Buchrezension: Christina Stein – Wonderland

Christina Stein - WonderlandInhalt:

Die zwanzigjährige Liz und ihre beiden Freundinnen Nelli und Amelie wollen etwas von der Welt sehen und haben sich ein Around-the-world-Ticket gekauft. Auf ihrer Weltreise lernen sie Colin und Ben aus München kennen, die sich den drei Freundinnen anschließen. In einem Hostel in Thailand machen die fünf Studenten auch die Bekanntschaft mit Jacob, der ebenfalls aus Deutschland kommt und sie zu einer Party in die Villa seines Onkels einlädt. Diese Villa am Meer ist traumhaft schön, hat unzählige Zimmer, ist sehr luxuriös eingerichtet, von einem weitläufigen Park umgeben, hat mehrere Pools und sogar einen eigenen Strand. In der untergehenden Sonne entfachen die fünf Freunde und Jacob dort ein Lagerfeuer, essen, trinken und feiern zusammen, bis sie plötzlich alle gleichzeitig von einer unerklärlichen Müdigkeit übermannt werden und sofort in einen tiefen Schlaf fallen.
Als sie am nächsten Morgen wieder aufwachen, befinden sie sich mitten im Dschungel und sind in einem von einer hohen Betonmauer umgebenen Areal gefangen. Noch während sie ihr Gefängnis irritiert und ängstlich inspizieren, meldet sich eine künstlich verzerrte Stimme über Lautsprecher und heißt sie beim „Opferspiel“ willkommen. Die Spielregeln sind so perfide wie grausam, denn die sechs Studenten sollen sich nun jeden zweiten Tag entscheiden, wer von ihnen geopfert werden soll, bis nur noch einer von ihnen übrig bleibt. Falls sie keine Entscheidung treffen können, wird sie ihnen abgenommen. Sie müssen Trikots mit Nummern und der Aufschrift „Ein Opfer macht frei“ tragen und werden von Männern in weißen Kutten bewacht, die auch auf sie schießen, falls sie sich den Anweisungen widersetzen.
Vor allem die schwer herzkranke Liz ist panisch vor Angst, denn ohne ihre Medikamente hat sie keine Chance, diesen Albtraum zu überleben. Was haben diese Männer eigentlich mit ihnen vor? Nur Jacob, den sie eigentlich kaum kennen, scheint mehr über dieses Spiel zu wissen, als er zugeben will. Außerdem wären Liz und ihre Freunde nie in diesem Reality-Game gelandet, wenn Jacob sie nicht in diese Villa gelockt hätte. Können sie Jacob trauen, oder wird er der Erste sein, den sie opfern?

Meine persönliche Meinung:

Bei Wonderland handelt es sich bereits um das zweite Buch von Christina Stein. Ich bin froh, ganz zufällig auf anderen Blogs auf diesen Thriller gestoßen zu sein, denn auf meiner üblichen Suche nach spannendem Lesestoff hätte ich es vermutlich niemals entdeckt. Es ist im FISCHER Kinder- und Jugendbuch Verlag erschienen, dessen Verlagsprogramm ich mir nur selten anschaue, da ich mich eigentlich nicht mehr zur Zielgruppe zähle. Auch in Buchläden stöbere ich nie durch die Kinder- und Jugendbuchabteilung und würde dort ein Buch wie Wonderland weder suchen noch vermuten. Dieser Thriller wird vom Verlag für die Altersklasse ab 16 Jahren empfohlen, und jünger sollte man auch nicht sein, wenn man dieses Buch lesen möchte, schon gar nicht, wenn man etwas zartbesaitet ist und mit Brutalität und Grausamkeiten in Büchern nicht zurechtkommt. Ich lese durchaus hin und wieder gerne einen Jugendthriller, aber meistens sind sie mir eben ein bisschen zu harmlos, was man von Wonderland allerdings nicht behaupten kann, denn die Autorin beschreibt schonungslos alle Facetten des Bösen und entwirft ein wahrhaft grauenvolles Szenario.
Mich hat dieses Buch eine schlaflose Nacht gekostet, denn es war von der ersten bis zur letzten Seite so unglaublich fesselnd und spannend, dass ich mich nicht davon losreißen konnte. Der Schreibstil der Autorin ist großartig, für ein Jugendbuch allerdings außergewöhnlich anspruchsvoll, zumal die Sätze recht lang und mitunter auch etwas verschachtelt sind. Mir hat er jedoch gut gefallen, passt hervorragend zu diesem temporeichen Thriller und behindert keineswegs einen sehr fließenden und eingängigen Lesefluss.
Bereits das Setting dieses beklemmenden Thrillers ist hervorragend gewählt, denn das abgeschiedene Areal inmitten des thailändischen Dschungels, das von einer hohen Betonmauer umgeben und mit einigen beängstigenden Details ausgestattet ist, sorgt für eine äußerst klaustrophobische Grundstimmung.
Das Buch wird aus der Ich-Perspektive von Liz, Jacob und auch einem der Täter und Hauptdrahtzieher dieses brutalen Reality-Games erzählt. Da die Kapitel jedoch nur durchnummeriert und nicht mit dem Namen des jeweiligen Charakters betitelt sind, erschließt sich erst nach den ersten Sätzen eines Kapitels, aus wessen Sicht gerade erzählt wird, was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Obwohl man diesen drei Charakteren durch die gewählte Ich-Perspektive sehr nahekommt, ist Jacob zu Beginn der Geschichte noch äußerst geheimnisvoll und nur schwer durchschaubar, gewinnt erst im weiteren Handlungsverlauf mehr Kontur, offenbart Stück für Stück seine tragische Vergangenheit und wurde mir dann auch zunehmend sympathischer. Anfangs war mir dieser junge Mann sehr suspekt, denn er weiß mehr als er zugibt, und man ahnt auch recht schnell, dass er für dieses Spiel nicht zufällig ausgewählt wurde. Er ist ein äußerst interessanter und auch facettenreicher Charakter.
Die zwanzigjährige Liz hingegen, wuchs mir schon auf den ersten Seiten ans Herz. Sie zeigt sich von dieser luxuriösen Villa eher unbeeindruckt und spürt sofort, dass mit diesem Ort etwas nicht stimmt. Ihr Schicksal berührte mich auch am meisten, denn sie ist schwer herzkrank, träumte von einer Karriere als Ballerina, die sie aufgrund ihrer Krankheit jedoch aufgeben musste, und will nun eine Weltreise machen, um etwas von der Welt zu sehen. Die Angst vor dem Tod ist ohnehin ihr ständiger Begleiter, aber sie hätte nie damit gerechnet, nicht an ihrer Krankheit, sondern in einem perfiden Reality-Game perverser Männer sterben zu müssen. Ihre Verzweiflung, Panik und ihre Ängste sind auf jeder Seite spürbar, aber dennoch gibt sie niemals auf und beeindruckte mich vor allem durch ihren Mut und Kampfgeist. Auch wenn ihre sich anbahnende Liebe zu Jacob in dieser nicht gerade romantisch aufgeladenen Atmosphäre auf den ersten Blick etwas befremdlich scheint, hat mich diese zarte Liebesgeschichte nicht gestört und zeigte, welche ungeahnten Kräfte Liebe zu mobilisieren vermag. Doch Jacob ist eben auch sehr undurchsichtig und rätselhaft, sodass man nicht weiß, ob man ihm tatsächlich trauen kann.
Doch nicht nur Liz‘ aufkeimende Liebe zu Jacob, sondern auch ihre Beziehung zu ihren Freunden wird während dieses grausamen Opferspiels immer wieder auf eine harte Probe gestellt, zumal die sechs Studenten jeden zweiten Tag entscheiden müssen, wer von ihnen geopfert werden soll. Alle Charaktere sind überaus präzise und auch glaubwürdig ausgearbeitet, und Christina Stein ist es sehr gut gelungen, die Emotionen und Verhaltensweisen, die unter ständiger Todesangst, in Gefangenschaft und während des vollkommenen Ausgeliefertseins an einen bzw. mehrere unbekannte Gegner in Erscheinung treten, sehr authentisch, nachvollziehbar und eindrucksvoll zu beschreiben. Und so fiebert man mit diesen sechs jungen Menschen unaufhaltsam mit, schwankt mit ihnen zwischen Hoffnung und Verzweiflung und durchlebt und durchleidet an ihrer Seite all die abscheulichen Grausamkeiten, die ihre Peiniger ihnen zufügen.
Besonders verstörend sind vor allem die Passagen, die aus der Sicht des Initiators dieses barbarischen Spiels geschildert werden, denn seine Gedanken, seine Ansichten über Frauen und auch die Beweggründe, die ihn und auch die anderen Männer zu solchen Taten veranlassen und sich im weiteren Verlauf der Geschichte allmählich offenbaren, waren überaus pervers, abstoßend und schockierend.
Doch so alptraumhaft dieses Szenario auch ist, schien es mir durchaus nicht vollkommen abwegig, dass Menschen, die es sich leisten können, jeden Preis zu bezahlen, um ihre Perversionen ungehindert ausleben zu können, auf solche bizarren Ideen kommen. Christina Stein schafft es zumindest, ihre Geschichte durchaus authentisch, realistisch und vorstellbar zu erzählen. Gerade das macht diesen Thriller auf geradezu erschreckende Weise glaubwürdig und schockierend.
Vor allem gelingt es der Autorin aber, schon nach wenigen Seiten ein sehr hohes Spannungslevel zu erzeugen und es kontinuierlich zu steigern. Wonderland ist ein rasanter Thriller, der den Leser nicht nur in die dunkelsten menschlichen Abgründe und Perversionen reißt, sondern ihn auch die Angst, den Schrecken und das Gefühl ausgelieferter Ohnmacht hautnah miterleben lässt. Ein absoluter Pageturner – schonungslos, tempogeladen und fulminant erzählt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Christina Stein: Wonderland
Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 25. August 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-7335-0289-8

Cover: S. Fischer Verlage

Buchrezension: Ursula Poznanski – Erebos

Ursula Poznanski - ErebosInhalt:

Nick merkt schon seit geraumer Zeit, dass an seiner Schule etwas Seltsames vorgeht. Sein Freund Colin zieht sich immer mehr von ihm zurück, geht nicht an Telefon, antwortet nicht auf Nachrichten und kommt nicht mehr zum Basketballtraining. Auch Nicks Mitschüler verhalten sich recht eigenartig, tuscheln verschwörerisch in den Pausen, wirken abwesend und übermüdet und fehlen häufig im Unterricht. Offenbar hängen diese Veränderungen mit diesen seltsamen Päckchen zusammen, die seine Schulfreunde heimlich untereinander austauschen. Nick erfährt zwar, dass sich in diesen Päckchen eine DVD befinden soll, aber niemand will ihm sagen, was es damit auf sich hat.
Doch eines Tages bekommt Nick von einer Mitschülerin auch endlich ein solches Päckchen zugesteckt, muss ihr allerdings versprechen, die DVD niemandem zu zeigen und niemandem zu erzählen, wer sie ihm gegeben hat. Nick kann es kaum erwarten, hinter das Geheimnis dieser DVD zu kommen, die lediglich mit dem Wörtchen „Erebos“ beschriftet ist. Zuhause legt er den Datenträger in seinen Computer ein und wird sofort in den Bann gezogen von Erebos, einem Computerspiel, das gänzlich anders ist, als man es sonst von diesen Spielen kennt. Dieses Rollencomputerspiel kann reden, reagieren und gibt dem Spieler auf jede Frage eine sinnvolle Antwort. Es scheint fast so, als ob das Spiel lebt. Doch bevor Nick richtig in diese Spielewelt eintreten kann, wird er gewarnt und zunächst mit den strengen Regeln vertraut gemacht. Er darf das Spiel nur alleine spielen, mit niemandem darüber reden und seinen Spielernamen niemals verraten. Falls er gegen eine Regel verstößt oder eine der Aufgaben, die das Spiel ihm auferlegt, nicht erfüllt, stirbt seine Spielfigur und das Spiel ist endgültig vorbei – eine zweite Chance gibt es nicht. Nick erklärt sich mit den Regeln einverstanden, erstellt seinen Spielecharakter, besteht die ersten Aufgaben und ist geradezu süchtig nach neuen Herausforderungen, die Erebos bereithält und ihn ins nächste Level bringen. Das Unheimliche, aber gleichzeitig auch besonders Faszinierende ist, dass ihm das Spiel hin und wieder auch Aufträge erteilt, die er in der realen Welt ausführen muss. Zunächst sind es nur kleine Aufgaben, die er zu erledigen hat, aber dann erhält Nick von dem Spiel einen ganz besonderen Befehl – er soll einen Menschen töten.

Meine persönliche Meinung:

Zunächst war ich ja ein wenig skeptisch, denn da Erebos ein Jugendthriller ist und ich der eigentlichen Zielgruppe schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen bin, hatte ich die Befürchtung, dass dieses Buch vielleicht nichts für mich sein könnte. Außerdem geht es um die Faszination von Computerspielen, also um ein Thema, das in meinem Leben eigentlich keine Rolle spielt. Da das Buch aber nicht nur von Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen in den höchsten Tönen gelobt wurde und mir Ursula Poznanskis Thriller Fünf außergewöhnlich gut gefallen hat, war ich doch ein wenig neugierig auf Erebos, zumal ich den Eindruck habe, dass ich so ziemlich der letzte Mensch auf diesem Planeten war, der das Buch noch nicht gelesen hat. Ursula Poznanski wurde für diesen Jugendthriller mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Das Buch wird offenbar auch in Schulen gelesen, was mich ein wenig neidisch macht, denn ich kann mich nicht erinnern, dass wir im Schulunterricht jemals ein so spannendes Buch besprochen hätten.
Meine anfänglichen Bedenken, dass ich vielleicht nichts mit diesem Buch anfangen könnte, weil es sich um einen Jugendthriller handelt, haben sich nicht bestätigt, denn ich war von der ersten Seite an vollkommen gefangen von der Geschichte. Auch wenn die Protagonisten fast ausschließlich Jugendliche sind und es nicht nur um die Faszinationskraft dieses Computerspiels, sondern auch um den Schulalltag, Freundschaften und eine zarte Liebesgeschichte geht, war ich von dem Buch ebenso schnell gefesselt wie Nick von diesem Spiel.
Gemeinsam mit Nick bzw. seiner Spielfigur, dem Dunkelelfen Sarius, entdeckt der Leser die virtuelle Spielewelt von Erebos. Zu meinem Erstaunen konnte ich sehr gut nachvollziehen, wie schnell Nick in den Bann des Spiels gerät, denn dieses Rollencomputerspiel besitzt eine ungeheure Sogkraft – nicht nur für den Hauptprotagonisten, sondern auch für den Leser. Furchtbar lästig und fast endlos erschien mir die Zeit, die Nick mit ganz alltäglichen Dingen wie Schule, Hausaufgaben oder mit seinen Eltern verbringen musste. Auch ich konnte es kaum abwarten, an Nicks Seite mit Sarius allerlei spannende Abenteuer zu bestehen und zu erfahren, welche Überraschungen Erebos bereithält, damit Sarius das nächste Level erreicht und vielleicht irgendwann in den Inneren Kreis der fünf besten Spieler aufgenommen wird. Der Alltag verliert allmählich seine Bedeutung, Schule und Freunde werden immer mehr vernachlässigt, denn das Spiel entwickelt ein ungeheures Suchtpotenzial, dem sich Nick nicht mehr entziehen kann.
Ursula Poznanski ist es gelungen, eine sehr phantasievolle, faszinierende und gleichzeitig auch beängstigende Spielewelt zu konzipieren. Das Beeindruckende und gleichzeitig auch sehr Unheimliche an diesem Computerspiel ist, dass es alles über den Spieler weiß und auch seine Wünsche und Gedanken zu kennen scheint. Und so weiß Erebos natürlich auch ganz genau, wo es ansetzen muss, um Nick immer mehr in seinen Bann zu ziehen und zu manipulieren. Als Sarius aufgefordert wird, auch Aufgaben in der realen Welt zu erledigen, verwischen die Grenzen zwischen der virtuellen Spielewelt und der Wirklichkeit immer mehr. Bald kann man zwischen dem Schüler Nick und dem Dunkelelfen Sarius kaum noch unterscheiden, denn der Spielecharakter und die reale Person vermischen sich zunehmend. Anfangs muss Nick in der realen Welt nur kleine, recht harmlose Aufträge erledigen, aber dann wird Erebos immer fordernder und erwartet, dass der Spieler all seine Skrupel über Bord wirft, nur um weiterspielen zu können. Als Leser fragt man sich irgendwann, wie weit Nick noch gehen wird, um nicht von Erebos ausgeschlossen zu werden. Und ich fragte mich auch selbst, wie weit ich in Nicks Alter gegangen wäre, denn ich konnte die verführerische Anziehungskraft dieses Spiels erschreckend gut nachempfinden.
Bis auf ein paar sehr verstörende Passagen, in denen Erebos bzw. der Spieleentwickler selbst zu Wort kommt und die aus der Ich-Perspektive verfasst sind, wird das Buch fast ausschließlich aus der Perspektive des Hauptprotagonisten Nick erzählt. Nick ist ein ganz gewöhnlicher sechzehnjähriger Junge, sehr neugierig, aufgeschlossen und zunächst etwas naiv und arglos. Im Laufe der Erzählung macht er aber eine erstaunliche Entwicklung durch, denn als das Spiel ihm befiehlt, einen Mord zu begehen, ringt er zwar zunächst noch mit sich, aber dann regen sich in ihm doch Skrupel. Er widersteht den Verlockungen und ahnt allmählich, dass er sich auf etwas sehr Gefährliches eingelassen hat. Gemeinsam mit seiner Mitschülerin Emily, in die er heimlich verliebt ist, und ein paar Freunden, die sich dem Spiel verweigert haben, beschließt Nick hinter das Geheimnis von Erebos zu kommen und ihm den Kampf anzusagen.
Nicht nur Nick, sondern auch die Nebencharaktere hat Ursula Poznanski sehr interessant ausgearbeitet. Während Nicks Freund Colin und auch ein paar andere Mitschüler dem Spiel hoffnungslos verfallen sind und ohne zu reflektieren und völlig skrupellos alles tun, was Erebos von ihnen verlangt, widerstehen Emily und Jamie der Versuchung. Und so geht es in Erebos nicht nur um die Faszination von Computerspielen, sondern auch um Freundschaft und Zusammenhalt, denn während im Spiel jeder gegen jeden kämpft, versuchen die Gegner des Spiels gemeinsam gegen Erebos zu kämpfen und ihre Mitschüler vor weiteren Gefahren zu beschützen.
Ich fand das Buch von der ersten Seite an unheimlich spannend und mitreißend. Natürlich merkt man, dass es ein Jugendbuch ist, denn der Schreibstil ist recht einfach gehalten und der Plot ist nicht besonders verzwickt und kompliziert, aber dennoch sehr wendungsreich und nicht vorhersehbar. Das Ende hat mich jedenfalls sehr überrascht und war auch äußerst actiongeladen.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Ursula Poznanski in Erebos zwar sehr eindrücklich die verführerische Faszination, die Gefahr und das Suchtpotenzial von Computerspielen und virtuellen Welten zeigt, aber diese Spiele nicht generell verteufelt. Der pädagogisch erhobene Zeigefinger, der mich bei Jugendbüchern meistens ziemlich nervt und bei der Zielgruppe sicherlich auch eher am Ziel vorbeischießt, fehlt jedenfalls glücklicherweise vollkommen.

Und so war Erebos für mich ein überaus fesselnder Jugendthriller, der mich teilweise auch sehr nachdenklich stimmte und meiner Meinung nach für Leser jeden Alters sehr spannende und unterhaltsame Lesestunden bietet.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Ursula Poznanski – Erebos
Verlag: Loewe
Ersterscheinungsdatum: 06. Juni 2011
488 Seiten
ISBN 978-3-7855-7361-7

Cover: Loewe

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Buchrezension: Matt Dickinson – Die Macht des Schmetterlings

Matt Dickinson - Die Macht des SchmetterlingsInhalt:

In Großbritannien schlägt ein frisch geschlüpfter Schmetterling zum ersten Mal mit den Flügeln und versetzt damit ein kleines Kaninchen in so große Panik, dass es vollkommen orientierungslos flüchtet und dabei ein Pferd erschreckt, das daraufhin seinen Reiter abwirft, stürzt und sich verletzt. Aber wie hängen diese Ereignisse mit dem Schicksal einer japanischen Bergsteigerin auf dem Mount Everest, einer britischen Pilotin und einem kleinen Jungen in Afrika zusammen? Der Flügelschlag dieses Schmetterlings setzt eine ganze Kette von Ereignissen in Gang, die das Schicksal vieler Menschen auf vier verschiedenen Kontinenten miteinander verbindet und für immer verändern wird.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe dieses Jugendbuch im Rahmen einer Leserunde gelesen, die auf Facebook stattfand und von drei Booktubern ins Leben gerufen wurde. Das Lesen in der Gruppe hat sehr viel Spaß gemacht, denn es war interessant, sich mit anderen Lesern auszutauschen, mit ihnen zu diskutieren und zu sehen, wie unterschiedlich die Meinungen zu einem Buch ausfallen können.
Als ich den Klappentext gelesen hatte, beschloss ich, an dieser Leserunde teilzunehmen, denn obwohl es sich um ein Jugendbuch handelt, klang die Thematik von Die Macht des Schmetterlings äußerst interessant. Die Geschichte, die diesem Buch zugrunde liegt, baut auf der Chaostheorie auf. Diese besagt, dass eine winzig kleine Veränderung der Anfangsbedingungen zu völlig unvorhersehbaren Kettenreaktionen führen und somit weitreichende Auswirkungen auf das ganze System haben kann. Das Phänomen des Schmetterlingseffekts geht auf den Meteorologen und Chaosforscher Edward N. Lorenz zurück. Er versuchte die Theorie, dass kleinste Ursachen mitunter sehr große Wirkung haben können, anhand eines Wettermodells zu bekräftigen und vertrat die These, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Wirbelsturm in Texas hervorrufen könne.
Das Grundkonzept, auf dem Matt Dickinson seinen Roman aufbaut, nämlich anhand einer fiktionalen Geschichte zu zeigen, inwiefern eine minimale Veränderung der ursprünglichen Bedingungen an anderen Orten auf der Welt unvorhersehbare und dramatische Folgen haben kann, klang für mich äußert vielversprechend und spannend. Auch Dickinsons Geschichte beginnt mit dem Flügelschlag eines harmlosen Schmetterlings. Dieser löst jedoch eine Reihe von Kettenreaktionen aus, die das Schicksal vieler Menschen, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, miteinander verbindet und für einige von ihnen dramatische und fatale Folgen haben wird.
Gleich zu Beginn des Romans konfrontiert der Autor den Leser mit zahlreichen verschiedenen Handlungssträngen und einer Vielzahl an Protagonisten. Anfangs war dies für mich etwas verwirrend, da ich keinen Zusammenhang erkennen konnte und es nicht ganz einfach war, den Überblick zu behalten.
Die Kapitel sind auffallend kurz und umfassen maximal ein bis zwei Seiten. Dies führt zu einem sehr schnellen und rasanten Lesefluss, aber leider auch dazu, dass man sich in keinen der vielen Erzählstränge richtig einlesen und zu keinem der Protagonisten eine Verbindung aufbauen kann. Bedauerlicherweise bleiben alle Figuren recht konturlos und haben keine Tiefe. Für das Konzept des Romans ist dies allerdings auch nicht erforderlich, denn es geht weniger um die Figuren selbst als vielmehr um die Wechselbeziehungen, die zwischen ihnen bestehen. Mein Hauptproblem bestand also nicht darin, dass mir alle Protagonisten seltsam fremd blieben, sodass ich mit keinem von ihnen mitfiebern konnte, sondern dass ich noch nie ein Buch gelesen habe, in dem ausnahmslos alle Figuren so unglaublich einfältig und dumm waren wie in diesem Roman. Mit unsympathischen Charakteren kann ich ganz gut leben, denn auch absolute Scheusale haben häufig durchaus ihren Reiz; ich weiß auch, dass ich nicht erwarten kann, dass die Protagonisten eines Romans so agieren, wie ich es tun würde, aber eine solche Ansammlung von so unfassbar dämlichen Personen ist mir noch in keinem Buch begegnet. Kein annährend normaler Mensch würde sich so verhalten oder einen solchen Unsinn absondern. Manche Protagonisten scheinen auch über nahezu übernatürliche Kräfte zu verfügen, was ihre Glaubwürdigkeit nicht unbedingt fördert.
Sieht man von den völlig unrealistischen und nicht nachvollziehbaren Handlungen der Protagonisten ab, war dieses Buch aber leider auch völlig überkonstruiert. Das ist umso fataler, weil dadurch das Konzept, das dem Roman zugrunde liegt, einfach nicht mehr aufgeht. Dem Autor geht es ja eigentlich darum, zu zeigen, auf welche Weise die Lebenswege der verschiedenen Protagonisten miteinander verbunden sind. Idealer- und logischerweise müsste also jeder Handlungsstrang, wenn auch über Umwege, mit dem Flügelschlag des Schmetterlings in Verbindung gebracht werden können. Manche Erzählstränge sind aber gänzlich losgelöst von der ursprünglichen Ausgangssituation und werden erst im Nachhinein auf geradezu aberwitzige Weise mit ihr verflochten. Natürlich beruht das Konzept des Romans auf der Verkettung von Zufällen; dass Zufälle nicht zwingend einer bestimmten Logik folgen, ist mir vollkommen klar, aber sie müssten zumindest möglich sein. Leider hat der Autor aber auch die Gesetze von Raum und Zeit mitunter völlig außer Acht gelassen, sodass sein Konzept am Ende des Romans völlig aus dem Ruder läuft. Auf den letzten Seiten musste ich wirklich herzlich lachen, denn das Romanende ist vollkommen überkonstruiert und auf geradezu lächerliche Weise absurd.
Selten hat mich ein Buch so geärgert und enttäuscht wie dieses. Leider ist es auch sprachlich vollkommen unterkomplex und wirklich eine Zumutung. Unfassbar, welche Worte der Autor seinen Protagonisten in den Mund legt und welche strategischen Überlegungen er manche Tiere anstellen lässt. Hätte ich das Buch alleine gelesen, hätte ich es vermutlich nach den ersten 50 Seiten abgebrochen, aber das Lesen in der Gruppe und die lebendige Diskussion über die unterschiedlichsten Leseeindrücke ließen mich durchhalten und machten die Lektüre dennoch zu einem recht unterhaltsamen Erlebnis. Stellenweise war das Buch sogar recht spannend, selbst wenn ich häufig nur deshalb mitfieberte, weil ich hoffte, so manchen Protagonisten einfach kläglich scheitern zu sehen.
Wie man es schafft, eine wirklich gute Grundidee, die Potential für eine überaus spannende und verzwickte Geschichte haben könnte, so zu verhunzen, ist aber schon bedauerlich. Das war wohl nix – schade!

© Claudia Bett

Meine Bewertung: (1 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Matt Dickinson: Die Macht des Schmetterlings
Verlag: Baumhaus Verlag
Ersterscheinungsdatum: 21. Juni 2013
351 Seiten
ISBN 978-3-8339-0169-0

Cover: Baumhaus Verlag

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Buchrezension: Jay Asher – Tote Mädchen lügen nicht

Jay Asher - Tote Mädchen lügen nichtInhalt:

Als Clay Jenson eines Tages von der Schule nach Hause kommt, findet er vor der Haustür ein an ihn adressiertes Päckchen, in dem sich sieben Musikkassetten befinden. In der Garage seiner Eltern legt er die erste Kassette in einen alten Gettoblaster, drückt die Play-Taste und hört die Stimme von Hannah, einer ehemaligen Mitschülerin, die zwei Wochen zuvor Selbstmord begangen hatte. Niemand konnte sich zunächst erklären, warum das junge Mädchen freiwillig aus dem Leben schied, aber auf diesen Tonbändern erzählt Hannah nun ihre Geschichte. Sie gibt 13 Gründe an, die sie in den Tod trieben und benennt 13 Personen, die ihren Anteil daran hatten, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sah und zwingt diese nun, sich ihre Kassetten anzuhören. Offenbar gehört auch Clay zu dem Personenkreis, den Hannah für ihren Freitod verantwortlich macht, aber ihm ist nicht bewusst, sie jemals verletzt oder gekränkt zu haben, denn er war heimlich in sie verliebt und lediglich zu schüchtern, um offen zu seinen Gefühlen zu stehen. Er besorgt sich einen Walkman, wandert mit Hannahs Stimme im Ohr durch die Straßen und besucht die Orte, die sie auf einer Karte markiert hat und an denen sich die Geschehnisse, von denen sie berichtet, zugetragen haben. Gebannt lauscht er Hannahs Worten und versucht zu ergründen, warum seine ehemalige Mitschülerin und das Mädchen, das er liebte, nicht mehr leben wollte.

Meine persönliche Meinung:

Tote Mädchen lügen nicht liegt schon sehr lange auf meinem Stapel der ungelesenen Bücher. Ich habe mir das Buch vor ein paar Jahren günstig als Mängelexemplar gekauft, weil mich das Cover angesprochen hat und ich es zunächst für einen Thriller hielt, war  dann allerdings etwas skeptisch, als ich erfahren habe, dass es sich eigentlich um ein Jugendbuch handelt, legte es zur Seite und habe es danach schlicht vergessen. Erst kürzlich fiel es mir wieder in die Hände, als ich mein Bücherregal ausgemistet habe. Ich wollte es schon weggeben, habe dann aber den Klappentext gelesen und beschlossen, dem Buch doch noch eine Chance zu geben und es zu lesen. Ich bin froh, dass ich das Buch nicht ungelesen entsorgt habe, denn es hat mir sehr gut gefallen, mich tief bewegt und die Geschichte von Hannah lässt mich auch jetzt nicht so schnell los.
Ich habe Tote Mädchen lügen nicht innerhalb von zwei Tagen gelesen, was nicht nur an dem flüssig zu lesenden Schreibstil des Autors lag, sondern vor allem daran, dass ich unbedingt wissen wollte, was Hannah bewogen hat, sich das Leben zu nehmen und inwiefern Clay Schuld an ihrem Suizid trägt. Gebannt folgte ich an seiner Seite Hannahs Worten, die kursiv gedruckt sind und immer wieder von Clays Gedanken unterbrochen werden. Ich fühlte mich hin- und hergerissen, denn zum einen ist mir Clay sofort ans Herz gewachsen, weil er ein sensibler Junge zu sein scheint, der mit der Situation vollkommen überfordert ist und zum anderen war ich erschüttert von Hannahs Geschichte. Ich durchlebte mit Clay all die Wut, Trauer, Ohnmacht und Verzweiflung, die er durchlitt und war manchmal fast wütend auf Hannah, weil sie ihre Mitmenschen mit diesem Gefühl der Schuld zurückließ. Bisweilen wollte ich dieses Mädchen einfach nur schütteln und ihr sagen, dass das, was ihr wiederfahren ist, noch lange kein Grund ist, sich umzubringen, denn einige ihrer Probleme sind so banal und alltäglich, dass sie unmöglich dazu führen können und dürfen, den Lebensmut zu verlieren und einfach aufzugeben. Ich wollte Hannah erklären, dass dies alles doch nur lächerliche Gerüchte, Hänseleien und Verletzungen sind, wie sie jeder von uns schon mehrfach erlebt hat, sie sich wehren oder Hilfe holen soll, aber je mehr ich von Hannah erfahren habe, umso besser konnte ich mich in ihre Not und ihre Verzweiflung einfühlen. Nicht die einzelnen kleinen Demütigungen, sondern die Summe aller Kränkungen, die auf sie einstürzten und kein Ende nahmen, führten dazu, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sah, als ihrem Leben ein Ende zu setzen. Immer wieder hat sie versucht, Freunde zu finden, ihren Mitmenschen ein bisschen Vertrauen entgegenzubringen, kleine Signale zu senden, mit denen sie ihre Verzweiflung zum Ausdruck bringen wollte, aber sie wurde stets aufs Neue enttäuscht, ihr Vertrauen wurde immer wieder missbraucht und niemand hat ihre Not erkannt.
Ja, Tote Mädchen lügen nicht ist in erster Linie ein Jugendbuch und sollte an jeder Schule gelesen werden, um zu zeigen, wohin auch noch so harmlose Sticheleien führen können, aber es sollte auch von Erwachsenen gelesen werden, denn das Verbreiten von Gerüchten, demütigende und erniedrigende Äußerungen sowie Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber anderen sind durchaus keine Phänomene, die nur Jugendliche betreffen. Ich habe das Buch nicht nur als eine spannende und gleichzeitig sensible Auseinandersetzung mit Themen wie Suizid und Mobbing, sondern vor allem als ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit, Respekt und Empathie im Umgang mit unseren Mitmenschen gelesen und kann es deshalb uneingeschränkt an Leser jeden Alters weiterempfehlen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht
Verlag: cbt
Ersterscheinungsdatum: 16.03.2009
288 Seiten
ISBN 978-3-570-16020-6

Cover: cbt

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