Rolle spielt und auch die ein oder andere blutige Szene vorkommt. Meistens wird in diesen Büchern gemordet, hin und wieder auch bestialisch hingerichtet, aber ich kann das auch recht gut aushalten, weil es dabei um eine Form von Gewalt geht, der ich im realen Leben glücklicherweise noch nicht begegnet bin.
Dennoch verabscheue ich Bücher, bei denen kübelweise Blut und Eingeweide aus den Seiten strömen, denn blutige Massaker und Gewaltorgien sind meist nichtssagend, platt, langweilig und tragen nicht zur Spannung, geschweige denn zur Handlung bei. Einen guten Spannungsroman erkennt man meiner Meinung nach gerade daran, dass auf blutige Details und Gewaltszenen verzichtet wird. Edgar Allan Poe, der als Meister des Grauens und Begründer der modernen Kriminalliteratur gilt, kam jedenfalls vollkommen ohne Blutbäder aus.
Leider werden Thriller, vor allem die von amerikanischen Autoren, immer blutiger, brutaler und damit auch plumper und nichtssagender. Statt eines gut durchdachten, raffinierten Plots und fein gezeichneten Charakteren wird der Leser mit sinnlosem Gemetzel, seitenlangen Beschreibungen von Leichenteilen und ekligem Getier zu Tode gelangweilt. Ich habe Richard Laymon mehrere Chancen gegeben, aber ich halte seine Bücher einfach nicht aus, denn die sind reinster Splatter – schlecht konstruiert, sprachlich eine Katastrophe und inhaltlich flach. Ein paar deutschen, skandinavischen und auch britischen Autoren gelingt es aber ganz gut, eine düstere Atmosphäre zu erzeugen, Beklemmung hervorzurufen, den Leser zu fesseln und ihn dennoch weitgehend mit blutigen Details zu verschonen. Håkan Nesser, Minette Walters, Petra Busch und Petra Hammesfahr können das jedenfalls ganz gut.
Das Spannende an Krimis und Thrillern ist für mich nicht, wie jemand ermordet wird, sondern warum. Es ist, wenn man so will, die Faszination des Bösen und die Frage, was jemanden zum Gewalttäter werden lässt, die mich immer wieder zu diesen Genres greifen lassen. Ich interessiere mich vielmehr für die Abgründe menschlicher Seelen, die psychologischen Hintergründe und menschlichen Schicksale, die hinter einer Gewalttat stecken, als für das blutige Gemetzel, mit der sie begangen wurde, denn das ist meiner Meinung nach pure Effekthascherei.

© Claudia Bett

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