Buchrezension: Vera Buck – Runa

Vera Buck - RunaInhalt:

In ihrem Romandebüt Runa, das sich keinem bestimmten Genre zuordnen lässt, sondern historischer Roman, Kriminalroman und Wissenschaftsthriller zugleich ist, vermischt Vera Buck historische Fakten und Persönlichkeiten mit einer fiktiven Handlung und erdachten Romanfiguren und entführt den Leser zu den Anfängen der Psychochirurgie ins Paris des 19. Jahrhunderts an die berühmteste Nervenheilanstalt Europas, das Hôpital de la Salpêtrière.

Man kam nicht her, um zu genesen, sondern um zu sterben.

Der junge Schweizer Medizinstudent Jori kommt 1884 an die Pariser Salpêtrière, um bei dem damals wohl renommiertesten Neurologen Jean-Martin Charcot zu promovieren. Dieser beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren intensiv mit der Erforschung und Therapie der Hysterie, die als typisch weiblich galt, da die Ursache dieser psychischen Erkrankung in der Gebärmutter (griech. hystera) vermutet wurde. Den öffentlichen Vorlesungen, die Zirkusvorstellungen gleichen und bei denen Charcot Hysterikerinnen vorführt, mit fragwürdigen Behandlungsmethoden und unter Einsatz von Hypnose hysterische Anfälle provoziert, um seinem schaulustigen Publikum die Verrenkungen, Spasmen, Lähmungen und Delirien seiner Patientinnen zu demonstrieren, wohnen nicht nur Studenten und Ärzte, sondern auch Schriftsteller, Journalisten sowie Schauspieler aus ganz Europa bei.

Seit das Gerücht die Runde gemacht hatte, im Auditorium der Salpêtrière ginge es dienstagabends nicht weniger zügellos zu als im Moulin Rouge, war ein Besuch von Charcots Vorlesungen für die Boheme ebenso obligatorisch wie der offene Mantel und die Zigarre, die sie leger im Mundwinkel trugen.

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Jean-Martin Charcot während einer seiner öffentlichen Dienstagsvorlesungen mit seinem Studenten und Assistenten Joseph Babinski und seiner wohl berühmtesten Patientin Blanche Wittman (Une leçon clinique à la Salpêtrière, Gemälde von André Broullier (1887) (Quelle: Wikipedia))

Jori ist voller Ehrfurcht und Bewunderung für den charismatischen Charcot, während sein bester Freund und Studienkollege Paul Eugen Bleuler die zweifelhaften und menschenverachtenden Experimente Charcots verabscheut und sich von Jori abwendet. Der junge Student erkennt zunächst nicht, dass die mehr als 5000 Patienten, die die Salpêtrière zu jener Zeit beherbergt, für die erfolgsversessenen und größenwahnsinnigen Ärzte lediglich Menschenmaterial sind, das für Forschungszwecke missbraucht wird und im Dienste der Wissenschaft auch geopfert werden darf.

Wo anders will man ein so reiches, für diese Art von Untersuchungen geeignetes Material finden? (…) Dieses grosse Asyl schließt, wie sie Alle wissen, eine Bevölkerung von mehr als 5000 Personen ein, darunter eine grosse Anzahl unter der Bezeichnung „Unheilbar“ und auf Lebenszeit aufgenommene Individuen jeden Alters. (…) Wir sind mit anderen Worten im Besitz eines reich ausgestatteten, lebenden pathologischen Museums.

JEAN-MARTIN CHARCOT
(1825–1893)
Französischer Pathologe und Neurologe

Als eines Tages Runa, ein neunjähriges Mädchen in die Anstalt eingeliefert wird, wittert Jori seine große Chance und glaubt, nun endlich das geeignete Thema für seine Doktorarbeit gefunden zu haben. Runa ist anders als alle anderen Patientinnen – sie schweigt, scheint vollkommen furchtlos zu sein, wirkt apathisch, malt unentwegt kryptische Zeichen und spricht auf die gängigen Behandlungsmethoden Charcots nicht an. Jori möchte nun im Rahmen seiner Dissertation an Runa den ersten chirurgischen Eingriff am Gehirn eines lebenden Menschen durchführen und dem Mädchen den Wahnsinn aus dem Kopf operieren. Dabei wird er nicht nur von seinem wissenschaftlichen und beruflichen Ehrgeiz getrieben, sondern verfolgt auch private Interessen, denn Pauline, die Frau, die er liebt und die Schwester seines Freundes Paul Eugen Bleuler, leidet ebenfalls unter einer psychischen Erkrankung. Falls Jori die Operation an Runa gelingt, kann er mit einem Doktortitel in seine Schweizer Heimat zurückkehren und ist sicher, mit dieser operativen Methode auch Pauline von ihrem seelischen Leiden heilen zu können. Er bemerkt zunächst nicht, dass er in einen erbitterten Konkurrenzkampf zwischen Ärzten geraten ist und für welche Zwecke er instrumentalisiert wird.
Zur gleichen Zeit ist Monsieur Lecoq, ein ehemaliger Polizist, auf der Suche nach der verschwundenen Ehefrau eines Bekannten. Als begeisterter Anhänger der Lehren Lombrosos glaubt er, anhand anatomischer Körpermerkmale die kriminellen Neigungen eines Menschen erkennen zu können und aufgrund seiner eigenen Physiognomie selbst ein geborener Verbrecher zu sein. Bei seinen Ermittlungen stößt Lecoq immer wieder auf mysteriöse Botschaften, die in ganz Paris hinterlassen wurden – mit Blut an eine Wand gemalt oder in die Haut einer Leiche geritzt.
Auch der Ich-Erzähler, ein Chorknabe, macht eine seltsame Entdeckung – in der Kirche Saint-Médard findet er einen merkwürdigen Text, der mit schwarzer Tinte in ein Gesangbuch geschrieben wurde.

Meine persönliche Meinung:

Bei historischen Romanen bin ich meistens etwas skeptisch, denn ich habe schon so viele schlecht recherchierte und deshalb unglaubwürdige historische Romane gelesen, dass ich diesem Genre inzwischen nicht mehr allzu viel abgewinnen kann. Auf Vera Bucks Debüt Runa war ich dennoch sehr gespannt, da mich die Thematik sehr interessiert und ich mich bereits während meines Studiums mit Jean-Martin Charcot und seinen mitunter fragwürdigen Behandlungs – und Forschungsmethoden auf dem Gebiet der Hysterie, aber auch mit seinen herausragenden wissenschaftlichen Leistungen bei der Erforschung von Erkrankungen des Nervensystems beschäftigt habe. Charcot gilt als Begründer der modernen Neurologie; zahlreiche neurologische Krankheiten tragen bis heute seinen Namen. Zu seinen Schülern gehörten neben Sigmund Freud auch Joseph Babinski, Georges Gilles de la Tourette sowie Charles-Joseph Bouchard. Charcot beschrieb als Erster die Amyotrophe Lateralsklerose, die deshalb auch Charcot-Krankheit genannt wird, und grenzte die Multiple Sklerose und den Morbus Parkinson als eigenständige Krankheitsbilder voneinander ab. Erst in seinen späteren Jahren widmete er sich dann der Erforschung der Hysterie. Hysterie ist jedoch ein recht unpräziser Sammelbegriff, unter dem eine ganze Reihe von Symptomen psychischer und motorischer Störungen zusammengefasst wurden und die als typisch weiblich galten. Obwohl bereits Charcot der Überzeugung war, dass es sich bei der Hysterie keineswegs um ein rein weibliches Leiden handelt, sondern auch Männer davon betroffen sein können, präsentierte er in seinen öffentlichen Lektionen ausschließlich weibliche Hysterikerinnen. Diese Vorlesungen, bei denen unter Charcots Regie Krankheit als Schauspiel inszeniert wurde und die größte und berühmteste Nervenheilanstalt Europas zur Bühne bzw. Zirkusarena avancierte, standen auch einem nichtmedizinischen Publikum offen, waren in Paris ein gesellschaftliches Ereignis, wurden aber bereits von einigen Zeitgenossen aufs Schärfste kritisiert.
In Vera Bucks Runa werden Charcots Vorführungen schonungslos und sehr ausführlich dargestellt. Obwohl vieles aus heutiger Sicht undenkbar und menschenverachtend scheint und die Ausführungen der Autorin manche zartbesaiteten Gemüter irritieren und schockieren mögen, war ich von diesen Detailbeschreibungen sehr beeindruckt und fasziniert, da man deutlich merkt, dass Vera Buck sorgfältig in Archiven recherchiert und die historischen Quellen genauestens studiert hat. Auch wenn die Beschreibungen historischer und medizinischer Details oft sehr ausschweifend sind und etwas Tempo aus der Geschichte nehmen, waren sie so eindrücklich und interessant, dass sie die Spannung für mich keineswegs minderten.
Nicht nur durch ihre akribische Recherchearbeit, sondern auch sprachlich gelingt es Vera Buck, den Leser in die Zeit der Jahrhundertwende zu entführen. Sie trifft wunderbar den Jargon dieser Epoche; gleichzeitig ist ihre Sprache so unglaublich bildgewaltig, klar und lebendig, dass ich mich wirklich ins Paris des 19. Jahrhunderts versetzt fühlte, die Gerüche förmlich riechen konnte und die Pferdehufe auf dem Pflaster klappern sowie die Räder der Kutschen rattern hörte.
Auch die Charaktere sind sehr markant und facettenreich gezeichnet. Die historisch verbürgten Persönlichkeiten wie Jean-Martin Charcot, Paul Eugen Bleuler, Georges Gilles de la Tourette, Joseph Babinski und Louis Pasteur sind sehr geschickt und glaubwürdig in die fiktive Handlung eingebettet. Besonders Joseph Babinski ist mir im Lauf der Geschichte sehr ans Herz gewachsen, und ich wüsste zu gerne, wieviel von dem realen Babinski sich hinter dem Romancharakter verbirgt. Aber auch die rein fiktiven Romanfiguren wie Jori, Runa und Monsieur Lecoq sind sehr fein und vielschichtig ausgearbeitet. Jori macht im Roman eine erstaunliche Entwicklung durch, denn während mich seine anfängliche Naivität, sein übertriebener wissenschaftlicher Ehrgeiz und seine blinde Bewunderung für die menschenunwürdigen Behandlungsmethoden Charcots wirklich wütend machten, wird er im Lauf der Geschichte, wenn auch leider etwas zu spät, zu einem mutigen jungen Mann, der allmählich beginnt, sich über die moralischen Grenzen der Wissenschaft Gedanken zu machen. Mein liebster Protagonist ist jedoch der skurrile Monsieur Lecoq, der – den zeitgenössischen Lehren Lombrosos folgend – fest davon überzeugt ist, aufgrund seiner Körpermerkmale ein Verbrecher zu sein, jedoch ein überaus kluger, besonnener, liebenswerter, wenn auch etwas schrulliger Ermittler ist. Die eigentliche Heldin und zweifellos spannendste und geheimnisvollste Protagonistin ist aber Runa, das neunjährige Mädchen, das, obwohl es eingesperrt und gefesselt ist, Widerstand leistet, vollkommen anders handelt, als man es von ihr erwartet, sich ihre innere Freiheit bewahrt und allen Behandlungsmethoden trotzt. Sie macht nicht nur ihren Wärterinnen, sondern vor allem den Ärzten und Wissenschaftlern Angst, denn sie ist eine Gefahr. Überall hinterlässt sie ihre mysteriösen Zeichen und Botschaften, bedient sich also der Schrift – und der Stift, das wissen auch die Ärzte, ist eine weitaus gefährlichere und wirkungsvollere Waffe als das Skalpell.
In Runa laufen drei verschiedene Erzählstränge parallel nebeneinander her und die Handlung wird aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert. Zunächst ist das ziemlich verwirrend, denn ob und inwiefern die Geschichte von Jori und seinem Vorhaben, an Runa erstmals einen operativen Eingriff am Gehirn eines Menschen vorzunehmen, mit der Suche Lecoqs nach einer vermissten Frau und mit den Erlebnissen des Ich-Erzählers zusammenhängen könnten, bleibt lange im Dunkeln. Erst am Schluss des mehr als 600 Seiten starken Romans schließt sich der Kreis und die Erzählstränge laufen zu einem schlüssigen Ende zusammen. Leider werden hierbei nicht alle Geheimnisse gelüftet, was mich aber nicht davon abhält, diesen Roman uneingeschränkt weiterzuempfehlen.
Mit Runa ist Vera Buck ein wirklich fulminantes Debüt gelungen, in dem historische Fakten in eine fesselnde Krimihandlung eingebettet werden und das von einer profunden Sachkenntnis zeugt. Ich war erstaunt, als ich gelesen habe, wie jung die Autorin ist, denn der Roman ist so ausgereift, dass ich kaum glauben konnte, dass Runa tatsächlich ihr erstes Buch ist.
Ich bin wirklich restlos begeistert von diesem historischen Kriminalroman, in dem Spannung und Wissen vortrefflich kombiniert werden und der auch die immer noch aktuelle Frage nach den ethischen Grenzen der Wissenschaft aufwirft.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Vera Buck: Runa
Verlag: Limes
Ersterscheinungsdatum: 24. August 2015
608 Seiten
ISBN 978-3-8090-2652-5

Cover: Limes Verlag

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