Buchrezension: Michele Jaffe – Wer schön sein will, muss sterben

michele-jaffe-wer-schoen-sein-will-muss-sterbenInhalt:

Die sechszehnjährige Jane Freeman ist das beliebteste Mädchen ihrer Schule und mit David, dem coolsten Typen der ganzen Stadt zusammen. Gemeinsam mit ihm und ihren zwei besten Freundinnen Kate und Langley ist sie auf einer angesagten Party eingeladen, trägt ein heißes Outfit und tanzt ausgelassen auf der Tanzfläche.
Doch dann endet dieser Partyabend für Jane anders als erwartet – kurz vor Tagesanbruch wird sie von einer Passantin halbtot und schwerverletzt in einem Rosenstrauch gefunden. Es grenzt an ein Wunder, dass sie überhaupt noch am Leben ist, denn offenbar hat jemand versucht, sie zu töten. Oder war es nur ein schrecklicher Unfall?
Als Jane auf der Intensivstation des Krankenhauses aufwacht, fehlen ihr jegliche Erinnerungen an den genauen Verlauf des Abends. Jane ist sicher, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet, fühlt sich auch im Krankenhaus bedroht und ist davon überzeugt, dass der Täter ganz in ihrer Nähe ist und sie bald töten wird. Aber niemand will ihr Glauben schenken. Bildet sie sich das alles wirklich nur ein und hat aufgrund des traumatischen Erlebnisses und der vielen Medikamente Halluzinationen? Warum sollte jemand ein junges Mädchen, das bei allen so beliebt ist, töten wollen? Schließlich bekommt sie im Krankenhaus jeden Tag lieben Besuch von Freunden und ihrer Familie, erhält wunderschöne Geschenke und liebevolle Genesungswünsche. All das zeigt doch, dass die Leute sie wirklich lieben und froh sind, dass sie überlebt hat. Sie muss sich unbedingt daran erinnern, was in dieser Partynacht tatsächlich passiert ist, denn sie spürt, dass sie in großer Gefahr schwebt und ahnt allmählich, dass ihre Beliebtheit einen hohen Preis hat.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe Wer schön sein will, muss sterben vor einiger Zeit auf einem Bücherflohmarkt ergattert, mir gar nicht genau angesehen, worum es in dem Buch eigentlich geht, sondern einfach zugegriffen, weil „Psychothriller“ auf dem Cover stand. Zuhause habe ich dann darin geblättert und war aufgrund der Blümchenillustrationen, die zwar recht hübsch sind, aber nach meinem Empfinden nicht zu einem Psychothriller passen, etwas irritiert. Blümchen, insbesondere Rosen, assoziiere ich immer mit Büchern, in denen es um Liebe, Herzschmerz und romantischen Kitsch geht. Solche Kleinigkeiten reichen dann manchmal schon aus, um ein Buch im hintersten Winkel des Regals meiner ungelesenen Bücher verschwinden zu lassen, wo es dann meistens in Vergessenheit gerät. Da ich mir vorgenommen habe, nun regelmäßig in den Untiefen meiner Bücherregale nach solchen SuB-Leichen zu graben und dabei schon auf tolle Bücher gestoßen bin, fiel mir neulich auch Wer schön sein will, muss sterben wieder in die Hände. Auch wenn diese Röschen mich immer noch skeptisch machten, klang der Klappentext eigentlich recht spannend. Und so las ich die ersten Seiten und war von der Geschichte gleich so gefangen, dass ich einfach weiterlesen musste. Zweifellos handelt es sich bei Wer schön sein will, muss sterben um einen Jugendthriller, obwohl weder auf dem Cover noch im Klappentext darauf hingewiesen wird. Ich habe nun allerdings schon häufiger festgestellt, dass Jugendthriller durchaus spannend sein können, sodass ich mich davon nicht mehr irritieren lasse.
Nun, da ich das Buch gelesen habe, machen diese Rosenornamente, die bei mir Skepsis erweckten, auch durchaus Sinn. Meine Befürchtungen, dieser Psychothriller könnte kitschig sein, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Rosen spielen in Wer schön sein will, muss sterben zwar in mehrfacher Hinsicht eine Rolle, sind aber kein Symbol für Liebe, sondern vielmehr etwas Bedrohliches. Die Protagonistin Jane wurde leblos in einem Rosenstrauch gefunden, nachdem jemand versucht hatte, sie zu töten. Als sie dann im Krankenhaus aufwacht, ist ihr Zimmer voller Blumengeschenke, wobei ein riesiger Strauß roter Rosen ihr besonders Angst macht, zumal er nicht von ihrem Freund David ist. Sie erhält während ihres Krankenhausaufenthalts noch weitere Geschenke von einem unbekannten Verehrer, die auf den ersten Blick zwar wunderschön sind, sie aber immer wieder in Panik versetzen, denn sie ist sicher, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive der sechzehnjährigen Jane geschildert, die auf der Intensivstation gerade aus dem künstlichen Koma erwacht ist. Obwohl man all ihre Gefühle und Gedanken hautnah miterlebt, fiel es mir anfangs nicht gerade leicht, Jane zu mögen. Ich denke allerdings, dass dies durchaus gewollt ist, denn die Autorin hat mit Jane eine ebenso facettenreiche wie ambivalente Figur geschaffen. Jane ist davon überzeugt, dass in jener Partynacht jemand versucht hat, sie zu töten, kann sich aber nicht mehr erinnern, was an dem Abend vorgefallen war. Auch im Krankenhaus fühlt sie sich bedroht, hat Angst um ihr Leben und den Eindruck, dass sie ständig beobachtet wird. Die hilflose Situation, in der sie sich befindet, wird sehr eindrücklich geschildert und ist äußerst beklemmend, denn da sie sehr schwer verletzt ist und sich kaum bewegen kann, ist sie dem unbekannten Täter im Krankenhaus schutzlos ausgeliefert und könnte sich weder wehren noch fliehen, wenn sie angegriffen wird. Allerdings will ihr niemand glauben, dass sie wirklich in Gefahr ist, da nur sie diese Bedrohung wahrnimmt. Immer wieder versucht man ihr einzureden, dass sie nur Opfer eines schrecklichen Unfalls war. Sogar selbstmörderische Absichten werden ihr unterstellt. Da sie eine Weile im Koma lag und starke Medikamente nimmt, liegt auch der Verdacht nahe, dass sie einfach Halluzinationen hat. Auch der Leser bezweifelt mitunter, dass Janes Ängste tatsächlich begründet sind, da sie ihren eigenen Wahrnehmungen oft selbst nicht traut und sich kaum vorstellen kann, dass sich jemand wünschen könnte, sie sei tot. Sie ist schließlich das beliebteste Mädchen ihrer Schule, beliebt zu sein, ist für Jane auch das Wichtigste im Leben und sie hat sehr hart dafür gekämpft, in der Beliebtheitsskala ihrer Freunde ganz weit oben zu stehen.
Es war manchmal etwas anstrengend, dass sie immer wieder betont, wie wichtig es ihr ist, so beliebt zu sein. Das Milieu, aus dem Jane kommt und aus dem sie ihre Freunde rekrutiert, ist das der Schönen und Reichen. Um in ihrem Umfeld beliebt zu sein, muss man keine besonderen Fähigkeiten oder liebenswürdige Charaktereigenschaften besitzen, sondern in erster Linie reich, schön, attraktiv und modisch auf dem neuesten Stand sein. Jane lebt in einer Welt, in der es nur darum geht, dass der Lidstrich perfekt sitzt, immer genug Lipgloss aufgetragen wurde und die High Heels gut zu den Designerklamotten passen. Obwohl sie großes Glück hatte, diesen Unfall überhaupt überlebt zu haben, besteht ihre größte Sorge darin, dass ihr Gesicht verquollen ist und sie sich nicht schminken kann. Bevor sie Besuch empfängt, besteht sie deshalb darauf, dass man ihr wenigstens Mascara aufträgt, denn sonst will sie ihrem Publikum nicht gegenübertreten. Diese Oberflächigkeit, die übertriebene Fixiertheit auf ihr Äußeres und die ständige Betonung ihrer Beliebtheit gingen mir leider sehr auf die Nerven und machten mir dieses Mädchen zunächst nicht gerade sympathisch. Ambivalent ist ihr Charakter aber vor allem deshalb, weil sie eigentlich gar nicht so oberflächlich ist und schon schwere Schicksalsschläge bewältigen musste. Sie ist auch klug, hat Humor und interessiert sich leidenschaftlich für Fotografie. Allerdings verbirgt sie ihre Talente und Interessen vor ihren Freunden und redet auch nie über ihre traumatischen Erinnerungen, um nicht ausgelacht zu werden, keine Schwächen zu zeigen und weiterhin so beliebt zu sein. Ihr Zynismus, den sie vor allem gegenüber ihrer Mutter immer wieder unter Beweis stellt, hat mir sehr gut gefallen, zumal ihre Mutter eine entsetzliche Nervensäge ist, der nur an ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrem Ansehen gelegen ist. Ihren Freunden gegenüber ist Jane allerdings nicht so kritisch und übersieht dabei leider auch, dass beliebt zu sein, nicht bedeutet, dass man auch geliebt wird und gerade ihre Beliebtheit ihr auch zum Verhängnis werden könnte. Im Verlauf dieses Psychothrillers, in dem Jane Stück für Stück zu rekonstruieren versucht, was in der verhängnisvollen Partynacht passiert ist, macht sie eine erstaunliche Entwicklung durch und wird immer wieder mit der Frage konfrontiert, wem sie vertrauen kann und wer ihre wahren Freunde sind.
Michele Jaffe hat ihre Protagonistin sehr präzise gezeichnet. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, dass Jane so facettenreich gestaltet ist. Da man ihr durch die gewählte Ich-Perspektive sehr nahekommt, ihre Ängste hautnah miterlebt und an ihrer Seite versucht, die Erinnerungen an die Unfallnacht zu rekonstruieren, konnte ich mich, zumindest nachdem ich erkannt habe, dass dieses Mädchen gar nicht so oberflächig ist, sehr gut in Jane einfühlen und mit ihr mitfiebern. Doch auch alle anderen Charaktere sind sehr gut und glaubwürdig ausgearbeitet. Der Leser lernt im Verlauf von Janes Krankenhausaufenthalt auch ihre Freundinnen, ihren Freund und ihre Familie kennen. Die Menschen in ihrem Umfeld sind sehr undurchsichtig, rätselhaft und teilweise auch nicht besonders sympathisch. So wird der Verdacht immer wieder sehr geschickt auf eine andere Person gelenkt, die ein Interesse daran haben könnte, Jane aus dem Weg zu räumen. Man rätselt und fiebert mit ihr mit, verfolgt gespannt, wie ihre Erinnerungen scheibchenweise zurückkehren und sie der schockierenden Wahrheit allmählich näherbringen und spürt dabei auf jeder Seite auch ihre Hilflosigkeit.
Es hat mich allerdings ein wenig gestört, dass sich Jane zu nahezu jedem männlichen Wesen, das sie im Krankenhaus besucht oder dort arbeitet, hingezogen fühlt und kann mir kaum vorstellen, dass man sich, wenn man so schwer verletzt ist und solche Schmerzen hat, permanent neu verlieben kann. Ihr Gesundungsprozess war leider ohnehin alles andere als glaubwürdig. Es wird immer wieder betont, wie schwerwiegend und lebensbedrohlich ihre Verletzungen sind, sodass es mehr als unrealistisch ist, innerhalb von nur fünf Tagen von solchen Blessuren zu genesen. Das ist umso tragischer, weil dieser Psychothriller ansonsten sehr raffiniert konstruiert ist, mit einer logischen und völlig unvorhersehbaren Auflösung aufwartet und gut durchdacht ist.
Mir hat Wer schön sein will, muss sterben trotzdem überraschend gut gefallen, denn dieser Psychothriller war durchgehend spannend und überzeugte mich vor allem aufgrund der interessanten und vielschichtigen Charaktere sowie des beklemmenden Szenarios.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Michele Jaffe: Wer schön sein will, muss sterben
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 23. August 2011
448 Seiten
ISBN 978-3-596-18979-3

Cover: S. Fischer Verlag

Buchrezension: Christina Stein – Wonderland

Christina Stein - WonderlandInhalt:

Die zwanzigjährige Liz und ihre beiden Freundinnen Nelli und Amelie wollen etwas von der Welt sehen und haben sich ein Around-the-world-Ticket gekauft. Auf ihrer Weltreise lernen sie Colin und Ben aus München kennen, die sich den drei Freundinnen anschließen. In einem Hostel in Thailand machen die fünf Studenten auch die Bekanntschaft mit Jacob, der ebenfalls aus Deutschland kommt und sie zu einer Party in die Villa seines Onkels einlädt. Diese Villa am Meer ist traumhaft schön, hat unzählige Zimmer, ist sehr luxuriös eingerichtet, von einem weitläufigen Park umgeben, hat mehrere Pools und sogar einen eigenen Strand. In der untergehenden Sonne entfachen die fünf Freunde und Jacob dort ein Lagerfeuer, essen, trinken und feiern zusammen, bis sie plötzlich alle gleichzeitig von einer unerklärlichen Müdigkeit übermannt werden und sofort in einen tiefen Schlaf fallen.
Als sie am nächsten Morgen wieder aufwachen, befinden sie sich mitten im Dschungel und sind in einem von einer hohen Betonmauer umgebenen Areal gefangen. Noch während sie ihr Gefängnis irritiert und ängstlich inspizieren, meldet sich eine künstlich verzerrte Stimme über Lautsprecher und heißt sie beim „Opferspiel“ willkommen. Die Spielregeln sind so perfide wie grausam, denn die sechs Studenten sollen sich nun jeden zweiten Tag entscheiden, wer von ihnen geopfert werden soll, bis nur noch einer von ihnen übrig bleibt. Falls sie keine Entscheidung treffen können, wird sie ihnen abgenommen. Sie müssen Trikots mit Nummern und der Aufschrift „Ein Opfer macht frei“ tragen und werden von Männern in weißen Kutten bewacht, die auch auf sie schießen, falls sie sich den Anweisungen widersetzen.
Vor allem die schwer herzkranke Liz ist panisch vor Angst, denn ohne ihre Medikamente hat sie keine Chance, diesen Albtraum zu überleben. Was haben diese Männer eigentlich mit ihnen vor? Nur Jacob, den sie eigentlich kaum kennen, scheint mehr über dieses Spiel zu wissen, als er zugeben will. Außerdem wären Liz und ihre Freunde nie in diesem Reality-Game gelandet, wenn Jacob sie nicht in diese Villa gelockt hätte. Können sie Jacob trauen, oder wird er der Erste sein, den sie opfern?

Meine persönliche Meinung:

Bei Wonderland handelt es sich bereits um das zweite Buch von Christina Stein. Ich bin froh, ganz zufällig auf anderen Blogs auf diesen Thriller gestoßen zu sein, denn auf meiner üblichen Suche nach spannendem Lesestoff hätte ich es vermutlich niemals entdeckt. Es ist im FISCHER Kinder- und Jugendbuch Verlag erschienen, dessen Verlagsprogramm ich mir nur selten anschaue, da ich mich eigentlich nicht mehr zur Zielgruppe zähle. Auch in Buchläden stöbere ich nie durch die Kinder- und Jugendbuchabteilung und würde dort ein Buch wie Wonderland weder suchen noch vermuten. Dieser Thriller wird vom Verlag für die Altersklasse ab 16 Jahren empfohlen, und jünger sollte man auch nicht sein, wenn man dieses Buch lesen möchte, schon gar nicht, wenn man etwas zartbesaitet ist und mit Brutalität und Grausamkeiten in Büchern nicht zurechtkommt. Ich lese durchaus hin und wieder gerne einen Jugendthriller, aber meistens sind sie mir eben ein bisschen zu harmlos, was man von Wonderland allerdings nicht behaupten kann, denn die Autorin beschreibt schonungslos alle Facetten des Bösen und entwirft ein wahrhaft grauenvolles Szenario.
Mich hat dieses Buch eine schlaflose Nacht gekostet, denn es war von der ersten bis zur letzten Seite so unglaublich fesselnd und spannend, dass ich mich nicht davon losreißen konnte. Der Schreibstil der Autorin ist großartig, für ein Jugendbuch allerdings außergewöhnlich anspruchsvoll, zumal die Sätze recht lang und mitunter auch etwas verschachtelt sind. Mir hat er jedoch gut gefallen, passt hervorragend zu diesem temporeichen Thriller und behindert keineswegs einen sehr fließenden und eingängigen Lesefluss.
Bereits das Setting dieses beklemmenden Thrillers ist hervorragend gewählt, denn das abgeschiedene Areal inmitten des thailändischen Dschungels, das von einer hohen Betonmauer umgeben und mit einigen beängstigenden Details ausgestattet ist, sorgt für eine äußerst klaustrophobische Grundstimmung.
Das Buch wird aus der Ich-Perspektive von Liz, Jacob und auch einem der Täter und Hauptdrahtzieher dieses brutalen Reality-Games erzählt. Da die Kapitel jedoch nur durchnummeriert und nicht mit dem Namen des jeweiligen Charakters betitelt sind, erschließt sich erst nach den ersten Sätzen eines Kapitels, aus wessen Sicht gerade erzählt wird, was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Obwohl man diesen drei Charakteren durch die gewählte Ich-Perspektive sehr nahekommt, ist Jacob zu Beginn der Geschichte noch äußerst geheimnisvoll und nur schwer durchschaubar, gewinnt erst im weiteren Handlungsverlauf mehr Kontur, offenbart Stück für Stück seine tragische Vergangenheit und wurde mir dann auch zunehmend sympathischer. Anfangs war mir dieser junge Mann sehr suspekt, denn er weiß mehr als er zugibt, und man ahnt auch recht schnell, dass er für dieses Spiel nicht zufällig ausgewählt wurde. Er ist ein äußerst interessanter und auch facettenreicher Charakter.
Die zwanzigjährige Liz hingegen, wuchs mir schon auf den ersten Seiten ans Herz. Sie zeigt sich von dieser luxuriösen Villa eher unbeeindruckt und spürt sofort, dass mit diesem Ort etwas nicht stimmt. Ihr Schicksal berührte mich auch am meisten, denn sie ist schwer herzkrank, träumte von einer Karriere als Ballerina, die sie aufgrund ihrer Krankheit jedoch aufgeben musste, und will nun eine Weltreise machen, um etwas von der Welt zu sehen. Die Angst vor dem Tod ist ohnehin ihr ständiger Begleiter, aber sie hätte nie damit gerechnet, nicht an ihrer Krankheit, sondern in einem perfiden Reality-Game perverser Männer sterben zu müssen. Ihre Verzweiflung, Panik und ihre Ängste sind auf jeder Seite spürbar, aber dennoch gibt sie niemals auf und beeindruckte mich vor allem durch ihren Mut und Kampfgeist. Auch wenn ihre sich anbahnende Liebe zu Jacob in dieser nicht gerade romantisch aufgeladenen Atmosphäre auf den ersten Blick etwas befremdlich scheint, hat mich diese zarte Liebesgeschichte nicht gestört und zeigte, welche ungeahnten Kräfte Liebe zu mobilisieren vermag. Doch Jacob ist eben auch sehr undurchsichtig und rätselhaft, sodass man nicht weiß, ob man ihm tatsächlich trauen kann.
Doch nicht nur Liz‘ aufkeimende Liebe zu Jacob, sondern auch ihre Beziehung zu ihren Freunden wird während dieses grausamen Opferspiels immer wieder auf eine harte Probe gestellt, zumal die sechs Studenten jeden zweiten Tag entscheiden müssen, wer von ihnen geopfert werden soll. Alle Charaktere sind überaus präzise und auch glaubwürdig ausgearbeitet, und Christina Stein ist es sehr gut gelungen, die Emotionen und Verhaltensweisen, die unter ständiger Todesangst, in Gefangenschaft und während des vollkommenen Ausgeliefertseins an einen bzw. mehrere unbekannte Gegner in Erscheinung treten, sehr authentisch, nachvollziehbar und eindrucksvoll zu beschreiben. Und so fiebert man mit diesen sechs jungen Menschen unaufhaltsam mit, schwankt mit ihnen zwischen Hoffnung und Verzweiflung und durchlebt und durchleidet an ihrer Seite all die abscheulichen Grausamkeiten, die ihre Peiniger ihnen zufügen.
Besonders verstörend sind vor allem die Passagen, die aus der Sicht des Initiators dieses barbarischen Spiels geschildert werden, denn seine Gedanken, seine Ansichten über Frauen und auch die Beweggründe, die ihn und auch die anderen Männer zu solchen Taten veranlassen und sich im weiteren Verlauf der Geschichte allmählich offenbaren, waren überaus pervers, abstoßend und schockierend.
Doch so alptraumhaft dieses Szenario auch ist, schien es mir durchaus nicht vollkommen abwegig, dass Menschen, die es sich leisten können, jeden Preis zu bezahlen, um ihre Perversionen ungehindert ausleben zu können, auf solche bizarren Ideen kommen. Christina Stein schafft es zumindest, ihre Geschichte durchaus authentisch, realistisch und vorstellbar zu erzählen. Gerade das macht diesen Thriller auf geradezu erschreckende Weise glaubwürdig und schockierend.
Vor allem gelingt es der Autorin aber, schon nach wenigen Seiten ein sehr hohes Spannungslevel zu erzeugen und es kontinuierlich zu steigern. Wonderland ist ein rasanter Thriller, der den Leser nicht nur in die dunkelsten menschlichen Abgründe und Perversionen reißt, sondern ihn auch die Angst, den Schrecken und das Gefühl ausgelieferter Ohnmacht hautnah miterleben lässt. Ein absoluter Pageturner – schonungslos, tempogeladen und fulminant erzählt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Christina Stein: Wonderland
Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 25. August 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-7335-0289-8

Cover: S. Fischer Verlage

Buchrezension: Eric Berg – Kalt

eric-berg-kaltInhalt:

Acht Internatsschüler fahren im Rahmen einer Exkursion ihres Biologie-Leistungskurses nach Finnland in den Patvinsuo-Nationalpark, um dort bei einem Projekt zur Rettung der finnischen Moore mitzuhelfen. Sie werden von ihren beiden Lehrern Dr. Brecht und Mrs Greenwood begleitet und vor Ort von dem jungen, attraktiven Nooa betreut, der sich in dieser Moorlandschaft auskennt, den Schülern erklärt, was bei der Renaturierung eines Moores zu tun ist und sie auch über die Gefahren aufklärt, die im Moor lauern. Eindrücklich zeigt er ihnen, was passiert, wenn sie die Markierungen verlassen und in eines der tückischen Moorlöcher geraten, aus denen man sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien kann.
Kurz nachdem sich die Schüler in dem Biwak eingerichtet haben, in dem sie während ihrer Exkursion unterkommen, verschwindet ihr Biologielehrer Dr. Brecht plötzlich spurlos. Hatte er genug von den geschmacklosen Streichen, die ihm schon am ersten Tag gespielt wurden? Es sieht dem verantwortungsbewussten Lehrer allerdings gar nicht ähnlich, sich einfach stillschweigend aus dem Staub zu machen. Da sie keine Spur von ihm finden können und in diesem abgelegenen Teil Finnlands keinen Handyempfang haben, beschließt Mrs Greenwood, in die nächstgelegene Stadt zu fahren, ihren Kollegen bei der Polizei vermisst zu melden und die Schule zu informieren. Allerdings kehrt sie nicht mehr zurück, sodass die acht Teenager mit ihrem Betreuer Nooa, der kaum älter ist als sie, nun völlig auf sich allein gestellt sind. Sie stecken ohne ein Fahrzeug in diesem Lager inmitten des Moores fest, und da es inzwischen auch noch zu schneien beginnt, werden sie außerdem bald eingeschneit sein.
Einige Schüler genießen es, endlich ohne ihre Lehrer ausgiebig feiern zu können und kosten ihre Freiheit in vollen Zügen aus. Doch die Lage droht zu eskalieren, als einer von ihnen tot aufgefunden wird. War es nur ein tragischer Unfall oder etwa Mord? Und wer hat die Pflöcke mit den Markierungen versetzt? Ist vielleicht der unheimliche Nationalparkwächter, der ganz in der Nähe in einer einsamen Hütte lebt, für all diese rätselhaften Vorkommnisse verantwortlich? Oder ist einer von ihnen vielleicht ein Mörder?

Meine persönliche Meinung:

Ich habe vor ein paar Monaten Eric Bergs Kriminalroman Das Küstengrab gelesen, und da er mir sehr gut gefallen hat, wollte ich unbedingt mehr von diesem Autor lesen. Bei Eric Berg handelt es sich um das Pseudonym des Schriftstellers Eric Walz, der bereits zahlreiche historische Romane veröffentlicht hat und unter dem Namen Eric Berg Kriminalromane sowie Jugendthriller schreibt. Obwohl ich der Zielgruppe schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen und bei Jugendbüchern immer ein bisschen skeptisch bin, habe ich mich nun für Eric Bergs Jugendthriller Kalt entschieden, denn der Klappentext klang sehr vielversprechend und interessant. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn Kalt hat mich wirklich überzeugt und war spannender als ich dachte.
Besonders beeindruckt war ich von dem Schauplatz, an dem die Geschichte spielt. Moorlandschaften sind ja wunderschön, so gefährlich wie ihr Ruf sind Moore auch nicht, aber dennoch sind sie immer ein wenig unheimlich, geheimnisvoll und auch bedrohlich und bieten somit natürlich die perfekte Kulisse für einen gruseligen und packenden Thriller. Dem Autor ist es sehr gut gelungen, die finnische Moorlandschaft vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen und die Gefahren, die im Moor lauern können, sehr eindrücklich zu beschreiben. Besonders beklemmend ist jedoch die Abgeschiedenheit des Patvinsuo-Nationalparks. Als die beiden Lehrer plötzlich spurlos verschwinden und die Jugendlichen auf sich alleine gestellt sind, keine Möglichkeit haben, Hilfe zu holen oder diesen Ort zu verlassen und mitten im Mai dann auch noch starke Schneefälle einsetzen und sie bald eingeschneit sein werden, ist diese bedrohliche Situation, aus der es kein Entkommen zu geben scheint, sehr gut nachvollziehbar und äußerst beängstigend. Hinzu kommt, dass ganz in der Nähe der Wächter des Nationalparks lebt, der ein recht unangenehmer und unheimlicher Zeitgenosse ist und ihnen offenbar auch nicht helfen will. Doch die eigentliche Gefahr geht nicht von der Kälte, dem Schnee, dem schlammigen Untergrund des Moores und den kaum wahrnehmbaren tückischen Moorlöchern aus, sondern lauert innerhalb der Schülergruppe, die nun mit ihrem Betreuer Nooa, der kaum älter ist als sie, in diesem Biwak eingeschlossen sind.
Eric Berg hat sich sehr viel Mühe gegeben, seine Charaktere präzise und psychologisch ausgefeilt auszuarbeiten. So beginnt jedes Kapitel mit einer Art Zeugenaussage, in denen nicht nur Schüler zu Wort kommen, die an der Exkursion teilnahmen, sondern auch ihre Mitschüler, Freunde und Geschwister. In diesen Passagen erfährt man zunächst nur wenig über das, was im finnischen Moor tatsächlich vorgefallen ist, lernt die acht Schüler aber besonders gut kennen, erhält Einblicke in ihr Leben, ihre Gefühle und Gedanken und erfährt auch, warum sie im Internat sind. Die Schicksale und Lebensgeschichten der Jugendlichen waren teilweise sehr berührend und nehmen in diesem Jugendroman einen sehr breiten Raum ein. Auf den ersten Blick scheinen manche Details nichts mit den Geschehnissen in Finnland zu tun zu haben, liefern allerdings die Erklärung für das Verhalten der Schüler und für die Konflikte, die während dieser Exkursion zutage treten. Dass die Situation im Lager so eskaliert, liegt nicht nur an den äußeren Umständen und der Abgeschiedenheit im Moor, sondern auch daran, dass es zwischen den Schülern immer wieder zu Streitigkeiten, Machtkämpfen und Eifersuchtsszenen kommt. Besonders unter den Mädchen enfacht sich ein erbitterter Kampf um die Gunst des guttaussehenden Betreuers Nooa, von dessen Charme sie sofort hingerissen sind. Teilweise sind diese Zickenkriege unter den Schülerinnen schon ein wenig anstrengend, aber dennoch sehr authentisch und glaubwürdig. Der charismatische Nooa versteht es, jeden für sich einzunehmen und imponiert auch den Jungs. Doch ein paar weigern sich auch, sich von ihm etwas sagen zu lassen, genießen es, dass die Lehrer endlich weg sind und wollen sich den Spaß von Nooa nicht vermiesen lassen. Abgesehen von Franzi, einem Mädchen, das ebenfalls in Nooa verliebt ist, sich an den Zickereien jedoch nicht beteiligt, und Lasse, einem Jungen, der sich von Nooa verstanden fühlt und endlich den Mut findet, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, waren mir diese jungen Menschen allerdings nicht besonders sympathisch. Einige der Jugendlichen verhalten sich äußerst merkwürdig, scheinen auch zu abscheulichen Grausamkeiten fähig zu sein, sodass der Verdacht immer wieder geschickt auf eine andere Person gelenkt wird, als es den ersten Toten gibt.
Was tatsächlich während dieser Klassenfahrt passiert ist, erfährt man Stück für Stück in den Rückblenden einiger Exkursionsteilnehmer, vor allem von Franzi, die eine recht gute Beobachtungsgabe hat und erschreckende Details offenbart.
Es hat mir sehr gut gefallen, dass der Autor jeder seiner Figuren, auch den Freunden, Mitschülern und Geschwistern, die sich zu den Geschehnissen äußern, eine individuelle Sprache verliehen hat und sie somit zu unverwechselbaren Charakteren macht. Natürlich verwendet er dabei, je nachdem, wer sich zu Wort meldet, eine mitunter recht flapsige Jugendsprache, was die Authentizität jedoch unterstreicht und auf den ersten Seiten dieses Thrillers auch geradezu herzerfrischend amüsant war.
Obwohl Eric Berg den Verdacht immer wieder auf eine andere Person lenkt und einige falsche Fährten legt, war mir irgendwann klar, wer der Täter ist, sodass die Spannung ein wenig gelitten hat. Trotzdem war dieses Buch nie langweilig und hat mich bis zum Schluss gefesselt. Ein wenig schade fand ich auch, dass das Motiv des Mörders mir bis zuletzt nicht einleuchten wollte, obwohl er am Ende selbst zu Wort kommt und über seine Taten spricht. Die letzten Seiten, die aus der Sicht des Täters geschildert werden, waren jedoch äußerst verstörend. Vor allem der letzte Satz jagte mir noch einen gewaltigen Schauer über den Rücken.
Mir hat Kalt von Eric Berg sehr gut gefallen, für so manchen Gänsehautmoment gesorgt und ist auch für erwachsene Leser eine kurzweilige Lektüre und durchaus empfehlenswert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Bloomoon Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Eric Berg: Kalt
Verlag: Bloomoon Verlag
Ersterscheinungsdatum: 12. Februar 2016
192 Seiten
ISBN  978-3-8458-1231-1

Cover: Bloomoon Verlag

Buchrezension: Ursula Poznanski – Erebos

Ursula Poznanski - ErebosInhalt:

Nick merkt schon seit geraumer Zeit, dass an seiner Schule etwas Seltsames vorgeht. Sein Freund Colin zieht sich immer mehr von ihm zurück, geht nicht an Telefon, antwortet nicht auf Nachrichten und kommt nicht mehr zum Basketballtraining. Auch Nicks Mitschüler verhalten sich recht eigenartig, tuscheln verschwörerisch in den Pausen, wirken abwesend und übermüdet und fehlen häufig im Unterricht. Offenbar hängen diese Veränderungen mit diesen seltsamen Päckchen zusammen, die seine Schulfreunde heimlich untereinander austauschen. Nick erfährt zwar, dass sich in diesen Päckchen eine DVD befinden soll, aber niemand will ihm sagen, was es damit auf sich hat.
Doch eines Tages bekommt Nick von einer Mitschülerin auch endlich ein solches Päckchen zugesteckt, muss ihr allerdings versprechen, die DVD niemandem zu zeigen und niemandem zu erzählen, wer sie ihm gegeben hat. Nick kann es kaum erwarten, hinter das Geheimnis dieser DVD zu kommen, die lediglich mit dem Wörtchen „Erebos“ beschriftet ist. Zuhause legt er den Datenträger in seinen Computer ein und wird sofort in den Bann gezogen von Erebos, einem Computerspiel, das gänzlich anders ist, als man es sonst von diesen Spielen kennt. Dieses Rollencomputerspiel kann reden, reagieren und gibt dem Spieler auf jede Frage eine sinnvolle Antwort. Es scheint fast so, als ob das Spiel lebt. Doch bevor Nick richtig in diese Spielewelt eintreten kann, wird er gewarnt und zunächst mit den strengen Regeln vertraut gemacht. Er darf das Spiel nur alleine spielen, mit niemandem darüber reden und seinen Spielernamen niemals verraten. Falls er gegen eine Regel verstößt oder eine der Aufgaben, die das Spiel ihm auferlegt, nicht erfüllt, stirbt seine Spielfigur und das Spiel ist endgültig vorbei – eine zweite Chance gibt es nicht. Nick erklärt sich mit den Regeln einverstanden, erstellt seinen Spielecharakter, besteht die ersten Aufgaben und ist geradezu süchtig nach neuen Herausforderungen, die Erebos bereithält und ihn ins nächste Level bringen. Das Unheimliche, aber gleichzeitig auch besonders Faszinierende ist, dass ihm das Spiel hin und wieder auch Aufträge erteilt, die er in der realen Welt ausführen muss. Zunächst sind es nur kleine Aufgaben, die er zu erledigen hat, aber dann erhält Nick von dem Spiel einen ganz besonderen Befehl – er soll einen Menschen töten.

Meine persönliche Meinung:

Zunächst war ich ja ein wenig skeptisch, denn da Erebos ein Jugendthriller ist und ich der eigentlichen Zielgruppe schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen bin, hatte ich die Befürchtung, dass dieses Buch vielleicht nichts für mich sein könnte. Außerdem geht es um die Faszination von Computerspielen, also um ein Thema, das in meinem Leben eigentlich keine Rolle spielt. Da das Buch aber nicht nur von Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen in den höchsten Tönen gelobt wurde und mir Ursula Poznanskis Thriller Fünf außergewöhnlich gut gefallen hat, war ich doch ein wenig neugierig auf Erebos, zumal ich den Eindruck habe, dass ich so ziemlich der letzte Mensch auf diesem Planeten war, der das Buch noch nicht gelesen hat. Ursula Poznanski wurde für diesen Jugendthriller mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Das Buch wird offenbar auch in Schulen gelesen, was mich ein wenig neidisch macht, denn ich kann mich nicht erinnern, dass wir im Schulunterricht jemals ein so spannendes Buch besprochen hätten.
Meine anfänglichen Bedenken, dass ich vielleicht nichts mit diesem Buch anfangen könnte, weil es sich um einen Jugendthriller handelt, haben sich nicht bestätigt, denn ich war von der ersten Seite an vollkommen gefangen von der Geschichte. Auch wenn die Protagonisten fast ausschließlich Jugendliche sind und es nicht nur um die Faszinationskraft dieses Computerspiels, sondern auch um den Schulalltag, Freundschaften und eine zarte Liebesgeschichte geht, war ich von dem Buch ebenso schnell gefesselt wie Nick von diesem Spiel.
Gemeinsam mit Nick bzw. seiner Spielfigur, dem Dunkelelfen Sarius, entdeckt der Leser die virtuelle Spielewelt von Erebos. Zu meinem Erstaunen konnte ich sehr gut nachvollziehen, wie schnell Nick in den Bann des Spiels gerät, denn dieses Rollencomputerspiel besitzt eine ungeheure Sogkraft – nicht nur für den Hauptprotagonisten, sondern auch für den Leser. Furchtbar lästig und fast endlos erschien mir die Zeit, die Nick mit ganz alltäglichen Dingen wie Schule, Hausaufgaben oder mit seinen Eltern verbringen musste. Auch ich konnte es kaum abwarten, an Nicks Seite mit Sarius allerlei spannende Abenteuer zu bestehen und zu erfahren, welche Überraschungen Erebos bereithält, damit Sarius das nächste Level erreicht und vielleicht irgendwann in den Inneren Kreis der fünf besten Spieler aufgenommen wird. Der Alltag verliert allmählich seine Bedeutung, Schule und Freunde werden immer mehr vernachlässigt, denn das Spiel entwickelt ein ungeheures Suchtpotenzial, dem sich Nick nicht mehr entziehen kann.
Ursula Poznanski ist es gelungen, eine sehr phantasievolle, faszinierende und gleichzeitig auch beängstigende Spielewelt zu konzipieren. Das Beeindruckende und gleichzeitig auch sehr Unheimliche an diesem Computerspiel ist, dass es alles über den Spieler weiß und auch seine Wünsche und Gedanken zu kennen scheint. Und so weiß Erebos natürlich auch ganz genau, wo es ansetzen muss, um Nick immer mehr in seinen Bann zu ziehen und zu manipulieren. Als Sarius aufgefordert wird, auch Aufgaben in der realen Welt zu erledigen, verwischen die Grenzen zwischen der virtuellen Spielewelt und der Wirklichkeit immer mehr. Bald kann man zwischen dem Schüler Nick und dem Dunkelelfen Sarius kaum noch unterscheiden, denn der Spielecharakter und die reale Person vermischen sich zunehmend. Anfangs muss Nick in der realen Welt nur kleine, recht harmlose Aufträge erledigen, aber dann wird Erebos immer fordernder und erwartet, dass der Spieler all seine Skrupel über Bord wirft, nur um weiterspielen zu können. Als Leser fragt man sich irgendwann, wie weit Nick noch gehen wird, um nicht von Erebos ausgeschlossen zu werden. Und ich fragte mich auch selbst, wie weit ich in Nicks Alter gegangen wäre, denn ich konnte die verführerische Anziehungskraft dieses Spiels erschreckend gut nachempfinden.
Bis auf ein paar sehr verstörende Passagen, in denen Erebos bzw. der Spieleentwickler selbst zu Wort kommt und die aus der Ich-Perspektive verfasst sind, wird das Buch fast ausschließlich aus der Perspektive des Hauptprotagonisten Nick erzählt. Nick ist ein ganz gewöhnlicher sechzehnjähriger Junge, sehr neugierig, aufgeschlossen und zunächst etwas naiv und arglos. Im Laufe der Erzählung macht er aber eine erstaunliche Entwicklung durch, denn als das Spiel ihm befiehlt, einen Mord zu begehen, ringt er zwar zunächst noch mit sich, aber dann regen sich in ihm doch Skrupel. Er widersteht den Verlockungen und ahnt allmählich, dass er sich auf etwas sehr Gefährliches eingelassen hat. Gemeinsam mit seiner Mitschülerin Emily, in die er heimlich verliebt ist, und ein paar Freunden, die sich dem Spiel verweigert haben, beschließt Nick hinter das Geheimnis von Erebos zu kommen und ihm den Kampf anzusagen.
Nicht nur Nick, sondern auch die Nebencharaktere hat Ursula Poznanski sehr interessant ausgearbeitet. Während Nicks Freund Colin und auch ein paar andere Mitschüler dem Spiel hoffnungslos verfallen sind und ohne zu reflektieren und völlig skrupellos alles tun, was Erebos von ihnen verlangt, widerstehen Emily und Jamie der Versuchung. Und so geht es in Erebos nicht nur um die Faszination von Computerspielen, sondern auch um Freundschaft und Zusammenhalt, denn während im Spiel jeder gegen jeden kämpft, versuchen die Gegner des Spiels gemeinsam gegen Erebos zu kämpfen und ihre Mitschüler vor weiteren Gefahren zu beschützen.
Ich fand das Buch von der ersten Seite an unheimlich spannend und mitreißend. Natürlich merkt man, dass es ein Jugendbuch ist, denn der Schreibstil ist recht einfach gehalten und der Plot ist nicht besonders verzwickt und kompliziert, aber dennoch sehr wendungsreich und nicht vorhersehbar. Das Ende hat mich jedenfalls sehr überrascht und war auch äußerst actiongeladen.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Ursula Poznanski in Erebos zwar sehr eindrücklich die verführerische Faszination, die Gefahr und das Suchtpotenzial von Computerspielen und virtuellen Welten zeigt, aber diese Spiele nicht generell verteufelt. Der pädagogisch erhobene Zeigefinger, der mich bei Jugendbüchern meistens ziemlich nervt und bei der Zielgruppe sicherlich auch eher am Ziel vorbeischießt, fehlt jedenfalls glücklicherweise vollkommen.

Und so war Erebos für mich ein überaus fesselnder Jugendthriller, der mich teilweise auch sehr nachdenklich stimmte und meiner Meinung nach für Leser jeden Alters sehr spannende und unterhaltsame Lesestunden bietet.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Ursula Poznanski – Erebos
Verlag: Loewe
Ersterscheinungsdatum: 06. Juni 2011
488 Seiten
ISBN 978-3-7855-7361-7

Cover: Loewe

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