Buchrezension: Mats Strandberg – Die Überfahrt

Mats Strandberg - Die ÜberfahrtInhalt:

Die meisten Passagiere an Bord der schwedischen Ostsee-Fähre Baltic Charisma wollen sich einfach nur amüsieren. Das 170 Meter lange Fährschiff, das Tag für Tag dieselbe Route von Stockholm nach Finnland und wieder zurück fährt, ist zwar schon etwas in die Jahre gekommen und keineswegs luxuriös ausgestattet, aber die Gäste interessieren sich ohnehin vor allem für den billigen zollfreien Alkohol und die ausgelassene Partystimmung an Bord. Auch diesmal haben sich wieder 1200 Passagiere eingefunden, die einfach ihrem Alltag entfliehen, sich betrinken, feiern und Spaß haben wollen oder auf der Suche nach einem unverbindlichen erotischen Abenteuer sind. Die Besatzung hat alle Hände voll zu tun, nicht zuletzt das Wachpersonal, das in diesem Chaos für ein bisschen Ordnung sorgen soll, damit die Stimmung aufgrund des hohen Alkoholkonsums nicht eskaliert.
Niemand achtet auf die stark geschminkte, dunkelhaarige Frau und den kleinen blonden Jungen, die mit einem Wohnmobil an Bord gekommen waren. Niemand bemerkt die ängstlichen Blicke der Frau, die befürchtet, dass ihr Sohn kurz davor steht, eine Grenze zu überschreiten, und weiß, was passieren wird, wenn er es tut. Niemand ahnt, dass mit ihnen ein uraltes Grauen das Schiff betreten hat und die Baltic Charisma bald zur tödlichen Falle wird, aus der es kein Entkommen gibt.

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Die Überfahrt von Mats Strandberg und fieberte dem Ersterscheinungstag geradezu entgegen, denn ich liebe Thriller, die mich mit meinen eigenen Ängsten konfrontieren. Das klingt für jeden, der gerne Schiffsreisen unternimmt, sicher furchtbar albern, aber bereits der Schauplatz dieses Thrillers kommt für mich einem Albtraum gleich. Für mich gibt es kaum etwas Beklemmenderes als Schiffe, und schon allein die Vorstellung, an einem von Wasser umgebenen Ort sein zu müssen, den ich nicht jederzeit verlassen kann, treibt mir den puren Angstschweiß auf die Stirn. Ich war mir also ziemlich sicher, dass Die Überfahrt ein überaus spannendes und beklemmendes Leseerlebnis wird, zumal der Autor auf dem Cover als „der schwedische Stephen King“ bezeichnet und auch mit Justin Cronin verglichen wird. Dass man diesen Vergleichen nicht trauen kann, ist mir durchaus bewusst, aber trotzdem falle ich immer wieder auf solche werbewirksamen Aussagen herein. Man tut einem Autor aber sicher keinen Gefallen, wenn man die Messlatte derart hoch anlegt und eine Erwartungshaltung schürt, der der Roman dann nicht gerecht werden kann. Ich habe jedenfalls nicht einmal ansatzweise Gemeinsamkeiten mit King oder Cronin erkennen können, was jedoch keinesfalls der einzige Grund war, weshalb mich Die Überfahrt letztendlich doch sehr enttäuscht hat.
Dabei beginnt die Erzählung durchaus vielversprechend, wenn auch nicht gerade besonders spannend, denn auf den ersten hundert Seiten passiert eigentlich nichts. Allerdings gelingt es Mats Strandberg ausgezeichnet, die überaus klaustrophobische Atmosphäre und die Stimmung auf der Baltic Charisma perfekt einzufangen und dieses gewaltige und etwas heruntergekommene Schiff vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen.
Außerdem lernt man im ersten Teil dieses Thrillers die Passagiere und Besatzungsmitglieder näher kennen, aus deren Perspektive die Geschehnisse dann erzählt werden. Mit viel gutem Willen kann man hier eine kleine Gemeinsamkeit mit Stephen King erkennen, der ebenfalls sehr viel Zeit darauf verwendet, seine Charaktere einzuführen und eine Vorliebe für gebrochene Figuren und soziale Außenseiter hat. Allerdings schafft es King, seinen Figuren Kontur zu verleihen und lebendige und unverwechselbare Charaktere zu erschaffen, während ich manche Protagonisten in Strandbergs Thriller kaum voneinander unterscheiden konnte. Am Anfang fiel es mir besonders schwer, den Überblick über das Personal des Romans zu behalten, und manchen Figuren fehlte eben auch leider die nötige Tiefe, sodass sie etwas schablonenhaft wirkten. Einen Hauptprotagonisten auszumachen, ist unmöglich, denn die Geschichte wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt, von denen keine besonders heraussticht. Eines haben allerdings alle Charaktere gemeinsam – sie sind allesamt vom Schicksal gebeutelte und gebrochene Figuren, seien es nun die Besatzungsmitglieder oder die Passagiere.
Im Gedächtnis blieb mir vor allem ein abgehalfteter ehemaliger Schlagerstar, der in der Karaokebar des Schiffes arbeitet, das Ende seiner Karriere noch immer nicht verkraftet hat, äußerst verbittert ist und seinen Frust mit Sex, Alkohol und Kokain betäubt. Im Grunde verachtet er die Passagiere, die er nun unterhalten muss, um überhaupt noch seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, und verhöhnt die Frauen, die ihn noch immer hingebungsvoll anschmachten und zumindest seine sexuellen Bedürfnisse befriedigen. Er ist ein äußerst verabscheuungswürdiger Charakter und keineswegs ein Protagonist, mit dem man mitfiebern könnte. Albin, ein kleiner Junge, der mit seinen Adoptiveltern an Bord ist, ist mir allerdings sehr ans Herz gewachsen. Seine Adoptivmutter sitzt im Rollstuhl, der Vater ist ein depressiver Alkoholiker, der zu heftigen Wutausbrüchen neigt und im nächsten Moment wieder in weinerliche Depressionen verfällt. In der Familie wird jedoch nicht über diese Probleme gesprochen, und so freut sich Albin, dass er auf dieser Schiffsreise wenigstens seine Cousine Lo wiedersehen darf, die er lange nicht mehr gesehen hat. Doch Lo hat sich verändert, steckt mitten in der Pubertät, bunkert jetzt schon heimlich kleine Wodkafläschchen und ist Albin fremd geworden.
Auch wenn mir außer Albin und einem homosexuellen jungen Mann, der die Fahrt auf der Baltic Charisma nutzt, um seinem Lebensgefährten einen Heiratsantrag zu machen, niemand so recht sympathisch war, hat mir der Einstieg in die Geschichte sehr gut gefallen, obwohl lange nichts Spektakuläres passiert. Langweilig war es trotzdem nicht, die Personen kennenzulernen, die dazu verdammt sind, die kommenden vierundzwanzig Stunden miteinander auf dieser Fähre zu verbringen, die für alle bald zu einer tödlichen Falle werden soll.
Mit steigendem Alkoholpegel sinken die Schamgrenzen und Hemmschwellen immer mehr, aber aus diesem Grund waren ja die meisten Passagiere überhaupt an Bord gekommen –  um sich sinnlos zu betrinken und alle Hemmungen fallen zu lassen. Die Partystimmung hat ihren Höhepunkt fast erreicht, als das Grauen dann hereinbricht.
Schon auf den ersten Seiten spürt man, dass mit der stark geschminkten, dunkelhaarigen Frau mit dem zerfurchten Gesicht und ihrem kleinen, etwa fünf Jahre alten Sohn etwas nicht stimmt. Allerdings erfährt man nichts Näheres über die beiden, sodass der Horror, der nun ausbricht, doch etwas unvermittelt kommt. Auch wenn es zunächst noch äußerst schockierend und auch spannend war, dieses Horrorszenario aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten, wurde mir das Blut, das nun eimerweise aus den Seiten triefte, schnell zu viel. Ich kann wirklich viel aushalten, habe auch keinen empfindlichen Magen, aber effekthascherisches Gemetzel allein ist eben furchtbar nichtssagend und auf Dauer auch sehr ermüdend. Als der erste Schock überwunden war und sich nur noch ein unappetitliches Szenario an das nächste reihte, habe ich mich nämlich leider auch schrecklich gelangweilt, zumal schon absehbar war, wie die Geschichte endet. Ein paar gute Ansätze waren durchaus erkennbar, wurden dann allerdings in wenigen Sätzen abgehandelt und verliefen leider wieder im Sande. Jede Chance, der Geschichte noch ein bisschen Tiefgang zu verleihen, wurde ungenutzt fallengelassen, sodass außer billigem Splatter eigentlich nichts mehr übrigblieb.
Und gerade das ist es, was Strandbergs Roman von Werken von King und Cronin unterscheidet, denn diese beiden Autoren schaffen es, Horror auf hohem Niveau zu erzählen, nicht jedes blutige Detail in allen Einzelheiten zu beschreiben, sondern das wahre Grauen im Kopf des Lesers entstehen zu lassen und den ewigen Kampf von Gut gegen Böse in all seinen Facetten zu zeigen. Weniger ist eben tatsächlich häufig mehr, und etwas weniger Blut und Gedärme und dafür etwas mehr Tiefgang hätten diesem Roman sehr gut getan. Wer blutigen und brutalen Splatter mag, wird an Die Überfahrt spätestens nach hundert Seiten seine Freude haben, aber mein Geschmack ist das leider gar nicht, weshalb mich dieser Horrorthriller leider enttäuscht hat.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Mats Strandberg: Die Überfahrt
Verlag: Fischer TOR
Ersterscheinungsdatum: 24. Mai 2017
512 Seiten
ISBN 978-3-596-29599-9

Buchrezension: Steinar Bragi – Hochland

Hochland von Steinar BragiInhalt:

Zwei befreundete junge Paare aus Reykjavík unternehmen mit ihrem Jeep einen Kurztrip in die abgeschiedene Einöde des isländischen Hochlands. Als dichter Nebel aufzieht, kommen sie von der Piste ab und rammen mit ihrem Wagen ein Haus, das plötzlich in der sandigen Geröllwüste vor ihnen aufragt. Das entlegene Haus wird von einem seltsamen älteren Paar bewohnt, und da ihr Jeep nicht mehr fahrtauglich ist, bleibt den vier Freunden nichts anderes übrig, als die Nacht im Haus dieses verschrobenen Paares zu verbringen. Obwohl sie spüren, dass sie nicht willkommen sind, werden sie von ihren wortkargen Gastgebern eingeschlossen und können das Haus, das einer Festung gleicht, erst am nächsten Morgen wieder verlassen. Das Paar stellt ihnen sogar ihren alten Jeep zur Verfügung, damit sie wieder in die Stadt zurückkehren können. Allerdings kommen sie nicht weit, denn auf der Piste gerät der Wagen in ein so tiefes Schlagloch, dass die Achse bricht und sie zum Haus des Paares zurückkehren müssen. Ihre seltsamen Gastgeber werden ihnen immer unheimlicher, denn sie verhalten sich sehr eigenartig. Die vier Freunde machen in dem Haus, das ihnen immer mehr zum Gefängnis wird, auch einige verstörende Entdeckungen. Warum dürfen sie nicht mehr vor die Tür, sobald es dunkel wird? Wieso brennt nachts eine Laterne vor dem Haus? Wer lebt in dem kleinen abgedunkelten Raum, den sie hinter einer Bücherwand im Arbeitszimmer entdecken? Warum stapeln sich in der Scheune so viele Heuballen, obwohl kein einziges Tier in dem angrenzenden Stall lebt? Welche seltsamen Wesen schleichen nachts um das Gebäude und lauern in dieser kargen Sandwüste? Obwohl die beiden Bewohner des Hauses deutlich zeigen, dass sie den vier Freunden nur unfreiwillig Zuflucht gewähren und sehr abweisend sind, helfen sie ihnen nicht, dieser Einöde zu entkommen. Es scheint, als wolle sie irgendeine unsichtbare Macht davon abhalten, diese menschenfeindliche Gegend jemals wieder zu verlassen, denn jeder Versuch, zurück in die Zivilisation zu gelangen, scheitert kläglich. Können die vier Freunde jemals wieder in ihr altes Leben zurückkehren?

Meine persönliche Meinung:

Schon beim Stöbern in der Verlagsvorschau bin ich auf Hochland von Steinar Bragi aufmerksam geworden und konnte es kaum erwarten, dass dieses Buch endlich erscheint. Ich liebe Bücher, die in Island spielen und das isländische Hochland eignet sich ja hervorragend als Kulisse für einen düsteren und beklemmenden Thriller. Ich habe bislang noch kein Buch von Steinar Bragi gelesen, aber da der Autor mit Stephen King verglichen wird, war ich sicher, dass mir Hochland gefallen wird. Außerdem klingt der Klappentext mehr als spannend, der Schauplatz ist faszinierend und wenn über einen Autor gesagt wird „dieser Mann beherrscht alle Schattierungen des Horrors“ (Zitat Gomorron Sverige) kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen. Bedauerlicherweise ist es aber gründlich schiefgegangen, denn mich hat Hochland leider sehr enttäuscht.
Doch kommen wir zunächst zu den positiven Aspekten des Buches, denn die ersten Kapitel haben mir durchaus gefallen und waren auch sehr spannend. Steinar Bragi hat das bedrohliche Setting wirklich hervorragend beschrieben. Die beklemmende Stimmung, die dieser menschenfeindlichen Landschaft des isländischen Hochlands innewohnt, hat der Autor grandios eingefangen, sodass man diese karge Sand- und Geröllwüste geradezu bildlich vor Augen sieht und während der Sandstürme den feinen Sand in jeder Pore zu spüren glaubt. Und inmitten dieser abgelegenen Einöde steht nun ein einsames Haus, das einer Festung gleicht und dessen Bewohner mehr als eigentümlich sind. Auch die Beschreibung dieses Hauses ist Bragi wirklich sehr gut gelungen, denn es ist kein sehr einladender Zufluchtsort, an dem man sich sicher fühlen könnte, sondern sehr düster und beklemmend. Das Gebäude ist sehr herunterkommen und verwittert, die Fenster im Erdgeschoss wurden zugemauert und die Entdeckungen, die die vier Freunde im Haus machen, sind mehr als verstörend und gruselig. Dem Autor ist es gelungen, diesen Schauplatz anschaulich und sehr bildgewaltig zu beschreiben und eine klaustrophobische Atmosphäre zu erzeugen, die mir zu Beginn des Buches das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich war nach den ersten Seiten wirklich beeindruckt und sicher, dass mir dieser Thriller gefallen wird, denn inmitten dieser abgeschiedenen Landschaft gefangen zu sein und keine Möglichkeit zu haben, wieder in die Zivilisation zurückzukehren, ist wirklich mehr als beklemmend. Das verschrobene ältere Paar, das dieses Haus bewohnt, macht die bedrohliche Situation noch perfekt, denn die beiden sind nicht nur äußerlich abstoßend, sondern verhalten sich auch sehr eigenartig. Während die Frau wenigstens hin und wieder spricht, aber ansonsten sehr abweisend ist, sagt der Mann kein einziges Wort, sondern lächelt nur dumpf vor sich hin. In welcher Verbindung die beiden zueinander stehen, ob sie verheiratet oder Geschwister sind, bleibt unklar, interessiert allerdings auch die vier Freunde brennend, weshalb sie im Haus immer wieder nach Hinweisen über das Leben ihrer Gastgeber suchen. Diese Entdeckungstouren durch das Haus und die umliegende Landschaft, fand ich anfangs wirklich sehr spannend, auch wenn ich nicht ganz verstand, warum sie so viel Energie darauf verwenden, denn sinnvoller wäre es sicher, sich zu überlegen, wie man diesen unwirtlichen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen kann.
Und gerade das hat mich dann das ganze Buch hinweg gestört – das Verhalten der vier Hauptprotagonisten macht überhaupt keinen Sinn. Sie versuchen zwar hin und wieder, zu entkommen, aber sie scheitern nicht zuletzt häufig daran, dass sie sich immer wieder von ihrem Vorhaben abbringen lassen, indem sie eigentlich primär damit beschäftigt sind, über ihre Vergangenheit und ihr recht verkorkstes Leben nachzudenken und Konflikte untereinander auszutragen. Grundsätzlich finde ich es ja gut, wenn ein Autor seine Protagonisten präzise ausarbeitet, aber die Einblicke in die problematische Jugend und das Leben jedes Einzelnen sowie die zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen innerhalb dieser Gruppe nehmen einen so breiten Raum ein, dass die bedrohliche Situation, in der sie sich gerade befinden, fast in Vergessenheit gerät und der Spannungsbogen immer wieder abreißt. Diese Charakterstudien sind weder tiefgründig noch berührend, sondern einfach nur ermüdend. Ich mag es, wenn ein Autor Einblicke in die Abgründe menschlicher Seelen gewährt, aber diese vier Menschen sind einfach nur komplett zerstörte und fehlgeleitete Persönlichkeiten und leider auch so unsympathisch, dass mir ihr Schicksal wirklich gleichgültig war. Jeder von ihnen hat mit seinen eigenen Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen, und während sie nun in dieser Einöde gefangen sind, brechen die alten Wunden wieder auf. Die beiden Männer sind im Grunde schon seit ihrer Jugend Rivalen, und die beiden Frauen kennen sich zwar kaum, mögen sich aber auch nicht unbedingt. Wie man unter solchen Voraussetzungen überhaupt auf die Idee kommen kann, gemeinsam einen Kurztrip zu unternehmen, ist mir vollkommen schleierhaft. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Emotionen hochkochen und die unterschwellige Feindseligkeit immer wieder zutage tritt. Die Idee, wie sich Menschen in einer solchen Extremsituation verhalten, bietet ja ausreichend Stoff für eine psychologisch ausgefeilte Studie, aber leider hat der Autor dieses Potenzial vollkommen verschenkt.
Besonders gestört hat mich der übermäßige Alkohol- und Drogenkonsum der Protagonisten, der eine sinnvolle Planung ihrer Rückkehr in die Zivilisation ohnehin nicht gerade vereinfacht. Häufig fragte ich mich, ob sich das, was sie im isländischen Hochland erleben, nicht einfach nur in ihren drogenumnebelten Köpfen abspielt. Erstaunlicherweise wirkt sich die ausweglose Situation, in der sie sich befinden, auch nicht negativ auf ihre Libido aus, denn vor allem die Frauen scheinen in dieser nicht gerade erotisch aufgeladenen Atmosphäre ein unstillbares Verlangen nach Sexualität zu verspüren. Aber auch die Männer denken bei jeder unpassenden Gelegenheit an Sex. Bei ihren diversen Ausbruchsversuchen und Erkundungstouren machen sie einige verstörende und wirklich ekelerregende Entdeckungen, denn an Blut, Knochen und halbverwesten Kadavern hat der Autor nicht gerade gespart, aber selbst in solchen Momenten denken die Protagonisten an ihre sexuellen Erfahrungen in der Vergangenheit zurück oder machen sich zum Beispiel Gedanken, wie und ob es zur weiblichen Ejakulation kommen kann.
Der Autor bedient sich billigster und teilweise abstoßendster Horrorelemente, reiht ein absurdes Szenario an das andere, nimmt viele Handlungsfäden auf, führt aber keinen einzigen zu Ende, sodass das Buch leider nichts anderes ist, als die Aneinanderreihung von ekelerregenden Entdeckungen und den vollkommen verwirrten Gedanken der Protagonisten. Irgendwann hat mich auch der Schauplatz nicht mehr fasziniert, denn nichts von dem, was sie während ihres Aufenthalts im isländischen Hochland und im Haus ihrer unheimlichen Gastgeber entdecken, wird aufgelöst oder ergibt einen Sinn. Falls es sich dabei um Metaphern handeln sollte, die für etwas besonders Gehaltvolles stehen, hat sich mir ihre Bedeutung leider nicht erschlossen.
Warum dieses Buch als Thriller bezeichnet wird, ist mir auch vollkommen schleierhaft, denn nach den ersten Kapiteln ist von Spannung nichts mehr zu spüren, und die endlosen Charakterstudien der vier Hauptprotagonisten und ihre Konflikte untereinander sind nicht berührend oder psychologisch tiefgründig, sondern einfach nur langweilig.
Hätte mir der Verlag das Buch nicht als Rezensionsexemplar zugeschickt, hätte ich es nach 100 Seiten abgebrochen, aber um es zu rezensieren, musste ich bis zum Ende durchhalten. Gerne hätte ich noch irgendetwas gefunden, das mir gefallen hätte, aber ich habe mich auf jeder weiteren Seite nur geärgert, denn dieses groteske Horrorszenario ergab für mich bis zum Schluss keinen Sinn. Eigentlich mag ich Horrorthriller, bin auch nicht zartbesaitet und kann abstoßende Passagen durchaus ertragen, wenn mich die Geschichte fesselt, aber selbst die beklemmenden Momente blieben irgendwann aus, weil ohnehin kein roter Faden mehr erkennbar war und die Geschichte immer absurder wurde. Leider war das Buch auch sprachlich und stilistisch nicht besonders eindrucksvoll, sodass ich mich wirklich nur noch durch die Seiten gequält habe und am Ende froh war, dass es einfach nur vorbei ist.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: (1 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den DVA Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Steinar Bragi: Hochland
Verlag: DVA
Ersterscheinungsdatum: 12. September 2016
304 Seiten
ISBN 978-3-421-04697-0

Cover: DVA

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Halloween-Wochen vom 01.10. bis 31.10.2016 [#Halloweenwochen]

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Der Oktober wird düster, unheimlich und gruselig! Nomnivor vom Blog Bücher verschlingen hat eine tolle Aktion ins Leben gerufen, die mir wie gerufen kommt, denn auch ich habe gerade richtig Lust auf Bücher, die mich das Fürchten lehren. Wenn es draußen kühler, stürmischer und wieder früher dunkel wird, gibt es doch nichts Schöneres, als es sich zuhause richtig gemütlich zu machen und ein richtig gruseliges Buch zu lesen.

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Leider habe ich das Horrorgenre einige Jahre sehr vernachlässigt und bin erst vor ein paar Monaten wieder auf den Geschmack gekommen. Nichtssagenden Splatter, blutiges Gemetzel und ekelerregende, unappetitliche Szenarien mag ich nicht, aber Autoren wie Stephen King, die alle Schattierungen des Grauens perfekt beherrschen und spannende und gleichzeitig tiefgründige Geschichten erzählen können, die mich erschauern und frösteln lassen, mit meinen verborgenen Ängsten spielen und mich in unheimliche Situationen versetzen, die meinen Adrenalinspiegel in ungeahnte Höhen treiben, weiß ich durchaus zu schätzen.

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Für alle, die ebenfalls gerne düstere, beklemmende und hochspannende Bücher mit hohem Gruselfaktor lesen, die ohne Blutvergießen auskommen und dennoch das Blut in den Adern gefrieren lassen, hätte ich bereits einen erstklassigen BuchtippBird Box. Schließe deine Augen von Josh Malerman. Das Buch ist erst kürzlich als Taschenbuch erschienen, allerdings unter dem Titel Der Fluss. Deine letzte Hoffnung, was ich ein wenig verwirrend finde, da ich es zunächst für die Fortsetzung von Bird Box hielt. Ich habe diesen faszinierenden Horrorthriller bereits im Mai gelesen und er gehört für mich zweifellos zu meinen bisherigen Lesehighlights des Jahres. Mit einem Klick auf das Cover gelangt Ihr übrigens zu meiner Rezension von Bird Box.

Bird BoxSchliesse deine Augen von Josh Malerman

Buchrezension: Stephen King – Joyland

Inhalt:

Um sein Studium zu finanzieren, beschließt der einundzwanzigjährige Devin Jones, während der Semesterferien in dem etwas heruntergekommenen Vergnügungspark Joyland an der Küste von North Carolina zu arbeiten. Als ihm seine große Liebe Wendy kurz darauf in einem Brief mitteilt, dass sie sich von ihm trennen möchte, weil sie einen anderen Mann kennengelernt hat, ist Devin am Boden zerstört. Es kommt ihm sehr gelegen, dass er in Joyland sehr hart arbeiten muss und nur wenig Zeit zum Nachdenken hat, denn sonst könnte er diese schmerzvolle Trennung kaum verkraften. Von früh bis spät verkauft er Eintrittskarten, Popcorn und Hotdogs, reinigt und repariert die Fahrgeschäfte oder schlüpft in ein schweißtreibendes Hundekostüm und zaubert als Howie the Happy Hound, das Maskottchen von Joyland, den kleinen Besuchern ein begeistertes Lächeln auf die Lippen.
Auf dem Weg zur Arbeit kommt Devin jeden Tag an einer Villa am Strand vorbei und macht dort die Bekanntschaft mit Annie und ihrem behinderten Sohn Mike. Die hübsche junge Frau verhält sich sehr abweisend, aber mit dem todkranken Mike schließt er schnell Freundschaft.
Devin fühlt sich wohl in Joyland, findet Gefallen am Schaustellergewerbe, hat neue Freunde gefunden und beschließt deshalb, sein Studium für ein Semester auf Eis zu legen und länger als ursprünglich geplant in Joyland zu bleiben.
Allerdings liegt ein dunkler Schatten auf dem Vergnügungspark, denn vier Jahre zuvor hatte sich dort ein grausamer Mord zugetragen. Der unbekannte Mörder, der bislang nicht gefasst werden konnte, hatte einer jungen Frau während der Fahrt mit der Geisterbahn die Kehle durchgeschnitten und sie dann achtlos neben das Gleis geworfen – erst Stunden später wurde ihre Leiche gefunden. Seitdem soll es in der Geisterbahn spuken, denn einige Zeugen wollen das Mädchen nach ihrem Tod dort gesehen haben – in dem Kleid, das sie am Tag ihrer Ermordung trug, und mit einem blauen Haarreif. Es scheint, als habe der Geist der toten Linda Gray keine Ruhe gefunden. Obwohl Devin eigentlich nicht an solche Geistergeschichten glaubt, interessiert er sich für den ungeklärten Mordfall und stellt eigene Nachforschungen an – nichtsahnend, dass er sich damit in große Gefahr begibt.

Meine persönliche Meinung:

Mein erstes Buch von Stephen King habe ich vor mehr als fünfundzwanzig Jahren gelesen – Friedhof der Kuscheltiere, ein großartiger Roman, der auch recht gut verfilmt wurde. Danach hatte ich eine sehr lange und äußerst intensive Phase, in der ich die Romane des Autors nacheinander verschlungen habe, auch wenn mich zugegebenermaßen nicht alle überzeugen konnten. Irgendwann habe ich King allerdings etwas aus den Augen verloren, nur noch selten zu seinen Büchern gegriffen, aber dennoch kann ich behaupten, dass er meine Lesekarriere entscheidend geprägt hat. Damals, vor fünfundzwanzig Jahren, hätte ich allerdings niemals zugegeben, dass ich Stephen Kings Bücher liebe, denn sie galten als Schundromane, standen eher hinten im Bücherregal, und dass sie millionenfach verkauft und erfolgreich verfilmt wurden, änderte nichts daran, dass der Autor ziemlich verpönt war. Inzwischen hat sich das geändert, auch das Feuilleton nimmt Stephen Kings literarisches Schaffen allmählich ernst und hat erkannt, dass dieser Autor weitaus mehr kann, als nur spannende Romane zu schreiben, die sich gut verkaufen lassen. Dass King so lange unterschätzt wurde, liegt vermutlich an dem Genre, in dem er sich überwiegend bewegt, denn Horrorromane gelten nach wie vor als trivial, obwohl sie sich überwiegend mit geradezu philosophischen und sehr tiefgründigen Themen beschäftigen, denn den Tod, die Angst, das Böse oder endzeitliche Szenarien würde ich keineswegs als trivial bezeichnen. Dass diesem Genre ein so negativer Ruf anhaftet, liegt sicher vor allem daran, dass diese Themen von einigen Horrorautoren furchtbar schlecht und platt umgesetzt werden, denn blankes Gemetzel und blutgierige Monster allein machen eben noch lange keinen guten Roman und sind einfach nur nichtssagend. Stephen King dagegen versteht es, das Grauen in all seinen Facetten perfekt zu inszenieren, Figuren zu erschaffen, die im Gedächtnis bleiben und auch literarisch durchaus zu überzeugen. Ich würde ihn jedenfalls als einen der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller bezeichnen, nicht nur, weil er einer der produktivsten und erfolgreichsten ist, sondern weil er in erster Linie ein brillanter Erzähler ist.
Doch nicht überall, wo „King“ draufsteht, ist auch Horror drin, denn dass der „Meister des Grauens“ sich auch durchaus auch auf die leisen Töne versteht und sehr gefühlvolle und tiefgründige Geschichten erzählen kann, hat er bereits in Dolores eindrucksvoll gezeigt und stellt er nun auch in Joyland wieder unter Beweis.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive des inzwischen über sechzig Jahre alten Hauptprotagonisten Devin erzählt. Rückblickend erinnert er sich an das Jahr 1973, als seine große Liebe Wendy ihm das Herz gebrochen hatte und er im Vergnügungspark Joyland arbeitet, um über den Trennungsschmerz hinwegzukommen. Stephen King hat seinen Hauptprotagonisten sehr fein und einfühlsam gezeichnet und nimmt sich Zeit, diese Figur präzise zu entwickeln. Ich mochte Devin von der ersten Seite an, nicht nur den jungen Devin, der an seinem ersten Liebeskummer fast zerbricht, sondern auch den Devin, der nun im Rentenalter einen nostalgischen Blick in die Vergangenheit wirft – mit ein bisschen Wehmut, aber auch mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen. Devin ist mir sofort ans Herz gewachsen, denn er ist ein sehr feinfühliger und gutherziger junger Mann. Seine Freundschaft mit Mike, einem todkranken Kind, das weiß, dass es nicht mehr lange zu leben hat, hat mich wirklich zu Tränen gerührt, und auch die zarte neue Liebe, die sich im Verlauf dieses Sommers bei ihm anbahnt, wird überaus sensibel, aber keineswegs kitschig dargestellt.
Anders als erwartet, handelt es sich bei Joyland nicht um einen Horrorroman, sondern in erster Linie um einen sehr emotionalen Roman vom Erwachsenwerden. Sehr einfühlsam erzählt King wie der junge Student Devin in jenem Sommer des Jahres 1973 seine Kindheit allmählich hinter sich lässt, seine Unschuld verliert, seine erste und sehr bewegende Erfahrung mit dem Tod macht und zum Mann wird.
Außerdem ist Joyland eine raffiniert gestrickte Kriminalgeschichte mit Thrillerelementen. Devins Suche nach dem Mörder der vier Jahre zuvor ermordeten Linda Gray ist überaus spannend, wendungsreich und endet plausibel mit einem überraschenden Showdown.
Die Gruselatmosphäre, die man sonst von Kings Romanen kennt, kommt hingegen ein wenig zu kurz, denn die spärlichen Horrorelemente werden viel zu selten eingesetzt, um dem Leser einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Ich-Erzähler nie selbst mit diesen übersinnlichen Phänomenen in Berührung kommt, ihm der Geist des ermordeten Mädchens in der Geisterbahn nie begegnet, sondern ihm nur davon berichtet wird. Das Böse tritt auch nicht in Form eines blutrünstigen Monsters, sondern in realer Menschengestalt in Erscheinung, was die Geschichte trotz der phantastischen Elemente realistisch und bodenständig erscheinen lässt.
Der Schauplatz der Handlung hat mir sehr gut gefallen, denn dem Autor ist es gelungen, die Rummelplatzatmosphäre und den Charme dieses etwas heruntergekommenen Vergnügungsparks perfekt einzufangen.
Leser, die vom „Meister des Grauens“ die gewohnten schaurigen Momente und Horrorszenen erwarten, werden von Joyland vermutlich enttäuscht sein. Mich hingegen hat es fasziniert, Stephen King von seiner eher leisen und tiefgründigen Seite kennenzulernen. Der Autor hat in diesem Roman jedenfalls bewiesen, dass er den Leser auch mit ruhigen Erzählungen und ohne Schreckensmomente fesseln kann, wobei die eigentlichen Stärken dieses Romans nicht im Spannungsaufbau, sondern vor allem in der Figurenzeichnung liegen.
Joyland ist kein Horrorroman, aber eine überaus gelungene Mischung aus Coming-of-Age-Roman und Thriller. Ein großartiges Buch eines brillanten Erzählers!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Stephen King: Joyland
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 17. Juni 2013
368 Seiten
ISBN 978-3-453-43795-1

Cover: Heyne Verlag

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Buchrezension: Josh Malerman – Bird Box. Schließe deine Augen

Bird BoxSchliesse deine Augen von Josh MalermanInhalt:

Kurz bevor Malorie erfährt, dass sie schwanger ist, tauchen die ersten Nachrichten über etwas Unheimliches auf, bei dessen Anblick Menschen in eine Art rasenden Wahnsinn verfallen und sie dazu veranlasst, andere zu verletzen, bestialisch zu töten und sich schließlich selbst umzubringen. Zunächst verbreiten sich nur Berichte aus Russland, doch dann scheint dieses unheimliche Etwas immer näher zu kommen und erreicht schließlich Amerika. Malorie nimmt den Medienwirbel anfangs nicht allzu ernst, hält das Ganze für eine Massenhysterie, aber als immer mehr Menschen ihre Augen bedecken, sobald sie nach draußen gehen, ihre Fenster mit dicken Decken verhängen und in den Medien nahezu stündlich Geschichten über neue Todesopfer kursieren, ist sie doch beunruhigt. Es dauert nicht lange, bis immer mehr Menschen diesem unerklärlichen Wahnsinn zum Opfer fallen, auf den Straßen eine gespenstische Stille herrscht und das Leben draußen nahezu lahmgelegt ist. Die wenigen Überlebenden verbarrikadieren sich in ihren Häusern, verdunkeln ihre Fenster und wagen keinen Blick mehr nach draußen. Um sich zu schützen und ihr ungeborenes Baby in Sicherheit zur Welt bringen zu können, sucht Malorie Zuflucht bei einer Gruppe von Überlebenden, die sich in einem Haus zusammengefunden und dort verschanzt hat.
Fünf Jahre später, ihre Kinder sind inzwischen vier Jahre alt, geboren und aufgewachsen in vollkommener Dunkelheit, sieht sich Malorie erneut gezwungen, zu flüchten, um einen besseren und sichereren Ort für sich und ihre Kinder zu finden. Mit Augenbinden verlassen sie das Haus, das ihnen in den letzten Jahren Schutz und Kerker zugleich war. Doch um zu dem verheißungsvollen Zufluchtsort zu gelangen, müssen sie in einem Boot zwanzig Meilen auf einem Fluss zurücklegen – blind und nur von ihrem Gehör geleitet. Und draußen am Fluss wartet bereits etwas auf sie…

Meine persönliche Meinung:

Ich war sehr gespannt auf Josh Malermans Debüt Bird Box. Schließe deine Augen, obwohl ich auch ein wenig skeptisch war, denn bislang konnten mich Horrorromane nur selten begeistern. Ein paar Werken von Stephen King kann ich zwar durchaus etwas abgewinnen, weil King einfach ein grandioser Erzähler ist, aber häufig findet man in diesem Genre eben auch reinsten Splatter, also nichts als handlungsarmes, blutiges, unappetitliches und vollkommen sinnloses Gemetzel. Bird Box wurde allerdings in vielen Rezensionen über den grünen Klee gelobt, der Autor mit King und sogar Hitchcock verglichen, sodass ich doch neugierig wurde und dem Buch eine Chance geben wollte. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn dieser Roman hat mich so in seinen Bann gezogen, dass ich die ganze Nacht nicht geschlafen habe und ihn in einem Rutsch gelesen musste. Ich war so gefangen von diesem psychedelischen Szenario, dass ich mich einfach nicht mehr davon losreißen konnte.
Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt. Der Leser begleitet Malorie und die beiden Kinder auf ihrem Weg zu einem zu einem Ort, an dem sie sich eine bessere und sicherere Zukunft verspricht. Während die drei in einem Boot den Fluss hinabfahren, wird in Rückblenden geschildert, was Malorie in den letzten Jahren erlebt hat, nachdem dieses unheimliche Etwas zum ersten Mal auftauchte. Man erfährt, wie sie sich damals hochschwanger in das fremde Haus flüchtete, in dem sich bereits eine Gruppe von Überlebenden verbarrikadiert hatte. Die klaustrophobische Stimmung in diesem Haus wird dabei so eindrücklich beschrieben, dass die Beklemmung für mich geradezu körperlich spürbar war. Jeder Blick nach draußen, kann tödlich sein, sodass die Menschen, die in diesem Haus wohnen, nicht nur eingesperrt sind, sondern auch in ständiger Dunkelheit leben müssen. Allein diese Vorstellung verursachte mir schon Alpträume. Malerman hat die einzelnen Charaktere, die nun gezwungen sind, auf engstem Raum zusammenzuleben, sehr präzise ausgearbeitet und die Beziehungen dieser Personen untereinander psychologisch ausgefeilt dargestellt. Auch wenn ich es für sehr unwahrscheinlich halte, dass die Welt jemals von einem unheimlichen Etwas heimgesucht werden wird, dessen Anblick einen tödlichen Wahnsinn auslöst, wurde das Zusammenleben der Menschen in diesem Haus sehr authentisch und nachvollziehbar geschildert. Die Nahrungsvorräte gehen allmählich zur Neige, die Trinkwasserbeschaffung ist mit großen Gefahren verbunden und je mehr Mäuler zu stopfen sind, umso schwieriger wird es für den Einzelnen zu überleben. Sich die Frage zu stellen, wie sich Menschen in Extremsituationen und angesichts einer gemeinsamen Gefahr verhalten, ist jedenfalls, trotz des recht unrealistischen Szenarios, keineswegs abwegig. Schweißt eine gemeinsame Notlage zusammen? Halten Menschen solidarisch zusammen, um der Gefahr zu trotzen? Oder siegt der Egoismus? Bilden sich Feindschaften, weil jeder nur darauf bedacht ist, sein eigenes Leben zu retten? All diese Fragen schossen mir beim Lesen jedenfalls unwillkürlich durch den Kopf und wurden auch auf eine geradezu erschreckende Weise beantwortet.
Nicht weniger beklemmend wird Malories waghalsige Flucht auf dem Boot beschrieben, nicht zuletzt weil sie und ihre Kinder ihre Augen bedecken müssen und nichts sehen. Die Welt draußen ist nahezu unbevölkert, die Gefahr, die dort lauert, ist stets spürbar, aber eben nicht sichtbar, auch für den Leser nicht, denn der erlebt alles aus der Perspektive von Malorie und sieht dabei eben auch nur das, was sie sieht – nämlich nichts. Man ahnt nur, dass gerade wieder etwas Furchtbares passiert, glaubt das Reißen von Sehnen, das Brechen von Knochen zu hören, aber man sieht dies alles nur mit den Augen eines Blinden, der zwar sehen kann, aber nicht darf. Und gerade darin liegt das Besondere in diesem Buch – es gibt keine blutigen Szenarien und kein Gemetzel. Auf brutale Gewaltdarstellungen wird nahezu vollkommen verzichtet, aber dennoch gab es Passagen, die mich wirklich an die Grenzen dessen brachten, was ich ertragen kann, vor allem, wenn es dabei um Tiere ging. Aber all das bleibt schemenhaft, denn dieses unheimliche Etwas tritt nie wirklich in Erscheinung, ist vollkommen lautlos und agiert auch nicht. Bis zum Schluss des Romans erfährt man nicht, wer oder was in dieser dystopischen Welt sein Unwesen treibt. Das mag den ein oder anderen Leser, der für alles eine Erklärung will, enttäuschen, führt aber dazu, dass einen dieses Buch auch nach der Lektüre nicht mehr loslässt. Man weiß zwar, dass der Anblick dieser nebulösen, unheimlichen Erscheinung verheerende Folgen hat, aber die genaue Ursache, die Menschen dazu treibt, andere zu verletzen und sich dann selbst auf bestialische Weise auszulöschen, bleibt letztendlich vollkommen im Dunkeln. Das Gefühl, zwar sehen zu können, aber nicht zu dürfen, dieses Leben in Dunkelheit und in einer nahezu menschenleeren Welt, die ständige Furcht, von etwas umgeben zu sein, das man zwar spürt, aber nicht sieht und diese Ohnmacht, sich nicht dagegen wehren und nur davor schützen zu können, indem man seine Augen verschließt, werden so eindrücklich geschildert, dass man all diese Emotionen und Ängste auf jeder Seite spüren kann. Trotz oder gerade weil so vieles im Unklaren bleibt, besitzt das Erzählte eine ungeheure Intensität, die nicht zuletzt auch durch die nüchterne und minimalistische Sprache des Autors erreicht wird.
Etwas irritierend fand ich lediglich die Hauptprotagonistin Malorie, denn sie war mir häufig geradezu unsympathisch. Sie erzieht diese Kinder mit einer Härte und Strenge, die mich teilweise schockierte und auch wütend machte. Jahrelang bereitet sich Malorie auf diese wagemutige Flucht vor. In dem Wissen, dass diese Flucht nur mit verbundenen Augen gelingen kann, trainiert sie das Gehör der Kinder tagtäglich. Allerdings ist es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, Geräusche zuzuordnen, die man nicht kennt, kein Bild dafür hat und sie auch noch nie vernommen hat. Wie kann man das Knurren eines Wolfes erkennen, wenn man nie einen Wolf gesehen oder gehört hat? Wie kann man die Entfernung eines Geräusches einschätzen, wenn man sein ganzes Leben bislang nur in geschlossenen Räumen verbrachte? Trotzdem gelingt es Malorie, das Gehör der Kinder zu schärfen, und vermutlich gelingt es gerade aufgrund ihrer Strenge und Unnachgiebigkeit. In dieser dystopischen Welt ist kein Platz mehr für überschwängliche Mutterliebe, Emotionalität, Gefühlsduselei und Wehleidigkeit, ja nicht einmal mehr für Namen – diese Kinder haben keine Namen! Sie werden nicht nur nicht genannt, sondern sie haben schlicht keine und werden auch von Malorie nur „Junge“ und „Mädchen“ genannt. Doch obwohl ich Malorie oft nicht besonders mochte und mich ihr Verhalten schockiert hat, wurde mir am Ende des Romans bewusst, dass sie diese Kinder unglaublich und bedingungslos liebt, denn Nüchternheit und Härte sind offenbar die einzige Möglichkeit, um in dieser Welt zu überleben.
Auch ich war ein wenig enttäuscht, weil das Buch ein offenes Ende hatte und viele Fragen, auf die man so gerne eine Erklärung gehabt hätte, nicht beantwortet wurden. Ich würde zwar nicht unbedingt von einem Cliffhanger sprechen, aber ich hoffe und wünsche mir, dass Malerman das offene Ende und auch das Potential dieses endzeitlichen Szenarios für eine Fortsetzung des Romans nutzt. Ich würde jedenfalls gerne mehr von diesem Autor lesen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Josh Malerman: Bird Box. Schließe deine Augen
Verlag: Penhaligon
Ersterscheinungsdatum: 16. März 2015
320 Seiten
ISBN 978-3-7645-3121-8

Cover: Penhaligon

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Montagsfrage: Wie kommst du mit Gewalt in Büchern zurecht? Magst du blutige Szenen oder lehnst du sie ab?

Montagsfrage

Eine Aktion von Buchfresserchen

Ich lese überwiegend Krimis und Thriller, zwei Genres also, bei denen meist ein Verbrechen im Zentrum der Handlung steht, Gewalt eine große Rolle spielt und auch die ein oder andere blutige Szene vorkommt. Meistens wird in diesen Büchern gemordet, hin und wieder auch bestialisch hingerichtet, aber ich kann das auch recht gut aushalten, weil es dabei um eine Form von Gewalt geht, der ich im realen Leben glücklicherweise noch nicht begegnet bin.
Dennoch verabscheue ich Bücher, bei denen kübelweise Blut und Eingeweide aus den Seiten strömen, denn blutige Massaker und Gewaltorgien sind meist nichtssagend, platt, langweilig und tragen nicht zur Spannung, geschweige denn zur Handlung bei. Einen guten Spannungsroman erkennt man meiner Meinung nach gerade daran, dass auf blutige Details und Gewaltszenen verzichtet wird. Edgar Allan Poe, der als Meister des Grauens und Begründer der modernen Kriminalliteratur gilt, kam jedenfalls vollkommen ohne Blutbäder aus.
Leider werden Thriller, vor allem die von amerikanischen Autoren, immer blutiger, brutaler und damit auch plumper und nichtssagender. Statt eines gut durchdachten, raffinierten Plots und fein gezeichneten Charakteren wird der Leser mit sinnlosem Gemetzel, seitenlangen Beschreibungen von Leichenteilen und ekligem Getier zu Tode gelangweilt. Ich habe Richard Laymon mehrere Chancen gegeben, aber ich halte seine Bücher einfach nicht aus, denn die sind reinster Splatter – schlecht konstruiert, sprachlich eine Katastrophe und inhaltlich flach. Ein paar deutschen, skandinavischen und auch britischen Autoren gelingt es aber ganz gut, eine düstere Atmosphäre zu erzeugen, Beklemmung hervorzurufen, den Leser zu fesseln und ihn dennoch weitgehend mit blutigen Details zu verschonen. Håkan Nesser, Minette Walters, Petra Busch und Petra Hammesfahr können das jedenfalls ganz gut.
Das Spannende an Krimis und Thrillern ist für mich nicht, wie jemand ermordet wird, sondern warum. Es ist, wenn man so will, die Faszination des Bösen und die Frage, was jemanden zum Gewalttäter werden lässt, die mich immer wieder zu diesen Genres greifen lassen. Ich interessiere mich vielmehr für die Abgründe menschlicher Seelen, die psychologischen Hintergründe und menschlichen Schicksale, die hinter einer Gewalttat stecken, als für das blutige Gemetzel, mit der sie begangen wurde, denn das ist meiner Meinung nach pure Effekthascherei.

© Claudia Bett

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Buchrezension: Max Rhode – Die Blutschule

Inhalt:

Max Rhode - Die BlutschuleSimon ist Insasse einer geschlossenen Anstalt und wird von dem Arzt, der ihn dort betreut, gebeten, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Rückblickend erzählt Simon nun von seinen traumatischen Erlebnissen, die sich im Sommer 1993 zugetragen haben, kurz nachdem er im Alter von 13 Jahren zusammen mit seiner Familie von Berlin nach Brandenburg an den Storkower See gezogen war. Er und sein Bruder Mark fühlen sich von Anfang an nicht sehr wohl in dem Dorf am See und dem abgelegenen Waldhaus, in dem sie von nun an mit ihren Eltern leben sollen. Nicht nur Stotter-Peter, ihr Nachbar, der im Verdacht steht, ein pädophiler Sittlichkeitsverbrecher zu sein, sondern auch eine äußerst gewalttätige Jugendbande machen es den beiden Brüdern schwer, sich heimisch zu fühlen. Aber immerhin freuen sie sich auf die bevorstehenden Sommerferien am See. Doch plötzlich verhält sich auch ihr sonst so fürsorglicher Vater sonderbar und zwingt sie, die Ferien mit ihm auf einer unbewohnten Insel im See zu verbringen. In einer kleinen, verlassenen Holzhütte hat er für seine Söhne ein Klassenzimmer eingerichtet, in dem er sie fortan unterrichten will. Der mörderische Lehrplan, den er sich für Simon und Mark ausgedacht hat, übertrifft jedoch die schlimmsten Alpträume – sie sollen lernen, wie man tötet.

Meine persönliche Meinung:

Dass es sich bei Max Rhode um ein Pseudonym des erfolgreichen Schriftstellers Sebastian Fitzek handelt, ist inzwischen hinreichend bekannt und wird mittlerweile auch fett auf dem Cover vermerkt. Dies ist natürlich eine recht geschickte Marketingstrategie, die auch vor dem Hintergrund gesehen werden muss, dass der fiktive Max Rhode der Hauptprotagonist in Fitzeks neuem Roman Das Joshua-Profil ist. Die beiden Bücher können aber unabhängig voneinander und auch in beliebiger Reihenfolge gelesen werden.
Da ich ein paar Romane von Sebastian Fitzek kenne, sie mir teilweise ganz gut gefallen haben und ich neugierig auf seinen neusten Roman bin, dachte ich, es sei vielleicht ganz interessant, zunächst Die Blutschule zu lesen, bevor ich mich auf Das Joshua-Profil stürze. Erwartet habe ich natürlich ein typisches Werk von Fitzek, zumal das Buch auf dem Cover auch als Thriller angepriesen wird. Es wäre sinnvoll gewesen, das Genre näher zu präzisieren und irgendwo zu vermerken, dass es sich um keinen klassischen Thriller mit psychologischem Hintergrund handelt, wie man es von Fitzek gewohnt ist, sondern eigentlich um einen Horrorthriller mit Mystery-Elementen. Wer das mag, wird Die Blutschule lieben, denn zweifellos ist das Buch ein spannender Pageturner mit Gänsehauteffekt und Schockmomenten, wenn auch mit einer recht flachen und platten Story. Ich habe auch ganz grundsätzlich nichts gegen Schilderungen von brutalen Grausamkeiten, wenn es um die Darstellung dessen geht, wozu Menschen in Ausnahmesituationen imstande sind, aber wenn das Böse in Form von kleinen Spinnentieren daherkommt, die sich parasitenartig der Psyche eines Menschen bemächtigen oder der Blick in einen Seelenspiegel einen vormals sanftmütigen Zeitgenossen zum blutrünstigen Monster mutieren lässt, dann ist mir das doch etwas zu weit hergeholt und unrealistisch. Apropos: für Erklärungen, die den logischen Zusammenhang zwischen den Spinnen und diesem Spiegel anbelangen, so es denn überhaupt einen gibt, wäre ich meinen geschätzten Lesern recht dankbar. Ich bin wohl zu unerfahren mit übersinnlichen Phänomenen, um das zu begreifen.
Ich gehöre zwar nicht zu den zartbesaiteten Lesern und halte recht viel aus, aber bei der grausamen Misshandlung eines unschuldigen Katzenbabys, ist meine persönliche Schmerzgrenze dann doch überschritten. Häufig war ich geneigt, das Buch einfach zuzuklappen und abzubrechen, zumal keiner der Protagonisten mich so für sich einnehmen konnte, dass sich bei mir Interesse an seinem weiteren Schicksal oder gar Empathie geregt hätte. Ich habe aber bis zum Ende durchgehalten, weil das Buch recht dünn ist, sich in wenigen Stunden lesen lässt und man geradezu durch die Seiten fliegt, da der Schreibstil des Autors sehr flüssig ist. Ob sich Fitzek mit diesem Ausflug ins Horror-Genre tatsächlich einen Gefallen getan hat, bezweifle ich, denn eingefleischte Fitzek-Fans könnten doch etwas enttäuscht sein. Ich wollte Die Blutschule eigentlich als Einstimmung zu Das Joshua-Profil lesen, aber mich hat dieses Buch nun doch eher abgeschreckt, Fitzeks neusten Roman zu kaufen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Max Rhode: Die Blutschule
Bastei Lübbe 2015
272 Seiten
ISBN: 978-3-404-17267-2

Cover: Bastei Lübbe

 

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