Buchrezension: E. O. Chirovici – Das Buch der Spiegel

Das Buch der Spiegel von EO ChiroviciInhalt:

Den New Yorker Literaturagenten Peter Katz erreichen tagtäglich unzählige unverlangt eingesandte Buchmanuskripte, doch als er eines Tages eine Anfrage von Richard Flynn erhält, ist er von dem angehängten Manuskript mit dem Arbeitstitel Das Buch der Spiegel sofort fasziniert. Es geht darin um die Ermordung des berühmten Psychologieprofessors Joseph Wieder, die nahezu dreißig Jahre zurückliegt und nie aufgeklärt wurde.
Joseph Wieder war ein berühmter Gedächtnisforscher und einer der wichtigsten Dozenten in Princeton. Er beschäftigte sich mit der Analyse verdrängter Erinnerungen, forschte über die Manipulierbarkeit von Erinnerungen bei Traumapatienten und führte auch geheime Forschungsexperimente durch.
Richard Flynn kannte den ermordeten Wissenschaftler persönlich und hatte während seines Studiums in Princeton für ihn gearbeitet, nachdem seine Mitbewohnerin und Geliebte Laura Baines ihn mit ihrem Professor bekannt gemachte hatte. Laura war Wieders wissenschaftliche Hilfskraft und verehrte den exzentrischen Wissenschaftler, aber Flynn hatte häufig den Verdacht, dass sie ihm auch privat sehr nahestand und vielleicht eine Affäre mit ihm hatte.
Der Mord an Wieder konnte bislang nie aufgeklärt werden, aber Flynn scheint inzwischen mehr über den Fall in Erfahrung gebracht zu haben und möchte nun in seinem Buch endlich die Wahrheit offenbaren.
Katz ist fasziniert von dem Text, doch leider bricht das Manuskript unvermittelt ab – ausgerechnet an der Stelle, an der Flynn die Ereignisse in der Mordnacht schildert. Noch bevor Katz den Autor um den Rest des Manuskripts bitten kann, verstirbt Flynn an seinem Krebsleiden. Seine Lebensgefährtin wusste offenbar nicht, dass er an einem Buch über seine Vergangenheit arbeitete und hat in seinem Nachlass kein Manuskript gefunden. Katz möchte jedoch unbedingt herausfinden, was Flynn über diesen spektakulären Mordfall enthüllen wollte. Kannte er Wieders Mörder? Wollte er in den letzten Wochen seines Lebens endlich offenbaren, wer den bedeutenden Wissenschaftler damals ermordet hat? Oder hat Flynn den Professor womöglich selbst getötet und das Manuskript ist nun ein verspätetes Geständnis? Katz ist geradezu besessen von der Geschichte und setzt alles daran, zu erfahren, wie sie endet.

Meine persönliche Meinung:

E. O. Chirovici hat in seinem Heimatland Rumänien bereits fünfzehn Romane veröffentlicht. Das Buch der Spiegel ist jedoch sein erster Roman in englischer Sprache, wurde bereits in 38 Länder verkauft und ist in der deutschen Übersetzung nun kürzlich bei Goldmann erschienen. Inzwischen ist dieser Roman in aller Munde, selbst Denis Scheck lobte ihn über den grünen Klee und meinte, er sei etwas „Besonderes“ und „im Thrillergenre ein herausragendes Buch“. Obwohl ich Herrn Scheck sehr schätze, treffen seine Buchempfehlungen nicht immer meinen Geschmack, aber bei Chirovicis Roman kann ich ihm nur zustimmen, denn er ist wirklich in jeder Hinsicht herausragend. Allerdings würde ich das Buch nicht als Thriller, sondern eher als Kriminalroman bezeichnen, denn im Zentrum der Handlung steht ein fast dreißig Jahre zurückliegender Mordfall, der nun aus unterschiedlichen Perspektiven erneut beleuchtet wird.
Als der Literaturagent Peter Katz eines Tages das Manuskript von Richard Flynn in den Händen hält, ist er sofort fasziniert von dem Text, denn Flynn behauptet bereits in seinem Anschreiben, sich nun wieder genau an die Ereignisse von damals zu erinnern und die Wahrheit über den Mord an dem berühmten Psychologieprofessor Joseph Wieder enthüllen zu können. Im Verlauf der Handlung müssen Katz und auch der Leser jedoch feststellen, dass es mehr als nur eine Wahrheit gibt und Erinnerungen sehr trügerisch sein können.
Während man im ersten Teil des Romans gemeinsam mit Peter Katz Flynns Exposé liest, zweifelt man trotz der höchst subjektiven Darstellung der Ereignisse jedoch zunächst nicht am Wahrheitsgehalt von Flynns Worten und der Zuverlässigkeit seiner Erinnerungen.
Das Manuskript bricht allerdings genau an der Stelle ab, an der Flynn seine Erinnerungen an die Mordnacht rekonstruiert. Peter Katz möchte nun natürlich unbedingt wissen, was Flynn über die Ermordung Wieders weiß oder ob sein Buch womöglich mit einem Mordgeständnis endet. Außerdem würde sich ein Roman über ein wahres Verbrechen auch sehr gut verkaufen lassen. Da Flynn inzwischen verstorben und das vollständige Manuskript unauffindbar ist, beauftragt Katz seinen Freund, den Reporter John Keller, Nachforschungen anzustellen. Keller soll entweder den Rest des Manuskripts finden oder aber so viel über den Mord an Wieder in Erfahrung bringen, dass er anhand der zusammengetragenen Informationen Flynns Buch als Ghostwriter vollenden kann.
Im zweiten Teil des Buches folgt der Leser nun Keller bei seinen Recherchen, die aus der Ich-Perspektive geschildert werden. Der Reporter sucht zunächst die Personen auf, die damals in den Fall involviert waren und Wieder kannten. Doch die Aussagen der Befragten widersprechen sich, und offenbar ist auch Flynn in seinem Manuskript nicht ganz bei der Wahrheit geblieben. Kellers Nachforschungen ergeben kein stimmiges Bild. Stattdessen wird der Fall immer noch verworrener und die Liste der Verdächtigen immer länger. Je mehr Keller in Erfahrung bringt, umso undurchsichtiger erscheint ihm alles, sodass er schließlich entnervt aufgibt. Doch bevor er seine Recherchen einstellt, befragt er noch Roy Freeman, den inzwischen pensionierten Detective, der damals erfolglos in dem Mordfall ermittelte und den Eindruck hat, vor nahezu dreißig Jahren etwas übersehen zu haben.
Im dritten Teil des Buches begleitet man dann Roy Freeman, der nun erneut die Ermittlungen aufnimmt und alles daran setzt, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen und den Mord an Wieder endlich aufzuklären.
Chirovici spielt sehr raffiniert mit unterschiedlichen Perspektiven und hat seinen Roman äußerst klug konstruiert. Die Handlung wird aus drei verschiedenen und zeitlich versetzten Ich-Perspektiven geschildert, wobei der Leser immer wieder mit höchst subjektiven Wahrnehmungen, widersprüchlichen Vermutungen, Halbwahrheiten und Fehleinschätzungen konfrontiert wird. Kein Detail passt zum anderen, obwohl sich alle Beteiligten zu den selben Sachverhalten äußern. Da die Ereignisse jedoch völlig unterschiedlich dargestellt werden, muss man sich stets erneut fragen, wessen Worten man eigentlich Glauben schenken darf. Allerdings scheinen manche Beteiligten gar nicht bewusst zu lügen, sondern bewerten und deuten die Fakten, an die sie sich erinnern, nur auf völlig unterschiedliche Weise.
Der Roman kreist immer wieder um die Frage, wie zuverlässig unsere Erinnerungen eigentlich sind und ob das, woran wir uns erinnern, bzw. zu erinnern glauben, auch tatsächlich passiert ist. Ohne dass wir es wollen, entwickeln sich völlig falsche Erinnerungen, die wir dann aber für die Wahrheit halten, und so schönen und verfälschen wir immer wieder die Realität.
Mich hat Das Buch der Spiegel von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und begeistert. Gebannt folgte ich diesem raffinierten Verwirrspiel und versuchte die einzelnen Puzzleteile zu einem stimmigen Ganzen zusammenzusetzen. Das Ende war jedoch absolut nicht vorhersehbar, für meinen Geschmack vielleicht ein bisschen zu konstruiert, aber dennoch glaubwürdig und schlüssig.
Ich bin absolut begeistert von diesem Roman und kann ihn nur jedem empfehlen, der kluge Spannungsliteratur auf hohem Niveau zu schätzen weiß. Ein sprachlich versierter und intelligent erzählter Roman um Wahrheit, trügerische Erinnerungen und die subjektive Wahrnehmung von Liebe.

© Claudia Bett

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

E. O. Chirovici: Das Buch der Spiegel
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 27. Februar 2017
384 Seiten
ISBN 978-3-442-31449-2

Buchrezension: Jenny Blackhurst – Das Mädchen im Dunkeln

Jenny Blackhurst - Das Mädchen im DunkelnInhalt:

Karen Browning arbeitet als Psychiaterin am Cecil-Baxter-Institut, ist beruflich sehr erfolgreich und steht kurz vor ihrer Beförderung. Als sie eines Tages von Jessica Hamilton aufgesucht wird, die aufgrund ihrer Spannungskopfschmerzen therapeutische Hilfe sucht, hält Karen ihre neue Patientin zunächst für einen Routinefall, fühlt sich allerdings schon während der ersten Therapiesitzung ein wenig unbehaglich. Die junge Frau gesteht ihr, dass sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat, ihn zwar nicht liebt und auch nicht will, dass er sich scheiden lässt, aber von der Ehefrau ihres Liebhabers geradezu besessen ist und sie abgrundtief hasst.
Kurz darauf geschehen in Karens privatem Umfeld seltsame Dinge. Nicht nur Karens, sondern vor allem das Leben ihrer beiden besten Freundinnen Bea und Eleanor gerät plötzlich vollkommen aus den Fugen. Karen ist sicher, dass nur Jessica für all die mysteriösen Vorkommnisse verantwortlich sein kann, unter denen ihre Freundinnen zu leiden haben. Die Freundschaft der drei Frauen, die seit ihrer Kindheit durch dick und dünn gehen, wird vor eine harte Zerreißprobe gestellt, denn privat wäre es eigentlich Karens Pflicht, ihre Freundinnen vor Jessica zu warnen, aber beruflich ist sie an die ärztliche Schweigepflicht gebunden. Noch ahnt sie jedoch nicht, in welcher Gefahr Bea und Eleanor schweben und ihre neue Patientin sie nicht zufällig ausgewählt hat, sondern im Begriff ist, Karen alles zu nehmen, was ihr etwas bedeutet – ihre Karriere, ihre Beziehung zu Michael und auch ihre beiden besten Freundinnen.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe Jenny Blackhursts Debütroman Die stille Kammer zwar nicht gelesen, aber von vielen Seiten gehört, dass die Autorin einen brillanten Thriller vorgelegt hat. Da es sich bei ihren Büchern um Einzelbände handelt und der Klappentext von ihrem aktuellen Psychothriller Das Mädchen im Dunkeln sehr vielversprechend tönte, war ich sehr gespannt, ob Jenny Blackhurst auch mich begeistern kann. Allerdings ist der Klappentext des Verlags ein wenig irreführend und vor allem sehr ungeschickt formuliert, denn einerseits geht aus ihm nicht hervor, dass eigentlich die Freundschaft von Karen zu ihren beiden besten Freundinnen im Zentrum der Handlung steht, während er andererseits bereits so viel vom Plot verrät, dass man fast schon von einem Spoiler sprechen kann, sodass ich in meiner Inhaltsangabe auf diese Hinweise verzichtet habe. Den Klappentext kann man der Autorin jedoch ebensowenig anlasten wie die vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler in der deutschen Übersetzung ihres Buches, die auf ein äußerst mangelhaftes Lektorat schließen lassen. Ich habe jedenfalls noch nie ein Verlagsbuch gelesen, das so viele Fehler enthält, dass man beim Lesen immer wieder ins Stocken gerät und manche Sätze erneut lesen muss, um ihren Sinn zu erfassen. Über vereinzelte kleine Fehlerchen, die durchaus vorkommen können, kann ich entspannt hinwegsehen, aber in dieser Häufigkeit sind sie äußerst störend und hemmen leider auch den Lesefluss.
Inhaltlich gibt es an diesem Thriller weitaus weniger auszusetzen, denn Das Mädchen im Dunkeln ist ein durchaus spannender und lesenswerter Psychothriller.
Bereits das erste Kapitel ist etwas irritierend, denn es handelt sich dabei um ein Therapiegespräch, bei dem Karen jedoch selbst die Patientin ist. Schnell wird klar, dass etwas Schreckliches vorgefallen sein muss und sich die Psychologin nun selbst in therapeutische Behandlung begeben musste. Das Buch wird dann abwechselnd aus der Perspektive von Karen und ihren beiden besten Freundinnen Bea und Eleanor erzählt und immer wieder durch das Therapiegespräch unterbrochen, das Karen mit ihrem Therapeuten führt. Stück für Stück offenbart sich nun, was Karen und ihren Freundinnen zugestoßen ist und was Karens Patientin Jessica mit all den rätselhaften Vorkommnissen zu tun hat. Manche Kapitel werden auch aus der Perspektive einer unbekannten Person geschildert, die die Freundinnen schon seit langer Zeit beobachtet, fotografiert und auch ihre Spuren im Internet verfolgt. Was diese Person im Schilde führt und ob es sich dabei um Jessica handelt, bleibt jedoch lange im Dunkeln. Diese Passagen sind vor allem deshalb so verstörend, weil diese Person alles von den Frauen zu wissen scheint, selbst Begebenheiten, die schon viele Jahre zurückliegen, und auch ganz genau weiß, wo sie ansetzen muss, um die Frauen zu verunsichern und in Angst und Schrecken zu versetzen.
Jenny Blackhurst hat Karen, Bea und Eleanor sehr fein gezeichnet und präzise ausgearbeitet. Der Leser erhält sehr tiefe Einblicke in ihre jeweiligen Gedanken, Ängste und die Probleme, mit denen sie aktuell zu kämpfen haben, aber auch in ihr bisheriges Schicksal sowie die Beschaffenheit ihrer außergewöhnlichen Freundschaft. Die drei Frauen sind seit mehr als dreißig Jahren miteinander befreundet, immer wieder wird betont, wie besonders eng die Bindung zwischen den drei Freundinnen ist, aber seltsamerweise verbergen sie gerade das voreinander, was sie am meisten belastet.
Bea mochte ich besonders gerne, und ihr Schicksal berührte mich auch sehr, während mir Eleanor, die mit ihrer Mutterrolle vollkommen überfordert zu sein scheint und äußerst überspannt ist, häufig ein wenig auf die Nerven fiel. Trotzdem tat sie mir leid, denn ihr Leben gerät im Verlauf der Geschichte so aus den Fugen, dass sie fast den Verstand verliert. Obwohl Karen im Fokus der Handlung steht, ist sie besonders schwer zu durchschauen und war mir leider auch sehr unsympathisch. Was ihre Tätigkeit als Psychologin anbelangt, fand ich sie äußerst unprofessionell und gleichzeitig zu karriereversessen, aber auch privat hat sie so einige Leichen im Keller. Diese könnte man ihr durchaus verzeihen, wenn sie sich nicht selbst als Hüter von Moral und Anstand verstünde und nicht immer wieder betonen würde, wie wichtig es ihr ist, anderen selbstlos zu helfen. Eigentlich mag ich ambivalente und vielschichtige Charaktere, aber diese Frau verhält sich einfach in jeder Hinsicht so widersprüchlich, dass es mir sehr schwerfiel, mich in sie hineinzuversetzen und mit ihr mitzufühlen.
Die rätselhafteste Figur ist natürlich Jessica, die mysteriöse Patientin, die eines Tages bei Karen auftaucht und vorgibt, therapeutische Hilfe zu suchen. Auch wenn ihre wahre Identität erst am Schluss enthüllt wird, war mir sehr schnell klar, wer sie ist und warum sie es auf Karen abgesehen hat. Allerdings war mir vollkommen schleierhaft, warum sie Bea und Eleanor schaden möchte, sodass die Spannung trotzdem bis zum Ende aufrechterhalten werden konnte.
Eines muss man diesem Psychothriller nämlich lassen – er ist durchgehend spannend, und das Ende hält trotz mancher Vorhersehbarkeiten noch eine erstaunliche Überraschung parat. Leider verblieb aber meiner Meinung nach noch eine kleine Ungereimtheit, die vom Ende her betrachtet, keinen Sinn ergab. Besonders tiefgründig ist Das Mädchen im Dunkeln leider nicht. Das Thema Ehebruch steht immer wieder im Zentrum der Handlung, wobei der moralische Zeigefinger für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr erhoben wurde. Trotzdem hat mir Das Mädchen im Dunkeln gut gefallen und sehr spannende Lesestunden bereitet.
Ein fesselnder Psychothriller für Zwischendurch, nicht besonders überragend, aber dennoch solide und lesenswert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Bastei Lübbe Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jenny Blackhurst: Das Mädchen im Dunkeln
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 16. Februar 2017
431 Seiten
ISBN 978-3-404-17416-4

Cover: Bastei Lübbe

Buchrezension: Gillian Flynn – Gone Girl

Gillian Flynn - Gone GirlInhalt:

Nick und Amy Dunne haben sich vor sieben Jahren kennengelernt, zwei Jahre später geheiratet und galten als absolutes Vorzeigepärchen, zumindest als sie noch in New York lebten und beruflich erfolgreich waren. Sie waren beide als Journalisten tätig, verloren jedoch durch den fortschreitenden Niedergang der Printmedien innerhalb weniger Monate ihre Jobs. Bislang musste sich Amy keine Sorgen um ihr finanzielles Auskommen machen, denn ihre Eltern sind erfolgreiche Schriftsteller, haben die Kindheit ihrer Tochter sehr publikumswirksam vermarktet, indem sie Amy zur Kinderbuchfigur einer erfolgreichen Buchreihe machten, und haben einen Teil ihrer Einnahmen in einem Trustfonds für Amy angelegt. Allerdings wurde die Buchreihe Amazing Amy eingestellt und ihre Eltern sind inzwischen nahezu pleite, sodass sie ausgerechnet jetzt dringend Geld aus Amys Trustfonds benötigen.
Als Nick von seiner Zwillingsschwester Go erfährt, dass seine Mutter an Brustkrebs erkrankt ist, beschließt er, mit Amy in seine alte Heimatstadt North Carthage in Missouri zurückzukehren, um seiner kranken Mutter beizustehen. Von Amys letzten finanziellen Mitteln kauft er dort eine Bar, die er gemeinsam mit seiner Schwester betreibt, und unterrichtet nebenbei noch einen Kurs am Junior College. Amy verfasst Persönlichkeitstests für Frauenzeitschriften, um ihren Teil zum gemeinsamen Lebensunterhalt beizutragen, vermisst aber ihr altes Leben in New York und fühlt sich in der beschaulichen Kleinstadt, in die sie nun verpflanzt wurde, nicht besonders wohl. Die Ehe von Nick und Amy beginnt nun unaufhaltsam zu kriseln.
An ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Amy plötzlich spurlos. Alles deutet auf ein Gewaltverbrechen hin, und da sich Nick sehr sonderbar verhält und auffallend emotionslos zu sein scheint, gerät er sehr schnell ins Visier der Ermittler und auch der Medien. Er schwört zwar, dass er nichts mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat, aber wo ist Amy und was ist ihr zugestoßen? Das verwüstete Wohnzimmer und ein sorgfältig weggewischter Blutfleck in der Küche, den die Polizei entdeckt, lassen das Schlimmste befürchten. Außerdem berichten Zeugen, dass Amy schon seit längerer Zeit Angst hatte, aber vor wem und warum?

Meine persönliche Meinung:

Ich hatte fast den Eindruck, dass ich der letzte Mensch auf diesem Planeten bin, der Gone Girl von Gillian Flynn noch nicht gelesen hat und auch den Film nicht kennt. Dabei liegt dieser Roman schon seit einiger Zeit ungelesen in meinem Regal, aber ich hatte eben nie Lust ihn zu lesen, was vor allem an dem Hype lag, der um dieses Buch gemacht wurde. Sobald ein Roman in aller Munde ist, interessiert er mich nicht mehr, und allzu oft habe ich eben auch schon die Erfahrung gemacht, dass gerade diese Bücher mich auch maßlos enttäuschen. Allerdings stieß ich in letzter Zeit immer wieder auf Bücher, die mit dem Hinweis „für alle Fans von Gone Girl“ oder „so abgründig wie Gillian Flynns Gone Girl“ beworben wurden, was natürlich keine große Orientierungshilfe ist, wenn man das erwähnte Buch gar nicht kennt. Es ist fast so, als gäbe Gone Girl die Messlatte vor, an der sich künftig jeder Thriller messen lassen muss. Da sich der Hype inzwischen etwas gelegt hat und ich mir jetzt selbst ein Bild machen wollte, beschloss ich also, Gone Girl nun doch endlich zu lesen.
Der Einstieg in die Geschichte ist leider äußerst zäh und langatmig. Nach den ersten hundert Seiten fragte ich mich, wann denn nun endlich etwas passiert und was die anderen Leser an diesem Buch denn nur so begeistert hat, denn außer einem guten Schreibstil konnte ich leider nichts entdecken, was auch nur annährend spannend oder irgendwie besonders gewesen wäre. Gillian Flynn lässt sich ausgesprochen viel Zeit, ihre Protagonisten einzuführen. Es dauert leider ewig, bis die Geschichte in Gang kommt, und da ich weder Amy noch Nick besonders mochte, fiel es mir zunächst auch schwer, Interesse für das Schicksal dieses Ehepaars aufzubringen. Erst später erkannte ich, dass die Autorin ihre Figuren absichtlich so gezeichnet hat, dass man sie nicht besonders sympathisch findet, aber zu Beginn des Romans ist dies der Spannung leider nicht besonders zuträglich.
Das ganze Buch wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Nick und Amy erzählt. Während Nick überwiegend die aktuellen Ereignisse schildert, die am Tag von Amys Verschwinden einsetzen, kommt Amy in Form von Tagebucheinträgen zu Wort, die bis zu dem Tag zurückreichen, an dem sie Nick kennengelernt hat. Außerdem wirft sie auch immer wieder einen Blick zurück in ihre Kindheit und Jugend.
Als Tochter eines erfolgreichen Schriftstellerehepaars wuchs Amy sehr behütet und vor allem in sehr gut situierten Verhältnissen auf. Sie wurde von ihren Eltern sehr verwöhnt, fühlte sich von ihnen aber auch ausgenutzt, denn ihren Wohlstand hatten sie nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass sie ihre Tochter wie ein Produkt vermarkteten, indem sie sie zur Romanfigur einer Buchreihe machten, die sich gut verkaufen ließ. Amy bemühte sich, dem Bild gerecht zu werden, das ihre Eltern in ihren Büchern von ihr entwarfen, strebte nach dem Perfektionismus, den ihr die Romanfigur vorgab, denn alles, was der realen Amy nicht gelingen wollte, beherrschte „Amazing Amy“ in den Büchern mühelos. Amy fühlte sich nie als reale Person, sondern immer als Produkt. Auch in ihrer Ehe mit Nick spielte sie zunächst nur eine Rolle, nicht die von „Amazing Amy“, aber die der „Coolen Amy“, die ebenfalls ein reines Phantasiegebilde war, aber ihrem Mann zu gefallen schien. Doch diese Rolle beginnt ganz allmählich zu bröckeln, als beide ihren Job verlieren und Amy dazu genötigt wird, mit Nick in seine provinzielle Heimatstadt zu ziehen, in der sie keinen Anschluss findet und sich nicht heimisch fühlt. Nick ging allerdings stillschweigend davon aus, dass Amy sich irgendwann an die neue Umgebung gewöhnen würde und war auch selbst nicht immer ehrlich zu seiner Frau. So bekam die Ehe erste Risse, die nicht mehr zu kitten waren und schließlich in einem wahren Psychokrieg zwischen den Ehepartnern enden.
Durch die Ich-Perspektive und die Tagebuchform lernt man beide Protagonisten sehr gut kennen, zumindest wird zunächst der Eindruck erweckt, man käme sowohl Amy als auch Nick besonders nahe. Im weiteren Handlungsverlauf stellt man jedoch schnell fest, dass man weder Amys noch Nicks Worten Glauben schenken kann. Der Leser wird ständig mit zwei unterschiedlichen, sich widersprechenden Sichtweisen konfrontiert, aus denen letztendlich auch die Spannung dieses Romans resultiert. Da beide Charaktere äußerst ambivalent angelegt sind, fällt es ausgesprochen schwer, für einen der beiden Stellung zu beziehen, denn man kann sie weder hassen noch lieben. Amy und Nick sind nicht gerade Sympathieträger, aber dennoch gibt es immer wieder Momente, in denen man sich gut in den Charakter, aus dessen Perspektive gerade erzählt wird, einfühlen kann. Allerdings wird man schon im nächsten Kapitel wieder gezwungen, die eigene Einschätzung nochmals zu überdenken, ist ständig hin- und hergerissen und wird somit immer tiefer in dieses verwirrende und wirklich böse Psychospiel hineingezogen.
Unwillkürlich stellt man sich beim Lesen auch selbst immer wieder die Frage, ob man den Menschen, den man liebt, auch wirklich kennt und ob man selbst nicht auch häufig nur eine Rolle spielt, um geliebt zu werden und den Erwartungen des anderen gerecht zu werden. Der Roman zeigt sehr eindrücklich, welche Abgründe hinter der Fassade einer scheinbar perfekten Liebesbeziehung lauern können und wie Liebe in abgrundtiefen Hass umschlagen kann.
Doch ist der Roman nicht nur ein erschütterndes Ehedrama, sondern auch eine Abrechnung mit der Medienlandschaft. Das öffentliche Interesse an diesem Vermisstenfall ist natürlich groß, nicht zuletzt, weil Amy eine berühmte Kinderbuchfigur ist und sich Journalisten und TV-Sender mit geradezu perverser Sensationsgeilheit auf solche privaten Schlachtfelder stürzen. Es wird sehr eindrücklich geschildert, wie die Medien Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen und wie schnell ein Unschuldiger zum Verbrecher abgestempelt werden kann.
Gone Girl ist äußerst raffiniert und sehr wendungsreich komponiert. Leider entfaltet sich die Spannung erst im zweiten Teil des Romans, während der Einstieg in die Geschichte wirklich äußerst langweilig ist. Selbst als die Handlung dann Fahrt aufnimmt, kommt es häufig zu bedauerlichen Längen, die den Spannungsbogen immer wieder abreißen lassen. Das ist wirklich schade, denn Gillians Flynns Schreibstil ist grandios. Die Geschichte ist glaubwürdig, tiefgründig und klug erzählt, und am Ende laufen alle Fäden dieses Verwirrspiels schlüssig zusammen. Vor allem die Figurenzeichnung fand ich absolut gelungen, gerade weil die Protagonisten so vielschichtig und komplex sind und es nicht möglich ist zwischen Gut und Böse, Täter und Opfer zu unterscheiden. Gone Girl blieb ein wenig hinter meinen Erwartungen zurück, die zugegebenermaßen auch ziemlich hoch waren, hat mir aber trotz seiner Längen sehr gut gefallen und mich auch nachdenklich zurückgelassen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Gillian Flynn: Gone Girl – Das perfekte Opfer
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 22. März 2013
592 Seiten
ISBN 978-3-596-18878-9

Cover: S. Fischer Verlag

Buchrezension: Marina Heib – Drei Meter unter Null

Marina Heib - Drei Meter unter NullInhalt:

Als sie ein Kind war, wollte sie Pipi Langstrumpf werden, das stärkste Mädchen der Welt, das frei und selbstbestimmt lebt, später dann Winnetou oder vielleicht auch Tarzan. Sie war schon immer anders als andere Kinder, wurde ausgegrenzt, weil man sie sonderbar fand, aber das kümmerte sie nicht besonders. Trotzdem entschloss sie sich irgendwann, normal zu werden, nicht zuletzt ihren Eltern zuliebe, die sie liebten und behüteten, aber sich gewünscht hätten, ihr Kind sei ein wenig angepasster. Sie hat lange versucht, normal zu sein, wurde endlich akzeptiert, doch nun ist sie vierunddreißig Jahre alt und spürt, dass die Spuren des Sonderbaren noch immer an ihr haften. An einem nebligen Tag im November muss sie sich eingestehen, dass all ihre Bemühungen um Normalität gescheitert sind und sie ihrer Berufung folgen muss. An diesem Tag beschließt sie: „ich werde Mörderin“.
Doch zunächst muss sie ihr Menschsein ablegen und zu einer Wölfin werden. Dann macht sie einen Plan, beobachtet ihre arglosen Opfer ganz genau, bevor sie zuschlägt. Sie sollen leiden, wie sie gelitten hat, und mit ihrem Leben dafür bezahlen, dass sie ihr ihr Leben genommen haben.

Meine persönliche Meinung:

Marina Heib ist im Krimi- und Thrillergenre zwar keine Unbekannte, aber bislang habe ich noch keines ihrer Bücher gelesen. Als ich jedoch Drei Meter unter Null in der Verlagsvorschau entdeckt hatte, konnte ich den Erscheinungstermin kaum abwarten, denn dieses Buch versprach ein Thriller ganz nach meinem Geschmack zu sein. Ich fing auch sofort an zu lesen, als es dann endlich bei mir ankam und war ein bisschen enttäuscht, dass es nur so wenige Seiten hat und so schnell gelesen war, denn es war einfach großartig. Obwohl es so ein dünnes Büchlein ist, ist Drei Meter unter Null einer der gewaltigsten, erschütterndsten und düstersten Thriller, die ich jemals gelesen habe und ging mir so unter die Haut, dass ich diese Geschichte nicht so schnell vergessen werde.
Schon nach wenigen Seiten habe ich gemerkt, dass Drei Meter unter Null ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher und herausragender Thriller ist, der sich schon sprachlich und stilistisch weit von der Masse anderer Bücher dieses Genres abhebt. Der Schreibstil der Autorin ist einfach brillant, ihre Sprache fast poetisch, vor allem aber so eindringlich und ausdrucksstark und gleichzeitig so klar und prägnant, dass es wirklich ein Genuss ist, solche Sätze zu lesen, denn da sitzt jedes Wort. Besonders beeindruckt war ich jedoch, mit welcher Präzision und mit welchem Gespür für menschliche Emotionen und Abgründe Marina Heib ihre Protagonistin ausgearbeitet hat.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive einer Frau geschildert, die im Alter von vierunddreißig Jahren beschließt, Mörderin zu werden. Ihren Namen erfährt man nicht und auch das Motiv für ihre Taten bleibt zunächst im Dunkeln, aber man erhält sehr tiefe Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Leiden. Während sie sich auf ihrem blutigen Rachefeldzug befindet, wirft sie immer wieder einen Blick zurück in ihre Vergangenheit und lässt ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal Revue passieren.
Schon als Kind war sie anders als andere, sehnte sich nach Abenteuern, wollte nicht Ärztin oder Ingenieurin werden, sondern Pippi Langstrumpf, Tarzan oder Winnetou. Sie wuchs sehr behütet auf, ihre Eltern unterstützten ihre Träume, liebten sie und taten alles, um sie glücklich zu machen, sorgten sich allerdings auch um ihr einziges Kind, denn es ist leichter, in dieser Welt zu bestehen, wenn man sich ein wenig anpasst. Sie drängen ihre Tochter zu nichts, sind aber erleichtert, als sie irgendwann selbst beschließt, sich anzupassen und normal zu werden. Sie studiert Informatik, ist beruflich erfolgreich und inzwischen zu einer hübschen, unabhängigen und selbstbewussten jungen Frau geworden. Doch an einem nebligen Novembertag gerät ihr Leben vollkommen aus den Fugen, sodass sie beschließt, Mörderin zu werden. Doch was genau veranlasst eine junge Frau, die so behütet aufgewachsen ist, plötzlich dazu, ihr Menschsein abzulegen und zu einer Wölfin zu werden, die auf die Jagd geht, um erbarmungslos zu töten? Diese Frage steht im Zentrum der Geschichte.
Der Leser begleitet diese Frau nun während sie ihre Opfer beobachtet, ihnen auflauert und sie brutal tötet. Sie hat einen genauen Plan ausgetüftelt, will nichts dem Zufall überlassen und hat eine Liste von Opfern angelegt. Die Männer auf ihrer Liste leben verstreut in ganz Deutschland. Für jeden von ihnen hat sie sich eine ganz individuelle Tötungsart überlegt, denn sie sollen leiden, bevor sie sterben – jeder auf eine ganz spezielle Art und Weise. Sie geht ohne Mitleid und ohne Skrupel vor. Ihre Opfer sind erfolgreiche Unternehmer, aber auch Obdachlose; ein Muster oder eine Verbindung zwischen diesen Männern ist nicht erkennbar, sodass man sich als Leser ständig fragt, warum sie das tut und was diese Männer getan haben.
Das besonders Verstörende und gleichzeitig auch Faszinierende an diesem Buch war für mich, dass ich diese Frau mochte und große Sympathien für sie hegte, was angesichts der abscheulichen Gräueltaten, zu denen sie fähig ist, sehr befremdlich und irritierend ist. Als Leser gerät man also in einen Zwiespalt, denn einerseits kann und darf man keineswegs gutheißen, was sie tut, aber andererseits möchte man sie auch unbedingt verstehen und nachvollziehen können, warum sie so barbarisch mordet. Die Autorin versteht es äußerst geschickt, den Leser auf die Seite dieser Mörderin zu ziehen, obwohl ihre Taten zunächst nicht nachvollziehbar sind und sie mit äußerster Brutalität vorgeht.
Die Spannung dieses Thrillers beruht nicht auf blutigen oder actiongeladenen Szenen, sondern in erster Linie darauf, dass man die Protagonistin unbedingt verstehen will und ihre Beweggründe erfahren möchte. Es ist zwar schockierend, sie bei ihrer grausamen Mission zu begleiten und mitzuerleben, wie skrupellos sie dabei vorgeht, aber dennoch kann man sie nie dafür verurteilen, sondern möchte nur begreifen. Denn soviel ist klar: Sie ist keine geistesgestörte Psychopathin, die aus purer Lust am Töten mordet, sondern eine gequälte Seele, die nicht grundlos tötet. Der Leser erfährt den Grund jedoch erst, als sich diese junge Frau ihrem letzten Opfer zuwendet. Wieder gerät man in ein Dilemma, als man ihr Motiv dann kennt, denn man kann sie erschreckend gut verstehen. Ich war erschüttert, schockiert und tief bewegt, als ich erkannte, warum sie zur Mörderin wurde, und ich war auch erschüttert über mich selbst, weil ich mir tatsächlich wünschte, dass es ihr gelingt, ihre blutige Mission zu vollenden. Auf den letzten Seiten, wenn man schon denkt, man wisse nun alles, hätte nun begriffen, welches bewegende Schicksal sich hinter ihren Taten verbirgt, kommt es dann noch einmal zu einer überraschenden Wendung, mit der weder der Leser noch die Protagonistin gerechnet hätten und die mich vollkommen fassungslos zurückließ.
Ich kann Drei Meter unter Null nur wärmstens weiterempfehlen, denn dieser Thriller hat mich von der ersten bis zur letzten Seite vollkommen gefangen genommen und lässt mich auch jetzt noch immer nicht los.

Ein erschütterndes und düsteres Psychogramm einer Mörderin – sprachgewaltig, psychologisch ausgefeilt und intelligent erzählt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Marina Heib: Drei Meter unter Null
Verlag: Heyne Encore
Ersterscheinungsdatum: 06. März 2017
256 Seiten
ISBN 978-3-453-27111-1

Cover: Heyne Encore

Buchrezension: L. U. Ulder – Ein dunkler Trieb

L. U. Ulder - Ein dunkler TriebInhalt:

Björn Liebermann hatte sich seinen Neubeginn in Berlin vollkommen anders vorgestellt. Der Wegzug aus Hamburg ist ihm ohnehin nicht leichtgefallen und war auch nicht seine Idee, aber seine Freundin Franziska hat endlich ihren Traumjob gefunden, sodass er auf seine anstehende Beförderung zum Hauptkommissar verzichtete und ihr zuliebe nach Berlin zog. Immerhin sah zunächst alles danach aus, als könnte er hier wenigstens bei der neu aufgestellten Ermittlungsgruppe für Banden- und Schwerstkriminalität einsteigen, doch stattdessen muss er nun einen erkrankten Kollegen bei der Mordkommission ersetzen. Er macht auf der Dienststelle keinen Hehl daraus, dass er enttäuscht ist, Mord und Totschlag ihn nicht besonders interessieren und er auch keine Erfahrung mit Tötungsdelikten hat.
Beim Anblick der bereits stark verwesten Frauenleiche, die ein Spaziergänger mit seinem Hund in einem Waldstück fand, stößt Björn schnell an seine Grenzen. Die junge Frau wurde offenbar mehrfach missbraucht und qualvoll erstickt. Doch ahnen Björn und seine Kollegen von der Mordkommission zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie es mit der Tat eines perversen Serienmörders zu tun haben, der es geradezu meisterhaft versteht, keine Spuren zu hinterlassen.

Meine persönliche Meinung:

Bei Ein dunkler Trieb von L. U. Ulder handelt es sich um den ersten Band der Reihe um den Ermittler Björn Liebermann, der sich seiner Lebensgefährtin zuliebe von Hamburg nach Berlin versetzen ließ und dort zunächst bei der Mordkommission landet. Ich habe in der letzten Zeit nur noch selten nach solchen klassischen Ermittlungsthrillern gegriffen, weil mich viele sehr enttäuscht haben, aber sobald in einem Klappentext das Wörtchen „Serienmörder“ fällt, ist mein Interesse geweckt und die Neugierde groß, sodass ich auf Ein dunkler Trieb sehr gespannt war.
Schon auf den ersten Seiten begleitet man den Mörder bei seiner ersten Tat und erhält detaillierte Einblicke in die tiefsten Abgründe menschlicher Grausamkeit. L. U. Ulder verlangt dem Leser schon einiges ab, denn im weiteren Handlungsverlauf wird man noch mit weiteren Perversionen konfrontiert, zu denen der Täter fähig ist. Man darf nicht allzu zimperlich und zartbesaitet sein, wenn man den wirklich abartigen Gedankengängen dieses Sadisten folgt und ihn bei seinen Taten begleitet, denn wie der Titel schon sagt, wird er von wahrhaft dunklen Trieben geleitet. Trotzdem haben mir gerade die Kapitel besonders gut gefallen, die aus der Sicht des Mörders erzählt werden und in denen man nicht nur hautnah miterlebt, wie er sich seine Opfer aussucht und sich ihnen nähert, sondern auch, was er ihnen antut. Obwohl die blutigen Details und die brutalsten Grausamkeiten häufig nur angedeutet werden, sind diese Passagen überaus verstörend, schockierend und teilweise auch wirklich abstoßend. Beängstigend ist aber vor allem, dass dieser Mörder sehr intelligent ist, seine Taten überaus präzise plant und große Freude und Lust dabei verspürt. Außerdem weiß er, wie man Spuren verwischt und geschickt falsche Fährten legt. Und so stoßen Björn Liebermann und sein Team recht schnell auf einen Verdächtigen und ahnen zunächst nicht, dass sie es eigentlich mit einem Serienmörder zu tun haben, der sie raffiniert an der Nase herumführt.
Ich greife vor allem deshalb immer seltener zu reinen Ermittlungsthrillern, weil die Ermittlungen häufig so langatmig oder aber so unglaubwürdig geschildert werden, dass man sich regelrecht durch die Seiten quälen muss. Ich weiß nicht, in welchem Bereich L. U. Ulder hauptberuflich arbeitet, im Buch steht lediglich ein wenig kryptisch, dass es sich bei L. U. Ulder um ein Pseudonym handelt und der Autor in seinem Hauptberuf mit „ebensolchem Verhalten konfrontiert“ wird. Man merkt auf jeden Fall deutlich, dass er sich mit der Ermittlungsarbeit auskennt oder zumindest sehr gut recherchiert hat, denn die Mordermittlungen werden sehr glaubhaft und realistisch geschildert. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Björn Liebermann und seine Kollegen von der Mordkommission sehr gut und vor allem glaubwürdig ausgearbeitet sind. Gerade was Ermittlerfiguren anbelangt, kann man es mir eigentlich kaum noch recht machen. Ich muss sie nicht mögen, aber sie sollten eben glaubwürdig und nicht überzeichnet sein. Björn Liebermann hatte es leider schon nach wenigen Seiten bei mir verscherzt. Da seine Lebensgefährtin einen Traumjob bei einer Großbank gefunden hat, ließ er sich von Hamburg nach Berlin versetzen, musste aber seine Hündin Laura in Hamburg zurücklassen. Ja, sowas reicht schon, um meine Sympathien zu verspielen. Hinzu kommt, dass seine Freundin eine so oberflächliche und arrogante Person ist, dass es mir ohnehin schwerfiel, nachzuvollziehen, warum er ihretwegen sein altes Leben und vor allem seinen Hund in Hamburg zurückgelassen hat und ständig nach ihrer Pfeife tanzt. Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, hatte ich ja ein bisschen die Befürchtung, dass die privaten Probleme von Björn Liebermann etwas zu sehr in den Fokus gerückt werden könnten, denn Beziehungsprobleme und andere Privatangelegenheiten der Ermittler empfinde ich in Thrillern meistens als störend. L. U. Ulder hat es aber geschafft, das etwas verkorkste Privatleben seiner Ermittlerfigur geschickt in die Thrillerhandlung einzubetten, sodass man Björn Liebermann zwar sehr gut kennenlernt, aber die Spannung nicht darunter leidet. Glücklicherweise hat es Björn auch geschafft, das Ruder noch mal rumzureißen, sodass ich mich wieder mit ihm versöhnen konnte, er mir zunehmend sympathischer wurde und ich ihn gerne bei seinen Ermittlungen begleitet habe. Besonders gut hat mir jedoch seine Vorgesetzte Claudia Harder gefallen, weil man in Büchern nur sehr selten solchen Frauenfiguren begegnet. Ich will nicht behaupten, dass sie besonders sympathisch ist, aber sie ist eine sehr außergewöhnliche Ermittlerin und trotzdem nicht überzeichnet. Sie ist sehr ungepflegt, legt offenbar keinen Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild und hat den Liebreiz eines Bierkutschers, trinkt gerne mal einen über den Durst, hat überhaupt keine Manieren und ist ziemlich derb, rüpelhaft und burschikos, was ihr einen nicht besonders schmeichelhaften Spitznamen eingebracht hat, aber trotzdem mochte ich sie, denn zumindest beweist sie Charakter, ist ehrlich, direkt und unverstellt.
Die Ermittlungen führen Björn Liebermann auch immer wieder zum Berliner Straßenstrich, wo er unerwartet Hilfe von einer Prostituierten und einem Spanner erhält, der über seine Beobachtungen genauestens Buch führt und ein ausgesprochen widerlicher Charakter ist. Aber selbst diese Nebenfiguren sind sehr präzise gezeichnet und detailliert ausgearbeitet.
Durch die Täterperspektive ist der Leser den Beamten der Mordkommission immer einen Schritt voraus und weiß auch, dass, selbst als die Ermittlungen abgeschlossen zu sein scheinen, die Gefahr, die von diesem Perversen ausgeht, noch keineswegs vorbei ist. Dieser Thriller ist sehr raffiniert konstruiert und hat einen äußerst gut durchdachten und wendungsreichen Plot. Das Spannungslevel, das von der ersten Seite an sehr hoch ist, wird kontinuierlich gehalten, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Auch die angenehm kurzen Kapitel sowie der eingängige Schreibstil und die lebendigen Dialoge sorgen dafür, dass man nur so durch die Seiten fliegt.
Besonders wichtig ist mir bei Ermittlungsthrillern vor allem, dass das Ende nicht vorhersehbar, aber trotzdem logisch und nicht überkonstruiert ist. Auch hier hat mich der Autor nicht enttäuscht, denn die Auflösung des Falls hat mich nicht nur überrascht, sondern war auch schlüssig und glaubwürdig.
Obwohl mir die Schilderungen grausamster Perversionen und die Darstellung dunkelster menschlicher Abgründe einiges abverlangt haben und ich mitunter große Abscheu und auch Ekel empfand, hat mir Ein dunkler Trieb überaus gut gefallen, mir sehr spannende Lesestunden bereitet und mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, begeistert und vollkommen in seinen Bann gezogen. Ich freue mich schon auf den nächsten Fall von Björn Liebermann, den er hoffentlich wieder an der Seite von Claudia Harder lösen darf (auch wenn er das vermutlich gar nicht möchte).

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Ich danke dem Autor recht herzlich für seine freundliche Anfrage sowie die Zusendung des Rezensionsexemplars und freue mich, dass ich Ein dunkler Trieb lesen durfte!

Buchdetails:

L. U. Ulder: Ein dunkler Trieb
Verlag: Knaur TB
Ersterscheinungsdatum: 02. November 2016
444 Seiten
ISBN 978-3-426-21601-9

Cover: Droemer Knaur

Buchrezension: Amy Gentry – Good as Gone

Amy Gentry - Good as GoneInhalt:

Anna und Tom ist das Schlimmste widerfahren, was Eltern passieren kann – ihre dreizehnjährige Tochter Julie wurde vor acht Jahren entführt und gilt seitdem als vermisst. Julies kleine Schwester Jane hat damals von einem Versteck im Wandschrank aus gesehen, wie sich nachts ein fremder Mann in Julies Zimmer schlich und das Mädchen mit vorgehaltenem Messer aus dem Haus drängte. Seitdem fehlt jede Spur von Julie, der Entführer konnte nie ermittelt werden und alle Suchaktionen verliefen erfolglos. Jahrelang schwankten die Eltern zwischen Hoffnung und Verzweiflung und zerbrachen fast an der Ungewissheit, nicht zu wissen, was ihrem Kind zugestoßen ist. Inzwischen wurden die Plakatwände mit Julies Gesicht entfernt und die Suchmaßnahmen eingestellt. Anna hat die Hoffnung, ihre Tochter jemals wieder lebend zu sehen, aufgegeben, ist fast sicher, dass ihr Kind tot ist, wünscht sich aber, sie könnte es wenigstens bestatten.
Doch dann steht die inzwischen einundzwanzigjährige Julie eines Abends plötzlich vor der Tür. Sie ist völlig verwahrlost und abgemagert, aber ansonsten ist die junge Frau unversehrt. Die Familie ist überglücklich, dass das, was sie nicht mehr zu hoffen gewagt hatte, tatsächlich wahrgeworden und Julie acht Jahre nach ihrer rätselhaften Entführung wohlbehalten zurückgekehrt ist.
Allerdings verhält sie sich sehr eigenartig, geht nicht zu ihren Therapiesitzungen, hat offenbar Geheimnisse und verstrickt sich immer wieder in Lügen. Als ein ehemaliger Polizist mit Anna Kontakt aufnimmt und den Verdacht äußert, dass die junge Frau, die sich für Julie ausgibt, eine Betrügerin, aber keineswegs ihre Tochter sei, ist Anna vollkommen verunsichert. Einerseits will sie unbedingt glauben, dass ihr Kind noch lebt und zu ihr zurückgekehrt ist, aber andererseits ist ihr die junge Frau, die nun in ihrem Haus wohnt, vollkommen fremd.

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich Good as Gone in der Verlagsvorschau entdeckt hatte, konnte ich es kaum noch abwarten, bis das Buch endlich erscheint und fing sofort an zu lesen, als ich es dann endlich in den Händen hielt. Obwohl ich inzwischen einige Bücher über verschwundene Kinder, die mehrere Jahre später wieder zu ihrer Familie zurückkehren, gelesen habe, bin ich immer wieder gespannt, ob es Autoren gelingt, diese nicht besonders innovative Grundidee noch originell umzusetzen. Dass dies gelingen kann, hat Joy Fielding in ihrem aktuellen Roman Die Schwester eindrucksvoll bewiesen, und die Niederländerin Anita Terpstra, die sich ebenfalls dieser Thematik zuwandte, hat mich mit ihrem grandiosen Thrillerdebüt Anders vollkommen überrascht und überzeugt.
Da Good as Gone in der Verlagswerbung fulminant angepriesen wurde, war meine Erwartungshaltung entsprechend hoch. Irritierend ist ja bereits, dass das Buch auf dem Cover zwar als „Roman“ bezeichnet, aber als Thriller beworben wird. Obwohl Good as Gone durchaus Thrillerelemente aufweist und recht spannend beginnt, würde ich dieses Buch nicht als Thriller bezeichnen, da sich die anfängliche Spannung leider recht schnell verliert und bedauerlicherweise auch nicht mehr zurückkehrt.
Als Julie, die als dreizehnjähriges Mädchen vor den Augen ihrer kleinen Schwester entführt wurde, acht Jahre später wieder auftaucht, ist die Freude der Familie natürlich groß. Doch die Euphorie weicht recht schnell dem Zweifel, und vor allem Julies Mutter Anna hegt zunehmend den Verdacht, dass die junge Frau, die behauptet, ihre vermisste Tochter zu sein, gar nicht Julie ist.
Die Handlung folgt zwei Erzählsträngen. In dem hauptsächlichen Handlungsstrang begleitet man Anna auf ihrer verzweifelten Suche nach der Wahrheit um die Identität ihrer vermeintlichen Tochter, während man in dem Nebenstrang mit Erzählperspektiven unterschiedlicher Frauenfiguren konfrontiert wird. Die Textpassagen, in denen die vergangenen Lebensstationen dieser Frauen geschildert werden, waren zunächst überaus verwirrend, denn auf den ersten Blick scheinen sie mit der Haupthandlung nichts zu tun zu haben. Den Zusammenhang konnte ich zwar irgendwann erkennen, aber solange ich den Sinn dieser Nebenstränge nicht verstand, empfand ich sie einfach als lästige Unterbrechungen. Mag sein, dass diese Erzähltechnik originell ist, aber bei mir führte sie leider dazu, dass mich irgendwann gar nicht mehr interessierte, ob die zurückgekehrte junge Frau tatsächlich Julie ist. Spätestens nachdem dann auch noch eine religiöse Komponente immer stärker in den Fokus rückte, verlor ich gänzlich das Interesse an Julies Identität und Schicksal.
Die Haupthandlung, die aus der Ich-Perspektive von Anna erzählt wird, war hingegen sehr gelungen. Die Protagonistin ist sehr gut ausgearbeitet, und die Ich-Perspektive ermöglicht einen direkten Einblick in ihr Denken und Fühlen, das sehr authentisch und nachvollziehbar geschildert wird. Sie will unbedingt glauben, dass die junge Frau, die eines Abends vor der Tür steht, ihre vermisste Tochter ist. Der Gedanke, dass sie ihr eigenes Kind nicht erkennt, ist für sie sehr schmerzhaft, denn die zurückgekehrte Julie ist ihr vollkommen fremd. Als Anna von einem Privatdetektiv mit dem Verdacht konfrontiert wird, dass diese junge Frau nicht ihre Tochter ist, reagiert sie zunächst vollkommen ablehnend, denn sie möchte nicht, dass er recht hat. Sie will diejenige sein, die ihr Kind besser kennt als irgendein Fremder. Obwohl ich mich in Anna sehr gut einfühlen konnte, ergaben ihre Handlungen für mich häufig keinen Sinn. Mir war zum Beispiel nicht klar, warum sie manche Entdeckungen einfach für sich behält und ihren Mann Tom nie mit ihrem Verdacht konfrontiert. Das Familiengefüge gerät nicht durch Julie, sondern vielmehr durch Annas beharrliches Schweigen ins Wanken, und leider wurde nicht deutlich, warum sie sich ihrem Mann gegenüber nicht öffnet. Da man nur Annas Perspektive folgt, lernt man ihren Mann Tom und auch Julies jüngere Schwester Jane im Grunde kaum kennen, dabei birgt gerade die Familienkonstellation eigentlich enormes Potenzial. Die Reaktionen der einzelnen Familienmitglieder auf Julies Rückkehr und auch die Gründe für Janes rebellisches Verhalten werden allerdings nur angedeutet, weil der Fokus vollkommen auf Anna liegt. Sie ist ziemlich allein mit ihren Zweifeln, behält sie für sich und stellt alleine Nachforschungen an.
Obwohl der Verdacht eigentlich recht schnell in eine Richtung gelenkt wird, war auch ich häufig hin- und hergerissen, ob es sich bei der jungen Frau tatsächlich um das seit acht Jahren vermisste Mädchen handelt. Man muss diesem Roman lassen, dass er sehr raffiniert und überaus innovativ konstruiert ist. Es ist der Autorin durchaus gelungen, den Plot wendungsreich zu gestalten, aber das Potenzial, das sich hinter dieser Konstruktion und der eigentlich guten Grundidee verbirgt, entfaltet sich leider erst ganz am Schluss. Aufgrund der etwas verwirrenden Nebenstränge, war mein Interesse an der Auflösung jedoch inzwischen nahezu verpufft. Das Ende ist zwar wirklich überraschend, logisch und glaubwürdig ist es auch, aber die religiöse Komponente, die hier besonders in Erscheinung tritt, konnte mich leider nicht überzeugen.
Ich war ein wenig enttäuscht von Good as Gone, denn ich empfand diesen Roman weder als besonders spannend noch als tiefgründig, obwohl die psychologischen Momente mitunter durchaus interessant waren. Wirklich beeindruckt war ich hingegen vom Schreibstil der Autorin, der mir ausgesprochen gut gefallen hat und sich sehr angenehm und flüssig lesen lässt. Die Konstruktion von Good as Gone ist durchaus originell, doch leider ging gerade das auf Kosten der Spannung und der an sich guten Grundidee, die dem Roman zugrunde liegt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den C. Bertelsmann Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Buchdetails:

Amy Gentry: Good as Gone
Aus dem Amerikanischen von Astrid Arz
Verlag: C. Bertelsmann
Ersterscheinungsdatum: 27. Februar 2017
320 Seiten
ISBN 978-3-570-10323-4

Cover: C. Bertelsmann Verlag

Buchrezension: Sofie Sarenbrant – Der Mörder und das Mädchen

sofie-sarenbrant-der-morder-und-das-madchenInhalt:

Nur noch ein Tag, dann können Cornelia und ihre kleine Tochter Astrid das Haus, in dem Cornelia die schlimmsten Jahre ihres Lebens verbracht hat und das überall die Spuren ihres Martyriums trägt, endlich verlassen. Die Scheidung von Hans, ihrem gewalttätigen Ehemann, ist schon eingereicht, die gemeinsame Villa steht zum Verkauf und die Koffer sind gepackt. Cornelia muss nur noch eine Nacht in diesem Haus verbringen, dann kann sie mit Astrid in eine kleine Wohnung ziehen, ist endlich sicher vor den Schlägen, Tritten und Demütigungen ihres Mannes und kann nachts wieder ruhig schlafen. Sie ist froh, dass Hans die letzten Nächte im Gästezimmer verbracht hat, hofft, dass er sie auch in dieser Nacht in Ruhe lässt und am nächsten Morgen nicht versuchen wird, sie aufzuhalten.
Doch dann wird Hans in dieser Nacht ermordet, und ausgerechnet die sechsjährige Astrid findet die Leiche ihres Vaters im Gästezimmer. Seltsamerweise wirkt das kleine Mädchen aber vollkommen unberührt. Cornelia ist zwar schockiert, kann aber auch nicht verbergen, dass sie erleichtert ist, denn sie profitiert gleich in mehrfacher Hinsicht vom Tod ihres Mannes – sie muss endlich keine Angst mehr vor ihm haben und ist auch all ihre finanziellen Sorgen für immer los. Somit fällt der Verdacht zunächst auf sie, zumal sie nicht beweisen kann, dass sie von ihrem Mann tatsächlich misshandelt wurde, da sie nie Anzeige erstattet hat und ihre Verletzungen stets geschickt versteckte. Sie hat sich nur ihrer besten Freundin Josefin anvertraut, doch ausgerechnet Josefins Schwester Emma Sköld, die beim Landeskriminalamt in Stockholm tätig ist, muss nun in diesem Mordfall ermitteln. Auch sie verdächtigt Cornelia, denn offenbar hat diese Frau etwas zu verbergen und sagt nicht immer die Wahrheit. Emma weiß auch nicht, ob sie der kleinen Astrid Glauben schenken darf, denn das Mädchen behauptet, in der Mordnacht einen fremden Mann in ihrem Zimmer gesehen zu haben, der neben ihrem Bett gestanden und sie gestreichelt habe…

Meine persönliche Meinung:

Seit Henning Mankells Wallander-Krimis, Håkan Nessers Van-Veeteren-Reihe und Stieg Larssons Millennium-Trilogie bin ich ein großer Fan skandinavischer, vor allem schwedischer Krimis und Thriller. Da sie ein ganz besonderes Flair haben, bin ich immer auf der Suche nach neuen schwedischen Autoren. Deshalb war ich nun auch neugierig auf Der Mörder und das Mädchen von Sofie Sarenbrant, denn der Klappentext klang sehr vielversprechend.
Ich würde dieses Buch jedoch nicht als Thriller, sondern vielmehr als Kriminalroman bezeichnen. Obwohl ich die üblichen Ermittlungskrimis inzwischen meistens ein wenig langweilig finde und nur noch selten lese, hat mir Der Mörder und das Mädchen sehr gut gefallen, denn der Schreibstil der Autorin lässt sich sehr angenehm und flüssig lesen, die Geschichte wird atmosphärisch erzählt und der Plot ist gut durchdacht und spannend. Besonders überzeugend fand ich jedoch die Charaktere, vor allem die beiden Frauenfiguren, die im Zentrum der Ermittlungen stehen – Cornelia, die des Mordes an ihrem Ehemann verdächtigt wird und Kriminalkommissarin Emma Sköld, die in diesem Mordfall ermittelt.
Gerade was Ermittlerfiguren anbelangt, ist es inzwischen schwierig geworden, es mir noch recht zu machen, doch Emma ist eine sehr interessante und vielschichtige Protagonistin, nicht immer besonders sympathisch, aber zumindest menschlich und auch glaubwürdig. Ausführliche Schilderungen aus dem Privatleben der Ermittler, finde ich in Kriminalromanen meistens ziemlich langweilig und auch überflüssig. In diesem Buch machen sie jedoch durchaus Sinn, weil es zwischen der familiären Situation von Emma Sköld und dem aktuellen Mordfall, in dem sie ermittelt, eine Verbindung gibt. Cornelia, die beste Freundin ihrer Schwester Josefin, wird des Mordes an ihrem Ehemann beschuldigt, und obwohl Josefin an die Unschuld ihrer Freundin glaubt, ist Emma davon überzeugt, dass nur Cornelia für die Tat in Betracht kommen kann. Auch sonst sind die beiden Schwestern recht verschieden, haben unterschiedliche Lebenskonzepte und häufig Meinungsverschiedenheiten. Doch Emma hat auch noch mit anderen Problemen zu kämpfen, denn sie hat sich erst vor Kurzem neu verliebt, ist von diesem Mann schwanger und leidet unter den typischen Schwangerschaftsproblemen, sodass es ihr nicht leichtfällt, wie gewohnt weiterzuarbeiten. Sie ist allerdings sehr ehrgeizig und möchte den hohen Ansprüchen, die ihr Beruf als Kriminalkommissarin der Sektion Gewaltverbrechen an sie stellt, unbedingt weiterhin gerecht werden. Kristoffer, der neue Mann an ihrer Seite, ist Immobilienmakler und ein äußerst zwielichtiger Charakter. Immer wieder fragt sich Emma, ob er wirklich der richtige Partner für sie ist, denn er verbringt viel zu viel Zeit mit seiner Arbeit, will immer für seine Kunden erreichbar sein, hat ständig Besichtigungstermine und nur selten Zeit für sie. Aber sie liebt Kristoffer, will eine Familie mit ihm gründen und freut sich auf das gemeinsame Baby. Deshalb leidet sie auch sehr darunter, dass ihr Exfreund Hugo sie einfach nicht in Ruhe lässt und regelrecht verfolgt. Hugo liebt sie nach wie vor, kommt nicht über die Trennung hinweg, ist geradezu besessen von dem Gedanken, sie zurückzugewinnen und greift dabei zu recht beängstigenden Mitteln.
Emmas Charakter ist zwar sehr gut ausgearbeitet, allerdings hatte ich, gerade was ihre Beziehung zu Hugo anbelangt, ständig das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben und den Eindruck, dass bei der Charakterentwicklung der Ermittlerfigur etwas fehlt. Vermutlich fehlt tatsächlich etwas, aber das ist nicht die Schuld der Autorin, denn im Nachhinein habe ich nun festgestellt, dass Der Mörder und das Mädchen bereits der dritte Band der Krimireihe um Emma Sköld ist. Allerdings ist es der erste Band, der ins Deutsche übersetzt wurde, sodass ich davon ausgehe, dass sich genauere Hinweise zu Emmas Vorgeschichte und ihrer Beziehung zu Hugo in den beiden ersten Bänden befinden. Mich ärgert es immer ein wenig, wenn eine Krimireihe in der deutschen Übersetzung nicht in der richtigen Reihenfolge erscheint, aber da Der Mörder und das Mädchen offenbar der bislang erfolgreichste Roman der Emma-Sköld-Reihe ist, hat man wohl entschieden, ihn zuerst auf den deutschen Buchmarkt zu bringen. Das ist zwar schade, aber da die Geschichte in sich abgeschlossen ist, sind diese Vorkenntnisse über Emma vermutlich eher nebensächlich, wenn man sie bei ihrem aktuellen Fall begleitet.
Im Zentrum dieses Falls steht nämlich vor allem Cornelia, die des Mordes an ihrem gewalttätigen Ehemann Hans beschuldigt wird. Ich konnte mich von der ersten Seite an sehr gut in diese Frau einfühlen und war sehr berührt, als sie sich rückblickend daran erinnert, was ihr Mann ihr angetan hat. Die Ängste, die sie durchlebt, solange sie noch mit ihm unter einem Dach verbringen muss, sind auf jeder Seite spürbar, aber auch der Schock und die gleichzeitige Erleichterung, als Hans am Morgen des Tages, an dem sie endlich aus dem gemeinsamen Haus ausziehen wollte, tot im Gästezimmer liegt, werden sehr nachvollziehbar geschildert. Obwohl Cornelia in mehrfacher Hinsicht vom Tod ihres Ehemanns profitiert und keinen Grund hat, um ihn zu trauern, hatte ich zunächst nicht eine Sekunde lang den Verdacht, sie könnte ihn tatsächlich ermordet haben. Das änderte sich jedoch im weiteren Handlungsverlauf, denn in ihren Aussagen offenbaren sich immer wieder Ungereimtheiten. Es gibt weder Zeugen, die bestätigen könnten, dass ihr Mann tatsächlich gewalttätig war, noch hat sie ihn jemals angezeigt oder einen Arzt aufgesucht. Außerdem scheint sie, was den Verkauf des Hauses anbelangt, etwas zu verbergen. Doch obwohl sie sich manchmal etwas verdächtig verhält und ich häufig dachte, sie könnte Hans tatsächlich ermordet haben, hoffte ich, dass man sie nicht des Mordes überführt, denn man könnte es ihr kaum verübeln, sich ihres gewalttätigen Ehemannes entledigt zu haben.
Allerdings werden die Ereignisse während der Ermittlungen abwechselnd aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, sodass stets neue Verdächtige auftauchen. Man verfolgt den Fall nicht nur aus der Sicht von Cornelia, ihrer Freundin Josefin und der Kommissarin Emma Sköld, sondern auch aus der des Täters. Obwohl er seine Gedanken aus der Ich-Perspektive schildert, bleiben sowohl seine Identität als auch sein Motiv bis zum Schluss vollkommen im Dunkeln. Außerdem begleitet man auch Hugo, den Exfreund von Emma, dabei, wie er seiner ehemaligen Freundin und ihrem neuen Lebensgefährten immer wieder auflauert und alles versucht, diese Beziehung zu zerstören.
Die Autorin versteht es wirklich, mit den klassischen Zutaten eines guten Kriminalromans geschickt zu hantieren, den Verdacht immer wieder raffiniert auf eine andere Person zu lenken und falsche Fährten auszulegen. Die Spannungskurve steigt zwar kontinuierlich an, fällt in der Mitte des Romans aber leider ein wenig ab und bäumt sich erst in den letzten Kapiteln wieder gewaltig auf. Trotz aller Verwicklungen, lösen sich alle Handlungsfäden logisch auf und führen zu einem schlüssigen Ende zusammen. Erst auf den letzten Seiten wird dem Leser die Auflösung des Falls präsentiert, die mehr als überraschend für mich war und mich mit einem unbehaglichen Frösteln zurückließ. Aber gerade solche Enden liebe ich in diesem Genre.
Mir hat dieser Kriminalroman ausgesprochen gut gefallen, denn er war bis auf ein paar kleine Durststrecken recht spannend und vor allem gut durchdacht. Ich würde mich freuen, wenn auch die beiden ersten Bände der Emma-Sköld-Reihe ins Deutsche übersetzt werden und würde diese recht interessante Ermittlerin gerne noch bei weiteren Fällen begleiten.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und dem Aufbau Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Sofie Sarenbrant: Der Mörder und das Mädchen
Verlag: Rütten & Loening
Ersterscheinungsdatum: 17. Februar 2017
368 Seiten
ISBN  978-3-352-00893-1

Cover: Aufbau Verlag

Buchrezension: Michele Jaffe – Wer schön sein will, muss sterben

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Die sechszehnjährige Jane Freeman ist das beliebteste Mädchen ihrer Schule und mit David, dem coolsten Typen der ganzen Stadt zusammen. Gemeinsam mit ihm und ihren zwei besten Freundinnen Kate und Langley ist sie auf einer angesagten Party eingeladen, trägt ein heißes Outfit und tanzt ausgelassen auf der Tanzfläche.
Doch dann endet dieser Partyabend für Jane anders als erwartet – kurz vor Tagesanbruch wird sie von einer Passantin halbtot und schwerverletzt in einem Rosenstrauch gefunden. Es grenzt an ein Wunder, dass sie überhaupt noch am Leben ist, denn offenbar hat jemand versucht, sie zu töten. Oder war es nur ein schrecklicher Unfall?
Als Jane auf der Intensivstation des Krankenhauses aufwacht, fehlen ihr jegliche Erinnerungen an den genauen Verlauf des Abends. Jane ist sicher, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet, fühlt sich auch im Krankenhaus bedroht und ist davon überzeugt, dass der Täter ganz in ihrer Nähe ist und sie bald töten wird. Aber niemand will ihr Glauben schenken. Bildet sie sich das alles wirklich nur ein und hat aufgrund des traumatischen Erlebnisses und der vielen Medikamente Halluzinationen? Warum sollte jemand ein junges Mädchen, das bei allen so beliebt ist, töten wollen? Schließlich bekommt sie im Krankenhaus jeden Tag lieben Besuch von Freunden und ihrer Familie, erhält wunderschöne Geschenke und liebevolle Genesungswünsche. All das zeigt doch, dass die Leute sie wirklich lieben und froh sind, dass sie überlebt hat. Sie muss sich unbedingt daran erinnern, was in dieser Partynacht tatsächlich passiert ist, denn sie spürt, dass sie in großer Gefahr schwebt und ahnt allmählich, dass ihre Beliebtheit einen hohen Preis hat.

Meine persönliche Meinung:

Ich habe Wer schön sein will, muss sterben vor einiger Zeit auf einem Bücherflohmarkt ergattert, mir gar nicht genau angesehen, worum es in dem Buch eigentlich geht, sondern einfach zugegriffen, weil „Psychothriller“ auf dem Cover stand. Zuhause habe ich dann darin geblättert und war aufgrund der Blümchenillustrationen, die zwar recht hübsch sind, aber nach meinem Empfinden nicht zu einem Psychothriller passen, etwas irritiert. Blümchen, insbesondere Rosen, assoziiere ich immer mit Büchern, in denen es um Liebe, Herzschmerz und romantischen Kitsch geht. Solche Kleinigkeiten reichen dann manchmal schon aus, um ein Buch im hintersten Winkel des Regals meiner ungelesenen Bücher verschwinden zu lassen, wo es dann meistens in Vergessenheit gerät. Da ich mir vorgenommen habe, nun regelmäßig in den Untiefen meiner Bücherregale nach solchen SuB-Leichen zu graben und dabei schon auf tolle Bücher gestoßen bin, fiel mir neulich auch Wer schön sein will, muss sterben wieder in die Hände. Auch wenn diese Röschen mich immer noch skeptisch machten, klang der Klappentext eigentlich recht spannend. Und so las ich die ersten Seiten und war von der Geschichte gleich so gefangen, dass ich einfach weiterlesen musste. Zweifellos handelt es sich bei Wer schön sein will, muss sterben um einen Jugendthriller, obwohl weder auf dem Cover noch im Klappentext darauf hingewiesen wird. Ich habe nun allerdings schon häufiger festgestellt, dass Jugendthriller durchaus spannend sein können, sodass ich mich davon nicht mehr irritieren lasse.
Nun, da ich das Buch gelesen habe, machen diese Rosenornamente, die bei mir Skepsis erweckten, auch durchaus Sinn. Meine Befürchtungen, dieser Psychothriller könnte kitschig sein, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Rosen spielen in Wer schön sein will, muss sterben zwar in mehrfacher Hinsicht eine Rolle, sind aber kein Symbol für Liebe, sondern vielmehr etwas Bedrohliches. Die Protagonistin Jane wurde leblos in einem Rosenstrauch gefunden, nachdem jemand versucht hatte, sie zu töten. Als sie dann im Krankenhaus aufwacht, ist ihr Zimmer voller Blumengeschenke, wobei ein riesiger Strauß roter Rosen ihr besonders Angst macht, zumal er nicht von ihrem Freund David ist. Sie erhält während ihres Krankenhausaufenthalts noch weitere Geschenke von einem unbekannten Verehrer, die auf den ersten Blick zwar wunderschön sind, sie aber immer wieder in Panik versetzen, denn sie ist sicher, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet.
Das ganze Buch wird aus der Ich-Perspektive der sechzehnjährigen Jane geschildert, die auf der Intensivstation gerade aus dem künstlichen Koma erwacht ist. Obwohl man all ihre Gefühle und Gedanken hautnah miterlebt, fiel es mir anfangs nicht gerade leicht, Jane zu mögen. Ich denke allerdings, dass dies durchaus gewollt ist, denn die Autorin hat mit Jane eine ebenso facettenreiche wie ambivalente Figur geschaffen. Jane ist davon überzeugt, dass in jener Partynacht jemand versucht hat, sie zu töten, kann sich aber nicht mehr erinnern, was an dem Abend vorgefallen war. Auch im Krankenhaus fühlt sie sich bedroht, hat Angst um ihr Leben und den Eindruck, dass sie ständig beobachtet wird. Die hilflose Situation, in der sie sich befindet, wird sehr eindrücklich geschildert und ist äußerst beklemmend, denn da sie sehr schwer verletzt ist und sich kaum bewegen kann, ist sie dem unbekannten Täter im Krankenhaus schutzlos ausgeliefert und könnte sich weder wehren noch fliehen, wenn sie angegriffen wird. Allerdings will ihr niemand glauben, dass sie wirklich in Gefahr ist, da nur sie diese Bedrohung wahrnimmt. Immer wieder versucht man ihr einzureden, dass sie nur Opfer eines schrecklichen Unfalls war. Sogar selbstmörderische Absichten werden ihr unterstellt. Da sie eine Weile im Koma lag und starke Medikamente nimmt, liegt auch der Verdacht nahe, dass sie einfach Halluzinationen hat. Auch der Leser bezweifelt mitunter, dass Janes Ängste tatsächlich begründet sind, da sie ihren eigenen Wahrnehmungen oft selbst nicht traut und sich kaum vorstellen kann, dass sich jemand wünschen könnte, sie sei tot. Sie ist schließlich das beliebteste Mädchen ihrer Schule, beliebt zu sein, ist für Jane auch das Wichtigste im Leben und sie hat sehr hart dafür gekämpft, in der Beliebtheitsskala ihrer Freunde ganz weit oben zu stehen.
Es war manchmal etwas anstrengend, dass sie immer wieder betont, wie wichtig es ihr ist, so beliebt zu sein. Das Milieu, aus dem Jane kommt und aus dem sie ihre Freunde rekrutiert, ist das der Schönen und Reichen. Um in ihrem Umfeld beliebt zu sein, muss man keine besonderen Fähigkeiten oder liebenswürdige Charaktereigenschaften besitzen, sondern in erster Linie reich, schön, attraktiv und modisch auf dem neuesten Stand sein. Jane lebt in einer Welt, in der es nur darum geht, dass der Lidstrich perfekt sitzt, immer genug Lipgloss aufgetragen wurde und die High Heels gut zu den Designerklamotten passen. Obwohl sie großes Glück hatte, diesen Unfall überhaupt überlebt zu haben, besteht ihre größte Sorge darin, dass ihr Gesicht verquollen ist und sie sich nicht schminken kann. Bevor sie Besuch empfängt, besteht sie deshalb darauf, dass man ihr wenigstens Mascara aufträgt, denn sonst will sie ihrem Publikum nicht gegenübertreten. Diese Oberflächigkeit, die übertriebene Fixiertheit auf ihr Äußeres und die ständige Betonung ihrer Beliebtheit gingen mir leider sehr auf die Nerven und machten mir dieses Mädchen zunächst nicht gerade sympathisch. Ambivalent ist ihr Charakter aber vor allem deshalb, weil sie eigentlich gar nicht so oberflächlich ist und schon schwere Schicksalsschläge bewältigen musste. Sie ist auch klug, hat Humor und interessiert sich leidenschaftlich für Fotografie. Allerdings verbirgt sie ihre Talente und Interessen vor ihren Freunden und redet auch nie über ihre traumatischen Erinnerungen, um nicht ausgelacht zu werden, keine Schwächen zu zeigen und weiterhin so beliebt zu sein. Ihr Zynismus, den sie vor allem gegenüber ihrer Mutter immer wieder unter Beweis stellt, hat mir sehr gut gefallen, zumal ihre Mutter eine entsetzliche Nervensäge ist, der nur an ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrem Ansehen gelegen ist. Ihren Freunden gegenüber ist Jane allerdings nicht so kritisch und übersieht dabei leider auch, dass beliebt zu sein, nicht bedeutet, dass man auch geliebt wird und gerade ihre Beliebtheit ihr auch zum Verhängnis werden könnte. Im Verlauf dieses Psychothrillers, in dem Jane Stück für Stück zu rekonstruieren versucht, was in der verhängnisvollen Partynacht passiert ist, macht sie eine erstaunliche Entwicklung durch und wird immer wieder mit der Frage konfrontiert, wem sie vertrauen kann und wer ihre wahren Freunde sind.
Michele Jaffe hat ihre Protagonistin sehr präzise gezeichnet. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, dass Jane so facettenreich gestaltet ist. Da man ihr durch die gewählte Ich-Perspektive sehr nahekommt, ihre Ängste hautnah miterlebt und an ihrer Seite versucht, die Erinnerungen an die Unfallnacht zu rekonstruieren, konnte ich mich, zumindest nachdem ich erkannt habe, dass dieses Mädchen gar nicht so oberflächig ist, sehr gut in Jane einfühlen und mit ihr mitfiebern. Doch auch alle anderen Charaktere sind sehr gut und glaubwürdig ausgearbeitet. Der Leser lernt im Verlauf von Janes Krankenhausaufenthalt auch ihre Freundinnen, ihren Freund und ihre Familie kennen. Die Menschen in ihrem Umfeld sind sehr undurchsichtig, rätselhaft und teilweise auch nicht besonders sympathisch. So wird der Verdacht immer wieder sehr geschickt auf eine andere Person gelenkt, die ein Interesse daran haben könnte, Jane aus dem Weg zu räumen. Man rätselt und fiebert mit ihr mit, verfolgt gespannt, wie ihre Erinnerungen scheibchenweise zurückkehren und sie der schockierenden Wahrheit allmählich näherbringen und spürt dabei auf jeder Seite auch ihre Hilflosigkeit.
Es hat mich allerdings ein wenig gestört, dass sich Jane zu nahezu jedem männlichen Wesen, das sie im Krankenhaus besucht oder dort arbeitet, hingezogen fühlt und kann mir kaum vorstellen, dass man sich, wenn man so schwer verletzt ist und solche Schmerzen hat, permanent neu verlieben kann. Ihr Gesundungsprozess war leider ohnehin alles andere als glaubwürdig. Es wird immer wieder betont, wie schwerwiegend und lebensbedrohlich ihre Verletzungen sind, sodass es mehr als unrealistisch ist, innerhalb von nur fünf Tagen von solchen Blessuren zu genesen. Das ist umso tragischer, weil dieser Psychothriller ansonsten sehr raffiniert konstruiert ist, mit einer logischen und völlig unvorhersehbaren Auflösung aufwartet und gut durchdacht ist.
Mir hat Wer schön sein will, muss sterben trotzdem überraschend gut gefallen, denn dieser Psychothriller war durchgehend spannend und überzeugte mich vor allem aufgrund der interessanten und vielschichtigen Charaktere sowie des beklemmenden Szenarios.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Michele Jaffe: Wer schön sein will, muss sterben
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 23. August 2011
448 Seiten
ISBN 978-3-596-18979-3

Cover: S. Fischer Verlag

Buchrezension: Sabine Thiesler – Nachts in meinem Haus

Sabine Thiesler - Nachts in meinem HausInhalt:

Tom Simon ist ein renommierter und leidenschaftlicher Kunstmaler, sehr vermögend, glücklich verheiratet und lebt mit seiner zweiten Frau Charlotte in einem einsam gelegenen Haus im Norden von Hamburg. Charlotte ist eine erfolgreiche Film- und Fernsehproduzentin, beruflich viel unterwegs, und obwohl Tom sie über alles liebt, kann er den verführerischen Reizen von Leslie, der Ehefrau eines Freundes, nicht widerstehen und hat seit einiger Zeit ein Verhältnis mit ihr.
Wieder einmal wird Charlotte für mehrere Tage weg sein, Tom hat sie gerade erst zum Flughafen gebracht und freut sich auf eine gemeinsame Liebesnacht mit Leslie, die ihren Besuch bereits angekündigt hat. Doch dann werden er und seine Geliebte in dieser stürmischen Gewitternacht plötzlich von seltsamen Geräuschen überrascht. Tom ist sicher, dass Einbrecher im Haus sind, greift zu seiner Harpune, die er unter dem Bett versteckt hat, schleicht sich ins Erdgeschoss, sieht dort schemenhaft den Schatten einer menschlichen Gestalt und schießt. Ein schreckliches Versehen, wie sich sofort herausstellt, denn als er erkennt, wen er in seiner Panik erschossen hat, ist er schockiert und fassungslos – seine Ehefrau Charlotte.
Vollkommen verzweifelt bittet Tom seinen besten Freund René um Hilfe und hofft, dass der erfahrene Anwalt weiß, was in dieser Situation zu tun ist. René rät ihm, das Land zu verlassen und stellt ihm das kleine Haus seiner verstorbenen Schwester in der Toskana zur Verfügung. Alles Weitere werde er für ihn regeln und hat auch schon einen Plan, wie er Tom helfen kann.
Noch in derselben Nacht macht sich Tom auf den Weg nach Italien, hält sich genau an Renés Anweisungen und richtet sich in dem kleinen Häuschen am Ortsrand von Cimessa ein. Doch auch in dem Idyll des toskanischen Bergdorfs kann er keine Ruhe finden. Eine rätselhafte in Schleier verhüllte Frau scheint ihn zu beobachten, er fühlt sich ständig verfolgt, die Einsamkeit droht ihn zu erdrücken und das wenige Bargeld, das er nach Italien mitnehmen konnte, geht allmählich zur Neige. Immer wieder regen sich in ihm auch Zweifel, ob René ihm tatsächlich helfen wird und trifft eine folgenschwere Entscheidung, als er erkennt, dass er niemandem mehr vertrauen kann.

Meine persönliche Meinung:

Seit ich vor einigen Jahren Sabine Thieslers Romandebüt Der Kindersammler gelesen habe, freue ich mich auf jedes neue Buch der Autorin und habe inzwischen sechs Bücher von ihr gelesen. Bislang hat mich Sabine Thiesler noch nie enttäuscht, nur Und draußen stirbt ein Vogel war ein bisschen schwächer als seine Vorgänger, aber alle Bücher der Autorin waren gleichermaßen fesselnd und überzeugten mich vor allem deshalb, weil Sabine Thiesler es schafft, in jedem ihrer Romane eine subtile psychologische Spannung aufzubauen. Außerdem sind ihre Bücher für mich immer eine kleine Reise in die Toskana, deren unverwechselbaren Charme die Autorin ganz vortrefflich einfängt, ohne sich in ausufernden Landschaftsbeschreibungen zu verlieren. Ihre Charaktere waren mir häufig nicht gerade sympathisch, aber darüber kann ich entspannt hinwegsehen, wenn sie glaubwürdig gezeichnet sind und nachvollziehbar handeln. Gerade das ist Sabine Thiesler in ihrem aktuellen Roman Nachts in meinem Haus leider gründlich misslungen und hat mir den Spaß am Lesen nahezu vollständig geraubt.
Es fällt mir schwer, diesen Roman zu bewerten, ohne zu spoilern, aber dass der Kunstmaler Tom Simon aus Versehen seine Frau tötet, weil er sie in der Dunkelheit für einen Einbrecher hielt, ereignet sich bereits auf den ersten dreißig Seiten dieses mehr als fünfhundert Seiten dicken Spannungsromans. Dass er mit seiner Geliebten Leslie gerade im Schlafzimmer zugange ist, als er im Haus seltsame Geräusche hört, erfährt man ebenfalls schon auf den ersten Seiten, und dass Leslie die Ehefrau seines besten Freundes René ist, den er nach dem versehentlichen Mord an Charlotte dann um Hilfe bittet, weiß der Leser auch nach den ersten Kapiteln.
Dann springt die Handlung zurück ins Jahr 1998, als Tom seine erste Ehefrau Emilia von Orosz kennenlernte. Man erfährt sehr detailliert, warum er sich von ihr scheiden ließ und wie er nach der Scheidung zum ersten Mal seiner späteren Ehefrau Charlotte begegnete. Ich war sehr gespannt darauf, zu erfahren, was Toms Erlebnisse in der Vergangenheit mit den Geschehnissen der Gegenwart zu tun haben, wartete das ganze Buch hinweg auf eine Verbindung, aber es gab keine. Man erfährt zwar, wie er zu seinem beträchtlichen Vermögen gekommen war und lernt auch seinen Freundeskreis besser kennen, aber ansonsten ist die ausführliche Schilderung seiner Vergangenheit vollkommen unnötig. Trotzdem glaube ich kaum, dass diese Passagen lediglich reine Seitenfüller sind, sondern vielmehr dazu dienen sollten, aus Tom einen tragischen Helden zu machen, einen gebrochenen Mann, der zwar wohlhabend, aber immer auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ist, sich in Kreisen bewegt, in denen er eigentlich ein Fremdkörper ist, und nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden kann. Sabine Thiesler nimmt sich also sehr viel Zeit, ihren Protagonisten einzuführen, denn anders kann ich mir die detaillierte Ausarbeitung seiner Vorgeschichte nicht erklären. Tom ist durchaus als tragische Figur angelegt, aber eben nicht sehr überzeugend. Es war mir nicht möglich, mich in ihn einzufühlen, geschweige denn, mit ihm mitzufiebern. Seine grenzenlose Naivität und seine Unfähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen, sind schon recht anstrengend, aber seine gleichzeitige Abgebrühtheit und sein Egozentrismus machen es ziemlich schwer, mit ihm Mitleid zu empfinden. Am meisten störte mich jedoch, dass seine Handlungen häufig vollkommen unlogisch, unglaubwürdig und absolut nicht nachvollziehbar waren.
Schwer vorstellbar ist ja bereits, dass man eine Harpune unter dem Bett lagert und damit dann ohne Vorwarnung auf einen vermeintlichen Einbrecher schießt, aber wie man in einer solchen Situation auf die Idee kommen kann, sein Schicksal ausgerechnet in die Hand des Menschen zu legen, mit dessen Ehefrau man sich kurz zuvor noch vergnügt hat, ist nicht nur reichlich naiv und blauäugig, sondern vor allem auch ziemlich dreist und unverschämt. Ich bin keineswegs ein Hüter von Sitte und Moral, dass man sich zur Ehefrau des besten Freundes hingezogen fühlt, kann ja durchaus vorkommen, aber Tom betont irrsinnigerweise immer wieder, wie sehr er Charlotte liebt und wie glücklich seine Ehe ist, und es gehört ja auch ein ordentliches Stück Unverfrorenheit dazu, sich ausgerechnet dem Mann seiner Geliebten anzuvertrauen und ihn um Hilfe zu bitten.
Nun ja, René ahnt in diesem Moment nicht, dass seine Frau ihn mit Tom betrügt, ist offenbar ein erfahrener Anwalt und müsste also wissen, was nun zu tun ist, aber der Plan, den er sich ausdenkt, um Tom zu helfen, ist so unausgereift und unlogisch, dass kein halbwegs vernünftiger Mensch davon ausgehen würde, dass man sich auf diese Weise aus der Bredouille ziehen kann. Paradoxerweise ärgert sich Tom maßlos, als sich in ihm die ersten Zweifel regen, ob es vielleicht doch keine so grandiose Idee war, René blind zu vertrauen, kommt jedoch nie auf die Idee, sein eigenes Verhalten zu hinterfragen, sondern fühlt sich von seinem besten Freund verraten und lamentiert über den Verlust dieser Freundschaft. Vor diesem Hintergrund war sein weiteres Vorgehen in Italien leider noch absurder, sinnfreier und überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Sympathisch war mir Tom ohnehin nicht, aber man muss schon jegliche Vorstellungen von Logik und gesundem Menschenverstand außen vor lassen, um nicht auf jeder weiteren Seite in diesem Buch, genervt mit den Augen zu rollen. Spannung wollte bei mir jedenfalls nicht mehr aufkommen, eine tragische Figur, mit der man mitfiebern könnte, ist Tom eben auch nicht gerade, sodass ich mir nur noch gewünscht habe, ihn einfach kläglich scheitern zu sehen. Doch auch alle anderen Charaktere sind nicht gerade Sympathieträger, wobei man René immerhin zugutehalten muss, dass er sich zumindest zeitweise seines Verstandes bedient.
Hinzu kommen die dilettantischen Ermittlungen der deutschen und auch der italienischen Polizei, die mir wirklich die Sprache verschlugen. Wenn es in Italien tatsächlich so einfach ist, unliebsame Zeitgenossen aus dem Weg zu schaffen und Morde zu vertuschen, muss dieses Land ja ein wahres Eldorado für Serienmörder sein. Hier begegnet man auch wieder Donato Neri, der Lesern von Sabine Thieslers Romanen bereits bekannt ist. Bislang hat es mir immer sehr gut gefallen, dass diese Ermittlerfigur zwar in jedem ihrer Bücher in Erscheinung tritt, aber eben ein Nebencharakter ist, dessen persönliche Lebensgeschichte eigentlich keine Rolle spielt. Leider nehmen Neris Eheprobleme in Nachts in meinem Haus einen sehr breiten Raum ein, haben nicht das Geringste mit der Haupthandlung zu tun, unterbrechen diese jedoch immer wieder und sind extrem anstrengend und langweilig. Die Turbulenzen in seinem Privatleben führen jedoch auf geradezu aberwitzige Weise dazu, dass er dem deutschen Kunstmaler Tom Simon immer wieder zufällig begegnet. Eine dieser Zufallsbegegnungen ist jedoch so an den Haaren herbeigezogen und überkonstruiert, dass ich nur noch mit dem Kopf schütteln konnte. Zufälle werden in diesem Roman ohnehin sehr überstrapaziert und machen den Plot, in dem es vor Ungereimtheiten und Logikbrüchen nur so wimmelt, leider noch unglaubwürdiger.
Manchmal konnte ich fast nicht glauben, dass das Buch tatsächlich aus der Feder von Sabine Thiesler stammt. Allerdings ist der Schreibstil der Autorin unverkennbar und das Einzige, was mir an Nachts meinem Haus gut gefallen hat. Ansonsten fehlt es diesem Roman leider an allem, was ihre Bücher bislang besonders ausgezeichnet hat – psychologische Spannung, glaubwürdige Charaktere und einen logischen und schlüssigen Plot. Das ist sehr schade, denn die Idee, die der Geschichte zugrunde liegt, hätte durchaus Potenzial und das Setting hat mir auch sehr gut gefallen, sodass ich Nachts in meinem Haus trotzdem noch gut gemeinte zwei von fünf Sternchen gebe.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Sabine Thiesler: Nachts in meinem Haus
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 09. Januar 2017
512 Seiten
ISBN 978-3-453-26969-9

Cover: Heyne Verlag

Buchrezension: Christina Stein – Wonderland

Christina Stein - WonderlandInhalt:

Die zwanzigjährige Liz und ihre beiden Freundinnen Nelli und Amelie wollen etwas von der Welt sehen und haben sich ein Around-the-world-Ticket gekauft. Auf ihrer Weltreise lernen sie Colin und Ben aus München kennen, die sich den drei Freundinnen anschließen. In einem Hostel in Thailand machen die fünf Studenten auch die Bekanntschaft mit Jacob, der ebenfalls aus Deutschland kommt und sie zu einer Party in die Villa seines Onkels einlädt. Diese Villa am Meer ist traumhaft schön, hat unzählige Zimmer, ist sehr luxuriös eingerichtet, von einem weitläufigen Park umgeben, hat mehrere Pools und sogar einen eigenen Strand. In der untergehenden Sonne entfachen die fünf Freunde und Jacob dort ein Lagerfeuer, essen, trinken und feiern zusammen, bis sie plötzlich alle gleichzeitig von einer unerklärlichen Müdigkeit übermannt werden und sofort in einen tiefen Schlaf fallen.
Als sie am nächsten Morgen wieder aufwachen, befinden sie sich mitten im Dschungel und sind in einem von einer hohen Betonmauer umgebenen Areal gefangen. Noch während sie ihr Gefängnis irritiert und ängstlich inspizieren, meldet sich eine künstlich verzerrte Stimme über Lautsprecher und heißt sie beim „Opferspiel“ willkommen. Die Spielregeln sind so perfide wie grausam, denn die sechs Studenten sollen sich nun jeden zweiten Tag entscheiden, wer von ihnen geopfert werden soll, bis nur noch einer von ihnen übrig bleibt. Falls sie keine Entscheidung treffen können, wird sie ihnen abgenommen. Sie müssen Trikots mit Nummern und der Aufschrift „Ein Opfer macht frei“ tragen und werden von Männern in weißen Kutten bewacht, die auch auf sie schießen, falls sie sich den Anweisungen widersetzen.
Vor allem die schwer herzkranke Liz ist panisch vor Angst, denn ohne ihre Medikamente hat sie keine Chance, diesen Albtraum zu überleben. Was haben diese Männer eigentlich mit ihnen vor? Nur Jacob, den sie eigentlich kaum kennen, scheint mehr über dieses Spiel zu wissen, als er zugeben will. Außerdem wären Liz und ihre Freunde nie in diesem Reality-Game gelandet, wenn Jacob sie nicht in diese Villa gelockt hätte. Können sie Jacob trauen, oder wird er der Erste sein, den sie opfern?

Meine persönliche Meinung:

Bei Wonderland handelt es sich bereits um das zweite Buch von Christina Stein. Ich bin froh, ganz zufällig auf anderen Blogs auf diesen Thriller gestoßen zu sein, denn auf meiner üblichen Suche nach spannendem Lesestoff hätte ich es vermutlich niemals entdeckt. Es ist im FISCHER Kinder- und Jugendbuch Verlag erschienen, dessen Verlagsprogramm ich mir nur selten anschaue, da ich mich eigentlich nicht mehr zur Zielgruppe zähle. Auch in Buchläden stöbere ich nie durch die Kinder- und Jugendbuchabteilung und würde dort ein Buch wie Wonderland weder suchen noch vermuten. Dieser Thriller wird vom Verlag für die Altersklasse ab 16 Jahren empfohlen, und jünger sollte man auch nicht sein, wenn man dieses Buch lesen möchte, schon gar nicht, wenn man etwas zartbesaitet ist und mit Brutalität und Grausamkeiten in Büchern nicht zurechtkommt. Ich lese durchaus hin und wieder gerne einen Jugendthriller, aber meistens sind sie mir eben ein bisschen zu harmlos, was man von Wonderland allerdings nicht behaupten kann, denn die Autorin beschreibt schonungslos alle Facetten des Bösen und entwirft ein wahrhaft grauenvolles Szenario.
Mich hat dieses Buch eine schlaflose Nacht gekostet, denn es war von der ersten bis zur letzten Seite so unglaublich fesselnd und spannend, dass ich mich nicht davon losreißen konnte. Der Schreibstil der Autorin ist großartig, für ein Jugendbuch allerdings außergewöhnlich anspruchsvoll, zumal die Sätze recht lang und mitunter auch etwas verschachtelt sind. Mir hat er jedoch gut gefallen, passt hervorragend zu diesem temporeichen Thriller und behindert keineswegs einen sehr fließenden und eingängigen Lesefluss.
Bereits das Setting dieses beklemmenden Thrillers ist hervorragend gewählt, denn das abgeschiedene Areal inmitten des thailändischen Dschungels, das von einer hohen Betonmauer umgeben und mit einigen beängstigenden Details ausgestattet ist, sorgt für eine äußerst klaustrophobische Grundstimmung.
Das Buch wird aus der Ich-Perspektive von Liz, Jacob und auch einem der Täter und Hauptdrahtzieher dieses brutalen Reality-Games erzählt. Da die Kapitel jedoch nur durchnummeriert und nicht mit dem Namen des jeweiligen Charakters betitelt sind, erschließt sich erst nach den ersten Sätzen eines Kapitels, aus wessen Sicht gerade erzählt wird, was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Obwohl man diesen drei Charakteren durch die gewählte Ich-Perspektive sehr nahekommt, ist Jacob zu Beginn der Geschichte noch äußerst geheimnisvoll und nur schwer durchschaubar, gewinnt erst im weiteren Handlungsverlauf mehr Kontur, offenbart Stück für Stück seine tragische Vergangenheit und wurde mir dann auch zunehmend sympathischer. Anfangs war mir dieser junge Mann sehr suspekt, denn er weiß mehr als er zugibt, und man ahnt auch recht schnell, dass er für dieses Spiel nicht zufällig ausgewählt wurde. Er ist ein äußerst interessanter und auch facettenreicher Charakter.
Die zwanzigjährige Liz hingegen, wuchs mir schon auf den ersten Seiten ans Herz. Sie zeigt sich von dieser luxuriösen Villa eher unbeeindruckt und spürt sofort, dass mit diesem Ort etwas nicht stimmt. Ihr Schicksal berührte mich auch am meisten, denn sie ist schwer herzkrank, träumte von einer Karriere als Ballerina, die sie aufgrund ihrer Krankheit jedoch aufgeben musste, und will nun eine Weltreise machen, um etwas von der Welt zu sehen. Die Angst vor dem Tod ist ohnehin ihr ständiger Begleiter, aber sie hätte nie damit gerechnet, nicht an ihrer Krankheit, sondern in einem perfiden Reality-Game perverser Männer sterben zu müssen. Ihre Verzweiflung, Panik und ihre Ängste sind auf jeder Seite spürbar, aber dennoch gibt sie niemals auf und beeindruckte mich vor allem durch ihren Mut und Kampfgeist. Auch wenn ihre sich anbahnende Liebe zu Jacob in dieser nicht gerade romantisch aufgeladenen Atmosphäre auf den ersten Blick etwas befremdlich scheint, hat mich diese zarte Liebesgeschichte nicht gestört und zeigte, welche ungeahnten Kräfte Liebe zu mobilisieren vermag. Doch Jacob ist eben auch sehr undurchsichtig und rätselhaft, sodass man nicht weiß, ob man ihm tatsächlich trauen kann.
Doch nicht nur Liz‘ aufkeimende Liebe zu Jacob, sondern auch ihre Beziehung zu ihren Freunden wird während dieses grausamen Opferspiels immer wieder auf eine harte Probe gestellt, zumal die sechs Studenten jeden zweiten Tag entscheiden müssen, wer von ihnen geopfert werden soll. Alle Charaktere sind überaus präzise und auch glaubwürdig ausgearbeitet, und Christina Stein ist es sehr gut gelungen, die Emotionen und Verhaltensweisen, die unter ständiger Todesangst, in Gefangenschaft und während des vollkommenen Ausgeliefertseins an einen bzw. mehrere unbekannte Gegner in Erscheinung treten, sehr authentisch, nachvollziehbar und eindrucksvoll zu beschreiben. Und so fiebert man mit diesen sechs jungen Menschen unaufhaltsam mit, schwankt mit ihnen zwischen Hoffnung und Verzweiflung und durchlebt und durchleidet an ihrer Seite all die abscheulichen Grausamkeiten, die ihre Peiniger ihnen zufügen.
Besonders verstörend sind vor allem die Passagen, die aus der Sicht des Initiators dieses barbarischen Spiels geschildert werden, denn seine Gedanken, seine Ansichten über Frauen und auch die Beweggründe, die ihn und auch die anderen Männer zu solchen Taten veranlassen und sich im weiteren Verlauf der Geschichte allmählich offenbaren, waren überaus pervers, abstoßend und schockierend.
Doch so alptraumhaft dieses Szenario auch ist, schien es mir durchaus nicht vollkommen abwegig, dass Menschen, die es sich leisten können, jeden Preis zu bezahlen, um ihre Perversionen ungehindert ausleben zu können, auf solche bizarren Ideen kommen. Christina Stein schafft es zumindest, ihre Geschichte durchaus authentisch, realistisch und vorstellbar zu erzählen. Gerade das macht diesen Thriller auf geradezu erschreckende Weise glaubwürdig und schockierend.
Vor allem gelingt es der Autorin aber, schon nach wenigen Seiten ein sehr hohes Spannungslevel zu erzeugen und es kontinuierlich zu steigern. Wonderland ist ein rasanter Thriller, der den Leser nicht nur in die dunkelsten menschlichen Abgründe und Perversionen reißt, sondern ihn auch die Angst, den Schrecken und das Gefühl ausgelieferter Ohnmacht hautnah miterleben lässt. Ein absoluter Pageturner – schonungslos, tempogeladen und fulminant erzählt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Christina Stein: Wonderland
Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 25. August 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-7335-0289-8

Cover: S. Fischer Verlage

Buchrezension: Tom Rob Smith – Ohne jeden Zweifel

Ohne jeden Zweifel von Tom Rob SmithInhalt:

Daniel war sicher, dass seine Eltern glücklich sind und ihren Ruhestand in vollen Zügen genießen, seit sie zu ihrem letzten großen Abenteuer aufgebrochen waren und das Großstadtleben gegen ein beschaulicheres Leben auf dem Land tauschten. Sie haben ihre Gärtnerei und ihr Haus in London verkauft und einen abgelegenen Hof in Schweden erworben, dem Heimatland seiner Mutter, das sie im Alter von sechzehn Jahren verlassen hatte. Daniel hat seine Eltern in Schweden zwar nie besucht, zweifelte allerdings bislang nie daran, dass sie im ländlichen Schweden ihr Glück und auch neue Freunde gefunden haben.
Umso schockierter ist er nun, als sein Vater ihn mit der Nachricht konfrontiert, dass seine Mutter unter einer Psychose leide und er sie in ein Krankenhaus einweisen lassen musste. Daniel beschließt, gleich am nächsten Tag nach Schweden zu reisen, doch noch bevor er sich auf den Weg machen kann, erreicht ihn ein Anruf seiner verzweifelten Mutter. Sie bittet Daniel, seinem Vater kein Wort zu glauben, denn sie sei nicht verrückt, brauche keinen Arzt, sondern die Polizei und sei schon auf dem Weg zu ihm nach London.
Daniel weiß nicht mehr, wem er glauben soll, als seine Mutter kurz darauf am Flughafen ankommt und ihm immer wieder versichert, dass sie keine Wahnvorstellungen habe, sondern man sie nur zum Schweigen bringen wolle und in großer Gefahr schwebe. Erst als sie in Daniels Wohnung ist und sich sicher und unbeobachtet fühlt, erzählt sie ihm, dass sie in Schweden einem furchtbaren Verbrechen an einem jungen Mädchen auf die Spur gekommen sei, das von der verschworenen Dorfgemeinschaft vertuscht werde. Sein Vater habe sich sehr verändert und sei ebenfalls an diesem Komplott gegen sie beteiligt. Sie beschwört ihren Sohn, ihr zu vertrauen, denn er ist ihre letzte Hoffnung. Daniel ist hin- und hergerissen zwischen seinen Eltern, weiß nicht, welcher Version er Glauben schenken kann und beschließt deshalb, die Wahrheit selbst herauszufinden.

Meine persönliche Meinung:

Ich bin in einer Mängelexemplar-Kiste ganz zufällig über Ohne jeden Zweifel von Tom Rob Smith gestolpert, fand den Klappentext sehr ansprechend und war gespannt auf den Psychothriller eines britischen Autors, der den Schauplatz seines Buches in Schweden angesiedelt hat. Ich habe allerdings noch nie etwas von Ohne jeden Zweifel gehört, habe, um ehrlich zu sein, nicht allzu viel erwartet und mich nun umso mehr gefreut, durch Zufall auf einen ebenso spannenden wie tiefgründigen Psychothriller gestoßen zu sein, der mich von der ersten Seite an begeistert hat.
Wenn es zwischen den Eltern zu Streitigkeiten kommt, geraten Kinder, egal welchen Alters, in einen schmerzhaften Loyalitätskonflikt, bei dem sie nicht mehr wissen, auf wessen Seite sie sich schlagen sollen. Man will nicht vor die Wahl gestellt werden, sich für ein Elternteil entscheiden zu müssen, sondern sich die Liebe und das Vertrauen beider bewahren. In einen solchen Konflikt gerät Daniel, als sein Vater ihm mitteilt, dass seine Mutter Wahnvorstellungen habe und sich Verbrechen und Verschwörungen einbilde, wo keine sind. Seine Mutter Tilda hingegen versucht alles, um Daniel davon zu überzeugen, dass sie die Wahrheit sagt, ihr Verstand vollkommen klar ist und sein Vater sogar in den Komplott verwickelt ist, den die eingeschworene Dorfgemeinschaft in Schweden gegen sie führt. Daniel weiß nicht mehr, wem er nun glauben soll. Die Worte seiner Mutter klingen logisch und einleuchtend, zumal sie auch Beweise in ihrer Handtasche hat, die ihre Behauptungen stützen, aber sein Vater hat die Saat des Zweifels bereits gesät, sodass Daniel die Glaubwürdigkeit seiner Mutter trotzdem immer wieder in Frage stellt. Er nimmt sich sehr viel Zeit, um ihr die Möglichkeit zu geben, ihm ihre Sicht der Dinge in Ruhe darzulegen.
Das Buch besteht überwiegend aus einem Dialog zwischen Mutter und Sohn, bei dem jedoch die Erzählungen der Mutter überwiegen und Daniel sie nur unterbricht, wenn er etwas nicht versteht oder sie ihn auffordert, ihre Vermutungen zu bestätigen.
Schon zu Beginn dieses Gesprächs mit seiner Mutter, bricht Daniels harmonisches Bild von der Ehe seiner Eltern vollkommen in sich zusammen. Er erfährt, dass es zwischen seinen Eltern schon früher häufig zu Streitigkeiten und Konflikten kam, die jedoch immer vor ihm verborgen wurden, um ihn zu schützen. Besonders irritiert ist er aber, weil er dachte, dass seine Eltern ihren Ruhestand bequem finanzieren können, sich ganz bewusst für ein einfaches Leben auf dem Land entschieden haben und nicht ahnte, dass sie die Entscheidung, sich einen heruntergekommenen Hof in Schweden zu kaufen und dort ihr Gemüse selbst anzubauen, aus reiner Not getroffen hatten, weil ihre finanziellen Mittel gar nicht reichten, um weiterhin in London leben zu können. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellt er sich immer wieder die Frage, ob er seine Eltern überhaupt kennt und macht sich auch große Vorwürfe, sich im Grunde nie für ihr Leben interessiert zu haben. Er ging einfach immer stillschweigend davon aus, dass sie glücklich sind, hat auch nie mitbekommen, dass sie Probleme haben und sie auch nie mit seinen eigenen konfrontiert. Auch er war nie ehrlich zu seinen Eltern, hat nicht nur seine Homosexualität, sondern auch seine berufliche Erfolglosigkeit vor ihnen verheimlicht und sich von ihnen distanziert, weil er das Bild, das sie von ihm hatten, nicht zerstören und sie nicht enttäuschen wollte. Trotz aller Heimlichkeiten merkt man jedoch, dass Daniel seine Eltern liebt, sie auch ihn lieben und stellt sich unwillkürlich die Frage, wie gut man die Menschen, die man liebt, eigentlich kennt. Gerade weil er seine Eltern liebt, fällt es ihm nun so schwer, sich entscheiden zu müssen, auf wessen Seite er nun steht. Ist sein Vater tatsächlich in kriminelle Machenschaften verstrickt und somit selbst ein Verbrecher? Schwebt seine Mutter tatsächlich in Gefahr oder ist sie eine geistesgestörte, paranoide Frau mit Wahnvorstellungen? Weder das eine noch das andere will Daniel akzeptieren, muss allerdings eine Entscheidung treffen.
Ich konnte mich sehr gut in die Gefühle und Gedanken, die Daniel während dieses Dilemmas hat, hineinversetzen, denn Tom Rob Smith hat seinen Hauptprotagonisten psychologisch sehr präzise und glaubwürdig ausgearbeitet. Im Nachwort seines Thrillers, das sehr berührend war, schildert der Autor die realen und autobiografischen Hintergründe seines Psychothrillers. Da er schon selbst in der Situation war, in der sich Daniel befindet, ist es nicht erstaunlich, dass er die zwiespältigen Emotionen seines Hauptprotagonisten so eindrucksvoll, authentisch und nachvollziehbar schildert.
Während Daniels Mutter streng chronologisch und bis ins kleinste Detail erzählt, was nun in Schweden genau vorgefallen ist, und genau erklärt, warum sie so sicher ist, dass sich die Leute im Dorf gegen sie verschworen haben, stellt sich nicht nur Daniel, sondern auch der Leser die Frage, ob man ihren Worten Glauben schenken kann. Häufig hört sich das, was sie sagt, durchaus glaubwürdig an, die Schlüsse, die sie zieht, scheinen mitunter auch logisch zu sein, aber dennoch gerät man hin und wieder ins Straucheln, weil gerade die Anschuldigungen gegen ihren Mann sehr absurd klingen. Sie macht es Daniel und damit auch dem Leser nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Als Daniel seine Entscheidung schließlich doch getroffen hat, fühlt er sich jedoch nicht so recht wohl dabei, beschließt deshalb, selbst nach Schweden zu fahren und der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Dabei kommt er einem schrecklichen Familiengeheimnis auf die Spur, das weit in die Vergangenheit seiner Mutter reicht und sehr erschütternd war.
Wer einen rasanten Thriller erwartet, wird von Ohne jeden Zweifel sicher enttäuscht sein. Die sehr ausführlichen Erzählungen von Tilda und der innere Konflikt des Hauptprotagonisten stehen zunächst vollkommen im Fokus dieses Psychothrillers, während das Verbrechen an dem jungen Mädchen, eher zweitrangig ist. Erst auf den letzten hundert Seiten, als sich Daniel in Schweden auf die Spurensuche begibt und selbst versucht, herauszufinden, was dem Mädchen, von dem ihm seine Mutter erzählt hat, zugestoßen ist und die Tragödie, die sich hinter der Geschichte seiner Mutter verbirgt, allmählich aufdeckt, nimmt das Tempo etwas zu. Trotz seiner ruhigeren Gangart hat mich dieser Psychothriller von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und vollkommen in seinen Bann gezogen, mich häufig tief bewegt und sehr nachdenklich, aber mit einem versöhnlichen Ende zurückgelassen. Ich bin froh, dieses Buch entdeckt zu haben und kann Ohne jeden Zweifel nur jedem empfehlen, der etwas gemächlichere, aber dafür umso tiefgründigere Thriller mag.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Tom Rob Smith: Ohne jeden Zweifel
Verlag: Goldmann
Ersterscheinungsdatum: 20. Oktober 2014
400 Seiten
ISBN 978-3-442-47504-9

Cover: Goldmann Verlag

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Buchrezension: Eric Berg – Kalt

eric-berg-kaltInhalt:

Acht Internatsschüler fahren im Rahmen einer Exkursion ihres Biologie-Leistungskurses nach Finnland in den Patvinsuo-Nationalpark, um dort bei einem Projekt zur Rettung der finnischen Moore mitzuhelfen. Sie werden von ihren beiden Lehrern Dr. Brecht und Mrs Greenwood begleitet und vor Ort von dem jungen, attraktiven Nooa betreut, der sich in dieser Moorlandschaft auskennt, den Schülern erklärt, was bei der Renaturierung eines Moores zu tun ist und sie auch über die Gefahren aufklärt, die im Moor lauern. Eindrücklich zeigt er ihnen, was passiert, wenn sie die Markierungen verlassen und in eines der tückischen Moorlöcher geraten, aus denen man sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien kann.
Kurz nachdem sich die Schüler in dem Biwak eingerichtet haben, in dem sie während ihrer Exkursion unterkommen, verschwindet ihr Biologielehrer Dr. Brecht plötzlich spurlos. Hatte er genug von den geschmacklosen Streichen, die ihm schon am ersten Tag gespielt wurden? Es sieht dem verantwortungsbewussten Lehrer allerdings gar nicht ähnlich, sich einfach stillschweigend aus dem Staub zu machen. Da sie keine Spur von ihm finden können und in diesem abgelegenen Teil Finnlands keinen Handyempfang haben, beschließt Mrs Greenwood, in die nächstgelegene Stadt zu fahren, ihren Kollegen bei der Polizei vermisst zu melden und die Schule zu informieren. Allerdings kehrt sie nicht mehr zurück, sodass die acht Teenager mit ihrem Betreuer Nooa, der kaum älter ist als sie, nun völlig auf sich allein gestellt sind. Sie stecken ohne ein Fahrzeug in diesem Lager inmitten des Moores fest, und da es inzwischen auch noch zu schneien beginnt, werden sie außerdem bald eingeschneit sein.
Einige Schüler genießen es, endlich ohne ihre Lehrer ausgiebig feiern zu können und kosten ihre Freiheit in vollen Zügen aus. Doch die Lage droht zu eskalieren, als einer von ihnen tot aufgefunden wird. War es nur ein tragischer Unfall oder etwa Mord? Und wer hat die Pflöcke mit den Markierungen versetzt? Ist vielleicht der unheimliche Nationalparkwächter, der ganz in der Nähe in einer einsamen Hütte lebt, für all diese rätselhaften Vorkommnisse verantwortlich? Oder ist einer von ihnen vielleicht ein Mörder?

Meine persönliche Meinung:

Ich habe vor ein paar Monaten Eric Bergs Kriminalroman Das Küstengrab gelesen, und da er mir sehr gut gefallen hat, wollte ich unbedingt mehr von diesem Autor lesen. Bei Eric Berg handelt es sich um das Pseudonym des Schriftstellers Eric Walz, der bereits zahlreiche historische Romane veröffentlicht hat und unter dem Namen Eric Berg Kriminalromane sowie Jugendthriller schreibt. Obwohl ich der Zielgruppe schon seit ein paar Jahrzehnten entwachsen und bei Jugendbüchern immer ein bisschen skeptisch bin, habe ich mich nun für Eric Bergs Jugendthriller Kalt entschieden, denn der Klappentext klang sehr vielversprechend und interessant. Ich habe diese Entscheidung nicht bereut, denn Kalt hat mich wirklich überzeugt und war spannender als ich dachte.
Besonders beeindruckt war ich von dem Schauplatz, an dem die Geschichte spielt. Moorlandschaften sind ja wunderschön, so gefährlich wie ihr Ruf sind Moore auch nicht, aber dennoch sind sie immer ein wenig unheimlich, geheimnisvoll und auch bedrohlich und bieten somit natürlich die perfekte Kulisse für einen gruseligen und packenden Thriller. Dem Autor ist es sehr gut gelungen, die finnische Moorlandschaft vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen zu lassen und die Gefahren, die im Moor lauern können, sehr eindrücklich zu beschreiben. Besonders beklemmend ist jedoch die Abgeschiedenheit des Patvinsuo-Nationalparks. Als die beiden Lehrer plötzlich spurlos verschwinden und die Jugendlichen auf sich alleine gestellt sind, keine Möglichkeit haben, Hilfe zu holen oder diesen Ort zu verlassen und mitten im Mai dann auch noch starke Schneefälle einsetzen und sie bald eingeschneit sein werden, ist diese bedrohliche Situation, aus der es kein Entkommen zu geben scheint, sehr gut nachvollziehbar und äußerst beängstigend. Hinzu kommt, dass ganz in der Nähe der Wächter des Nationalparks lebt, der ein recht unangenehmer und unheimlicher Zeitgenosse ist und ihnen offenbar auch nicht helfen will. Doch die eigentliche Gefahr geht nicht von der Kälte, dem Schnee, dem schlammigen Untergrund des Moores und den kaum wahrnehmbaren tückischen Moorlöchern aus, sondern lauert innerhalb der Schülergruppe, die nun mit ihrem Betreuer Nooa, der kaum älter ist als sie, in diesem Biwak eingeschlossen sind.
Eric Berg hat sich sehr viel Mühe gegeben, seine Charaktere präzise und psychologisch ausgefeilt auszuarbeiten. So beginnt jedes Kapitel mit einer Art Zeugenaussage, in denen nicht nur Schüler zu Wort kommen, die an der Exkursion teilnahmen, sondern auch ihre Mitschüler, Freunde und Geschwister. In diesen Passagen erfährt man zunächst nur wenig über das, was im finnischen Moor tatsächlich vorgefallen ist, lernt die acht Schüler aber besonders gut kennen, erhält Einblicke in ihr Leben, ihre Gefühle und Gedanken und erfährt auch, warum sie im Internat sind. Die Schicksale und Lebensgeschichten der Jugendlichen waren teilweise sehr berührend und nehmen in diesem Jugendroman einen sehr breiten Raum ein. Auf den ersten Blick scheinen manche Details nichts mit den Geschehnissen in Finnland zu tun zu haben, liefern allerdings die Erklärung für das Verhalten der Schüler und für die Konflikte, die während dieser Exkursion zutage treten. Dass die Situation im Lager so eskaliert, liegt nicht nur an den äußeren Umständen und der Abgeschiedenheit im Moor, sondern auch daran, dass es zwischen den Schülern immer wieder zu Streitigkeiten, Machtkämpfen und Eifersuchtsszenen kommt. Besonders unter den Mädchen enfacht sich ein erbitterter Kampf um die Gunst des guttaussehenden Betreuers Nooa, von dessen Charme sie sofort hingerissen sind. Teilweise sind diese Zickenkriege unter den Schülerinnen schon ein wenig anstrengend, aber dennoch sehr authentisch und glaubwürdig. Der charismatische Nooa versteht es, jeden für sich einzunehmen und imponiert auch den Jungs. Doch ein paar weigern sich auch, sich von ihm etwas sagen zu lassen, genießen es, dass die Lehrer endlich weg sind und wollen sich den Spaß von Nooa nicht vermiesen lassen. Abgesehen von Franzi, einem Mädchen, das ebenfalls in Nooa verliebt ist, sich an den Zickereien jedoch nicht beteiligt, und Lasse, einem Jungen, der sich von Nooa verstanden fühlt und endlich den Mut findet, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, waren mir diese jungen Menschen allerdings nicht besonders sympathisch. Einige der Jugendlichen verhalten sich äußerst merkwürdig, scheinen auch zu abscheulichen Grausamkeiten fähig zu sein, sodass der Verdacht immer wieder geschickt auf eine andere Person gelenkt wird, als es den ersten Toten gibt.
Was tatsächlich während dieser Klassenfahrt passiert ist, erfährt man Stück für Stück in den Rückblenden einiger Exkursionsteilnehmer, vor allem von Franzi, die eine recht gute Beobachtungsgabe hat und erschreckende Details offenbart.
Es hat mir sehr gut gefallen, dass der Autor jeder seiner Figuren, auch den Freunden, Mitschülern und Geschwistern, die sich zu den Geschehnissen äußern, eine individuelle Sprache verliehen hat und sie somit zu unverwechselbaren Charakteren macht. Natürlich verwendet er dabei, je nachdem, wer sich zu Wort meldet, eine mitunter recht flapsige Jugendsprache, was die Authentizität jedoch unterstreicht und auf den ersten Seiten dieses Thrillers auch geradezu herzerfrischend amüsant war.
Obwohl Eric Berg den Verdacht immer wieder auf eine andere Person lenkt und einige falsche Fährten legt, war mir irgendwann klar, wer der Täter ist, sodass die Spannung ein wenig gelitten hat. Trotzdem war dieses Buch nie langweilig und hat mich bis zum Schluss gefesselt. Ein wenig schade fand ich auch, dass das Motiv des Mörders mir bis zuletzt nicht einleuchten wollte, obwohl er am Ende selbst zu Wort kommt und über seine Taten spricht. Die letzten Seiten, die aus der Sicht des Täters geschildert werden, waren jedoch äußerst verstörend. Vor allem der letzte Satz jagte mir noch einen gewaltigen Schauer über den Rücken.
Mir hat Kalt von Eric Berg sehr gut gefallen, für so manchen Gänsehautmoment gesorgt und ist auch für erwachsene Leser eine kurzweilige Lektüre und durchaus empfehlenswert.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Bloomoon Verlag, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Eric Berg: Kalt
Verlag: Bloomoon Verlag
Ersterscheinungsdatum: 12. Februar 2016
192 Seiten
ISBN  978-3-8458-1231-1

Cover: Bloomoon Verlag

Buchrezension: Arno Strobel – Das Rachespiel

arno-strobel-das-rachespielInhalt:

Frank Geissler ist glücklich verheiratet, Vater einer Tochter und besitzt eine erfolgreiche Softwarefirma. Eines Tages erhält er mit der Post einen rätselhaften Umschlag ohne Absender, in dem sich ein Memorystick mit einer Textdatei befindet. Frank soll am nächsten Tag pünktlich um zwölf Uhr eine Website besuchen und wird darauf hingewiesen, dass es um ein Menschenleben ginge. Als er am nächsten Tag die Internetadresse aufruft, traut er seinen Augen kaum, denn er sieht auf seinem Bildschirm einen ausgemergelten Mann, der gefesselt am Boden liegt. Neben ihm steht ein Käfig voller Ratten, die vor Hunger wie von Sinnen zu sein scheinen. Am unteren Bildschirmrand erscheint ein Text, in dem Frank aufgefordert wird, eine Aufgabe zu erfüllen, um dem Mann das Leben zu retten.
Frank glaubt zunächst an einen schlechten Scherz, ein makabres Onlinespiel, kann den Anblick des Mannes aber nicht mehr ertragen, schließt die Website und ignoriert die Aufgabe, die ihm auferlegt wurde. Am nächsten Tag erhält er wieder einen Memorystick und sieht nun mit eigenen Augen, dass er unbekannte Absender seine Drohung tatsächlich wahrgemacht hat und der gefesselte Mann bei lebendigem Leib von den hungrigen Ratten bestialisch getötet wurde. Hätte Frank ihn tatsächlich retten können, wenn er die Aufgabe erfüllt hätte?
Doch dieser Mann war nur die erste Spielfigur in einem perfiden Spiel, das Frank und drei seiner Freunde aus Kindheitstagen nun gemeinsam spielen müssen. Frank war vor mehr als dreißig Jahren Anführer einer Jugendbande, und noch immer verbindet die vier Freunde von damals ein schreckliches Geheimnis, obwohl sie sich längst aus den Augen verloren haben. Nun scheint sie die Vergangenheit wieder einzuholen, denn offenbar sollen sie jetzt die Strafe für etwas bezahlen, das sie in ihrer Jugend angerichtet haben. In einem verlassenen Atombunker in der Eifel müssen sie sich dem perfiden Spiel ihres unbekannten Gegners stellen, wenn sie nicht alles verlieren wollen, was sie lieben.

Meine persönliche Meinung:

Nachdem ich vor ein paar Monaten Die Flut von Arno Strobel gelesen hatte, habe ich mir vorgenommen, unbedingt mehr von diesem Autor lesen zu wollen, denn das Buch gefiel mir sehr gut. Da abgesehen von seinem kürzlich erschienenen Thriller Im Kopf des Mörders – Tiefe Narbe, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, alle seine bisherigen Bücher Einzelbände sind, die in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, habe ich mich für Das Rachespiel entschieden, denn der Klappentext ließ auf eine sehr beklemmende Geschichte hoffen.
Schnell und ohne langes Vorgeplänkel geht es auch sofort auf den ersten Seiten äußerst spannend los, denn das Videomaterial, das Frank zugeschickt wird, ihn aus seinem recht biederen, aber glücklichen Alltag reißt und mit seiner Vergangenheit konfrontiert, ist bereits überaus schockierend. So richtig Fahrt nimmt dieser Thriller allerdings erst auf, als Frank und drei weitere Mitspieler, seine ehemaligen Freunde aus Kindertagen, in die verlassene Atombunkeranlage gelockt und dort eingeschlossen werden. Nun müssen sie sich dem Spiel des Unbekannten stellen, einem Spiel um Leben und Tod, bei dem sie nicht nur um ihr eigenes Leben spielen, sondern auch um das der Menschen, die sie lieben. Sie müssen eine Reihe von Aufgaben erfüllen, die ihnen über Lautsprecher mitgeteilt werden und erfahren auch, dass nur zwei von ihnen die Chance haben, diese Nacht im Bunker zu überleben. Und so beginnt ein erbitterter Kampf ums Überleben, den sich nicht gemeinsam gewinnen können, sondern nur, wenn sie gegeneinander antreten.
Arno Strobel hat für diesen Thriller einen Schauplatz gewählt, wie er beklemmender kaum sein könnte. Eine ehemalige Atombunkeranlage, voller dunkler, kalter und verwirrender Gänge und Räume, in denen der Unbekannte auch viele hungrige Ratten ausgesetzt hat. Der Autor spielt also sehr raffiniert mit den Ängsten seiner Leser. Vor Ratten habe ich zwar keine Angst, aber die Vorstellung, in einem stockdunklen und kalten Bunker eingesperrt zu sein, verursacht mir ausgesprochen klaustrophobische Gefühle. Hinzu kommt, dass der Unbekannte es sehr geschickt versteht, die vier Mitspieler gegeneinander aufzuhetzen, denn sie spielen nicht gemeinsam gegen ihren unbekannten Gegner, sondern wissen, dass nur zwei von ihnen diesen Albtraum überleben werden und versuchen deshalb, sich gegenseitig daran zu hindern, das Spiel zu gewinnen. Jeder kämpft im Grunde gegen jeden, sodass die Atmosphäre von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist und die Spannungen untereinander immer wieder zu eskalieren drohen.
Die Geschehnisse werden überwiegend aus Franks Perspektive geschildert, der sich in diesem Spiel auch häufig mit der Frage konfrontiert sieht, wie weit er gehen wird, um sich und seine Familie zu retten und ob er auch bereit wäre, einen seiner Mitspieler zu opfern, um selbst die Chance zu haben, zu überleben. Bedauerlicherweise war mir Frank nicht besonders sympathisch und auch alle anderen Figuren sind leider sehr klischeebehaftet und unsympathisch. Manuela, die einzige Frau im Bunde, ist vollkommen hysterisch, hat panische Angst vor Ratten, die nun wahrlich nicht ihr größtes Problem sind, und ging mir entsetzlich auf die Nerven. Jens ist ein entsetzlicher Feigling und Opportunist und Torsten ein rüpelhafter, aggressiver und unberechenbarer Widerling, der keine Skrupel kennt und dem man auch außerhalb dieses Bunkers nicht begegnen möchte.
Mit unsympathischen Charakteren kann ich gut leben, auch wenn es der Spannung zuträglicher wäre, wenn man wenigstens einen Sympathieträger finden würde, auf dessen Seite man sich schlagen und mit dem man mitfiebern könnte. Noch mehr gestört hat mich allerdings, dass alle vier Protagonisten häufig vollkommen irrational und auch unglaubwürdig handeln, was die Spannungskurve zwar immer wieder ansteigen lässt, aber leider etwas auf Kosten der Plausibilität der Geschichte geht.
Man weiß recht schnell, dass Frank, Manuela, Torsten und Jens in diesem Bunker für etwas büßen sollen, das sie in ihrer Kindheit angerichtet haben, denn schon von Beginn an macht der Unbekannte keinen Hehl daraus, dass er im Namen von Festus handelt. Wer Festus ist oder war, ob er überhaupt noch am Leben ist und was Franks Jugendbande ihm vor mehr als dreißig Jahren angetan hat, erfährt der Leser aber nur scheibchenweise. In den Dialogen und vor allem in zahlreichen mit „Damals…“ überschriebenen Kapiteln, in denen ein Blick in die Vergangenheit gewährt wird, offenbart sich ganz allmählich das grausame Geheimnis, das die vier Freunde noch immer verbindet und keinen von ihnen jemals losgelassen hat. Spannend war also nicht nur, ob sie diese Nacht im Bunker überleben werden, sondern auch, was in der Vergangenheit passiert ist und die Frage, wer sie nun für ihre Verfehlungen von damals büßen lassen möchte. Obwohl das Personal dieses Thrillers sehr überschaubar und der Plot nicht sehr verzwickt ist, hat mich das Ende von Das Rachespiel sehr überrascht und war für mich auch nicht vorhersehbar.
Strobels Sprache ist schlicht, klar und prägnant, sodass sich dieser Psychothriller sehr schnell und flüssig lesen lässt. Hin und wieder hätte ich mir gewünscht, sein Erzählstil wäre etwas eindringlicher und atmosphärischer, denn mir war er häufig etwas zu nüchtern und distanziert.
Schiebt man die Fragen nach der Plausibilität und Glaubwürdigkeit ein wenig zur Seite, ist Das Rachespiel ein überaus fesselnder und lesenswerter Psychothriller, der geschickt mit den Ängsten des Lesers spielt und vor allem aufgrund seines klaustrophobischen Schauplatzes für beklemmende Momente und ein durchgängig hohes Spannungslevel sorgt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Buchdetails:

Arno Strobel: Das Rachespiel
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Ersterscheinungsdatum: 23. Januar 2014
352 Seiten
ISBN 978-3-596-19694-4

Cover: S. Fischer Verlag

Buchrezension: Jenny Milewski – Angstmädchen

Jenny Milewksi - AngstmädchenInhalt:

Die junge Studentin Malin ist überglücklich, als sie ihr Zimmer in einem Studentenwohnheim in Linköping bezieht. Monatelang hatte sie darauf gewartet, dass die Wohngenossenschaft ihr eine Wohnung zuweist und freut sich, dass das richtige Studentenleben nun endlich beginnen kann. Auch ihre Freundin Johanna beneidet sie um das schöne Zimmer, zumal es das einzige ist, das über ein Bad mit einer Badewanne verfügt. Obwohl Malin sehr schüchtern ist und nicht so recht weiß, wie sie sich gegenüber ihren neuen Mitbewohnern verhalten soll, gibt sie sich Mühe, sich in die Wohngemeinschaft zu integrieren.
Wenige Tage nach ihrem Einzug findet sie schwarze Haarbüschel im Abfluss, die nicht von ihr stammen können, und glaubt auch, gesehen zu haben, dass eine blasse Gestalt am Spiegel vorbeigehuscht ist. Sie ist sicher, sich das nur eingebildet zu haben, doch die rätselhaften Vorkommnisse häufen sich und bereiten ihr immer größeres Unbehagen. Als Malin dann erfährt, dass sich die japanische Austauschstudentin Yuko, die zuvor in ihrem Zimmer wohnte, die Pulsadern aufgeschnitten hat, ahnt sie bereits, dass mit ihrem Einzug in diese Wohnung etwas Unheimliches in ihr Leben getreten ist, das sie nie mehr loslassen wird.

Meine persönliche Meinung:

Ich liebe Thriller aus Skandinavien und bin immer auf der Suche nach neuen skandinavischen Thrillerautoren. Dass es sich bei Jenny Milewski um eine schwedische Autorin handelt, wusste ich nicht, der Schauplatz ihres Thrillers Angstmädchen geht aus dem Klappentext auch nicht hervor, und da ich ihr Debüt Skalpelltanz nicht gelesen habe, hatte ich mich sehr gefreut, durch Zufall auf einen skandinavischen Thriller gestoßen zu sein und eine neue schwedische Autorin entdecken zu dürfen.
Nach dem ersten Kapitel, das eigentlich ein Prolog ist und bereits Schlimmes erahnen lässt, springt die Geschichte im zweiten Kapitel in das Jahr 1992 zurück, als Malin in ihr Zimmer im Studentenwohnheim in Linköpping einzieht und zunächst voller Vorfreude auf ihr bevorstehendes Studentenleben ist.
Das ganze Buch wird aus Malins Ich-Perspektive geschildert, sodass man sich sehr gut in das schüchterne Mädchen einfühlen kann, das erst kürzlich aus ihrem behüteten Elternhaus auszog, zwar voller Tatendrang und Enthusiasmus in einen neuen Lebensabschnitt startet, aber dennoch ein wenig ängstlich und unsicher ist, nun auf eigenen Beinen stehen zu müssen. Sie bemüht sich, Anschluss zu finden, will sich mit ihren neuen Mitbewohnern gut verstehen, fühlt sich allerdings etwas verloren und alleingelassen.
Schon kurz nach ihrem Einzug ereignen sich recht mysteriöse Vorfälle, aber ansonsten passiert auf den ersten hundert Seiten leider nahezu nichts – zumindest nichts, was nur ansatzweise spannend wäre. Das erste Drittel des Buches plätschert also recht gemächlich und vor allem nahezu vollkommen ereignislos vor sich hin, und obwohl ich Malins Startschwierigkeiten in der neuen Umgebung sehr gut nachvollziehen konnte und sich das Unheimliche, das in ihr Leben tritt, bereits ankündigt, musste ich mich regelrecht zum Weiterlesen zwingen. Da Jenny Milewski ihre Hauptprotagonistin allerdings sehr gut ausgearbeitet hat und Malin eine liebenswürdige junge Frau ist, die mir sehr sympathisch war und in die ich mich gut einfühlen konnte, wollte ich dennoch wissen, wie es ihr im weiteren Verlauf der Geschichte ergehen wird. Alle anderen Figuren bleiben jedoch recht blass und konturlos, sind allerdings auch nur Staffage, da die Handlung überwiegend auf Malin fokussiert ist.
Glücklicherweise nimmt die Geschichte nach dem recht langwierigen Einstieg dann auch endlich Fahrt auf. Die Ereignisse überschlagen sich sogar förmlich. Malin macht dabei eine erstaunliche Entwicklung durch, wächst über sich hinaus und wird mutiger. Bedauerlicherweise erhält der Leser jedoch bereits im ersten Kapitel so konkrete Hinweise darauf, wie die Geschichte für sie enden wird, dass einfach keine Spannung mehr aufkommen will. Wenn man ohnehin weiß, welches Schicksal die Protagonistin ereilen wird, fällt es eben recht schwer, noch mit ihr mitzufiebern, auch wenn man sich wünschen würde, dass sich alles doch noch zum Guten wendet.
Trotz des bereits bekannten Ausgangs der Geschichte wollte ich aber wissen, was Malin denn nun genau widerfahren ist. Leider kann ich paranormalen Phänomenen nur wenig abgewinnen und hätte mir gewünscht, dass aus dem Klappentext hervorgegangen wäre, dass es sich bei Angstmädchen eigentlich um einen Mystery-Thriller mit Horrorelementen handelt. Ich will ja nicht abstreiten, dass übersinnliche Erscheinungen durchaus ihren Reiz haben und für schaurige Schockmomente sorgen können, aber ich habe mich leider auch nur sehr selten gegruselt. Man muss der Autorin zugutehalten, dass sie sich offenbar intensiv mit der japanischen Kultur und Mythologie beschäftigt hat, was am Ende des Buches auch deutlich wird, aber leider konnte mich Angstmädchen weder fesseln noch schockieren. Dazu ist die Idee, die diesem Buch zugrunde liegt, eben leider auch nicht innovativ genug und zu abgedroschen, um noch für Gänsehaut zu sorgen.
Die wenigen gruseligen Momente und die gut ausgearbeitete Hauptprotagonistin konnten das Buch leider auch nicht mehr retten, sodass Angstmädchen für mich eine ziemliche Enttäuschung war.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jenny Milewski: Angstmädchen
Verlag: Heyne
Ersterscheinungsdatum: 09. Januar 2017
336 Seiten
ISBN 978-3-453-43880-4

Cover: Heyne Verlag

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Buchrezension: Clare Mackintosh – Alleine bist du nie

Clare Mackintosh - Alleine bist du nieInhalt:

Zoe Walker ist geschieden, lebt mit ihrem neuen Lebensgefährten Simon und ihren beiden fast erwachsenen Kindern in einem Reihenhaus in einem Londoner Vorort und hat einen recht langweiligen Bürojob in einem Immobilienunternehmen. Sie führt ein durchschnittliches und nicht besonders abwechslungsreiches Leben. Sie fährt täglich zur gleichen Zeit mit dem Zug zur Arbeit und wieder zurück, nimmt jeden Tag denselben Zug, setzt sich an denselben Platz, steigt an derselben Station um und ahnt nicht, dass ihr gerade diese Routine zum Verhängnis werden könnte. Doch als sie eines Morgens auf dem Weg ins Büro in der Bahn in der London Gazette blättert, entdeckt sie zwischen den Anzeigen für Sex-Hotlines und Begleitservices eine Anzeige für die Dating-Agentur findtheone.com mit einem Foto von sich und einer ihr unbekannten Telefonnummer. Sie ist zwar beunruhigt, denn sie hat nie eine solche Anzeige geschaltet und weiß auch nicht, wie ein Fremder zu diesem Foto kam, aber niemand scheint ihre Besorgnis ernst zu nehmen, und auch Simon ist sicher, dass die Frau auf dem Foto ihr nur ähnlich sieht. Noch ahnt Zoe nicht, in welcher Gefahr sie schwebt und dass sie ständig beobachtet wird, denn alleine ist sie nie…

Meine persönliche Meinung:

Ich bin in der Verlagsvorschau auf dieses Buch aufmerksam geworden und war erstaunt, dass ich von der Autorin bislang noch nichts gehört hatte, denn Clare Mackintosh feierte bereits mit ihrem Thrillerdebüt Meine Seele so kalt erste Erfolge. Umso neugieriger war ich also auf Alleine bist du nie und bin froh, diese Autorin nun entdeckt zu haben, denn ihr Buch hat mir ausgesprochen gut gefallen und war ungeheuer fesselnd und spannend.
Ich muss jedoch zugeben, dass ich anfangs etwas enttäuscht war, denn es dauert ziemlich lange, bis die Geschichte in Fahrt kommt. Die ersten Kapitel sind leider furchtbar zäh und langweilig. Ich war häufig versucht, das Buch abzubrechen, weil einfach nichts passierte, aber mein Durchhaltevermögen hat sich gelohnt, denn glücklicherweise entpuppte sich dieser Thriller nach dieser anfänglichen Durststrecke als hochspannender und nervenaufreibender Pageturner, den ich nicht mehr aus den Händen legen konnte.
Zunächst nimmt sich Clare Mackintosh allerdings sehr viel Zeit, ihre Charaktere einzuführen. Damit schafft sie zwar ein hohes Identifikationspotential mit der Hauptprotagonistin Zoe, allerdings ist es auch ein bisschen ermüdend, diese Frau über so viele Seiten hinweg einfach nur durch ihren Alltag zu begleiten.
Auch ich bin mehrere Jahre mit dem Zug gependelt und war täglich knapp drei Stunden mit Bus und Bahn unterwegs. Unwillkürlich stellen sich dabei gewisse Routinen ein – man geht jeden Morgen zur gleichen Zeit aus dem Haus, kauft sich beim selben Bäcker ein Brötchen, am gleichen Kiosk eine Zeitung, nimmt dieselbe Treppe zum Bahnsteig und versucht, im Zug immer den gleichen Sitzplatz zu ergattern. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, man denkt nicht über diese Angewohnheiten nach und rechnet auch nicht damit, bei diesen alltäglichen Ritualen beobachtet zu werden, denn wer interessiert sich schon für solche belanglosen Banalitäten?
Auch Zoe folgt jeden Tag einer Routine, die sich über Jahre hinweg eingeschlichen hat, und ahnt nicht, dass ihr diese jemals zum Verhängnis werden könnte und sie bei jedem Schritt beobachtet wird. Das ändert sich jedoch, als sie eines Morgens in der Tageszeitung eine Anzeige entdeckt, in der mit ihrem Foto für eine Dating-Agentur geworben wird. Fortan fühlt sie sich beobachtet und ahnt auch recht schnell, in welcher Gefahr sie schwebt, als sie herausfindet, was anderen Pendlerinnen zugestoßen ist, deren Foto ebenfalls in einer Anzeige dieser Agentur abgedruckt war. Während sie zunächst nur beunruhigt ist, steigert sich ihre Angst zunehmend und entwickelt sich schließlich zur Paranoia, die man jedoch sehr gut nachfühlen kann. Doch niemand scheint ihre panische Angst ernst zu nehmen, weder ihr Lebensgefährte noch ihre Kinder, und auch die Polizei schenkt ihr zunächst wenig Beachtung. Nur DC Kelly Swift nimmt Zoes Besorgnisse ernst und will alles daran setzen, den Betreiber der Website, für die in der Anzeige geworben wird, zu finden.
Kelly war jahrelang in der Abteilung für Sexualdelikte tätig, wurde allerdings suspendiert, nachdem sie während eines Verhörs die Kontrolle verloren hatte und auf einen Verdächtigen losgegangen war. Inzwischen arbeitet sie in der Londoner U-Bahn und kümmert sich um Diebstähle und kleine Ordnungswidrigkeiten. Sie ist davon überzeugt, dass mehrere bislang ungeklärte Straftaten an Frauen auf diese ominösen Anzeigen zurückzuführen sind, nimmt die Ermittlungen auf und hofft dabei auch, ihrer Karriere wieder auf die Sprünge zu helfen. Außerdem lässt der Fall sie nicht mehr los, da ihre Zwillingsschwester Lexi vor einigen Jahren vergewaltigt wurde und der Täter noch immer nicht gefasst werden konnte. Während ihre Schwester beschlossen hat, die traumatischen Erinnerungen endlich hinter sich zu lassen und kein Interesse an der Strafverfolgung des Täters hat, ist Kelly geradezu besessen von dem Gedanken, Lexis Vergewaltiger seiner gerechten Strafe zuzuführen. Allerdings stellt sie auch bei ihrem aktuellen Fall fest, dass jedes Opfer einer Gewalttat mit den traumatischen Erlebnissen anders umgeht und muss lernen, zu akzeptieren, dass manche Frauen die Tat einfach nur vergessen wollen und ihnen nicht an der gerechten Bestrafung des Täters gelegen ist.
Die Geschichte wird abwechselnd aus Kellys und Zoes Perspektive erzählt. Beide Protagonistinnen sind präzise ausgearbeitet, sehr glaubwürdig gezeichnet und waren mir von der ersten Seite an sympathisch. Man merkt, dass die Autorin selbst jahrelang bei der britischen Polizei gearbeitet hat, denn die Ermittlungsarbeit wird sehr authentisch geschildert.
In kursiv gedruckten und recht knapp gehaltenen Kapiteln lässt die Autorin den Leser aber auch in die Gedankenwelt des Täters eintauchen, ohne jedoch jemals entscheidende Hinweise auf seine Person zu liefern. Diese Passagen waren nicht nur überaus verstörend, sondern ließen die Spannungskurve auch kontinuierlich ansteigen. Clare Mackintosh versteht es ausgezeichnet, den Leser immer wieder auf die falsche Fährte zu locken, denn ob es sich beim Betreiber der Website um einen Fremden oder um jemanden in Zoes persönlichen Umfeld handelt, ist bis zum Ende unklar. Zoe spürt jedoch, dass sie niemandem mehr trauen kann, denn nicht nur ihr Lebensgefährte Simon, sondern auch ihre Kinder, ihre Nachbarn und ihr Chef verhalten sich äußerst verdächtig und scheinen etwas vor ihr zu verbergen.
Ich hatte bis zum Schluss keine Ahnung, wer nun hinter diesen Anzeigen stecken könnte und war sehr überrascht als der Täter dann feststand. Doch selbst nach dem fulminanten Showdown und der schockierenden Auflösung des Falls, schafft es die Autorin auf den letzten Seiten noch einmal, eine Wendung einzubauen, die mir dann erneut einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte und mich vollkommen fassungslos zurückließ. Häufig wirken gerade solche Schockmomente ganz am Ende eines Buches zu gewollt und überkonstruiert, aber Clare Mackintosh gelingt es trotz zahlreicher Wendungen, die Logik des Plots nie aus den Augen zu verlieren. Das Buch ist bis zum Ende glaubwürdig, und die Geschichte ist bis ins kleinste Detail durchdacht.
Außerdem wendet sich die Autorin in ihrem Thriller auch sehr aktuellen Themen zu. So wird sich jeder Leser nach der Lektüre fragen, wer sich die Aufnahmen von Sicherheitskameras eigentlich anschaut, ob die Überwachung des öffentlichen Raums tatsächlich immer unserer Sicherheit dient und wie viele Fotos von uns im Internet umherschwirren, ohne dass wir etwas davon wissen.
Schade, dass Alleine bist du nie ein bisschen zu gemächlich beginnt, denn ansonsten hat dieses Buch alles, was einen guten Psychothriller ausmacht –  einen raffiniert komponierten und logischen Plot, überzeugende Charaktere, ein authentisches Szenario, atemlose Spannung ohne viel Blutvergießen und ein schlüssiges Ende, das den Leser bestürzt und schockiert zurücklässt.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und dem Verlag Bastei Lübbe, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Clare Mackintosh: Alleine bist du nie
Verlag: Bastei Lübbe
Ersterscheinungsdatum: 13. Januar 2017
447 Seiten
ISBN  978-3-404-17470-6

Cover: Bastei Lübbe

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Buchrezension: S. K. Tremayne – Stiefkind

S. K. Tremayne - StiefkindInhalt:

Als die dreißigjährige Rachel den attraktiven und wohlhabenden Rechtsanwalt David Kerthen kennenlernt und schon kurz darauf heiratet, wähnt sie sich am Ziel ihrer Träume. Sie möchte endlich die Schatten ihrer Vergangenheit hinter sich lassen, den ärmlichen Verhältnissen entkommen und ist überglücklich, zu David und seinem achtjährigen Sohn Jamie in das wunderbare Herrenhaus Carnhallow House an der Küste Cornwalls zu ziehen. Seit Davids erste Ehefrau Nina vor fast zwei Jahren in einer der verlassenen Bergwerkminen in der Nähe des Hauses auf rätselhafte Weise ums Leben kam, lebt David mit seinem Sohn Jamie, seiner Mutter und einer Haushälterin allein auf dem prächtigen Familienanwesen, das seit über tausend Jahren im Besitz der Kerthens ist.
Rachel ist überglücklich in Carnhallow, hat auch Jamie sofort in ihr Herz geschlossen und möchte dem liebenswerten, aber überaus traurigen Jungen die beste Stiefmutter der Welt sein. Doch ihr Glück bekommt erste Risse, als sie an Jamie die ersten Veränderungen wahrnimmt. Der Junge wird plötzlich von schrecklichen Zukunftsvisionen heimgesucht und behauptet, seine verstorbene Mutter habe sie ihm eingeflüstert. Nina Kerthen scheint ohnehin noch überall im Haus präsent zu sein, und ihr mysteriöser Tod lastet noch immer schwer auf der Familie. Vermutlich ist Jamie traumatisierter als sein Vater dachte, aber David will mit Rachel weder über die Probleme seines Sohnes noch über die genauen Umstände des Todes seiner ersten Frau reden. Rachels Angst, dass sich die Prophezeiungen ihres Stiefsohnes vielleicht doch bewahrheiten könnten, wird immer größer, als sich der Sommer seinem Ende neigt und in Carnhallow House immer merkwürdigere Dinge passieren, denn Jamies Worte gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn: „An Weihnachten bist du tot“.

Meine persönliche Meinung:

Bei S. K. Tremayne handelt es sich um ein Pseudonym des britischen Bestsellerautors und Journalisten Sean Thomas, der unter dem Pseudonym Tom Knox bereits mehrere Thriller veröffentlicht hat und 2015 unter dem Namen S. K. Tremayne mit Eisige Schwestern seinen ersten Psychothriller vorlegte. Nachdem ich die Leseprobe von seinem neusten Psychothriller Stiefkind gelesen hatte, war ich so begeistert, dass ich am liebsten sofort weitergelesen hätte und mich gefreut habe, als ich das Buch endlich in den Händen hielt.
Der Autor schafft es schon auf den ersten Seiten, eine enorme Spannung aufzubauen und eine sehr unheimliche und beklemmende Atmosphäre zu erzeugen, die jedoch vor allem dem Setting geschuldet ist. Tremayne versteht es ausgezeichnet, den Schauplatz seines Psychothrillers sehr eindrücklich zu beschreiben, sodass die schroffe Küste Cornwalls und das herrschaftliche Anwesen der Kerthens vor den Augen des Lesers Gestalt annehmen. Außerdem hat er das alte Gebäude mit einer so bedrückenden Vergangenheit versehen, dass man das Unheil, das an diesem Ort lauert, auf jeder Seite spüren kann. Auf den ersten Blick mögen die atemberaubende Landschaft Cornwalls und das prachtvolle alte Herrenhaus wie ein romantisches Paradies anmuten, doch bergen die nahegelegenen steilen Klippen, die Abgeschiedenheit, die unterirdischen Stollen der verlassenen Bergwerke und die Ruinen der Minengebäude auch allerlei Gefahren.
Die frisch vermählte Rachel wähnt sich in Carnhallow House zunächst am Ziel ihrer Träume, spürt jedoch recht schnell, wie schwer die Vergangenheit auf dem Anwesen lastet, das seit mehr als tausend Jahren im Besitz der Familie ihres Mannes ist. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, wie der Autor die Geschichte des kornischen Bergbaus in seinen Psychothriller eingeflochten hat. Die Kerthens hatten ihr Vermögen vor allem den ertragreichen Zinn- und Kupferlagerstätten Cornwalls zu verdanken. Viele Bergleute, die in den Bergwerken von Davids Vorfahren unter schrecklichen Bedingungen und für wenig Geld arbeiten mussten, haben in den Stollen unter Carnhallow House ihr Leben verloren, sind ertrunken, abgestürzt, litten unter schweren Lungenerkrankungen oder trugen Verstümmelungen davon. Selbst Kinder wurden in die Gruben geschickt und haben sich in den arsenverseuchten Minen Vergiftungen zugezogen. Im Vorwort von Stiefkind berichtet der Autor von seiner Großmutter, die bereits als Zehnjährige in einem der Bergwerke arbeiten musste und eines der „Grubenmädchen“ war, von denen auch in seinem Buch die Rede ist. Während zahlreiche Bergarbeiter bis Mitte des 20. Jahrhunderts in den Stollen, die unter Carnhallow liegen und bis ins Meer ragen, hart schufteten und ihr Leben riskierten, saßen die Kerthens in ihrem Haus am üppig gedeckten Tisch, haben fürstlich gespeist und ein beachtliches Vermögen angehäuft.
Doch nicht nur die nicht gerade ruhmreiche Vergangenheit des Anwesens, sondern auch die jüngsten Ereignisse, die sich dort zugetragen haben, machen Carnhallow zu einem sehr beklemmenden und tristen Ort, denn auch Davids erste Ehefrau verlor in einem der Minengebäude ihr Leben. Sie fiel in einen tiefen Schacht, aber ihre Leiche wurde nie gefunden und treibt noch immer in einer der Minen unter Carnhallow. Allerdings weigert sich David standhaft, Rachel zu erzählen, wie es zu diesem tragischen Unglück kam.
Der Leser erkundet nun an Rachels Seite das Haus und kann dabei auf jeder Seite spüren, wie bedrückend und düster dieses alte Gebäude ist. Es trägt nicht nur die Spuren seiner traurigen Geschichte, sondern auch die von Davids verstorbenen Ehefrau Nina, die bis kurz vor ihrem Tod damit beschäftigt war, das Haus aufwendig zu restaurieren. Es scheint fast so, als ob Nina nach wie vor in diesen Räumen lebt. Der Gedanke, dass sich die Leiche ihrer Vorgängerin noch immer in einem Stollen unter dem Haus befindet, ist für Rachel unerträglich, zumal Davids Sohn Jamie von düsteren Visionen heimgesucht wird und felsenfest davon überzeugt ist, seine verstorbene Mutter habe sie ihm eingeflüstert. Rachel bemüht sich, Jamie eine gute Stiefmutter zu sein, ist sicher, dass diese Visionen nur zeigen, wie traumatisiert das Kind ist, bekommt aber Angst, als sich die seltsamen Vorkommnisse im Haus häufen und ihr Stiefsohn ihr eines Tages verkündet, dass sie an Weihnachten sterben wird. Da Nina Kerthens Leiche nie gefunden wurde und Weihnachten unaufhaltsam näher rückt, stellt sich die Frage, ob Davids erste Frau nicht vielleicht doch noch am Leben ist und was vor zwei Jahren wirklich in Carnhallow House vorgefallen ist.
Die Geschichte wird fast ausschließlich aus der Ich-Perspektive von Rachel erzählt, sodass der Leser ihr besonders nahekommt und ihre Ängste hautnah miterleben kann. Trotz dieser Nähe und obwohl man all ihre Gedanken und Gefühle kennt, fiel es mir manchmal schwer, mich in diese Frau einzufühlen, denn häufig schien sie mir etwas überspannt und unglaubwürdig. Da auch sie ein Geheimnis zu verbergen scheint und oft selbst an ihrem Verstand zweifelt, ist es für den Leser nicht immer leicht, ihren Wahrnehmungen Glauben zu schenken. Dennoch fieberte und litt ich mit Rachel mit, denn ihre Einsamkeit, ihre Ängste und ihre Verzweiflung sind sehr gut nachvollziehbar, da der Autor seine Hauptprotagonistin sehr präzise ausgearbeitet hat.
Hin und wieder wechselt die Perspektive auch zu David. Dennoch blieb mir dieser Mann bis zum Schluss sehr fremd und war mir äußerst suspekt. Er ist ein sehr ambivalenter und undurchsichtiger Charakter. Man ahnt jedenfalls recht schnell, dass David etwas zu verbergen hat, da er beharrlich über den Tod seiner Frau schweigt und sich nicht einmal mit den Problemen seines Kindes beschäftigen will, was die Kluft zwischen ihm und Rachel immer mehr vertieft. Doch auch Jamie ist eine sehr rätselhafte Figur, denn einerseits ist er ein liebenswürdiger und kluger Junge, der seine neue Stiefmutter auch zu mögen scheint, aber andererseits war er mir manchmal auch ein wenig unheimlich. Oft fragte ich mich, ob sein seltsames Verhalten nur auf seine Trauer zurückzuführen ist oder ob er nicht einfach alles versucht, um seine Stiefmutter wieder loszuwerden. Auch Rachels Schwiegermutter ist ein wenig dubios, sodass ich sehr gut nachfühlen konnte, wie einsam sich Rachel in dieser Gesellschaft und in diesem abgelegenen und trauerbeladenen Haus fühlen muss.
Das Spannungslevel, das bereits auf den ersten Seiten aufbaut wird und über den ganzen Roman hinweg gehalten werden kann, sowie die bedrückende und unheimliche Atmosphäre, die in Carnhallow House herrscht und mir häufig einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte, haben mich vollkommen überzeugt und bis zum Schluss gefesselt. Die Sprache des Autors ist sehr bildgewaltig, eindringlich und lässt sich gut und flüssig lesen. Seine ruhige und atmosphärische Erzählweise hat mir ausgesprochen gut gefallen, sodass ich mir bis kurz vor dem Ende sicher war, dass dieses Buch die besten Chancen hat, eines meiner Thriller-Highlights zu werden –  aber dann kam eben das Ende. Das war nun leider alles andere als überzeugend und hat mich so enttäuscht, dass ich das Buch mit einem genervten Augenrollen zuschlug und mich fragte, wie man einen so grandiosen Psychothriller mit einer so haarsträubenden Auflösung auf den letzten zwanzig Seiten noch so derartig verhunzen kann. Das ist wirklich bedauerlich bei einem Buch, das ansonsten so atmosphärisch dicht, packend und erzählerisch versiert geschrieben ist.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (4 von 5 Sternchen)

Ich bedanke mich recht herzlich bei vorablesen.de  und dem Knaur Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Buchdetails:

S. K. Tremayne: Stiefkind
Verlag: Knaur
Ersterscheinungsdatum: 01. Dezember 2016
400 Seiten
ISBN 978-3-426-51662-1

Cover: Droemer Knaur

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Buchrezension: Alex Lake – Es beginnt am siebten Tag

alex-lake-es-beginnt-am-siebten-tagInhalt:

Die Ehe von Julia Crowne und ihrem Mann Brian ist schon seit langem zerrüttet. Die schleichende Trennung hatte im Grunde schon mit der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Anna begonnen, aber Julia hat sich erst vor ein paar Tagen entschlossen, Brian mitzuteilen, dass sie die Scheidung will. Noch bevor es zur endgültigen Trennung kommt, wird ihre Ehe vor eine Zerreißprobe gestellt, als die fünfjährige Anna entführt wird. Als Julia mit etwas Verspätung an der Schule eintrifft, um ihre Tochter abzuholen, ist das Mädchen spurlos verschwunden, und alles deutet auf eine Entführung hin. Nicht nur Brian, sondern auch ihre Schwiegermutter Edna geben Julia die Schuld an Annas Entführung, da sie es wieder einmal nicht geschafft hatte, pünktlich zu sein. Auch von der Presse und in den sozialen Medien wird ihr vorgeworfen, eine Rabenmutter zu sein, die ihr Kind vernachlässigt und ihre Aufsichtspflicht verletzt hatte. Dabei macht sich Julia ohnehin selbst genug Vorwürfe, weil es ihr oft nicht leichtfällt, ihrem Beruf als Anwältin und ihrer Rolle als Mutter gerecht zu werden und sie wieder einmal in einem Meeting feststeckte und deshalb zwanzig Minuten zu spät an der Schule eintraf. Julia weiß, dass mit jedem Tag, der verstreicht, die Chancen, Anna jemals lebend wiederzusehen, geringer werden und verliert nach sechs Tagen voller Sorge und Angst um ihr Kind fast den Verstand.
Doch sieben Tage nach ihrem Verschwinden taucht die kleine Anna plötzlich wieder auf. Sie ist unverletzt, und nichts deutet darauf hin, dass das Mädchen missbraucht oder misshandelt wurde. Allerdings kann sich Anna nicht erinnern, wo sie in den vergangenen Tagen war. Julia ist überglücklich, als sie ihre Tochter endlich wieder in die Arme schließen kann und das Kind auch nicht traumatisiert zu sein scheint. Aber wer entführt ein kleines Mädchen, stellt keine Lösegeldforderungen und bringt es dann wohlbehalten wieder zurück? Schnell wird Julia klar, dass der Entführer nicht Anna, sondern sie vernichten will und ihr der schlimmste Alptraum noch bevorsteht.

Meine persönliche Meinung:

Wenn es sich um ein Debüt handelt und man von einem Autor somit logischerweise noch nie etwas gehört hat, liest man natürlich den Klappentext, bevor man sich entschließt ein Buch zu lesen. Nur bei Büchern von mir bekannten Autoren verzichte ich darauf, den Klappentext zu lesen und lasse mich auf ein Buch ein, ohne im Vorfeld zu wissen, worum es geht. Bei diesem Buch wäre es vielleicht schlauer gewesen, den Klappentext nicht zu lesen, aber man will ja ungefähr wissen, was auf einen zukommt. Da der Klappentext von Es beginnt am siebten Tag äußerst vielversprechend klang und ich immer auf der Suche nach neuen Thrillerautoren bin, war ich also sehr gespannt auf das Debüt von Alex Lake.
Nach einem grandiosen Prolog, der auf einen äußerst fesselnden und beklemmenden Thriller hoffen ließ, wich meine anfängliche Begeisterung jedoch recht schnell, denn die Spannung war schon bald dahin, da der erste Teil des Buches bereits im Klappentext vorweggenommen wird. Auch ich habe in meiner Inhaltsangabe nicht darauf verzichtet, darauf hinzuweisen, dass das entführte Mädchen am siebten Tag seines Verschwindens wieder wohlbehalten auftaucht, weil es eben um nichts anderes als diese sehr verwunderliche Tatsache geht, aber die verzweifelte Suche nach dem vermissten Kind wird auf mehr als zweihundert Seiten geschildert und ist eben nicht mehr besonders spannend, wenn man ohnehin schon weiß, dass Anna wieder unbeschadet zurückkehrt. Allerdings stehen nicht nur die umfangreichen Suchmaßnahmen und die Sorgen der Eltern im Zentrum des ersten Teils, sondern vor allem die Ehe – und Familienprobleme der Crownes, und diese waren leider sehr ermüdend. Da die familiären Unstimmigkeiten so in den Fokus gerückt werden, würde ich das Buch auch nicht als Thriller bezeichnen, denn abgesehen von den letzten fünfzig Seiten ist es meiner Meinung nach einfach ein Familiendrama. Damit könnte ich durchaus leben, denn wenn eine Geschichte grandios geschrieben, gut erzählt und tiefgründig ist, habe ich kein Problem, wenn genretypische Thrillerelemente fehlen, aber diesem Buch fehlte es leider so ziemlich an allem, was für mich einen guten Roman ausmacht – Spannung, Tiefgang, einen gut durchdachten Plot, Logik und präzise ausgearbeitete Charaktere.
Auch Familienzwistigkeiten und Ehekrisen können in Büchern ja durchaus ihren Reiz haben, wenn die Charaktere fein gezeichnet sind und es wenigstens eine Figur gibt, mit der man mitfühlen kann. Julias ständige Selbstvorwürfe und ihr Gejammer, weil sie Beruf und Familie so gerne unter einen Hut bekommen würde, sich unbedingt selbstverwirklichen, aber gleichzeitig auch eine grandiose Mutter sein möchte und nun merkt, dass ihr das nicht so recht gelingen will, gingen mir mit der Zeit leider ziemlich auf die Nerven. Auch ihre Eheprobleme und die Gespräche mit ihrem Mann, die um die immergleichen Fragen kreisten, waren sehr ermüdend und anstrengend, denn die Diskussionen und die gegenseitigen Vorwürfe wiederholen sich unendlich.
Ihr Mann Brian ist nun wahrlich kein Unmensch, allerdings ein furchtbarer Langweiler, der noch immer unter der Fuchtel seiner dominanten Mutter steht. Julia hat ihr eintöniges Vorstadtleben gründlich satt, und obwohl Brian sehr verlässlich und ein ausgesprochen fürsorglicher und liebevoller Vater ist, der seine Tochter über alles liebt, wünscht sich Julia einen Mann an ihrer Seite, der etwas Farbe, Leidenschaft und Abwechslung in ihr Leben bringt, ausgelassen mit Anna spielt und ihr die Abenteuer des Lebens zeigt, statt sie nur zu vergöttern und zu behüten. Teilweise hat Julia also Luxusprobleme par excellence, denn auch wenn Brian als Ehemann nicht unbedingt besonders prickelnd ist, gibt es an seinen Qualitäten als Vater eigentlich nichts auszusetzen. Das einzig wirklich Nervtötende an diesem Mann ist seine geradezu krankhaft enge Bindung an seine Mutter, von der er sich nach wie vor manipulieren lässt. Die aufgeblasene, arrogante und intrigante Edna Crowne ist allerdings die einzig interessante Figur im ganzen Buch, auch wenn sie äußerst verabscheuungswürdig ist. Um diese Schwiegermutter ist Julia wahrlich nicht zu beneiden. Erschütternd fand ich auch, wie sich die Presse auf den Entführungsfall stürzt, jede Information erbarmungslos ausschlachtet und Tatsachen verdreht, die ohnehin verzweifelte Mutter als Rabenmutter darstellt und damit in den sozialen Medien eine vernichtende Hetzjagd entfesselt, gegen die sich Julia nicht zur Wehr setzen kann. Wäre mir diese Frau nur ein bisschen sympathisch gewesen, hätte mich ihr Schicksal allerdings auch mehr berührt.
Dieser Thriller wird überwiegend aus Julias Perspektive erzählt. Zu Beginn jedes Kapitels kommt jedoch der Entführer zu Wort und schildert in einer Art innerem Monolog seine Beweggründe für die Tat. Diese Passagen haben mir ausgesprochen gut gefallen, denn man erhält sehr tiefe Einblicke in die äußerst gestörte Gedankenwelt eines Menschen, der die Entführung eines Kindes und die schrittweise Vernichtung seiner Mutter für ehrenhafte Taten hält, die einem höheren Ziel dienen und deshalb notwendig und richtig sind. Dass sich der Hass dieser Person nicht gegen die kleine Anna, sondern nur gegen ihre Mutter Julia richtet, wird schon zu Beginn des Buches deutlich und fast ebenso schnell wird jedem thrillererfahrenen Leser auch klar, wer der Entführer ist. Wie ein Autor schon im Prolog, der eigentlich wirklich sehr gelungen ist, so deutliche Hinweise auf den Täter liefern kann, ist wirklich beachtlich. Sobald der aufmerksame Leser die leicht überschaubare Anzahl an Charakteren kennengelernt hat, wird er jedenfalls wissen, wer der Täter ist. Abgesehen von einer wirklich winzig kleinen falschen Fährte, die der Autor eingebaut hat, kam ich jedenfalls nie ins Straucheln und wusste recht schnell, wer das Mädchen entführt hat, was dann auch das letzte Fünkchen Spannung im Keim erstickte.
Besonders verheerend sind jedoch die Logikbrüche und die Unglaubwürdigkeiten im Plot. Ich will in meiner Rezension nicht spoilern, aber der Plot enthält meiner Meinung nach einen ganz eklatanten Denkfehler. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Polizei wirklich so lausig und dilettantisch ermittelt und weder die Eltern noch die Ermittler auf die Idee kommen, dem Mädchen nach ihrer Rückkehr nur ein einziges Mal die nächstliegende Frage zu stellen, statt sie ständig mit Fragen nach ihrem Aufenthaltsort zu traktieren. Allerdings wäre das Buch dann schon nach zweihundert Seiten vorbei.
Das hätte man jedoch durchaus verschmerzen können, weil dem Leser dann wenigstens die endlosen Ehestreitigkeiten der Crownes und das ewige Hin und Her, ob sie sich nun trennen oder nicht, erspart geblieben wären. Den fulminanten Showdown hätte man dann allerdings auch verpasst, und um den wäre es wirklich schade gewesen, denn das Ende hat mir ausgesprochen gut gefallen und mich, obwohl die Enthüllung des Täters keine Überraschung mehr war, wieder ein bisschen versöhnlich gestimmt. Hier zeigt der Autor erstmals, dass er durchaus in der Lage ist, Spannung zu erzeugen, wovon das ganze Buch hinweg leider nur recht wenig zu spüren war.

Mich hat Es beginnt am siebten Tag leider sehr enttäuscht, denn für einen Thriller war es nicht spannend genug und einfach schlecht konstruiert und für ein erschütterndes Familiendrama war es nicht tiefgründig genug und hatte zu flache Charaktere. Für den Prolog, die Textpassagen aus der Sicht des Entführers und das überraschend actiongeladene Ende vergebe ich aber noch gut gemeinte zwei von fünf Sternchen.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ (2 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an NetGalley und den Verlag HarperCollins, der mir das Buch freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Alex Lake: Es beginnt am siebten Tag
Verlag: HarperCollins
Ersterscheinungsdatum: 05. Dezember 2016
472 Seiten
ISBN  978-3-959-67055-5

Cover: Verlag HarperCollins

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Mein Lesejahr 2016 – Jahresstatistik, Tops und Flops

Ich habe im vergangenen Jahr zum ersten Mal Buch darüber geführt, wie viele Bücher ich gelesen habe und wie viele gelesenen Seiten dabei zusammenkamen.

Ich habe 67 Bücher gelesen – das waren 27004 Seiten, also ca. 73,8 Seiten pro Tag.

Besonders viel ist das nicht, wenn man bedenkt, dass ich sehr viel Zeit zum Lesen hatte, aber Lesen soll ja schließlich Spaß machen und ein Genuss und kein Wettrennen sein. Es gibt eben Tage, manchmal auch Wochen, in denen ich wenig oder auch mal gar nicht lese. Wenn in meinem Kopf alles tobt, ich nachdenklich, traurig oder wütend bin, kann ich nicht lesen, weil ich mich nicht konzentrieren kann. Es macht wenig Sinn, sich zum Lesen zu zwingen, denn sobald ich mich zu etwas zwinge, verliere ich die Freude an einer Sache. Man isst ja auch nichts, wenn man satt ist oder Bauchschmerzen hat, und so verhält es sich mit dem Lesen auch.

Hier gelangt Ihr zu der Liste aller Bücher, die ich 2016 gelesen habe (klick!)

  • 36 Bücher waren von weiblichen und 30 Bücher von männlichen Autoren; eines der gelesenen Bücher war von einem weiblich/männlichen Autorenduo
  • Was das Genre anbelangt, sieht man deutlich, wo im vergangenen Jahr meine Präferenzen lagen. Ich habe 51 Thriller und Krimis gelesen, 4 Romane, 4 Horrorromane, 3 Jugendbücher, 2 Dystopien, einen historischen Roman, einen Fantasy-Roman und ein Buch, das ich der Kategorie Humor/Unterhaltung zuordnen würde, obwohl es mitnichten komisch war, aber vermutlich sein sollte.
  • Bislang habe ich 65 Bücher rezensiert, werde die beiden noch ausstehenden Rezensionen aber bald schreiben, da ich mir fest vorgenommen habe, jedes Buch, das ich gelesen habe, auch zu rezensieren. Außerdem habe ich ausgerechnet eines meiner Jahreshighlights noch nicht rezensiert.
  • Abgebrochene Bücher rezensiere ich nicht, denn das wäre nicht fair. Ich kann ein Buch nur dann bewerten, wenn ich es vollständig gelesen habe. Ich habe im vergangenen Jahr nur 2 Bücher abgebrochen, nämlich Red Rising von Pierce Brown und Christmasland von Joe Hill. Ersteres fand ich einfach nur schlecht und habe nach 200 Seiten aufgegeben und Letzteres war zwar sehr gut geschrieben, aber thematisch leider gar nicht mein Fall und hatte für meinen Geschmack einfach zu viele phantastische und übersinnliche Elemente.
  • Im Oktober habe ich am meisten gelesen und im Dezember am wenigsten. Da ich im Dezember nur zwei Bücher gelesen habe, habe ich auch keinen Beitrag über meinen Lesemonat Dezember verfasst, denn für zwei Bücher lohnt sich das ja kaum.

Vielleicht wird es viele von Euch wundern, denn da ich fast ausschließlich Thriller und Krimis gelesen habe, ist es doch erstaunlich, dass mein unangefochtenes Lesehighlight des Jahres 2016 ein Roman ist und ein historischer Roman Platz 2 belegt (obwohl sich Runa kaum einem bestimmten Genre zuordnen lässt, sondern auch als Kriminalroman und Wissenschaftsthriller gesehen werden kann)

Warum ich die Bücher so großartig bzw. so schlecht fand, könnt Ihr in meinen Rezensionen nachlesen (zu denen gelangt ihr mit einem Klick auf den Buchtitel).

Meine Top-Ten der besten Bücher, die ich 2016 gelesen habe:

  1. Widerrechtliche Inbesitznahme von Lena Andersson
  2. Runa von Vera Buck
  3. Der Professor von Amélie Nothomb
  4. Die Herren von Winterfell (Das Lied von Eis und Feuer 1) von George R. R. Martin
  5. Dark Memories – Nichts ist je vergessen von Wendy Walker
  6. Bird Box von Josh Malerman
  7. Der Übergang von Justin Cronin (Rezension folgt noch)
  8. Girl on the Train von Paula Hawkins
  9. Saving Grace – Bis dein Tod uns scheidet von B. A. Paris
  10. Anders von Anita Terpstra

Meine 10 Flops des Jahres 2016:

  1. Hochland von Steinar Bragi
  2. Sekundenschaf – Dumm für einen Augenblick von Malte Welding
  3. Die Macht des Schmetterlings von Matt Dickinson
  4. Dein letzter Tag von A. J. Rich
  5. Vierundzwanzig Stunden von Guillaume Musso
  6. You – Du wirst mich lieben von Caroline Kepnes
  7. Die Blutschule von Max Rhode
  8. Der Kruzifix-Killer von Chris Carter
  9. Herzgift von Paula Daly
  10. Ich schweige für dich von Harlan Coben

Buchrezension: Jane Harper – The Dry

jane-harper-the-dryInhalt:

Seit mehr als einem Jahr hat es nicht mehr geregnet, der Fluss ist versiegt, Ernten blieben aus und das Vieh hungert. Die sengende Hitze und die langanhaltende Dürre treiben die Einwohner des kleinen australischen Städtchens Kiewarra zur Verzweiflung. Vor allem die Farmer leiden unter dieser schweren Dürreperiode und stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Einer von ihnen, der Farmer Luke Hadler, sah offenbar keinen anderen Ausweg, als seine Frau, seinen sechsjährigen Sohn und dann sich selbst zu erschießen – zumindest sieht auf den ersten Blick alles nach dem erweiterten Suizid eines verzweifelten Familienvaters aus. Aber warum hat er seine erst wenige Monate alte Tochter verschont?
Lukes Eltern wollen nicht glauben, dass ihr Sohn tatsächlich zu einer solchen Tat fähig war und bitten seinen Jugendfreund Aaron Falk, den Fall zu untersuchen.
Aaron und sein Vater hatten Kiewarra bereits vor mehr als zwanzig Jahren den Rücken gekehrt, nachdem sie verdächtigt worden waren, etwas mit dem ungeklärten Tod der damals sechzehnjährigen Ellie zu tun gehabt zu haben, mit der Aaron befreundet war. Eigentlich wollte Aaron in Kiewarra nur der Beerdigung seines ehemals besten Freundes Luke beiwohnen und den Ort, in dem er zwar seine Kindheit und Jugend verbracht hat, man ihm aber noch immer mit Misstrauen und unverhohlener Feindseligkeit gegenübertritt, so schnell wie möglich wieder verlassen. Aaron arbeitet inzwischen bei der Polizei in Melbourne, ist dort allerdings bei der Steuerfahndung tätig. Dennoch lässt er sich nun von Lukes Eltern überreden, die Umstände dieser Familientragödie zu untersuchen. Gemeinsam mit Sergeant Raco, dem örtlichen Polizisten, der ebenfalls Zweifel an der Theorie eines erweiterten Suizids hat, nimmt er die Ermittlungen auf.
War Luke tatsächlich fähig, sich und seine Familie zu töten? Hat er vielleicht früher schon einmal einen Menschen umgebracht?

Meine persönliche Meinung:

Bei The Dry handelt es sich um den Debütroman der australischen Journalistin Jane Harper, der schon kurz nach seinem Erscheinen die australischen Bestsellerlisten erklomm. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, denn der Klappentext klingt äußerst spannend und ein Thriller, dessen Schauplatz im australischen Outback angesiedelt ist, habe ich bislang noch nie gelesen und machte mich deshalb sehr neugierig.
Warum The Dry auf dem Cover als „Thriller“ bezeichnet wird, ist mir vollkommen schleierhaft, denn das Buch ist mitnichten ein Thriller, sondern meiner Meinung nach ein ganz klassischer Kriminalroman. Selbst als solcher lässt die Spannung leider sehr zu wünschen übrig. Auch auf die im Klappentext angekündigten beklemmenden Momente wartete ich vergeblich, sodass ich von The Dry doch etwas enttäuscht bin und die begeisterten Stimmen zu diesem Buch nicht ganz nachvollziehen kann.
Es fällt mir nicht leicht, diesen Roman zu bewerten, denn einerseits war er großartig geschrieben und in mehrfacher Hinsicht wirklich herausragend, andererseits war er leider so langatmig, dass ich mich häufig zum Weiterlesen zwingen musste. Eigentlich mag ich solche leisen Töne und Bücher, die etwas gemächlicher erzählt werden und ohne Schockmomente auskommen, aber abgesehen von dem außerordentlich bedrückenden Setting sorgt in diesem Roman leider nichts für Beklemmung oder gar Spannung.
Im Zentrum der Geschichte stehen gleich zwei Kriminalfälle – der ungeklärte Tod von Ellie, die vor mehr als zwanzig Jahren ertrunken aufgefunden wurde, und der angeblich erweiterte Suizid von Luke, der – so sieht es zumindest auf den ersten Blick aus – offenbar nicht nur sich selbst, sondern auch seine Frau und seinen kleinen Sohn erschossen hat.
Nach einem wirklich fulminanten Prolog verläuft der Einstieg in die Geschichte allerdings schon äußerst zäh. Als Aaron Falk in seine Heimatstadt zurückkehrt, um der Beerdigung seines Jugendfreundes Luke beizuwohnen, spürt er bereits während der Trauerfeier die argwöhnischen Blicke der Bewohner des kleinen Städtchens, die ihn daran erinnern, warum er und sein Vater Kiewarra vor mehr als zwanzig Jahren verlassen haben. Beide wurden damals mit dem ungeklärten Tod von Ellie in Verbindung gebracht, mit der Aaron befreundet war, und offenbar halten ihn die Menschen noch immer für einen Mörder. Nur Lukes Eltern und Gretchen, die damals ebenfalls zu Aarons Clique gehörte, scheinen sich zu freuen, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen. Er würde nach der Beerdigung am liebsten sofort wieder abreisen, und man kann es ihm kaum verdenken, denn Kiewarra ist alles andere als ein einladender Ort. Jane Harper ist es ausgesprochen gut gelungen, diese fiktive Kleinstadt im australischen Outback sehr bedrückend zu gestalten. Anders als der Titel vermuten ließe, steht die Dürre nicht im Zentrum der Erzählung, sondern liefert nur Hintergrund, vor dem die Geschehnisse stattfinden. Die flirrende Hitze und die Trockenheit sind beim Lesen geradezu spürbar und schlagen den Bewohnern von Kiewarra schwer aufs Gemüt. Bereits Aarons bloße Anwesenheit löst in dieser verschworenen Gemeinschaft Misstrauen aus und lässt alte Wunden wieder aufbrechen. Als er dann die Ermittlungen aufnimmt und Fragen stellt, stößt er nur auf feindselige Ablehnung und eine Mauer des Schweigens. Die Ermittlungen gestalten sich äußerst zäh und langwierig – und das sind sie eben leider auch beim Lesen. Es scheint fast so, als würde die drückende Hitze auch die Spannung lähmen. Obwohl der Verdacht immer wieder auf eine andere Person gelenkt wird, ist die Suche nach dem Täter nicht sehr spannend. Auch wenn dieser Kriminalroman häufig die Züge eines klassischen Whodunits trägt, lädt er leider auch nicht zum Miträtseln ein, da der Protagonist viele der Puzzleteilchen, die es zusammenzutragen gilt, für sich behält.
Während seinen gegenwärtigen Ermittlungen, erinnert sich Aaron rückblickend immer wieder an seine Jugend, seine erste große Liebe, kleine Jugendsünden, die Erlebnisse mit seinem Freund Luke und auch an den rätselhaften Tod seiner Freundin Ellie. Die Rückblenden in die Vergangenheit sind in kursiver Schrift gedruckt und fügen sich nahtlos in die gegenwärtige Handlung ein. Diese Erzähltechnik hat mir ausgesprochen gut gefallen, denn auf diese Weise werden die beiden Kriminalfälle sehr geschickt miteinander verwoben.
Erst gegen Ende nimmt die Erzählung dann ein wenig an Fahrt auf und überzeugt mit einer logischen und schlüssigen Auflösung der beiden Fälle, die mich sehr überrascht hat.
Jane Harper hat ihren Hauptprotagonisten sehr fein gezeichnet und gut ausgearbeitet. Trotzdem wollte er mir nicht so recht ans Herz wachsen und hatte für mein Empfinden zu wenig Ecken und Kanten. Er ist sehr bescheiden, klug und auch besonnen, durchaus sympathisch, aber eben leider keine besonders interessante Persönlichkeit. Die verschworene Gemeinschaft der Stadtbewohner, die von Engstirnigkeit und Misstrauen geprägt ist, hat die Autorin ebenfalls sehr gut skizziert.

Jane Harper konnte mich mit ihrem Debüt leider nicht vollkommen überzeugen. Obwohl ihre Erzählweise für einen Debütroman sehr ausgereift ist, The Dry mit einem großartigen Setting, glaubwürdigen Charakteren und einem gut durchdachten Plot aufwarten kann, mangelt es diesem Kriminalroman leider nahezu durchgehend an Spannung.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ (3 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an und den Rowohlt Verlag, der mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

Jane Harper: The Dry
Verlag: Rowohlt Polaris
Ersterscheinungsdatum: 21. Oktober 2016
384 Seiten
ISBN 978-3-499-29026-8

Cover: Rowohlt Verlag

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Buchrezension: B. A. Paris – Saving Grace. Bis dein Tod uns scheidet

Saving GraceBis dein Tod uns scheidet von BA ParisInhalt:

Als Grace an einem Sonntagnachmittag im Londoner Regent’s Park den attraktiven und erfolgreichen Anwalt Jack Angel kennenlernt, ist sie sofort verliebt und kann es kaum fassen, dass sich dieser charmante Mann offensichtlich auch zu ihr hingezogen fühlt. Grace ist zwar bildschön, klug und warmherzig, hatte aber bislang wenig Glück mit Männern. Ihre Schwester Millie hat das Down-Syndrom, und da ihre Eltern mit der Behinderung ihrer jüngsten Tochter vollkommen überfordert sind, fühlt sich Grace für ihre kleine Schwester verantwortlich. Momentan lebt Millie in einem Internat, aber Grace möchte sie zu sich nehmen, sobald Millie volljährig ist und das Internat verlassen muss. Ihre bisherigen Partner hatten immer ein Problem mit Millie und wollten nicht akzeptieren, dass sie in Grace‘ Leben einen so hohen Stellenwert einnimmt und sogar bald bei ihr leben soll. Doch Jack ist vollkommen anders als alle anderen Männer – er ist liebevoll, warmherzig und hat Millie sofort ins Herz geschlossen.
Auf diesen Mann hat Grace ein Leben lang gewartet, sodass sie keinen Augenblick zögert, als Jack ihr schon nach wenigen Monaten einen Heiratsantrag macht. Alle Frauen beneiden sie um diesen gutaussehenden, liebenswürdigen und verständnisvollen Mann, der sich als Anwalt vor allem für die Rechte misshandelter Frauen einsetzt. Außerdem ist Jack sehr vermögend und lässt für Grace ein wunderschönes Traumhaus bauen, das ganz ihren Vorstellungen entspricht.
Niemand aus dem Bekanntenkreis zweifelt daran, dass Grace und Jack das perfekte Paar sind und ein perfektes Leben führen – fast ein wenig zu perfekt, um wahr zu sein. Doch was sich hinter dieser perfekten Fassade verbirgt, ahnt niemand…

Meine persönliche Meinung:

Ich habe das Buch schon vor einigen Monaten in der Verlagsvorschau entdeckt und war sehr gespannt auf das Debüt der britischen Autorin B. A. Paris. Zweifellos war Saving Grace – Bis dein Tod uns scheidet eines der spannendsten Bücher, das ich in diesem Jahr gelesen habe und überraschte mich gleich in mehrfacher Hinsicht, denn was zunächst nach einem Psychothriller nach bekanntem Strickmuster klingt, entpuppte sich als außergewöhnlich beklemmend und furchteinflößend.
Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Grace geschildert und auf zwei Zeitebenen erzählt. Der Leser begleitet Grace nicht nur durch ihr Martyrium in der Gegenwart, kurz vor dem bevorstehenden Einzug ihrer Schwester Millie, sondern wirft mit ihr auch einen Blick zurück in die Vergangenheit, in die Zeit, als sie Jack kennenlernte und schon kurz darauf heiratete. Beide Zeitebenen liegen zunächst nur achtzehn Monate auseinander und näheren sich im weiteren Handlungsverlauf dann immer näher an.
Die Anzahl der Protagonisten ist sehr überschaubar, und die Handlung fokussiert sich vollkommen auf Jack und Grace. Ein paar Nebenfiguren, wie Millie, Menschen aus dem Freundeskreis und sogar George Clooney kommt zwar eine Schlüsselrolle zu, jedoch ohne dass man diese Personen näher kennenlernt oder sie überhaupt in Erscheinung treten. Nur Millie, Grace‘ siebzehnjährige Schwester, die am Down-Syndrom leidet, lernt man etwas besser kennen, ist mir auch sofort ans Herz gewachsen und hat es immer wieder geschafft, mich zu überraschen.
Das Buch setzt während einer Dinner-Party in der Gegenwart ein, auf der Grace und Jack vor ihren Gästen das perfekte Ehepaar mimen und die Perfektion ihres Liebesglücks grandios inszenieren. Auch ohne den Klappentext gelesen zu haben, spürt man, dass an dieser Perfektion etwas nicht stimmen kann, denn jedes Wort, jedes Lächeln und jede noch so banale Geste wirkt einstudiert und aufgesetzt, sodass man sich sofort fragt, was sich hinter dieser makellosen Fassade verbergen mag.
Im nächsten Kapitel schildert Grace dann, wie sie den charmanten und attraktiven Jack kennengelernt hat, und man kann sehr gut verstehen, dass sie sich in diesen Mann sofort verliebt hat, denn es ist geradezu rührend und herzerwärmend, wie liebevoll er sich gegenüber ihrer Schwester Millie verhält. Jack ist so warmherzig, charmant und einfühlsam, dass Grace ihr Glück kaum fassen kann und schon nach wenigen Monaten, ohne zu zögern, seinen Heiratsantrag annimmt.
Doch schon am Tag der Hochzeit lässt Jack seine Maske fallen und zeigt sein wahres Gesicht, sagt auch unverblümt, wie er sich die Zukunft mit ihr vorstellt und gibt Grace unmissverständlich zu verstehen, dass sie sich seinen Wünschen beugen muss und ihm niemals mehr entkommen wird. Seine Zukunftspläne sind so unfassbar grausam und abgrundtief böse, dass mir das Blut in den Adern gefror. Grace ist fassungslos, als sie erkennt, dass sie sich in ihm getäuscht hat, versucht mehrfach, ihm zu entkommen, stellt allerdings schnell fest, dass er alles bis ins kleinste Detail geplant, jeden ihrer Schritte vorhergesehen und einkalkuliert hat und jeder weitere Fluchtversuch ihre Lage nur noch verschlimmert.
Das Erschreckende ist, dass Jack überaus intelligent und seine Vorgehensweise so perfide und durchdacht ist, dass es für Grace kein Entkommen zu geben scheint. Wer nun denkt, Jack würde seine Frau misshandeln oder körperlich verletzen, liegt falsch. In diesem Psychothriller, fließt kein Tropfen Blut, denn Jack krümmt Grace kein Haar, aber dennoch ist das, was er ihr immer wieder antut, unfassbar grausam. Er hält sie auch nicht vollkommen fern aus der Öffentlichkeit, sodass man sich fragen könnte, warum sie nie zu fliehen versucht oder jemanden um Hilfe bittet, wenn sie sich mit Freunden treffen oder Millie im Internat besuchen, aber Jack ist immer an ihrer Seite, lässt Grace nie aus den Augen und hat auch dafür gesorgt, dass ihr ohnehin niemand glauben wird – sein Image ist einfach zu lupenrein und seine Inszenierungen sind perfekt. Obwohl er Grace keine sichtbaren Fesseln angelegt hat, ist sie jede Sekunde ihres Lebens gefangen in Fesseln aus Angst. Jack ist ein Kontrollfreak und überlässt nichts dem Zufall. Wenn sie sich mit Freunden treffen, ist jedes Wort und jedes Lächeln genau einstudiert. Grace weiß genau, was passieren wird, wenn sie etwas tut, was seinen Vorstellungen zuwiderläuft, sie an der falschen Stelle lächelt oder nur den Blick senkt. Als besonders perfide empfand ich vor allem seine scheinbar harmlosen Äußerungen, die für jeden Außenstehenden wie liebevolle Schmeicheleien klingen. Der Leser weiß allerdings, was es bedeutet, wenn Jack in der Öffentlichkeit Grace‘ künstlerisches Talent lobt oder erwähnt, dass sie sich selbst ein schönes Kleid genäht hat. Er ist immer in ihrer Nähe, es gibt keinen unbeobachteten Moment, und falls sie versehentlich doch einen kleinen Fehler macht, weiß sie auch, dass sie dafür büßen muss. Sie weiß allerdings auch, dass das, was sie täglich erlebt, nur ein kleiner Vorgeschmack auf das ist, was ihr noch bevorsteht und sie um jeden Preis verhindern muss.
Die Idee, dass sich ein vermeintlicher Traummann als gefährlicher Psychopath entpuppt, ist nicht gerade neu, aber B. A. Paris hat mit Jack Angel einen so furchteinflößenden und abgrundtief bösen Protagonisten erschaffen, wie er mir in diesem Genre nur selten begegnet ist. Die Ausweglosigkeit, in der sich Grace befindet, ist so beklemmend, nachvollziehbar und eindrücklich geschildert, dass es mir häufig eiskalt den Rücken hinunterlief. Man kann ihre Angst, das Grauen und die Bedrohung, die von ihrem Mann ausgeht, in jeder Zeile spüren und hofft, es gäbe eine Möglichkeit diesem Monster zu entkommen. Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite unglaublich fesselnd, enthält keine überflüssigen Dialoge oder gar Längen. Außerdem ist der Erzählstil der Autorin ist sehr eindringlich, flüssig und mitreißend.
Saving Grace ist ein Psychothriller im wahrsten Sinne des Wortes und hat mich in jeder Hinsicht überzeugt. Ich hoffe, dass man von B. A. Paris nach diesem großartigen Debüt bald noch mehr lesen darf.

© Claudia Bett

Meine Bewertung: ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ (5 von 5 Sternchen)

Herzlichen Dank an den Blanvalet Verlag, der mir das Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Buchdetails:

B. A. Paris: Saving Grace. Bis dein Tod uns scheidet
Verlag: Blanvalet
Ersterscheinungsdatum: 21. November 2016
352 Seiten
ISBN 978-3-7341-0263-9

Cover: Blanvalet Verlag

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