Buchrezension: E. O. Chirovici – Das Buch der Spiegel

Das Buch der Spiegel von EO ChiroviciInhalt:

Den New Yorker Literaturagenten Peter Katz erreichen tagtäglich unzählige unverlangt eingesandte Buchmanuskripte, doch als er eines Tages eine Anfrage von Richard Flynn erhält, ist er von dem angehängten Manuskript mit dem Arbeitstitel Das Buch der Spiegel sofort fasziniert. Es geht darin um die Ermordung des berühmten Psychologieprofessors Joseph Wieder, die nahezu dreißig Jahre zurückliegt und nie aufgeklärt wurde.
Joseph Wieder war ein berühmter Gedächtnisforscher und einer der wichtigsten Dozenten in Princeton. Er beschäftigte sich mit der Analyse verdrängter Erinnerungen, forschte über die Manipulierbarkeit von Erinnerungen bei Traumapatienten und führte auch geheime Forschungsexperimente durch.
Richard Flynn kannte den ermordeten Wissenschaftler persönlich und hatte während seines Studiums in Princeton für ihn gearbeitet, nachdem seine Mitbewohnerin und Geliebte Laura Baines ihn mit ihrem Professor bekannt gemachte hatte. Laura war Wieders wissenschaftliche Hilfskraft und verehrte den exzentrischen Wissenschaftler, aber Flynn hatte häufig den Verdacht, dass sie ihm auch privat sehr nahestand und vielleicht eine Affäre mit ihm hatte.
Der Mord an Wieder konnte bislang nie aufgeklärt werden, aber Flynn scheint inzwischen mehr über den Fall in Erfahrung gebracht zu haben und möchte nun in seinem Buch endlich die Wahrheit offenbaren.
Katz ist fasziniert von dem Text, doch leider bricht das Manuskript unvermittelt ab – ausgerechnet an der Stelle, an der Flynn die Ereignisse in der Mordnacht schildert. Noch bevor Katz den Autor um den Rest des Manuskripts bitten kann, verstirbt Flynn an seinem Krebsleiden. Seine Lebensgefährtin wusste offenbar nicht, dass er an einem Buch über seine Vergangenheit arbeitete und hat in seinem Nachlass kein Manuskript gefunden. Katz möchte jedoch unbedingt herausfinden, was Flynn über diesen spektakulären Mordfall enthüllen wollte. Kannte er Wieders Mörder? Wollte er in den letzten Wochen seines Lebens endlich offenbaren, wer den bedeutenden Wissenschaftler damals ermordet hat? Oder hat Flynn den Professor womöglich selbst getötet und das Manuskript ist nun ein verspätetes Geständnis? Katz ist geradezu besessen von der Geschichte und setzt alles daran, zu erfahren, wie sie endet.

Meine persönliche Meinung:

E. O. Chirovici hat in seinem Heimatland Rumänien bereits fünfzehn Romane veröffentlicht. Das Buch der Spiegel ist jedoch sein erster Roman in englischer Sprache, wurde bereits in 38 Länder verkauft und ist in der deutschen Übersetzung nun kürzlich bei Goldmann erschienen. Inzwischen ist dieser Roman in aller Munde, selbst Denis Scheck lobte ihn über den grünen Klee und meinte, er sei etwas „Besonderes“ und „im Thrillergenre ein herausragendes Buch“. Obwohl ich Herrn Scheck sehr schätze, treffen seine Buchempfehlungen nicht immer meinen Geschmack, aber bei Chirovicis Roman kann ich ihm nur zustimmen, denn er ist wirklich in jeder Hinsicht herausragend. Allerdings würde ich das Buch nicht als Thriller, sondern eher als Kriminalroman bezeichnen, denn im Zentrum der Handlung steht ein fast dreißig Jahre zurückliegender Mordfall, der nun aus unterschiedlichen Perspektiven erneut beleuchtet wird.
Als der Literaturagent Peter Katz eines Tages das Manuskript von Richard Flynn in den Händen hält, ist er sofort fasziniert von dem Text, denn Flynn behauptet bereits in seinem Anschreiben, sich nun wieder genau an die Ereignisse von damals zu erinnern und die Wahrheit über den Mord an dem berühmten Psychologieprofessor Joseph Wieder enthüllen zu können. Im Verlauf der Handlung müssen Katz und auch der Leser jedoch feststellen, dass es mehr als nur eine Wahrheit gibt und Erinnerungen sehr trügerisch sein können.
Während man im ersten Teil des Romans gemeinsam mit Peter Katz Flynns Exposé liest, zweifelt man trotz der höchst subjektiven Darstellung der Ereignisse jedoch zunächst nicht am Wahrheitsgehalt von Flynns Worten und der Zuverlässigkeit seiner Erinnerungen.
Das Manuskript bricht allerdings genau an der Stelle ab, an der Flynn seine Erinnerungen an die Mordnacht rekonstruiert. Peter Katz möchte nun natürlich unbedingt wissen, was Flynn über die Ermordung Wieders weiß oder ob sein Buch womöglich mit einem Mordgeständnis endet. Außerdem würde sich ein Roman über ein wahres Verbrechen auch sehr gut verkaufen lassen. Da Flynn inzwischen verstorben und das vollständige Manuskript unauffindbar ist, beauftragt Katz seinen Freund, den Reporter John Keller, Nachforschungen anzustellen. Keller soll entweder den Rest des Manuskripts finden oder aber so viel über den Mord an Wieder in Erfahrung bringen, dass er anhand der zusammengetragenen Informationen Flynns Buch als Ghostwriter vollenden kann.
Im zweiten Teil des Buches folgt der Leser nun Keller bei seinen Recherchen, die aus der Ich-Perspektive geschildert werden. Der Reporter sucht zunächst die Personen auf, die damals in den Fall involviert waren und Wieder kannten. Doch die Aussagen der Befragten widersprechen sich, und offenbar ist auch Flynn in seinem Manuskript nicht ganz bei der Wahrheit geblieben. Kellers Nachforschungen ergeben kein stimmiges Bild. Stattdessen wird der Fall immer noch verworrener und die Liste der Verdächtigen immer länger. Je mehr Keller in Erfahrung bringt, umso undurchsichtiger erscheint ihm alles, sodass er schließlich entnervt aufgibt. Doch bevor er seine Recherchen einstellt, befragt er noch Roy Freeman, den inzwischen pensionierten Detective, der damals erfolglos in dem Mordfall ermittelte und den Eindruck hat, vor nahezu dreißig Jahren etwas übersehen zu haben.
Im dritten Teil des Buches begleitet man dann Roy Freeman, der nun erneut die Ermittlungen aufnimmt und alles daran setzt, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen und den Mord an Wieder endlich aufzuklären.
Chirovici spielt sehr raffiniert mit unterschiedlichen Perspektiven und hat seinen Roman äußerst klug konstruiert. Die Handlung wird aus drei verschiedenen und zeitlich versetzten Ich-Perspektiven geschildert, wobei der Leser immer wieder mit höchst subjektiven Wahrnehmungen, widersprüchlichen Vermutungen, Halbwahrheiten und Fehleinschätzungen konfrontiert wird. Kein Detail passt zum anderen, obwohl sich alle Beteiligten zu den selben Sachverhalten äußern. Da die Ereignisse jedoch völlig unterschiedlich dargestellt werden, muss man sich stets erneut fragen, wessen Worten man eigentlich Glauben schenken darf. Allerdings scheinen manche Beteiligten gar nicht bewusst zu lügen, sondern bewerten und deuten die Fakten, an die sie sich erinnern, nur auf völlig unterschiedliche Weise.
Der Roman kreist immer wieder um die Frage, wie zuverlässig unsere Erinnerungen eigentlich sind und ob das, woran wir uns erinnern, bzw. zu erinnern glauben, auch tatsächlich passiert ist. Ohne dass wir es wollen, entwickeln sich völlig falsche Erinnerungen, die wir dann aber für die Wahrheit halten, und so schönen und verfälschen wir immer wieder die Realität.
Mich hat Das Buch der Spiegel von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und begeistert. Gebannt folgte ich diesem raffinierten Verwirrspiel und versuchte die einzelnen Puzzleteile zu einem stimmigen Ganzen zusammenzusetzen. Das Ende war jedoch absolut nicht vorhersehbar, für meinen Geschmack vielleicht ein bisschen zu konstruiert, aber dennoch glaubwürdig und schlüssig.
Ich bin absolut begeistert von diesem Roman und kann ihn nur jedem empfehlen, der kluge Spannungsliteratur auf hohem Niveau zu schätzen weiß. Ein sprachlich versierter und intelligent erzählter Roman um Wahrheit, trügerische Erinnerungen und die subjektive Wahrnehmung von Liebe.

© Claudia Bett

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 27. Februar 2017
384 Seiten
ISBN 978-3-442-31449-2

Buchrezension: L. U. Ulder – Ein dunkler Trieb

L. U. Ulder - Ein dunkler TriebInhalt:

Björn Liebermann hatte sich seinen Neubeginn in Berlin vollkommen anders vorgestellt. Der Wegzug aus Hamburg ist ihm ohnehin nicht leichtgefallen und war auch nicht seine Idee, aber seine Freundin Franziska hat endlich ihren Traumjob gefunden, sodass er auf seine anstehende Beförderung zum Hauptkommissar verzichtete und ihr zuliebe nach Berlin zog. Immerhin sah zunächst alles danach aus, als könnte er hier wenigstens bei der neu aufgestellten Ermittlungsgruppe für Banden- und Schwerstkriminalität einsteigen, doch stattdessen muss er nun einen erkrankten Kollegen bei der Mordkommission ersetzen. Er macht auf der Dienststelle keinen Hehl daraus, dass er enttäuscht ist, Mord und Totschlag ihn nicht besonders interessieren und er auch keine Erfahrung mit Tötungsdelikten hat.
Beim Anblick der bereits stark verwesten Frauenleiche, die ein Spaziergänger mit seinem Hund in einem Waldstück fand, stößt Björn schnell an seine Grenzen. Die junge Frau wurde offenbar mehrfach missbraucht und qualvoll erstickt. Doch ahnen Björn und seine Kollegen von der Mordkommission zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie es mit der Tat eines perversen Serienmörders zu tun haben, der es geradezu meisterhaft versteht, keine Spuren zu hinterlassen.

Meine persönliche Meinung:

Bei Ein dunkler Trieb von L. U. Ulder handelt es sich um den ersten Band der Reihe um den Ermittler Björn Liebermann, der sich seiner Lebensgefährtin zuliebe von Hamburg nach Berlin versetzen ließ und dort zunächst bei der Mordkommission landet. Ich habe in der letzten Zeit nur noch selten nach solchen klassischen Ermittlungsthrillern gegriffen, weil mich viele sehr enttäuscht haben, aber sobald in einem Klappentext das Wörtchen „Serienmörder“ fällt, ist mein Interesse geweckt und die Neugierde groß, sodass ich auf Ein dunkler Trieb sehr gespannt war.
Schon auf den ersten Seiten begleitet man den Mörder bei seiner ersten Tat und erhält detaillierte Einblicke in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit. L. U. Ulder verlangt dem Leser schon einiges ab, denn im weiteren Handlungsverlauf wird man noch mit weiteren Perversionen konfrontiert, zu denen der Täter fähig ist. Man darf nicht allzu zimperlich und zartbesaitet sein, wenn man den wirklich abartigen Gedankengängen dieses Sadisten folgt und ihn bei seinen Taten begleitet, denn wie der Titel schon sagt, wird er von wahrhaft dunklen Trieben geleitet. Trotzdem haben mir gerade die Kapitel besonders gut gefallen, die aus der Sicht des Mörders erzählt werden und in denen man nicht nur hautnah miterlebt, wie er sich seine Opfer aussucht und sich ihnen nähert, sondern auch, was er ihnen antut. Obwohl die blutigen Details und die brutalsten Grausamkeiten häufig nur angedeutet werden, sind diese Passagen überaus verstörend, schockierend und teilweise auch wirklich abstoßend. Beängstigend ist aber vor allem, dass dieser Mörder sehr intelligent ist, seine Taten überaus präzise plant und große Freude und Lust dabei verspürt. Außerdem weiß er, wie man Spuren verwischt und geschickt falsche Fährten legt. Und so stoßen Björn Liebermann und sein Team recht schnell auf einen Verdächtigen und ahnen zunächst nicht, dass sie es eigentlich mit einem Serienmörder zu tun haben, der sie raffiniert an der Nase herumführt.
Ich greife vor allem deshalb immer seltener zu reinen Ermittlungsthrillern, weil die Ermittlungen häufig so langatmig oder aber so unglaubwürdig geschildert werden, dass man sich regelrecht durch die Seiten quälen muss. Ich weiß nicht, in welchem Bereich L. U. Ulder hauptberuflich arbeitet, im Buch steht lediglich ein wenig kryptisch, dass es sich bei L. U. Ulder um ein Pseudonym handelt und der Autor in seinem Hauptberuf mit „ebensolchem Verhalten konfrontiert“ wird. Man merkt auf jeden Fall deutlich, dass er sich mit der Ermittlungsarbeit auskennt oder zumindest sehr gut recherchiert hat, denn die Mordermittlungen werden sehr glaubhaft und realistisch geschildert. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Björn Liebermann und seine Kollegen von der Mordkommission sehr gut und vor allem glaubwürdig ausgearbeitet sind. Gerade was Ermittlerfiguren anbelangt, kann man es mir eigentlich kaum noch recht machen. Ich muss sie nicht mögen, aber sie sollten eben glaubwürdig und nicht überzeichnet sein. Björn Liebermann hatte es leider schon nach wenigen Seiten bei mir verscherzt. Da seine Lebensgefährtin einen Traumjob bei einer Großbank gefunden hat, ließ er sich von Hamburg nach Berlin versetzen, musste aber seine Hündin Laura in Hamburg zurücklassen. Ja, sowas reicht schon, um meine Sympathien zu verspielen. Hinzu kommt, dass seine Freundin eine so oberflächliche und arrogante Person ist, dass es mir ohnehin schwerfiel, nachzuvollziehen, warum er ihretwegen sein altes Leben und vor allem seinen Hund in Hamburg zurückgelassen hat und ständig nach ihrer Pfeife tanzt. Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, hatte ich ja ein bisschen die Befürchtung, dass die privaten Probleme von Björn Liebermann etwas zu sehr in den Fokus gerückt werden könnten, denn Beziehungsprobleme und andere Privatangelegenheiten der Ermittler empfinde ich in Thrillern meistens als störend. L. U. Ulder hat es aber geschafft, das etwas verkorkste Privatleben seiner Ermittlerfigur geschickt in die Thrillerhandlung einzubetten, sodass man Björn Liebermann zwar sehr gut kennenlernt, aber die Spannung nicht darunter leidet. Glücklicherweise hat es Björn auch geschafft, das Ruder noch mal rumzureißen, sodass ich mich wieder mit ihm versöhnen konnte, er mir zunehmend sympathischer wurde und ich ihn gerne bei seinen Ermittlungen begleitet habe. Besonders gut hat mir jedoch seine Vorgesetzte Claudia Harder gefallen, weil man in Büchern nur sehr selten solchen Frauenfiguren begegnet. Ich will nicht behaupten, dass sie besonders sympathisch ist, aber sie ist eine sehr außergewöhnliche Ermittlerin und trotzdem nicht überzeichnet. Sie ist sehr ungepflegt, legt offenbar keinen Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild und hat den Liebreiz eines Bierkutschers, trinkt gerne mal einen über den Durst, hat überhaupt keine Manieren und ist ziemlich derb, rüpelhaft und burschikos, was ihr einen nicht besonders schmeichelhaften Spitznamen eingebracht hat, aber trotzdem mochte ich sie, denn zumindest beweist sie Charakter, ist ehrlich, direkt und unverstellt.
Die Ermittlungen führen Björn Liebermann auch immer wieder zum Berliner Straßenstrich, wo er unerwartet Hilfe von einer Prostituierten und einem Spanner erhält, der über seine Beobachtungen genauestens Buch führt und ein ausgesprochen widerlicher Charakter ist. Aber selbst diese Nebenfiguren sind sehr präzise gezeichnet und detailliert ausgearbeitet.
Durch die Täterperspektive ist der Leser den Beamten der Mordkommission immer einen Schritt voraus und weiß auch, dass, selbst als die Ermittlungen abgeschlossen zu sein scheinen, die Gefahr, die von diesem Perversen ausgeht, noch keineswegs vorbei ist. Dieser Thriller ist sehr raffiniert konstruiert und hat einen äußerst gut durchdachten und wendungsreichen Plot. Das Spannungslevel, das von der ersten Seite an sehr hoch ist, wird kontinuierlich gehalten, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Auch die angenehm kurzen Kapitel sowie der eingängige Schreibstil und die lebendigen Dialoge sorgen dafür, dass man nur so durch die Seiten fliegt.
Besonders wichtig ist mir bei Ermittlungsthrillern vor allem, dass das Ende nicht vorhersehbar, aber trotzdem logisch und nicht überkonstruiert ist. Auch hier hat mich der Autor nicht enttäuscht, denn die Auflösung des Falls hat mich nicht nur überrascht, sondern war auch schlüssig und glaubwürdig.
Obwohl mir die Schilderungen grausamster Perversionen und die Darstellung dunkelster menschlicher Abgründe einiges abverlangt haben und ich mitunter große Abscheu und auch Ekel empfand, hat mir Ein dunkler Trieb überaus gut gefallen, mir sehr spannende Lesestunden bereitet und mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, begeistert und vollkommen in seinen Bann gezogen. Ich freue mich schon auf den nächsten Fall von Björn Liebermann, den er hoffentlich wieder an der Seite von Claudia Harder lösen darf (auch wenn er das vermutlich gar nicht möchte).

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Ich danke dem Autor recht herzlich für seine freundliche Anfrage sowie die Zusendung des Rezensionsexemplars und freue mich, dass ich Ein dunkler Trieb lesen durfte!

Buchdetails:

L. U. Ulder: Ein dunkler Trieb
Verlag: Knaur TB
Ersterscheinungsdatum: 02. November 2016
444 Seiten
ISBN 978-3-426-21601-9

Cover: Droemer Knaur

Buchrezension: Sofie Sarenbrant – Der Mörder und das Mädchen

sofie-sarenbrant-der-morder-und-das-madchenInhalt:

Nur noch ein Tag, dann können Cornelia und ihre kleine Tochter Astrid das Haus, in dem Cornelia die schlimmsten Jahre ihres Lebens verbracht hat und das überall die Spuren ihres Martyriums trägt, endlich verlassen. Die Scheidung von Hans, ihrem gewalttätigen Ehemann, ist schon eingereicht, die gemeinsame Villa steht zum Verkauf und die Koffer sind gepackt. Cornelia muss nur noch eine Nacht in diesem Haus verbringen, dann kann sie mit Astrid in eine kleine Wohnung ziehen, ist endlich sicher vor den Schlägen, Tritten und Demütigungen ihres Mannes und kann nachts wieder ruhig schlafen. Sie ist froh, dass Hans die letzten Nächte im Gästezimmer verbracht hat, hofft, dass er sie auch in dieser Nacht in Ruhe lässt und am nächsten Morgen nicht versuchen wird, sie aufzuhalten.
Doch dann wird Hans in dieser Nacht ermordet, und ausgerechnet die sechsjährige Astrid findet die Leiche ihres Vaters im Gästezimmer. Seltsamerweise wirkt das kleine Mädchen aber vollkommen unberührt. Cornelia ist zwar schockiert, kann aber auch nicht verbergen, dass sie erleichtert ist, denn sie profitiert gleich in mehrfacher Hinsicht vom Tod ihres Mannes – sie muss endlich keine Angst mehr vor ihm haben und ist auch all ihre finanziellen Sorgen für immer los. Somit fällt der Verdacht zunächst auf sie, zumal sie nicht beweisen kann, dass sie von ihrem Mann tatsächlich misshandelt wurde, da sie nie Anzeige erstattet hat und ihre Verletzungen stets geschickt versteckte. Sie hat sich nur ihrer besten Freundin Josefin anvertraut, doch ausgerechnet Josefins Schwester Emma Sköld, die beim Landeskriminalamt in Stockholm tätig ist, muss nun in diesem Mordfall ermitteln. Auch sie verdächtigt Cornelia, denn offenbar hat diese Frau etwas zu verbergen und sagt nicht immer die Wahrheit. Emma weiß auch nicht, ob sie der kleinen Astrid Glauben schenken darf, denn das Mädchen behauptet, in der Mordnacht einen fremden Mann in ihrem Zimmer gesehen zu haben, der neben ihrem Bett gestanden und sie gestreichelt habe…

Meine persönliche Meinung:

Seit Henning Mankells Wallander-Krimis, Håkan Nessers Van-Veeteren-Reihe und Stieg Larssons Millennium-Trilogie bin ich ein großer Fan skandinavischer, vor allem schwedischer Krimis und Thriller. Da sie ein ganz besonderes Flair haben, bin ich immer auf der Suche nach neuen schwedischen Autoren. Deshalb war ich nun auch neugierig auf Der Mörder und das Mädchen von Sofie Sarenbrant, denn der Klappentext klang sehr vielversprechend.
Ich würde dieses Buch jedoch nicht als Thriller, sondern vielmehr als Kriminalroman bezeichnen. Obwohl ich die üblichen Ermittlungskrimis inzwischen meistens ein wenig langweilig finde und nur noch selten lese, hat mir Der Mörder und das Mädchen sehr gut gefallen, denn der Schreibstil der Autorin lässt sich sehr angenehm und flüssig lesen, die Geschichte wird atmosphärisch erzählt und der Plot ist gut durchdacht und spannend. Besonders überzeugend fand ich jedoch die Charaktere, vor allem die beiden Frauenfiguren, die im Zentrum der Ermittlungen stehen – Cornelia, die des Mordes an ihrem Ehemann verdächtigt wird und Kriminalkommissarin Emma Sköld, die in diesem Mordfall ermittelt.
Gerade was Ermittlerfiguren anbelangt, ist es inzwischen schwierig geworden, es mir noch recht zu machen, doch Emma ist eine sehr interessante und vielschichtige Protagonistin, nicht immer besonders sympathisch, aber zumindest menschlich und auch glaubwürdig. Ausführliche Schilderungen aus dem Privatleben der Ermittler, finde ich in Kriminalromanen meistens ziemlich langweilig und auch überflüssig. In diesem Buch machen sie jedoch durchaus Sinn, weil es zwischen der familiären Situation von Emma Sköld und dem aktuellen Mordfall, in dem sie ermittelt, eine Verbindung gibt. Cornelia, die beste Freundin ihrer Schwester Josefin, wird des Mordes an ihrem Ehemann beschuldigt, und obwohl Josefin an die Unschuld ihrer Freundin glaubt, ist Emma davon überzeugt, dass nur Cornelia für die Tat in Betracht kommen kann. Auch sonst sind die beiden Schwestern recht verschieden, haben unterschiedliche Lebenskonzepte und häufig Meinungsverschiedenheiten. Doch Emma hat auch noch mit anderen Problemen zu kämpfen, denn sie hat sich erst vor Kurzem neu verliebt, ist von diesem Mann schwanger und leidet unter den typischen Schwangerschaftsproblemen, sodass es ihr nicht leichtfällt, wie gewohnt weiterzuarbeiten. Sie ist allerdings sehr ehrgeizig und möchte den hohen Ansprüchen, die ihr Beruf als Kriminalkommissarin der Sektion Gewaltverbrechen an sie stellt, unbedingt weiterhin gerecht werden. Kristoffer, der neue Mann an ihrer Seite, ist Immobilienmakler und ein äußerst zwielichtiger Charakter. Immer wieder fragt sich Emma, ob er wirklich der richtige Partner für sie ist, denn er verbringt viel zu viel Zeit mit seiner Arbeit, will immer für seine Kunden erreichbar sein, hat ständig Besichtigungstermine und nur selten Zeit für sie. Aber sie liebt Kristoffer, will eine Familie mit ihm gründen und freut sich auf das gemeinsame Baby. Deshalb leidet sie auch sehr darunter, dass ihr Exfreund Hugo sie einfach nicht in Ruhe lässt und regelrecht verfolgt. Hugo liebt sie nach wie vor, kommt nicht über die Trennung hinweg, ist geradezu besessen von dem Gedanken, sie zurückzugewinnen und greift dabei zu recht beängstigenden Mitteln.
Emmas Charakter ist zwar sehr gut ausgearbeitet, allerdings hatte ich, gerade was ihre Beziehung zu Hugo anbelangt, ständig das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben und den Eindruck, dass bei der Charakterentwicklung der Ermittlerfigur etwas fehlt. Vermutlich fehlt tatsächlich etwas, aber das ist nicht die Schuld der Autorin, denn im Nachhinein habe ich nun festgestellt, dass Der Mörder und das Mädchen bereits der dritte Band der Krimireihe um Emma Sköld ist. Allerdings ist es der erste Band, der ins Deutsche übersetzt wurde, sodass ich davon ausgehe, dass sich genauere Hinweise zu Emmas Vorgeschichte und ihrer Beziehung zu Hugo in den beiden ersten Bänden befinden. Mich ärgert es immer ein wenig, wenn eine Krimireihe in der deutschen Übersetzung nicht in der richtigen Reihenfolge erscheint, aber da Der Mörder und das Mädchen offenbar der bislang erfolgreichste Roman der Emma-Sköld-Reihe ist, hat man wohl entschieden, ihn zuerst auf den deutschen Buchmarkt zu bringen. Das ist zwar schade, aber da die Geschichte in sich abgeschlossen ist, sind diese Vorkenntnisse über Emma vermutlich eher nebensächlich, wenn man sie bei ihrem aktuellen Fall begleitet.
Im Zentrum dieses Falls steht nämlich vor allem Cornelia, die des Mordes an ihrem gewalttätigen Ehemann Hans beschuldigt wird. Ich konnte mich von der ersten Seite an sehr gut in diese Frau einfühlen und war sehr berührt, als sie sich rückblickend daran erinnert, was ihr Mann ihr angetan hat. Die Ängste, die sie durchlebt, solange sie noch mit ihm unter einem Dach verbringen muss, sind auf jeder Seite spürbar, aber auch der Schock und die gleichzeitige Erleichterung, als Hans am Morgen des Tages, an dem sie endlich aus dem gemeinsamen Haus ausziehen wollte, tot im Gästezimmer liegt, werden sehr nachvollziehbar geschildert. Obwohl Cornelia in mehrfacher Hinsicht vom Tod ihres Ehemanns profitiert und keinen Grund hat, um ihn zu trauern, hatte ich zunächst nicht eine Sekunde lang den Verdacht, sie könnte ihn tatsächlich ermordet haben. Das änderte sich jedoch im weiteren Handlungsverlauf, denn in ihren Aussagen offenbaren sich immer wieder Ungereimtheiten. Es gibt weder Zeugen, die bestätigen könnten, dass ihr Mann tatsächlich gewalttätig war, noch hat sie ihn jemals angezeigt oder einen Arzt aufgesucht. Außerdem scheint sie, was den Verkauf des Hauses anbelangt, etwas zu verbergen. Doch obwohl sie sich manchmal etwas verdächtig verhält und ich häufig dachte, sie könnte Hans tatsächlich ermordet haben, hoffte ich, dass man sie nicht des Mordes überführt, denn man könnte es ihr kaum verübeln, sich ihres gewalttätigen Ehemannes entledigt zu haben.
Allerdings werden die Ereignisse während der Ermittlungen abwechselnd aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, sodass stets neue Verdächtige auftauchen. Man verfolgt den Fall nicht nur aus der Sicht von Cornelia, ihrer Freundin Josefin und der Kommissarin Emma Sköld, sondern auch aus der des Täters. Obwohl er seine Gedanken aus der Ich-Perspektive schildert, bleiben sowohl seine Identität als auch sein Motiv bis zum Schluss vollkommen im Dunkeln. Außerdem begleitet man auch Hugo, den Exfreund von Emma, dabei, wie er seiner ehemaligen Freundin und ihrem neuen Lebensgefährten immer wieder auflauert und alles versucht, diese Beziehung zu zerstören.
Die Autorin versteht es wirklich, mit den klassischen Zutaten eines guten Kriminalromans geschickt zu hantieren, den Verdacht immer wieder raffiniert auf eine andere Person zu lenken und falsche Fährten auszulegen. Die Spannungskurve steigt zwar kontinuierlich an, fällt in der Mitte des Romans aber leider ein wenig ab und bäumt sich erst in den letzten Kapiteln wieder gewaltig auf. Trotz aller Verwicklungen, lösen sich alle Handlungsfäden logisch auf und führen zu einem schlüssigen Ende zusammen. Erst auf den letzten Seiten wird dem Leser die Auflösung des Falls präsentiert, die mehr als überraschend für mich war und mich mit einem unbehaglichen Frösteln zurückließ. Aber gerade solche Enden liebe ich in diesem Genre.
Mir hat dieser Kriminalroman ausgesprochen gut gefallen, denn er war bis auf ein paar kleine Durststrecken recht spannend und vor allem gut durchdacht. Ich würde mich freuen, wenn auch die beiden ersten Bände der Emma-Sköld-Reihe ins Deutsche übersetzt werden und würde diese recht interessante Ermittlerin gerne noch bei weiteren Fällen begleiten.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und dem Aufbau Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Sofie Sarenbrant: Der Mörder und das Mädchen
Verlag: Rütten & Loening
Ersterscheinungsdatum: 17. Februar 2017
368 Seiten
ISBN  978-3-352-00893-1

Cover: Aufbau Verlag

Buchrezension: Jane Harper – The Dry

jane-harper-the-dryInhalt:

Seit mehr als einem Jahr hat es nicht mehr geregnet, der Fluss ist versiegt, Ernten blieben aus und das Vieh hungert. Die sengende Hitze und die langanhaltende Dürre treiben die Einwohner des kleinen australischen Städtchens Kiewarra zur Verzweiflung. Vor allem die Farmer leiden unter dieser schweren Dürreperiode und stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Einer von ihnen, der Farmer Luke Hadler, sah offenbar keinen anderen Ausweg, als seine Frau, seinen sechsjährigen Sohn und dann sich selbst zu erschießen – zumindest sieht auf den ersten Blick alles nach dem erweiterten Suizid eines verzweifelten Familienvaters aus. Aber warum hat er seine erst wenige Monate alte Tochter verschont?
Lukes Eltern wollen nicht glauben, dass ihr Sohn tatsächlich zu einer solchen Tat fähig war und bitten seinen Jugendfreund Aaron Falk, den Fall zu untersuchen.
Aaron und sein Vater hatten Kiewarra bereits vor mehr als zwanzig Jahren den Rücken gekehrt, nachdem sie verdächtigt worden waren, etwas mit dem ungeklärten Tod der damals sechzehnjährigen Ellie zu tun gehabt zu haben, mit der Aaron befreundet war. Eigentlich wollte Aaron in Kiewarra nur der Beerdigung seines ehemals besten Freundes Luke beiwohnen und den Ort, in dem er zwar seine Kindheit und Jugend verbracht hat, man ihm aber noch immer mit Misstrauen und unverhohlener Feindseligkeit gegenübertritt, so schnell wie möglich wieder verlassen. Aaron arbeitet inzwischen bei der Polizei in Melbourne, ist dort allerdings bei der Steuerfahndung tätig. Dennoch lässt er sich nun von Lukes Eltern überreden, die Umstände dieser Familientragödie zu untersuchen. Gemeinsam mit Sergeant Raco, dem örtlichen Polizisten, der ebenfalls Zweifel an der Theorie eines erweiterten Suizids hat, nimmt er die Ermittlungen auf.
War Luke tatsächlich fähig, sich und seine Familie zu töten? Hat er vielleicht früher schon einmal einen Menschen umgebracht?

Meine persönliche Meinung:

Bei The Dry handelt es sich um den Debütroman der australischen Journalistin Jane Harper, der schon kurz nach seinem Erscheinen die australischen Bestsellerlisten erklomm. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, denn der Klappentext klingt äußerst spannend und ein Thriller, dessen Schauplatz im australischen Outback angesiedelt ist, habe ich bislang noch nie gelesen und machte mich deshalb sehr neugierig.
Warum The Dry auf dem Cover als „Thriller“ bezeichnet wird, ist mir vollkommen schleierhaft, denn das Buch ist mitnichten ein Thriller, sondern meiner Meinung nach ein ganz klassischer Kriminalroman. Selbst als solcher lässt die Spannung leider sehr zu wünschen übrig. Auch auf die im Klappentext angekündigten beklemmenden Momente wartete ich vergeblich, sodass ich von The Dry doch etwas enttäuscht bin und die begeisterten Stimmen zu diesem Buch nicht ganz nachvollziehen kann.
Es fällt mir nicht leicht, diesen Roman zu bewerten, denn einerseits war er großartig geschrieben und in mehrfacher Hinsicht wirklich herausragend, andererseits war er leider so langatmig, dass ich mich häufig zum Weiterlesen zwingen musste. Eigentlich mag ich solche leisen Töne und Bücher, die etwas gemächlicher erzählt werden und ohne Schockmomente auskommen, aber abgesehen von dem außerordentlich bedrückenden Setting sorgt in diesem Roman leider nichts für Beklemmung oder gar Spannung.
Im Zentrum der Geschichte stehen gleich zwei Kriminalfälle – der ungeklärte Tod von Ellie, die vor mehr als zwanzig Jahren ertrunken aufgefunden wurde, und der angeblich erweiterte Suizid von Luke, der – so sieht es zumindest auf den ersten Blick aus – offenbar nicht nur sich selbst, sondern auch seine Frau und seinen kleinen Sohn erschossen hat.
Nach einem wirklich fulminanten Prolog verläuft der Einstieg in die Geschichte allerdings schon äußerst zäh. Als Aaron Falk in seine Heimatstadt zurückkehrt, um der Beerdigung seines Jugendfreundes Luke beizuwohnen, spürt er bereits während der Trauerfeier die argwöhnischen Blicke der Bewohner des kleinen Städtchens, die ihn daran erinnern, warum er und sein Vater Kiewarra vor mehr als zwanzig Jahren verlassen haben. Beide wurden damals mit dem ungeklärten Tod von Ellie in Verbindung gebracht, mit der Aaron befreundet war, und offenbar halten ihn die Menschen noch immer für einen Mörder. Nur Lukes Eltern und Gretchen, die damals ebenfalls zu Aarons Clique gehörte, scheinen sich zu freuen, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen. Er würde nach der Beerdigung am liebsten sofort wieder abreisen, und man kann es ihm kaum verdenken, denn Kiewarra ist alles andere als ein einladender Ort. Jane Harper ist es ausgesprochen gut gelungen, diese fiktive Kleinstadt im australischen Outback sehr bedrückend zu gestalten. Anders als der Titel vermuten ließe, steht die Dürre nicht im Zentrum der Erzählung, sondern liefert nur Hintergrund, vor dem die Geschehnisse stattfinden. Die flirrende Hitze und die Trockenheit sind beim Lesen geradezu spürbar und schlagen den Bewohnern von Kiewarra schwer aufs Gemüt. Bereits Aarons bloße Anwesenheit löst in dieser verschworenen Gemeinschaft Misstrauen aus und lässt alte Wunden wieder aufbrechen. Als er dann die Ermittlungen aufnimmt und Fragen stellt, stößt er nur auf feindselige Ablehnung und eine Mauer des Schweigens. Die Ermittlungen gestalten sich äußerst zäh und langwierig – und das sind sie eben leider auch beim Lesen. Es scheint fast so, als würde die drückende Hitze auch die Spannung lähmen. Obwohl der Verdacht immer wieder auf eine andere Person gelenkt wird, ist die Suche nach dem Täter nicht sehr spannend. Auch wenn dieser Kriminalroman häufig die Züge eines klassischen Whodunits trägt, lädt er leider auch nicht zum Miträtseln ein, da der Protagonist viele der Puzzleteilchen, die es zusammenzutragen gilt, für sich behält.
Während seinen gegenwärtigen Ermittlungen, erinnert sich Aaron rückblickend immer wieder an seine Jugend, seine erste große Liebe, kleine Jugendsünden, die Erlebnisse mit seinem Freund Luke und auch an den rätselhaften Tod seiner Freundin Ellie. Die Rückblenden in die Vergangenheit sind in kursiver Schrift gedruckt und fügen sich nahtlos in die gegenwärtige Handlung ein. Diese Erzähltechnik hat mir ausgesprochen gut gefallen, denn auf diese Weise werden die beiden Kriminalfälle sehr geschickt miteinander verwoben.
Erst gegen Ende nimmt die Erzählung dann ein wenig an Fahrt auf und überzeugt mit einer logischen und schlüssigen Auflösung der beiden Fälle, die mich sehr überrascht hat.
Jane Harper hat ihren Hauptprotagonisten sehr fein gezeichnet und gut ausgearbeitet. Trotzdem wollte er mir nicht so recht ans Herz wachsen und hatte für mein Empfinden zu wenig Ecken und Kanten. Er ist sehr bescheiden, klug und auch besonnen, durchaus sympathisch, aber eben leider keine besonders interessante Persönlichkeit. Die verschworene Gemeinschaft der Stadtbewohner, die von Engstirnigkeit und Misstrauen geprägt ist, hat die Autorin ebenfalls sehr gut skizziert.

Jane Harper konnte mich mit ihrem Debüt leider nicht vollkommen überzeugen. Obwohl ihre Erzählweise für einen Debütroman sehr ausgereift ist, The Dry mit einem großartigen Setting, glaubwürdigen Charakteren und einem gut durchdachten Plot aufwarten kann, mangelt es diesem Kriminalroman leider nahezu durchgehend an Spannung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an und den Rowohlt Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jane Harper: The Dry
Verlag: Rowohlt Polaris
Ersterscheinungsdatum: 21. Oktober 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-499-29026-8

Cover: Rowohlt Verlag

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Buchrezension: Astrid Plötner – Todesgruß

Astrid Plötner - TodesgrußInhalt:

Maike Graf, Hauptkommissarin bei der Kriminalpolizei Unna, erhält eines Tages einen mysteriösen Anruf von einem Mann, der anonym bleiben möchte und ihr erzählt, er habe in einem Café zufällig ein Gespräch belauscht, in dem der Mord an einer Frau geplant wurde und der Name Schönfeld gefallen sei. In Unna gibt es zwar eine Zahnärztin namens Heinemann-Schönfeld, aber Maike ist dennoch skeptisch, ob sie dem anonymen Anrufer Glauben schenken kann, denn wer würde in einem gut besuchten Café die Ermordung eines Menschen planen? Trotzdem schickt sie eine Streife in die Zahnarztpraxis von Judith Heinemann-Schönfeld; doch auch die Zahnärztin nimmt die Warnung nicht allzu ernst.
Am nächsten Morgen wird im Stadtpark von Unna die Leiche von Dr. Judith Heinemann-Schönfeld gefunden. Die Tote war vor dem Kriegerdenkmal regelrecht in Szene gesetzt worden. Die Zahnärztin wurde offensichtlich erdrosselt, hat kleine Schnitte an der Innenseite der Handgelenke und trägt ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Ein letzter Gruß, G.“ um ihren Hals.
Die Kriminalhauptstelle Dortmund bildet sofort eine Mordkommission, die gemeinsam mit Maike Graf und ihren Kollegen in Unna die Ermittlungen aufnimmt. Der Ehemann der Toten und ein dubioser Immobilienmakler, der den Verkauf der Villa der Schönfelds plante, verhalten sich äußerst verdächtig, und auch Judiths beste Freundin hätte durchaus ein Motiv gehabt, die Zahnärztin zu ermorden. Doch obwohl es zahlreiche Verdächtige gibt und die Tote offenbar nicht nur Freunde hatte, fehlt es an Beweisen, sodass die Ermittler vollkommen im Dunkeln tappen.
Doch dann wird vor dem Amtsgericht in Unna wieder eine Leiche gefunden. Auch sie trägt ein Lebkuchenherz mit dem Schriftzug „Ein letzter Gruß, G.“ um den Hals. Offenbar treibt ein grausamer Serientäter sein Unwesen in dem beschaulichen westfälischen Städtchen Unna. Aber welche Verbindung bestand zwischen den Opfern? Gelingt es den Ermittlern, den „Kirmesmörder“ zu stoppen, bevor dieser erneut zuschlägt?

Meine persönliche Meinung:

Bei Todesgruß handelt es sich um den ersten Kriminalroman von Astrid Plötner im Gmeiner-Verlag und um den Auftakt einer neuen Krimireihe um Kommissarin Maike Graf und ihren Kollegen Max Teubner von der Kriminalpolizei Unna. Ich habe mich sehr gefreut, als mich die Autorin anschrieb und anfragte, ob ich ihren Kriminalroman Todesgruß lesen und rezensieren möchte, denn der Klappentext klang äußerst spannend. Dennoch war ich ein wenig skeptisch, da in manchen Rezensionen von einem „Regionalkrimi“ die Rede ist und der Gmeiner-Verlag für dieses Subgenre des deutschen Kriminalromans auch bekannt ist. Erstaunlicherweise erfreuen sich Regionalkrimis ja großer Beliebtheit, aber für mich gibt es kaum etwas Langweiligeres als Kriminalromane, bei denen man den Eindruck gewinnt, man läse eigentlich einen Reiseführer. Selbst wenn ich die Region kenne, in der der Schauplatz angesiedelt ist, reagiere ich auf Regionalkrimis ein wenig allergisch, weil die örtlichen Eigenheiten häufig viel zu sehr ins Zentrum gerückt werden und die eigentliche Krimihandlung dabei fast in Vergessenheit gerät. Gut recherchierte und authentische Schauplätze sind durchaus wichtig und machen auch Sinn, wenn sie für die erzählte Geschichte notwendig sind oder das Setting eine bestimmte Stimmung erzeugen soll, aber häufig zielt der Lokalkolorit nur darauf ab, dass der Leser – sei er nun Einheimischer oder Tourist – die ihm bekannten Örtlichkeiten wiedererkennt und sich Klischees über die schrulligen Eigenheiten der Bewohner einer bestimmten Region in den Köpfen festfressen. Mir gehen Krimis, in denen die eigentliche Handlung vor den örtlichen Gegebenheiten vollkommen in den Hintergrund rückt allerdings ziemlich auf die Nerven, weshalb ich um Bücher, die als Bodensee-, Eifel- oder Alpenkrimi beworben werden, einen großen Bogen mache. Sie sind schon ermüdend, falls man sich in der Region auskennt, aber wenn man noch nie an diesen Orten war, sind solche Krimis geradezu unlesbar. Da ich noch nie in Unna war, war ich also doch ein bisschen skeptisch. Glücklicherweise waren meine Bedenken bei Astrid Plötners Kriminalroman Todesgruß völlig unberechtigt. Auch wenn Einheimische und Kenner der Stadt Unna die Schauplätze, von denen im Buch die Rede ist, sicherlich wiedererkennen, muss man kein Insider sein, um sich die Örtlichkeiten vorzustellen. Diese liefern auch lediglich die Kulisse für die Romanhandlung. Die Geschichte würde auch in jeder anderen Kleinstadt funktionieren, denn im Zentrum des Romans stehen nicht die regionalen Gegebenheiten oder Eigentümlichkeiten der Stadtbewohner, sondern ein überaus spannender Kriminalfall, der sich überall zugetragen haben könnte.
Schon allein die Idee des Mörders, bei den Leichen einen letzten Gruß in Form eines Lebkuchenherzes zu hinterlassen, ist ja recht skurril und hat mir sehr gut gefallen. Warum tut ein Mörder so etwas? Wohl kaum, um seinen Opfern eine letzte Ehre zu erweisen. Die Lebkuchenherzen tragen die Aufschrift „Ein letzter Gruß, G.“, und so stellt sich natürlich die Frage, ob der Vor- oder Nachname des Täters wirklich mit G beginnt oder ob der Mörder die Ermittler damit auf eine falsche Spur lenken will? Vermutlich wird sich das jeder Leser fragen, weshalb Astrid Plötner eine ganze Reihe ihrer Romanfiguren mit Namen ausgestattet hat, die mit G beginnen – Guido, Gero, Grabowski, Gröning, Gieske… Sobald ein Protagonist mit dem verräterischen Buchstaben im Namen auftauchte, habe ich überlegt, ob er vielleicht für die Morde verantwortlich sein könnte.
Da es in diesem Kriminalroman von unsympathischen Protagonisten, denen man eine solche Tat durchaus zutrauen würde, ohnehin nur so wimmelt, hatte ich im Verlauf der Handlung aber nahezu jeden einmal im Verdacht, hinter den Morden zu stecken, denn auch Charaktere ohne ein verräterisches G im Namen, verhalten sich häufig verdächtig oder hätten ein plausibles Motiv. Somit wurde ich immer wieder auf die falsche Fährte gelockt, rätselte natürlich immer mit und war sehr gefesselt von diesem Buch, da ich ja wissen wollte, ob ich mit einer meiner Theorien vielleicht richtig liege.
Die Autorin hat alle Figuren ihres Romans, auch die Nebenfiguren, sehr präzise, authentisch und glaubwürdig ausgearbeitet. Der Leser begleitet nicht nur Maike Graf und ihre Kollegen bei den Ermittlungen, sondern wird in einem weiteren Handlungsstrang auch mit einem der Hauptverdächtigen, dem äußerst dubiosen Immobilienmakler Gero Krüger konfrontiert. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesen Mann mochte, aber er ist zweifellos der interessanteste Charakter dieses Romans. Er ist dem Alkohol sehr zugetan und hoch verschuldet, würde über Leichen gehen, um an Geld zu kommen und greift auch zu ungesetzlichen Methoden und verabscheuungswürdigen Druckmitteln, um seine Immobiliengeschäfte voranzutreiben. Besonders erfolgreich ist er dabei allerdings nicht und im Grunde ein bedauernswerter Versager. Wäre er nicht so skrupellos, könnte man fast ein wenig Mitleid mit dieser in jeder Hinsicht gescheiterten Existenz haben.
Die männlichen Kollegen von Hauptkommissarin Maike Graf, Max Teubner und Sören Reinders, waren mir sehr sympathisch. Ein kleiner Nebenstrang, in dem Kommissar Max Teubner von einem Jugendlichen verfolgt wird, war leider nicht besonders spannend, da mir sehr schnell klar war, warum es der junge Mann auf Teubner abgesehen hat, und ich war doch ein wenig erstaunt, dass er selbst so lange nicht dahinterkam. Nur mit Maike Graf wollte ich nicht so recht warm werden. Es ist zwar ganz erfrischend in einer Krimireihe eine Ermittlerfigur anzutreffen, die nicht latent depressiv, vollkommen verschroben oder schrullig ist, aber mir war sie fast ein wenig zu glatt und leblos. Ich fand es allerdings sehr rührend, wie sie ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellt, um sich um ihre pflegebedürftige Nachbarin zu kümmern, deren Sohn mit der Betreuung seiner Mutter vollkommen überfordert ist. Maike Graf hat im Grunde sehr positive und löbliche Charaktereigenschaften, ist selbstlos, arbeitet professionell, ist klug und besonnen, aber ein paar Ecken und Kanten, etwas mehr Temperament und Emotionalität hätten dieser Figur sicher gutgetan.
Doch auch wenn mir diese Hauptprotagonistin nicht so recht ans Herz wachsen wollte, hat mir Astrid Plötners Kriminalroman überaus gut gefallen. Überzeugt hat mich vor allem ihr Geschick, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken und einen gut durchdachten Plot zu konstruieren. Das Ende hat mich vollkommen überrascht, denn mit dieser Auflösung des Falls hätte ich niemals gerechnet. Sehr schön war, dass das Ende trotz aller Unvorhersehbarkeit, schlüssig, logisch und nicht überkonstruiert war.

Todesgruß ist ein spannender, intelligenter und wendungsreicher Kriminalroman, der zum Miträtseln einlädt und mich aufgrund seiner glaubwürdigen Figuren und eines raffinierten Plots überzeugen konnte. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf den nächsten Fall für Kommissarin Maike Graf und ihren Kollegen Max Teubner.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Ich danke Astrid Plötner herzlich für das Rezensionsexemplar sowie den freundlichen Email-Kontakt und freue mich, dass ich ihren Kriminalroman Todesgruß lesen durfte!

Buchdetails:

Astrid Plötner: Todesgruß
Verlag: Gmeiner
Ersterscheinungsdatum: 06. Juli 2016
407 Seiten
ISBN 978-3-8392-1949-2

Cover: Gmeiner Verlag

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Montagsfrage: Rätselst Du bei Krimis/Thrillern mit?

Montagsfrage

Diese Woche stellt Buchfresserchen auf ihrem Blog eine Frage, die sich vor allem an die Krimi- und Thrillerleser richtet, und möchte wissen, ob man bei Krimis und Thrillern gerne miträtselt oder sich lieber überraschen lässt.
Ich weiß gar nicht, ob sich das überhaupt ausschalten lässt, denn bei Krimis und Thrillern, in denen ein Verbrechen im Zentrum der Geschichte steht, rätsle ich ganz automatisch mit und versuche zu ermitteln, wer die Tat begangen haben könnte. Wenn ich eine Vermutung habe und sich diese am Ende eines Buches als richtig herausstellt, bin ich manchmal fast schon ein wenig enttäuscht, denn es gibt eigentlich nichts Langweiligeres als vorhersehbare Plots. Mir ist es lieber, wenn ein Autor zahlreiche Wendungen in die Handlung einbaut, mich immer wieder in die Irre führt, falsche Fährten auslegt und mich am Ende mit einer vollkommen unvorhersehbaren Auflösung des Falls überrascht. Allerdings ärgere ich mich, wenn auf den letzten Seiten plötzlich ein Zeuge aus dem Ärmel gezogen wird, von dem vorher nie die Rede war, mit dessen Hilfe die Tat aber plötzlich ratzfatz aufgeklärt werden kann oder der Autor einfach einen an den Haaren herbeigezogenen Zufall aus dem Hut zaubert, um sein Buch zu einem Ende zu bringen. Gerade in diesen Genres ist es wichtig, eine raffinierte Geschichte zu komponieren, glaubwürdige Charaktere zu gestalten, den Plot logisch und stimmig aufzubauen und ihn auf ein schlüssiges Ende hin anzulegen. Das ist sicherlich nicht ganz einfach, weshalb ich davon überzeugt bin, dass es für einen Autor eigentlich keine schwierigere Aufgabe gibt, als einen guten Kriminalroman zu schreiben. Bei Büchern jedes anderen Genres verzeihe ich Logikbrüche, aber bei Krimis finde ich sie geradezu fatal.

© Claudia Bett

Buchrezension: Eric Berg – Das Küstengrab

Eric Berg - Das KüstengrabInhalt:

Lea Mahler und ihre Schwester Sabina sind gemeinsam auf der beschaulichen Ostseeinsel Poel aufgewachsen. Nach dem tragischen Tod ihrer Eltern und der Trennung von ihrer Jugendliebe Julian, der kurz nach der Wende ohne ein Wort des Abschieds einfach verschwand, hielt Lea jedoch nichts mehr in ihrer Heimat. Außer ihrer Schwester, mit der sie sich allerdings noch nie gut verstand, war ihr nichts mehr geblieben, und so verließ sie Poel Hals über Kopf, wanderte nach Argentinien aus, heiratete dort und verwirklichte ihren Jugendtraum, Fotografin zu werden.
Dreiundzwanzig Jahre später kehrt Lea nach Poel zurück. Doch kurz nach ihrer Ankunft kommt es zu einem tragischen Unfall, bei dem ihre Schwester Sabina ums Leben kommt und den Lea schwer verletzt überlebt. Seitdem leidet sie unter Amnesie, kann sich weder an den Unfall noch an die Tage davor erinnern und weiß auch nicht mehr, warum sie überhaupt nach Poel gekommen war. Auch ein viermonatiger Klinikaufenthalt bringt ihre Erinnerung an die Ereignisse nicht zurück.
Obwohl ihre Ärztin ihr ausdrücklich davon abrät, beschließt Lea nach ihrer Entlassung aus der Klinik, sofort wieder nach Poel zurückzukehren. Sie möchte unbedingt herausfinden, was sie vor vier Monaten überhaupt veranlasst hatte, auf die Insel zu fahren, warum sie sich dort mit ihrer Schwester treffen wollte, obwohl sie sich doch inzwischen vollkommen von ihr entfremdet hatte, und wie es zu diesem schrecklichen Unfall kommen konnte. Die einzigen, die ihr helfen könnten, diese Fragen zu beantworten und ein Licht ins Dunkel ihrer Erinnerungen zu bringen, sind ihre Freunde aus Jugendtagen. Außer Julian, dessen Verschwinden nach wie vor ein Rätsel ist, leben alle Mitglieder ihrer ehemaligen Clique noch auf Poel. Allerdings haben sie sich im Lauf von mehr als zwanzig Jahren sehr verändert, begegnen Lea teilweise mit unverhohlener Ablehnung, hüllen sich in Schweigen oder verwickeln sich in Widersprüche. Jeder tischt ihr eine andere Version der Ereignisse auf, sodass sie nicht mehr weiß, wem sie noch glauben und vertrauen kann. Offenbar haben ihre ehemals besten Freunde etwas zu verbergen und hüten ein Geheimnis, das auf keinen Fall an die Oberfläche gelangen darf. Auf der Suche nach ihrer Erinnerung gelangt Lea immer mehr zu der Erkenntnis, dass die Antworten auf all ihre Fragen in der Vergangenheit und den gemeinsam verbrachten Jugendjahren zu liegen scheinen.

Meine persönliche Meinung:

Wenn in einem Klappentext das Wörtchen „Amnesie“ auftaucht, ist mein Interesse sofort geweckt. Auch wenn ich das ein oder andere traurige und belastende Erlebnis gerne vergessen würde, stelle ich es mir schrecklich vor, überhaupt keine Erinnerungen mehr zu haben, denn jede Erfahrung, die wir machen, prägt uns und macht uns zu dem, was wir sind. Unser Gedächtnis hilft uns, diese Erfahrungen zu sortieren, und wir brauchen diese Informationen aus unserer Vergangenheit, um uns in unserem eigenen Leben zurechtzufinden, ansonsten käme uns nicht nur die Orientierung, sondern auch ein Teil unserer Identität abhanden. Und genau das ist Lea, der Hauptprotagonistin in Eric Bergs Kriminalroman Das Küstengrab passiert, weshalb sie alles daransetzt, ihre Erinnerungen zurückzugewinnen. Sie möchte nicht nur wissen, wie es zu dem Unfall kam, bei dem Sabina starb und bei dem sie weitaus mehr als nur ihre Schwester verloren hat, sondern ist vor allem auf der Suche nach sich selbst, denn sie hat keine Erklärung dafür, warum sie vier Monate zuvor überhaupt in ihre alte Heimat Poel, der sie für immer den Rücken kehren wollte, zurückgekehrt ist und sich mit ihrer eigentlich verhassten Schwester treffen wollte.
In diesem Roman werden verschiedene Zeitebenen sehr geschickt miteinander verwoben, denn die Kapitel wechseln ständig zwischen Leas gegenwärtigen Nachforschungen im September 2013, die überwiegend aus der Ich-Perspektive geschildert werden, und den Ereignissen, die vier Monate zurückliegen und die Eric Berg dem Leser aus einer neutralen Erzählperspektive präsentiert. Außerdem wird der Blick auch immer wieder in das Jahr 1990 zurückgeworfen, in die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung, als sich den Jugendlichen auf der abgeschiedenen Insel Poel plötzlich völlig neue Perspektiven zu eröffnen schienen. Jeder in Leas Clique hatte damals seine Träume, doch offenbar ist es nicht allen gelungen, diese zu verwirklichen.
Ich war äußerst beeindruckt, wie präzise der Autor die Protagonisten seines Romans ausgearbeitet und ihre Lebenswege nachgezeichnet hat. Durch die gewählte Ich-Perspektive kommt der Leser vor allem Lea sehr nahe. Dennoch ist sie aufgrund ihrer Erinnerungslücken natürlich die unzuverlässigste Protagonistin, deren Einschätzungen man nicht trauen kann. An ihrer Seite versucht man nun, Licht ins Dunkel zu bringen. Dabei geht es jedoch nicht nur darum, den Unfall und den Tod ihrer Schwester aufzuklären, sondern auch darum, herauszufinden, was aus Leas Jugendliebe Julian geworden ist. Je weiter die Handlung voranschreitet, umso deutlicher wird nämlich, dass die Ursachen für die jüngsten Ereignisse in der Vergangenheit zu suchen sind und in Zusammenhang mit Julians Verschwinden im Jahre 1990 stehen.
Im Mittelteil seines Kriminalromans widmet sich der Autor sehr intensiv der psychologischen Ausarbeitung der verschiedenen Charaktere, denen Lea im Verlauf ihrer Nachforschungen begegnet. Obwohl die Handlung dadurch ins Stocken gerät, fand ich aber gerade diese Passagen besonders faszinierend und spannend. Fast euphorisch und voller jugendlicher Leichtherzigkeit hatten die Cliquenmitglieder im Sommer 1990 ihrer Zukunft entgegengefiebert, freuten sich, dass die Wende nun jedem von ihnen ungeahnte Möglichkeiten bot, die Welt kennenzulernen, spannende Erfahrungen zu machen, erfolgreich zu sein und Neues auszuprobieren. Nun, dreiundzwanzig Jahre später, fällt das Resümee ihres Lebens allerdings ernüchternd aus. Keiner von Leas ehemaligen Freunden scheint sein Glück gefunden zu haben, und auch der wirtschaftliche Erfolg, den der Mauerfall manchen von ihnen durchaus beschieden hatte, ging nicht automatisch mit einem zufriedenen Leben einher. Während alle auf eine glückliche Kindheit auf Poel zurückblicken können, scheint mit der Wende eher das Unglück über diese beschauliche Ostsee-Insel gekommen zu sein.
Eric Berg ist es sehr gut gelungen, die Ruhe, Stille und die landschaftliche Idylle dieses Ortes einzufangen, aber auch zu zeigen, welche Abgründe sich hinter der friedlichen Fassade auftun. In dieser vermeintlich heilen Welt gären enorme Spannungen und regieren blinder Hass, Neid und Rivalität. Diese unterschwelligen Feindseligkeiten drohen zu eskalieren, als Lea wieder auf die Insel kommt und unangenehme Fragen stellt. Bis zum Ende weiß man nicht, wer letztendlich ihr Freund oder Feind ist, wem sie trauen kann und wer etwas zu verbergen hat. Durch den ständigen Perspektivenwechsel kommt man der Wahrheit aber allmählich näher. Stück für Stück können Leas Gedächtnislücken geschlossen werden, bis zuletzt ein verstörendes Geheimnis zutage tritt, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Auch wenn ich bereits ahnte, welches Schicksal Julian ereilt hatte, war ich von der Auflösung des Rätsels sehr überrascht. Die verschiedenen Erzählstränge nähern sich im Verlauf der Handlung immer weiter an und verschmelzen am Ende zu einem stimmigen Ganzen.
Wer einen nervenzerreißenden und actiongeladenen Kriminalroman erwartet, wird von Eric Bergs Das Küstengrab vermutlich enttäuscht sein. Das Buch zeichnet sich vielmehr durch einen sehr ruhigen Erzählfluss aus und konnte mich vor allem aufgrund seiner psychologischen Tiefe überzeugen. Obwohl die Spannung mitunter ein wenig zu kurz kommt, ist dieser Krimi dennoch nie langweilig, sondern atmosphärisch dicht, düster, beklemmend und stimmte mich häufig auch sehr nachdenklich.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Eric Berg: Das Küstengrab
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 22. September 2014
432 Seiten
ISBN 978-3-7341-0218-9

Cover: Blanvalet Verlag

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Buchrezension: Tess Gerritsen – Der Meister

Der Meister von Tess GerritsenInhalt:

Als Detective Jane Rizzoli zum Fundort einer Leiche ins noble Villenviertel von Newton gerufen wird, erwartet sie dort ein grausam groteskes Szenario. Der Chirurg Dr. Richard Yeager lehnt gefesselt und mit aufgeschlitzter Kehle an der Wand seines Wohnzimmers, das über und über mit Blut bespritzt ist. Seine Frau Gail wird vermisst, und alle Hinweise deuten darauf hin, dass sie entführt wurde. Die kriminaltechnischen Untersuchungen des Tatorts lassen darauf schließen, dass Richard Yeager vor seinem Tod gezwungen wurde, mit eigenen Augen mitanzusehen, wie seine Frau gefoltert und vergewaltigt wird. Offenbar sollte er in der Rolle des stillen Zuschauers, bei vollem Bewusstsein und mit dem Wissen, ihr nicht helfen zu können, genau sehen, was seiner Frau angetan wird, bevor der Täter ihm schließlich die Kehle durchschnitt.
Wenige Tage später wird Gail Yeagers Leiche in einem Waldgebiet gefunden. Die junge Frau wurde vor ihrem Tod offensichtlich auf brutalste Weise misshandelt. Da ganz in der Nähe der Toten die stark verweste Leiche einer weiteren Frau entdeckt wird, steht für Jane Rizzoli und ihre Kollegen schnell fest, dass ein gnadenloser Serienmörder sein Unwesen treibt und diese Waldidylle ihm offenbar als Abladeplatz für seine weiblichen Mordopfer dient.
Der Anblick der toten Frauen weckt bei Rizzoli quälende Erinnerungen an eine Mordserie im vergangenen Jahr, denn diese Morde tragen eindeutig die Handschrift des Chirurgen Warren Hoyt, dem sie beinahe selbst zum Opfer gefallen wäre. Noch immer zeugen die Narben in ihren Handflächen von ihrer letzten Begegnung mit dem Chirurgen, auch wenn die Narben auf ihrer Seele weitaus schmerzhafter sind. Doch Hoyt kann für die jüngsten Morde nicht verantwortlich sein, denn er sitzt seit einem Jahr im Hochsicherheitsgefängnis von Massachusetts. Offenbar handelt es sich bei dem Mörder also um einen Nachahmungstäter, der sich Hoyt zum Vorbild nimmt oder gar um dessen Schüler, den er sein makabres Handwerk lehrte.
Die Ermittlungen gestalten sich für Jane als sehr schwierig und belastend, denn auch wenn sie als einzige Frau in der Mordkommission des Boston Police Department ihren männlichen Kollegen stets demonstrieren möchte, wie stark und unerschütterlich sie ist, haben die traumatischen Erlebnisse, die nun ein Jahr zurückliegen, tiefe Wunden hinterlassen und raubten ihr nicht nur ihr Selbstvertrauen, sondern auch ihr Gefühl der Unbesiegbarkeit. Umso beängstigender und schrecklicher ist es für sie, als sie nun plötzlich feststellt, dass sie erneut ins Visier des Chirurgen geraten ist.

Meine persönliche Meinung:

Vor einigen Wochen haben ich bereits Die Chirurgin, den ersten Band der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe von Tess Gerritsen gelesen und fand ihn so unglaublich spannend, dass ich mir vorgenommen habe, nach und nach alle Bücher dieser Reihe zu lesen. Der Meister ist nun der zweite Band und knüpft inhaltlich an Die Chirurgin an. Auch wenn Der Meister ebenfalls ein eigenständiger und in sich abgeschlossener Thriller ist, halte ich es für sinnvoll, im Vorfeld Die Chirurgin zu lesen, da es sich dabei im Grunde um die Vorgeschichte handelt, auf die auch häufig Bezug genommen wird.
In Die Chirurgin kam es zum ersten Aufeinandertreffen von Detective Jane Rizzoli und dem psychopathischen Serienmörder Warren Hoyt, der aufgrund seiner medizinischen und anatomischen Kenntnisse nur der Chirurg genannt wurde. Doch nun wird Rizzoli erneut mit Hoyt konfrontiert, denn obwohl dieser inzwischen im Gefängnis sitzt, weist eine neue Mordserie erschreckende Ähnlichkeiten mit seinen Morden auf. Als Hoyt dann sogar aus dem Gefängnis entkommen kann und Jane Rizzoli unmissverständlich zu verstehen gibt, dass er sie nicht vergessen hat, spitzt sich die Lage dramatisch zu.
Zweifellos ist es Tess Gerritsen wieder gelungen einen spannenden und wirklich nervenzerreißenden Thriller zu schreiben, der mich in jeder Hinsicht überzeugen konnte und mir sogar noch ein wenig besser gefiel, als der vorhergehende Band. Ich fand es nur ein bisschen schade, dass Detective Thomas Moore von der Bildfläche verschwunden ist, da ich ihn sehr gerne mochte, aber dafür wurde der ehemalige Rechtmediziner Dr. Tierney in den Ruhestand geschickt und nun durch Dr. Maura Isles, die „Königin der Toten“ ersetzt.  Mit Maura Isles hat die Autorin nun eine Hauptfigur geschaffen, die wirklich Potential hat und auf die ich mich in den folgenden Bänden schon sehr freue. Jane Rizzoli dagegen will mir leider immer noch nicht so recht ans Herz wachsen, obwohl sie mir in Der Meister nun schon deutlich sympathischer war, als im ersten Band der Reihe. Auch wenn es eine Frau in einer Männerdomäne sicher nicht immer leicht hat und Jane schon häufig zur Zielscheibe von Sticheleien wurde, ist ihre ruppige, unnahbare Art, mit der sie ihre Ängste, Verletzungen und Schwächen zu verbergen versucht, hin und wieder wirklich unnötig und auch anstrengend, denn so schlimm sind ihre männlichen Kollegen gar nicht. Wenigstens ein paar der Herren verfügen durchaus über die nötige Empathie, um ihre Situation zu verstehen und nutzen ihre Schwächen auch nicht aus, sodass sie manchmal vielleicht ganz gut daran täte, Hilfe und Unterstützung anzunehmen, statt jeden männlichen Kollegen unentwegt vor den Kopf zu stoßen und hinter jedem einen potentiellen Feind zu vermuten, der ihre Autorität untergraben will. Sieht man davon ab, ist sie aber zweifellos eine sehr interessante und facettenreiche, wenn auch nicht unbedingt besonders liebenswerte Protagonistin.
Erneut konnte mich Tess Gerritsen jedoch mit ihrem profunden medizinischen Fachwissen überzeugen, das bei den detailliert beschriebenen Autopsien zum Tragen kommt. Manch einem empfindlichen Magen mag das vielleicht ein wenig zu viel sein, aber ich kann das, zumindest dann, wenn ich es nur lese und nicht persönlich anwesend sein muss, recht gut aushalten. Auch die Einblicke in die Perspektive des Täters, der in einem inneren Monolog immer wieder in Erscheinung tritt und seine perversen Phantasien und Gedanken äußert, verlangen dem Leser einiges ab und ziehen ihn in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit. Dass die Autorin auch mit Blut nicht gerade sparsam umgeht, ist hinreichend bekannt, sodass ich zarten Gemütern von der Lektüre ihrer Bücher eher abraten würde.
Alle anderen erwartet aber auch mit Der Meister wieder ein äußerst packender Thriller mit einem gut konstruierten Plot und einem durchgehenden Spannungsbogen. Lediglich das Ende schien mir ein wenig zu abrupt und nicht besonders originell. Ansonsten hat mir dieser Thriller jedoch wieder ausgezeichnet gefallen und mich auch sehr gut unterhalten. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf Todsünde, den dritten Teil der Jane-Rizzoli-&-Maura-Isles-Reihe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Tess Gerritsen: Der Meister
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 08. August 2005
416 Seiten
ISBN 978-3-442-36284-4

Cover: Blanvalet Verlag

 

Buchrezension: Lena Avanzini – Nie wieder sollst du lügen

Lena Avanzini - Nie wieder sollst du lügenInhalt:

Als Gruppeninspektorin Carla Bukowski an der Unfallstelle eintrifft und die verkohlte Kinderleiche sieht, gerät sie vollkommen außer Kontrolle. Seit ihr kleiner Sohn Simon vor sieben Jahren bei einem Wohnungsbrand ums Leben kam, leidet sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, wird noch immer von schrecklichen Alpträumen heimgesucht und kann die Bilder von damals nicht vergessen. Diese Bilder drängen jedoch unwillkürlich an die Oberfläche, als sie nun die verkohlte Leiche des kleinen Jonas Hirmer im Kindersitz des ausgebrannten Golfs seiner Eltern sieht. Der Wagen ist offenbar ungebremst in eine Baumgruppe gekracht und in Flammen aufgegangen. Für die Polizei ist schnell klar, dass es sich bei diesem tragischen Unfall nur um den erweiterten Suizid des Fritz Hirmer handeln kann. Der Familienvater war hoch verschuldet, hatte Eheprobleme und sah offensichtlich keinen anderen Ausweg, als seinem Leben ein Ende zu setzen und seine ganze Familie mit in den Tod zu reißen.
Beim Anblick des toten Kindes verliert Carla die Fassung, nimmt die Außenwelt kaum noch wahr, steigt wie in Trance in ihren Dienstwagen und startet eine halsbrecherische Amokfahrt durch Wien. Wie durch ein Wunder wurde dabei niemand verletzt, aber ihr Vorgesetzter fordert sie auf, sich ein paar Wochen Auszeit zu nehmen und den Dienst erst wieder anzutreten, wenn sie etwas zur Ruhe gekommen ist. Obwohl sie sich lieber in die Arbeit stürzen würde, fügt sich Carla zähneknirschend dieser Forderung und beschließt, den ihr auferlegten Zwangsurlaub bei ihrer Freundin Kim im Burgenland zu verbringen.
Kim gibt sich alle Mühe, Carla abzulenken, will ihr helfen, ihre Sorgen ein wenig zu vergessen und überredet sie zu einem gemeinsamen Ausflug nach Rust, der Stadt der Störche. Auf der Fahrt dorthin passieren sie zufällig eine Unfallstelle, die Carla sofort an den Unfall der Familie Hirmer erinnert. Ihr fällt auf, dass auch hier keine Bremsspuren zu sehen sind und der Fahrer offenbar ebenfalls ungebremst auf eine Mauer geprallt und dann verstorben ist. Die Parallelen zwischen den beiden tödlichen Autounfällen, lassen in ihr den Verdacht aufkeimen, dass es sich in beiden Fällen weder um Selbstmord noch um einen tragischen Unfall, sondern nur um Mord handeln kann. Da ihr niemand Glauben schenken will, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln. Allerdings wird sie dabei auch immer wieder von Zweifeln geplagt, ob es tatsächlich etwas zu ermitteln gibt oder ob sie sich nicht vielmehr in eine Idee verrannt hat, um ihre eigenen Probleme zu verdrängen. Als sie jedoch herausfindet, dass zwischen den Unfallopfern eine Verbindung bestand, ist sie sicher, dass offensichtlich jemand Vergeltung für ein vergangenes Unrecht fordert und dessen mörderischer Rachefeldzug noch lange nicht beendet ist.
Zur gleichen Zeit erhält Jana Pechtold, eine junge alleinerziehende Mutter von Zwillingen, einen anonymen Brief mit einer Todesanzeige. Obwohl sie die Verstorbene kannte, schenkt sie der rätselhaften Nachricht zunächst nur wenig Beachtung. Als sie jedoch die beiden geliebten Häschen ihrer kleinen Tochter tot im Stall findet und wieder eine anonyme Nachricht bekommt, spürt sie, dass sie und ihre Kinder in großer Gefahr sind.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe mich sehr gefreut und auch ein wenig geehrt gefühlt, als die Autorin Lena Avanzini mit mir Kontakt aufnahm und mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, ihren jüngst erschienenen Kriminalroman Nie wieder sollst du lügen, der den Auftakt zu einer neuen Krimireihe um die Ermittlerin Carla Bukowski bildet, zu lesen und zu rezensieren. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich die Autorin bislang nicht kannte, obwohl sie für ihr Romandebüt Tod in Innsbruck 2012 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Debüt ausgezeichnet wurde, im Krimigenre also durchaus keine Unbekannte ist. Ihre freundliche Anfrage machte mich jedenfalls neugierig, zumal ihre Zeilen vielversprechend klangen und Nie wieder sollst du lügen ein Krimi nach meinem Geschmack zu sein schien – spannend, düster und mit Thrillerelementen. Als der Postbote mir das Buch brachte, konnte ich es kaum abwarten, endlich mit dem Lesen anfangen zu können.
Schon nach wenigen Seiten habe ich gemerkt, dass es sich hierbei um einen Kriminalroman handelt, der sich deutlich vom 08/15-Krimi-Einheitsbrei abhebt. Der flüssige Schreibstil sowie das sprachlich hohe Niveau sind mir sofort positiv aufgefallen, denn Letzteres findet man es in diesem Genre leider nur sehr selten.
Besonders beeindruckt war ich aber auch von den gut ausgearbeiteten Figuren, denn jeder gute Kriminalroman steht und fällt letztendlich mit seinen Charakteren. Der Autorin ist es gelungen, nicht nur die Hauptprotagonisten, sondern auch alle Nebencharaktere sehr glaubwürdig, authentisch und facettenreich zu gestalten und psychologisch differenziert zu zeichnen. Sowohl die Ermittlerin Carla Bukowski als auch die potentiellen Mordopfer und die zahlreichen Verdächtigen, die im Verlauf der Handlung in Erscheinung treten, sind sehr präzise ausgearbeitet. Indem immer wieder neue Verdächtige auftauchen, die ein nachvollziehbares Motiv hätten, sich zu rächen, wird der Leser häufig auf die falsche Fährte gelockt und tappt ebenso im Dunkeln wie Carla Bukowski. Mit dieser Protagonistin hat Lena Avanzini eine neue und sehr außergewöhnliche Ermittlerfigur geschaffen, die mich schon auf den ersten Seiten sehr beeindruckt hat und sehr vielschichtig angelegt ist. Seit dem Verlust ihres Kindes ist sie schwer traumatisiert, wird jede Nacht von schrecklichen Alpträumen heimgesucht, versucht, sich in ihre Arbeit zu flüchten und versteckt ihren Schmerz hinter einer Mauer aus vermeintlicher Härte und beißendem Zynismus. Es ist sicherlich nicht ganz einfach mit dieser Frau auszukommen, denn sie macht es ihren Freunden und Kollegen nicht immer leicht, sie zu mögen, ist stur, eigensinnig und unnachgiebig, aber tief in ihrem Herzen ist sie sehr verletzlich, sensibel und häufig auch unsicher. Trotz ihrer Macken und ihres recht schwierigen Charakters mochte ich sie sofort, vielleicht auch, weil ich so einige Gemeinsamkeiten feststellen  konnte, denn auch ich neige zum Zynismus und funktioniere ohne Zigaretten und Kaffee auch nur leidlich.
Am sympathischsten war mir allerdings Carlas Freundin Kim. Auch wenn ihre esoterischen Weltanschauungen mir sicherlich auf die Nerven gehen würden und sie mitunter sehr anstrengend ist, habe ich Carla ein wenig um diese Freundin beneidet, denn Kim ist eine sehr warmherzige, temperamentvolle und liebenswürdige Frau, eine zuverlässige Freundin, der es auch gelingt, Carla immer wieder zu überraschen.
Lediglich Jana Pechtold, eines der potentiellen Opfer, die auf der Liste des Mörders stehen, wollte mir nicht so recht ans Herz wachsen, sodass es mir oft sehr schwer fiel, mit dieser Protagonistin mitzufiebern und mich in sie einzufühlen. Aus Liebe zu einem Mann hatte sie in jungen Jahren ein großes Unrecht begangen, für das sie nun offensichtlich büßen soll. Auch wenn sie damals zum Spielball ihrer großen Liebe geworden war, fehlt ihr meiner Meinung nach noch immer jegliches Unrechtsbewusstsein, denn sie hat all die Jahre nichts unternommen, um die perfiden Diffamierungen, derer sie sich in ihrer Jugend schuldig gemacht hatte, richtigzustellen. Ein junger Mensch ist vielleicht noch nicht in der Lage die schwerwiegenden Folgen seiner Worte und Taten richtig einzuschätzen, aber von einer erwachsenen Frau könnte man ein wenig Einsicht in ihre Schuld erwarten. Allerdings will sie sich nach wie vor nicht eingestehen, mit ihren Verleumdungen das Leben eines Menschen für immer zerstört zu haben, sondern wälzt die alleinige Schuld auf ihren damaligen Freund ab. Für eine Frau, die Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder haben muss, verhält sie sich außerdem häufig recht unvernünftig und geradezu nachlässig. Ihre kleine Tochter Sophie schien mir jedenfalls deutlich besonnener und vernünftiger zu sein als ihre Mutter und war manchmal fast ein wenig zu vernünftig für ein Kind. Erst auf den letzten Seiten konnte ich für Jana Pechtolt, die mir ansonsten seltsam fremd blieb, ein wenig Mitgefühl und Empathie entwickeln.

Dieser Kriminalroman, der meiner Meinung nach in weiten Teilen eher als Thriller bezeichnet werden kann, überzeugte mich aber nicht nur aufgrund der sehr interessant angelegten Charaktere, sondern vor allem durch einen sehr raffiniert komponierten, schlüssigen Plot und einen durchgehenden Spannungsbogen, der in einem fulminanten Showdown endet. Die Autorin verschont den Leser vollkommen mit blutigen Details und setzt stattdessen auf eine atmosphärisch und psychologisch dichte Erzählweise, die nicht weniger spannend, aber dafür umso tiefgründiger ist. Dieser Kriminalroman zeigt sehr eindrücklich, welch fatale Folgen eine unbedacht ausgesprochene Diffamierung haben kann und dass eine einzige Lüge nicht nur das Leben eines Menschen zerstören, sondern das Schicksal vieler Personen für immer verändern kann.
Nie wieder sollst du lügen hat mir sehr spannende Lesestunden bereitet und mich auch sehr nachdenklich gestimmt. Zweifellos ist es ein Krimi, der aufgrund seiner ergreifenden Thematik und einer sehr außergewöhnlichen Ermittlerin auch nach der Lektüre lange im Gedächtnis bleibt. Ich bin schon jetzt gespannt und freue mich auf einen neuen Fall für Carla Bukowski.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Ich danke Lena Avanzini herzlich für das Rezensionsexemplar sowie den freundlichen Email-Kontakt und freue mich, dass ich Nie wieder sollst du lügen lesen durfte!

Buchdetails:

Lena Avanzini: Nie wieder sollst du lügen
Verlag: Haymon Verlag
Ersterscheinungsdatum: 08. März 2016
344 Seiten
ISBN 978-3-7099-7848-1

Cover: Haymon Verlag

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Buchrezension: Charlotte Link – Die Betrogene

Charlotte Link - Die BetrogeneInhalt:

Kate Linville ist Detective Sergeant bei Scotland Yard in London, beruflich nicht besonders erfolgreich, unsicher, schüchtern, menschenscheu und kontaktarm. Seit dem Tod ihrer Mutter gibt es nur noch einen Menschen, den sie liebt, dem sie bedingungslos vertraut und der ihr Halt gibt – ihr Vater, der pensionierte Chief Inspector Richard Linville, der in Scalby in North Yorkshire lebt. Nachdem dieser brutal gefoltert und auf grausame Weise ermordet wird, gerät Kates Leben völlig aus den Fugen, zumal der Mord bislang nicht aufgeklärt werden konnte. Da die Polizei vor Ort noch immer im Dunkeln tappt, beschließt Kate, nach Scalby zu fahren und dort auf eigene Faust zu ermitteln. Als schon kurz nach ihrer Ankunft ein weiterer Mord geschieht und Kate herausfindet, dass zwischen dem Opfer und ihrem Vater eine Verbindung bestand, gerät ihre Welt vollkommen ins Wanken, denn je mehr sie über die Vergangenheit erfährt, desto deutlicher reift in ihr die Erkenntnis, dass ihr Vater offenbar ein Doppelleben führte und ihre einzige Vertrauensperson nicht der Mensch war, der er zu sein schien.
Zur gleichen Zeit beschließt Jonas Crane, sich in den Hochmooren von Yorkshire eine Auszeit zu gönnen. Der Drehbuchautor steht kurz vor einem Burnout und möchte gemeinsam mit seiner Frau und seinem fünfjährigen Adoptivsohn Sammy ein paar Wochen auf einer einsamen Farm verbringen, denn dort, so hofft er, kann er fernab der Zivilisation und ohne Internet und Handyempfang endlich ein wenig Abstand vom Alltagsstress bekommen. Als eines Tages Sammys leibliche Mutter Terry vor der Tür steht, entpuppt sich diese idyllische Abgeschiedenheit jedoch schnell als Fluch.

Meine persönliche Meinung:

Seit mich vor etwas mehr als zehn Jahren Charlotte Links Die Täuschung vollkommen begeistert hat, habe ich alle Kriminalromane der Autorin gelesen und wurde bislang nie enttäuscht. Ihre historischen Romane konnten mich zwar nicht überzeugen, aber all ihre Spannungsromane habe ich mit großem Vergnügen regelrecht verschlungen. Ganz besonders gefallen mir ihre Bücher, die in England spielen und habe mich deshalb gefreut, dass auch der Schauplatz ihres neusten Romans Die Betrogene dort angesiedelt ist.
Wie bereits in ihren anderen Kriminalromanen, führt die Autorin auch in Die Betrogene zwei Handlungsstränge, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, sehr gekonnt zusammen. Im Verlauf der Erzählung, in der man abwechselnd die polizeilichen Ermittlungen vor Ort, Kate Linvilles eigene Recherchen, aber auch die Ereignisse, die sich in dem abgelegenen Feriendomizil der Familie Cane zutragen, begleitet, wird der Leser immer wieder raffiniert in die Irre geführt und auf die falsche Fährte gelockt. Gespannt rätselt man mit, überlegt wer der Täter sein könnte, versucht Verbindungen herzustellen, folgt unterschiedlichen Spuren, muss den ein oder anderen Verdacht aber immer wieder verwerfen, weil sich stets neue Wendungen ergeben. Wie und ob der Mord an Richard Linville mit dem Schicksal der Familie Crane in Verbindung steht, wird erst am Ende des Romans entschlüsselt. Bis dahin gelingt es Charlotte Link, den Spannungsbogen stets aufrechtzuerhalten und sich nie in ausschweifende Beschreibungen zu verlieren, sodass das Buch, trotz seiner 640 Seiten, keine unnötigen Längen enthält.
Zugegebenermaßen ist der Schreibstil der Autorin nichts Besonderes, sprachlich und stilistisch ist dieser Roman freilich kein literarisches Meisterwerk, will es vermutlich auch gar nicht sein, aber gerade die recht einfach gehaltene, schnörkellose und leicht verständliche Sprache sorgt für einen schnellen Lesefluss und durchgehende Spannung. Das Buch ist auch keineswegs lediglich triviale Unterhaltung, wie es der Autorin häufig vorgeworfen wird, denn womit mich Charlotte Link auch in diesem Roman wieder vollkommen überzeugen konnte, ist ihr erzählerisches Talent sowie ihre Fähigkeit, einen logischen, komplexen und spannenden Plot aufzubauen und die verschiedenen Handlungsfäden am Ende zu einem stimmigen Ganzen zu verknüpfen.
Doch selbst eine noch so gut durchdachte und schlüssige Erzählung vermag mich nicht zu fesseln, wenn die Charaktere blass und flach sind, denn der eigentliche Kern einer Geschichte sind meiner Meinung nach die Protagonisten. Charlotte Link gelingt es, sehr facettenreiche, glaubwürdige und interessante Charaktere zu entwerfen und das Verhalten jedes Akteurs vor dem Hintergrund seiner Geschichte nachvollziehbar herauszuarbeiten. Nicht nur die Hauptprotagonisten, sondern auch die Nebenfiguren sind sehr fein gezeichnet, wie zum Beispiel ein Iraker, der schwer traumatisiert ist und noch immer unter den Folgen der psychischen und physischen Gewalt leidet, die er während des Terror-Regimes Saddam Husseins erfahren musste. Allerdings waren es vor allem die Frauenfiguren, die mich sehr beeindruckten. Auch wenn Kate Linville mit ihren ständigen Selbstzweifeln mitunter etwas anstrengend war, konnte ich mich in diese Protagonistin am besten einfühlen und mit ihr mitleiden. Am Ende des Romans wurde mir jedoch klar, dass der Buchtitel Die Betrogene sich keineswegs nur auf Kate bezieht, die nach dem Mord an ihrem Vater erfährt, dass er mitnichten der vorbildliche Polizist und treusorgende Ehemann war, für den sie ihn stets hielt, sondern auch andere weibliche Protagonistinnen um ihr Leben, ihr Glück und ihr Vertrauen betrogen wurden.
Die Betrogene ist ein wirklich fesselnder, hervorragend erzählter und gut komponierter Spannungsroman um Rache, Schuld und Vergeltung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Charlotte Link: Die Betrogene
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 02. September 2015
640 Seiten
ISBN 978-3-7341-0085-7

Cover: Blanvalet Verlag

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Buchrezension: Vera Buck – Runa

Vera Buck - RunaInhalt:

In ihrem Romandebüt Runa, das sich keinem bestimmten Genre zuordnen lässt, sondern historischer Roman, Kriminalroman und Wissenschaftsthriller zugleich ist, vermischt Vera Buck historische Fakten und Persönlichkeiten mit einer fiktiven Handlung und erdachten Romanfiguren und entführt den Leser zu den Anfängen der Psychochirurgie ins Paris des 19. Jahrhunderts an die berühmteste Nervenheilanstalt Europas, das Hôpital de la Salpêtrière.

Man kam nicht her, um zu genesen, sondern um zu sterben.

Der junge Schweizer Medizinstudent Jori kommt 1884 an die Pariser Salpêtrière, um bei dem damals wohl renommiertesten Neurologen Jean-Martin Charcot zu promovieren. Dieser beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren intensiv mit der Erforschung und Therapie der Hysterie, die als typisch weiblich galt, da die Ursache dieser psychischen Erkrankung in der Gebärmutter (griech. hystera) vermutet wurde. Den öffentlichen Vorlesungen, die Zirkusvorstellungen gleichen und bei denen Charcot Hysterikerinnen vorführt, mit fragwürdigen Behandlungsmethoden und unter Einsatz von Hypnose hysterische Anfälle provoziert, um seinem schaulustigen Publikum die Verrenkungen, Spasmen, Lähmungen und Delirien seiner Patientinnen zu demonstrieren, wohnen nicht nur Studenten und Ärzte, sondern auch Schriftsteller, Journalisten sowie Schauspieler aus ganz Europa bei.

Seit das Gerücht die Runde gemacht hatte, im Auditorium der Salpêtrière ginge es dienstagabends nicht weniger zügellos zu als im Moulin Rouge, war ein Besuch von Charcots Vorlesungen für die Boheme ebenso obligatorisch wie der offene Mantel und die Zigarre, die sie leger im Mundwinkel trugen.

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Jean-Martin Charcot während einer seiner öffentlichen Dienstagsvorlesungen mit seinem Studenten und Assistenten Joseph Babinski und seiner wohl berühmtesten Patientin Blanche Wittman (Une leçon clinique à la Salpêtrière, Gemälde von André Broullier (1887) (Quelle: Wikipedia))

Jori ist voller Ehrfurcht und Bewunderung für den charismatischen Charcot, während sein bester Freund und Studienkollege Paul Eugen Bleuler die zweifelhaften und menschenverachtenden Experimente Charcots verabscheut und sich von Jori abwendet. Der junge Student erkennt zunächst nicht, dass die mehr als 5000 Patienten, die die Salpêtrière zu jener Zeit beherbergt, für die erfolgsversessenen und größenwahnsinnigen Ärzte lediglich Menschenmaterial sind, das für Forschungszwecke missbraucht wird und im Dienste der Wissenschaft auch geopfert werden darf.

Wo anders will man ein so reiches, für diese Art von Untersuchungen geeignetes Material finden? (…) Dieses grosse Asyl schließt, wie sie Alle wissen, eine Bevölkerung von mehr als 5000 Personen ein, darunter eine grosse Anzahl unter der Bezeichnung „Unheilbar“ und auf Lebenszeit aufgenommene Individuen jeden Alters. (…) Wir sind mit anderen Worten im Besitz eines reich ausgestatteten, lebenden pathologischen Museums.

JEAN-MARTIN CHARCOT
(1825–1893)
Französischer Pathologe und Neurologe

Als eines Tages Runa, ein neunjähriges Mädchen in die Anstalt eingeliefert wird, wittert Jori seine große Chance und glaubt, nun endlich das geeignete Thema für seine Doktorarbeit gefunden zu haben. Runa ist anders als alle anderen Patientinnen – sie schweigt, scheint vollkommen furchtlos zu sein, wirkt apathisch, malt unentwegt kryptische Zeichen und spricht auf die gängigen Behandlungsmethoden Charcots nicht an. Jori möchte nun im Rahmen seiner Dissertation an Runa den ersten chirurgischen Eingriff am Gehirn eines lebenden Menschen durchführen und dem Mädchen den Wahnsinn aus dem Kopf operieren. Dabei wird er nicht nur von seinem wissenschaftlichen und beruflichen Ehrgeiz getrieben, sondern verfolgt auch private Interessen, denn Pauline, die Frau, die er liebt und die Schwester seines Freundes Paul Eugen Bleuler, leidet ebenfalls unter einer psychischen Erkrankung. Falls Jori die Operation an Runa gelingt, kann er mit einem Doktortitel in seine Schweizer Heimat zurückkehren und ist sicher, mit dieser operativen Methode auch Pauline von ihrem seelischen Leiden heilen zu können. Er bemerkt zunächst nicht, dass er in einen erbitterten Konkurrenzkampf zwischen Ärzten geraten ist und für welche Zwecke er instrumentalisiert wird.
Zur gleichen Zeit ist Monsieur Lecoq, ein ehemaliger Polizist, auf der Suche nach der verschwundenen Ehefrau eines Bekannten. Als begeisterter Anhänger der Lehren Lombrosos glaubt er, anhand anatomischer Körpermerkmale die kriminellen Neigungen eines Menschen erkennen zu können und aufgrund seiner eigenen Physiognomie selbst ein geborener Verbrecher zu sein. Bei seinen Ermittlungen stößt Lecoq immer wieder auf mysteriöse Botschaften, die in ganz Paris hinterlassen wurden – mit Blut an eine Wand gemalt oder in die Haut einer Leiche geritzt.
Auch der Ich-Erzähler, ein Chorknabe, macht eine seltsame Entdeckung – in der Kirche Saint-Médard findet er einen merkwürdigen Text, der mit schwarzer Tinte in ein Gesangbuch geschrieben wurde.

Meine persönliche Meinung:

Bei historischen Romanen bin ich meistens etwas skeptisch, denn ich habe schon so viele schlecht recherchierte und deshalb unglaubwürdige historische Romane gelesen, dass ich diesem Genre inzwischen nicht mehr allzu viel abgewinnen kann. Auf Vera Bucks Debüt Runa war ich dennoch sehr gespannt, da mich die Thematik sehr interessiert und ich mich bereits während meines Studiums mit Jean-Martin Charcot und seinen mitunter fragwürdigen Behandlungs – und Forschungsmethoden auf dem Gebiet der Hysterie, aber auch mit seinen herausragenden wissenschaftlichen Leistungen bei der Erforschung von Erkrankungen des Nervensystems beschäftigt habe. Charcot gilt als Begründer der modernen Neurologie; zahlreiche neurologische Krankheiten tragen bis heute seinen Namen. Zu seinen Schülern gehörten neben Sigmund Freud auch Joseph Babinski, Georges Gilles de la Tourette sowie Charles-Joseph Bouchard. Charcot beschrieb als Erster die Amyotrophe Lateralsklerose, die deshalb auch Charcot-Krankheit genannt wird, und grenzte die Multiple Sklerose und den Morbus Parkinson als eigenständige Krankheitsbilder voneinander ab. Erst in seinen späteren Jahren widmete er sich dann der Erforschung der Hysterie. Hysterie ist jedoch ein recht unpräziser Sammelbegriff, unter dem eine ganze Reihe von Symptomen psychischer und motorischer Störungen zusammengefasst wurden und die als typisch weiblich galten. Obwohl bereits Charcot der Überzeugung war, dass es sich bei der Hysterie keineswegs um ein rein weibliches Leiden handelt, sondern auch Männer davon betroffen sein können, präsentierte er in seinen öffentlichen Lektionen ausschließlich weibliche Hysterikerinnen. Diese Vorlesungen, bei denen unter Charcots Regie Krankheit als Schauspiel inszeniert wurde und die größte und berühmteste Nervenheilanstalt Europas zur Bühne bzw. Zirkusarena avancierte, standen auch einem nichtmedizinischen Publikum offen, waren in Paris ein gesellschaftliches Ereignis, wurden aber bereits von einigen Zeitgenossen aufs Schärfste kritisiert.
In Vera Bucks Runa werden Charcots Vorführungen schonungslos und sehr ausführlich dargestellt. Obwohl vieles aus heutiger Sicht undenkbar und menschenverachtend scheint und die Ausführungen der Autorin manche zartbesaiteten Gemüter irritieren und schockieren mögen, war ich von diesen Detailbeschreibungen sehr beeindruckt und fasziniert, da man deutlich merkt, dass Vera Buck sorgfältig in Archiven recherchiert und die historischen Quellen genauestens studiert hat. Auch wenn die Beschreibungen historischer und medizinischer Details oft sehr ausschweifend sind und etwas Tempo aus der Geschichte nehmen, waren sie so eindrücklich und interessant, dass sie die Spannung für mich keineswegs minderten.
Nicht nur durch ihre akribische Recherchearbeit, sondern auch sprachlich gelingt es Vera Buck, den Leser in die Zeit der Jahrhundertwende zu entführen. Sie trifft wunderbar den Jargon dieser Epoche; gleichzeitig ist ihre Sprache so unglaublich bildgewaltig, klar und lebendig, dass ich mich wirklich ins Paris des 19. Jahrhunderts versetzt fühlte, die Gerüche förmlich riechen konnte und die Pferdehufe auf dem Pflaster klappern sowie die Räder der Kutschen rattern hörte.
Auch die Charaktere sind sehr markant und facettenreich gezeichnet. Die historisch verbürgten Persönlichkeiten wie Jean-Martin Charcot, Paul Eugen Bleuler, Georges Gilles de la Tourette, Joseph Babinski und Louis Pasteur sind sehr geschickt und glaubwürdig in die fiktive Handlung eingebettet. Besonders Joseph Babinski ist mir im Lauf der Geschichte sehr ans Herz gewachsen, und ich wüsste zu gerne, wieviel von dem realen Babinski sich hinter dem Romancharakter verbirgt. Aber auch die rein fiktiven Romanfiguren wie Jori, Runa und Monsieur Lecoq sind sehr fein und vielschichtig ausgearbeitet. Jori macht im Roman eine erstaunliche Entwicklung durch, denn während mich seine anfängliche Naivität, sein übertriebener wissenschaftlicher Ehrgeiz und seine blinde Bewunderung für die menschenunwürdigen Behandlungsmethoden Charcots wirklich wütend machten, wird er im Lauf der Geschichte, wenn auch leider etwas zu spät, zu einem mutigen jungen Mann, der allmählich beginnt, sich über die moralischen Grenzen der Wissenschaft Gedanken zu machen. Mein liebster Protagonist ist jedoch der skurrile Monsieur Lecoq, der – den zeitgenössischen Lehren Lombrosos folgend – fest davon überzeugt ist, aufgrund seiner Körpermerkmale ein Verbrecher zu sein, jedoch ein überaus kluger, besonnener, liebenswerter, wenn auch etwas schrulliger Ermittler ist. Die eigentliche Heldin und zweifellos spannendste und geheimnisvollste Protagonistin ist aber Runa, das neunjährige Mädchen, das, obwohl es eingesperrt und gefesselt ist, Widerstand leistet, vollkommen anders handelt, als man es von ihr erwartet, sich ihre innere Freiheit bewahrt und allen Behandlungsmethoden trotzt. Sie macht nicht nur ihren Wärterinnen, sondern vor allem den Ärzten und Wissenschaftlern Angst, denn sie ist eine Gefahr. Überall hinterlässt sie ihre mysteriösen Zeichen und Botschaften, bedient sich also der Schrift – und der Stift, das wissen auch die Ärzte, ist eine weitaus gefährlichere und wirkungsvollere Waffe als das Skalpell.
In Runa laufen drei verschiedene Erzählstränge parallel nebeneinander her und die Handlung wird aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert. Zunächst ist das ziemlich verwirrend, denn ob und inwiefern die Geschichte von Jori und seinem Vorhaben, an Runa erstmals einen operativen Eingriff am Gehirn eines Menschen vorzunehmen, mit der Suche Lecoqs nach einer vermissten Frau und mit den Erlebnissen des Ich-Erzählers zusammenhängen könnten, bleibt lange im Dunkeln. Erst am Schluss des mehr als 600 Seiten starken Romans schließt sich der Kreis und die Erzählstränge laufen zu einem schlüssigen Ende zusammen. Leider werden hierbei nicht alle Geheimnisse gelüftet, was mich aber nicht davon abhält, diesen Roman uneingeschränkt weiterzuempfehlen.
Mit Runa ist Vera Buck ein wirklich fulminantes Debüt gelungen, in dem historische Fakten in eine fesselnde Krimihandlung eingebettet werden und das von einer profunden Sachkenntnis zeugt. Ich war erstaunt, als ich gelesen habe, wie jung die Autorin ist, denn der Roman ist so ausgereift, dass ich kaum glauben konnte, dass Runa tatsächlich ihr erstes Buch ist.
Ich bin wirklich restlos begeistert von diesem historischen Kriminalroman, in dem Spannung und Wissen vortrefflich kombiniert werden und der auch die immer noch aktuelle Frage nach den ethischen Grenzen der Wissenschaft aufwirft.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Vera Buck: Runa
Verlag: Limes
Ersterscheinungsdatum: 24. August 2015
608 Seiten
ISBN 978-3-8090-2652-5

Cover: Limes Verlag

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Buchrezension: Melanie Raabe – Die Falle

Melanie Raabe - Die FalleInhalt:

Die erfolgreiche Schriftstellerin Linda Conrads hat sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und lebt in fast kompletter Isolation in ihrer Villa am Starnberger See, die sie seit 11 Jahren nicht mehr verlassen hat. Nur ihre Assistentin, ihr Verleger und ihr Gärtner haben Zutritt zu ihrem Haus, das zu ihrem Refugium und ihrer eigenen und einzigen Welt geworden ist.

In meiner Welt ist es Sommer wie Winter exakt 23,2 Grad warm. In meiner Welt ist immer Tag und niemals Nacht. Hier gibt es keinen Regen, keinen Schnee, keine kaltgefrorenen Finger. In meiner Welt gibt es nur eine Jahreszeit, und ich habe noch keinen Namen für sie gefunden.

Jedes Jahr veröffentlicht Linda ein neues Buch; jeder ihrer Romane wurde zum Bestseller. In den Medien gilt sie als exzentrische Schriftstellerin, die sich aufgrund einer Krankheit von der Außenwelt abgeschottet hat, denn niemand kennt den wahren Grund, warum sie das Haus nicht mehr verlassen kann.
12 Jahre zuvor wurde ihre Schwester Anna mit sieben Messerstichen ermordet. Linda hat sie in einer Blutlache liegend gefunden und dem Mörder in die Augen gesehen, bevor dieser durch die offene Terrassentür fliehen konnte. Dennoch konnte der Täter nicht gefasst und der Mord nie aufgeklärt werden. Seitdem ist Linda traumatisiert, hat Panikattacken, flüchtet sich in ihre eigene Welt und schreibt Bücher, die nichts mit ihrer Realität zu tun haben.
Doch das Gesicht des Mörders verfolgt sie immer noch und auch die Frage, warum ihre Schwester sterben musste, lässt ihr nach wie vor keine Ruhe. Umso schockierter ist sie, als sie plötzlich auf dem Bildschirm ihres Fernsehers den Mann zu erkennen glaubt, den sie in der besagten Nacht in der Wohnung ihrer Schwester gesehen hatte. Sie ist sicher, dass es sich bei dem bekannten Journalisten Victor Lenzen um Annas Mörder handelt. Um ihn des Mordes zu überführen und endlich zu erfahren, was in jener Mordnacht geschehen ist, muss sie Lenzen in ihr Haus locken, ihm eine Falle stellen und ihn zu einem Geständnis zwingen. Dabei bedient sie sich dem einzigen Mittel, das ihr zur Verfügung steht – das der Literatur.

Meine persönliche Meinung:

Krimis und Thriller gehören eigentlich zu meinen bevorzugten Genres, aber leider ist gerade in diesem Bereich so viel fürchterlicher Bockmist auf dem Buchmarkt, dass man sich nicht wundern muss, dass der Kriminalliteratur nach wie vor der Vorwurf des Trivialen anhaftet. Ich habe schon so viele sprachlich grausame, schlecht recherchierte oder todlangweilige Krimis mit flachen Charakteren und Logikbrüchen gelesen, dass ich jedem Debüt entgegenfiebere und hoffe, wieder einmal auf einen Kriminalroman zu stoßen, der mich vollkommen überzeugen und fesseln kann. Deshalb war ich schon sehr gespannt auf Melanie Raabes Romandebüt Die Falle, denn ich hatte einige Rezensionen gelesen, die recht vielversprechend tönten.
Schon auf den ersten Seiten merkte ich, dass es sich hierbei in jeder Hinsicht um einen ganz besonderen Spannungsroman handelt, denn der Erzählstil und die metapherreiche, bildhafte und poetische Sprache der Autorin sind sehr außergewöhnlich für dieses Genre.
Durch die gewählte Ich-Perspektive erhält der Leser tiefe Einblicke in die Gedanken, Träume und Ängste der Erzählerin, die so eindrücklich geschildert werden, dass sie für mich sofort spür- und fühlbar waren. Ich konnte mich in Linda einfühlen und ihre Ängste nachempfinden. Alle Charaktere sind sehr fein gezeichnet und psychologisch durchdacht. Nicht nur Linda, die Hauptprotagonistin, sondern auch Victor Lenzen, der vermeintliche Mörder ihrer Schwester, werden sehr vielschichtig und facettenreich dargestellt. Dies führt nicht zuletzt dazu, dass der Leser aber auch immer wieder Zweifel an Lindas Glaubwürdigkeit hegt. Ist Victor wirklich Annas Mörder oder entspringt Lindas Verdacht nicht vielmehr der Phantasie einer traumatisierten, psychisch kranken Frau, die den Verstand verloren hat? Außerdem wird auch die Frage aufgeworfen, was die ermordete Anna überhaupt für ein Mensch war. War sie wirklich der Engel, zu dem Linda ihre Schwester nach ihrer Ermordung stilisiert? Diese Verwirrspiele führten mich immer wieder auf die falsche Fährte, und als ich mich schon sicher wähnte, nun die Wahrheit zu kennen, kam es wieder zu einer überraschenden Wendung.
Die Haupthandlung wird immer wieder durch Fragmente aus Lindas neustem Buch Blutsschwestern unterbrochen, das als Köder für den vermeintlichen Mörder fungiert und in dem sie einen Blick in die Vergangenheit wirft und nach und nach Details über den Mord an ihrer Schwester offenbart. Diese fiktiven Romanfragmente werden sehr geschickt mit der Rahmenhandlung verflochten. Obwohl sie den Handlungsverlauf unterbrechen, reißt die subtile Spannung niemals ab, sondern wird stattdessen immer mehr gesteigert, denn einerseits ergänzt dieser Roman im Roman die eigentliche Handlung, andererseits führt er den Leser aber auch immer wieder auf die falsche Fährte.
Die Falle ist ein sehr raffiniert komponierter und stilistisch ausgefeilter Roman, der nicht nur von einem außergewöhnlichen Erzähltalent der Autorin, sondern auch von ihrem ausgezeichneten Gespür für Zwischenmenschliches, Emotionen und Stimmungen zeugt. Raabes Erstlingswerk ist ein unglaublich fesselnder und temporeicher psychologischer Spannungsroman, ein verstörendes Kammerspiel, das vollkommen ohne blutige Details auskommt. Ein wirklich überzeugendes Debüt einer Autorin, von der man hoffentlich noch mehr lesen wird.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Melanie Raabe: Die Falle
Verlag: btb (HC)
Ersterscheinungsdatum: 9. März 2015
352 Seiten
ISBN 978-3-442-75491-5

Cover: btb Verlag

Buchrezension: Petra Busch – Schweig still, mein Kind

Inhalt:

9783426505571.jpg.33210730Hanna Brock, eine Redakteurin aus Hamburg, die im Schwarzwald für einen Wanderführer recherchiert, findet bei einer ihrer Wanderungen, nahe eines kleinen, idyllisch gelegenen Dorfes, die grausam zugerichtete Leiche einer schwangeren Frau. Die Tote wurde nicht nur brutal erschlagen, man hatte ihr auch ihr ungeborenes Kind aus dem Bauch geschnitten. Bei der Leiche handelt es sich um Elisabeth Sommer, die zehn Jahre zuvor dem Dorf den Rücken gekehrt hatte, den Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden abbrach und erst ein paar Tage vor ihrer Ermordung zurückgekehrt war, um mit ihrem Vater dessen 60. Geburtstag zu feiern. Als Moritz Ehrlinspiel, Kriminalhauptkommissar aus Freiburg, mit dem Fall betraut wird, stößt er bei der verschworenen und von Aberglauben geprägten Dorfgemeinschaft auf eine Mauer des Schweigens. Die Dorfbewohner scheinen kein Interesse daran zu haben, ihn bei seiner Ermittlungsarbeit zu unterstützen, sondern hüten offenbar ein Geheimnis, das in die Vergangenheit zurückreicht und keinesfalls ans Licht kommen darf. Auch die Familie der Toten verhält sich recht eigenartig, denn während ihr Vater an seiner Trauer fast zerbricht, erweist sich ihre herrschsüchtige Mutter als emotionslos und wenig betroffen von der Ermordung ihrer einzigen Tochter. Hat der Bruder Elisabeths, der autistische Eigenbrötler Bruno, etwas mit dem Mord an seiner Schwester zu tun? Wo ist das ungeborene Baby, das der Toten entrissen wurde? Und welches düstere Geheimnis hüten die Dorfbewohner? Ehrlinspiel wird klar, dass er mit seinen Ermittlungen offenbar in ein Wespennest gestochen hat und das Motiv des Verbrechens in der Vergangenheit zu suchen ist. Hanna Brock ist ihm bei seinen Ermittlungen auch keine große Hilfe, denn die ermittelt im Alleingang und behält ihre gewonnenen Informationen zunächst für sich. Um den Fall zu lösen, muss Ehrlinspiel aber mit der neugierigen und recht eigenwilligen Journalistin kooperieren.

Meine persönliche Meinung:

Ich kenne die Autorin Petra Busch persönlich, schätze und mag sie sehr, da uns nicht nur das Interesse an Literatur, sondern auch die Liebe zu Tieren, vor allem zu Katzen verbindet. Ich versuche bei der Rezension ihrer Bücher aber dennoch, objektiv zu bleiben und sie unvoreingenommen und ehrlich zu bewerten.
Bei Schweig still, mein Kind handelt es sich um den ersten Fall des Freiburger Kommissars Moritz Ehrlinspiel, dem inzwischen zwei weitere gefolgt sind. Für ihren ersten Kriminalroman wurde Petra Busch 2010 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis für das beste Debüt ausgezeichnet. Doch auch von solchen Preisen darf man sich nicht blenden lassen. Schweig still, mein Kind hat diesen Preis aber vollkommen zu Recht erhalten. Meiner Meinung nach ist es einer der besten deutschsprachigen Kriminalromane und ich habe ihn innerhalb weniger Nächte regelrecht verschlungen. Besonders beeindruckt war ich sofort von der poetischen Sprache, die man im Krimigenre leider oft vermisst. Einen Kriminalroman in einer so schönen und dennoch klaren Sprache zu lesen, ist wirklich ein Genuss. Fasziniert war ich nicht nur von dem sorgfältig konstruierten Spannungsbogen, dem Perspektivwechsel, der mich immer wieder auf die falsche Fährte führte, von vielen überraschenden Wendungen, die die knisternde Spannung bis zum Schluss anhalten ließen, sondern auch von den liebevoll gezeichneten und glaubwürdig dargestellten Charakteren. Der Hauptprotagonist Moritz Ehrlinspiel ist mir sofort ans Herz gewachsen, denn er ist anders als die ewig frustrierten, unzufriedenen, depressiven, vereinsamten und kränkelnden Ermittler, die ansonsten die Krimilandschaft bevölkern. Er lebt zwar alleine, ist zweifellos ein Mann mit Ecken und Kanten, aber er ist doch recht zufrieden, liebt gutes Essen und hat liebenswürdige Charaktereigenschaften. So kreiert er zum Beispiel in seiner Freizeit Futterrezepte für seine beiden Kater Bentley und Bugatti.
Man merkt, dass die Autorin für ihre Bücher sehr akribisch recherchiert. Die Polizeiarbeit und auch die Arbeit der Gerichtsmediziner werden sehr authentisch dargestellt. Besonders beeindruckt haben mich die Passagen, die aus der Perspektive des Autisten Bruno erzählt sind, und Einblicke in die Sichtweise eines Savants, also eines autistischen Menschen mit einer Inselbegabung gewähren.
Für mich hat Schweig still, mein Kind alles, was ein guter und spannender Kriminalroman braucht: einen raffinierten, gut durchdachten und stimmigen Plot, unvorhersehbare Wendungen, glaubhafte Charaktere, sympathische Ermittler, dunkle Geheimnisse, menschliche Abgründe und eine düstere Novemberstimmung.
Wer in Krimis auf blutige Details und brutale Gewaltdarstellungen wartet, wird jedoch enttäuscht sein. Stattdessen beweist die Autorin, dass man auch mit leisen Tönen und auf einfühlsame Art und Weise von Verbrechen und Morden erzählen und beim Leser dennoch Spannung und Gänsehaut erzeugen kann. Wer solche Krimis mag, dem seien auch die anderen Kriminalromane von Petra Busch wärmstens ans Herz gelegt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Petra Busch: Schweig still, mein Kind
Droemer Knaur 2010
448 Seiten
ISBN 978-3-426-50557-1

Cover: Droemer Knaur