Buchrezension: Jenny Milewski – Angstmädchen

Jenny Milewksi - AngstmädchenInhalt:

Die junge Studentin Malin ist überglücklich, als sie ihr Zimmer in einem Studentenwohnheim in Linköping bezieht. Monatelang hatte sie darauf gewartet, dass die Wohngenossenschaft ihr eine Wohnung zuweist und freut sich, dass das richtige Studentenleben nun endlich beginnen kann. Auch ihre Freundin Johanna beneidet sie um das schöne Zimmer, zumal es das einzige ist, das über ein Bad mit einer Badewanne verfügt. Obwohl Malin sehr schüchtern ist und nicht so recht weiß, wie sie sich gegenüber ihren neuen Mitbewohnern verhalten soll, gibt sie sich Mühe, sich in die Wohngemeinschaft zu integrieren.
Wenige Tage nach ihrem Einzug findet sie schwarze Haarbüschel im Abfluss, die nicht von ihr stammen können, und glaubt auch, gesehen zu haben, dass eine blasse Gestalt am Spiegel vorbeigehuscht ist. Sie ist sicher, sich das nur eingebildet zu haben, doch die rätselhaften Vorkommnisse häufen sich und bereiten ihr immer größeres Unbehagen. Als Malin dann erfährt, dass sich die japanische Austauschstudentin Yuko, die zuvor in ihrem Zimmer wohnte, die Pulsadern aufgeschnitten hat, ahnt sie bereits, dass mit ihrem Einzug in diese Wohnung etwas Unheimliches in ihr Leben getreten ist, das sie nie mehr loslassen wird.

Meine persönliche Meinung:

Ich liebe Thriller aus Skandinavien und bin immer auf der Suche nach neuen skandinavischen Thrillerautoren. Dass es sich bei Jenny Milewski um eine schwedische Autorin handelt, wusste ich nicht, der Schauplatz ihres Thrillers Angstmädchen geht aus dem Klappentext auch nicht hervor, und da ich ihr Debüt Skalpelltanz nicht gelesen habe, hatte ich mich sehr gefreut, durch Zufall auf einen skandinavischen Thriller gestoßen zu sein und eine neue schwedische Autorin entdecken zu dürfen.
Nach dem ersten Kapitel, das eigentlich ein Prolog ist und bereits Schlimmes erahnen lässt, springt die Geschichte im zweiten Kapitel in das Jahr 1992 zurück, als Malin in ihr Zimmer im Studentenwohnheim in Linköpping einzieht und zunächst voller Vorfreude auf ihr bevorstehendes Studentenleben ist.
Das ganze Buch wird aus Malins Ich-Perspektive geschildert, sodass man sich sehr gut in das schüchterne Mädchen einfühlen kann, das erst kürzlich aus ihrem behüteten Elternhaus auszog, zwar voller Tatendrang und Enthusiasmus in einen neuen Lebensabschnitt startet, aber dennoch ein wenig ängstlich und unsicher ist, nun auf eigenen Beinen stehen zu müssen. Sie bemüht sich, Anschluss zu finden, will sich mit ihren neuen Mitbewohnern gut verstehen, fühlt sich allerdings etwas verloren und alleingelassen.
Schon kurz nach ihrem Einzug ereignen sich recht mysteriöse Vorfälle, aber ansonsten passiert auf den ersten hundert Seiten leider nahezu nichts – zumindest nichts, was nur ansatzweise spannend wäre. Das erste Drittel des Buches plätschert also recht gemächlich und vor allem nahezu vollkommen ereignislos vor sich hin, und obwohl ich Malins Startschwierigkeiten in der neuen Umgebung sehr gut nachvollziehen konnte und sich das Unheimliche, das in ihr Leben tritt, bereits ankündigt, musste ich mich regelrecht zum Weiterlesen zwingen. Da Jenny Milewski ihre Hauptprotagonistin allerdings sehr gut ausgearbeitet hat und Malin eine liebenswürdige junge Frau ist, die mir sehr sympathisch war und in die ich mich gut einfühlen konnte, wollte ich dennoch wissen, wie es ihr im weiteren Verlauf der Geschichte ergehen wird. Alle anderen Figuren bleiben jedoch recht blass und konturlos, sind allerdings auch nur Staffage, da die Handlung überwiegend auf Malin fokussiert ist.
Glücklicherweise nimmt die Geschichte nach dem recht langwierigen Einstieg dann auch endlich Fahrt auf. Die Ereignisse überschlagen sich sogar förmlich. Malin macht dabei eine erstaunliche Entwicklung durch, wächst über sich hinaus und wird mutiger. Bedauerlicherweise erhält der Leser jedoch bereits im ersten Kapitel so konkrete Hinweise darauf, wie die Geschichte für sie enden wird, dass einfach keine Spannung mehr aufkommen will. Wenn man ohnehin weiß, welches Schicksal die Protagonistin ereilen wird, fällt es eben recht schwer, noch mit ihr mitzufiebern, auch wenn man sich wünschen würde, dass sich alles doch noch zum Guten wendet.
Trotz des bereits bekannten Ausgangs der Geschichte wollte ich aber wissen, was Malin denn nun genau widerfahren ist. Leider kann ich paranormalen Phänomenen nur wenig abgewinnen und hätte mir gewünscht, dass aus dem Klappentext hervorgegangen wäre, dass es sich bei Angstmädchen eigentlich um einen Mystery-Thriller mit Horrorelementen handelt. Ich will ja nicht abstreiten, dass übersinnliche Erscheinungen durchaus ihren Reiz haben und für schaurige Schockmomente sorgen können, aber ich habe mich leider auch nur sehr selten gegruselt. Man muss der Autorin zugutehalten, dass sie sich offenbar intensiv mit der japanischen Kultur und Mythologie beschäftigt hat, was am Ende des Buches auch deutlich wird, aber leider konnte mich Angstmädchen weder fesseln noch schockieren. Dazu ist die Idee, die diesem Buch zugrunde liegt, eben leider auch nicht innovativ genug und zu abgedroschen, um noch für Gänsehaut zu sorgen.
Die wenigen gruseligen Momente und die gut ausgearbeitete Hauptprotagonistin konnten das Buch leider auch nicht mehr retten, sodass Angstmädchen für mich eine ziemliche Enttäuschung war.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jenny Milewski: Angstmädchen
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 09. Januar 2017
336 Seiten
ISBN 978-3-453-43880-4

Cover: Heyne Verlag

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Mein Monatsrückblick Oktober 2016

Gelesen:

Der Monat Oktober stand bei mir anlässlich der #Halloweenwochen ganz im Zeichen besonders gruseliger Bücher. Beklemmende Psychothriller lese ich ohnehin das ganze Jahr über gerne, aber im Herbst darf es durchaus noch etwas schauriger und düsterer sein. Der Gruselfaktor eines Buches hängt für mich ganz entscheidend vom Schauplatz der Geschichte ab. Damit mir ein eisiger Schauer über den Rücken läuft, sollte die Handlung an einem Ort angesiedelt sein, der mir von vornherein ein wenig Angst macht und Beklemmungen hervorruft. Diesbezüglich hatte ich bei einigen Büchern, die ich mir im Oktober vorgenommen hatte, ein wirklich glückliches Händchen.

Insgesamt blicke ich – bis auf eine kleine Ausnahme – auf einen sehr spannenden, durchaus gruseligen und zufriedenstellenden Lesemonat zurück. Ich habe im Oktober sieben Bücher gelesen – das waren 3276 Seiten, also ca. 106 Seiten pro Tag (mit einem Klick auf das Cover oder den Buchtitel gelangt Ihr zu meinen Rezensionen; die noch ausstehenden Rezensionen folgen in den nächsten Tagen)

Ruth Ware - Im dunklen dunklen WaldDichte, dunkle Wälder sind wunderschön und geheimnisvoll zugleich. Obwohl ich den Wald eigentlich mag, ist mir dort immer ein wenig unbehaglich zumute. Wie der Titel schon sagt, spielte der erste Thriller, den ich im vergangenen Monat gelesen habe, Im dunklen, dunklen Wald von Ruth Ware in einem abgelegenen Haus inmitten eines dunklen Waldes. Mir hat dieses Buch ausgesprochen gut gefallen, denn es war durchgehend spannend und sorgte auch für den ein oder anderen schaurigen Moment.

david-morrell-creepersRichtig gruselig ging es dann mit David Morrells Creepers weiter, denn es gibt eigentlich kaum etwas Gruseligeres als verlassene Gebäude, die seit Jahrzehnten leerstehen und noch immer die Spuren des Lebens tragen, das einst in ihnen herrschte. Der morbide Charme dieser sogenannten „Lost Places“ fasziniert mich sehr, ist allerdings auch ziemlich schaurig. David Morrell ist es wirklich überaus gut gelungen, die düstere und geheimnissvolle Atmosphäre, die dem Schauplatz seines Thrillers innewohnt, sehr bildgewaltig zu beschreiben. Leider treten die Gruselelemente nach einer Wendung vollkommen in den Hintergrund und werden durch einen rasanten und actiongeladenen Plot ersetzt, der Actionfans sicher begeistern wird, mir allerdings nicht mehr gefallen wollte.

stephen-king-das-madchenWas wäre ein gruseliger Lesemonat ohne ein Buch von Stephen King, dem „Meister des Grauens“? Nahezu undenkbar! Noch einmal ließ ich mich im vergangenen Monat von einem Buch in einen dunklen Wald entführen und irrte dieses Mal mit einem kleinen Mädchen, das bei einer Wanderung vom Weg abkam, durch einen einsamen Wald. Atmosphärisch dicht und unglaublich fesselnd erzählt Stephen King in Das Mädchen den Überlebenskampf der neunjährigen Trisha, die sich nicht nur gegen wilde Tiere und Schwärme blutsaugender Insekten zur Wehr setzen muss, sondern auch mit erdrückender Einsamkeit und quälendem Hunger und Durst zu kämpfen hat. Ein großartiger und überaus eindrücklicher Roman, der wieder einmal von Kings erstaunlichem erzählerischen Talent zeugt und auch zeigt, wie gut er sich darauf versteht, mit den Urängsten seiner Leser zu spielen.

Der Uebergang von Justin Cronin

Ich war schon lange gespannt auf Der Übergang von Justin Cronin, aber auch ein wenig skeptisch, nachdem mir jemand (der das Buch offensichtlich nicht gelesen oder nicht verstanden hat) erzählte, es handle sich dabei um eine „Vampirgeschichte“. Es ist mitnichten eine „Vampirgeschichte“, sondern ein dramatisches, düsteres, überaus vielschichtiges und komplexes Endzeit-Epos, das sich nur schwer mit wenigen Worten beschreiben lässt. Um es kurz zu machen – es ist grandios und mein absolutes Lesehighlight des Monats. Ich habe jede Seite des mehr als 1000 Seiten umfassenden Auftakts der Passage-Trilogie genossen, inzwischen schon mit dem zweiten Band begonnen und freue mich, dass mit Die Spiegelstadt kürzlich auch der dritte Band erschienen ist und ich somit alle drei Bücher nacheinander lesen kann, ohne auf das Erscheinen des Folgebands warten zu müssen.

Chris-carter-der-kruzifix-killerWeiter ging es mit Der Kruzifix-Killer von Chris Carter, einem Buch, von dem ich mir sehr viel versprochen hatte, weil es mir von allen Seiten empfohlen wurde und der Autor zweifellos zu den wohl beliebtesten und erfolgreichsten Thriller-Autoren gehört. Erwartet hatte ich einen spannenden und psychologischen Thriller eines Bestseller-Autors, der selbst jahrelang als Kriminalpsychologe gearbeitet hat, und bekommen habe ich das, was Denis Scheck vermutlich als „Leichenporno“ bezeichnen würde – eine sehr detaillierte Aneinanderreihung brutalster Folter- und Mordmethoden, ohne Tiefgang und leider auch nahezu vollkommen ohne Spannung. Auch die beiden sympathischen Ermittlerfiguren konnten diesen Thriller nicht mehr retten.

jutta-maria-herrmann-hotlineIch bin nicht gerade ein Glückspilz, wenn es um Gewinnspiele geht, aber ich habe im vergangenen Monat tatsächlich ein Buch gewonnen. Katja vom Blog WortGestalt hat gemeinsam mit der Thriller-Autorin Jutta Maria Herrmann drei signierte Taschenbücher verlost, und ich hatte das Glück, unter den Gewinnern zu sein. Da ich mir ein Buch aussuchen durfte, fiel meine Wahl auf Jutta Maria Herrmanns Thrillerdebüt Hotline, das auch schon nach ein paar Tagen mit einer persönlichen Signierung in meinem Briefkasten lag. Ich habe mich sehr über meinen Gewinn gefreut und der Klappentext von Hotline klang so spannend, dass ich sofort mit dem Lesen beginnen musste und das Buch dann nicht mehr aus der Hand legen konnte, bis ich wusste, wie die diese packende Geschichte endet. Bei einigen Passagen dieses psychologisch ausgefeilten und hervorragend erzählten Psychothrillers lief mir ein eisiger Schauer über den Rücken, aber er hat mich häufig auch sehr berührt und nachdenklich gestimmt.

anna-snoekstra-ihr-letzter-sommerGeendet hat der Lesemonat für mich mit Ihr letzter Sommer, dem Debüt von Anna Snoekstra. Auch dieser Thriller war durchgehend spannend, allerdings häufig zu überkonstruiert. Auch die Protagonisten konnten mich nicht überzeugen, denn sie waren allesamt unsympathisch und ihre Handlungen leider auch oft nicht nachvollziehbar. Dennoch war Ihr letzter Sommer ein durchaus solider und lesenswerter Thriller für Zwischendurch.

 

Gesehen:

Weil mir so nach Gruseln zumute war, wollte ich im Oktober auch mal wieder einen richtig gruseligen Film schauen und bin auf der Suche nach einem düsteren Thriller auf The Others gestoßen, einen Film, der bereits 2002 in die deutschen Kinos kam, den ich allerdings zu meiner Schande noch nicht kannte. Zweifellos handelt es sich bei diesem Mysterythriller des spanischen Regisseurs Alejandro Amenábar inzwischen um einen Genreklassiker.
Ich fand diesen Film großartig, denn ich liebe solche ruhigen Filme, in denen vollkommen auf Monster und blutige Gewaltszenen verzichtet wird und in denen auch ohne Spezialeffekte eine so gewaltige Spannung erzeugt wird, dass mir förmlich das Blut in den Adern gefriert.
Bereits das Setting, ein einsam gelegenes herrschaftliches Landhaus auf der britischen Insel Jersey, ist grandios gewählt. Hier lebt die etwas neurotische Grace, die von Nicole Kidman hervorragend dargestellt wird, gemeinsam mit ihren beiden Kindern und drei neuen Dienstboten. Da ihre Kinder unter einer tödlichen Sonnenlichtallergie leiden, müssen die Vorhänge im Haus immer zugezogen sein. Dunkel ist es also ohnehin ständig in diesem Gebäude, und so reichen ein bisschen Nebel, knarrende Dielen und drei geheimnisvolle Gräber im Garten schon vollkommen, um eine gruselige Atmosphäre zu erzeugen. Nur die von Alejandro Amenábar komponierte Filmmusik vermag es, den Gruselfaktor in manchen Szenen noch zu steigern. Nur selten hatte ich bei einem Film eine solche Gänsehaut.

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Buchrezension: David Morrell – Creepers

david-morrell-creepersInhalt:

Der Geschichtsprofessor Robert Conklin und drei seiner ehemaligen Studenten sind sogenannte „Creepers“ bzw. „Urban Explorers“, also Menschen, die heimlich in verlassene und dem Verfall preisgegebene Gebäude eindringen, um die Relikte der Vergangenheit zu erkunden und sie zu dokumentieren. Ihre aktuelle Expedition, zu der Conklin auch den Reporter Frank Balenger eingeladen hat, führt sie nach Asbury Park ins Paragon Hotel. Dieses ehemals pompöse Luxushotel wurde vor mehr als hundert Jahren erbaut, steht seit über dreißig Jahren leer und soll nun bald abgerissen werden. Streng nach der Devise, nichts am Zustand des einst belebten Hotels zu verändern, sondern seinen Verfall nur zu dokumentieren, dringen die fünf eines Nachts durch einen unterirdischen Tunnel in das heruntergekommene Gebäude ein. Gemeinsam erkunden sie nun die Räume, die noch immer die Spuren der letzten Hotelgäste und auch die des recht skurrilen Erbauers und Hotelbesitzers Morgan Carlisle tragen, der nach der Schließung weiterhin in seinem Hotel gelebt hat, es nie verließ und schließlich Selbstmord beging. Der marode Zustand des Gebäudes macht die Entdeckungstour zu einem sehr gefährlichen Unterfangen. Doch die eigentliche Gefahr lauert nicht hinter den bröckelnden Wänden, unter einstürzenden Decken und auf morschen Treppen, denn die fünf Creepers müssen zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie nicht alleine sind. Das Gebäude wird zur tödlichen Falle, und die Expedition entwickelt sich zu einem grauenhaften Alptraum, aus dem es kein Entrinnen mehr zu geben scheint.

Meine persönliche Meinung:

Verlassene und vergessene Gebäude, sogenannte „Lost Places“ finde ich unglaublich interessant und spannend. Der morbide Charakter, der diesen verfallenen Gemäuern innewohnt, fasziniert mich sehr, denn der Verfall dieser Häuser, die sich die Natur Stück für Stück zurückerobert und in denen trotzdem noch immer die Reste des Lebens, das einst in ihnen herrschte, zu sehen sind, ist nicht nur geheimnisvoll und mystisch, sondern teilweise auch sehr ästhetisch. Da sogar das Inventar häufig zurückgelassen wurde, scheint es fast, als würden die Menschen, für die diese Gegenstände einst eine Bedeutung hatten, noch immer an diesen Orten leben und seien nur kurz gegangen. Und so bieten diese verlassenen Gebäude, seien es Wohnhäuser, Villen, Industrieanlagen oder Kliniken, einen viel authentischeren, ehrlicheren und vor allem unmittelbareren Blick auf die Vergangenheit, als es Museen oder sanierte Bauwerke jemals könnten. Leider werden viele solcher Lost Places durch Vandalismus zerstört und aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen. Sobald sie zum Ausflugsziel erkoren werden, wie etwa die Beelitz-Heilstätten – der wohl berühmteste Lost Place in Deutschland – oder die ersten Archäologen und Denkmalschützer diese Gebäude erforschen, ist der Charme dieser Orte natürlich dahin, denn dieser beruht eben gerade darauf, dass diese Bauten verlassen, vergessen und sich selbst überlassen wurden. Menschen, die von solchen Gebäuden fasziniert sind, sie aus historischem Interesse erkunden und dokumentieren oder die Ästhetik des Verfalls und die verblassende Schönheit einstiger Prachtbauten auf Fotografien festhalten wollen, nennt man „Urban Explorers“ oder „Creepers“. Die goldene Regel der Urban Explorers ist es, den verlassenen Ort genau in dem Zustand zu belassen, in dem er vorgefunden wurde, also nichts zu verändern, zu zerstören oder gar mitzunehmen, sondern sich die Relikte der Vergangenheit nur anzuschauen und sie zu fotografieren. Trotzdem ist Urban Exploration eigentlich illegal, da es sich dabei – zumindest wenn keine offizielle Genehmigung vorliegt – um Hausfriedensbruch handelt. Außerdem ist es auch nicht ganz ungefährlich, denn die Decken können einstürzen, Treppen und Fußböden einbrechen. Obwohl mich solche Gebäude faszinieren, ist diese Freizeitbeschäftigung für Angsthasen wie mich eher ungeeignet, sodass ich es dabei belasse, mir die teilweise wirklich wunderschönen Bildbände anzusehen oder eben Bücher wie Creepers von David Morrell zu lesen.
Als ich den Klappentext gelesen hatte, musste ich das Buch einfach lesen. Ich habe einen gruseligen Thriller mit Mystery-Elementen erwartet, denn zweifellos sind solche verlassenen Gebäude natürlich nicht nur historisch interessant, sondern vor allem sehr geheimnisvoll und gruselig, zumal sich um viele verlassene Häuser düstere und schaurige Geschichten ranken. Im Nachwort seines Thrillers berichtet der Autor, dass auch er ein Creeper sei und ihn Lost Places schon seit seiner Kindheit magisch anziehen. Diese Faszination spürt man auch deutlich im ersten Drittel dieses Buches. Ich hätte problemlos weitere tausend Seiten an der Seite von Professor Conklin und seinen vier Begleitern durch das verlassene Paragon Hotel wandeln können. David Morrell versteht es wirklich ausgezeichnet, dieses Gebäude vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen und die gruselige Atmosphäre, die ihm innewohnt, perfekt zu inszenieren. Man kann den modrig faulen Geruch förmlich riechen und spürt, wie der aufgewirbelte Staub, der sich seit Jahrzehnten auf dem Inventar angesammelt hat, im Hals kratzt. Der Autor hat dieses Haus auch mit einer interessanten und bizarren Vergangenheit versehen, die eng mit der Geschichte des ehemaligen Hotelbesitzers verwoben ist, der eine äußerst skurrile Persönlichkeit war. Er hat dieses Hotel erbaut und aufgrund einer Krankheit bis zu seinem Tod niemals verlassen. Das Hotel war seine Möglichkeit, trotzdem am Leben anderer Menschen teilzuhaben, indem er seine Hotelgäste genauestens beobachtete und so zum Zeuge ihrer Schicksale, Geheimnisse und Perversionen wurde. Als er die Pforten seines Hotels schloss, ließ er die Hotelzimmer in dem Zustand, in dem die letzten Gäste sie verließen, sodass die fünf Creeper dort einige überaus verstörenden Entdeckungen machen. Ich erwischte mich dabei, dass ich vor jeder Tür, die sie öffneten, den Atem anhielt, weil ich es kaum erwarten konnte, zu erfahren, was sich dahinter verbergen mag und gleichzeitig auch Angst hatte, welche schrecklichen Dinge sie dort erwarten werden. Hinzu kommt, dass das Gebäude so marode ist, dass jeder Schritt gefährlich werden kann, da die Fußböden und Treppen von Fäulnis zerstört wurden und einstürzen können.
Nun war mir schon klar, dass irgendetwas passieren wird und es der Autor sicher nicht dabei bewenden lässt, den Leser an der Seite dieser fünf Protagonisten einfach nur durch dieses verwunschene Hotel zu führen. Irgendwann merken sie jedenfalls, dass sie durchaus nicht allein in diesem verlassenen Gebäude sind, und die Handlung nimmt eine überraschende Wendung. Das Hotel wird zur tödlichen Falle, als sie sich gegen andere Eindringlinge zur Wehr setzen müssen, die sich keineswegs aufgrund ihrer Faszination für verlassene Gebäude in das Haus geschlichen haben. Auch innerhalb der Gruppe treten nun plötzlich völlig andere Motive zutage, als nur historisches Interesse an der Vergangenheit. Und nicht nur das – sie müssen auch feststellen, dass das Hotel seit dem Tod des Erbauers keineswegs unbewohnt war und jemand weder sie noch die anderen Eindringlinge lebend aus dem Gebäude lassen wird. Nun geht es nur noch darum, in diesem Labyrinth voller Geheimgänge einen Weg nach draußen zu finden, sich gegen alle Feinde erfolgreich zur Wehr zu setzen und diesem Alptraum zu entkommen.
Es wäre vielleicht schlau gewesen, wenn ich mich im Vorfeld über den Autor informiert hätte, denn mir sagte sein Name bislang leider gar nichts. David Morrell gilt als der Vater des modernen Actionthrillers und hat auch die Figur Rambo erfunden. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich auch nicht gewundert, dass sich das Buch von einem anfänglich schaurigen Mysterythriller zum rasanten Actionthriller mit viel Krawumm entwickelt. Zweifellos ist der Autor ein Meister dieses Genres und versteht es, Spannung aufzubauen und einen turbulenten, actiongeladenen Plot zu konstruieren, denn ich fühlte mich wie im Kinosessel, während ein brutaler Actionfilm über die Leinwand rauscht. Leider kann ich weder diesen Filmen noch solchen Büchern viel abgewinnen. Obwohl die Kulisse natürlich nach wie vor großartig war, blieben die gruseligen und düsteren Momente nach der ersten Wendung einfach aus und wurden durch ein temporeiches Action- und Katastrophenszenario ersetzt. Wie es bei diesem Genre wohl üblich ist, gibt es einen Helden, der nahezu unbesiegbar ist, während die anderen Protagonisten blass bleiben. Außer zu Frank Balenger, der keineswegs Reporter, sondern wie Rambo Kriegsveteran und somit natürlich kampferfahren ist, konnte ich zu keinem der Protagonisten eine Bindung aufbauen. Auch die anderen Eindringlinge sind vollkommen konturlos und so klischeeüberladen, dass sie, obwohl der Autor jeden mit einem Namen und einem recht auffälligen Äußeren ausgestattet hat, kaum zu unterscheiden sind. Einen wahren Sympathieträger auszumachen, wollte mir jedenfalls nicht gelingen. Nun gut, man muss die Protagonisten eines Romans auch nicht mögen, aber dies führte eben dazu, dass mir nahezu egal war, ob sie diese Nacht im Paragon Hotel nun überleben oder nicht. Logischerweise überstehen nicht alle diesen brutalen Alptraum, aber an Leichen hat David Morrell in seinem Thriller ohnehin nicht gespart. Ich muss allerdings zugeben, dass Creepers von der ersten bis zur letzten Seite spannend war und ich in Höchstgeschwindigkeit durch das Buch geflogen bin, da einfach auf jeder Seite etwas Unerwartetes passiert und der Autor zahlreiche, wenn auch sehr überkonstruierte Wendungen eingebaut hat. Mir fehlte in der zweiten Hälfte lediglich die düstere Gruselatmosphäre, die David Morrell am Anfang seines Thrillers so gekonnt aufgebaut hat und mir häufig Gänsehaut bescherte. Was den Schauplatz anbelangt, war dieses Buch wirklich grandios, wer rasante und brutale Actionthriller mag, wird Creepers sicher lieben, aber mir wäre etwas weniger Action und etwas mehr Grusel einfach lieber gewesen.

© Claudia Bett

 Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

David Morrell: Creepers
Verlag: Knaur
Ersterscheinungsdatum: 01. Dezember 2006
428 Seiten
ISBN 978-3-426-63447-9

Cover: Knaur Verlag

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Halloween-Wochen vom 01.10. bis 31.10.2016 [#Halloweenwochen]

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Der Oktober wird düster, unheimlich und gruselig! Nomnivor vom Blog Bücher verschlingen hat eine tolle Aktion ins Leben gerufen, die mir wie gerufen kommt, denn auch ich habe gerade richtig Lust auf Bücher, die mich das Fürchten lehren. Wenn es draußen kühler, stürmischer und wieder früher dunkel wird, gibt es doch nichts Schöneres, als es sich zuhause richtig gemütlich zu machen und ein richtig gruseliges Buch zu lesen.

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Leider habe ich das Horrorgenre einige Jahre sehr vernachlässigt und bin erst vor ein paar Monaten wieder auf den Geschmack gekommen. Nichtssagenden Splatter, blutiges Gemetzel und ekelerregende, unappetitliche Szenarien mag ich nicht, aber Autoren wie Stephen King, die alle Schattierungen des Grauens perfekt beherrschen und spannende und gleichzeitig tiefgründige Geschichten erzählen können, die mich erschauern und frösteln lassen, mit meinen verborgenen Ängsten spielen und mich in unheimliche Situationen versetzen, die meinen Adrenalinspiegel in ungeahnte Höhen treiben, weiß ich durchaus zu schätzen.

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Für alle, die ebenfalls gerne düstere, beklemmende und hochspannende Bücher mit hohem Gruselfaktor lesen, die ohne Blutvergießen auskommen und dennoch das Blut in den Adern gefrieren lassen, hätte ich bereits einen erstklassigen BuchtippBird Box. Schließe deine Augen von Josh Malerman. Das Buch ist erst kürzlich als Taschenbuch erschienen, allerdings unter dem Titel Der Fluss. Deine letzte Hoffnung, was ich ein wenig verwirrend finde, da ich es zunächst für die Fortsetzung von Bird Box hielt. Ich habe diesen faszinierenden Horrorthriller bereits im Mai gelesen und er gehört für mich zweifellos zu meinen bisherigen Lesehighlights des Jahres. Mit einem Klick auf das Cover gelangt Ihr übrigens zu meiner Rezension von Bird Box.

Bird BoxSchliesse deine Augen von Josh Malerman

Buchrezension: Josh Malerman – Bird Box. Schließe deine Augen

Bird BoxSchliesse deine Augen von Josh MalermanInhalt:

Kurz bevor Malorie erfährt, dass sie schwanger ist, tauchen die ersten Nachrichten über etwas Unheimliches auf, bei dessen Anblick Menschen in eine Art rasenden Wahnsinn verfallen und sie dazu veranlasst, andere zu verletzen, bestialisch zu töten und sich schließlich selbst umzubringen. Zunächst verbreiten sich nur Berichte aus Russland, doch dann scheint dieses unheimliche Etwas immer näher zu kommen und erreicht schließlich Amerika. Malorie nimmt den Medienwirbel anfangs nicht allzu ernst, hält das Ganze für eine Massenhysterie, aber als immer mehr Menschen ihre Augen bedecken, sobald sie nach draußen gehen, ihre Fenster mit dicken Decken verhängen und in den Medien nahezu stündlich Geschichten über neue Todesopfer kursieren, ist sie doch beunruhigt. Es dauert nicht lange, bis immer mehr Menschen diesem unerklärlichen Wahnsinn zum Opfer fallen, auf den Straßen eine gespenstische Stille herrscht und das Leben draußen nahezu lahmgelegt ist. Die wenigen Überlebenden verbarrikadieren sich in ihren Häusern, verdunkeln ihre Fenster und wagen keinen Blick mehr nach draußen. Um sich zu schützen und ihr ungeborenes Baby in Sicherheit zur Welt bringen zu können, sucht Malorie Zuflucht bei einer Gruppe von Überlebenden, die sich in einem Haus zusammengefunden und dort verschanzt hat.
Fünf Jahre später, ihre Kinder sind inzwischen vier Jahre alt, geboren und aufgewachsen in vollkommener Dunkelheit, sieht sich Malorie erneut gezwungen, zu flüchten, um einen besseren und sichereren Ort für sich und ihre Kinder zu finden. Mit Augenbinden verlassen sie das Haus, das ihnen in den letzten Jahren Schutz und Kerker zugleich war. Doch um zu dem verheißungsvollen Zufluchtsort zu gelangen, müssen sie in einem Boot zwanzig Meilen auf einem Fluss zurücklegen – blind und nur von ihrem Gehör geleitet. Und draußen am Fluss wartet bereits etwas auf sie…

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Josh Malermans Debüt Bird Box. Schließe deine Augen, obwohl ich auch ein wenig skeptisch war, denn bislang konnten mich Horrorromane nur selten begeistern. Ein paar Werken von Stephen King kann ich zwar durchaus etwas abgewinnen, weil King einfach ein grandioser Erzähler ist, aber häufig findet man in diesem Genre eben auch reinsten Splatter, also nichts als handlungsarmes, blutiges, unappetitliches und vollkommen sinnloses Gemetzel. Bird Box wurde allerdings in vielen Rezensionen über den grünen Klee gelobt, der Autor mit King und sogar Hitchcock verglichen, sodass ich doch neugierig wurde und dem Buch eine Chance geben wollte. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn dieser Roman hat mich so in seinen Bann gezogen, dass ich die ganze Nacht nicht geschlafen habe und ihn in einem Rutsch gelesen musste. Ich war so gefangen von diesem psychedelischen Szenario, dass ich mich einfach nicht mehr davon losreißen konnte.
Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt. Der Leser begleitet Malorie und die beiden Kinder auf ihrem Weg zu einem zu einem Ort, an dem sie sich eine bessere und sicherere Zukunft verspricht. Während die drei in einem Boot den Fluss hinabfahren, wird in Rückblenden geschildert, was Malorie in den letzten Jahren erlebt hat, nachdem dieses unheimliche Etwas zum ersten Mal auftauchte. Man erfährt, wie sie sich damals hochschwanger in das fremde Haus flüchtete, in dem sich bereits eine Gruppe von Überlebenden verbarrikadiert hatte. Die klaustrophobische Stimmung in diesem Haus wird dabei so eindrücklich beschrieben, dass die Beklemmung für mich geradezu körperlich spürbar war. Jeder Blick nach draußen, kann tödlich sein, sodass die Menschen, die in diesem Haus wohnen, nicht nur eingesperrt sind, sondern auch in ständiger Dunkelheit leben müssen. Allein diese Vorstellung verursachte mir schon Alpträume. Malerman hat die einzelnen Charaktere, die nun gezwungen sind, auf engstem Raum zusammenzuleben, sehr präzise ausgearbeitet und die Beziehungen dieser Personen untereinander psychologisch ausgefeilt dargestellt. Auch wenn ich es für sehr unwahrscheinlich halte, dass die Welt jemals von einem unheimlichen Etwas heimgesucht werden wird, dessen Anblick einen tödlichen Wahnsinn auslöst, wurde das Zusammenleben der Menschen in diesem Haus sehr authentisch und nachvollziehbar geschildert. Die Nahrungsvorräte gehen allmählich zur Neige, die Trinkwasserbeschaffung ist mit großen Gefahren verbunden und je mehr Mäuler zu stopfen sind, umso schwieriger wird es für den Einzelnen zu überleben. Sich die Frage zu stellen, wie sich Menschen in Extremsituationen und angesichts einer gemeinsamen Gefahr verhalten, ist jedenfalls, trotz des recht unrealistischen Szenarios, keineswegs abwegig. Schweißt eine gemeinsame Notlage zusammen? Halten Menschen solidarisch zusammen, um der Gefahr zu trotzen? Oder siegt der Egoismus? Bilden sich Feindschaften, weil jeder nur darauf bedacht ist, sein eigenes Leben zu retten? All diese Fragen schossen mir beim Lesen jedenfalls unwillkürlich durch den Kopf und wurden auch auf eine geradezu erschreckende Weise beantwortet.
Nicht weniger beklemmend wird Malories waghalsige Flucht auf dem Boot beschrieben, nicht zuletzt weil sie und ihre Kinder ihre Augen bedecken müssen und nichts sehen. Die Welt draußen ist nahezu unbevölkert, die Gefahr, die dort lauert, ist stets spürbar, aber eben nicht sichtbar, auch für den Leser nicht, denn der erlebt alles aus der Perspektive von Malorie und sieht dabei eben auch nur das, was sie sieht – nämlich nichts. Man ahnt nur, dass gerade wieder etwas Furchtbares passiert, glaubt das Reißen von Sehnen, das Brechen von Knochen zu hören, aber man sieht dies alles nur mit den Augen eines Blinden, der zwar sehen kann, aber nicht darf. Und gerade darin liegt das Besondere in diesem Buch – es gibt keine blutigen Szenarien und kein Gemetzel. Auf brutale Gewaltdarstellungen wird nahezu vollkommen verzichtet, aber dennoch gab es Passagen, die mich wirklich an die Grenzen dessen brachten, was ich ertragen kann, vor allem, wenn es dabei um Tiere ging. Aber all das bleibt schemenhaft, denn dieses unheimliche Etwas tritt nie wirklich in Erscheinung, ist vollkommen lautlos und agiert auch nicht. Bis zum Schluss des Romans erfährt man nicht, wer oder was in dieser dystopischen Welt sein Unwesen treibt. Das mag den ein oder anderen Leser, der für alles eine Erklärung will, enttäuschen, führt aber dazu, dass einen dieses Buch auch nach der Lektüre nicht mehr loslässt. Man weiß zwar, dass der Anblick dieser nebulösen, unheimlichen Erscheinung verheerende Folgen hat, aber die genaue Ursache, die Menschen dazu treibt, andere zu verletzen und sich dann selbst auf bestialische Weise auszulöschen, bleibt letztendlich vollkommen im Dunkeln. Das Gefühl, zwar sehen zu können, aber nicht zu dürfen, dieses Leben in Dunkelheit und in einer nahezu menschenleeren Welt, die ständige Furcht, von etwas umgeben zu sein, das man zwar spürt, aber nicht sieht und diese Ohnmacht, sich nicht dagegen wehren und nur davor schützen zu können, indem man seine Augen verschließt, werden so eindrücklich geschildert, dass man all diese Emotionen und Ängste auf jeder Seite spüren kann. Trotz oder gerade weil so vieles im Unklaren bleibt, besitzt das Erzählte eine ungeheure Intensität, die nicht zuletzt auch durch die nüchterne und minimalistische Sprache des Autors erreicht wird.
Etwas irritierend fand ich lediglich die Hauptprotagonistin Malorie, denn sie war mir häufig geradezu unsympathisch. Sie erzieht diese Kinder mit einer Härte und Strenge, die mich teilweise schockierte und auch wütend machte. Jahrelang bereitet sich Malorie auf diese wagemutige Flucht vor. In dem Wissen, dass diese Flucht nur mit verbundenen Augen gelingen kann, trainiert sie das Gehör der Kinder tagtäglich. Allerdings ist es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, Geräusche zuzuordnen, die man nicht kennt, kein Bild dafür hat und sie auch noch nie vernommen hat. Wie kann man das Knurren eines Wolfes erkennen, wenn man nie einen Wolf gesehen oder gehört hat? Wie kann man die Entfernung eines Geräusches einschätzen, wenn man sein ganzes Leben bislang nur in geschlossenen Räumen verbrachte? Trotzdem gelingt es Malorie, das Gehör der Kinder zu schärfen, und vermutlich gelingt es gerade aufgrund ihrer Strenge und Unnachgiebigkeit. In dieser dystopischen Welt ist kein Platz mehr für überschwängliche Mutterliebe, Emotionalität, Gefühlsduselei und Wehleidigkeit, ja nicht einmal mehr für Namen – diese Kinder haben keine Namen! Sie werden nicht nur nicht genannt, sondern sie haben schlicht keine und werden auch von Malorie nur „Junge“ und „Mädchen“ genannt. Doch obwohl ich Malorie oft nicht besonders mochte und mich ihr Verhalten schockiert hat, wurde mir am Ende des Romans bewusst, dass sie diese Kinder unglaublich und bedingungslos liebt, denn Nüchternheit und Härte sind offenbar die einzige Möglichkeit, um in dieser Welt zu überleben.
Auch ich war ein wenig enttäuscht, weil das Buch ein offenes Ende hatte und viele Fragen, auf die man so gerne eine Erklärung gehabt hätte, nicht beantwortet wurden. Ich würde zwar nicht unbedingt von einem Cliffhanger sprechen, aber ich hoffe und wünsche mir, dass Malerman das offene Ende und auch das Potential dieses endzeitlichen Szenarios für eine Fortsetzung des Romans nutzt. Ich würde jedenfalls gerne mehr von diesem Autor lesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Josh Malerman: Bird Box. Schließe deine Augen
Verlag: Penhaligon
Ersterscheinungsdatum: 16. März 2015
320 Seiten
ISBN 978-3-7645-3121-8

Cover: Penhaligon

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